image

 

Salzburg

Susanne Rolinek

Ein Bundesland vom
Ersten Weltkrieg
bis zur Gegenwart

Inhalt

Titel

I. Der lange Weg vom Krieg zum Frieden: Der Erste Weltkrieg 1914–1918 und die Folgen

„Jeder Schuss ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit“: Nationalismus und Kriegshetzerei

Die Salzburger „Heimatfront“: Alltag im Krieg und wirtschaftliche Situation

„Wenn wir nichts zum Essen haben, arbeiten wir auch nicht mehr“: Streiks, Demonstrationen, Proteste

Flüchtlingselend und ungewisse Zukunft

II. Salzburg in der Ersten Republik 1918–1933: Instabile Demokratie

Sozialistische Revolution oder Anschluss an Deutschland?

„Grüß Gott“, „Freundschaft“ und „Heil!“: Christlichsoziale, Sozialdemokraten und Deutschnationale in der Provinz

Berge und Seen: Alpinismus, (Festspiel-)Tourismus, Antisemitismus

Die Mär von der „guten alten Zeit“ in der Provinz: Not und Elend

Frauenleben: Aufbruch kontra Rückschritt

III. „Austrofaschistische“ Diktatur und NS-Aktivitäten 1933/34–1938

Aufrüstung der Wehrverbände und Ende der Demokratie in Salzburg

Der Blick zum Obersalzberg: NS-Terror und Unterstützung aus Bayern

Sozialdemokratischer und kommunistischer Widerstand

IV. Salzburg im Großdeutschen Reich 1938–1945

Innerer „Anschluss“ und Etablierung der Macht

Ausgrenzung, Verfolgung, Ermordung

Widerstand

Die totale NS-Wirtschaft im Zeichen des Krieges: Industrialisierung, Modernisierung und Zwangsarbeit

(Volks-)Kultur und SS-Wissenschaft

Gesellschaft und Erziehung: Frauen, Männer, Kinder

Salzburg als Urlaubsparadies und Residenz für NS-Funktionäre

V. Der „goldene Westen“: Salzburg 1945–1955

Befreit, besiegt, besetzt: Es kommt auf die Perspektive an

Täter und Opfer: „Entnazifizierung“ und Restitution geraubten Vermögens

Demokratischer Neubeginn mit Altlasten

Zwischen- und Endstation Salzburg: Flüchtlinge, Vertriebene, Heimatlose

Improvisierende Frauen, Kriegsheimkehrer und orientierungslose Kinder

„Boogie Woogie“, „Hoamatlied“ oder Festspielglanz? Salzburger Nachkriegskultur

Wiederaufbau und „Mythos Kaprun“

VI. Schatten der Vergangenheit und der Weg Salzburgs nach Europa 1955–1998

Stabilisierung der Demokratie

Die 68er in Salzburg: „Ferkel-Happening“, Bürgerinitiativen, Frauenemanzipation

Umkämpfte Erinnerung: Die Nachwirkungen des Nationalsozialismus

Von der „Hochkultur“ zur „Alternativkultur“

Tourismus im Wandel: Mozartkugel, Rekordjagd oder „sanfter Tourismus“?

„Gastarbeiter“ und „Balkanflüchtlinge“: (Un-)erwünscht?

Die Region rückt zusammen: Salzburg und Bayern

VII. Im Land der (un-)begrenzten Möglichkeiten? 1998–2011

Historische Wende: Salzburg wird rot

Unendliche Geschichten: Restitution geraubten Vermögens und Entschädigung für ehemalige Zwangsarbeit

Neue (alte) Herausforderungen: Soziale, gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Fragen

Dank

Literatur

Bildnachweis

Susanne Rolinek

Zur Autorin

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

I. Der lange Weg vom Krieg zum Frieden: Der Erste Weltkrieg 1914–1918 und die Folgen

„Jeder Schuss ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit“: Nationalismus und Kriegshetzerei

Die Kriegshetzerei begann nicht erst mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sondern bereits wesentlich früher. Im 19. Jahrhundert hatten nationalistische Ideen, die auf einer gemeinsamen Sprache und Kultur sowie einem traditionellen Siedlungsraum beruhten, zunehmend regionale und überregionale Gruppenzugehörigkeiten abgelöst. Die Anhänger des Deutschnationalismus zogen eine Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Monarchie in Erwägung und forderten die Anbindung der deutschen Sprachgebiete an das deutsche Kaiserreich.

Gerade in Salzburg war man Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts davon überzeugt, mit Bayern mehr historische und mentale Gemeinsamkeiten zu haben als mit Wien und anderen Kronländern der Monarchie. Die langjährige Zugehörigkeit Salzburgs zu Bayern seit der Gründung bayrischer Missionsstationen und -kirchen im 7. und 8. Jahrhundert, die nachfolgende Oberhoheit der Salzburger Erzbischöfe über bayrisches Gebiet und die jahrhundertelangen gemeinsamen Interessen im Salzbergbau und -handel hatten ihre Spuren hinterlassen. Der Sitz der heutigen Salzburger Landesregierung im Chiemseehof (Anfang des 14. Jahrhunderts für die Bischöfe von Chiemsee als Stellvertreter der Salzburger Erzbischöfe errichtet) verweist unter anderem heute noch auf die bayrischen Wurzeln. 1328 hatte sich Salzburg zwar nach Jahren der Kämpfe gegen die bayrische Herrschaft endgültig von Bayern getrennt und existierte nun als eigener Staat unter geistlicher Führung der Fürsterzbischöfe innerhalb des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, war aber wirtschaftlich und politisch mit Bayern weiter stark verbunden gewesen. Im Jahr 1800 hatten französische Truppen im Zuge der Napoleonischen Kriege Salzburg besetzt, in den folgenden Jahren war Salzburg zwischen Bayern und Österreich hin- und hergerissen worden. Bayern hatte sich 1816 auf dem Wiener Kongress für die Zugehörigkeit Salzburgs zum bayrischen Königreich starkgemacht, doch das ehemalige Fürsterzbistum war endgültig zu Österreich gekommen. Salzburg bestand nun als kleinstes und bevölkerungsschwächstes Land der Monarchie bis 1848 als Teil Oberösterreichs und ab 1850 als eigenes Kronland. Seit 1861 gab es einen eigenen Landtag und einen Landeshauptmann.

Deutschnationale Vereine wie der deutschvölkische Turnverein, der Schulverein Südmark und Germanenbünde machten sich nun die Förderung des „Deutschtums“ und die Abwehr des „slawischen Einflusses“ im Vielvölkerstaat zum Ziel. Die gewaltsame Besetzung Bosniens und der Herzegowina durch die Truppen Kaiser Franz Josephs ab 1878 und deren vollständige Angliederung an die österreichisch-ungarische Monarchie 1908 führten zu einer schweren Krise mit Serbien und anderen slawischen Gebieten in der Habsburgermonarchie. Die Kriegstreiber begannen bereits zu diesem Zeitpunkt, gegen „die Serben“ und „die Türken“ (damit waren muslimische Bewohner der Region gemeint) zu hetzen. Nach dem Attentat eines Serben auf den österreichischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau am 28. Juni 1914 in Sarajewo forderten Deutschnationale und Kriegsbefürworter ein verschärftes Vorgehen gegen die südslawischen Kronländer. Der Kreis um den österreichischen General Conrad von Hötzendorf hatte seit Jahren ein militärisches Eingreifen in Serbien gefordert und sah den unvermeidbaren Krieg als Kampf des „Germanentums“ gegen das „Slawentum“.

Bereits Monate vor Kriegsbeginn wurden die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen auf Kriegserfordernisse umgestellt. Beginnend mit dem 25. Juli 1914 setzte die österreichische Regierung Teile des Staatsgrundgesetzes von 1867 außer Kraft, wie Schutz der persönlichen Freiheit, Schutz des Hausrechts, Briefgeheimnis, Versammlungs- und Vereinsrecht und Pressefreiheit, und erließ unter der Leitung des Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh in Zusammenarbeit mit dem Militär zahlreiche Notverordnungen. Diese beinhalteten die weitreichende Zensur durch das „Kriegsüberwachungsamt“, das Verbot öffentlicher Versammlungen und die Stilllegung der Landtage. Kriegswichtige Betriebe wurden unter militärische Aufsicht gestellt, Militärgerichte übernahmen die Gerichtsbarkeit in Bezug auf so genannte „politische“ Vergehen. Nachdem Kaiser Franz Joseph vom deutschen Kaiser Wilhelm II. und Hötzendorf vom Nutzen eines militärischen Eingreifens überzeugt worden war, stellte er Serbien ein Ultimatum, das es nicht erfüllen konnte. Daraufhin erklärte Österreich-Ungarn Serbien am 28. Juli 1914 den Krieg.

Die Kriegsbegeisterung erfasste neben den Christlichsozialen und den Deutschnationalen einen Großteil der Salzburger Bevölkerung. „Serbien muss sterbien“, war zu hören, oder „Jeder Schuss ein Ruß, jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit“.

Image

Soldaten des k.k. Landsturm-Bataillons 100 vor dem Transport an die Front vor dem Salzburger Hauptbahnhof am 8. Oktober 1914. Die Kriegsbegeisterung erfasste beinahe alle Schichten der Bevölkerung, doch im Laufe der Monate dämpfte die zunehmende Zahl der Toten und Verletzten die Stimmung mehr und mehr.

Einrückende Soldaten wurden in Stadt und Land Salzburg mit Begeisterung auf den Bahnhöfen verabschiedet. Barbara Passrugger, die als Kind bei ihrer Ziehmutter am Oberhof in Filzmoos aufwuchs, erinnerte sich an die anfängliche Kriegseuphorie im Ort: „1914 mussten meine Ziehbrüder zur Musterung. Als sie zurückkamen, waren sie gut aufgelegt, sangen und jubelten. Sie wurden von der Mutter, den Geschwistern und den Dienstboten mit Gratulationen empfangen, alle waren stolz darauf, dass sie als zukünftige Soldaten die Musterung bestanden hatten.“ Die Berichte von der Front und die zunehmende Zahl der Toten und Verletzten dämpften jedoch die Stimmung. Der drogen- und alkoholkranke Salzburger Schriftsteller Georg Trakl, der als Militärapotheker an die Front berufen worden war, erlitt angesichts der unzähligen Schwerverwundeten und Sterbenden bei der Schlacht von Grodek in Galizien, die er ohne Hilfe zu versorgen hatte, einen Nervenzusammenbruch. Trakl unternahm einen Selbstmordversuch und wurde ins Militärspital nach Krakau eingeliefert, wo er nach einem vermuteten weiteren Selbstmordversuch am 3. November 1914 starb.

Die katholische Kirche stand ganz im Zeichen des Krieges. Durchhalte-Predigten in Stadt und Land Salzburg sollten die Unzufriedenheit der Bevölkerung minimieren und an ihre patriotische Pflicht appellieren. Von den Kanzeln wurde sogar für Kriegsanleihen geworben. „Echte“ Patrioten legten ihr mühsam Erspartes in Kriegsanleihen an, die 1918 nur mehr das Papier wert waren. Nachdem sich der Krieg aber immer mehr zu einem Weltkrieg ausgedehnt hatte – es befanden sich letztendlich knapp 40 Staaten und deren Kolonien im Kriegszustand – und die Versorgungslage der Bevölkerung zunehmend schlimmer wurde, verstärkten sich Kritik und Protest. 1917 war klar, dass Tschechen, Südslawen und Ungarn eigene Staaten anstrebten. In Salzburg sprachen sich einige kritische sozialdemokratische Pazifisten und der konservative Jurist Heinrich Lammasch für ein Friedensangebot an die Westmächte aus. Fanatische Kriegsbefürworter hetzten gegen Lammasch, der als letzter Ministerpräsident des österreichischen Teils der Monarchie Kaiser Karl (Nachfolger Kaiser Franz Josephs nach dessen Tod 1916) zum Thronverzicht überredete, damit der Sozialdemokrat und neue Staatskanzler Karl Renner die Republik Deutschösterreich ausrufen konnte.

Die Salzburger „Heimatfront“: Alltag im Krieg und wirtschaftliche Situation

Die vorherrschende Kriegsbewirtschaftung beeinflusste den Alltag im Ersten Weltkrieg auf überregionaler Ebene, doch manche Auswirkungen waren unmittelbar auf die regionale wirtschaftliche Struktur Salzburgs zurückzuführen, die sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts massiv verändert hatte.

Durch die Eröffnung der Eisenbahnstrecke von Wien nach Salzburg und weiter nach München im Jahr 1860 und der Tauernbahn 1909 von Schwarzach bis Spittal an der Drau als eine der wichtigsten Nord-Süd-Verbindungen konnten Stadt und Land Salzburg an das internationale Eisenbahnnetz angeschlossen werden. Mit der verkehrstechnischen Anbindung an andere europäische Länder florierte der Tourismus. Städte und Dörfer entlang der Bahnlinien blühten auf, während Gebiete abseits der Bahn zunehmend in Isolation gerieten, da das Straßennetz schlecht ausgebaut war – viele Dörfer waren nur zu Fuß erreichbar. Die Salzburger Lokalbahn bediente ab 1886 die Strecke bis Grödig/St. Leonhard, wenige Jahre später den Norden bis Lamprechtshausen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts konnte bereits bis Berchtesgaden im Süden und zum Königssee gefahren werden. Mit der Salzkammergut-Lokalbahn („Ischlerbahn“) konnte man 1891 von Salzburg nach Mondsee/St. Lorenz und zwei Jahre später nach Bad Ischl, mit der Pinzgauer Bahn 1898 von Zell am See nach Krimml reisen.

Die Internationalisierung des Marktes durch die neue Mobilität und die Verschuldung der österreichischen Monarchie durch die Weltwirtschaftskrise in den 1870er Jahren hatten unmittelbare Auswirkungen auf Industrie, Gewerbe und Landwirtschaft in Salzburg. Die Eisenindustrie brach wegen des Angebots von billigem Eisen aus osteuropäischen Ländern zusammen, und der meist in staatlicher Hand befindliche Bergbau musste radikal zurückgefahren werden. Die Eisenwerke in Dienten und Flachau wurden geschlossen, ebenso das Walz- und Hammerwerk Ebenau, die Eisenwerke im Lungau sowie der Kupferbergbau im Großarltal, in Hüttau und in St. Johann. Schließen mussten weiters das Arsenik-Berg- und Hüttenwerk Rotgülden und der Goldbergbau im Raurisertal.

Die gleichzeitige Modernisierung der Salzproduktion (Kohle ersetzte Holz beim Heizen der Sudpfannen) führte in Hallein zu vielen Entlassungen, die Salzschifffahrt stellte zudem zwischen Hallein und der Stadt Salzburg ihren Betrieb ein. Die Krise erfasste auch die heimische Textilindustrie, die ländlichen Handwerksbetriebe und die Landwirtschaft. Die auf Viehwirtschaft ausgerichteten Salzburger Bauern mussten ihre Betriebe modernisieren, neue technische Geräte kamen zum Einsatz. Die in den alpinen Seitentälern lebenden Bergbauern mussten aber nach wie vor um ihr Überleben kämpfen. Eine wahre Landflucht setzte ein, landwirtschaftliche Arbeiter suchten in den Städten Arbeit. In Hallein entstanden die Tabakfabrik und die Zellulosefabrik.

In Stadt und Land Salzburg gab es vor dem Ersten Weltkrieg nur wenige Industrie- und Großbetriebe mit mehr als 200 Beschäftigten: das Eisenwerk Steiner in Grödig, die Saline, die Zellulosefabrik (ab 1898 auch Papierproduktion) und die Tabakfabrik (alle drei Betriebe in Hallein), die Aluminiumfabrik in Lend, das Eisenwerk in Sulzau-Werfen, die Mitterberger Kupfer- AG in Mühlbach, der Radhausbergbau in Böckstein und die Papierfabrik in Ramingstein. Dazu kamen Brauereibetriebe in der Riedenburg, in Guggenthal, Kaltenhausen, Henndorf, Schwarzach und Hallein, Sägewerke in Stadt und Land, die Marmorindustrien in Fürstenbrunn und Adnet, die Zementfabrik in Grödig- Gartenau und die Glaserzeugung in Bürmoos. Das 1913 fertiggestellte Wiestalkraftwerk diente dem steigenden Strombedarf von Industrie und Gewerbe. Die zunehmende Mobilität durch den Bahnverkehr förderte den Absatz der Produkte aus der Landwirtschaft und der noch verbliebenen Grundstoffindustrie sowie den Tourismus. Der Salzburger Zentralraum zog Personen aus den anderen Ländern der Monarchie – aus Wien, Oberösterreich, Niederösterreich, Tirol, Böhmen und Mähren, der Untersteiermark (einem Teil des heutigen Slowenien), den Küstengebieten bis Dalmatien, Ungarn sowie aus Italien – an, die sich hier niederließen. Die Salzburger Bevölkerungszahl stieg überdurchschnittlich, die Zahl der Einwohner der Stadt Salzburg hatte sich von 1869 bis 1910 mehr als verdoppelt.

Der Kriegsausbruch 1914 brachte zunächst Vorteile für jene Betriebe, die kriegswirtschaftlich von Bedeutung waren. So florierten Eisen und Holz verarbeitende Betriebe, die für den Heeresbedarf produzierten. Bald mussten jedoch andere Unternehmen aufgrund der Beschränkung des Bahnverkehrs, wegen des Rohstoffmangels und des Ausfalls der männlichen Arbeitskräfte – ein Großteil wurde zum Militär eingezogen – ihre Produktion reduzieren bzw. überhaupt einstellen. Tausende Männer und Frauen verloren ihre Beschäftigung. Der Tourismus stagnierte. Die Ablieferungspflicht für Edelmetalle in größeren Mengen (Kirchenglocken, Kupferkessel usw.) nahm dramatische Formen an. Frauen tauschten in patriotischer Pflichterfüllung Familienschmuck und Eheringe ein und erhielten dafür Erinnerungsringe mit der Aufschrift „Gold gab ich für Eisen“. Schlitten und Skier wurden für den Wintereinsatz an der Front beschlagnahmt. Zahlreiche (Frauen-)Organisationen und auch Schulkinder sammelten Lebensmittel für die Soldaten an der Front. Wie dramatisch die Situation war, zeigte sich an einer Verfügung für die Fronttruppen: Soldaten sollten als Gemüseersatz Brennnesseln und Löwenzahn sammeln – eine Anweisung, die im Kriegsgeschehen an der Front schlichtweg undurchführbar war.

Frauen mussten die Arbeitsplätze jener einnehmen, die als Soldaten an der Front kämpften. Es kam zu Bekleidungsproblemen bei „Fensterputzerinnen, Schaffnerinnen, Zimmermalerinnen, Tapeziererinnen und Motorführerinnen“. Die Rock- und Mantelsäume rutschten für diese Berufe nach oben, die Frauen durften „Beinkleider“ tragen. Auch Kriegsgefangene mussten in der Landwirtschaft, im Straßenbau und in Rüstungsbetrieben, etwa im Kupferbergbau in Mühlbach am Hochkönig, arbeiten. In der Flachgauer Gemeinde Thalgau heißt noch heute die von Kriegsgefangenen gebaute Verbindungsstraße nach Hof „Russenstraße“. Die Landesregierung hatte 1915 kundgemacht, dass „… jeder Verkehr zwischen Zivilpersonen und Kriegsgefangenen, der nicht durch das Arbeits- oder Dienstverhältnis unbedingt notwendig …“ sei, verboten sei. Die örtlichen Pfarrer hetzten gegen den Verfall der Moral – damit waren unter anderem Liebesbeziehungen zwischen Kriegsgefangenen und einheimischen Frauen sowie freundschaftliche Kontakte gemeint – und ignorierten damit die politischen und sozialen Rahmenbedingungen des Krieges. Die unmenschliche Behandlung vieler russischer Kriegsgefangener erschütterte die einheimische Bevölkerung, wie sich die Saalfeldnerin Frieda Embacher erinnerte: „Ein Bild habe ich noch, das mir unvergesslich ist: Ein Russe mit einem Haxen von einem toten Ross, und an dem hat er genagt, da hinten beim Brunnentrog. Und die Krautstrünke haben sie sich von den abgeernteten Feldern geholt und faulige Erdäpfel, die bei der Ernte liegengelassen worden sind.“

Salzburg war trotz seiner agrarischen Struktur schon in Friedenszeiten ein Land gewesen, das von Lebensmittellieferungen aus anderen Ländern abhängig war, besonders, was Mehl und Kartoffeln anbelangte. Nun spitzte sich die schlechte Ernährungslage rasch zu. 1915 bekamen die Salzburger Mehl und Brot nur mehr mit Bezugskarten, ab 1916 gab es die staatliche Bewirtschaftung in allen Bereichen, doch konnten an die Bevölkerung nicht einmal die ihr auf den Bezugskarten zugesprochenen Mengen abgegeben werden. Die Landesregierung initiierte eine Gemüse- und Getreideanbauaktion, sogar der Salzburger Mirabellgarten wurde zum Krautacker umfunktioniert.

Der Schwarzmarkt bot jenen, die sich nicht selbst mit Gemüse und Getreide versorgen konnten, die Möglichkeit, Lebensmittel zu erwerben. Embacher ging in und um Saalfelden mit ihren Freundinnen von Bauer zu Bauer und bettelte um Lebensmittel: „Mit gleichaltrigen Schulkameradinnen bin ich dann auch hamstern gegangen zu den Bauern, damit man wieder ein paar Eier oder ein bisschen Milch gekriegt hat. Oft haben wir so einen Hunger gehabt, dass wir uns gleich hinter den Stall gesetzt und Eier ausgetrunken haben.“ Auch Therese Kaltenegger, später Salzburger Gemeinderätin, versuchte verzweifelt, ihre Familie durchzubringen: „Oft bin ich zwei Stunden und mehr zu Fuß zu den Bauern der Umgebung gegangen, um für meine kleine Tochter wenigstens ab und zu einen halben Liter Milch zu bekommen.“

Manche griffen zur illegalen Selbsthilfe. In Mühlbach am Hochkönig stahlen Bergarbeiter Rinder, Ziegen, Schafe und Schweine und schlachteten die Tiere an Ort und Stelle, um das Fleisch bestmöglich transportieren zu können und Spuren zu verwischen. Auch Kartoffeln, Korn- und Weizenähren wurden vor der Ernte von den Feldern und Äckern gestohlen. Um Lebensmittel bei den Produzenten – vor allem bei den Bauern – zu beschaffen, mussten Militär und Gendarmerie eingesetzt werden, wobei es zu unnötigen Schikanen kam. So erschienen in der Gemeinde Lasaberg, einem Ortsteil von Tamsweg, im April 1917 der Bürgermeister, Beamte und bewaffnete Soldaten, um Wohn- und Wirtschaftsgebäude eines Bauern zu durchsuchen: „Selbst der um diese Jahreszeit noch vorhandene Heu- und Strohrest wurde durchwühlt und umgeschüttet. Da meine Eltern in keiner Weise mehr über irgendwelche Getreidevorräte verfügten und wir auch von den Zuteilungen über Brotkarten leben mussten, konnten die Organe trotz gründlichster Durchsuchung nichts finden“, erinnerte sich der Sohn des Landwirts. Ein Pinzgauer Bauer bedrohte die Beamten im Zuge der Durchsuchung seines Anwesens sogar mit einem Revolver.

„Wenn wir nichts zum Essen haben, arbeiten wir auch nicht mehr“: Streiks, Demonstrationen, Proteste

Der Verlust des Vertrauens in die Obrigkeit förderte Proteste gegen die Salzburger Landesregierung und das Militärregime; auch der Kirche wurde misstraut, während die Sozialdemokraten einen massiven Zulauf erlebten und in der Öffentlichkeit stärker wahrgenommen wurden. Die Inflation brachte Arbeiter, Angestellte und Beamte um ihr Einkommen, die Lebenshaltungskosten stiegen bis 1918 auf das 13-Fache der Friedenszeit. Durch die dramatische Versorgungssituation und den aussichtslosen Kriegsverlauf verschärften sich die sozialen Konflikte. Anfang 1918 legten hungernde Arbeiter in Österreich aus Solidarität mit den kommunistischen Revolutionären in Russland die Arbeit nieder. Hunger war ein soziales und gesellschaftspolitisches Phänomen und basierte auf der ungerechten Verteilung von Besitz und Eigentum. Dazu kamen diejenigen, die entschieden, wie die knappen Ressourcen verteilt werden sollten – und das förderte die Korruption.

In Salzburg kam es 1918 auf höchster Ebene zu einem unglaublichen Skandal. Der Präsidialchef der Landesregierung, Eduard Rambousek, unterschlug mehr als sieben Millionen Kronen, verschob waggonweise Lebensmittel und versorgte ihm bekannte Salzburger aus Adel und Bürgertum, darunter Landespräsident (Landeshauptmann) Felix von Schmitt-Gasteiger, mit Delikatessen, während die Bevölkerung hungerte. Die Salzburger ahnten, dass etwas nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Im September 1918 versammelten sich 4.000 Salzburger, vor allem Frauen, und zogen zum Gebäude der Landesregierung am Mozart- und Residenzplatz. Als Demonstranten Fenster einschlugen, da die Beamten der Landesregierung nicht mit ihnen reden wollten, eskalierte die Lage. Nun marschierten Gruppen zum Hotel Europa, in dem sie Schmitt-Gasteiger und Rambousek vermuteten, und begannen Nahrungsmittel, Kleidung, Einrichtungsgegenstände und Schmuck zu plündern. „Da sind auch bessere Leute dabei gewesen, nicht nur Arbeiter. Da haben die Damen die Perserteppiche abgeschleppt, oder was halt da gewesen ist an Silbergeschirr usw., und haben sich dann einen Fiaker genommen (…), und die armen Leute sind in den Keller, der war voll von Fett, Marmelade, Getränken, Honig, da hat es einfach alles gegeben“, berichtete eine Demonstrantin. Auch das in der Stadt bekannte jüdische Kaufhaus Schwarz wurde geplündert und zum Teil zerstört. Die Demonstranten zogen weiter zum erzbischöflichen Palais, zum Peterskeller und nach Maria Plain. Sie schlugen Weinfässer auf und durchsuchten die Räume nach Essbarem – zum Teil beteiligten sich auch Wachleute an den Plünderungen. Erst als die Landesregierung tschechische Regimenter anforderte, die für Ordnung sorgten, kehrte wieder Ruhe ein.

Doch das Vertrauen in Staat und Landesregierung hatte durch den Kriegsverlauf und den Amtsmissbrauch auf höchster Ebene radikal gelitten. Die Landesregierung ergriff Maßnahmen, um weitere Demonstrationen und Plünderungen zu verhindern: Jede Ansammlung auf Straßen und Plätzen der Stadt Salzburg wurde bei Strafe untersagt, ebenso der Aufenthalt von jugendlichen Personen auf den Straßen nach 17 Uhr. „Haushaltungsvorstände“ wurden in die Pflicht genommen, Minderjährige dahingehend zu überwachen. Doch die alte Ordnung war nicht mehr wiederherzustellen und die Gesellschaft völlig zerrüttet. Die Landesbehörden bewaffneten einen Teil der Salzburger Arbeiterschaft und Bauern, um weitere Plünderungen zu verhindern. Rambousek wollte nach den Ausschreitungen in die Schweiz flüchten, wurde aber im November 1918 in Wien verhaftet, die Polizei fand sechs Millionen Kronen. Rambousek beging in der Haft Selbstmord.

Image

Die dramatische Versorgungslage der Salzburger und der aussichtslose Kriegsverlauf führten zu Demonstrationen, Streiks und Protesten. Im Zuge der so genannten „Hungerdemonstration“ am Salzburger Mozartplatz vor dem Gebäude der Landesregierung am 19. September 1918 kam es zu zahlreichen Ausschreitungen.

Flüchtlingselend und ungewisse Zukunft

Der Krieg brachte Flüchtlinge – Hunderttausende flohen aus Wolhynien, Polen, Ruthenien und Galizien, darunter viele Juden. Andere wurden aus Südtirol, dem Trentino, Dalmatien, Istrien und Bosnien-Herzegowina vertrieben. Das k. u. k. Militär befürchtete unzureichenden Patriotismus bei bestimmten Bevölkerungsgruppen (und damit eine Störung der militärischen Vorstöße) und evakuierte aus diesem Grund hunderttausende Menschen in das österreichische Kerngebiet. Zudem sollte die heimische Wirtschaft mit neuen Arbeitskräften versorgt werden, wie das Armeeoberkommando ausführte: „Gegenüber schweren wirtschaftlichen Opfern bietet uns die gegenwärtige Kriegslage die Möglichkeit, im ganzen Hinterland über billige Arbeitskräfte zu verfügen (…), und auch die zahlreichen Flüchtlinge (…) können und müssen durch ihre Arbeit ein Äquivalent für ihre Versorgung leisten.“

Im Juni 1916 kamen rund 17.000 Flüchtlinge aus der Bukowina, darunter viele Juden, nach Salzburg. Ein Teil fand eine Bleibe in Privatunterkünften und ehemaligen Gasthäusern im Flachgauer Seengebiet, wie in dem aufgelassenen Bräuhaus in Henndorf. Manche hausten in Scheunen. Ein weiterer Teil der Flüchtlinge lebte im Franz-Joseph-Park und im Lager Grödig/ Niederalm. Der Lagerkomplex, bestehend aus dem Lager I, II und III in Grödig, St. Leonhard und Niederalm, wurde 1915 erbaut und mit russischen, serbischen und italienischen Kriegsgefangenen sowie jüdischen Flüchtlingen belegt. Bis zu 40.000 Menschen lebten in rund 290 Baracken. Die Kriegsgefangenen und Flüchtlinge mussten Arbeitsdienst leisten, nur die Juden waren von der Arbeitspflicht ausgenommen, da man nicht wollte, dass sie sesshaft würden. Im Lagerkomplex gab es für die Flüchtlinge eine Bibliothek, Schulen, eigene Kirchen und Tempel (jüdische, muslimische), das Lagerleben selbst gestaltete sich jedoch alles andere als beschaulich. Die schlechten hygienischen Bedingungen und die beengten Wohnverhältnisse führten zu Typhus- und Masernepidemien. Tausende Menschen starben, weil sie durch die Unterernährung keine Abwehrkräfte mehr hatten. Im April 1918 protestierten rund 3.000 Flüchtlinge im Lager gegen die Verwaltung und die schlechten Bedingungen, Militär und Polizei schlugen den Aufstand nieder und verhafteten die Anführer.

Nach dem Friedensschluss mit Russland erfolgte der Rücktransport der Kriegsgefangenen und Flüchtlinge aus dem Lagerkomplex in Grödig / St. Leonhard / Niederalm in ihre Heimatländer, wobei es zum Teil zu Zwangsrepatriierungen kam. Viele versuchten, die österreichische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Deutschsprachige „Altösterreicher“ konnten entweder für den neuen Nachfolgestaat der k. u. k. Monarchie stimmen oder für die neue österreichische Staatsbürgerschaft. Einige der jüdischen Flüchtlinge gliederten sich in die jüdische Gemeinde Salzburgs ein. Bertha Reichenthals Mutter kam 1918 mit einer der letzten Flüchtlingswellen aus Galizien nach Salzburg und ließ sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als staatenloser Flüchtling in der Stadt nieder. Bertha wurde 1920 in der Elisabethstraße geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen im Bahnhofsviertel auf. 1938 musste sie nach Großbritannien flüchten, später landete sie in Israel. Ihr letzter Wunsch, die Anerkennung der österreichischen Staatsbürgerschaft, wurde ihr 2011 erfüllt.

II. Salzburg in der Ersten Republik 1918–1933: Instabile Demokratie

Sozialistische Revolution oder Anschluss an Deutschland?

Zusammenbrechende Fronten und innere Auflösungserscheinungen begleiteten das Ende der österreichischungarischen Monarchie. Am 30. Oktober 1918 erfolgte in Wien die Gründung des neuen Staates „Deutschösterreich“ (auch der Name „Südostdeutschland“ war zur Debatte gestanden), ab Oktober 1919 „Republik Österreich“. Bis zum 12. November 1918 erklärten die neun Bundesländer ihren Beitritt zum neuen Staat. Julius Sylvester, prominenter Salzburger Deutschnationaler, erhielt am 2. November von der Bundesregierung die Aufgabe, die Regierungsgewalt an die drei interimistisch bestellten Präsidenten des Salzburger Landtags offiziell zu übertragen. Die provisorische Landesverfassung musste an das neue Staatsgesetz angepasst werden. Die neu gewählte Landesversammlung bestellte Prälat Alois Winkler zum Landeshauptmann, den Sozialdemokraten Robert Preußler und den Großdeutschen Max Ott zu Stellvertretern.

Die Salzburger Sozialdemokraten waren nun in den politischen Entscheidungsprozess eingebunden, sie wandten sich im Gegensatz zu den Wiener Sozialdemokraten gegen den Marxismus und unterbanden die Revolution der Basis. Die Arbeiterräte standen in Salzburg unter Führung des Eisenbahners Karl Emminger (später Kommandant des Republikanischen Schutzbundes und Präsident der Arbeiterkammer). In Mühlbach am Hochkönig übernahmen Arbeiterräte im März 1919 die Verwaltung des Kupferbergbaubetriebs und entfernten den Direktor von seinem Posten. Emminger fuhr nach Mühlbach, erklärte die Übernahme jedoch für unzulässig. Auch in anderen Gegenden übernahmen Arbeiterräte eigenmächtig die Verwaltung des Eigentums von Bürgern und Bauern. Der Bad Gasteiner Johann Stöckl beschwerte sich im September 1919 bei der Bezirkshauptmannschaft. „So hat die Umsturzpartei unter der Führung des Arbeiterrates von Badgastein in einer vor kurzem abgehaltenen Versammlung eine förmliche Verteilung des Vermögens einzelner Bürger und Bauern sich angemaßt“, so Stöckl. Ackerböden und Ausgedinge wurden Kleinhäuslern zugewiesen, eine Pension wurde als sozialistisches Kinderheim bestimmt.