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Markus Bundi

Des Möglichen gewärtig

Ein Essay zum Werk von Klaus Merz

Des Möglichen gewärtig

Ich richte meine Aufmerksamkeit in diesem Essay auf vier Gattungen, die Klaus Merz in den vergangenen fünfzig Jahren vornehmlich bediente. Einsteigen werde ich mit der Untersuchung dreier Prosaminiaturen. Darauf folgt eine Interpretation der Bildbetrachtung Vorläufig ruht der Mann (2004). Kernstück des Essays bildet die Untersuchung der Novelle Der Argentinier (2009), Merz’ bislang letztem längeren Prosatext. Abschließend richte ich das Augenmerk auf einige ausgewählte Gedichte. – Da die Lyrik jene Gattung ist, der Merz seit Beginn seines Schreibens die Treue hält, und weil Gedichte wohl bis heute das Fundament all seiner schriftstellerischen Arbeiten sind, könnte diese Abteilung genauso gut am Anfang des Essays stehen.

Ich werde konsequent nach der im Haymon Verlag erschienenen Werkausgabe in sieben Bänden zitieren (WA 1–7, 2011–2015), da diese im Gegensatz zu vielen anderen Büchern von Klaus Merz leicht greifbar ist.

Markus Bundi

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© Foto: Fotowerk Aichner

Zum Autor

Markus Bundi, geboren 1969, lebt in Neuenhof/Schweiz. Er studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Zürich und arbeitete als Sport- und als Kulturredakteur bei einer Schweizer Tageszeitung. Seit 2005 unterrichtet er an der Alten Kantonsschule Aarau Philosophie und Deutsch. Er ist Herausgeber, u. a. der Werkausgabe von Klaus Merz bei Haymon. Seit 2001 veröffentlicht er Gedichte und Prosa, schreibt Theaterstücke und Essays. Zuletzt sind von ihm die Erzählung „Die Rezeptionistin“ (2014) und der Roman „Mann ohne Pflichten“ (2015) erschienen, bei Haymon „Vom Verschwinden des Erzählers. Ein Essay zum Werk von Alois Hotschnig“ (2015). www.markusbundi.ch

Impressum

© 2015

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

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ISBN 978-3-7099-3668-9

Umschlag- und Buchgestaltung nach Entwürfen von hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Umschlag: hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Satz: Da-TeX Gerd Blumenstein, Leipzig

Autorenfoto: www.fotowerk-aichner.at

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Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Vorbemerkung
Des Möglichen gewärtig
Entdeckung und Erfindung
Bedingungen der Vorstellung
Überblendung und Verführung
Sprachbilder und Bildersprache
Nachtrag
Anmerkungen
Markus Bundi
Zum Autor
Impressum
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Bedingungen der Vorstellung

In den 1980er-Jahren beginnt Klaus Merz für Magazine, Zeitungen und Künstler kurze Texte zu Fotografien und Bildern zu schreiben und belebt so das Genre der »Bildkolumne«, erfindet es quasi neu. Dem Autor geht es nie allein um Interpretation, es sind Fragen, die das Bild aufwirft, die Merz aufnimmt und zu literarischen Sehstücken aufhebt. Was die jeweilige Textmenge betrifft, so unterscheiden sich die Bildbetrachtungen nicht von anderen Prosaminiaturen, dennoch folgen sie anderen Spielregeln. Der Umstand, dass sich der Schriftsteller vorgängig eine Fotografie aussucht oder ihm ein Kunstwerk »vorgegeben« wird, fällt dabei weniger ins Gewicht als die grundsätzlich andere Erzählperspektive. Die Erzählinstanz, die Merz konsequent für all seine Bildbetrachtungen bislang gewählt hat, ist, so literarisch der Text an sich ausfallen mag, die journalistische. Anders gesagt: Es wird keine erzählende Figur oder auktoriale Erzähl­instanz vorgeschoben, wie wir sie sonst als installierte Erzählstimmen fiktionaler Texte gewohnt sind. Merz spricht mit eigener Stimme, schreibt in seinem Namen – mit offenem Visier. Das ermöglicht nicht zuletzt einen unverstellten Blick auf die Erzähltechnik des Autors, auf dessen Umgang mit und Verknüpfung von Motiven, auf das Spiel der Vorstellungen und das Durchbrechen der (Lese-)Erwartungen.

Merz entscheidet sich bei seinen Bildbetrachtungen selten für die ganz berühmten Kunstwerke, und wenn es um Fotografien geht, so reicht eine erste Durchsicht, um zum Schluss zu kommen, dass un­spektakuläre Aufnahmen eindeutig in der Überzahl sind. Eine besonders aktionsarme Fotografie inklusive Merz-Text wurde erstmals am 10. Juli 2004 im Schweizer Tages-Anzeiger publiziert:

Foto: picture alliance/AP/Andres Leighton

Vorläufig ruht der Mann

Der Vorleger ist leicht verrutscht, denn es ist nicht einfach, mit nur einem Bein ins Bett, nein, auf die Pritsche hinaufzusteigen. Am Fußende liegen, sorgfältig zusammengelegt, drei Tücher, Decken, vielleicht ein Hemd. Es herrscht klinische Nüchternheit im engen Raum. Nur der Kopf des Ruhenden verschwindet in erstaunlich üppigen Kissen, die Breite der Koje aber wird kaum mehr als zwei Meter zwanzig betragen. – Befinden wir uns auf einem Schiff?

Falls der »Matrose« erwacht, kann er nach dem Mineralwasser langen und seinen Durst löschen. Oder in die halb volle Petflasche pinkeln, um sich das Anflanschen der Prothese und den mühsamen Gang zum Klosett zu ersparen. – Nach jedem Aufwachen gewahrt er wohl das Fehlen seines Unterschenkels mit neuem Erschrecken.

Wovon der Mann träumt, der seit zwei Jahren auf Kuba, genauer gesagt, in Guantánamo liegt? (Hier für einmal nicht im Freien, wie wir es von anderen Bildern her kennen, sondern in einer Zelle.) Gut möglich, dass der Häftling nur für den von den Militärs zugelassenen Fotografen schläft. Und vielleicht ist er einer der 15 Gefangenen, denen nun doch der Prozess gemacht werden soll. Oder er wird irgendwann einmal mit den restlichen 600 Männern – gebrochen oder voll blinder Wut auf unsereinen – wieder in seine Heimat überstellt. Vorläufig ruht der Mann. (WA 5, 94/95)

Obwohl Merz gewiss vor dem Schreiben wusste, woher die Aufnahme stammte, entschied er sich für eine »unvoreingenommene« Herangehensweise, und dies in einer Genauigkeit, die – so könnte man meinen – den Abdruck der Fotografie doch schon beinahe erübrigt hätte. Doch nur beinahe. Denn das Bild wird im Nachhinein zum Beleg – gar zum Beweisstück – des Textes. Schauen wir uns die Dramaturgie dieser Prosaminiatur und die eine oder andere Wortwahl ein wenig genauer an.

Aufmerksame Leserinnen und Leser werden schon beim Titel innehalten: Im Wort »vorläufig« kann durchaus eine Drohung mitschwingen, in jedem Fall kündigt es eine Veränderung des herrschenden Zustands an, wenngleich der Zeitpunkt der Veränderung nicht genau benannt wird – was eine bedrohliche Wirkung aber eher verstärkt als mindert. Dass der erste Satz sodann in Alliterationen (»Vorleger«, »verrutscht«) an jenes »vorläufig« anknüpft, trägt auch nicht zur Beruhigung bei. Gleichwohl fängt der Autor mit dem Texteinstieg doch »nur« die Szenerie ein, spielt schon im ersten Satz, wenn auch nicht direkt, auf den wohl einzigen spektakulären Gegenstand im Raum an, die Beinprothese. Doch der Blick ist ein von Beginn weg nervöser, schon im Ansatz erfordert die Beschreibung des Aufenthaltsorts des Mannes eine Korrektur (nicht »ins Bett«, sondern »auf die Pritsche«), und in der Folge wechseln die Fokussierungen mit jedem Satz: Beschreibung des Fußendes, dann des anderen Endes mit dem »verschwundenen« Kopf, dazwischen, aus der Weitwinkelperspektive, der festgehaltene Eindruck »klinischer Nüchternheit«. Ist es das fehlende Fenster im engen Raum, oder schwanken dem Betrachter schon die Sinne, dass er die Vermutung äußert, wir befänden uns auf einem Schiff?

Raffiniert und zugleich bewusst gesetzt ist dieses »wir«, das nicht nur Betrachter und ruhenden Mann, sondern auch Leserinnen und Leser mit einschließt. Und sind wir erst einmal Gefangene im selben Raum, bietet es sich an, die Möglichkeiten vor Ort ein wenig genauer auszuloten, ist es auch an der Zeit, dem Protagonisten die ihm gebührende Aufmerksamkeit zu schenken. Da sich im Raum allerdings nichts bewegt, ist der Betrachter auf Mutmaßungen angewiesen, sieht in der vorhandenen Petflasche immerhin zwei Möglichkeiten, denen er etwas Positives abgewinnen kann, bis die Beinprothese doch noch direkt in den Blick gerückt ist, die dem ruhenden Mann eine Geschichte einschreibt, der nichts Positives mehr anhaftet, sodass die Tonlage kippt. Das »neue Erschrecken«, das dem ruhenden Mann vom Betrachter für jedes Erwachen attestiert wird, es dürfte sich auch auf den Leser übertragen.

Erzähltechnisch bietet dieser Bruch, dieser Blick in den Abgrund, zugleich die Vorlage zur Auflösung des Sujets der Fotografie. Der Autor jedoch begnügt sich im letzten Abschnitt nicht mit der Preisgabe der Herkunft des Bildes, er entwirft es weiter. Hat der Betrachter schon zurückgeschaut in die Vergangenheit des Mannes, so wirft er nun auch einen Blick in dessen Zukunft. Die Bedingungen zur Entstehung der Fotografie, so lässt der Autor am Ende keine Zweifel, werfen ihre Schatten voraus. Und diese betreffen eben nicht nur die Zukunft des Einbeinigen und seinesgleichen, die »blinde Wut« richtet sich auf »unsereinen«, ganz unabhängig davon, wie sehr wir uns im ersten Teil des Textes haben mit ins Boot nehmen lassen, das eben kein Schiff war, sondern Guantánamo ist.

Die Unruhe, die der Text von Anfang an stiftet, sie findet ihren Höhepunkt im Schlusssatz, der mit dem Titel identisch ist, uns also wieder an den Anfang verweist, diesmal allerdings mit der Gewissheit, dass darin tatsächlich eine handfeste Drohung steckt. Das statische, ruhende Bild gerät dabei zusehends in Opposition zur Dynamik des Textes, einer Dynamik, die gerade deswegen um sich schlägt und uns alle trifft, weil das »blinde Wut« notwendig an sich hat.

Staunenswert und traurig vor allem dürfte aber der Umstand sein, dass diese Bildbetrachtung, durch ein aktuelles Pressebild von 2004 ausgelöst und kurz darauf in einer Tageszeitung abgedruckt, nichts an Aktualität oder Dynamik eingebüßt hat. Der Text als solches war damals schon über die Tagesaktualität hinaus angelegt (sodass der Autor auch 2007 keinen Anlass hatte, diese Bildbetrachtung nicht in den Sammelband Der gestillte Blick aufzunehmen). So unbestimmt das »irgendwann einmal« zunächst wirken mag, in der Ankündigung steckt dieselbe Drohung wie im Wort »vorläufig«. Mittlerweile wurde das Sehstück Vorläufig ruht der Mann gewissermaßen von der Zeit eingeholt – und hat dennoch an Bedrohlichkeit und Virulenz nichts verloren. Angesichts der IS-Milizen im Jahr 2015 bleibt vielleicht nur noch die Frage, mit welchem Faktor wir die 600 Häftlinge von damals zu multiplizieren haben (und mit welchem »neuen Erschrecken« diese Bildbetrachtung nun in diesem Essay zur Sprache kommt).11

So besorgniserregend die Weltlage derzeit aber auch sein mag, eigentlich wählte ich diese Bildbetrachtung, um die Erzähltechnik des Schriftstellers Merz ein wenig genauer zu beleuchten. Was nämlich in einer Vielzahl von Kolumnen, Essays und Reden dieses Autors (wie sie vornehmlich in Band 4 der Werkausgabe versammelt sind) wie eben auch bei den Bildbetrachtungen offenkundig wird, sind seine Quellen, die gleichsam die Bedingungen der Vorstellung im Weiteren sind. Während bei literarischen Texten, sei es nun in der Prosa, sei in der Lyrik oder im Drama, die konkreten Bezüge oft vor dem Text liegen oder dann lediglich in verfremdeter, zuweilen verklausulierter Form in die Fiktion einfließen, werden sie in den journalistischen Textformen direkt genannt.

Welches Ereignis im Raum auch gegeben ist, sich einem Betrachter präsentiert, es hat in aller Regel eine Vergangenheit und auch eine Zukunft. Das gilt für den Mann in seiner Zelle in Guantánamo genauso wie für eine Umarmung von Maradona und Matthäus auf dem Fußballfeld, die Merz ebenfalls schon in Betracht gezogen hat. Während hinsichtlich der Vergangenheit manchmal Fakten zur Verfügung stehen, ist die Zukunft meist offen – in beide Richtungen bricht sich die Vorstellung Bahn. Denn darum geht es Merz nach eigenem Bekunden, wie bereits in der Vorbemerkung zitiert, schon immer: »um nichts Geringeres und nichts Großartigeres als um die immer wieder neue Entdeckung und Erfindung des Alltäglichen und seiner Unerschöpflichkeit«. Etwas in Betracht ziehen intendiert auch immer die Fragen nach dem Woher und dem Wohin. Das Verankern in der Zeit verleiht den Ereignissen im Raum erst Tiefe. Die Ausgangsmaterialien sind vielfältig, es sind aber zugleich auch immer jene Ereignisse, die den Schriftsteller betreffen, die gleichsam sein Journal beschreiben, die also, zu latentem Material geworden, die Vorstellung wachrufen, um die Ereignisse einzubetten, ihnen eine Geschichte, eine »lesbare und gültige Entsprechung« zu geben. Diese »Entsprechung« leistet auf das in Betracht Gezogene, wie es schon im Wort steckt, die Sprache, die Kreation des Textes. Die literarische Entsprechung geht immer über das Gegebene hinaus, bringt Vor-Gestelltes zur Sprache, sei es in der Herleitung, die ein Ereignis erst lesbar, sprich nachvollziehbar und plausibel machen, oder sei es im Entwurf ihrer Folgeereignisse.

Der Charakter der Nacherzählung ist literarischer Prosa inhärent, nicht zuletzt weil das Präteritum zuverlässig Pate steht. Auch die Eigenschaft, über das in den Blick genommene Ereignis hinauszugehen, ist der Literatur nicht fremd, so mancher Roman endet mit einem offenen Schluss. Was hingegen bei Merz-Texten augenfällig ist: Die Entwürfe in die Zukunft werden sichtbar – als Skizzen oder Szenarien. Was auf ein Ereignis folgt, ist nur bedingt offen, wird vielmehr durch das Ereignis vorgezeichnet.

Sprachbilder und Bildersprache

Wechselkurs

Vom helleren Licht

hinter den Scheinen

erzählt das Gedicht.(WA 7, 315)