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Inhalt

Katharina Zierl über Klaus Reisch: „Der Reisch“ – die stille Macht in Kitzbühel

„Der Reisch“ – die stille Macht in Kitzbühel

„Ein G’scheiter, der ein bissl ein Gauner ist, ist kein großes Problem. Aber ein Dummer, der auch noch ein Gauner ist – das ist eine Katastrophe.“

Von Katharina Zierl

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Klaus Reisch offenbarte als Zeitzeuge, was ihn bewegt.

Prolog

Wenig ist bekannt über Klaus Reisch. Dass er Einfluss und Macht hat. Dass die Streif in seinem Garten mündet. Dass das Hahnenkammrennen ohne seine Zustimmung nicht stattfinden kann. Nicht nur in Kitzbühel werden ihm Konsequenz, Geradlinigkeit und Disziplin nachgesagt. Viele haben Respekt vor dem unnahbaren Juristen. Einige wissen, dass Dietrich Mateschitz Reisch die Marke Red Bull erst abkaufen musste, bevor er selbst durchstarten konnte. Der gewiefte Geschäftsmann hatte die Marke zuvor registrieren lassen. Distanziert und kompromisslos sei er, heißt es.

Der emeritierte Anwalt, Unternehmer und Großgrundbesitzer ist kein lauter, aufdringlicher Mensch. Keiner, der sich im Licht der Öffentlichkeit sonnt. Auf Oberflächlichkeiten legt er wenig Wert. Auf Ästhetik in allen Lebensbereichen umso mehr. Was ihn als Menschen ausmacht, bleibt den meisten verborgen. Dabei gibt es viel zu erfahren: über seine Leidenschaft für das Meer und das Seerecht, seine Begeisterung für die Geschichte, seinen Wunsch, ein Buch zu schreiben. Bewusst hält der Kitzbüheler seine Umgebung auf Abstand. Schützt seine persönliche Freiheit. Wird dem Bild des reichen, mächtigen Mannes in der öffentlichen Wahrnehmung gerecht. Hinter die Kulissen zu schauen, ist wenigen gestattet. Als Zeitzeuge ließ Klaus Reisch einen Blick hinter die gut behütete Fassade zu. Offenbarte am 6. Mai 2013 in seinem 85. Lebensjahr im Interview mit Elmar Oberhauser im Innsbrucker Casino und in unseren darauffolgenden persönlichen Gesprächen in Kitzbühel, was ihn bewegt.

Kein offenes Buch

Ein grünes Gatter. Mitten in Kitzbühel. Dahinter Idylle und Ruhe. Zentral und doch abgeschirmt. Das Anwesen strahlt Eleganz und Tradition aus. Die Kanzlei von Klaus Reisch ist der Ort, an dem der Kitzbüheler sehr viel Zeit verbringt. Nach wie vor. Alles ist ordentlich. Nichts liegt herum. Bilder von Schiffen hängen an den Wänden. Der emeritierte Anwalt ist regelmäßig um fünf oder sechs Uhr früh im Büro: „Fünf Uhr allerdings nur in Ausnahmefällen. Und Samstag und Sonntag komme ich erst um neun.“ Warum er sich auch heute noch so viel in der Kanzlei aufhält? „Erfüllung von Aufgaben, verschiedene Tätigkeiten, Weiterbildung. Natürlich auch geschäftliche Erledigungen.“ Reisch drückt sich gewählt aus, Sprache ist ihm wichtig. „Mittlerweile bewege ich mich – was die Kanzlei anbelangt – eigentlich im Hintergrund.“

Der jüngste Sohn hat das Ruder übernommen. Ganz zurückziehen will und kann sich Reisch dennoch nicht. Zu viel liegt ihm an seiner Kanzlei, zu sehr ist er mit der Juristerei verbunden. „Ich studiere die ganze Literatur und fasse das Notwendige für die Anwälte in Aktenvermerken zusammen. Auch die Pflege meiner Bibliothek erfordert sehr viel Zeit. Dazu kommt noch Schriftverkehr mit meinen Freunden und Bekannten, mit geschichtlich Interessierten. Ich mache das alles wirklich gerne.“ Langeweile kenne der Jurist nicht. Früher hat sich Reisch schwergetan, Dinge zu delegieren, anderen Verantwortung zu übertragen. Lieber wollte er alles selbst erledigen: „Das hat sich aber mit der Zeit ausgewachsen. Ich habe in der Vergangenheit noch viel mehr umgestellt, überprüft, das ist deutlich weniger geworden.“ Gar nichts tun kommt für den vielseitig interessierten Tiroler nicht in Frage: „Das ist schwierig, da wäre mir dann wohl wirklich zu fad.“ Sport betreibe er keinen: „Ich gehe nicht einmal mehr spazieren. Die Kanzleiräume sind so ausgedehnt. Ich bemühe mich, alle Sachen gleich wieder zu verräumen. Auf diese Weise bekomme ich mit Sicherheit jeden Tag die zwanzig Minuten Marsch zusammen, die Ärzte empfehlen“, schmunzelt der charismatische Kitzbüheler. Führt er durch seine Fachbibliothek, die ob ihres ungewöhnlichen Ausmaßes beeindruckt, schwingt Stolz mit. Und Begeisterung. Reisch erzählt. Führt von einem Raum in den nächsten. Nimmt Bücher aus den Regalen. Liest vor und lacht. Hier ist er in seinem Element. Fühlt sich zu Hause. Die Bibliothek von Klaus Reisch zählt zu den umfassendsten in ganz Tirol. „Die Belletristik“, erzählt er, „habe ich daheim“; sie sei bis zum Kriegsende im englischen, französischen, amerikanischen und deutschsprachigen Bereich sehr komplett. „Die Nachkriegsliteratur hat mich nicht mehr interessiert.“