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Claudia Paganini und Manfred Mitterwachauer über Midi Seyrling: „… wie ein Wunder“

„… wie ein Wunder“

Von Claudia Paganini und Manfred Mitterwachauer

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Midi Seyrling – Grande Dame und Tourismuspionierin für Seefeld und Tirol.

„… wie ein Wunder“

Seefeld, das Klosterbräu und die Familie Seyrling. Drei Namen und deren Geschichte, die untrennbar miteinander verwoben sind. Denn nicht nur das Erscheinungsbild des ehemaligen Wallfahrtsortes auf dem Sonnenplateau zwischen Karwendel und Wetterstein wurde durch die altehrwürdigen Gemäuer des ehemaligen Augustinerstiftes mitgeprägt. Auch die Entwicklung zur international renommierten Tourismusmetropole wurde wesentlich von der Gastwirtsfamilie Seyrling mitgetragen, die das Klosterbräu in sechs Generationen zu einem traditionsreichen Fünf-Sterne-Hotel ausgebaut hat. Mitgestaltet schließlich wurde das heutige Seefeld von Midi Seyrling, jener Tourismuspionierin, die mit ihrem beharrlichen und selbstbewussten Einsatz für eine zukunftsträchtige Qualitätsgastronomie nicht nur ihrem eigenen Haus seinen unverkennbaren Charakter verliehen, sondern zugleich ein Stück Seefelder, ja ein Stück Tiroler Fremdenverkehrsgeschichte geschrieben hat.

Will man die Erfolgsstory des Ferienortes in Zahlen fassen, mag man die jährlichen Nächtigungen anführen, die zwischen 1955 und 1989 von 342.000 auf 1,3 Millionen gestiegen sind. Oder man weist darauf hin, dass die rund 3.500 Gästebetten Ende der 1950er-Jahre überwiegend im Zwei- und Drei-Sternebereich bzw. in der Privatzimmervermietung lagen, während dem anspruchsvollen Gast in den 1980er-Jahren bereits acht ausgezeichnete FünfSterne-Hotels zur Wahl standen. Gewiss ereignete sich dieser Aufschwung nicht isoliert von der Gesamtentwicklung des Landes, sondern in den sogenannten Glanzzeiten des Tiroler Tourismus und wäre ohne die zweimaligen Olympischen Winterspiele von 1964 und 1976 nicht machbar gewesen. Er wäre aber auch nicht denkbar gewesen ohne die heute 84-jährige Grande Dame des Tiroler Tourismus, Midi Seyrling, die zusammen mit ihrem Mann Alois „Bubi“ Seyrling nicht müde geworden ist, bei den damals führenden Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Politik, von Rundfunk, Presse und Fernsehen Werbung für ihr geliebtes Seefeld zu machen. Dank dem Charme, dem Temperament und der Überzeugungskraft dieser einen Frau ist aus Werbung eine lebendige Botschaft geworden, die mit jedem zufriedenen Gast mehr und mehr Menschen in die Welt hinausgetragen haben.

Auf ihren Erfolg angesprochen, reagiert Midi Seyrling im „Zeitzeugen“-Interview mit Elmar Oberhauser am 20. März 2013 im Casino Innsbruck bescheiden. Zwar räumt sie ein, dass sie viel gearbeitet hat und wohl auch auf manches verzichtet. Mehr als von einem Verdienst spricht sie aber von einem Geschenk, wenn sie sich an die 40 Jahre Klosterbräu erinnert, von einer Art Gnade, davon, dass ihr Fünf-Sterne-Haus in einer privilegierten Gegend gelegen sei, die den Gast einfach begeistern müsse. „Wenn man von Innsbruck nach Seefeld fährt“, meint sie, „über den Zirler Berg, dann tut sich Seefeld auf wie ein Wunder.“ Dieser Zauber soll zwar schon Goethe veranlasst haben, auf der Fahrt nach Italien in Seefeld Halt zu machen. Doch hätte die Schönheit der Landschaft nicht so viele Reisende begeistert, wenn sie nicht Menschen wie Midi Seyrling angeleitet hätten, dieses Naturwunder wahrzunehmen und jene Faszination zu verspüren, die sie selbst immer schon für diesen Ort empfunden hatte.

Ein Kind mit vielen Talenten

Ob ihr Lebensweg vorbestimmt war? Wer weiß. Aber sicher ist, dass Midi Seyrling in eine traditionsreiche Gastwirtsfamilie hineingeboren wurde und von klein auf Gelegenheit hatte zu lernen, was eine gute Wirtin ausmacht. Sicher ist auch, dass das aufgeweckte und kluge Mädchen viele Begabungen besaß, die ihr ganz verschiedene Berufsmöglichkeiten eröffnet hätten oder eben – wie es schließlich gekommen ist – unterschiedliche Talente in einem einzigen Beruf zu verwirklichen.

Maria Mayr, die später als Midi Seyrling weit über die Grenzen Tirols hinaus bekannt werden sollte, wurde am 14. Jänner 1929, in Volders, einer kleinen Ortschaft in der Nähe von Innsbruck, geboren. Ihre Eltern Karl und Rosa Mayr (geb. Schonger) stammten beide aus kinderreichen Familien, die Mutter hatte neun Geschwister, der Vater sieben, und: Beide Familien waren seit Generationen in der Gastronomie tätig. Mütterlicherseits führte die Familie den Gasthof Gries in Lermoos im Außerfern, väterlicherseits die Post im Südtiroler Klausen.

Midis Großvater Joseph Mayr wiederum war ein direkter Nachkomme von Peter Mayr, dem Wirt an der Mahr, der als Mitstreiter von Andreas Hofer in den Freiheitskämpfen sein Leben lassen musste. Gerne erinnert sich Midi Seyrling auch heute noch zurück, wie sie im Rahmen der 100-Jahr-Feierlichkeiten 1939 als Zehnjährige einen Kranz zu Ehren der Freiheitskämpfer niederlegen durfte. Schon als Kind war sie aber nicht in erster Linie stolz auf die ihr anvertraute ehrenvolle Aufgabe, sondern darauf, mit einem geradlinigen und mutigen Mann wie Peter Mayr verwandt zu sein. Hätte dieser damals nämlich vorgegeben, nicht vom Ende des Krieges gewusst zu haben, wäre er begnadigt worden. Das erschien dem selbstbewussten Wirt aber wie ein Verrat an seinen Kameraden und der gemeinsamen Sache. „Für a Lug erkauf i mein Leb’n nit!“, soll Mayr damals gesagt und das Todesurteil gelassen auf sich genommen haben.