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Barbara & Hans Haid

Naturkatastrophen

in den Alpen

Vorwort

Für Millionen von Menschen sind die Alpen Lebensraum und wirtschaftliche Basis. Und seit jeher stellen die Alpen für ihre Bewohner und Gäste eine Bedrohung dar:

Lawinen- und Murenabgänge, Überflutungen und Bergstürze, auch Gletscherseeausbrüche sind jene alpinen Naturereignisse, die immer wieder zu Katastrophen anschwellen und mit immenser Wucht verheerende Schäden anrichten.

Wenn solche Ereignisse über die Menschen eines Dorfes, eines Tales hereinbrechen, scheint der Mensch hilflos und total ausgeliefert zu sein. In allen historischen Ereignissen haben die Menschen nicht über die gegenwärtig greifbaren Hilfen durch mächtige Bagger und Raupen, über die mitunter allmächtig wirkenden Maßnahmen der Wildbach- und Lawinenverbauung, über Zahlungen aus Katastrophenfonds und internationale Solidarität verfügen können. Wie hat sich der von Naturgewalten heimgesuchte Mensch geholfen?

Die mächtigste Hilfe kam in allen Weltteilen und bei allen Völkern aus dem Glauben, aus der religio, aus einem Kult. Das alles seit Jahrtausenden mit Gebeten, mit Verlobungen und Versprechungen, mit Gelöbnissen und mit Darstellungen zur Erinnerung. Sogenannte „Martertäfelchen“ erinnern an Ereignisse, die Jahrhunderte zurückliegen. Es ist Katastrophenbewältigung aus dem Glauben heraus. Der Mensch betet oder er flucht. Alle Mittel der Vorbeugung, also der Prävention, versagen in extremen Situationen.

Wir wissen von vielen Dörfern in den Alpen, die durch Lawinen oder Muren zerstört worden sind, dem Erdboden gleichgemacht und niemals mehr aufgebaut worden sind. Die Menschen sind geflohen.

Zur Bewältigung können aber auch Schilderungen beitragen, dramatische und bis ins Traumatische gesteigerte Augenzeugenberichte und Dokumente gelebter, praktizierter Solidarität und Nachbarschaftshilfe; auch als Mahnung für morgen und übermorgen, auch gegenwärtig und beispielhaft gegen die überaus bedrohlichen Auswirkungen des „Klimawandels“ und konkret des Hinaufrückens des Permafrostes um Hunderte von Metern. Es sind neue und beinahe apokalyptische Szenarien, auch noch verstärkt durch brutale Natureingriffe eines mitunter aus den Fugen geratenen Massen-Tourismus bis hinauf in die Gletscherregionen.

Unser Naturkatastrophen-Lesebuch aus beinahe allen Teilen der Alpen besteht in der Hauptsache aus vielfältigen Zeugnissen von „Katastrophenbewältigung“; zumeist erschütternd und ergreifend.

Einleitung

Was ist eine Naturkatastrophe?

Erst die Auswirkungen auf Menschen und ihre Zivilisation macht das große Naturereignis zur Katastrophe.

Aber wie kann man „Naturkatastrophe“ überhaupt definieren? Josef Nussbaumer umreißt in seinem Buch „Die Gewalt der Natur. Eine Chronik der Naturkatastrophen von 1500 bis heute“ den Begriff:

„Im Wesentlichen sind es drei inhaltliche Kriterien, die bei den Definitionsversuchen meist herangezogen werden. Erstens wird die Anzahl der Todesopfer (oder der in Todesgefahr Schwebenden), zweitens die Anzahl der Verletzten (eventuell auch der Betroffenen) und drittens werden die Sachwertverluste (meist in Geldeinheiten) herangezogen …

So beginnt eine Katastrophe bei manchen Autoren bereits bei 10 Todesopfern, andere Autoren lassen eine Katastrophe erst bei 100 und mehr Toten beginnen, wieder andere sprechen von einer Katastrophe erst, wenn ‚zwischen 1000 und 1 Million Tote …‘ (Daily Telegraph, London, 1962) zu verzeichnen sind …“ (Nussbaumer, S. 15)

Gemäß der letztgenannten Definition hätte es im Alpenraum in historischer Zeit keine einzige wirkliche Naturkatastrophe gegeben. Im engeren Sinn der Definition gab es im Alpenraum in historischer Zeit hunderte „Naturkatastrophen“ mit mindestens jeweils mehr als 10 Toten.

Maßstab sind aber auch Sachschäden. Gemäß der Intention der Münchner Rück als wichtigstem und anerkanntem Versicherer auch von Naturereignissen stehen die messbaren Sachschäden im Vordergrund.

Die Toten sind keine messbare Dimension. Der Verlust von Menschenleben ist eine kulturelle und eine soziale Größe. Dann erst zählt die Sache: der Hof, die Scheune, der Stall, das tote Vieh (auch das ist „messbar“), die weggerissene Straße, die zerstörte Brücke.

Die „Encyclopédie des Alpes“, die große Alpen-Enzyklopädie aus dem französischen Glénat-Verlag, widmet dem Thema Naturkatastrophen ein kleines Kapitel:

Als Definition für Naturkatastrophen wird die von den Vereinten Nationen anlässlich des Jahrzehnts zur Reduzierung von Naturkatastrophen in den 1990er Jahren formulierte wiedergegeben: „Eine Katastrophe ist die Unterbrechung der Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft, die Verluste an Menschenleben, Sachwerten und Umweltgütern verursacht und die Fähigkeit der betroffenen Gesellschaft aus eigener Kraft damit fertig zu werden, übersteigt“. Gemäß dieser Definition gibt es daher keine Naturkatastro-phe ohne eine betroffene menschliche Besiedlung.

Mit der Bevölkerungsentwicklung seit den 1960er Jahren kam es zu häufigeren Schäden und Kata-strophen. Das Bevölkerungswachstum in manchen Regionen führte dazu, dass vormals nicht besiedelte Gebiete – beispielsweise in der Nähe von Flussbetten – nun bebaut wurden.

Die Permafrostgrenze ist laut Schweizer Forschern im Laufe des 20. Jahrhunderts um 150 bis 250 Meter in die Höhe gewandert, was die Labilität von Hängen erhöhte und den Abgang von Muren förderte.

Die Datenbank „Centre de recherche sur l’épidémiologie des désastres (CRED)“ (Zentrum zur Erforschung der Epidemiologie von Katastrophen) in Louvain-la-Neuve in Belgien verzeichnet für die Alpen keine besondere Häufigkeit oder Schwere von Katastrophen. Das Forschungszentrum sammelt die Daten der großen Rückversicherer und unterwirft sie einer kritischen Analyse. Für die drei am stärksten alpin geprägten Länder im Alpenraum – Schweiz, Österreich und Slowenien – finden sich in der Datenbank 27, 23 bzw. 1 Katastrophe im Zeitraum von 1975 bis 2001. Unter den angeführten Katastrophen sind außerdem einige nicht spezifisch alpine Ereignisse. Für den gleichen Zeitraum finden sich für Bangladesch mit einer durchschnittlichen Höhe von unter 30 Metern 150 Katastrophen. Auch die Schwere – in Bezug auf Opferzahlen und Höhe der finanziellen Schäden – der Naturkatastrophen im Alpenraum ist im Vergleich zu außeralpinen Ereignissen gering. Das Erdbeben von Kobe in Japan verursachte Schäden in der Höhe von zweihundert Milliarden Dollar. Die Schäden des sogenannten Jahrhundert-Hochwassers 1991 in Österreich, das drei Städte verwüstete, wurden hingegen nur auf 82 Millionen Dollar geschätzt. Und nur die erste der drei genannten Städte (Salzburg, Linz und Krems) kann als alpin bezeichnet werden.

Das CRED erachtet ein Ereignis erst dann als Katastrophe, wenn es mindestens 10 Tote oder 100 Betroffene gibt oder wenn Hilfe von auswärts nötig ist. In der „Encyclopédie des Alpes“ wird die Frage aufgeworfen, ob diese Kriterien auch auf die Alpen anwendbar sind. So wären beispielsweise die Überschwemmungen im August 1987 im Martelltal, hätten sie sich in China ereignet, weitgehend unbeachtet geblieben. (Auszug aus Encyclopédie des Alpes, S. 79–82, Übersetzung aus dem Französischen von Barbara Haid)

Noch ein Wort zum Klimawandel: Die Fragen der Experten und der Politik nach den Folgen und Auswirkungen, vor allem der künftigen Szenarien, sind je nach Ideologie verschieden. Die weitaus überwiegende Zahl der international anerkannten Experten der einschlägigen Wissenschaftsbereiche stellen jedoch die Mitwirkung des Menschen als Faktum hin.

Naturkatastrophen des Hochgebirges – Lawinen

Der Föhn braust über die Alpen. Er umspielt die Grate mit ihren Schneebalkonen und stürzt sich in die Kare, wo schwere Schneelasten die Steilhänge bedecken. Der Schnee sitzt nur lose, hängt gleichsam auf den Felsen und ist jeden Augenblick zum Abgehen bereit. Schon wirft die höher steigende Sonne ihren wärmenden Schein auf die Hänge, da zerreißt ein Knall die Stille des Tales. Eine Gratwächte ist abgebrochen und auf den Schneehang gestürzt. Einen Augenblick ist es still, da beginnt ein rasch anwachsendes Rauschen und Poltern. Die Schneedecke ist in Bewegung geraten, immer breiter und breiter. Dumpfer Donner erschallt mit heftigen Schlägen dazwischen, und bald ist der ganze Hang ein sturmgepeitschtes, wogendes Meer, in dem alles brodelt und wirbelt und haushohe Wogen emporspringen. Jetzt stürzt die tosende Masse aufbrüllend über eine Wand. Wie hundertfältiges Geschützfeuer hallt es von den Hängen, und mächtige Schneewolken steigen gleich Dampfsäulen zum Himmel empor.

Das Wüten hat nun den ganzen Gebirgskessel erfaßt, das weiße Ungetüm stürzt auf das Tal los. Auf dem Boden des Kares findet es den ersten Widerstand. Hoch schießt es auf der anderen Seite hinauf. Doch bevor es die Stelle erreicht hat, braust der Lawinensturm, die gepreßte Luft, die der Schneestrom vor sich herjagt, mit unwiderstehlicher Gewalt heran und legt einen Wald nieder, der sich hoch oben am Abhang in scheinbarer Sicherheit befand. Die dicken Stämme brechen wie Zündhölzer, man sieht abgebrochene Baumkronen durch die Luft fliegen, dann stürmt die Lawine, hoch aufschießend, über das Leichenfeld. Der Berg erdröhnt, Finsternis liegt über der Landschaft, denn bergehoch wirbeln dichte Schneestaubwolken empor und verwehren dem Sonnenlicht jeglichen Zutritt. Darunter aber geht das Wüten weiter, bis die Kraft der Lawine erlahmt ist. Dann wird das ohrenbetäubende Krachen zum fernen Donnerrollen und kommt, dumpf verhallend, allmählich zur Ruhe.

Die Lawine ist bekanntlich ein Schneerutsch von steiler Bergeslehne, ganz ähnlich, wie man ihn bei Tauwetter an den beschneiten Dächern der Stadt beobachten kann, nur in ganz ungeheuren Ausmaßen. Sie ist eines der großartigsten unter den häufigeren Naturereignissen der Erde.

aus: Benesch, Gewalten der Berge, S. 143–144

Bionnassay-Gletscher 1892

In der Nacht vom 11. auf 12. Juli 1892 brachen im Gletscher von Bionnassay zwei große „Wasserstuben“ aus. „Wasserstuben“ sind Hohlräume im Gletscher, in denen sich Wasser ansammelt. Zwei auf diese Weise entstandene „Wasserstuben“ im Ausmaß von etwa 20 m Höhe und 38 m Länge mussten sich innerhalb von drei oder vier Monaten gebildet haben.

Mit dem Wasser aus dem bisher gefüllten Hohlraum brach eine gewaltige Menge Eis und Schutt ins Tal.

Die Flut zerstörte den Weiler Bionnay, die Badeanlage des Nobel-Badeortes Saint-Gervais-les-Bains und den Ort Le Fayet. Insgesamt starben 130 Personen in der Flutwelle.

Ähnliche Ausbrüche ereigneten sich an diesem Gletscher auch wieder 1894 und 1896. Im Jahre 1901 wurde eine weitere Wasserstube entdeckt. Durch zwei bis zu 200 m lange Eis- und Felsstollen, die in den Jahren 1899 und 1904 angelegt wurden, konnten weitere Katastrophen verhindert werden.

Zur Erinnerung an eine der größten Gletscher- und Wasserkatastrophen der Alpen vom 12. Juli 1892 brachte die französische Zeitschrift „Alpes Magazine“ vom Nov./Dez. 1992 einen Bericht unter dem Titel „Une vague dans la vallée“.

Vom 4304 m hohen Dôme du Goûter fließt der Glacier de Bionnassay zu Tal. In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1892, kurz nach ein Uhr barsten zwei riesige Wasserstuben, also mit Wasser gefüllte Hohlräume, im Gletscher. Rund 200.000 Kubikmeter Wasser stürzten zu Tal. Dabei riss das Wasser große Mengen Eis und Schutt mit sich. Diese Masse von geschätzten 900.000 Kubikmeter brach aus einer Höhe von ca. 3100 m Seehöhe über die Desert de Pierre Ronde ins Tal von Bionnassay.

Beim Eintritt ins Tal Montjoie zerstörte dieser gewaltige Wassersturz, vermischt mit Eis, Steinen und Geröll, den Weiler Bionnay fast vollständig. Dabei wurden 12 Häuser von der Flut mitgerissen. 24 Bewohner starben. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von rund 50 km pro Stunde näherte sich dieses todbringende Monster den pompösen Badeanlagen von Saint-Gervais-les-Bains. 19 Minuten nach Ausbruch des Wassers hatte die Flut bereits die Badeanlagen erreicht. Mit unvorstellbarer Wucht wurde binnen weniger Sekunden das berühmte Bad verwüstet. Nur sieben Angestellte überlebten die Naturkatastrophe. 71 Badegäste ertranken oder wurden erdrückt, erschlagen, mitgewälzt. Lediglich 36 Leichen der Badegäste konnten geborgen werden. Im nächsten Ort Le Fayet schließlich riss die Flut noch weitere acht Häuser mit. Dabei kamen weitere 12 Personen ums Leben. Die Gesamtzahl der Toten betrug 130 Personen.

aus: „Alpes Magazine“, Ausgabe Nov./Dez. 1992

Wie unvorbereitet und mit welcher enormen Gewalt der Gletschersturz die Bevölkerung und die Kurgäste von St. Gervais traf, macht die eindrückliche Darstellung von Fritz Benesch deutlich:

Gletschersturz mit Wasserausbruch in St. Gervais 1892

Als der unheilvollste Gletschersturz in unserem Erdteile ist der von St. Gervais zu bezeichnen. Er ging am 12. Juli 1892 mit einem verheerenden Wasserausbruch vor sich. St. Gervais ist ein bekanntes Bad an der Westseite des Montblanc und liegt an einem Gebirgsbach, der von den Gletschern des Dome du Goûter an den Südhängen des Gebirgsstockes herabkommt. Das Ereignis trat ohne das geringste vorherige Anzeichen mitten in der Nacht ein. Von den wenigen Überlebenden hatte es nur einer, ein Kurgast, herannahen gesehen. Er lag zufällig schlaflos in seinem Bett, als sich bald nach 2 Uhr nachts ein Brausen erhob, das näher und näher kam und mächtig anschwoll. Erschreckt eilte er zum Fenster und sah bei Mondlicht aus dem Talhintergrunde eine breite, dunkle Masse mit weißen Ungetümen daherkommen. Der Boden begann wie bei einem Erbeben zu zittern, und der Lärm steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden Donnern und Krachen. In Todesangst sprang der Mann auf der Bergseite aus dem Fenster, eine Dame, die gleichfalls rechtzeitig erwacht war, ihm nach. Da kam schon die erste, haushohe Woge brausend heran, und hinter ihr wälzten sich polternd und dröhnend haushohe Eis- und Felsblöcke daher. Den beiden gelang es noch, eine Felswand unter der Kirche zu erreichen, da sahen sie, wie die drei Hauptgebäude des Bades schwankten und krachend zusammenstürzten. Gleich darauf versank das vierte Gebäude in den Fluten. Vom fünften blieb nur noch der gegen den Berg gerichtete Flügel stehen, aus dem noch an zwölf Menschen hervorkrochen und den Abhang hinaufliefen. Von den übrigen Bewohnern des Bades, mindestens achtzig an der Zahl, war nichts mehr zu sehen.

Das Unglück konnte erst nach einer Woche einigermaßen überblickt werden. Gleich dem Bade waren auch zwei im gleichen Tale unterhalb liegende Ortschaften vom Erdboden verschwunden. In Bionnassay, wo das Tal sich verengt, war das Wasser 30 m hoch dahergekommen. Im Weiler Fayet stürzten schon beim ersten Anprall der Wogen zehn Häuser krachend zusammen. Ein Holzhaus wurde aus den Grundfesten gehoben und davongetragen. Man fand es am nächsten Tag 500 m weiter unten im Tal. Es war wenig beschädigt, aber bis zum ersten Stock im Schlamm vergraben. Seine einzige Bewohnerin, eine alte Frau, war wie durch ein Wunder mit dem Leben davongekommen. Ein furchtbarer Stoß hatte sie zum Fenster hinausgeschleudert. Dabei fiel sie auf einen daherschwimmenden Eisblock, der bald darauf ans Ufer trieb.

Als gegen Morgengrauen die ersten Leichen in das Tal der Arve hinaustrieben, telegraphierte man nach Genf, wo in wenigen Stunden ein großer Rechen quer über den Fluß gebaut wurde. Längs des Wasserlaufes wurde eine Postenkette mit Stangen und Leitern aufgestellt und an sechs Punkten verankert. Diese Vorkehrung erwies sich als äußerst nützlich, denn bei den hochgehenden Wogen der Arve hätte man ohne die Talsperre nur einen kleinen Teil der Leichen geborgen.

Die meisten Leichen waren unbekleidet und nur wenige davon nicht verstümmelt. Die Fels- und Eisblöcke, die das Wasser vor sich hertrieb, mußten viele von ihnen zermalmt haben. Noch um 4 Uhr nachmittags schwammen in Genf nebst zerbrochenen Fensterläden, Geländern, Hüten, Kleidern und allerlei Hausrat Leichen und Leichenteile auf den hochgehenden Wogen daher. Selbst als sich das Wasser wieder verlaufen hatte, grub man noch tagelang Leichen aus dem Schutt und schwarzen Schlamm, der das verwüstete Tal überdeckte. Der Gletschersturz hatte mehr als zweihundert Menschen das Leben gekostet. Dabei war vom ersten Augenblick des Ereignisses bis zum letzten Notschrei kaum eine halbe Stunde vergangen.

Bergführer, die einige Zeit darauf die Quelle des Unheils aufsuchten, stellten folgendes fest: In der Höhe von 3500 m hatte sich im Gletscher Tête Rousse eine Reihe von „Wassersäcken“ gebildet, die durch den wachsenden Druck platzten und die Gletschermasse mitrissen. See und Gletscher stürzten sich dann auf eine hohe Seitenmoräne, durchwühlten sie vom Grund auf, so daß sie einstürzte, und nun wälzte der ungeheure Wasserschwall Eis- und Granitblöcke von Hausgröße unaufhaltsam zu Tal. In der Schlucht unterhalb Bionassay konnte man später an den Spuren der Zerstörung feststellen, daß das Hochwasser 100 m Tiefe erreicht hatte.

Die Menge des hervorgebrochenen Wassers wurde auf 100 000, die der noch aufgefundenen Eisblöcke auf 90 000 cbm geschätzt, der größte Teil des Eises aber wurde gleich den Felsblöcken fortgeschwemmt. Ein Riesenfelsblock von 500 Tonnen liegt jetzt an Stelle des früheren Speisesaales der Kuranstalt.

Das Bersten des Gletschers geschah unter donnerähnlichem Krachen. Dabei wurde die Luft mit solcher Heftigkeit vorgetrieben, daß Bäume entwurzelt und Almhütten abgedeckt wurden.

aus: Benesch, Gewalten der Berge, S. 170–173

Bergemoletto 1755

Am 19. März 1755 gingen in dem kleinen Ort Berge-moletto bei Stura di Demonte (Provinz Cuneo, Piemont) zwei Riesenlawinen ab und verschütteten 22 Personen.

Drei Frauen wurden in einem Stall unter einer Schneedecke von rund 20 Metern begraben. Am 25. April, also nach 36 Tagen, konnten die drei vollkommen abgemagerten Frauen gefunden und gerettet werden.

Charlie English berichtet in „Das Buch vom Schnee“ über das Ereignis:

Die vielleicht grausigste Geschichte von Menschen, die eine Lawine überlebt hatten, datiert vom 19. März 1755, als das Dorf Bergemoletto in den italienischen Alpen von einer ganzen Serie von Schneeabgängen praktisch ausgelöscht und drei Frauen, Maria Anna Roccia Bruno, Mitte vierzig, ihre Schwägerin Anna Roccia, über zwanzig, und die elfjährige Margarete Roccia, unter den Schneemassen begraben wurden. Sie waren zusammen mit Maria Annas 16-jährigem Sohn Antonio im Stall bei den sechs Ziegen, dem Esel und den fünf oder sechs Hennen gewesen, als Maria Anna ein Stück weiter östlich die Schneemassen den Berg hinabrollen sah und eilig die Stalltür zuschlug. Sie hörten noch, wie über ihren Köpfen das Dach zusammenbrach, und als das gewaltige Donnern und Brüllen vorüber war, fanden sie sich in einem kleinen, kaum einen Meter breiten Hohlraum wieder. Der Stall lag unter gut 13 Metern Schnee begraben. Die meisten Tiere waren getötet worden und fingen schon bald an zu stinken, nur zwei Ziegen, von denen eine trächtig war, hatten überlebt. Eine Zeitlang ernährten sich die vier von der Milch der ersten Ziege, und als die starb, brachte die zweite ihr Junges zur Welt. Am sechsten Tag wurde Maria Annas Sohn Antonio krank. Er überlebte noch sechs Tage, dann starb er – der schrecklichste Moment des ganzen Martyriums – im Schoß seiner Mutter.

aus: English, Das Buch vom Schnee, S. 159–160

Walther Flaig schildert in seinem Lawinen-Buch eindrücklich, wie die drei Frauen 36 Tage unter der Lawine von Bergemoletto begraben überlebten:

Bergemoletto – 900 Stunden lebend begraben

1755. Aus diesem Jahre ist eine Lawinengeschichte überliefert (und durch den beglaubigten Bericht einer Überlebenden belegt), die als die seltsamste und glücklichste Rettung aus Lawinennot gelten darf, die jemals Menschen widerfuhr: Am 19. März 1755 wurde der kleine italienische Ort Bergemoletto bei Stura di Demonte (Provinz Cuneo, Piemont) von zwei Riesenlawinen verschüttet und 22 Personen begraben. Die Lawinenkegel waren so mächtig, daß man schließlich die Bergung als hoffnungslos aufgab. Ein gewisser Rochia, der die Lawine kommen sah und entfliehen konnte, begann nach 5 Tagen selbständig Stollen in den Schnee zu treiben, um sein völlig verschüttetes Haus und seine Frau, Schwester und 2 Kinder zu suchen, damit er sie wenigstens begraben könne.

Lassen wir jetzt der Urkunde (41) selber das Wort: