Titel

Adolf Holl

Jesus in schlechter Gesellschaft

Widmung

Für I. S.

Vorwort

Im Juli 1971, einen Monat nach dem Erscheinen der Erstauflage meines Buches über Jesus als sozialen Außenseiter, erhielt ich ein Schreiben des Erzbischofs von Wien, Franz Kardinal König. Ich las: „Sie lehnen in diesem Buch das Priestertum ab, ebenso die institutionelle Kirche, die Ihrer Meinung nach Jesus nicht gewollt hat. Für Sie ist Jesus ein hervorragender Mensch, der nach seinem Tod zu einem Gott gemacht wurde. Das haben andere auch schon vor Ihnen gesagt. Sie sind aber der erste Priester, der dies tut. Als Priester müssen Sie wissen, dass mit der Gottessohnschaft Jesu das gesamte Christentum steht und fällt. Sie leben von der Kirche, leben Sie aber auch noch in der Kirche?“

Das, was ich vor 40 Jahren über Jesus schrieb, hat mein Leben verändert. Die ursprüngliche Inspiration dazu hatte ich in den ersten Tagen des Jahres 1968, am Schreibtisch meiner Kaplanswohnung in Wien-Neulerchenfeld, während der Vorbereitung einer Predigt über den Halbsatz aus dem Prolog des Johannesevangeliums: „Die nicht aus dem Blute, nicht aus dem Begehren des Fleisches, nicht aus dem Begehren des Mannes, sondern aus Gott gezeugt sind.“ Ich war gewohnt, den Vers als Absage an die Fleischeslust zu verstehen. Dann hatte ich einen befreienden Einfall. Was wäre, so dachte ich, wenn der Evangelist nicht die geschlechtliche Liebe denunzieren wollte, sondern eine radikale Kritik an der ehrwürdigen Einrichtung der Familie formulierte?

Erst später wurde mir klar, dass ich aus Jesus Christus einen heiligen Anarchisten gemacht hatte, wie Friedrich Nietzsche in seiner Streitschrift Der Antichrist von 1888. Zu diesem Jesus lässt sich nicht beten. Er ist fremd, irritierend, wild und schön, eine Stimme von einem anderen Stern, ein kosmischer Pilger, der in der Wüste gelandet ist, zur Verwunderung der Nomaden. Wer ihm einmal begegnet ist, fühlt sich auf der Erde nicht mehr ganz heimisch.

Das Buch wurde ein Bestseller und in zehn Sprachen übersetzt. In Brasilien wurde es zu einer Grundschrift der Befreiungstheologie. Wer es heute in die Hand nimmt, wird mit dem Schock eines jungen Priesters konfrontiert, der zu seiner Bestürzung erkennen musste, dass sein Amt mit den Absichten seines geliebten Meisters nichts zu tun hatte.

In den letzten Jahren sind allein im deutschsprachigen Raum Dutzende Bücher über Jesus Christus erschienen. Gleichwohl habe ich darauf verzichtet, dieser Ausgabe eine aktualisierte Bibliographie anzuhängen. Warum auch. Die Einsichten und Themen meines Buches sind nie wiederlegt worden, und auch die exegetische Forschung der letzten Zeit hat sie eher bestätigt als entkräftet.

Mittlerweile fühle ich mich wie ein Priester, der in Frühpension geschickt wurde. Zwar besuche ich keine Gottesdienste, aber gelegentlich setze ich mich am Nachmittag in eine schöne Kirche und weiß, warum ich von Jesus noch immer nicht in Ruhe gelassen werde. Das verrate ich aber lieber nicht, aus Gründen der politischen Korrektheit.

Ein erstaunlicher Lebenslauf

Jesus wurde einige Jahre vor Christi Geburt geboren, weil sich ein Kalendermacher aus dem Mittelalter ge­irrt hat. Die heutige Wissenschaft setzt die Geburt Jesu zwischen 4 und 6 vor Christi Geburt an, und das ist – zusammen mit seiner Hinrichtung um 30 nach Christi Geburt – so ziemlich alles, worüber unter den Erforschern des Lebens Jesu Einigkeit herrscht.

Manche Gelehrte bestreiten sogar die Tatsache, daß Jesus überhaupt gelebt hat, und fassen ihn als Mythe auf. Dessenungeachtet beten heute rund eine Milliarde Menschen zu diesem Jesus; rund ein Drittel der Weltbevölkerung nennt sich Christen.

Bestenfalls drei Jahre, wahrscheinlich jedoch nur zwei Jahre, möglicherweise nur einige Monate hat Jesus gepredigt. Was vorher war, wird weitgehend verschwiegen – von jenen schriftlichen Quellen, auf die allein wir angewiesen bleiben, nämlich den vier „Evangelien“ nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes. Wohl erzählen Matthäus und Lukas einige wundersame Begebenheiten rund um die Geburt des göttlichen Kindes im Stall von Bethlehem, doch wird das Interesse an genaueren biographischen Angaben über die Person Jesu dadurch nicht zufriedengestellt.

Jesus ist sozusagen plötzlich da: Da kam Jesus von Nazaret in Galiläa zu Johannes an den Jordan, um sich von ihm taufen zu lassen (Matthäus, Markus); als Jesus auftrat, war er ungefähr 30 Jahre alt und war, wie man glaubte, der Sohn Josephs (Lukas); am folgenden Tage sieht der Täufer Jesus auf sich zukommen (Johannes).

Nur das Johannesevangelium nennt in diesem Zu­sammenhang einen Ortsnamen: Betanien, jenseits des Jordan. Dorthin also, in die Gegend der Einmündung des Jordanflusses in das Tote Meer, unweit der alten Stadt Jericho, mag Jesus gegangen sein, um sich der Bußtaufe des Johannes zu unterziehen. Bald danach wird man von ihm zu reden beginnen; jedoch selbst in den Evangelien ist jene Frage stehengeblieben, die sich jedem Interessierten ganz von selbst stellt: Wieso kennt dieser die Schriften, ohne Unterricht erhalten zu haben?

Unbekanntes Vorleben

Die Lücke zwischen den Kindheitsgeschichten Jesu und dem Einsetzen der Berichterstattung von seinem Auftreten in der Öffentlichkeit ist groß. Lediglich Lukas unterbricht dieses allgemeine Schweigen – ein einziges Mal: Und seine Eltern zogen jedes Jahr am Osterfest nach Jerusalem; als er zwölf Jahre alt war, gingen sie der Festsitte gemäß hinauf.

In dieser Legende bleibt Jesus – von seinen Eltern unbemerkt – bei den „Lehrern“ im Tempel, erregt dort allgemeines Staunen durch seine Antworten, wird schließlich entdeckt und kehrt folgsam nach Nazaret zurück: Und Jesus nahm zu an Weisheit und Alter und Gnade vor Gott und den Menschen.

Mehr zu berichten, hält selbst Lukas nicht für notwendig. Offenbar liegt ihm lediglich daran, seinen Lesern klarzumachen, daß Jesus in keine Schule zu gehen brauchte. Seine Kenntnisse in den jüdischen Schriften, ja Lesen und Schreiben überhaupt hätte er demzufolge von anderswo bezogen: von „oben“, also von Gott.

Mit diesem Hinweis wird allerdings die Informa­tionslücke bezüglich des Vorlebens Jesu nicht geschlossen; nicht Auskunft wird hier erteilt, sondern eine wunderbare Erklärung für die offenbar vorausgesetzte Tatsache geboten, daß Jesus in den heiligen Schriften Bescheid wußte.

Daß dies in der Tat der Fall war, darf mit einiger Wahrscheinlichkeit angenommen werden. Öfter wird Jesus mit „Rabbi“ angeredet, was so viel wie „Meister“ bedeutet. Ein solcher Rab hatte jedoch in der damaligen jüdischen Gesellschaft meist eine lange und gründliche Ausbildung hinter sich. Zwei bis drei Jahrzehnte, von Kindheit an, hatte einer zu lernen, bis er selber Lehrer sich nennen durfte. Diese hohen Standards der Bildung hängen mit der Tatsache zusammen, daß die jüdische Gesellschaft zu den ersten gehört, die zur damaligen Zeit eine schriftkundige Oberschicht besaß.

Nirgends allerdings findet sich ein Hinweis dafür, daß Jesus der Standesgruppe der Schriftgelehrten angehört hätte; ganz im Gegenteil steht er in einem scharfen Gegensatz zu ihnen, insbesondere zu einer ihrer Hauptrichtungen, den sogenannten Pharisäern, und beschuldigt sie der Heuchelei. Auch in den seit 1947 entdeckten Schriften von Qumran werden die Pharisäer Heuchler genannt. Und Qumran liegt nicht sehr weit von jener Gegend, in der Jesus nach der Überlieferung zuerst öffentlich auftrat. Darf man vermuten, daß Jesus der Wüstenbruderschaft der Essener angehört hat, die damals am Nordwestufer des Toten Meeres lebte und über deren Sitten und Lehren die neuerdings gefundenen Qumran-Texte berichten? Hat Jesus vielleicht bei ihnen jene Ausbildung erhalten, die ihm den vertrauten Umgang mit den heiligen Büchern ermöglichte?

Wir wissen es nicht. Die Frage nach der schulischen, beruflichen Ausbildung Jesu – nach modernen Gesichtspunkten bei jeder Stellenbewerbung eine Selbstverständlichkeit – bleibt unbeantwortet.

Offen bleibt auch die Rubrik des Familienstandes. Ob Jesus ledig oder verheiratet war, wird nirgendwo erwähnt. Dabei ist die Vorstellung eines verheirateten Jesus der christlichen Überlieferung unerträglich, bis heute. Die Evangelien jedoch schweigen über diesen Punkt, sie erwähnen ihn nicht einmal. Nun kann man wohl das Argument vorbringen, daß die Evangelien eben deshalb nichts über eine Ehe Jesu schreiben, weil er eben ledig war. Ein Argument dieser Art – aus dem Verschweigen eines Sachverhaltes bestimmte Schlüsse zu ziehen – wird jedoch von den Historikern mit Recht nicht zugelassen; denn auch das Gegenteil wäre möglich, in unserem Fall also ein verheirateter Jesus, der seine Frau verließ, um sich seiner Sendung zu widmen. Das Schweigen der Quellen würde sich dann daraus erklären, daß ihnen die Ehe Jesu entweder gleichgültig oder sogar unangenehm war.

Abermals bewegt man sich in Vermutungen und Angemessenheitsgründen, im Bereich des Wahrscheinlichen und Unwahrscheinlichen. Sicherheit wird damit jedoch nicht erreicht, das steht fest.

Ob (bei Markus) ursprünglich Joseph oder Jesus selbst als Zimmermann bezeichnet wird, ist textkritisch strittig. Die moderne Wissenschaft setzt ein Fragezeichen dorthin, wo der fromme Sinn die heilige Familie erblickt – den heranwachsenden Jesus an der Seite Josephs in der Werkstätte zu Nazaret, mit Maria, der jungfräulichen Mutter. Ein still verborgenes Leben als Handwerker im engsten Familienkreis – ist dies die Antwort auf die Frage nach dem Vorleben Jesu?

Die wissenschaftliche Forschung hält diesbezüglich nur ein Fragezeichen bereit. Mehrere Fragezeichen, um genau zu sein. Denn fraglich ist, wer eigentlich jene „Brüder“ und „Schwestern“ Jesu waren, die gelegentlich in den Evangelien erwähnt werden (darüber später), fraglich auch die genaue Bedeutung der beiden Stammbäume Jesu (Matthäus, Lukas), die in der Tat unterschiedliche Angaben über die Vorfahren Jesu beziehungsweise Josephs machen.

Festzuhalten bleibt: Herkunft, Ausbildung und Vorleben Jesu bleiben weitgehend im Dunkeln. Man mag derlei Fragen als müßig bezeichnen – berechtigt sind sie jedenfalls. Und bemerkenswert bleibt die Tatsache, daß man über eine Person von der starken Wirkung Jesu so wenig biographische Angaben bekommt. Unter allen maßgebenden religiösen Persönlichkeiten, die man später Religionsstifter genannt hat, wird nur Jesus in bezug auf seinen Werdegang mit Schweigen umgeben.

Zwischen Kapharnaum und Jerusalem

Jesus beginnt im Land Palästina herumzuwandern und zu predigen: Glaubt der guten Nachricht. Eine Karawane der damaligen Zeit benötigte etwa eine Woche, um das Gebiet der Wirksamkeit Jesu von Norden nach Süden zu durchqueren. Ein kleines Land also. Im Norden die Landschaft Galiläa mit dem See Genesaret, an dessen Nordufer Kapharnaum lag; dort hielt sich Jesus gerne auf, aus dieser Gegend stammten seine engsten Anhänger, die ihn ständig begleiteten: die Jünger, auch Apostel genannt. Im gebirgigen Süden liegt Jerusalem, die Hauptstadt, mit dem Tempel. Zwischen diesen beiden Orten ereignet sich – im großen und ganzen – das uns bekannte Leben Jesu; kaum 200 Straßenkilometer liegen zwischen Kapharnaum und Jerusalem.

Die Evangelien nennen nur wenige Ortsnamen im Zusammenhang mit den Wanderungen Jesu; Kana in Galiläa wird genannt, als Ort der wunderbaren Verwandlung von Wasser und Wein, dann Nain, ebenfalls im Norden, wo Jesus einen Toten auferweckt; schließlich der Heimatort Jesu, Nazaret (er zählt heute rund 40 000 Einwohner). Weiter südlich, in der Landschaft Judäa, wird Jericho am Jordan erwähnt; Ephraim, wohin sich Jesus angesichts der bereits drohenden Verhaftung noch einmal zurückzieht, wird einmal genannt. Damit ist die Liste der Bezugspunkte nahezu erschöpft. Aus diesen dürftigen Angaben einen Zeitablauf der Wirksamkeit Jesu zu rekonstruieren ist unmöglich. Lediglich das Johannesevangelium berichtet über mehrere Reisen Jesu nach Jerusalem, wenn ein religiöses Fest gefeiert wurde. Die anderen drei Evangelien beschränken ihre Erzählungen in der Hauptsache auf die Landschaft Galiläa, und hier wiederum auf das Nordufer des Sees Genesaret. Matthäus erwähnt eine Wanderung Jesu noch weiter in den Norden hinauf, bis nach Cäsarea Philippi, in der Nähe der Jordanquellen.

Alles in allem: ein kleiner Schauplatz für jene Begebenheiten, deren wichtigste auch heute jedem von Kindheit an vertraut sind, der – als Abendländer – mit Bildern und Vorstellungen erfüllt ist, die auf die Bibel zurückgehen. Die Bergpredigt. Die wunderbare Brotvermehrung. Der fastende Jesus in der Wüste. Die Kreuzigung. Die Erscheinungen des Auferstandenen.

Viele fragen heute: Hat sich dies alles wirklich und wahrhaftig so zugetragen, wie uns erzählt wird? Wandelte Jesus tatsächlich auf dem Wasser des Sees, standen die Toten wirklich auf? Solche und viele weitere kritische Fragen wurden zumindest unter den Gebildeten seit dem 18. Jahrhundert gestellt. Seit Lessing die Schriften eines gewissen H. S. Reimarus unter dem Titel „Fragmente eines Wolfenbüttelschen Ungenannten“ herausbrachte (1774–1778), in denen die Auferstehung Jesu der Erfindungskraft der Jünger zugeschrieben wurde, gibt es ein gewaltiges Jesus-Schrifttum. Berühmte Männer wie der Philosoph Schleiermacher und der als Urwaldarzt bekannt gewordene Albert Schweitzer haben sich an der wissenschaftlichen Debatte um Jesus beteiligt. Diese Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen. Sie hat jedoch gewisse Ergebnisse gebracht, die zumindest in der wissenschaftlichen Welt kaum mehr angezweifelt werden. Wichtig ist dies: Die vier Evangelien als Hauptzeugen des Lebens Jesu können nicht zur Gänze als verläßliche Tatsachenberichte angesehen werden. Um zum geschichtlichen Kern vorzudringen, bedienen sich die Gelehrten heute ziemlich aufwendiger Methoden kritischer Textanalysen. Sie versuchen auf diese Weise, jene Jesus-Worte sicherzustellen, die aller Wahrscheinlichkeit nach tatsächlich von ihm selbst gesprochen wurden, im Gegensatz zu anderen Aussprüchen, deren Authentizität nicht so sicher ist und die möglicherweise auf die Arbeit der Evangelien-Verfasser zurückzuführen sind. Bislang ist es freilich noch keinem Gelehrten gelungen, eine Art Ur-Evangelium zweifelsfrei zu rekonstruieren. Und auch in der Beurteilung der Wundergeschichten scheiden sich die Geister. Sicher ist dies: Jesus zog im Land umher, er predigte eine „gute Nachricht“ (euangelion) vom nahe bevorstehenden „Reich Gottes“, und er mag auch manchem Kranken und seelisch Verstörten geholfen haben.

Nun aber das Erstaunliche dieses Wirkens, dem rund zwei Jahre genügten, um das in Bewegung zu bringen, was heute Christentum heißt. Vier „maßgebende Menschen“ nennt der Philosoph Karl Jaspers: Sokrates, Buddha, Konfuzius, Jesus. Sie haben eine geschichtliche Wirkung von unvergleichlichem Umfang und Tiefgang gehabt. Das Herausheben jener vier gehört zur Klarheit welthistorischen Bewußtseins.

Andere Autoren nennen Jesus einen Religionsstifter. Auf ihn geht eine der heutigen „Weltreligionen“ zurück – wie der Islam auf Mohammed, der Buddhismus auf Buddha.

Mit welchen vergleichbaren geschichtlichen Persönlichkeiten man Jesus auch immer in Zusammenhang bringt, und unter welchem Gesichtspunkt immer: erstaunlich ist die Kürze seines Wirkens deshalb, weil sie einmalig ist. Kein anderer der religiösen oder philosophischen Großen hat in so kurzer Zeit seine Lehren verbreitet. Keiner ist so jung gestorben wie Jesus.

Der Irrtum Jesu

Die Predigt und das Handeln Jesu stehen unter der Voraussetzung: Es sind einige unter euch, die hier stehen, welche den Tod nicht kosten werden, bis sie den Menschensohn kommen sehen mit seinem Reich. Der Menschensohn und sein Kommen – auf den Wolken des Himmels, wie Jesus an einer anderen Stelle sagt – wird im Zusammenhang mit dem Weltuntergang sich ereignen. Und dieser steht nahe bevor.

Jesus hat seine Predigt auf Israel beschränkt, und auch die Apostel dachten anfangs an nichts anderes. Die ersten Jahrzehnte des frühen Christentums waren geprägt vom Gedanken an das nahe Weltende. Erst nach und nach trat die Ernüchterung ein: Der Bräutigam läßt sich Zeit.

Von einem universellen, auf alle Völker sich erstreckenden Missionsbefehl Jesu kann historisch keine Rede sein – so lautet der wissenschaftliche Befund; entgegenlaufende Stellen in den Evangelien wurden erst später in den Mund Jesu gelegt. Manche Exegeten haben angenommen, Jesus hätte seine bitterste Enttäuschung erst sterbend erlebt. Bis zuletzt hätte er die Posaunen des Jüngsten Gerichtes erwartet. Andere meinen, Jesus hätte sich mit einer Art kurzer Zwischenzeit abgefunden, nachdem ihm die Unausweichlichkeit der tödlichen Bedrohung durch die Behörden klargeworden war – eine Zeit zwischen seinem Tod und dem Ende der Welt.

Die Katastrophe jedoch trat nicht ein, das Gericht wurde sozusagen vertagt und hiermit freilich auch all der Hoffnungsglanz des Reiches, der Himmel, dessentwegen Jesus seine Lehren eine gute Nachricht nannte, eine Botschaft der Freude für jene, die sich der Einladung zum Gesinnungswandel nicht entzogen.

Mehr noch. Jesu Erwartung eines nahe bevorstehenden Weltendes, mit völlig anderem Neubeginn, steht so sehr in Zusammenhang mit seinen Lehren, daß seine trotz Enttäuschung dieser Erwartung fortdauernde Wirkung geradezu unwahrscheinlich wirkt.

Wenn aber die Wirklichkeit des Weltuntergangs ausbleibt, ist der Sinn des Grundgedankens nicht aufgehoben (Jaspers). Der Grundgedanke Jesu, nämlich seine Aufforderung zur Entscheidung angesichts eines jedenfalls für jeden Menschen unausweichlichen Endes, war so stark, daß er durch den Irrtum Jesu nicht zersetzt werden konnte.

Diese Unverwüstlichkeit der Jesusgestalt hängt sicher mit der Art seines Sterbens zusammen. Jesus ist, ob man es will oder nicht, als der einzelne leidende und sterbende Mensch zurückgeblieben (Canetti). Für diese – durchaus jüdische – Leidenserfahrung Jesu wird der Hohn seiner Gegner belanglos, die ihm ein illusionäres Denken nachrechnen wollen: Wenn du der Sohn Gottes bist, dann steig herab vom Kreuz.

Drei Tatsachen

Wer wie Jesus im Bewußtsein eines baldigen Endes der Welt lebt, dem bedeuten die gesellschaftlichen Ordnungen wenig. An diesem Punkt setzt die Frage an, die den Gegenstand dieses Buches bildet: Wie hat sich Jesus zur Gesellschaft verhalten, in der er lebte?

Die Beantwortung dieser Frage wird in erster Linie bestimmt von jener Tatsache der Jesusbiographie, mit der diese endigt und die historisch am verläßlichsten ist: der Hinrichtung.

Nur Sokrates († 399 v. Chr.) hat unter den mit Jesus vergleichbaren geschichtlichen Persönlichkeiten ein ähnliches Schicksal erlitten; ihm wurde wegen Gottlosigkeit der Prozeß gemacht, wegen Verführung der Jugend auch. Er wurde zum Tod verurteilt und trank gelassen den Schierlingsbecher aus.

Jesus stirbt im Gegensatz zu Sokrates jung, und die Qual seines Todes nach überaus kurzer Wirksamkeit hat etwas sehr Heftiges an sich. Während die Gegner des Sokrates in Athen Jahrzehnte Zeit hatten, ihren Ärger über diesen Mann zum Vernichtungswillen zu verdichten, führte die Anstößigkeit des Verhaltens Jesu sehr viel schneller zur Katastrophe.

Bei Jesus tritt also – durch die Schnelligkeit der Entwicklung – deutlicher als bei Sokrates zutage, in welchem Gegensatz er sich zur Gesellschaft befand, zumindest was deren Repräsentanten anlangt. Dieser Gegensatz wurde als kriminell beurteilt und geahndet, die Hinrichtung geschah der Sitte gemäß außerhalb der Stadt, womit bedeutet wurde, daß sich der Delinquent außerhalb der geltenden Gesellschaftsordnung gestellt hatte. Die Tatsache der Hinrichtung Jesu allein und für sich selbst genommen genügt, um ihn als gesellschaftlichen Außenseiter zu kennzeichnen.

Dieser (soziologische) Befund wird durch zwei weitere geschichtliche Tatsachen gestützt, die im Leben Jesu ihre Wurzel haben und in ihrer Wirkung auf die Entwicklung der Sache Jesu deutlich erkennbar sind. Es handelt sich dabei um die Bedeutungslosigkeit der Sippe Jesu bei der Regelung der Führungsfrage in der nach dem Tod Jesu sich bildenden religiösen Bewegung und um die Tatsache der Ausbreitung des Christentums vorerst in den unteren sozialen Schichten des damaligen Mittelmeerraums.

In jedem der beiden Fälle tritt etwas Außenseiterisches auf. Denn die Vernachlässigung der Verwandtschaftsbeziehungen war – und ist teilweise noch heute – im Nahen Osten durchaus ungewöhnlich. Als erster Nachfolger Mohammeds, vergleichsweise, der ohne männlichen Nachfolger gestorben war, behauptete sich Abu Bakr, einer der Schwiegerväter des Propheten. Und in all den Nachfolgekämpfen der frühislamischen Entwicklung – der sogenannten Kalifatsfrage – spielt die Frage der Zugehörigkeit zur Sippe Mohammeds die entscheidende Rolle. Wohl hat es auch im frühesten Christentum ähnliche Tendenzen gegeben (darüber später), durchsetzen konnte sich die Sippe Jesu jedoch nicht, und darin liegt das Entscheidende. Selbst in der Herausbildung einer Priesterkaste innerhalb der jungen Christengemeinden, die als solche keineswegs auf Jesus rückführbar ist, setzte sich der Mangel an Familiensinn als religionsgeschichtliches Novum deutlich erkennbar durch: Die christliche Kirche der ersten Jahrhunderte bringt zum erstenmal in der Geschichte eine nicht erbliche Priesterklasse hervor. Denn in den bis dahin vorhandenen Kulturen der schriftlichen Epoche pflegte sich die Priesterwürde in den hierzu ausersehenen Familien zu vererben; damit war es mit dem Heraufkommen der christlichen Kirche im Raum des römischen Imperiums zu Ende.

Indifferenz gegenüber Geld, Besitz, gesellschaftlichem Ansehen: Jesus hat die Voraussetzungen für diese Haltung lieber bei den Unteren gesucht, bei den Armen und den gesellschaftlich Verfemten. Paulus hat für die Christen in Jerusalem Geld gesammelt; denn sie waren arm. Ein gewisser Kelsos machte sich um 180 n. Chr. über die ungebildeten christlichen Prediger lustig, die eher herumziehenden Handwerksburschen als philosophischen Lehrern glichen. Die Sorge um die Armen, die Waisenkinder, die Kranken war den Christengemeinden schon in den ersten Jahrhunderten wichtig; offenbar gab es viele Bedürftige unter ihnen. Diese ursprüngliche Verbreitung der christlichen Lehre in erster Linie unter den armen Schluckern von damals spricht für das Fortwirken eines außenseiterischen Impulses, dem die Regeln der sozialen Schichtung mit ihren Über- und Unterordnungen wenig bedeuteten.

Die drei beschriebenen historischen Tatsachen – Kriminalität, familiäre Unabhängigkeit, Zug nach unten – belegen die These dieses Buches über das gesellschaftliche Verhalten Jesu. Mit der Aussonderung des historisch gewissen Tatbestandes allein würde die Erörterung des Themas jedoch in einem Minimum enden, das in seiner Armut gleichgültig wird. In der Kategorie des Außenseiterischen hat der Rebell ebenso Platz wie der harmlose Narr und der schrullige Einzelgänger, das Genie und der Verbrecher; was hiervon auf Jesus zutrifft, muß erst gezeigt werden. In welchem Sinn Jesus ein Außenseiter war, wird erst durch beschreibende Exploration deutlicher, in unserem Fall anhand der Texte in den Evangelien.

Welcher Jesus?

Mit dieser Frage schließt eine neuere Arbeit über den Stand der wissenschaftlichen und konfessionellen Auseinandersetzungen um Jesus im deutschsprachigen Raum. Die Frage ist berechtigt, denn der Jesusbilder in den Köpfen der Gelehrten gibt es viele, und auch die populären Vorstellungen von Jesus sind unterschied­licher Art. Sie sind dermaßen zahlreich, daß ihre Aufzählung und Klassifizierung ermüden würde. Nützlich ist es jedoch, wie bei archäologischen Ausgrabungen die wichtigsten Fundschichten zu unterscheiden, wo­bei wir uns auf die ersten Jahrhunderte beschränken wollen, etwa bis zur Völkerwanderung.

In der untersten Schicht stoßen wir auf jenen Jesus, der einige Jahre vor Christi Geburt geboren und um 30 n. Chr. gekreuzigt wurde. Dieser Jesus wird von den Bibelgelehrten (oder „Exegeten“) der historische Jesus genannt. Von ihm ist etwa das mit hoher Wahrscheinlichkeit wissenschaftlich aussagbar, was weiter oben bereits dargestellt wurde, vielleicht auch noch einiges mehr, seine Lehren betreffend. Dieser historische Jesus ist das Ergebnis einer bis ins 17. Jahrhundert zurückreichenden kritischen Sichtung der vorhandenen Quellen über das Leben Jesu, in der Hauptsache der Evangelien. Der historische Jesus ist ein Produkt der wissenschaftlichen Forschung. Wie er wirklich gewesen ist, was er tatsächlich gelehrt und gewollt hat, zeigt sich nur indirekt und in Umrissen.

Wohlbekannt hingegen ist der Jesus der Evangelien und der übrigen neutestamentlichen Schriften, deren Abfassung in den Zeitraum zwischen 50 und 100 n. Chr. fällt und die man in jeder Buchhandlung bekommt. Von den verschiedenen Verfassern dieser Schriften wird Jesus verschieden dargestellt. Im – verhältnismäßig spät entstandenen – Johannesevangelium etwa ist Jesus der Gott: Ehe Abraham ward, bin ich. Im sogenannten Hebräerbrief wird die Kreuzigung Jesu zum kosmischen Ereignis, der Heiland zum – einzig legitimen – Hohenpriester, der durch seinen Opfertod Versöhnung stiftet zwischen Gott und den Menschen. In den Evangelien nach Matthäus, Markus und Lukas, die man mit einem Sammelnamen auch die synoptischen nennt, weil sie unter ähnlichen Gesichtspunkten schreiben, tritt Jesus eher menschlich auf; jedoch auch hier ist der Angelpunkt die wunderbare Auferstehung des Heilands, der allbereits mit dem aristokratischen Titel „Herr“ angesprochen wird. So gläubig die neutestamentlichen Schriften redigiert wurden, so mißtrauisch sind die Wissenschaftler in bezug auf die historische Tatsächlichkeit des Berichteten. Sie nennen den Jesus dieser Schicht den Christus der Bibel oder des Glaubens. Er darf mit dem historischen Jesus nicht gleichgesetzt werden.

Die dritte Schicht – bei unserer Vorgangsweise die oberste – enthält den Christus des Dogmas. Die gedankliche Auseinandersetzung mit Jesus, der als jenseitig Erhöhter zur Rechten des Vaters thront, schlägt sich in den Akten der ersten allgemeinen Konzilien nieder, etwa in denen der Kirchenversammlung von Chalkedon (451 n. Chr., heute Kadiköy, gegenüber Konstantinopel): In Jesus Christus sind zwei Naturen, unvermischt und ungetrennt, die göttliche und die menschliche, in einer Person vereint.

Die Inhalte der Dogmengeschichte sind von Jesus nicht beabsichtigt; aus diesem heute wissenschaftlich wohlfundierten Tatbestand hat bereits der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard († 1855) die radikale Konsequenz gezogen: Das Historische, Tatsächliche von Jesus zu wissen, ist für den Glauben gleichgültig; für den Glauben kommt es nur auf das eine an, daß Gott in der Welt war und gekreuzigt wurde.

Eine These dieser Art kommt aus einem theologischen Interesse und von einem theologischen Standpunkt. Ein solcher bleibt von diesem Buch ausgeschlossen, ob nun in einer sozusagen frei schwebenden oder auch konfessionell ausdrücklichen Gestalt.

Schwieriger ist es, zwischen der zweiten und ersten Schicht – im obengenannten Sinn – eine Entscheidung zu treffen; anders ausgedrückt, zwischen jenen Texten der Evangelien, die höchstwahrscheinlich dem historischen Jesus zuzuschreiben sind, und jenen, die auf das Konto der gläubigen Verfasser beziehungsweise der gläubigen Auslegung Jesu durch die ersten Christen gehen. Tatsächlich fragen die Exegeten heute bei jedem Jesus-Wort nach dessen Authentizität; im einzelnen sind die Gelehrtenmeinungen jedoch weithin umstritten. Was dem einen als gut jesuanisch gilt, wird vom andern als Produkt der gläubigen Redakteure bezeichnet.

In diesem Hin und Her der Fachwissenschaft kann es leicht geschehen, daß die bloße Kritik in der These vom Nichtbescheidwissen endet. Das Ergebnis wird so dürftig, daß es zur Leerformel wird, die in ihrer Inhaltslosigkeit kaum zu interessieren vermag. Jesus verschwindet hinter dem Apparat der Gelehrten.

Angesichts dieser hochspezialisierten Fachwissenschaft erweist sich die hier bezogene soziologische Methode als hilfreich. Denn die These dieses Buches von der Außenseiterposition Jesu kann sich auf Tatsachen berufen – jene drei weiter oben genannten –, die historisch außer Streit sind. Was dann im weiteren Verlauf unserer Überlegungen an Evangelientexten herangezogen wird, zwecks näherer Erläuterung und Illustration, kann eher unbefangen gehandhabt werden; möglicherweise halten einzelne dieser Belege der gelehrten Textkritik nicht stand – die These selbst bleibt davon unberührt.

Sie wird in mehreren Schritten entfaltet. In den beiden folgenden Kapiteln wird der Begriff des abweichenden Verhaltens diskutiert und mit der Gestalt Jesu in Beziehung gesetzt; ferner wird eine Erklärung für die Tatsache gesucht, daß Jesus in den Augen der Kirchengläubigen wenig Außenseiterisches mehr an sich hat. In den weiteren Kapiteln – sie bilden den Hauptteil – wird die Stellung Jesu zu den wichtigen gesellschaftlichen Realitäten untersucht: religiöse und familiäre Institutionen, soziale Schichtung und Klassenlage, Wirtschaft und Machtapparat. Schließlich wird eine Analyse jener Gruppe versucht, die sich um Jesus zuerst gebildet hat.

In den letzten Kapiteln wird das Außenseiterische an Jesus als Denkanstoß und Übung für ein mögliches Verhalten unter den gegenwärtigen Verhältnissen ins Spiel gebracht. Jesus läßt sich in fragwürdiger Gesellschaft antreffen – unter Ketzern, Neuerern und Schwärmern, Weltflüchtigen und Revolutionären, Neurotikern und Narren, Hysterikern, Mystikern und Heiligen.

Daß derlei heute kaum von den Kanzeln gepredigt wird, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Wahrscheinlich sitzen unter anderem auch deshalb so wenige von jenen Menschen unter diesen Kanzeln, denen es um mehr als um Trost, um Jenseitsvertröstung geht, mit etwas Moral drumherum. Um dieses Mehr geht es eigentlich in diesem Buch, auch wenn davon nicht ausdrücklich gesprochen wird.