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HAYMON

 

Markus Barnay

Vorarlberg

Vom Ersten Weltkrieg

bis zur Gegenwart

© 2011

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ISBN 978-3-7099-7644-9

Umschlag- und Buchgestaltung, Satz: hoeretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

 

Markus Barnay

Vorarlberg

Vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart

Inhalt

Ein „Musterländle“ mit Schönheitsfehlern

I. 1918–1933: Die Neuordnung der Macht

1. Die Gründung des Landes Vorarlberg

2. Der Kampf um den „Kanton Übrig“

3. Dezentralisierte Macht

4. Machtlose Sozialdemokraten

5. Der Kampf um den 1. Mai

6. Die Kraft des Wassers zum Nutzen des Landes

7. Vom Bergbauerndorf zum Luxusressort

II. 1933–1945: Vom „Ständestaat“ zur NS-Herrschaft

1. Die Ohnmacht des Bundeskanzlers

2. Das Ende der Demokratie

3. Von Tätern, Opfern und Mitläufern

4. Hohenems wird „judenfrei“

5. „Here is Austria!“

III. 1945–1968: Der beschwerliche Weg zur Demokratie

1. Nazis, Wendehälse und andere „Demokraten“

2. Die gescheiterte „Entsorgung“ der Vergangenheit

3. Den Herrgott im Nacken, den Altnazi im Vorzimmer

4. Zensur und Verbote für „Ethik, Sitte und Moral“

5. Die Lawinenkatastrophe vereint

6. Die Profiteure wollen ihre Beute behalten

7. Erfolgsgeschichten und Startvorteile

8. Frauen im Landtag und ein neuer Landeshauptmann

9. Der Föderalismus erobert die Straße

IV. 1968–1995: Die konservative Moderne

1. Der kurze Sommer der Sozialdemokratie

2. „Flint“ lebt

3. Der Kampf um die Meinungsvielfalt

4. Von den „Randspielen“ ins Zentrum der Gesellschaft?

5. Umweltbewegung und Bürgerengagement

6. Vom Kuhstall in den Landtag

7. Der Niedergang der Textilindustrie

8. Die Macht der Kirche bröckelt

9. Die Wiederentdeckung der Geschichte

V. 1995–2011: Das globalisierte Ländle

1. Erfolgreicher Strukturwandel

2. Bildungs- und Integrationsprobleme

3. Europa, Österreich oder doch nur Vorarlberg?

4. Hegemonie ohne Ideologie?

5. Religion als Privatsache?

6. Herausforderungen für die Zukunft

Nachwort

Vorarlberg 1918–2011: Eine kurze Chronologie

Quellen

Weiterführende Literatur

Personen- und Ortsverzeichnis

Ausführliche Quellennachweise zum vorliegenden Buch finden Sie im Internet unter www.malingesellschaft.at/barnay

Ein „Musterländle“ mit Schönheitsfehlern

Ein Mythos bröckelt. Das lange gepflegte Klischee vom „subra Ländle“, vom sauberen Land vor dem Arlberg, in dem die Uhren ganz anders gehen als im übrigen Österreich, hat langsam ausgedient. Kirchenbesuchs- und Scheidungsstatistiken, Zahlen zum Bildungsniveau und zur Armutsgefährdung, Berichte über Korruption in der Justiz und über Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen – all das zeigt: Das „Musterländle“ ist in der Normalität angekommen.

Das Klischee vom „Sonderfall“ Vorarlberg beruhte auf der Annahme, die Vorarlberger seien als Alemannen schon biologisch anders als die Österreicher jenseits des Arlbergs: nüchterner, fleißiger, sparsamer. Doch auch wenn die „alemannischen“ Vorarlberger zahlreiche Varianten der alemannischen Mundart pflegen, kann von einer gemeinsamen „alemannischen Abstammung“ nicht die Rede sein. In einem traditionellen Ein-, Aus- und Durchwanderungsland erübrigt sich ohnehin jede Spekulation über biologische Herkunft.

Dennoch gibt es so etwas wie eine „Vorarlberger Identität“. Sie hat sich seit rund 200 Jahren entwickelt und immer wieder den wechselnden Verhältnissen angepasst. Die Besonderheiten, die den Vorarlbergern zugesprochen wurden und werden, waren durchaus wandelbar. Sie sind auch heute zeitgebunden, weshalb eine aktuelle Auflistung schon bald wieder überholt sein würde.

Beschränken wir uns also in dieser Einleitung zur Geschichte Vorarlbergs vom Ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart auf die wirklichen Besonderheiten des Landes – und auf jene Kontinuitäten, die dieses Land in den letzten hundertfünfzig Jahren geprägt haben:

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Türkische Bauarbeiter in der Mittagspause auf einer Vorarlberger Wiese. (Foto: Nikolaus Walter, 1979)

– Vorarlberg war einmal ein Agrarland. Es wandelte sich bereits im 19. Jahrhundert zu einem Industrieland, in dem aber auch Handwerk, Tourismus und Kultur als Erwerbsquelle eine wichtige Rolle spielen. Außerdem entwickelte sich seit den 1920er Jahren die Energiewirtschaft zu einer bedeutenden Branche.

– Vorarlberg war lange Zeit ein Auswanderungsland, dessen Einwohner gezwungen waren, das Land vorübergehend oder dauerhaft als Arbeitsauswanderer zu verlassen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Das hat mit dem Mangel an Bodenschätzen, aber auch mit der Tradition der landwirtschaftlichen „Realteilung“ zu tun, bei der der Besitz gleichmäßig auf alle Erben aufgeteilt wird – wodurch mit der Zeit kaum mehr jemand genügend Grund besaß, um sich und seine Familie zu ernähren.

– Seit ungefähr 1870 ist Vorarlberg aber auch ein Einwanderungsland (siehe Foto S. 8): Die Textilindustrie und große Bauprojekte, speziell solche der Elektrizitätswirtschaft, nach dem Zweiten Weltkrieg auch der Tourismus, sorgten lange Zeit für einen hohen Personalbedarf, der nur durch Zuwanderung gedeckt werden konnte. Die Zuwanderer kamen zunächst aus dem italienischsprachigen Trentino, später aus anderen österreichischen Bundesländern, dann aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei und zuletzt aus Deutschland.

– Vorarlbergs Machtstrukturen sind äußerst dezentralisiert – bei gleichzeitiger politischer Hegemonie einer einzigen Partei: Die wichtigen Institutionen des Landes befinden sich nicht nur in der Landeshauptstadt Bregenz, sondern auch in Feldkirch und in der größten Stadt des Landes, in Dornbirn.

– Die ÖVP – beziehungsweise ihre katholisch-konservative (später „christlichsoziale“) Vorgängerorganisation – dominiert Vorarlberg seit 1870, als sie die Mehrheit im Landtag übernahm (mit einer Unterbrechung durch die nationalsozialistische Herrschaft vom März 1938 bis zum April 1945). Der politische Katholizismus blockierte einerseits bis weit ins 20. Jahrhundert hinein jegliche gesellschaftliche Modernisierung, verhinderte andererseits aber auch Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts durch eine entschiedene antikapitalistische Ausrichtung ein stärkeres Wachstum der Sozialdemokratie.

– Der Hegemonie der ÖVP im politischen Bereich steht eine ungewöhnlich konzentrierte Medienlandschaft gegenüber: Das Vorarlberger Medienhaus besitzt die beiden Tageszeitungen, die meisten landesweiten Wochenzeitungen, einen privaten Radiosender, Anteile an einem privaten Fernsehsender und das am meisten benutzte Online-Nachrichtenportal des Landes. Das einzige große Medium, das nicht vom Vorarlberger Medienhaus abhängig ist, ist der öffentlich-rechtliche Österreichische Rundfunk. Er wurde aber vom 2010 beschlossenen – und mit den Zeitungsverlegern ausgehandelten – ORF-Gesetz vor allem in seinen Online-Aktivitäten empfindlich eingeschränkt. So darf er beispielsweise auf seinem regionalen Online-Portal täglich nur eine beschränkte Zahl von Meldungen verbreiten, die zudem von den Usern nicht kommentiert werden dürfen.

– Eine Besonderheit Vorarlbergs ist sicher die vergleichsweise hohe Lebensqualität: die Lage in der Mitte Europas mit Grenzen zu drei Nachbarstaaten, die attraktive Landschaft mit hohen Bergen und großem See, das vielfältige Kulturangebot, die große Dichte öffentlicher Verkehrsmittel und die erstaunliche Anzahl architektonisch hochwertiger Gebäude. Dem stehen allerdings ein hohes Preisniveau, eine große Zahl armutsgefährdeter Menschen, eine wachsende Umweltbelastung durch den motorisierten Verkehr und eine schleichende Urbanisierung der Hauptsiedlungsgebiete ohne die dazugehörige Infrastruktur gegenüber.

– Eine der drängenden Herausforderungen der modernen Raumplanung, die Zersiedelung der Landschaft, hängt ironischerweise mit einer jenen „typischen“ Eigenschaften der Vorarlberger zusammen, die so lange propagiert und gefördert wurden, bis sie zum Problem wurden: der Wunsch nach einem Eigenheim für jeden. Das „Schaffa, schaffa, Hüsle baua“, das einst als oberste Bürgerpflicht galt, geriet im Lauf des 20. Jahrhunderts angesichts des Bevölkerungswachstums, der zunehmenden Verkehrsprobleme und des beschränkten Angebots an bebaubaren Flächen in Widerspruch zu einem nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen.

– Trotz der starken Industrialisierung blieb Vorarlberg im Bewusstsein seiner Bewohner bis heute eine „ländliche“ Region. Das hat mit der Dezentralisierung der Industrie selbst zu tun: Es entstanden keine industriellen Ballungsräume, sondern nur Industrie-„Inseln“. Dadurch bildete sich sehr häufig ein landwirtschaftlich-gewerblich-industrielles „Mischmilieu“ heraus, dessen Angehörige je nach Konjunkturlage zwischen Arbeit in der eigenen kleinen Landwirtschaft, in der Fabrik und in einem Handwerksbetrieb, z. B. in der hauseigenen Stickerei, wechseln konnten. Deshalb entstand kaum ein klassisches, lediglich von Fabriksarbeit abhängiges Proletariat. Und dort, wo dennoch Arbeitersiedlungen entstanden, waren es oft fabrikseigene Wohnanlagen, die mit nicht allzu großen Häusern und eigenen Gemüsegärten genau dieses „Mischmilieu“ imitierten.

– Insgesamt ist wahrscheinlich der augenfällige Widerspruch zwischen Schein und Sein die bemerkenswerteste Besonderheit Vorarlbergs: Alle Indikatoren – von der Wirtschaftsentwicklung über die Zuwanderungszahlen bis zu den Geburten- und Scheidungsstatistiken – belegen, dass sich hier längst eine urbane Gesellschaft entwickelt hat, doch ihrem Selbstverständnis zufolge befinden sich ihre Mitglieder in einem geborgenen ländlichen Raum. Dass ein seit langem hochindustrialisiertes Land zugleich politisch so konservativ und so ländlich geprägt sein kann – das bedarf einer Erklärung. Und wo sonst sollte sich dafür eine Erklärung finden als in der Geschichte?

I. 1918–1933:
Die Neuordnung der Macht

Nach der Auflösung der Monarchie wurde Vorarlberg zum eigenständigen Bundesland. Die Bevölkerung liebäugelte mit einem Anschluss an die Schweiz. Große wirtschaftliche Probleme und der Machtkampf zwischen den politischen Lagern prägten die Politik im Lande.

1. Die Gründung des Landes Vorarlberg

Bregenz, 1. November 1918

Wer mit dem Zug am Bregenzer Bahnhof ankommt und das Gebäude verlässt, steht zunächst einmal an einer breiten Straße. Sie wird auch bleiben, wenn ab 2014 der angrenzende große Parkplatz in ein Geschäfts- und Wohnareal verwandelt werden soll. Bleiben wird wohl auch das Denkmal auf der anderen Straßenseite, das 1959 errichtet wurde: Unter zwei Bäumen steht die überlebensgroße Figur eines Mannes. Beide Hände in den Hosentaschen, strahlt er weniger Tatendrang als vielmehr Gelassenheit und Zuversicht aus. Wiewohl bei näherem Hinsehen die Furchen auf der Stirn und die eingefallenen Wangen auf einige Lebenserfahrung hindeuten, wirkt er kräftig und nicht besonders alt – vielleicht Mitte 30, vielleicht ein wenig älter?

Als dieser Mann sich anschickte, die Weichen für die Zukunft des Landes Vorarlberg zu stellen, war er allerdings schon im Pensionsalter: Jodok Fink, der – laut Beschriftung des Denkmals – „Bauer und Staatsmann“, wurde 1853 in Andelsbuch im Bregenzerwald geboren. Als 15-Jähriger besuchte er das katholische Gymnasium in Brixen, doch schon nach einem Jahr kehrte er zurück und widmete sich der elterlichen Landwirtschaft, die er später gemeinsam mit seinem Bruder Alois übernahm.

Bekannt wurde Jodok Fink zunächst als Modernisierer der Landwirtschaft. Er beschäftigte sich auf Studienreisen mit den neuesten Erkenntnissen im Agrarbereich und gab diese zu Hause in Vorträgen und bei seinen Initiativen für eine landwirtschaftliche Fachschule oder eine Mustersennerei weiter. Als 26-Jähriger engagierte er sich im Gemeindeausschuss von Andelsbuch, wo er 1888 das Amt des Gemeindevorstehers übernahm. 1890 wurde er zusätzlich Abgeordneter des Landtags, und spätestens 1897 wurde aus dem Bauer endgültig ein Politiker: Er wurde in den österreichischen Reichsrat gewählt.

Als Vorsitzender des christlichsozialen Klubs gehörte Fink schon vor dem Ersten Weltkrieg zu den einflussreichsten Politikern Österreichs. Da er auch in Vorarlberg weiterhin dem Landtag angehörte, dürfte seine Stimme unter den hiesigen Christlichsozialen entsprechendes Gewicht gehabt haben.

Als Jodok Fink am 1. November 1918 am Bahnhof in Bregenz eintraf, führte ihn sein erster Weg in die Kirchstraße: Dort wohnte der 43-jährige Rechtsanwalt und Oberdirektor der Hypothekenbank Otto Ender, den Fink als Nachfolger des bisherigen Landeshauptmannes Adolf Rhomberg favorisierte. Im Gebäude, in dem sich heute das Landesarchiv befindet, trafen einander noch am gleichen Nachmittag die Vertrauensmänner der christlichsozialen Partei. Man hatte es eilig: In Wien waren die deutschsprachigen Fraktionen des Reichsrates seit Tagen dabei, nach dem verlorenen Weltkrieg und dem Zerfall der Monarchie einen neuen Staat zu gründen. Damit bot sich auch den Vorarlberger Politikern die Gelegenheit, das Land von der gemeinsamen Statthalterei für Tirol und Vorarlberg in Innsbruck abzukoppeln und es zu einem vollwertigen Bundesland zu machen.

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Das 1959 errichtete Denkmal für den ehemaligen Vizekanzler Jodok Fink in der Bregenzer Bahnhofstraße. (Foto: Friedrich Böhringer)

Gleichzeitig waren auch in Vorarlberg die herkömmlichen Machtverhältnisse unsicher und die staatlichen Institutionen – Sicherheitsapparat und öffentliche Verwaltung – sehr instabil geworden. Und die Nachrichten aus den Nachbarländern über marodierende Truppen und revolutionäre Unruhen versprachen den bis zu diesem Zeitpunkt treuen Anhängern des Kaisers nichts Gutes.

Am 3. November 1918, einem Sonntag, trat daher eine provisorische Landesversammlung im ehemaligen Hotel „Österreichischer Hof“ beim Dampferhafen in Bregenz zusammen, um die Weichen für die staatliche Zukunft Vorarlbergs zu stellen. Gemäß den letzten Wahlergebnissen bei den Reichsratswahlen von 1911 gehörten dem Gremium 19 Christlichsoziale, sechs Deutschfreisinnige und fünf Sozialdemokraten an. Gemeinsam verabschiedeten die Abgeordneten einen Entschließungsantrag, demzufolge sich „Vorarlberg … auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes als eigenes selbständiges Land im Rahmen des deutschösterreichischen Staates (erklärt)“. Nachdem Adolf Rhomberg, der letzte Landeshauptmann aus den Zeiten der Monarchie, erklärt hatte, dass er aus gesundheitlichen Gründen auf die Kandidatur als zukünftiger „Landespräsident“ verzichte, schlug Jodok Fink vor, Otto Ender zu wählen.

Die Gründung des selbständigen Landes Vorarlberg verlief reichlich unspektakulär: Die Beschlüsse wurden einstimmig gefasst, die Versammlung dauerte kaum mehr als eine Stunde, und die Stimmung war den Berichten zufolge weder euphorisch noch so revolutionär, wie der Vorgang in der späteren Vorarlberg-Geschichtsschreibung gesehen wurde. Man hatte zwar die Gunst der Stunde genutzt, doch noch wusste niemand, wohin die Reise ging. Vorsichtshalber erklärte die Landesversammlung den Beitritt Vorarlbergs zu Deutsch-Österreich, doch was sollte dieses Deutsch-Österreich sein? Eine demokratische Monarchie, wie sie auch Jodok Fink noch wenige Monate zuvor befürwortet hatte, oder eine Republik? Eine Woche nach der Versammlung in Bregenz war die Entscheidung klar: Kaiser Karl verzichtete offiziell auf seine Regierungsansprüche, die Nationalversammlung in Wien rief die Republik aus – und Jodok Fink wurde Stellvertreter des sozialdemokratischen Staatskanzlers Karl Renner. Fink hatte sich zuletzt auch im christlichsozialen Klub des Parlaments dafür eingesetzt, die neue Realität zu akzeptieren.

Doch während die Nationalversammlung in Wien die „demokratische Republik Deutschösterreich“ im gleichen Atemzug zu einem „Bestandteil der Deutschen Republik“ erklärte, war in Vorarlberg noch längst nicht klar, wohin man in Zukunft gehören sollte. Zwar hatte man sich einstimmig zum selbständigen Land erklärt, aber demokratisch legitimiert war dieser Beschluss nicht: Noch hatten keine Wahlen stattgefunden, auch an eine Volksabstimmung über die formelle Machtübernahme durch den Vorarlberger Landesrat war nicht gedacht. Dabei hatte diese von der Landesversammlung bestellte „Landesregierung“ umgehend gefordert, dass sich die örtlichen Vertretungsbehörden der Monarchie – Statthalterei und Bezirkshauptmannschaften – dem Landesrat unterzuordnen hätten.

In den Monaten nach dem Zusammenbruch der österreichisch-ungarischen Monarchie gab es neben der Bemühung, Vorarlbergs herkömmliche Ordnung, wenn auch im Gewand eines neuen Bundeslandes, zu bewahren, noch ganz andere politische Tendenzen: In München und anderen Gemeinden Bayerns, so auch in Lindau im Bodensee, hatten sich schon im November 1918 so genannte „Räte“ gebildet, Vertretungen von Arbeitern, Bauern und Soldaten, die sich anschickten, die Macht in Form von „Räterepubliken“ zu übernehmen. Am Sonntag, den 9. März 1919, traten auch in Vorarlberg „Arbeiterräte“, die eng mit der lokalen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei verbunden waren, in Erscheinung: Sie führten am Dornbirner Bahnhof eine spektakuläre „Viehbeschlagnahmung“ durch. Dabei wurde ein Eisenbahnzug aufgehalten, in dem sich Milchvieh befand, das – im Austausch gegen Futtermittel – nach Oberösterreich geliefert werden sollte. Die – laut Bahnamts-Vorstand – „mehreren hundert verhetzten und aufgeregten Menschen“ hatten befürchtet, dass in Zeiten großer Nahrungsmittelknappheit Schlachtvieh ausgeführt werden sollte, das dann für die Ernährung der eigenen Bevölkerung fehlte. Es folgten Großkundgebungen in Dornbirn und Bregenz, ehe schließlich eine neu gegründete Viehverkehrs-Landeskommission die Ausfuhr des größten Teils des als Nutzvieh eingestuften Transportes genehmigte. Acht der 73 Kühe blieben allerdings im Land und wurden hier geschlachtet.

Die wahren Machtverhältnisse wurden am 13. April 1919 deutlich: Für diesen Palmsonntag hatte das christlichsoziale „Vorarlberger Volksblatt“ zu „antibolschewistischen“ Massenkundgebungen aufgerufen: „Eine Gruppe von Sozialdemokraten, vielfach Landesfremde planen einen Anschlag auf die Freiheit und auf die Verfassung des Landes. Ihr Ideal ist die Räterepublik, die Gewaltherrschaft des Proletariats. … Die Fremden wollen herrschen; dem bodenständigen Vorarlberger, verwachsen mit der heimatlichen Scholle, droht das Gewaltjoch russischer Herkunft und halbasiatischer Art.“ In 16 Gemeinden des Landes folgten die „bodenständigen Vorarlberger“ zu Tausenden diesem Aufruf, die Kundgebungen wurden zur größten politischen Demonstration im Vorarlberg der Ersten Republik.

Neben propagandistischer Mobilisierung ergriff das konservative Lager auch durchaus handfeste Maßnahmen: Am 19. April 1919 erteilte die Landesregierung den Auftrag zur Bildung einer „Freiwilligen Vorarlberger Volksmiliz“. Diese paramilitärische Organisation unterstand dem Kommando des Landeshauptmannes. Ihr Zweck war offiziell, angesichts der „immer stärker werdenden äußeren Einflüsse und spartakistischer Umtriebe im Land“ für Ruhe und Ordnung zu sorgen.

Die „spartakistischen Umtriebe“, auf die sich die Landesregierung auch gegenüber dem österreichischen Staatsamt für Heerwesen berief, als dieses die sofortige Auflösung der Volksmiliz forderte, waren freilich eher skurriler Natur: Am 10. April 1919 war der Vorsitzende des Lindauer Arbeiter- und Soldatenrates, Oskar Groll, in Bregenz zu einem Vortrag eingeladen. Da er dort aber nicht zur vorgesehenen Zeit ankam – er war per Boot weiter in die Schweiz gefahren, als ihn die Behörden in Bregenz nicht einreisen lassen wollten –, entstand das Gerücht, er sei verhaftet worden. Daraufhin begab sich eine Delegation des Lindauer Arbeiterund Soldatenrates zu Landeshauptmann Ender nach Bregenz und forderte die sofortige Freilassung Grolls, andernfalls werde man die Lindauer Garnison zu Hilfe rufen. Als Ender beteuerte, dass sich Groll gar nicht in Bregenz befinde, fuhren die Lindauer wieder zurück. Diese kleine Episode war zwar der lokalen Presse keinen Kommentar wert, diente aber dem Landeshauptmann Wochen später als eindrückliches Beispiel für die „gefahrdrohende Lage“, wie er in seiner Rechtfertigung für die Gründung der Volksmiliz schrieb.

In Wirklichkeit deutet aber alles darauf hin, dass es nicht die drohende Gefahr aus Bayern war, die den Anstoße zur Bewaffnung der Bürger gab, sondern die von der Sozialdemokratischen Partei unterstützten Proteste und Demonstrationen gegen die Nahrungsmittelknappheit. Letztlich kann man die Gründung der „Volksmiliz“ und der späteren Heimwehr (die ab 1926 gemeinsam mit der Streikbrecherorganisation „Notbann“ zum „Heimatdienst“ wurde) durchaus als Versuch der christlichsozialen Landesregierung werten, die Sozialdemokratische Partei und ihre Gewerkschaftsorganisationen mit allen – friedlichen und weniger friedlichen – Mitteln unter Kontrolle zu halten. Dass die Milizverbände auch von Industrie und Gewerbe unterstützt wurden, fügt sich in dieses Bild.

Neben dem Machtkampf zwischen den Christlichsozialen, die seit 1870 den Landtag dominiert hatten, und den Sozialdemokraten, die ihren Einfluss im Zuge der republikanischen Staatsgründung zu vergrößern hofften, gab es um die Jahreswende 1918/19 ein weiteres Konfliktfeld der Landespolitik: die Frage der staatlichen Zugehörigkeit. Das Bekenntnis zu „Deutschösterreich“ stieß zwar bei vielen Industriellen und natürlich bei der Deutsch-Freisinnigen Partei auf Zustimmung. Erstere erhofften sich durch einen Anschluss an das Deutsche Reich einen Ersatz für den verlorenen österreichisch-ungarischen Binnenmarkt, letztere eine Verwirklichung ihres politischen Programmes.

Doch es sollte sich bald zeigen, dass der größere Teil der Vorarlberger Bevölkerung in diesen Monaten eine andere Option bevorzugte: den Anschluss an die Schweizer Eidgenossenschaft. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich nämlich nicht nur die staatliche Ordnung verändert, sondern offenbar auch die Gesinnung: So wurden aus anscheinend begeisterten österreichischen Monarchisten im Handumdrehen glühende Anhänger der eidgenössischen Republik.

2. Der Kampf um den „Kanton Übrig“

Lustenau, November 1918

Nicht weit von der Grenzbrücke zwischen der Schweizer Gemeinde Au und dem österreichischen Lustenau steht an der Reichsstraße, die in einem großen Bogen um den Ortskern von Lustenau herumführt, eines der letzten kleinen Kinos Vorarlbergs: die „Rheinlichtspiele“, die heutige Kinothek Lustenau. Es war auch eines der ersten Kinos des Landes. 1911 wurde es vom Lustenauer Lehrer Ferdinand Riedmann