image

HAYMON verlag

Astrid Kofler/Hans Karl Peterlini

Bauernleben
in Südtirol

12 Porträts

Herausgegeben im Auftrag der Seniorenvereinigung im Sudtiroler Bauernbund.

© 2010

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7648-7

Umschlag und Buchgestaltung:

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Vorwort

„Was nicht niedergeschrieben ist, wird vergessen. Jedes Mal, wenn ein Mensch stirbt, stirbt seine Geschichte mit ihm.“ Aus diesen Gedanken entstand die Idee, ein Buch mit Lebensgeschichten von Altbäuerinnen und Altbauern in Auftrag zu geben. Die Erinnerung an die eigene Lebensgeschichte ist ein Beitrag an das Gemeinwesen, den gerade ältere Menschen leisten können. Mit diesem Buch will die Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund genau das tun.

Die Geschichten, die hier erzählt werden, würden mit den Menschen verloren gehen, hätte man sie nicht schriftlich festgehalten. Die einzelnen Porträts geben einen Einblick in das Alltagsleben der bäuerlichen Familien, über das Zusammenleben am Hof, den Umgang der Menschen miteinander, die Bedeutung von Religion, Brauchtum und Politik und über die Arbeitsabläufe am Hof – aber auch darüber, was man gegessen und getrunken, wie man gekocht hat und wie man mit dem Vieh umgegangen ist. All diese schriftlich festgehaltenen Erinnerungen tragen dazu bei, historisches Wissen für die künftigen Generationen zu bewahren.

Dieses Buch spiegelt aber nicht nur die Lebensgeschichten und Schicksale einzelner Menschen wider, es gibt gleichzeitig auch einen Einblick in die Geschichte eines ganzen Landes.

Die ältere Generation wird sich in den Erzählungen wiederfinden. Die jüngere Generation wird erfahren, wie es war, in einer viel schwierigeren Zeit aufzuwachsen, in der Armut auf der Tagesordnung stand – und in der man trotzdem glücklich und zufrieden leben konnte.

Johann Messner

Landespräsident der Seniorenvereinigung

im Südtiroler Bauernbund

Vorwort

Liebe Leserin,

Lieber Leser!

Ich freue mich sehr, dass auch Sie zu diesem schönen Buch gegriffen haben. Sicherlich wird es Ihnen genauso wie mir gefallen, denn es ist ein besonderes Werk. Mich persönlich haben diese Erzählungen ganz stark an die Geschichten meiner geliebten Großmutter erinnert. Anhand der Lebensgeschichten kamen Kindheitserinnerungen auf. Und ich wurde daran erinnert, dass ich viel von der Zeit mit meiner Großmutter mitnehmen konnte. So manches wurde mir in Erinnerung gerufen, was heute wieder neue Gültigkeit hat: die Bodenständigkeit der Menschen, die Fürsorglichkeit, der Gemeinschaftssinn. Ich möchte den Autoren und Promotern dieses Werkes ausdrücklich dafür danken, dass sie die tiefen Weisheiten, die in diesen Erzählungen ruhen, auch für die kommenden Generationen festhalten und greifbar machen.

Die Generation meiner Großeltern war wirklich von einem besonderen Schlag: Sie haben dieses Land aufgebaut, gestärkt durch feste Werte wie Glauben, Fleiß und Solidarität. Ich glaube, dass diese Lebensgeschichten, die bewusst auch die Einfachheit der Menschen widerspiegeln, ein entscheidend wichtiges Dokument sind, um die Geschichte unserer Region im vergangenen Jahrhundert tiefgründig verstehen zu können.

Die Geschichten erzählen vom Mut dieser Menschen, immer wieder weiterzumachen. Und sie lassen uns auch an den „einfachen Dingen“ der Welt von damals teilhaben: Was die Menschen gekocht und gegessen haben, wie das Brot gebacken wurde oder wie das Brautwerben geschah. Damit wird die Historie, abseits der großen Schauplätze der damaligen Politik, erst richtig greifbar gemacht.

In der Welt von heute wird hingegen alles immer schneller. So schnell, dass jede Nachricht, jede Erzählung schon in jenem Moment veraltet erscheinen, in dem sie veröffentlicht werden. Damit büßt folglich das Ereignis „Leben“ an Wertigkeit ein und es wird für den Menschen immer schwieriger, sich an Fixpunkten zu orientieren. Umso wertvoller sind die Lebensgeschichten jener Generationen, die dieses Buch beschreibt. Sie geben uns Halt, indem sie aufzeigen, wie Leben funktionieren kann. Dass auch schwierigere Zeiten fröhliches Leben zulassen können.

Ich persönlich fühlte mich beim Lesen der Geschichten beruhigt, als legten die Geschichten Wurzeln frei, an die meine eigene Lebensgeschichte anknüpft. Das „Bäuerliche“ wird besonders anschaulich erzählt und umfasst unsere gesamte Alpenregion. Dabei fällt auf, dass über alle sprachlichen, kulturellen und politischen Grenzen hinweg die Lebensgeschichten von einem gemeinsamen bestimmenden Faktor geprägt sind: dem alpinen Raum und seinen Einflüssen auf alle Bereiche des Lebens dieser Menschen.

Und noch etwas fällt auf, dass sich damals alles nach dem Zeitmaßstab der Jahreszeiten gerichtet hat, richten musste. Wir, die wir unsere Uhr nach Megabitmaßstäben stellen, können uns gar nicht mehr vorstellen, dass es noch eine Zeit gibt, die nicht auf irgendeine Weise „turbo“ sein muss. Ich wünsche auch Ihnen, dass Ihnen dieses Buch durch seine Erzählungen einige „entschleunigte“ Momente schenkt. In der Hoffnung, dass Ihnen die Lektüre dieser Lebensgeschichten genauso viel Freude bereitet wie mir und wir gemeinsam die Geschichten unserer Ahnen unseren Nachfahren überbringen können,

grüßt herzlich

Seppl Lamprecht

Vizepräsident des Regionalrates

von Trentino-Südtirol

Das Klima war meist rau

Randnotizen zu hundert Jahren Bauernleben – von Astrid Kofler und Hans Karl Peterlini

Das Klima war meist rau. Es waren nicht die Wolkenfetzen, die der Wind von einem Gipfel zum anderen trieb und der die Holzbretter vom Stadel schlug, es war nicht der Regen, der die fruchtbare Erde ins Tal schwemmte und das geschnittene Heu nicht trocknen ließ, es waren nicht nur die steilen Wiesen und der Blitz, der manche Kuh erschlug. Viel Arbeit gab es, große Familien und kaum ein Auskommen.

Bauer sein, das Bauernleben, die Bauernwelt ist mit verklärten Vorstellungen verbunden, ein Leben in Einfachheit und Liebe zum „Hoamat“, das Hof und Heimat in einem war, ein Leben in Werten und Verpflichtungen, Gott gegenüber, der Natur gegenüber und dem eigenen Überleben. In den zwölf Porträts, die aus Interviews gestaltet wurden, weicht die mythische Verklärung der Echtheit, aber auch Rauheit des Lebens.

Man wurde geschlagen, man hat gerauft, man hat sich nicht mehr gegrüßt, man hat sich an Versprechungen festgehalten, man wurde enttäuscht.

Das hat stark gemacht, das lässt vieles im Nachhinein als heil ansehen, als heile Welt, immerhin besser als heute, trotz der Not. Vom Alter sanft geworden, sagen das mehr als nur eine Bäuerin und ein Bauer. Wenn sie denn reden und nicht abgehärmt sind und stumm, stumm, weil sie anderes kaum gewohnt waren. Das Sprechen über sich selbst haben viele nicht gelernt, und was man in der Kindheit nicht lernte, das machte einen hart auch gegen sich selbst.

Die Bauernwelt war auch eine Welt der Abgeschiedenheit, oft räumlich, weil die Höfe weit auseinander lagen, oft zwischenmenschlich, weil das Überleben und auch manch ehernes Gesetz des Zusammenlebens wenig Spielraum und Austausch ermöglichten. Verständigt haben sich die Menschen im Tun, in den Handgriffen, wer wo zu ziehen und wer wo dagegenzuhalten hatte; mit Nähe in Worten und Gesten tat man sich schwerer. Besser verständigt hat man sich oft mit dem Vieh.

Bauer sein hieß Verzicht, hieß für die Eltern, die Kinder mit einem guten Gedanken auf den Weg zu schicken und abends kaum die Zeit zu haben, nach der Schule zu fragen, nach dem Tag, nach überhaupt irgendetwas, wenn sie in den Alltagsgewändern ins Bett schlüpften.

Es hieß auch, sich zu behaupten, im Dorf, in der Gemeinschaft: Ein erworbenes Ross, mit dem man sich fotografieren ließ, bedeutete Anerkennung, eine Abstammung von Pechstechern, den Lörgetern, dagegen Sticheleien gegen die Kinder, dass man sie nicht anrühren dürfe, sonst bleibe man kleben. Das Harz der Lärchen, das Lörget, war als „Pech“ Symbol für Unglück aber auch für soziale Unterschiede, denn wer vom Hof leben konnte, hatte es nicht nötig, sich die Hände damit schmutzig zu machen. Auch wurden durch das Anbohren der Stämme Waldschäden befürchtet. Und doch war das „Lörget“ etwas, was die Natur hergab und Kleinbauern, Pächtern und Tagelöhnern zum Weiterleben half.

Bauer sein hieß vielen Kindern das Leben zu schenken, weil das die Pflicht war und der Pfarrer es so wollte, und weil es die Hoffnung nährte, dass andere da waren, wenn eines starb, und manche vielleicht ein besseres Dasein haben würden.

Das hieß mit der Natur leben, sie beobachten und hinnehmen, wenn ein Unwetter die Ernte zerstörte oder eine Krankheit das Vieh hinraffte oder ein gefällter Baum in die falsche Richtung fiel und im Angesichte das eigene Kind erschlug.

Überleben müssen in und mit der Natur machte erfinderisch. Raffinierte Techniken wurden entwickelt. Beim Kohlebrennen etwa wurde Holz kreisförmig bis zu 2 Meter hoch um einen dicken Holzstock herum aufgeschichtet und mit Erde abgedeckt. Dann wurde der Stock herausgezogen, so dass in der Mitte des Haufens ein Hohlraum entstand, in den die Glut gelegt wurde. Sorgsam mussten die „Köhlerer“ darüber wachen, dass die Glut gerade so viel Luft bekam, dass sie weder erstickte noch das Holz entfachte. Tagelang schwelte der Kohlehaufen, bis unter der Erde die gewonnene Holzkohle ausgegraben werden konnte. Auch Kalkbrennen war in der Zwischenkriegszeit für viele eine Überlebensnotwendigkeit. In den bis zu 5 Meter hohen Öfen wurde Kalkgeröll zu Kalk gebrannt. Die Kalksteinbrocken wurden dann „gelöscht“: Kalkoxid reagiert bei starker Erhitzung auf Wasser; mit Sand vermischt, ergab dies den Kalkmörtel als Bindemittel fürs Bauen; um den gelöschten Kalk auch über längere Zeit frisch zu halten und als Kalktünche zum Weißen von Mauern nutzen zu können, wurde er am Hof „eingesumpft“. Fast an jedem Hof gab es Kalkgruben.

Bauer sein hieß dem Schicksal ergeben sein. Das hieß Knecht oder Magd des Bruders sein, wenn der ihn erbte, das hieß fortgehen und sich sonst wo ein neues Leben aufbauen, von null weg ohne Hilfe und Grundlage. Das hieß meist auf eine Ausbildung verzichten müssen, auch wenn man so gerne gelernt hätte. Das hieß aufwachsen und leben lernen in einer geschlossenen Welt der Bräuche und Traditionen, was stählen konnte, aber auch verhärten.

Eine harte Welt, der romantische Vorstellungen erst im Rückblick und aus der Ahnungslosigkeit von Städtern, Ausflüglern, naiven Volkskundlern übergezogen wurden. Zugleich bot die Bauernwelt immer auch Überlebensmöglichkeiten, karge zumeist und weniger von Großzügigkeit diktiert als von Notwendigkeiten und einem existenziellen Sinn für Not. Der Bauer war auch Arbeitgeber, keiner mit offenem Füllhorn, aber besser als keiner und immerhin einer, der sich meistens genauso in den Acker krümmte wie sein Knecht. In den Gasthäusern rauften sich die arbeitswilligen Männer oft darum, wer von ihnen für zwei oder drei Tage bei einem Bauern aushelfen durfte. Bettler zogen von Hof zu Hof, aber nie in der eigenen Gemeinde, sondern aus Scham auswärts. „Lepslotterer“ wurden sie genannt, weil sie am ehesten etwas vom billigen Wein, dem Leps, bekamen, eine warme Suppe war ein Glücksfall. Der Alkohol betäubte das Unglück. Übernachten ließ man sie meist im Stall, das Stroh durften sie sich im Stadel holen. Sie dort übernachten zu lassen, war den meisten Bauern wegen der Brandgefahr zu gefährlich. Als Gegenleistung misteten sie am nächsten Tag den Stall aus, in dem sie geschlafen hatten, oder verrichteten andere anfallende Arbeiten.

Nichts zu haben konnte auch Freiheit bedeuten, denn der Mangel an Geld zwang zum Anbau all dessen, das man zum Überleben brauchte, und wer autark lebte, war der Natur ausgeliefert, aber nicht anderen Menschen. Lieber ein Kleinbauer sein, ein Kleinstbauer, als Diener eines großen, erzählte einer im Interview, Knecht sein hieß keine Verantwortung haben, bedeutete Freiheit in einem anderen Sinne. Mancher Bauer wurde Knecht, mancher Knecht Bauer.

Manche der Bauernhöfe, die wir besuchten, standen im Tal, einer fast am Ufer des Gardasees in einer Wohnstraße, andere hoch oben wie Einsiedeleien, die letzten Hüter von Bergwiesen und Almen, die von der Wildnis zunehmend überwachsen werden.

Hundert Jahre Bauernleben zeigen Brüche auf, Veränderungen, Abbröckeln erstarrter Werte – und die Fähigkeit von Menschen, sich wieder neu anzupassen, neue Lebensgestaltungen zu entwerfen. Vom Getreide zum Vieh, vom Fleisch zur Milch, zu Buschenschänken und Nischenwirtschaften, zum Nebenerwerb, um den Hof halten zu können; der Einbruch der Technik in die Naturverbundenheit, der wirtschaftliche Aufbruch der siebziger Jahre, manch Ratlosigkeit in der Gegenwart und doch die Zuversicht: es wird weitergehen.

Die Kluft ist groß zwischen jenen mit zwei, drei Kühen im Stall und solchen, die Milch und Äpfel auf Rekord produzieren. Zieht der eine noch das im Sommer eingeholte Gras auf dem Schlitten in seinen Stadel, zerreißt der andere mit schneller Hand den Futtersack, den ihm ein Lastauto liefert. Bauer ist nicht gleich Bauer. Auch Rousseaus absolute Landschaft gibt es schon lange nicht mehr, in der Mensch und Natur eins sind und das Walten als gottgewolltes akzeptiert.

Aus vielen Bauernküchen ist jede Romantik verschwunden, blank geputzte Funktionalität, schmucklos, ohne großen Sinn für Materialien, außer beim Herd. Die Rußküche von einst haben, so weit sie sich erinnern konnten, alle gern hinter sich gelassen, auch manch schönes Haus und manch alter Stadel wurde einem Zweckbau geopfert, aber nur für die Ästhetik kann das Bauernleben nicht aufrechterhalten werden, es hat seinen Eigenzweck, seine Gesetzmäßigkeit, um den Hof weiterzubringen, nächsten Generationen ein Dasein zu ermöglichen.

Es ist gut, sich ans Früher zu erinnern, aber heute ist es anders, sagt ein Bauer. Früher war mehr Arbeit und doch mehr Zeit. „Ein richtiger Bauer geht heute schon auch noch hinaus auf Streifzug durch die Flur, aber er geht alleine, und schweigend kehrt er zurück und setzt sich vor den Fernsehapparat.“ Manchmal ist es schon besser, wenn man nicht zuviel redet, sagt ein anderer, aber wenn man gar nichts miteinander redet, ist es schon auch komisch.

Das Reden darüber, wie es früher war, fiel nicht allen leicht, aber allen war es wichtig: Weniger um etwas zurückzuholen, was unwiederbringlich verloren ist, sondern um es in Erinnerung zu halten. Nicht um die Vergangenheit zu verklären, sondern um sie ein Stück weit auch wieder loszuwerden; manche Träne floss unvermittelt, manche Hand hielt sich bewegt am Küchentisch fest. Mancher Knoten im Hals mag sich wenigstens vorübergehend gelockert haben, vieles, das lange geschluckt worden war, wurde wenigstens einmal ausgesprochen. Auch das Zusammenleben auf den Höfen war und ist keine leichtes. Fast immer endete das Gespräch mit der Frage, wie es wohl weitergehen wird, mit der etwas bange, aber doch vertrauensvoll ausgesprochenen Zuversicht, dass die Jungen schon auch ihre Wege finden werden.

Eine Hofgemeinschaft ist ein enges Geflecht aus Familiensystem und Unternehmen, in dem jede und jeder aufeinander angewiesen ist. Das Erbe zu regeln, ist oft nicht leicht, den Hof abgeben oder die Schwiegertochter akzeptieren für manche eine Lebenskrise. Aber wenn keine Erben da sind, die weiterführen, was Großeltern, Urgroßeltern und wer weiß wie viele Generationen davor allen Widerständen zum Trotz erhielten – war dann nachträglich gesehen alles umsonst? Wenigstens das tröstet manchen, solange der Mensch essen und trinken muss, um zu leben, wird es auch den Bauern, die Bäuerin geben.

Weinen für eine Milchsuppe

Marianna Abraham, Prissian image Glen/Montan

image

Marianna Abraham lebt mit ihrem Mann Walter in Glen, unmittelbar nach der Abzweigung nach Truden: „Sie dürfen dort nicht nach Truden fahren, sondern gerade aus, dann kommt rechts ein Spiegel und links ein Zählerkasten für den Strom, dann sind wir die erste Einfahrt links.“ Die Zufahrtsstraße endet zwischen einem Schuppen mit Holzgerümpel und dem Wohngebäude mitten im Klara-Simala-Hof. Im Montaner Dorfbuch heißt der Hof nach dem ersten Besitzer Cristianus Sümerl „Simmerl-Hof“, bekannt ist er eher als „Klara-Simala“. Ihren Mann kennt man als Gorgl-Walter oder den Walter vom Gorgl-Hof, von wo er – nur einige Häuser weiter – herstammt.

Die Küche ist trotz des kurzfristig angekündigten Besuches blitzblank. Da sich der Kaminkehrer angekündigt habe, müsse sie heute auf dem Gasherd kochen, sonst benutze sie lieber den Holzherd, sagt Marianna Abraham, denn das sei kein Vergleich.

Marianna Abraham kommt aus der Gegend von Tisens-Prissian, die mit den Weilern Gfrill, Grissian, Naurein und Platzers ein touristisches Schmuckstück im Meraner Land ist. Als Marianna Abraham hier am 23. März 1939 geboren wurde, waren es nach den Schilderungen von Leo Hillebrand in der Tisener Dorfchronik „schmale Jahre“. Die hohen Zinsen, fallenden Viehpreise und Absatzschwierigkeiten für Obst und Wein in Folge der Weltwirtschaftskrise zwangen auch im Gebiet von Tisens und Prissian gar einige Bauern zum Verkauf. Viele konnten sich nur dadurch halten, dass sie in Geschäften das ganze Jahr über aufschreiben ließen und die Schulden mit Taglöhnerdiensten abarbeiteten. Dienstboten mussten entlassen werden, das Armenhaus in Tisens war aufgrund der vielen neuen Kostgänger gezwungen, bei den Bauern um Kartoffeln zu betteln. Alte Leute und Kranke waren auf Almosen angewiesen, legendär war in der Prissianer Gegend die „Dirlinger Nanna“ oder auch die „Linger-Moidl“, die Asche sammelte, um sie für 2 Lire je Kanne als Düngemittel zu verkaufen. Vom Dirlinger-Hof stammt auch Marianna Abraham.

Der Dirlinger, wo ich geboren wurde, ist ein kleines Höfl in Prissian, wird jetzt aber eher zu Gfrill gerechnet. Wir waren Pächter. Später haben wir den Baumann-Hof in Gfrill gepachtet, der abgebrannt ist; danach waren wir in Sirmian beim Roaner-Hof oder Rainer-Hof. Ich war die Älteste von drei Geschwistern, Berta ist eineinhalb, Luis drei Jahre jünger als ich.

Die Viehwirtschaft kenne ich von klein auf, Obst- und Weinbau habe ich später im Dienst kennen gelernt, noch bevor ich ins Unterland kam. Von Gfrill hat eine Seilbahn zum Dirlinger geführt – das ist meine allererste Erinnerung: einmal, wie mit der Seilbahn Möbel gekommen sind, dann, als sie abgebaut wurde. Ich war damals drei, höchstens vier Jahre alt. Gut weiß ich aus dieser Zeit auch noch, wie der Vater zum Holzarbeiten in den Wald gegangen ist und die Mutter ihm das Essen nachgetragen hat. Meistens sind Knödel gekocht worden, mindestens dreimal in der Woche, einmal weiße Knödel, dann schwarzplentene Knödel und so weiter. Im Winter, wenn die Waldarbeit war, haben wir oft auch ein Fackl gehabt. Plent hat es höchstens einmal in der Woche gegeben, meistens am Freitag, anders als hier im Unterland. Bei uns gab’s Knödel oder Erdäpfel, was man halt selbst gehabt hat.

Das Schönste war für mich, wenn ich mit dem Vater und den anderen Männern mit hinaus zur Heuarbeit durfte, denn zu Halbmittag gab es Speck. Darauf habe ich mich gefreut, da bin ich lieber mitgegangen, als daheim auf die kleineren Geschwister zu schauen. Ging die Mutter zur Heuarbeit mit, habe ich für alle kochen müssen, so ab sieben Jahren schon. Die Mutter hat die Knödel hergerichtet und mir an der Uhr gezeigt, wann ich was zu tun habe: Wenn der kleine Zeiger da steht und der große da, dann musst du das Feuer machen und das Wasser aufstellen, dann den Salat vom Garten holen und waschen. Gesalzen und angerichtet hat dann sie den Salat, aber die Knödel ins Wasser geben und salzen war meine Aufgabe. Um zwölf sind sie alle gekommen, da musste das Essen fertig sein. Ja, da wird man schon selbstständig, aber das war einfach so. Wir haben alle helfen müssen, die Eltern haben schauen müssen, wie sie auskommen. Ich musste abspülen, meine Schwester abtrocknen.

Ich bin lange klein geblieben, gewachsen bin ich erst mit dreizehn, vierzehn in einem einzigen Schub. Bis dahin hat mir der Vater ein Stühlele gerichtet, damit ich überhaupt in den Abspülkessel hinein sah. Damals stand das Wasser von der Früh weg auf dem Herd. Das heiße Wasser wurde zum Abspülen auf die Seite gestellt. Abgespült wurde mit zwei Kesseln, in einem wurde das Geschirr gespült, in den anderen wurde es zum Trocknen gestellt. Abspülmittel gab es nicht, das Spülwasser mit den Essensresten, dem Gspuale, wurde an die Facken verfüttert. Dreimal am Tag haben sie das bekommen und wie es ihnen geschmeckt hat! Meistens hatten wir nur ein Fackl, manchmal aber auch zwei. Nach dem Füttern wurde wieder sauberes Wasser aufgestellt.

Vom Krieg weiß ich noch, wie das Haus unter den Bombenangriffen gezittert hat, obwohl die Bomben weit weg von uns einschlugen. Am schlimmsten war es zu Hitlers Geburtstag. Als die Deutschen einmarschierten, meldete sich mein Vater zum Südtiroler Ordnungsdienst, dem SOD, später ist er eingezogen worden. Ich weiß noch, wie wir beim Rückzug am Stubenfenster gewartet und gehofft haben, dass er endlich zurückkommt, aber da sind alle möglichen Leute vorbeigegangen und er war nie dabei. Auch viele Bettler kamen damals vorbei, wohl deutsche Soldaten auf dem Rückzug, aber das weiß ich nicht so genau. Sie haben halt um ein Gewand gefragt und um ein Essen. Ja und dann ist eines Morgens auch der Vater in der Früh da gewesen, als wir aufgewacht sind. Wir haben uns so gefreut.

Einmal hatten wir eine Hausdurchsuchung, da muss der Vater schon zurück gewesen sein, denn er hat jemanden versteckt, den sie gesucht haben. Da haben sie alles überworfen. Ich habe vor Hunden immer Angst gehabt, aber damals war es das erste Mal, dass ich freiwillig nah an unserem Hund vorbei bin, um mich in einer Holzhütte zu verstecken. Den Heustadel haben sie überworfen, den Misthaufen haben sie umgegraben, und schließlich sind sie auch in die Holzhütte gekommen, wo ich mich verkrochen habe, aber getan haben sie mir nichts.

Eine andere Erinnerung hat mit dem Kalklöschen zu tun. Der Vater hat Kalk eingelöscht und wir Kinder haben ihm zugeschaut. Dann ist ein Wirbelsturm aufgekommen, so stark, dass eines meiner Geschwister beinahe in die Kalkgrube hinuntergestoßen worden wäre. Der Vater hat uns gepackt und ins Haus hineingetrieben. Das Kalkbrennen war gefährlich, aber man hat das Kalk gebraucht, zum Bauen, zum Verweißeln und um es dem Vieh ins Futter zu mischen, damals hatte man ja kein Kraftfutter.

Wir haben alles selber gemacht, das Getreide gemahlen, das Brot gebacken. Zwei, drei Bauern hatten zusammen eine Mühle, wo auch mein Vater das Getreide zum Mahlen hinbrachte, wir haben ihn öfters begleitet. Den Abfall haben wir wieder mitgenommen, der wurde ans Vieh verfüttert. Brot gebacken wurde zweimal im Jahr, im Frühjahr und im Herbst. Den Brotklee haben wir im Garten selber angebaut, das war die Mischung von Kräutern, die wir dem Teig beigemischt haben. Als Gewürze wurden vor allem Anis und Kümmel verwendet. Der Teig wurde am Tag davor hergerichtet, da hat man mit Germ und Wasser das Dampfl gemacht, das war ein Vorteig, den man dann stehen hat lassen, dadurch ist das Brot geschmackiger und auch länger haltbar geworden.

Zu tun gab es immer etwas, auch im Winter, wenn mehr Zeit war. Da war ein Pflug zu richten, ein Wagen in Ordnung zu bringen, Stricke zu flicken. Und da war die Waldarbeit, Holzhacken, Holzarbeiten, Holzmachen, das Holz aus dem Wald herausziehen und heimführen, das ist alles im Winter getan worden.

Lange hatten wir nur Petroliumlicht oder Carbidlampen. Kerzen waren zu teuer, die konnten wir uns nur zu Weihnachten leisten. Aber dann hat der Vater draußen beim Brunnentrog einen kleinen Dynamo angebracht, der vom Wasser angetrieben wurde, und da hatten wir elektrisches Licht. Es waren nur kleine Lämpchen, wie sie heute für Taschenlampen verwendet werden, aber es war elektrisches Licht, das andere damals nicht hatten. Ein Lämpchen war im Stall, glaub ich, eines in der Küche und eines in der Stube. Mit diesem hat der Vater dann gelesen. Die Eltern haben beide gern gelesen, der Vater aber extra gern. Die Bücher hat er beim Pfarrer ausgeliehen, Bibliothek gab es ja keine und kaufen konnten wir die Bücher schon gar nicht. Meistens hat er zwei Bücher ausgeliehen, eines für uns Kinder und eines für die Mutter und sich. Daraus hat er dann unter dem Lämpchen laut vorgelesen, während die Mutter gestrickt hat, das konnte sie auch im Dunkeln. Zuerst hat er uns Kindern vorgelesen, dann der Mutter, oft durften wir aber auch beim Buch für die Erwachsenen zuhören, wenn es für Kinder geeignet war, sonst sind wir halt schlafen gegangen. Lange aufgeblieben sind aber auch die Eltern nicht.

Im Winter ist kein Tag vergangen, ohne dass der Vater vorgelesen hat, im Sommer war es ein bisschen weniger. Da war einfach viel zu tun, die Heuarbeit, die Arbeit im Stall, das Füttern, da wurden auch wir Kinder eingespannt, wo es ging. Ich habe immer mähnen müssen oder vorgehen, wie man auch gesagt hat, also die Ochsen führen, wenn sie den Pflug gezogen haben. Angebaut haben wir Roggen, Weizen, Gerste, Schwarzplent, heut heißt er oft Buchweizen. Im Herbst haben wir das Herbstgetreide, im Frühling das Langesgetreide gesät und auch die Triebe für die Erdäpfel gesetzt.

Beim Ochsenmähnen hat man schauen müssen, dass die Zugtiere gerade gehen. Manchmal sind sie mir schon auch quer über den Acker durchgegangen. Gebraucht hat es immer zwei Zugtiere, aber Ochsen haben wir uns nur einen vermocht, so wurde halt der Ochs mit einer Kuh zu einem Fuhrwerk zusammengespannt. Die Ochsen haben ja nichts geleistet außer die paar Mal, wenn sie für das Pflügen oder für das Ziehen eines Wagens gebraucht wurden, beim Heueinholen oder beim Holzziehen. Die ganze andere Zeit ist der Ochs nur im Stall gestanden und hat gefressen. Schlachten konnte man ihn auch erst so spät wie möglich, nach sieben, acht Jahren, weil man sich sonst keinen neuen leisten hätte können, und dann war er nur noch für die Würste zu gebrauchen. Manche hatten überhaupt keinen Ochsen, die haben die Kühe vorgespannt. So hatte man von den Kühen den doppelten Nutzen. Dass sie weniger Milch gaben, wenn sie hart arbeiten mussten, ist nicht so ins Gewicht gefallen. Auch Kühe hat man so lange gehalten wie nur möglich, eine unserer Kühe ist vierzehn Jahre alt geworden. So haben wir die Kalbelen gezügelt und verkauft, um ein Geld hereinzubekommen.

Melken habe ich so mit acht, neun Jahren angefangen, meistens am Abend. In der Früh mussten wir im Winter ja zur Schule gehen, und im Sommer waren wir hüten. Die Weide war eine halbe Stunde vom Hof entfernt, meistens waren wir zu zweit, oft war ich aber auch allein. In der Nähe der Weide wohnte eine Familie mit zwanzig Kindern. Unsere Väter haben sich nicht gut verstanden, vielleicht weil mein Vater nicht aus der Gegend war, er hatte von Vöran hergeheiratet. Das haben sie uns schon spüren lassen. Einmal haben sie uns in den Stall eingesperrt und die Kühe vertrieben. Als sie uns endlich freiließen, mussten wir erst die Kühe wieder finden, bis nach Platzers war eine getrieben worden. Das war das erste Mal, dass ich von meinem Vater Schläge bekommen habe, weil er glaubte, ich hätte auf die Kühe nicht aufgepasst. Damals war ich neun oder zehn Jahre alt. Er ist gestorben, als ich vierzehn war, und ich konnte diesen Vorfall nie mit ihm klären. Oft hat er auch etwas eingesehen, zum Beispiel, als ich einmal mit nassen Schulheften heimkam, weil man mir Schnee in die Schultasche getan hatte, da hat er mir schon geglaubt, dass ich das nicht selber war. Aber bei den Kühen hat er nie etwas zurückgenommen, das hatte ich im lange für übel. Eine Kuh war halt sehr wertvoll, da hing das Leben der Familie dran.

Im ersten Schuljahr waren wir noch beim Dirlinger. Da musste ich den Schulweg nach Gfrill, das war so eine halbe bis dreiviertel Stunde, ganz alleine machen, weil meine Geschwister noch klein waren. In Gfrill ist zu Nikolaus Kirchtag, und da haben alle Kinder erzählt, was sie vom Nikolaus bekommen haben, und als sie mich gefragt haben, habe ich nicht gewusst, dass der Nikolaus etwas bringt, weil es das bei uns nie gegeben hat. Da haben sie mich gehänselt, ich sei wohl nicht brav gewesen. Daheim habe ich dann geweint, weil ich nicht verstehen konnte, dass der Nikolaus ausgerechnet zu mir nicht kommt. Die Eltern haben versucht zu erklären, zu uns sei der Weg wohl zu weit für den Nikolaus, aber das konnte ich nicht glauben. Wenn es wenigstens eine Kleinigkeit gegeben hätte! Später ist dann auch zu uns der Nikolaus gekommen. Zu Weihnachten hat es schon vorher immer etwas gegeben, ein paar Strümpfe, Socken, Unterwäsche, Pullover oder einen Jangger. Die Nachbarkinder haben einmal eine Rodel bekommen, ein Nachbarbub hat sogar Ski gekriegt. Wir hätten auch gern einen Schlitten gehabt.

Als ich sechs wurde, habe ich zum Geburtstag einen Rucksack bekommen. Damit durfte ich nun einkaufen gehen. Das Lebensmittelgeschäft war in Gfrill, der Vater begleitete mich das erste Mal und sagte, ich sollte gut zuschauen. Danach musste ich alleine gehen. Sie steckten mir einen Zettel in den Rucksack, ich kaufte die Sachen ein, der Vater ging am Sonntag hin zahlen.

Wir hatten mit ganz wenig schon eine Freude, aber wenn dann einmal etwas nicht so war wie gewohnt, dann war die Enttäuschung groß. Zum Frühstück gab es bei uns immer Milchsuppe. Da wird Weizenmehl mit einem Goggele, wenn man eines hat, oder sonst auch nur mit etwas Wasser zu kleinen Kugeln gerollt, Friegel haben wir sie genannt. Die hat man in die warme Milch getan und gegessen. Und am Sonntag gab es bei uns schwarzplentene Milchsuppe. Bei meiner Erstkommunion wurden wir vom Kurat zum Frühstück eingeladen, da gab es Kaffee mit Guglhupf. Das war ich nicht gewohnt, ich mag heute noch keine Süßspeisen zum Frühstück. Als ich heimkam und auf dem Herd die übriggebliebene schwarzplentene Milchsuppe stand, habe ich weinen müssen, weil die schwarzplentene Milchsuppe musste man schnell essen, sonst bildete sich um die kleinen Knollen eine Rahmschicht, die ich überhaupt nicht mochte, und außerdem waren sie dann schon ganz aufgeweicht. Als ich in die Stube bin und die schöne weiße Tischdecke sah, habe ich noch einmal weinen müssen, weil die Häuserin im Widum den Tisch nur mit einer braunen Decke überzogen hatte. Da hat die Mutter gesagt, bist du ein Potschela, wir haben den Tisch ja extra für dich gerichtet! Die Mutter hat immer viel Wert darauf gelegt, an Festtagen den Tisch festlich zu decken. Wenn jemand Geburtstag oder Namenstag hatte, lag auf seinem Platz eine Serviette und daneben stand ein Blümchen. Ich habe im März Geburtstag, meine Schwester im Dezember, aber ein Blümchen hat die Mutter immer gefunden. Und das hat dann auch so sein müssen.

Auf dem Hof, den wir gepachtet haben, hatten wir Äpfel, rund fünfzehn Steigen. Die Sorten weiß ich nicht mehr genau, eine Sorte war besonders gut, eine Renettenart. So bekamen wir zur Jause immer einen Apfel und ein hartes Brot. Die anderen Kinder waren uns auf die Äpfel neidisch und haben sie uns oft genommen.

An den Sonntagen im Winter war die Messe in Grissian um sechs in der Früh, im Sommer um fünf. Da sind wir um halb vier aufgestanden und um vier losmarschiert, eine Stunde mussten wir gehen. Ich habe das nie so als Zwang empfunden, das hat dazugehört. Nachmittag haben wir nie in die Messe gehen müssen, am Sonntag war ja immer noch der Rosenkranz oder das Nachmittagkirchen.

In Grissian hat die Schule um 7 Uhr in der Früh begonnen. Um 6 Uhr war das Betläuten, und wenn wir da aus dem Haus waren, wussten wir, dass wir normal gehen können, sonst hat es geheißen schnell gehen. Für den Heimweg durften wir eineinhalb Stunden brauchen, weil wir unterwegs spielten. Das Mittagessen haben wir noch in der Schule bekommen.

Die Lehrerin war noch ganz jung, achtzehn Jahre. Unter dem Faschismus hat es ja keine ausgebildeten deutschsprachigen Lehrpersonen mehr gegeben, und unsere Lehrerin hatte nur einen dreimonatigen Kurs besucht. Schule hatten wir am Montag, Dienstag und Mittwoch, am Donnerstag war frei, am Freitag und Samstag war wieder Schule, der Sonntag war wieder frei. Und an diesen zwei freien Tagen, Donnerstag und Sonntag, musste die Lehrerin zu einem Kurs nach Bozen, um das zu lernen, was sie uns in der Woche drauf beibringen sollte. Im Schulhaus gab es einen Klassenraum und einen Wohnraum für die Lehrerin, mit einem Bett und einer Kochstelle. Dort hat sie für uns gekocht. Alle acht Jahrgänge bildeten eine einzige Klasse, aber für den Religionsunterricht hat der Kurat die Klassen oft geteilt. Dann sind die einen Schüler mit ihm im Klassenzimmer geblieben und die anderen mit der Lehrerin in ihren Wohnraum gegangen.

Ich war vermutlich keine schlechte Schülerin, weil ich in der dritten, vierten Klasse oft den Kleinen beim Lesen und Schreiben helfen musste. Ich bin gern Schule gegangen, aber die Eltern konnten damals die Ältesten länger zum Arbeiten daheim behalten. Die Schule begann am 1. Oktober, ich durfte aber immer erst zu Allerheiligen gehen, und ab Mai musste ich wieder daheim arbeiten, obwohl die Schule bis 30. Juni ging, zu Peter und Pauli wurden die Zeugnisse verteilt. In Sirmian war unsere Weide etwas oberhalb der Schule, von dort habe ich direkt auf die Schule hinunter gesehen und geweint, weil ich nicht Schule gehen durfte. Als ich später die Haushaltungsschule besuchen durfte, hier in Glen, hatten wir eine Rechenaufgabe zu lösen, die ich einfach nicht verstanden habe. Ich bin davor gesessen und habe halt wieder geweint. Da hat mich die Lehrerin gefragt, was los ist, so eine Rechnung muss ich doch können – aber ich hatte doch immer gefehlt! Das habe ich ihr dann erklärt, dann hat sie es verstanden.

image

Die Haushaltungsschule in Glen war in Südtirol eine der ersten Bildungsstätten für Bauerntöchter. Im Bild vorne das Ehepaar Abraham, das einige Schülerinnen beherbergte; hinten Walter Abraham mit seiner zukünftigen Frau Marianna.

image

Im Butterkübel wird der Rahm zu Butter geschlagen. Im Bild Marianna Abrahams Schwiegermuttter.

image

Marianna Abraham klopft das Wasser aus der frisch geschlagenen und gewaschenen Butter.

Gern hätte ich eine Lehre gemacht, Schneiderin war mein Traum, aber ... Der Vater ist gestorben, als ich vierzehn war. Es war die letzte Strebfuhre in jenem Herbst, schon im November. Ich hatte ihn jeden Tag begleitet. Aber an dem Tag hatte ich in der Früh Kopfweh, da hat die Mutter gesagt, ach, bleib du heute daheim, geh ich mit dem Vater. Und als sie mit dem Ochsen vom Acker zurückgekommen sind, der Weg war abhängend, er hat von unten dagegengehalten, ist die Fuhre über ihm umgekippt, es hat ihm die Wirbelsäule abgedrückt. Er war auf der Stelle tot.