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Irene Prugger

Frauen im Schlafrock

Roman

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Ungekürzte E-Book-Ausgabe

© 2005 by Skarabæus Verlag Innsbruck-Bozen-Wien in der Studienverlag Ges.m.b.H.

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7517-6

Buchgestaltung nach Entwürfen von Kurt Höretzeder

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.skarabaeus.at.

Teil I

1

Paul kam wie gerufen. Als er vor zwei Jahren zum ersten Mal in unserer Agentur auftauchte, hatten wir kurz zuvor über Bindungsängste und Dreiecksgeschichten gesprochen. So ist es fast immer: Unser Boss Haller trägt Thesen vor und das Leben schiebt dafür unverzüglich Beweise nach. Man könnte meinen, er sei mit einer höheren Macht im Bunde. Dabei verbündet er sich bloß mit unseren simpelsten menschlichen Regungen.

Wir diskutieren in unseren Planungssitzungen oft über den modernen Menschen und seine Schwierigkeiten, dem Leben neben Genuss auch tieferen Sinn abzuringen. Das ist nicht immer motivierend. Wenn man gerade beste Laune hat, durchs offene Fenster die Vögel zwitschern hört und mit sich und dem Leben im Einklang ist, fragt man sich ernsthaft, ob man tatsächlich zur Gattung des modernen Menschen gehört – und schon hat man wieder Probleme. In einer auf Vergnügungen spezialisierten Agentur wie der unseren, in der Ablenkung als eine Art Erlösung gilt, muss man sich mit den Kunden identifizieren. Leider entwirft Haller von ihnen ein allzu drastisches Bild und so sehen wir nach seinem Entwurf den modernen Menschen und damit uns selbst als hungriges, gieriges, schwer zu befriedigendes und dennoch für jede Zuwendung dankbares Wesen. Fast hat es den Anschein, als würden wir nur wegen unserer ständigen Erwartungshaltung aufrecht gehen.

Im Verlauf der ersten Planungssitzung für unsere neuen, mit virtuellen und sensorischen Attraktionen ausgestatteten Erlebniswelten entfaltete Gerd – er ist Fachmann für Computeranimation, Leiter einer entsprechenden Arbeitsgruppe und heimlicher Medizinstudent – ein Transparent mit einem Slogan der Cyberkultur:

»Nur eine neue Kunst des Genießens kann uns retten

»Genau darum geht es!«, stimmte Haller begeistert zu. Gewiss freute er sich in seinen engen, schwarzen Lederhosen auch ohne angelegte Sensoren über Druck- und Hitzereize, denn ihm gegenüber saß die neue Praktikantin in kariertem Minirock und Kniestrümpfen.

»Ja und weiter?«, fragte Kollege Schramm. Er war unlängst von der Kreativtruppe in den Bereich Organisation abkommandiert worden und nunmehr zuständig für die Koordination mit anderen firmeninternen Arbeitsgruppen. Eine klare Degradierung, aber für Schramm, der in kakifarbener Bundfaltenhose und weinrotem Karohemd aussah, als hätte er gerade das Angeln als Hobby entdeckt, wohl die beste Lösung.

»Vorläufig bloß ein Slogan«, bemerkte Britta, die als zuständige Projektleiterin für das Protokoll, aber auch für kritische Einwürfe sorgte. »Und wer füllt ihn mit Inhalt?«

»Wir«, sagte Gerd.

»Selbstverständlich«, bekräftigte Haller. »Das ist unsere Aufgabe.«

»Worum geht es eigentlich genau?«, fragte die Praktikantin, deren Namen ich vergessen habe.

»Um das große Liebes- und Glücksspiel«, erklärte Gerd, von dem ich wusste, dass er zumindest das Spiel, das wir hier spielten, nicht im Mindesten ernst nahm. »Um Berührung mittels Sensoren, um Verführung durch Simulation, um die Fernsteuerung der Gefühle, um aufregende Lustlabyrinthe, um eine neue Kunst des Genießens eben.«

»Klingt interessant«, sagte die Praktikantin.

»Na ja, vorerst geht es nur um harmlose Flirtschulen, bei denen man sich mit virtuellen Spielabläufen fürs Leben fit machen kann«, bremste Haller ein, der gleich um Jahre jünger aussah, weil sie ihm einen langen Blick aus blitzblauen Augen schenkte.

»Vielleicht geht’s auch um einsame Menschen«, gab Britta zu bedenken, »um einsame, ängstliche Menschen.«

»Gibt es solche denn noch?«, fragte Schramm. Er saß auf der Vorderkante seines Sessels und war offensichtlich schon wieder auf dem Sprung, Privatangelegenheiten zu koordinieren.

»Menschen haben Sehnsüchte«, behauptete Haller. »Und manche Sehnsüchte machen Angst. Dort müssen wir ansetzen. Beim Wunsch nach kontrolliertem Abenteuer.«

»Vielleicht sollten wir wieder zu einfachen Ideen zurückkehren und einmal ein wirklich lustiges Vergnügungsprogramm entwerfen!«, schlug Schramm vor.

Niemand im Raum wusste wohl, was er mit lustigem Vergnügungsprogramm meinte, und es wurde auch nicht ausdiskutiert, denn in diesem Moment klopfte es und der Neue trat ins Zimmer. Haller sprang auf, schüttelte ihm die Hand und scherzte, dieser Mann sei der unserer Gruppe zugeteilte Architekt und die leichte Verspätung sollten wir keineswegs als symptomatisch einstufen, denn seine Arbeit sei durchaus zukunftsweisend.

»Freut mich, dass Sie das auch so sehen«, sagte der Neue.

Brittas überraschtes Gesicht bewies, dass er auf sie Eindruck machte. Zweifellos sah er beeindruckend aus: geschätzte Anfang dreißig, dichtes, dunkles Haar mit vereinzelten grauen Strähnen, Augen mit der Farbe von schlammigem Meer bei Flut. Der Typ des Frauentrösters, der Frauen überhaupt erst auf den Gedanken bringt, dass sie Trost nötig haben könnten. Bereits auf den ersten Blick war mir klar, dass es nur enttäuschend sein konnte, was ich über ihn sonst noch erfahren würde. Es musste schon beim Namen beginnen.

Er stellte sich als Paul Hauser vor, war sechsunddreißig und ein Landsmann von mir: Sein Heimatort war ein kleines Dorf in Salzburg. Bei unserer Münchener Agentur arbeitete er hauptsächlich für die neuen Cyber-Cafés. Dass er mit seinem roten Audi Cabrio an kühleren Tagen mit offenem Dach und aufgedrehter Heizung herumfuhr und in einer festen Beziehung lebte, wusste Mitzi aus der Personalabteilung am nächsten Tag in der Kantine zu berichten.

Nachdem Paul sich vorgestellt hatte, bot Haller in einer noblen demokratischen Geste an, Kaffee für alle zu holen. Schramm stand ebenfalls auf, schaute auf die Uhr und sagte, er müsse sich entschuldigen, er habe leider einen Arzttermin. Als die beiden zur Tür draußen waren, meinte Gerd, Schramm riskiere noch Kopf und Kragen, wenn er so weiter mache, worauf ich bemerkte, ich sei nicht sicher, ob Schramm provoziere, aber wenn er provoziere, dann hätte er uns allen etwas voraus.

Der Neue beugte sich auf seinem Sessel nach vor, übersah Britta, übersah die Praktikantin, schaute mich an und nickte sinnend.

Ein paar Wochen später saß ich mit Paul im »Ludwig« an der Bar. Unsere Kollegen hatten sich schon verabschiedet, doch für mich gab es keinen Grund, nach Hause zu gehen. Einen Tag zuvor war mein Risikoprofil von einer Bank als so konservativ eingestuft worden, dass der Bankbeamte mir seufzend zu einem Sparbuch mit zweijähriger Bindung geraten hatte, aber kaum jemand will sich bei einem lockeren Flirt als feige und wenig dynamisch erweisen. Wir unterhielten uns gut, lachten viel, und als sich einmal unsere Hände berührten, geriet das Gespräch verräterisch ins Stocken.

Ich war irritiert, wie sehr mich das aus dem Konzept brachte, und fragte mich, ob meine Verwirrung verliebten Gefühlen entsprang oder bloß dem Wunsch nach verliebten Gefühlen. Der moderne Mensch halte sich mit dem Unterschied nicht lange auf, es bleibe ihm auch gar nichts anderes übrig, behauptet Haller, der einem sogar in privatesten Momenten mit seinen Thesen in den Rücken fällt. Zu oft haben wir sie durchgespielt, die Situation der Verführung. Wenn es drauf ankommt, platzieren wir mit strategischer Raffinesse Unterwerfungsgesten, Demutsbezeugungen ebenso wie manipulierende Appelle und sexuell-erotische Anspielungen. Aber wir haben auch gelernt, dass die Anziehungskraft eines verliebten Menschen im sanften Erröten, in seiner reizvollen Verwirrung unter dem Blick des Angehimmelten liegt. Genau hier setzt unsere eigene, wenig reizvolle Verwirrung ein: Statt bei einem Flirt sanft zu erröten, weicht uns dabei im Spiegel der Selbstschau oft die Farbe aus dem Gesicht. Wer auch immer uns umwirbt und vielleicht sogar erfolgreich mit dem Wohnungsschlüssel winkt – wir wissen bereits beim ersten Rendezvous, dass es mit uns beiden schief gehen wird.

»Du bist siebenundzwanzig, du wirst doch keine Einzelgängerin sein?«, bohrte meine Mutter, wenn sie wissen wollte, ob es einen Mann in meinem Leben gab. Eigentlich sagte sie damit: »Du wirst doch nicht so sein wie ich.« Solche Momente machten zumindest deutlich, dass es eine Mutter in meinem Leben gab, aber ein Mann, da hatte sie Recht, wäre zur Abwechslung auch einmal wieder gefragt gewesen.

Als unser Gespräch nicht mehr so richtig in Gang kommen wollte, bemerkte Paul, dieses »Ludwig« sei ja ein ausgesprochen hässlicher Laden. Wir sollten lieber woanders hingehen. »Irgendwohin, wo es ein bisschen stimmungsvoller ist.«

Ich kam mindestens zweimal in der Woche nach Büroschluss mit ein paar von unseren Leuten oder nur mit Britta hierher und ich hatte mich noch nie daran gestört, aber es stimmte: Die Einrichtung im »Ludwig« war klobig und nüchtern zugleich und täuschte mit herzlich wenig Engagement Gemütlichkeit vor. Die Barhocker, bezogen mit grünem Velours, sah man wenigstens nicht, wenn man draufsaß. Am Schlimmsten waren die Lampen mit barbusigen Meerjungfrauen als Lichtträgerinnen, die über unseren Köpfen schwebten. Sie sahen aus wie in der Bastlerabteilung eines Baumarktes gekauft und dann notdürftig zusammengeklebt. Die Atmosphäre war kaum geeignet, romantische Gefühle aufkommen zu lassen, aber mir schien es ohnedies zu früh, Romantik ins Spiel zu bringen.

»Warum stimmungsvoller?«, fragte ich.

»Weil ich dann besser küsse«, sagte Paul.

Ich spürte plötzlich kalte Schauer über meinen Rücken jagen, als hätte jemand eine Tür und ein Fenster geöffnet. Es war aber nur diese imaginäre Zugluft, die einen erfasst, wenn sich gleichzeitig zwei Aussichten auftun: eine gute und eine bei weitem weniger gute. Für den Moment weiß man dann bloß, dass man sich so oder so eine Erkältung holen wird.

Ich hob mein Bitterlemon an die Nase, roch wider Erwarten medizinische Gerüche und sagte: »Das geht aber schnell bei dir. Ich wette, du bist verheiratet. Verheiratete Männer haben nie viel Zeit zu verlieren.«

Früher erzählten einsame Männer an der Bar von unglücklichen, tristen Ehen voller Missverständnisse, heute erzählen sie von funktionierenden Partnerschaften voll solider Kameradschaft, denen allerdings die Leidenschaft abhanden gekommen sei. Sie scheuen sich auch nicht, Namen und Details zu nennen, und so erfuhr ich, dass Pauls Freundin Marlene hieß, bei einer Immobilienfirma arbeitete und dass sich die privaten Verbindlichkeiten in einem beinahe schon unentwirrbaren Grad der Verflechtung befanden: Er war ihr vor mehr als zehn Jahren hierher nach München gefolgt, sie hatte ihm sein Studium mitfinanziert und sie hatten zusammen im Haus ihrer Eltern eine große Wohnung ausgebaut. Aber nicht nur Verpflichtung hielt sie zusammen. Sie mochten sich noch immer. Möglicherweise, wer kann das nach so langer Zeit schon so genau sagen, liebten sie einander noch. Trotzdem hätte Paul gern auch einmal eine andere Frau geküsst, aber er wollte dieser anderen Frau nicht wehtun. Sie sollte wissen, worauf sie sich einließ, wenn sie mit ihm unter die Decke der Verschwiegenheit schlüpfte.

»Es müsste natürlich unter uns bleiben«, sagte Paul und ich sah ihm an, dass er überzeugt war, es gut hinter sich gebracht zu haben.

Fast hat es etwas Rührendes, wenn jemand bei so viel Offenheit an die Beständigkeit von Geheimnissen glaubt. Wahrscheinlich war er aber nur ein alter Routinier, der mit erprobter Unschuldsmiene statt auf schöne Worte auf Ehrlichkeit setzte. Die Generation meiner Mutter hat sich noch von schönen Worten verführen lassen, meine Generation aber, weitere zwanzig Jahre auf- und demnach abgeklärter in Liebesdingen, gesteht sich von vornherein ein, dass schöne Worte eben nur schöne Worte sind. Und weil wir nichts mehr fürchten als getäuscht zu werden, nehmen wir es in Kauf, wenn eine Beziehung bereits mit einer Enttäuschung beginnt.

Als Paul mich fragte, ob bei mir zu Hause denn niemand warte, überdachte ich schnell, ob meine Wohnung aufgeräumt war, und sagte dann: »Auf mich wartet niemand. Wir können gern bei mir noch etwas trinken!«

Von da an kam er jeden Freitagabend zu mir, bei sich ergebender Gelegenheit hin und wieder auch unter der Woche. In seltenen Fällen, wenn Marlene auf Dienstreise war, hatten wir sogar das Wochenende für uns. An den Freitagabenden blieb er ziemlich genau zweieinhalb Stunden. Oft ging ich anschließend noch aus, traf Bekannte und machte halbherzige Eroberungen, die ich umso mehr genoss, weil ich keinerlei Absichten hatte, mich mit jemandem einzulassen. Zumindest in der ersten Zeit genügten mir die wenigen Stunden mit Paul. Die Liebe zeitlich einzugrenzen hatte durchaus etwas für sich: Wir brauchten uns nicht am Dazwischen aufzureiben, an diesem ernüchternden Dazwischen, wenn sich der liebevolle Blick von einem abwendet und die Stimme, die einem gerade erst zärtliche Worte ins Ohr geflüstert hat, den Tonfall ändert und behauptet, es gäbe jetzt Wichtigeres zu tun.

Die Jahre, in denen ich allein gelebt hatte, waren nur von drei kurzen, wenig erbaulichen Affären unterbrochen gewesen; vorher hatte ich mit einem strebsamen, gutmütigen und sehr häuslichen Anwalt zusammengelebt. Die zwei Jahre mit ihm haben mir gezeigt, dass ich in einer Beziehung nicht alltagstauglich bin. Je selbstverständlicher sich mein Freund in unserem Haushalt eingerichtet hatte, umso nervöser war ich geworden. Vom anderen Ende des Lebens her begann in dieser heillosen Absehbarkeit schon das Alter zu drohen.

Meiner Mutter hatte der Anwalt gefallen, sie mag Männer, die konsequent ihren Weg gehen. Mein Vater ging ebenso konsequent seinen Weg, allerdings ein bisschen zu schnell und die Richtung hat auch nicht gestimmt: Er ist uns davongelaufen. Dem Anwalt bin ich davongelaufen, von einem Tag auf den anderen. Da es keinen triftigen Grund zur Klage gab, habe ich mir sein Verteidigungsplädoyer gar nicht erst angehört. Bei einer zufälligen Begegnung warf er mir später vor, nicht einmal einen Streit sei er mir am Ende noch wert gewesen.

Ich hielt auch Paul in einer Partnerschaft nicht für alltagstauglich. Deshalb wollte ich erst gar nicht wissen, ob er bereit gewesen wäre, sich von Marlene zu trennen. Er selbst brachte es von sich aus nie zur Sprache, obwohl er im Laufe der Zeit des Öfteren durchblicken ließ, dass ihr Zusammenleben so glücklich nun doch wieder nicht war. Und wenn ich mir die Beziehungen in meinem Bekanntenkreis ansah – dieses verzweifelte Ringen um Gerechtigkeit in einer von Natur aus ungerechten Sache, diesen zähen Kampf um Zuneigung, die verschämten Ausbruchsversuche –, oder wenn ich an die inzwischen längst geschiedene Ehe meiner Eltern dachte, war es trotz der gelegentlichen Sehnsucht, in derart existenziellen Gefühlswelten mitzumischen, beileibe nicht die schlechteste Lösung, die Liebe auf so leichte und leichtfertige Art zu genießen. Natürlich war damit zu rechnen, dass Marlene davon Wind bekommen und Paul vor eine Entscheidung stellen könnte, aber ich vermied es, mir diese Situation auszumalen. In einem solchen Arrangement hat man genug damit tun, sich selbst zu hintergehen, um sich nicht über die eigenen Vorstellungen und Gefühle klar werden zu müssen, oder gar über die Vorstellungen und Gefühle des jeweils anderen im Bunde.

Als sich allerdings nach ein paar Monaten unsere Treffen zur Routine eingespielt hatten, hoffte ich manchmal darauf, dass Paul sagen würde: Lass uns in ein Restaurant gehen, etwas Gutes essen und darüber reden, wie es weitergehen soll. Nicht um tatsächlich einen Plan auszuhecken, bloß um das Thema einmal anzusprechen. Und nur um den so rational aufeinander abgestimmten Herzschlag ein wenig aus dem Takt zu bringen, fragte ich manchmal: »Sollen wir uns in der nächsten Woche lieber am Donnerstag treffen?« Dann fragte er zurück: »Aber warum denn? Gibt es einen Anlass?« Und ich gab mich wieder schon im Vorhinein geschlagen und sagte: »Einfach nur so.«

2

Schramms letzter Arbeitstag in unserer Firma war ausgerechnet ein Freitag. Zum Abschied gab es für unsere Abteilung japanische Häppchen. »Wieder einmal kleine Mutproben auf dem Teller«, spottete Gerd und beugte sich interessiert über das Buffet, das Haller spendiert hatte.

»Wer nicht wagt, gewinnt auch nicht«, meinte Paul, biss in ein mit grünem Gespinst verziertes Kunstwerk und verzog das Gesicht.

»Gehobelte Gurken?«, fragte Gerd.

»Vermutlich Seetang«, sagte Paul. »Fördert die Fähigkeit, sich auch einmal treiben lassen zu können.«

Schramm zeigte Sinn für den großen Moment, schritt gelassen unsere Reihe ab, prostete uns zu und schüttelte jedem von uns die Hand. Sogar als Haller in Begleitung Wilfrieds, Schramms ehrgeizigem, jungem Nachfolger, der aus Pietät ein ernstes Gesicht zu machen versuchte, zu unserer Runde stieß und Schramm in blumigen Worten Glück für die Zukunft wünschte, erweckte er keinesfalls den Anschein eines Mannes, der mit den Anforderungen nicht mehr zurechtkommt.

»Er hat ein glänzendes Horoskop, dynamische Entwicklungen, hängt zur Zeit nicht am Gängelband von Saturn und dennoch bringt er nichts zustande. Wissen Sie, was mit ihm los ist?«, hatte Haller uns einmal gefragt, als Schramm wieder beim Arzt gewesen war, um seine Blutfettwerte messen zu lassen.

Die Art, wie Haller Verbündete sucht, hat meistens betroffenes Schweigen zur Folge. Diesmal aber konnten wir uns aufrichtig ahnungslos zeigen. Mit gesenktem Kopf tanzte Haller damals ab und ging in den Keller, um im Fitnessraum einen Sandsack zu boxen. Jetzt schickte er sich an, eine Lobrede auf Schramm und seine dynamischen Entwicklungen zu halten. Er sprach von neuen Aufgaben, denen man sich stellen müsse, wie Schramm es nun tat. Wir wussten alle, dass Schramm nicht freiwillig abtrat, aber das brachte natürlich keiner zur Sprache. Es wäre rücksichtslos gegenüber Schramm gewesen, der noch immer gefasst in unserer Mitte stand, ein großer, artiger Bub, der sich sein Artigsein gern belobigen ließ und seinen Wechsel zu einer florierenden Münchener Logistikfirma als Chance für einen spannenden Neubeginn wertete. Einmal zwinkerte er mir während Hallers Rede zu, was ich ein bisschen unverschämt fand, denn es bedeutete wohl: Nur mit der Ruhe, er wird gleich zum Ende kommen. Dann bist du frei fürs Rendezvous.

Tatsächlich fürchtete ich, wir kämen nicht pünktlich aus dem Büro und meine Zeit mit Paul wäre noch knapper bemessen als sonst. Aber dann unterbrach Paul ohne viel Aufhebens Hallers Rede und sagte, wir sollten Schramm nicht zu viele Blumen aufs Grab legen. Er lebe ja noch.

Hallers Zornesader auf der Stirn schwoll an und begann zu pochen, aber er bremste sich ein und schüttelte Schramm noch einmal die Hand. Bevor er abging, machte er ein Gesicht, als würde er gleich eine Tür hinter sich zuschlagen. Aber es gibt nur sanft gleitende Schiebetüren in unseren Büros.

»Danke, Paul«, sagte Schramm und hob sein Glas, »das war anständig von dir!«

Pauls Blick blieb an mir hängen und ich sah das aufregende, dunkle Glitzern in seinen Augen. Dummer Schramm, dachte ich. Paul hat das natürlich für mich getan. Schramm blickte abwechselnd Paul und mich an, verstand, und steckte wie immer den Schlag mit einem nachsichtigen Lächeln weg.

»Kein bisschen Wehmut, Schramm?«, fragte ich, als wir uns auf der Straße voneinander verabschiedeten. Paul, der mir immer eine Stunde Vorsprung ließ – aus Vorsicht, aber wohl auch, damit ich ihn frisch geduscht, in duftiger Wäsche und mit offenen Armen empfangen konnte –, war noch im Büro.

»Ich hänge es nicht an die große Glocke«, sagte Schramm, »aber ich denke doch, dass es neben der beruflichen Karriere endlich auch an der Zeit ist, ein paar private Träume zu verwirklichen.«

»Du denkst doch nicht tatsächlich an einen Schrebergarten?«, fragte ich, denn er hatte mir gegenüber ein paar Mal davon gesprochen.

»Jeder hat eben so seine eigenen Vorstellungen von einem Lustlabyrinth«, meinte Schramm schmunzelnd. »Nun dann, mach’s gut, Anna. Ich wünsche dir von Herzen alles Gute.«

Er hob die Hand, drehte sich um und ging. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ihn zurückrufen zu müssen, um ihm noch etwas zu sagen, aber da ich nicht die geringste Ahnung hatte, was ich ihm hätte sagen sollen, ließ ich es bleiben. Wir waren einander nie besonders herzlich zugetan gewesen und die Rührung, die mich überkam, als er mit schlurfenden Schritten davonzog, die Hände in den Taschen seines Staubmantels vergraben, war eher eine Rührung allgemeiner Art. Manchmal ist das Leben herzzerreißend traurig und man kann nicht darüber weinen, und dann wieder genügt ein dummes Lächeln, das man für tapfer hält, und schon geht man vor Wehmut in die Knie.

Paul fragte an diesem Abend, den wir wie jeden Freitagabend in meinem Bett verbrachten: »Gefällt es dir?«

»Was?«

»Was wir hier tun.«

»Ja.«

»Das klingt wenig begeistert, Mädchen, we-nig-begeis-tert-klingt-das …«

»Aber ich bin begeistert«, sagte ich.

»Du bist irgendwie nicht bei der Sache«, beharrte Paul.

Tatsächlich wollte Schramm mir nicht aus dem Sinn. Es stimmte, er war nicht mehr flexibel genug und etwas dicklich auch im Denken. Als Ältester unserer Truppe war er nun wohl wirklich zu alt, wobei sich niemand von uns ohne ausdrücklichen Auftrag alt zu werden getraut. Als ausdrücklicher Auftrag gilt, wenn Haller sagt: »Denken Sie sich in die Alten hinein, die Alten wollen noch etwas Spannenderes erleben als Achterbahnfahren. Achterbahnfahren genügt denen nicht. Die wollen das Leben noch einmal neu beginnen und gleichzeitig das Sterben proben. Und ihnen diesen Kick zu verpassen, wird doch wohl nicht zu viel verlangt sein. Also lassen Sie Ihrer Kreativität freien Lauf, meine Damen, meine Herren, und erforschen Sie ohne Scheu auch Ihre eigenen geheimen, herzinnigsten Wünsche!«

Ich spürte das Kratzen von Pauls Zweitagesbart auf meiner Wange und sah, dass sich im milchtrüben Glas der Deckenlampe zusehends mehr tote Fliegen sammelten.

Überhaupt hatte ich neuerdings ziemlich oft die Decke im Blick, wenn wir uns liebten. Es wäre wohl besser gewesen, die Augen zu schließen, aber das schaffte ich nur im Dunkeln, und Paul liebte nicht gern im Dunkeln, allerdings machte er dabei gern die Augen zu.

»Glaubst du, wir hätten verhindern können, dass Schramm gehen muss, wenn wir uns mehr für ihn eingesetzt hätten?«, fragte ich wenig später, als er sich schon wieder für den Heimweg bereit machte.

Das war ziemliche Schönfärberei, denn wir hatten uns überhaupt nicht für Schramm eingesetzt, ganz im Gegenteil, die gesamte Abteilung hatte sich hinter seinem Rücken über ihn lustig gemacht, und manchmal wurde auch gar nicht erst abgewartet, bis er sich umgedreht hatte. Aber sich deshalb mit Vorwürfen quälen? Eigentlich ist es eine Art Naturgesetz: Wenn ein Fisch die richtunggebende Flosse nicht richtig hält, verunsichert das die anderen Fische des Schwarms und sie fallen über ihn her. Da konnte Schramm noch von Glück reden, dass er sich unter Menschen befand.

»Schramm ist selbst für sein Dilemma verantwortlich«, winkte Paul ab. »Und vielleicht ist es ja auch gar kein Dilemma. Er zieht sich dorthin zurück, wo es für ihn am bequemsten ist.«

»Er hat sich auch vor uns zurückgezogen, obwohl er uns sicher hin und wieder gebraucht hätte«, vermutete ich, worauf Paul sagte: »Das, was man braucht, erträgt man oft schwer.«

Ich unterließ es nachzufragen, was genau er damit meinte, denn ich hatte so eine Ahnung, die Erklärung könnte in irgendeiner Weise auch mit uns beiden zu tun haben und etwas tiefer Liegendes berühren als irgendein anderes Thema, worüber wir beide je miteinander gesprochen hatten. Denn so viel war klar: Bei aller Leidenschaft unserer besten Stunden hatten wir es noch nicht gewagt, uns an den empfindlichsten Stellen zu berühren, und dabei konnten wir uns gewiss nicht damit herausreden, dass wir aus Rücksicht auf Marlene davor zurückgeschreckt waren.

Beim Blick zum Fenster sah ich, dass es zu regnen begonnen hatte, die Scheiben waren nass von Regentropfen, die langsam verrannen und zögernd Platz machten für die nächsten, die zusehends wilder prasselten. Bei diesem Hundewetter wäre es schön gewesen, noch ein bisschen nebeneinander zu liegen, aber Paul rechnete stets nur knappe zwei Stunden ein, wenn Marlene zur Abwechslung eine häusliche Phase hatte und abends mit dem Essen auf ihn wartete. Ein zweifelhafter Liebesdienst, denn ihre gut gemeinte, aber nicht besonders feine Küche bekam seinem empfindlichen Magen nicht. Manchmal beklagte er sich bei mir darüber und ich dachte, das hat sie mir voraus, dass er die von ihr zubereiteten Mahlzeiten essen muss, dieses Recht auf die vielen kleinen Gedankenlosigkeiten in einer Beziehung. Ich war eingeschnappt, weil er es wie immer so eilig hatte, zu ihr zu kommen. Das schien er sogar zu bemerken. Um es wieder gut zu machen, sagte er: »Ich möchte dir gern etwas schenken. Was würde dir denn gefallen?«

Er hatte mir schon öfters großzügige Geschenke gemacht, aber so direkt nach meinen Wünschen hatte er mich noch nie gefragt und so direkt hatte ich es mir auch selbst noch nie eingestanden: Ich hätte ihn ja doch gerne einmal eingeladen, über Nacht zu bleiben, bis zum Schrillen des Weckers, der den Alltag einläutet, vielleicht sogar bis zum ersten kleinen Streit wegen der nachlässig ausgedrückten Zahnpastatube oder bis zu jenem Regennachmittag, da man zum ersten Mal die Langeweile ans Fenster trommeln und zu neuen Aufbrüchen mahnen hört. Aber das wagte ich nicht zu sagen und so sagte ich aus Trotz oder Verlegenheit etwas, was ebenso fehl am Platz war. Ich sagte: »Erzähl mir von Marlene!«

Sollte ich ihn damit erschreckt haben, so zeigte er es jedenfalls nicht, denn er bemerkte ohne zu zögern: »Sie ist in Ordnung.«

Es war seine Gelassenheit, die mich manchmal fassungslos machte; wie selbstverständlich er sich zwischen ihr und mir bewegte, als bräuchte er nur über eine dafür vorgesehene Brücke zu gehen. Er schwankte nie auf dieser Brücke, sah nie in den Abgrund, dabei war es doch nur dieses hauchdünne Netz aus Schweigen, das ihn hielt, und das jederzeit mit einem Wort gekappt werden konnte. Weil es mich plötzlich reizte, ihn aus der Ruhe zu bringen, sagte ich, mich wundere ohnedies, dass sie es nicht schon längst wisse, worauf er meinte: »Aber wenn wir doch immer so vorsichtig sind!«

Er hat auch immer geglaubt, die Leute im Büro wüssten von nichts. Sie wussten es alle, doch bis auf Britta, die ich gleich von Beginn an eingeweiht hatte, interessierte unsere Geschichte keinen von ihnen. Unsere Kollegen sind sehr diskret und nichts fesselt sie so wie die Arbeit. Wahrscheinlich wissen sie nicht einmal über ihr eigenes Privatleben Bescheid.

Wohl um unser Gespräch nicht noch weiter in gefährliche Untiefen abgleiten zu lassen, kam Paul gleich wieder auf das Geschenk zu sprechen. »Ich lasse es mich gern was kosten«, sagte er, »aber es sollte schon etwas zum Auspacken sein. Perlen? Ohrringe? Eine schöne Uhr?«

»Ja, schenk mir eine Uhr«, antwortete ich ohne nachzudenken, denn ich wusste in diesem Augenblick, es musste etwas sein, woran ich mein Herz nicht hängen konnte. Wenig später küsste er mich zum Abschied und sagte: »Du bekommst deine Uhr, mein Schatz! Unser einjähriges Jubiläum steht schließlich bald an.«

Als er fort war, ärgerte ich mich darüber, dass ich mich wieder mit einem Geschenk hatte abspeisen lassen, aber an diesem Abend schlich Paul sich nicht so billig davon. Ich hatte mir gerade den Schlafrock angezogen und war in dicke Wollsocken geschlüpft, um es mir vor dem Fernseher gemütlich zu machen, da läutete es und er stand wieder in der Tür.

»Hast du etwas vergessen?«, fragte ich.

Er nickte und sein Gesicht war ernst, so ernst, wie ich es überhaupt noch nicht kannte, dann drückte er mich an sich, strich mir mit der Hand durch die Haare und flüsterte mir ins Ohr: »Du bist die beste Frau, die ich kenne, Anna. Ich weiß gar nicht, was ich sonst sagen soll!«

Als er mich wieder losließ, standen wir eine Weile stumm voreinander, mehr lauernd als verlegen, fast wie zwei Boxer im Ring. Jede Sekunde, die wir so verharrten, zählte die Zeit sowohl in die eine als auch in die andere Richtung, aber bevor der Gong zur Entscheidung ertönte, zerrte ich den Gürtel meines Schlafrocks fester, boxte ihm leicht mit der Faust auf die Brust und meinte lachend: »Werde jetzt bitte nicht kindisch.«

»Aber ich bin kindisch«, sagte er, hob die Schultern und verzog auch gleich das Gesicht zu einer kindischen Grimasse, er wiederholte es nochmals, nun ebenfalls lachend, und ich sah ihm seine Erleichterung an. Vielleicht war es aber auch nur meine eigene Erleichterung, die mich das so sehen ließ, denn für ein gemeinsames Leben hätte es ja doch nicht gereicht, von ihm aus nicht, und von mir aus ebenso nicht; und genau das war hinter aller Befreiung, nicht in die Pflicht genommen zu werden, das Traurige daran: Dass eben auch er nicht die Erfüllung meiner Sehnsucht war. Dass ich ihn im Grunde nicht genug liebte.

Paul war noch immer aufgewühlt von seinem eigenen Überschwang. Er zupfte neckisch am Ausschnitt meines Schlafrocks und sagte: »Ich bin der Meinung, wir beide sollten einmal etwas völlig Verrücktes tun!«

»Zum Beispiel?«, fragte ich.

Er dachte nach. »Zum Beispiel könnten wir ein paar Tage irgendwohin fahren.«

»Wohin möchtest du denn fahren?«

»So weit weg wie möglich.«

Das hatte ich mir gedacht. Weit verrückter wäre es gewesen, in einem Biergarten dieser Stadt in aller Öffentlichkeit eine unbeschwerte gemeinsame Stunde zu verbringen. Aber das war natürlich nicht die Verrücktheit, auf die Paul es angelegt hatte.

»Ja, das werden wir tun«, stimmte ich ohne große Begeisterung zu. »Wir werden so weit weg fahren wie möglich.«

Er versuchte seine Enttäuschung über meine Reaktion zu überspielen. »Warum nehmen Frauen einen immer bloß so schnell beim Wort!«, rief er aus.

Mit Nähe und Distanz richtig umzugehen ist das Schwierigste in jeder Beziehung, und so wichen wir an diesem Abend wieder einen entscheidenden Schritt auseinander.

3

Ungefähr drei Monate später, als ich Paul die Tür zu meiner Wohnung öffnete, merkte ich gleich an seinem Gesicht, dass etwas nicht stimmte.

»Gibt es ein Problem?«, fragte ich.

Statt einer Antwort umarmte er mich mit einer Inbrunst, die mich beinahe zum Lachen gebracht hätte. Allerdings küsste er nicht wie sonst als ein erwachsener Mann, der des Küssens schon ein wenig müde ist, was das Feuer oft erst richtig entfacht; vielmehr stellte er sich an wie ein unerfahrener Jüngling, der sich entschlossen in die Flucht nach vorne wirft. Im Bett konnten seine Bemühungen dann beim besten Willen nicht mehr als Leidenschaft durchgehen und so schob ich ihn schließlich von mir und fragte nochmals: »Gibt es ein Problem?«

Ich bemerkte sein Zögern, ein etwas gekünsteltes Zögern, wie mir schien. So sieht einer aus, der selbst nicht weiß, wie ernst er meint, was er gleich zu sagen hat. Er seufzte, suchte nach Worten – behutsamen? – und fand welche, die zumindest sehr einsichtig klangen: »Wir bekommen ein Kind. Marlene ist schwanger. Unter diesen Umständen …«