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Kurt Bracharz

Für reife Leser

Es gibt Leute, die ihre Bücher

in ihre Bibliothek stecken,

aber Herr von *** steckt

seine Bibliothek in seine Bücher.

Nicolas de Chamfort

Vorher

Bregenz, 30. November 2005

Vor drei Wochen sah es so aus, als würde eine seit geraumer Zeit gehegte Vermutung zur Gewissheit: dass ich nämlich als Schriftsteller – und möglicherweise auch sonst – gänzlich ausgebrannt wäre.

Ich habe seit langer Zeit nichts mehr zusammengebracht. Ein Romanprojekt geht ins vierte Jahr und besteht immer noch aus knapp 70 Seiten. Ein paar ausbaufähige Einfälle zu Sachbüchern verblieben im Ideenstadium. Ein Tagebuch wollte ich angesichts der Monotonie meiner Lebensweise nicht führen. Und ich verzettele mich mit meiner Brotarbeit, Zeitungs- und Internetkolumnen, die ich für eine andere Einkommensquelle jederzeit aufgeben würde. Mit 58 Jahren gibt es aber für einen freien Schriftsteller auch ohne Wirtschaftsdepression keine Alternative zum Schreiben.

Im vergangenen Jahr stand ich meistens um sieben Uhr auf, setzte mich nach dem Frühstück an den Computer und schrieb eine Kolumne oder eine andere Auftrags-arbeit, wobei ich für die verlangten druckreifen 1900 bis 3300 Zeichen sechzig bis neunzig Minuten brauchte. Als Stundenlohn wäre das Honorar dafür gar nicht so übel, aber es treibt mich nach diesen Morgenstunden ins Freie, und später mag ich nicht mehr am Computer arbeiten. Da reicht es dann nur noch zum Lesen.

Seit mein letzter Psion kaputtgegangen ist, mache ich mir nicht einmal mehr Notizen. Der britische Handheld-Computer war das ideale elektronische Notizbuch: Seine Tastatur war gerade groß genug, dass man darauf mit beiden Zeigefingern recht schnell tippen konnte, und – noch wichtiger – er funktionierte wochenlang mit zwei gewöhnlichen Stab-Batterien. Die Dateien ließen sich per Kabel übertragen und problemlos in Word öffnen. Das Gerät hatte lediglich eine Achillesferse: Die Leitungen von der Zentraleinheit zum Bildschirm litten unter dem dazwischen liegenden Klappmechanismus. Nach der Einstellung der Psion-Produktion ist kein brauchbarer Nachfolger auf den Markt gekommen. Ein Sony Clié, den ich trotzdem noch kaufte, hat zwar eine vollständige Tastatur, aber man muss sie mit Nachdruck bearbeiten, wo beim Psion Antippen genügte, und der Akku leert sich binnen weniger Tage.

Mit dem Rezensieren habe ich fast völlig aufgehört, nicht aber mit dem Lesen. In der Buchhandlung blätterte ich zuerst in Alberto Manguels „Tagebuch eines Lesers“, dann las ich mich fest und dann kaufte ich. Nach der Erstlektüre sehe ich ein Buchprojekt vor mir, das nicht so aussichtlos scheint wie der Romantorso.

Manguel schreibt in der Vorbemerkung, er habe kurz nach seinem 53. Geburtstag beschlossen, seine alten Lieblingsbücher wiederzulesen. „Wenn ich jeden Monat ein Buch wiederlas, so dachte ich mir, würde daraus im Verlauf eines Jahres etwas zwischen einem privaten Tagebuch und einem Buch entstehen – ein Band mit Notizen, Reflexionen, Reiseeindrücken, Charakterskizzen, öffentlichen und privaten Ereignissen, alles hervorgebracht durch meine Lektüre.“

Im Kern dieses Plans – jeden Monat ein Buch zu lesen und darüber zu schreiben – erkannte ich eine Möglichkeit für mich, auch noch einmal etwas zu Stande zu bringen, ein richtiges Buch, kein Büchlein oder gar bloß einen Essay in einem Literaturmagazin.

Das mag nach Verzweiflung und Resteverwertung klingen, aber so schlimm ist die Lage nicht. Büchern gehört das älteste dauerhafte Interesse in meinem Leben. Dem Buch, und nicht etwa der Literatur, wie ich früher geglaubt habe. Dem Buch als Medium und als materiellem Objekt. Das ist das Thema, für das ich mein Leben lang Leidenschaft aufbringen konnte und noch kann. Leidenschaft scheint mir eine wesentliche Voraussetzung für Schriftstellerei zu sein.

Ich habe die Literatur immer als Myzel gesehen (und denke, auch die Strukturalisten hätten bei besseren Biologiekenntnissen diese Metapher statt ihres kümmerlichen Rhizoms verwendet), als ein ungeheures Geflecht (es gibt ja viele Quadratkilometer große Myzele, zum Beispiel vom Hallimasch) von unterirdischen, miteinander verbundenen, fadenförmigen Strukturen, die an der Oberfläche auffällige Verdickungen austreiben, beim Myzel die Schwämme, in der Literatur die großen Romane.

Die Neuronen des Gehirns mit ihren Synapsen würden ein ähnliches Bild liefern (wobei sich die Frage stellt, wem da die Gliazellen entsprächen), aber der Pilz-Vergleich gefällt mir besser, weil die Fruchtkörper der Pilze so ungeheuer vielfältige Formen annehmen wie die Hervorbringungen der Literatur. Es wachsen die Mousserons eines Heinrich Böll neben den Krötenstühlen des göttlichen Marquis aus demselben unterirdischen Geflecht, dessen Fäden alles jemals Geschriebene und dessen Zellen alle Wörter aller Sprachen sind.

Wer das lesen könnt’!

Heute Nachmittag habe ich eine Liste von zwölf Büchern erstellt. Die Frage war, in welcher Reihenfolge ich sie lesen solle, ich entschied schließlich, die alphabetische sei eine gute Zufallsordnung.

Das werde ich also in den nächsten zwölf Monaten wiederlesen:

William S. Burroughs: „The Naked Lunch“ (1959)

Wilhelm Busch: „Der Schmetterling“ (1895)

Elias Canetti: „Die Blendung“ (1935)

Salvador Dalí: „Verborgene Gesichter“ (1944)

Don DeLillo: „Mao II“ (1991)

Alfred Döblin: „Berlin Alexanderplatz“ (1929)

Witold Gombrowicz: „Kosmos“ (1965)

George Herriman: „Krazy Kat“ (ab 1913)

James Joyce: „Ein Porträt des Künstlers als junger Mann“ (1916)

Christine Lavant: „Das Kind“ (1948)

Henri Michaux: „Ein gewisser Plume“ (1927)

Vladimir Nabokov: „Pnin“ (1957)

Am 30. November 2006 wird das Manuskript fertig sein. Möge die Übung gelingen.

Januar

Sonntag

Das Jahr wird Unglück in der Liebe bringen. Morgens gegen eins wollte ich im Casino die fünf 5-Euro-Jetons, die man beim Eintritt bekommt, schnell loswerden, um in Ruhe an der Bar trinken zu können, setzte also zwei auf Rot und verlor, setzte zwei auf zwei Dutzend und verlor, und legte den letzten Chip auf die 28. Und gewann. 175 Euro.

Meiner Frau hingegen winkt 2006 wohl das Glück in der Liebe: Sie warf ihre Jetons aufs Tuch, als gerade eingesammelt wurde. Der Croupier hielt ihre Chips für Trinkgeld und entsorgte sie im „Pour-les-employers“-Schlitz.

Abends der grüne Untam Hulk im Fernsehen. Warum dreht ein Regisseur wie Ang Lee, der so beeindruckende Filme wie „Der Eissturm“ gemacht hat, einen solchen Quatsch? Spätnachts, als ich eigentlich nicht mehr weiterglotzen wollte, kam „Abgerechnet wird zum Schluss“ (der deutsche Titel für Peckinpahs „The Ballad of Cable Hogue“), und ich sah mir diesen amüsanten Film doch zur Gänze an. Peckinpah ist einer der Regisseure, bei denen die letzten Filme die schlechtesten sind; Polanski hatte in der Mitte einen Hänger; Houston hat sich im Spätwerk noch einmal gesteigert; nur ganz wenige haben nie etwas unter ihrem Niveau gemacht, einer davon ist Buñuel.

Montag

„Sin City“ folgt der Comics-Ästhetik auf andere, viel radikalere Art als etwa „Hulk“ oder auch „Spider-Man“, und meine anfänglichen Bedenken, eine solche Mimesis eines Mediums durch ein anderes könne doch nichts bringen, wurde bald von der Dynamik des Films weggespült. Er ist zumindest beim ersten Sehen erstaunlich, sowohl graphisch als auch moralisch.

Es gibt natürlich Ausnahmen von der Laokoon-Regel, dass Kunstwerke den Gesetzen ihrer Gattung folgen sollten. Vor ein paar Tagen sah ich Ozons „8 Frauen“, ein verfilmtes Theaterstück, dessen Schauplatz auch im Film eine Bühne bleibt (aber nicht in eine Theaterhandlung eingekleidet, sondern als Einheit von Ort und Zeit unter dem Zuschauerblick der Kamera), und dieser Film ist perfekt.

Handke 1968: „Verächtlich von ‚abfotografiertem Theater zu reden, habe ich schon immer ein bißchen leichtsinnig gefunden, weil das Filmen von theatralischen Vorgängen, im überlegten Kontext von Bildern eingeordnet, eine äußerst fruchtbare und kaum gesehene filmische Methode sein könnte, gesetzt den Fall, man verwendet die Methode nicht zur Darstellung von Identitätsproblemen wie René Allio in ‚Die Eine und die Andere‘.“

Dienstag

Reiselektüre auf der wegen starken Schneefalls scheinbar endlosen Fahrt nach Wien: Bret Easton Ellis: „Lunar Park“. Das Buch fängt pseudo-autobiographisch an, enthält dann einige gelungene satirische Partien, schwenkt auf Stephen-King-Motive um, wird immer zäher zu lesen und stürzt im letzten Drittel vollständig ab. Ich denke, es ist ein Schulbuch für den creative-writing-Unterricht als Beispiel für einen Roman von jemandem, der schon lange im writer’s block residiert und doch unbedingt etwas abliefern muss.

Dabei war mir „Glamorama“ damals gar nicht so schlecht vorgekommen – als Unterhaltung natürlich, nicht als Literatur. Aber „Lunar Park“ ist nicht einmal unterhaltsam.

Ich erzählte H. von meinem Casinobesuch ungefähr mit obigen Worten und musste mich (zu Recht) belehren lassen, dass meine Umdrehung der Aussage „Pech im Spiel, Glück in der Liebe“ nicht logisch sei. Selbst wenn es so wäre (ich hatte es ja auch nicht ernst gemeint), gälte das noch lange nicht für die Umkehrung. Und da gibt es Leute, die mich für einen Pedanten halten!

Aus der heutigen NZZ: Bei den Verhören von 28 Pakistanern durch den griechischen Geheimdienst in Athen im Juli 2005 waren M.I.5-Agenten anwesend, wollen sich aber nicht aktiv beteiligt haben. Die britische Sonntagszeitung „The Observer“ formulierte, die Verhöre seien ja ohnehin „unter der Foltergrenze“ geblieben. Die Pakistaner haben also offenbar nur die üblichen Watschen bekommen (wie die Albaner in den Kriminalromanen von Petros Markaris), jetzt aber doch wegen Entführung und Folter geklagt. Übrigens mussten alle freigelassen werden. Die NZZ hat die Formulierung „unter der Foltergrenze“ auch als Zwischentitel verwendet und mit einem Fragezeichen versehen.

Mittwoch

Bei Shakespeare & Co kaufte ich mir die 50th Anniversary Definitive Edition von „Junky“, erschienen 2003 bei Penguin, mit einer Einleitung von Herausgeber Oliver Harris, Anhängen, Glossar und Anmerkungen. Warum gibt es Anmerkungen zu „Junky“, nicht aber zu „Naked Lunch“?

Donnerstag

Vormittags Goya im Kunsthistorischen. Die in den Medien stets als „groß“ bezeichnete Ausstellung war weniger umfangreich, als ich erwartet hatte, und bei manchen Be-schilderungen wünschte ich mir, das in der deutschen Übersetzung 2004 erschienene, damals gleich gekaufte, aber immer noch in Schrumpffolie verpackte Buch von Hughes vorher gelesen zu haben. Dann müsste ich mich jetzt nicht fragen, warum eine klar erkennbare Darstellung der Susanna im Bade (mit zwei geilen Alten) als „Junges Mädchen wäscht sich am Brunnen“ angeschrieben ist. Oder ob die Wiener Beschreibung zu dem Ölbild des Priesters, der Öl auf die Lampe eines widderhörnigen Dämons mit weiblichen Brüsten gießt, tatsächlich zum Dargestellten passt.

Beeindruckt war ich vom „Flug der Hexen“ (die eher zu schweben als zu fliegen scheinen; auch werfen nicht nur sie, sondern auch ihr Opfer keinen Schatten).

Schlenderte danach noch durch die Ägypten-Abteilung und fragte mich, ob nicht vielleicht hier Burroughs seine erste Begegnung mit den western lands hatte. Er war 1936/37 in Wien, wo er für Medizin inskribierte (aber nach einem Semester aufgab), seine in Harvard zugezogene Syphilis mit Arsen behandeln ließ und sich einer Blinddarmoperation unterziehen musste. So steht es zumindest in Ted Morgans „Literary Outlaw“. Dort heißt es auch, WSB habe im „Dianabad Hotel“ gewohnt, das eine Kombination von Hotel und Türkischem Bad gewesen sei, und er habe oft den Prater aufgesucht (den Morgan offensichtlich mit dem Wurstelprater gleichsetzt).

Erstaunlich, dass man den Titel von Goyas berühmtester Radierung nicht eindeutig übersetzen kann: „El sueño de la razón produce monstruos“ besagt Unterschiedliches (eigentlich fast das Gegenteil), je nachdem, ob man „sueño“ mit „Traum“ oder mit „Schlaf“ übersetzt. Das spanische Wort hat beide Bedeutungen.

Freitag

Reiselektüre auf der Rückfahrt: „Out of the Inkwell“, Richard Fleischers Buch über seinen Vater Max. Bemerkenswert darin nicht nur, was Max Fleischer alles erfunden hat – von technischem Gerät wie dem Rotoskop über Techniken wie den Bouncing Ball und Gestalten wie Betty Boop und Rudolph the Red-Nosed Reindeer bis zu Popeyes Spinat-Konsum (bei Elzie Segar streichelte er stattdessen den Kopf der Magic Whiffle Hen) oder Sprüchen wie „Look! Up in the sky ... It’s a bird! It’s a plane! It’s Superman!“ –, sondern auch, mit welchen kriminellen Methoden der Paramount-Konzern Fleischer ab 1941 in den Bankrott getrieben hat. Das Wort „Erpressung“ ist zu harmlos dafür.

Richard Fleischer erzählt, dass sein Vater ihn im Alter von sieben Jahren in „The Cabinet of Doctor Caligari“ geschickt und ihn der Film, den er „a surrealistic masterpiece“ nennt, tief beeindruckt habe. Ein Bild daraus, das eines großen, bleichen, dünnen Mannes mit schwarz umrandeten Augen, der in einem langen schwarzen Mantel in einem engen Korridor mit schiefen Wänden steht, habe er immer noch im Kopf (er wird dieses Jahr 90). Er habe nie herausgefunden, warum sein Vater wollte, dass er den Film („by no stretch of the imagination a film for children“) anschaute, vermutet aber, es habe vielleicht eine Initiation in die geistige Welt Max Fleischers sein sollen. „His animated cartoons always relied heavily on surrealism for their effect.“

Die Beeinflussung des US-amerikanischen Surrealismus durch den europäischen würde mich interessieren, aber Fleischer führt das Thema nicht weiter aus (abgesehen davon, dass das „Kabinett“ ja kein surrealistischer Film war). Hat sich z. B. Dalís Siegeszug durch die amerikanischen Medien erkennbar in Trickfilmen niedergeschlagen? Oder gibt es vielleicht einen umgekehrten Einfluss? Das schnelle Morphing in den Animationen war ja wohl schon früh in Europa zu sehen.

Sonntag

Heute wollte ich die neue „Junky“-Ausgabe mit der alten vertauschen und musste feststellen, dass ich den ganzen vorigen Monat hindurch beim Herummachen mit meiner Burroughs-Sammlung nicht bemerkt hatte, dass ich gar keine englische Ausgabe von „Junky“ besaß. Das ist mal was anderes als der übliche unabsichtliche Doubletten-Kauf.

Eigentlich wollte ich mich in diesem Monat ja mit Wilhelm Busch beschäftigen; heute lese ich aber Manuchehr Iranis „Der König der Schwarzgewandeten“. Das Büchlein ist eine gute Erinnerung daran, wie schwer man sich mit Literatur tut, die ein anderes Bezugssystem hat als die eigene, europäische (und vielleicht auch noch die US-amerikanische – obwohl wir gerade vor drei Tagen in Wien im Gespräch feststellten, dass hier niemand z.B. Washington Irving gelesen hat, den in den USA jedes Kind kennt). Da nützen die Anmerkungen auch nicht viel. Von den Dichtern, auf die der pseudonyme Irani anspielt, kenne ich gerade mal Ferdousi, Nizami und Hafiz, und auch die eher nach dem Namen als vom Werk. Aber der ob seiner Schwierigkeit berüchtigte Khagani, der anti-arabische Beshar-ibn Tabarestani oder der berühmte „Liebhaber der Schönheit“ Farrokhi stehen bislang weder in meiner physischen noch in meiner imaginären Bibliothek.

Das Vordergrundthema des 1982 handelnden Buches ist Folter, ein zentrales Problem im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts (und wohl auch darüber hinaus). Der Iran hat da wie alle orientalischen Diktaturen eine lange Tradition, sicher schon vor dem Schah und seinem Geheimdienst SAVAK begründet, und bis heute nie abgerissen.

Durchkämmte meine DVD-Sammlung nach Max-Fleischer-Filmen und fand etwa zwei Dutzend auf vier verschiedenen DVDs. Auf „American Cartoons of the 30’s–40’s–50’s“ von Icestorm beispielsweise zeigen nur zwei oder drei Filme die Original-Credits der Fleischer Studios, die anderen sind nach wie vor als Produkte von „Famous Studios“ deklariert (das ist der Name, unter dem Paramount nach der feindlichen Übernahme vom 24. Mai 1941 die Fleischer-Cartoons vertrieb; Maxens Name war vollständig getilgt worden). Der Umschlag und das Leaflet enthalten – wie bei DVDs allerdings üblich – keinerlei Angaben über die Produzenten, Regisseure usw.

Montag

Abends bei zehn Minusgraden nach Dornbirn ins Kino, um mir Cronenbergs „A History of Violence“ anzusehen. Ich gehe seit Jahren nicht mehr ins Kino, mit ganz wenigen Ausnahmen, das letzte Mal 1999 in Zürich, ebenfalls ein Cronenberg-Film, „eXistenZ“.

Heute war ich der einzige Besucher, also wurde nicht gespielt. Ich bekam aber eine Freikarte für morgen, da liegen nämlich schon zwei Platzreservierungen vor.

Dienstag

Diesmal gab es eine Vorstellung, und der Film enttäuschte mich. Ich hatte voriges Jahr den gleich betitelten graphic novel von John Wagner und Vince Locke gelesen, den Cronenberg verfilmt hat, und ihn bemerkenswert gefunden, bemerkenswert monströs nämlich, vor allem gegen das Ende hin. Da war ich neugierig, wie Cronenberg das optisch in den Griff bekommen würde.

Der Film folgt der Handlung des Buches zunächst einmal ziemlich genau, von der Veränderung der Rolle des Sohnes abgesehen: Der Besitzer eines kleinen Diners erschießt zwei Killer, die ihn überfallen wollen, wird als amerikanischer Held gefeiert und ist folglich eine Zeitlang ständig im Fernsehen. Daraufhin erkennen ihn ein paar Mobster als Ex-Konkurrenten und suchen ihn heim, was drei weitere Tote zur Folge hat. Dann stellt sich in Buch wie Film heraus, dass der Mann tatsächlich der ist, als den ihn die Gangster erkannt haben (er hat das die ganze Zeit bestritten), und dann erfolgt die Bifurkation der Handlungen, der Film erzählt jetzt eine ganz andere Geschichte weiter als das Buch, und zwar eine vielleicht realistischere, aber jedenfalls viel simplere. Mir kam das Handlungsmuster vor wie das vieler anderer Gangsterfilme von „Point Blank“ bis „The Limey“, der Unterschied ist, dass es hier nicht wie sonst meistens um einen Rachefeldzug geht und der Protagonist nicht ganz so übermenschliche Kampfkraft hat wie so viele andere.

„A History of Violence“ ist ein gut gemachter Gangsterfilm; aber von Cronenberg ist mir das zu wenig. Das Feuilleton geheimnist irgendwelche Widerhaken hinein, die ich nicht sehen kann.

In der NZZ steht heute in einer Besprechung von James Hamilton-Patersons Roman „Kochen mit Fernet-Branca“ unter dem Titel „Turbulenzen in Chiantishire“ über die beiden Hauptfiguren, sie wüchsen einem nicht ans Herz, dafür seien sie zu blasiert. „Doch dass sie einander zum Schluss in einer Art von gedämpftem Happy End doch noch grün werden, nimmt man mit Genugtuung zur Kenntnis.“

Ich hatte Sampers besoffene finale Landung in Marthas Bett für die ultimative Bosheit dieses sehr witzigen Romans gehalten und halte sie eigentlich immer noch dafür; ich wundere mich nur, wie man alles so ganz anders verstehen kann.

Amüsant ist die Illustration der Rezension mit „Cuisine à la Hamilton-Paterson“-Sushi: California Rolls, auf deren Breitseite der Fotograf Skorpione gelegt hat. Als Copyright ist leider nur „Reuters“ angegeben.

Mein weißrussischer Übersetzer Dmitri M. schreibt mir aus Brasilien auf meine Frage, ob Burroughs auf Russisch vorliegt: „Yes, Burroughs was recently translated a lot into Russian. Azbooka had a hand in this too. Actually, there was an avalanche of translations. I have tried to repeat my Steinbeck‘s feat and translate ‚Murphy‘ by S. Beckett (such a teeth-shattering task it was, really) – only to discover that it was published when I have just finished first three chapters.“

Mittwoch

Habe mit der Lektüre von Robert Hughes Goya-Biographie begonnen. Das offenbar titellose Bild mit dem Öl gießenden Priester ist darin abgebildet, der Begleittext weicht aber von dem in der Wiener Ausstellung weit ab. Im Vordergrund rechts ist ein Buchtitel angeschnitten, dessen Buchstaben

LAM

DESCO

sich zu „Lámpara descomunal“ ergänzen lassen, was ein Fragment aus einer Textzeile in dem Stück „Bezaubert durch Kraft“ von Antonio de Zamora sein soll. Da glaubt ein Priester, er sei verzaubert und seine Seele werde ihm entzogen („Ungeheuerliche Lampe / Deren übles Licht / Als wäre ich ein Docht / All mein Lebensöl vernicht“), und Hughes meint, es handle sich um „das scherzhafte Bild eines Künstlers, der die Fesseln des Aberglaubens fast völlig abgestreift hat“, und interpretiert die Geste, dass der Priester die Hand auf den Mund presst, so, dass er „drauf und dran ist, sich zu übergeben“. Warum sollte er erbrechen? Weil der Dämon so stinkt? Oder aus Angst? Er könnte auch verhindern wollen, dass ihm die Seele aus dem Mund entflieht. Diesen Ausgang nimmt sie ja nach alten Vorstellungen.

„Ich weiß ein Märchen hübsch und tief. / Ein Hirtenknabe lag und schlief. / Da sprang heraus aus seinem Mund / Ein Mäuslein auf den Heidegrund ...“ (Busch)

Entweder bin ich blind oder in diesem Buch ist tatsächlich nirgendwo der Übersetzer angegeben.

Freitag

Nochmals Dmitri zu WSB: „A bit about translations into Russian: in fact, we are like a sponge taking all things of literary fashion in a moment. Translation was and is in Russian a quite respectful branch of writing. So, to discover and translate something of classics previously non-translated is a rare feat. Some gaps were left in Soviet times due to ideological reasons. It was absolutely inpossible to translate, for example, ‚Naked lunch‘. It was considered a worst kind of western degradation.“

Samstag

Meine häufige saltatorische Wilhelm-Busch-Lektüre endete recht plötzlich, als ich die „Historisch-Kritische Gesamtausgabe der Bildergeschichten“, hrsg. von Hans Ries, kaufte bzw. glaubte, nach dem Erwerb dieser ultimativen Edition meine handliche, vierbändige Bohne-Ausgabe ins Antiquariat bringen zu sollen. Der Schuber der dreibändigen Gesamtausgabe hat die Dimensionen 31 × 27 × 18 cm und das Ganze ein Gewicht von 14 Kilogramm. Das heißt, man könnte die 4,7-Kilo-Bände nur an einem Stehpult angenehm lesen. So ein Möbel habe ich aber nicht.

„Der Schmetterling“ ist gar nicht drinnen, weil das ja keine Bildergeschichte ist. Das ist mir erst im Nachhinein aufgefallen, allerdings habe ich einen Manesse-Band „Gedichte und Prosa“, den man in die Jacketttasche stecken kann.

Schlug gegen Mitternacht den zweiten Band der kommentierten Ausgabe „Sämtliche Briefe“ etwa in der Mitte auf und las ein paar Seiten, auf denen ich gleich wieder alles versammelt fand, was ich an Buschs Briefen schätze, z.B. präzise Naturbeschreibungen: „Den Kohlrabi und den braunen Kohl haben die Raupen skelettirt, ordentlich gespensterhaft. Schon sieht der wilde Wein zum Theil rötlich aus. Kein Vöglein flötet mehr. Kurzum, es sieht herbstlich aus.“

Am 10. Oktober 1898 schreibt er an Grete Meyer: „Du willst was wissen von der vorläufig neusten Philosophie. Ja, das geht man nich so. Zu dergleichen brauchts eine verbohrte Betriebsamkeit. Ich selbst, der ich natürlich keine Lust habe, meine sauerverdiente sogenannte Weltbetrachtung über die Hecke zu schmeißen, um dafür eine andre, jedenfalls nicht weniger hypothetische, mir anzuquälen, las von dem, was du meinst, nur wenig. Daher sag ich, unter Vorbehalt, nichts weiter als dies: Stülpe alles um; zu recht sag unrecht, zu gut sag bös, nenne den Teufel ‚mein Bester!‘, und du hast die Moral von der Geschicht, sagen wir ziemlich, im Sack. Das Meisterdeutsch, den hinterrucks wühlenden Tiefsinn, die drumherum sind, könntest du nur bewundern bei höchst-eigner Besichtigung. Was aber die ‚Schnäcke‘ betrifft, die jetzund von den Papageien in allen Ecken wiederholt werden, so laß sie uns, bitte, lieber nicht mitplappern.“

Einen Kommentar, der angäbe, wer da genau gemeint war, kann ich nicht finden, aber im nächsten Brief vom 24. November erwähnt Busch als „einen gescheidten Förderer“ dieser luziferischen Philosophie, den er „kürzlich mit Vergnügen gelesen habe“, Max Stirner.

Am 21. Februar 1899 berichtet er Grete Meyer, Otto Bassermann habe „einen alten Buchdeckel mühsam abgepellt und ausgeweidet“ und über 50 Blätter daraus hervorgezogen: plattdeutsche Briefe aus dem 16. Jahrhundert, Gebetslieder und Notenblätter mit Text, „darunter ein Trinklied von Schandelli, allerlei von Orlando d. Lasso (...) und ein Reiterlied aus dem dreißigjährigen Kriege“. Ob es so wohlgefüllte Buchdeckel heute überhaupt noch irgendwo gibt?

Seinen Nachbarn, der gerade 25 Kirschbäume gefällt hatte, nennt Busch einen „mächtigen Wühler und Wurzler“. So einen Nachbarn hatte ich auch, bis ihm die Hausgemeinschaft das Wühlen und Wurzeln einstellte.

So richtig gemütlich wird es beim alten Busch auf dem Lande trotz seines deutlichen Willens zur Idyllisierung aber nie, beispielsweise berichtet er in den Briefen um den Jahreswechsel 1898/99 immer wieder über eine Geschwulst unter der Achsel seiner Schwester, angeblich durch eine Blutvergiftung von einer Wunde an der Hand hervorgerufen, dann mehrfach operiert, und zuletzt war der Arm als Folge einer unabsichtlichen Muskeldurchtrennung bei den Operationen teilweise gelähmt.

Busch gibt sich aber stoisch. Als er Johann Keßler über seinen Umzug nach Mechtshausen berichtet, schreibt er: „Nun denn! Der Anfang Allhier gefällt mir gut; bleibt’s noch weiter so, dann kann ich zufrieden sein. Viele Jahre braucht’s ja so wieso nicht mehr zu dauern.“

Sonntag

Vorige Woche hatte ich versäumt, die „NZZ am Sonntag“ zu kaufen, um mir die neue Beilage „Weltliteratur. Klassiker kompakt“ anzusehen, diesmal habe ich es geschafft. Es ist ein 16-Seiten-Heftlein, produziert „in Kooperation mit getAbstract.compressed knowledge“, heute über die „Buddenbrooks“. Von den modischen Nebengeschäften der Zeitungen (SZ erst mit Film-DVDs, dann mit Popmusik und jetzt mit 50 Kriminalromanen, „Brigitte“ mit von der Heidenreich ausgesuchten Büchern, „Die Welt“ mit Biographien auf DVD, die Sonntags-FAZ und „Bild“ mit Comics) finde ich diese Reihe die merkwürdigste.

Bei den anderen ist die Auswahl das Problem, zum Beispiel „50 große Kriminalromane“ ohne Friedrich Glauser, ohne George V. Higgins, ohne James Lee Burke, dafür aber mit Boris Akunin, Stephen King (als ob „Carrie“ ein Kriminalroman wäre!) und Liaty Pisani; die FAZ-Comics-Reihe ohne Herriman, ohne Segar, ohne Hergé, dafür mit Franquin und Peyo; von der Popmusik-Reihe kaufte ich mir nur die CD mit der Musik von 1968, weil die mich sofort überzeugte, die anderen ganz sicher nicht zu brauchen; von den Filmen nur „Der Leopard“, das allerdings auch, weil ich die Film-DVDs, die ich haben will, ja schon besitze.

Klar, dass die Erklärung für das Kraut-und-Rüben-Angebot darin liegt, dass nicht der Geschmack der Redakteure, sondern Copyrights und Lizenzgebühren die wesentliche Rolle bei der Auswahl spielten.

Bei der NZZ-Serie ist das nicht so, die Titel konnte sich der Redaktionsleiter ja sicher selbst aussuchen. Aber wozu sollen diese Komprimierungen gut sein, abgesehen von der Werbewirkung für die Firma getAbstract, die Zusammenfassungen von Wirtschafts-, Wissenschafts- und Weltliteratur anbietet? Welcher ernsthafte Mensch möchte die „Odyssee“ oder „Die Göttliche Komödie“ auf 12 Seiten in den Kategorien Buchinformation, Take-aways, Worum es geht, Abstract, Zum Text, Historischer Hintergrund und Über den Autor erfahren? Es kommen eigentlich nur Schüler und Studenten, die sich die Lektüre dicker Bücher ersparen wollen, in Frage und Wichtigtuer, die beim Partygeschwätz angeben wollen.

Dabei sind diese Abstracts nicht schlecht gemacht, ungefähr auf Wikipedia-Niveau. Der Redaktionsleiter schreibt im Editorial: „Auf diese Weise wollen wir einen Beitrag zur Erhaltung der Überlieferung leisten und das Bewusstsein für die grossen Bücher der Menschheit lebendig erhalten. Und vielleicht wird der eine oder andere durch diese Abstracts sogar angeregt, zum Originalwerk zu greifen und eines der Schlüsselwerke der Weltliteratur im Wortlaut zu lesen.“ Sowas stand früher eher im Prospekt des „Buchclubs der Jugend“ als in einem Intelligenzblatt.

Dienstag

In Dornbirn finde ich bei ungezielter Suche in der Buchhandlung unerwartet eine neuere NL-Ausgabe (Harper-Perennial), und prompt hat sie einen unüblichen kleinen Anhang, der unter anderem die 23-tägigen Monate von Burroughs’ privatem Pseudo-Maya-Kalender aufzählt: Terre Haute, Marie Celeste, Bellevue, Seal Point, Harbor Beach, Niño Perdido, Sweet Meadows, Land’s End und Wiener Wald. Aber Anmerkungen gibt es auch hier nicht.

Ich hielt immer die Garottierung für eine der übelsten Hinrichtungsmethoden, jetzt lese ich bei Hughes als Kommentar zur Radierung „Der Erdrosselte“ (ca. 1779), die Spanier hätten sie als nahezu schmerzlos, somit relativ human und jedenfalls weniger schimpflich erachtet als das Erhängen an einem Galgen, ja sie hätten sie sogar als eine eher würdevolle Tötungstechnik angesehen. „Dort wurde man am Galgen langsam erwürgt, unter Zuckungen, pissend und scheißend. Das Opfer der Garotte starb im Sitzen, hatte also die Chance, dass die Betrachter seine Exkremente nicht zu sehen bekamen.“ Die Schraube des Eisenhalsbandes brach schließlich die Halswirbelsäule, ähnlich wie der Knoten bei der amerikanischen Art des Hängens. Auch in der österreichischen Monarchie starben die Gehängten langsam durch Ersticken, noch am Beginn des vorigen Jahrhunderts; auch Frauen. Der Galgen war niedrig, die Henkersgehilfen zogen an den Beinen.

Bei Burroughs wird immer mit ganz gewöhnlichen Schlingen (wie von einem Lasso, nicht nur beim Vigilante) gehängt, aber dann brechen doch irgendwie die Genicke. Manche Kommentatoren halten diese Szenen für eine Satire gegen die Todesstrafe, aber ich hatte nie Zweifel daran, dass es sich um masturbatorische Zwangsvorstellungen handelt.

In der Realität sieht es mit dem Erhängen von schwulen Boys so aus, dass z.B. am 19. Juli 2005 in der Gottesrepublik Iran der 18-jährige Ayaz Marhoni und der 16-jährige Mahmoud Asgari an einer Straßenkreuzung öffentlich aufgehängt wurden, nachdem sie zuvor ausgepeitscht worden waren. Die offiziellen Anklagepunkte waren homosexuelle Handlungen, Raub, Vergewaltigung und Alkoholkonsum, der wahre Grund neben ihrer Homosexualität wohl auch ihr Arabertum; Präsident Khatami hatte schon 1999 die Perser zur „Ent-Arabisierung“ von Chuzestan aufgerufen. Der Vergewaltigungsvorwurf wird für die westlichen Beobachter konstruiert. Seit 1979 sind im Iran vermutlich 4000 Schwule und Lesben exekutiert worden. Die Strafmündigkeit liegt bei Burschen bei fünfzehn Jahren, bei Mädchen bei neun. (Falls einem neun Jahre ein bisschen niedrig vorkommt: Mohammeds Lieblingsfrau Aisha war neun, als er sie ehelichte.)

Mittwoch

Ich erwäge als Titel für dieses Buch eine gekürzte Übersetzung jenes Sprüchleins, das auf graphic novels wie „A History of Violence“ steht: SUGGESTED FOR MATURE READERS.

„A History of Violence“ ist US-Polizeijargon für die Vorstrafenliste von Gewalttätern.

Freitag

„Literatur im Foyer“ lud zu einer Heine-Sendung den offenbar unvermeidlichen Reich-Ranicki ein. Als Kerstin Decker sinngemäß sagte, Heines Poetik habe sich in Frankreich nicht verändert, wusste Serenissimus sofort, warum Heine nicht die Sprache gewechselt hatte: „Weil er nicht gut genug Französisch konnte!“ Im Übrigen glaubte er, Döblin für nicht intelligent genug für seine dicken Romane halten zu müssen, und meckerte über Karl Kraus. Dessen Satz „Je größer der Stiefel, desto höher der Absatz“ beschreibt die Funktionsweise der Reich-Ranicki-Rezeption.

Als RR sich auf seinen achten Ehrendoktor freute, musste ich an Isaac Bashevis Singer denken, der einmal im Fernsehen schmunzelnd ein Kabäuschen zeigte, dessen Wände mit Preisurkunden, Diplomen, Ehrendoktoraten etc. tapeziert waren; was dort keinen Platz mehr gefunden hatte, war auf dem Boden gestapelt

Zu Singer fällt mir allerdings auch immer das „Lettre“-Interview vom Frühling 2005 ein, in dem Saul Bellows ihn ohne nähere Begründung einen „hinterhältigen alten Ganev“ nannte.

Jetzt ist es auch schon wieder bald vierzig Jahre her, dass Handke schrieb: „Es ist schwierig, über Arbeiten des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki keine Satire zu schreiben; und es wäre unterhaltsam, Sätze aus seinen gesammelten Buchbesprechungen zu montieren.“

Und: „Sein kritisches Wortrepertoire diente in Schulaufsätzen zu Bildbeschreibungen.“

Und: „Reich-Ranicki kann man mit Einwänden nicht kommen; er kennt die alte List, sich dumm zu stellen, weil er nicht argumentieren kann (und er ist nie fähig zu argumentieren, er äußert sich nur mit kräftigem rhetorischen Gestus).“

Und: „Er, der unwichtigste, am wenigsten anregende, dabei am meisten selbstgerechte deutsche Literaturkritiker seit langem, kann freilich alle Angriffe mit seinem Kommuniquésatz abwenden: ‚Ein Literaturkritiker, der etwas taugt, ist immer eine umstrittene Figur.‘ Von mir aus ist Reich-Ranicki unumstritten.“

Unumstritten ist er auch heute: Das TV-Publikum, das sein Auftreten amüsant findet, und die Schriftsteller, die, glaube ich, nahezu alle Handkes Aufsatz von 1968 unterschreiben würden, kommen einander ja nicht ins Gehege.

Montag

Als Kind las ich auf einem Filmplakat „Vater sein dagegen sehr“, ohne das vollständige Zitat oder auch nur seine Herkunft zu kennen. Ich fragte mich lange Zeit, was das nun heißen solle, ob es vielleicht Gastarbeiterdeutsch (Jandl kannte ich noch nicht) für „Vater ist sehr dagegen“ sei.

Meine ersten Busch-Bücher kamen, wie so manches ungefähr ab meinem 10. Lebensjahr, aus der Bibliothek, die die Illwerke damals für ihre Angestellten unterhielt. Meine Mutter lieh dort für sich selbst aus (zum Beispiel „Lady Chatterley“, „Lolita“ oder „Die Blechtrommel“) und brachte mir Bücher mit, die wohl eher nach dem Zufallsprinzip ausgesucht waren. Die Busch-Ausgabe war, wenn ich mich recht erinnere, großformatig und zweibändig, und ich glaubte noch jahrelang (ohne darüber nachzudenken), die Bildergeschichten darin seien chronologisch geordnet gewesen, was überhaupt nicht der Fall war, der erste Band begann mit „Fipps, der Affe“ oder mit „Hans Huckebein“, keines von beiden ein Frühwerk.

Solche unbewussten Ordnungen können sich unangenehm auswirken: Vor ein paar Jahren suchte ich die korrekte Fassung des Zitats „Musik wird störend oft empfunden ...“ und war mir sicher, dass es in den „Sprickern“ stünde. Nachdem ich diese durchgelesen hatte, schlug ich in der „Kritik des Herzens“ nach und durchblätterte dann zuerst die „Gedichte und Prosa“-Ausgabe, weil ich immer noch glaubte, das Zitat stünde nicht in einer Bildergeschichte, und dann die vier Bände von Bohne. Ich fand es aber nicht. Schließlich verwendete ich widerstrebend zum ersten Mal Google – was das Problem löste und meine Abneigung gegen das Suchprogramm verminderte.

Dienstag

Im Busch-Kapitel seines Buches „Darf man über Religion lachen?“ schreibt der ehemalige Dominikanermönch Hans Conrad Zander, zweierlei dürfe Satire entgegen Tucholskys bekannter Aussage keinesfalls: nämlich erstens sich einer staatlichen Verfolgung dienbar machen und zweitens ihren Gegenstand nicht kennen.

Das Erste bezieht sich auf den „Pater Filucius“, worin Busch auf Anstoß seines Verlegers Bassermann den Kulturkampf-Hiwi für Bismarck gemacht hat, das Zweite auf den „Heiligen Antonius“, in dem er den ägyptischen Antonius mit dem Schwein aus dem 3. Jahrhundert mit dem italienischen Antonius von Padua aus dem 14. Jahrhundert verwechselt und unabsichtlich in einer Figur vereint hat.

Auch in der „Frommen Helene“ passieren dem protestantischen Dorfbewohner grobe Fehler: der katholische „heilige Franz“ ist überzeugter preußischer Korpsstudent, während solche Burschenschafter tatsächlich wegen ihrer Duellriten päpstlich exkommuniziert waren.

Zum binnen sechs Wochen gezeichneten „Pater Filucius“ hatte sich Busch erst Anregungen aus dem anonymen „Jesuitenspiegel“ und „Corvins Pfaffenspiegel“ geholt, sich aber später mehrfach von diesem Schnellschuss distanziert, indem er ihn eine „allegorische Eintagsfliege“ nannte und formulierte, er habe da sein „Heu feucht eingefahren“. Andererseits scheint es mir nicht gerade reaktionär, im Kulturkampf gegen die Jesuiten gewesen zu sein. Die Satire ist halt mangels Kenntnissen des katholischen Milieus zu plump ausgefallen.

Mit allem anderen hat Zander natürlich Recht.

Donnerstag

Hughes’ Goya-Buch hat doch einen Makel: die Abbildungen sind zu klein. Auf dem Bild „Der heilige Franz von Borgia steht einem unbußfertigen Sterbenden bei“ fuchtelt Franz mit einem Kruzifix herum, dessen Korpus sich den rechten Arm frei gemacht hat, um den Sterbenden mit seinem Blut zu besprengen (was an die Spritzblume im Revers eines Clowns erinnert). Das sah ich aber erst, nachdem ich es im Text gelesen hatte, vorher war der Blutstrahl vor dunklem Hintergrund nicht erkennbar gewesen.

Deshalb kaufte ich mir heute den Goya-Katalog der Ausstellungen in Berlin und Wien, „Goya. Prophet der Moderne“, hrsg. von Peter-Klaus Schuster und Wilfried Seipel (ja, der Saliera-Seipel), der erheblich großzügiger illustriert ist.

Da schlug ich jetzt auch gleich mal nach, warum die Susanna zu einer „Jungen Frau, sich am Brunnen waschend“ geworden ist (weil diese Nackte hier den beiden Voyeuren freiwillig ihr Geschlecht zeigt) und warum sich der Priester in der „Bezaubert durch Kraft“-Szene die Hand vor den Mund hält („um die Flamme nicht versehentlich auszublasen“).

Das Geschehen rechts im Hintergrund von „Casa de locos“, das Hughes für die erste Fellatio-Darstellung der Kunstgeschichte hält, ist dem Katalog keine nähere Kommentierung wert. (Diese Fellatio kann übrigens jeder sehen, im Unterschied zu jener, die Arrabal bei El Greco bemerkt haben will.)

Den „Flug der Hexen“ hält der Katalog für eine Darstellung zum Freimaurertum, was mir zweifelhaft erscheint.

Am weitesten gehen die Interpretationen bei der Radierung „Der Garottierte“ auseinander, von der in den beiden Büchern deutlich verschiedene Abzüge abgedruckt sind (der rechte Fuß des Toten ist bei Hughes unverhältnismäßig dunkler als im Katalog), außerdem muss einer seitenverkehrt reproduziert sein, und zwar der bei Hughes, beim anderen kann man nämlich in der rechten unteren Ecke den korrekt abgebildeten Stempel der Bibliotheca Nacional in Madrid sehen). Hughes glaubt in diesem „grässlichen Abbild der Todesstrafe“ einen von der Inquisition als Ketzer Getöteten zu erkennen, dem man ein Kreuz zwischen die gefalteten Hände gesteckt hat, ein ebenso wie die verkrampften Zehen Mitleid erregendes Detail, an dem Hughes Goyas Empörung über die Methoden der Inquisition ablesen will.

Der Katalog erkennt einen „Mann aus dem sozialen Abseits“ mit „rauen Gesichtszügen“, die „ein abenteuerliches, kriminelles Leben“ vermuten lassen. „Doch Glauben und Reue haben ihm offensichtlich trotz aller Sünden einen friedlichen Tod beschert. (...) Der Mann zeigt keine Furcht, sondern Vertrauen auf die Erlösung, symbolisiert im Licht der Altarkerze.“

Ich sehe einen Toten mit einem erschlafften Gesicht, dessen Mund eigentlich offen stehen müsste, umgeben und bestückt mit religiösem Gerät; der Rest ist Überinterpretation.

Samstag

In Julie Taymors Film „Frida“, einem unterhaltsamen bunten Bilderbogen über Kahlos Leben, wird Trotzki mit einem alpinen Eispickel erschlagen. Ich bin mir sicher, dass dieser „ice pick“ kein solcher Bergpickel war, sondern das auch vom Mob gern zum Morden verwendete Instrument, das eigentlich zum Zerkleinern von Eisblöcken diente und nur ein großer Metalldorn in einem Griff war (oder immer noch ist, falls es noch irgendwo verwendet wird; ich kenne es nur aus Filmen). Bisher hatte ich den Alpinpickel immer für einen Übersetzungsfehler gehalten, aber einer amerikanisch-kanadisch-mexikanischen Produktion sollte das eigentlich nicht passieren.

Dienstag

Die russische Armee war immer schon berüchtigt für die Behandlung, die Älterdienende den Neulingen angedeihen ließen. Nirgendwo töten sich so viele Rekruten kurz nach Eintritt ins Heer selbst wie in Russland, das hat lange Tradition. Jetzt ist in Tscheljabinsk ein 19-jähriger so misshandelt worden, dass ihm beide Beine, die Genitalien und ein Finger amputiert werden mussten. Putin hat von einem „tragischen Ereignis“ gesprochen und dem Mann eine Wohnung angeboten, eine behindertengerechte wahrscheinlich. Und er hat gesagt, der Verteidigungsminister müsse Maßnahmen „zur Verbesserung der Erziehungsarbeit in den Streitkräften“ veranlassen. Im Unterschied zum Westen foltert man in Russland, einer geschlossenen Gesellschaft, die eigenen Leute.