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Teddy Podgorski

Geschichten aus dem Hinterhalt

Vorwort

Geschichten, Geschichten, Geschichten – was ist das denn eigentlich? Geschichte, ja! Aber der Plural?

Es ist im Grunde ganz einfach: Die Geschichte reicht nicht aus für all die Geschichten, die in ihr Platz haben müssten. Wir wollen uns daher die Geschichten einzeln vorknöpfen und nachschauen, ob etwas dahintersteckt. Die Auswahl ist groß, denn jeder Stein, jeder Baum, jedes Tier, jeder Mensch, mit einem Wort das gesamte Inventar unserer Erde hat eine Geschichte, sie verfolgen uns wie Schlagschatten. Wir sollten sie ans Licht holen und auf ihren Wert untersuchen.

Die Menschen erzählen reihenweise Geschichten – aber will man sie auch hören? Viel zu viele ergeben keinen Sinn. Viele von ihnen sind Schatten, die nur ihren Spender reflektieren – das ist ziemlich langweilig für einen Erzähler und für seine Zuhörer. Dann gibt es Geschichten, die keinen Sinn haben, sondern nur eine Pointe – das ist ärgerlich. Und dann gibt es Anekdoten, die ausschließlich davon leben, dass man mit den handelnden Personen vertraut ist.

Was ist dann eine gute Geschichte? Ich glaube, eine gute Geschichte handelt von Menschen, die über ihren eigenen Schatten springen wollen.

Besonders interessant wird es, wenn solche Geschichten mit Österreich zu tun haben, denn die Art, wie Österreicher über ihren Schatten springen wollen, ist allen anderen nicht nur nicht vertraut, sondern völlig unverständlich. Vieles wurde ja schon über die sogenannte österreichische Seele geschrieben, von Dichtern, Denkern und Wissenschaftlern – aber erklären konnte sie bis jetzt noch keiner.

An diesem Punkt der Österreicherforschung angelangt, können wahrscheinlich nur mehr Geschichten hilfreich sein.

Die Geschichte meiner Schreibmaschine Olympia International Ser. Nr. 6849

Es ist eigentlich noch gar nicht so lange her, dass sie erfunden wurde, die Schreibmaschine, und schon ist sie wieder weg. Ab sofort wird lautlos geschrieben. Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit.

Assyrer, Babylonier und Ägypter haben ihre Mitteilungen hell klingend in den Stein gemeißelt. Schon von weitem konnte man hören: Hier findet Literatur statt. Die Römer legten alles Wissenswerte mit aufjaulenden Griffeln auf Schiefertafeln nieder. Nur der Geheimdienst des Marcus Iunius Brutus arbeitete mit Wachstafeln. Später glitten kreischende, sich spragelnde Federkiele – bald auch stählerne Federn – mit lautem Stöhnen über das holzige Papier und ließen so manche blaue Träne fallen.

Mit den Maschinen des Industriezeitalters kam auch die Schreibmaschine. Ihr lautes Klopfen war im Lärm der ausbeuterischen Fließbandtransmissionen deutlich zu hören. Es war der Produktionslärm aller Arbeiter der Stirn. Die großen Wahrheiten der Menschheit wurden also sehr geräuschvoll auf die Welt gebracht.

Jetzt ist es still. Man hört nichts mehr. Was macht der Dichter von nebenan? Dichtet er? Denkt er? Denken ist heute fast noch lauter als schreiben. Die Geburtswehen, mit welchen auch die trivialste Literatur geboren wird, bleiben dagegen unbemerkt. Kein Durchschießen mehr, keine plötzlichen Pausen, kein Klingeln am Ende der Zeile, kein dumpfer Anschlag des Wagens, wenn er im Überschwang der Einfälle nach rechts geschleudert wird. Nichts.

Und als ob das nicht schon genug wäre: Wie soll man denn heute den Beginn der Arbeit hinausschieben? Man hat kein Papier mehr, das man umständlich einspannen könnte. Es gibt kein Farbband mehr, das man nach umfassenden technischen Eingriffen verkehrt montiert, sodass es nur mehr rot schreibt. Es gibt keine Buchstabenklumpen mehr, die man vorsichtig trennen muss. Mit einem Wort, man hat keine Ausreden mehr, um den Anfang zu verzögern.

Der Computer lässt uns keinen Spielraum mehr. Keine Pufferzone zwischen Wollen und Können. Kein Schlupfloch für den Selbstbetrug.

Die Schreibmaschine war toleranter und deshalb auch beliebter. Außerdem war sie ein Instrument für Virtuosen. Fast jede Woche erfuhren wir von Weltrekorden mit tausenden Anschlägen pro Minute, meist in der Kinowochenschau. Auch Österreicherinnen waren dabei – Schülerinnen der Handelsschule Weiß. Manchmal war es auch ein Mann – dann ging ein Raunen durchs Kino.

Dieses Raunen ging auch durchs Burgkino, das nur Filme in Originalsprache spielt. Hier traf sich die Schickeria von Wien. Seht her! Ich spreche Englisch, Französisch oder Italienisch!

Auch ich zerkugelte mich über englische Lustspiele, ohne ein Wort zu verstehen, während die Filme der „Nouvelle Vague“ kollektive Lähmungserscheinungen verbreiteten. Bei „Letztes Jahr in Marienbad“ wurden immer wieder Fälle von Maulsperre bekannt – vom Gähnen. Aber alle, die ihr Mundwerk noch gebrauchen konnten, versicherten einander im Flüsterton ihr Entzücken über den intellektuellen Anspruch des Films.

Bei einem so elitären Publikum war die Kinowerbung von besonderer Bedeutung: bemalte Dias, die vom Operateur eingeschoben wurden: „Chat Noir“, „Panair do Brasil“ oder „Ivellio-Vellin – Schreibmaschinen Ankauf – Verkauf – Reparatur“. Die größte Firma war aber damals zweifellos „Adolf Schuss und Söhne“.

Ein Sohn dieses Hauses war einer der ersten Playboys von Wien. Zusammen mit Teddy Magrutsch (Wurstwaren), Kurt Barry (Reisebüro und Espresso) und etwas später Jochen Rindt. Sie hatten natürlich einen viel höheren Stellenwert als die heutigen Playboys, denn es gab viel mehr arme Leute. Aber keine Angst, das wird schon wieder werden.

Der Terminus „Playboy“ kam erst über die amerikanischen Besatzer zu uns. Ebenso wie der beliebteste Radiosender Österreichs: „Rot-Weiß-Rot“. Und damit wären wir wieder bei der Schreibmaschine.

Ich war Nachrichtensprecher beim Radio und musste mir oft um fünf Uhr früh die Nachrichten aus der Redaktion holen, die im Kuriergebäude in der Seidengasse Nummer 11 untergebracht war. Das Studio war auf Nummer 13.

Schon von weitem hörte ich das Hämmern der Schreibmaschinen, die während der ganzen Nacht von hübschen jungen Damen bedient wurden. Sie waren eine Mischung aus Doris Day und June Allyson. Aber viel erotischer. An ihren riesigen Schreibmaschinen sahen sie aus wie lebenslustige Witwen vor den Grabsteinen ihrer endlich verstorbenen Millionäre.

Eine von ihnen, Anni Fromme, wurde später Chefsekretärin des Fernsehdirektors Gerhard Freund. Sie schrieb auf ihrer riesigen Olympia eine „interne Mitteilung“ vom Fernsehdirektor an Fernseh-Oberspielleiter Erich Neuberg: „Nach Lektüre des Drehbuches ‚Der Herr Karl‘ ersuche ich um eine Besprechung zwecks Festlegung der Produktionstermine. Durchschlag ergeht an Herrn Qualtinger/ Herrn Merz . . .“

Durchschlag! Das war was. Es war gar nicht so einfach, das blaue oder schwarze Pauspapier richtig einzulegen. Jedenfalls nicht für durchschnittlich intelligente Maschinschreiber wie mich. Nicht nur einmal hatte ich die Texte in Spiegelschrift auf der Rückseite des Manuskripts. Vor allem, wenn es schnell gehen musste, wie beim aktuellen Dienst, wo ich Redakteur war. Aber die Erfinder schliefen nicht. Bald gab es für die Redaktion der „Zeit im Bild“ verschweißte Manuskriptblöcke: ein weißes Originalblatt, ein Kohlepapier, ein Durchschlagsblatt, ein Kohlepapier, ein Durchschlag usw. – eine Dobos-Schnitte des Weltgeschehens.

Die Durchschläge wurden an die Mitarbeiter verteilt. An der Leserlichkeit beziehungsweise Unleserlichkeit des Durchschlags ließ sich die Stellung des Mitarbeiters innerhalb der Hierarchie ablesen – wer statt des dritten Durchschlages plötzlich den fünften bekam, hatte zwar weniger Verantwortung, weil er ja fast nicht lesen konnte, was man ihm mitteilte, aber er musste auf der Hut sein. Der letzte, absolut unleserliche Durchschlag ging in die „Ablage“, was heute die Identifizierung so mancher Archivfilme unmöglich macht.

Meist allerdings tippten wir Redakteure unsere Texte ohne Durchschläge und gaben sie dann einer Schreibkraft, die sie ins Reine schrieb. Mit Durchschlägen. Eine Schreibkraft hat mich besonders beeindruckt. Sie konnte nicht nur in einem wochenschaureifen Tempo tippen, sondern noch dazu blind. Denn sie hatte einen derart großen Busen, dass es ihr unmöglich war, auf die Tastatur ihrer Schreibmaschine zu blicken. Sie konnte beim Schreiben auch an etwas anderes denken, ohne einen Tippfehler zu machen. So saß sie also da, sah mit leerem Blick durchs Fenster auf die Meidlinger Singrienergasse und träumte davon, in einem Fellini-Film mitspielen zu dürfen, während ihre Finger unter ihren Brüsten über die Tasten rasten. Sie hieß Alice Straka. Ihr Busen spielte später in einem Fellini-Film.

Mit der Erfindung der Kofferschreibmaschine und deren Evolution zur Reiseschreibmaschine wurde die Schriftstellerei verwegener. Viele Dichter verließen ihre Schreibstuben, viele Journalisten ihre Redaktionen, Reporter warfen ihre Bleistifte weg und zogen mit ihren flachen, leichten Reiseschreibmaschinen in den Krieg oder in ein Stadion. Manche setzten sich auch nur in ein Kaffeehaus, hämmerten fesch drauflos und ließen sich bewundern.

Ich kaufte mir 1970 eine grüne Olivetti. Mit ihr im Gepäck reiste ich nach New York, um dort an Ort und Stelle, nämlich im Madison Square Garden, das letzte Kapitel meines Buches über Muhammad Ali zu schreiben. Dieses letzte Kapitel befasste sich mit dem sogenannten „Kampf des Jahrhunderts“ zwischen Muhammad Ali und Joe Frazier.

Als ich am Vortag des Kampfs in den „Garden“ ging, um mich zu informieren, und die NBC-Leute bei ihren Vorbereitungen zur TV-Übertragung beobachtete, musste ich aufs Klo. Die Schreibmaschine nahm ich mit. Dort wusste ich dann nicht wohin damit und stellte sie neben der Waschmuschel ab. Als ich mich nach ihr umdrehte, stolperte gerade ein Herr in einem blauen Lurex-Anzug darüber. Es war Burt Lancaster. Er sollte den Boxkampf fürs Fernsehen präsentieren und kam von der Generalprobe.

Mein Freund Bill Cayton, der sämtliche Film- und Fernsehrechte aller WM-Kämpfe aller Zeiten besaß – nicht zuletzt weil er ein ungestörtes Verhältnis zum italienischsprachigen Bevölkerungsteil von New York pflegte –, stellte mich nicht nur dem großen Muhammad Ali vor, sondern verschaffte mir auch einen Platz am Ring, unweit von Norman Mailer, der dort ebenfalls mit seiner Reiseschreibmaschine saß.

Während des Kampfes war ich so aufgeregt, dass ich zu schreiben vergaß. Dann siegte auch noch der falsche Mann. Der Held meines Buches war geschlagen. Weltmeister war Joe Frazier. Das musste ich erst einmal verkraften.

Und vor allem musste ich das letzte Kapitel im Flugzeug schreiben. Hier zeigte sich wieder einmal, dass den Reiz einer Schreibmaschine das Geräusch ausmachte, das sie verursachte. Die AUA-Maschine war halbleer. Ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich alleine und hämmerte verbissen drauflos, in der Hoffnung, das Buch doch noch verkaufen zu können. Das Klappern schwebte monoton durch die Kabine der Boing 707. An der Türe zur First Class war es nur mehr schwach zu hören, wie das ferne Stakkato eines bis in die Stratosphäre reichenden Klapotetz.

Die Stewardessen schlichen auf Zehenspitzen an mir vorbei und tuschelten mit fragenden Blicken. Sie ahnten ja nicht, dass ich über das grausame Handwerk des Boxens schrieb. Vielleicht hielten sie mich sogar für einen Lyriker, der um eine Formulierung von der ewigen Liebe rang? Vielleicht hielten sie mein Klopfen für Morsezeichen einer empfindsamen Seele, für Positionsmeldungen von einer intergalaktischen Reise des Intellektes? Nur so wäre es zu erklären, dass sie mich in den Tipp-Pausen, die ich brauchte, um nachzudenken, und in denen ich einen Gesichtsausdruck annahm wie ein Hund, der sein großes Geschäft verrichtete – nur so wäre es also plausibel, dass sie versuchten, mir jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Es gab keinen Zweifel: Begleitet von uniformierten Musen flog ich hoch über den Wolken auf einem viermotorigen Pegasus.

Heute, fast 40 Jahre später, versucht einer meiner Freunde, dasselbe Ansehen zu gewinnen – mit einem winzigen Laptop. Aber die Sache funktioniert nicht. Weder im Flugzeug noch in Kaffeehäusern, Nachtlokalen oder Hotels. Man hört ihn nicht. Man sieht ihn nur sitzen wie den oben erwähnten Hund und irgendetwas machen, das wie Läusesuchen aussieht. Und damit hat sich’s.

Vielleicht wird man irgendwann einen Computer bauen, der beim Schreiben Melodien produziert. Das kann doch nicht so schwer sein. Es ist nämlich wichtig, dass man einen Dichter bei der Arbeit belauschen kann.

Das Gutruf

Das Gutruf war das Stammlokal von Helmut Qualtinger. Und bald auch meines, denn die Runde, die dort zusammenkam, repräsentierte mehr oder weniger die Off-Kulturszene von Wien.

Im Mittelpunkt der allgemeinen Bewunderung stand natürlich Qualtinger. Er brachte immer wieder berühmte und interessante Leute ins Lokal, mit denen er gerade irgendetwas produzierte.

Eines Tages kam er in Begleitung von Ulrich Becher, dem Autor des „Bockerer“. Sein Stück „Samba“ wurde gerade in den Rosenhügel-Ateliers des ORF mit Helmut Qualtinger und Helmut Lohner in den Hauptrollen gefilmt. Regie führte der aus Wien stammende Hollywood-Regisseur William Dieterle. Dieterle und Becher konnten einander nicht riechen, denn Becher stand bei den Dreharbeiten immer im Studio und nörgelte an der Regie herum.

Einige Tage später erschien Qualtinger nach einem Dreh im Gutruf und sagte: „Stellt euch vor – der Dieterle hat den Becher außeg’haut. Er hat Studioverbot.“

Großes boshaftes Gelächter.

„Wisst’s was“, meinte Qualtinger weiter, „ich ruf jetzt den Becher im Hotel an und geb mich als Regieassistent Vizvary aus, der ihm eine Entschuldigung vom Dieterle übermitteln will.“

Im Lokal stand eine Telefonzelle, also schritt Qualtinger gleich zur Tat. Wir alle hinterdrein, wabernd vor Bosheit.

Qualtinger meldete sich bei der Telefonistin des Hotels Regina mit perfektem ungarischem Akzent: „Hier spricht Vizvary von österreichischer Television. Verbinden Sie mich bittaschön mit Herr Becher Ulrich.“

Qualtinger blickte siegessicher in die Runde, dann hatte er die Verbindung.

„Entschuldigen Sie tausendmal, Herr Becher, Vizvary spricht, aber Herr Dieterle ist total traurig über gestrige Vorfall in Rosenhügel-Atelier. Es tut ihm leid, dass er großen Dichter beleidigt hat und möchte entschuldigen. Auch die Schauspieler sind sehr traurig, dass Sie nicht mehr im Atelier mit Rat und Tat zur Stelle sind. Besonders morgen. Wichtige Szene mit Helmut Lohner. Herr Dieterle würde das gerne mit Ihnen besprechen, vielleicht könnten Sie schon um 6 Uhr früh . . .“

Dann bekam Qualtinger einen irrlichternden Blick und legte stumm den Hörer auf. Er sah entgeistert in die Runde.

„Ja was ist denn los?“, riefen alle.

Qualtinger schluckte und sagte: „Der Vizvary sitzt grad beim Becher.“

Mittelwelle

Wenn man schon ein Monument wie den Mittelwellensender auf dem Bisamberg nördlich von Wien zum Einsturz bringt, wie es 2010 geschehen ist, dann sollte man zumindest dessen Anfänge nicht unerwähnt lassen.

Die hochangesehenen Radioingenieure der Österreichischen Radio-Verkehrs-Aktiengesellschaft, kurz RAVAG genannt, suchten seinerzeit einen geeigneten Platz für einen modernen Mittelwellensender – die Zeit der Detektoren war schließlich vorbei. Nach peniblen Berechnungen wurden sie fündig: Ein ganz bestimmtes Grundstück wurde vermessen und für gut befunden.

Genau dieses Grundstück gehörte aber einem gewissen „Kernreiter Rudl“. Dieser wies sich als ehemaliger Kutscher eines Erzherzogs aus, was plausibel klang, denn er war noch ordinärer als der Kutscher des ehemaligen Kronprinzen Rudolf namens Bratfisch.

Der „Kernreiter Rudl“ verlangte für den Verkauf seiner Wiese nicht nur den zehnfachen Verkehrswert, sondern auch eine Fixanstellung bei der RAVAG. Der Handel wurde abgeschlossen, der Sender gebaut und der „Kernreiter Rudl“ wurde Kraftfahrer auf einem Übertragungswagen.

Das schlechte Programm von Radio Wien, das über den Sendemasten übertragen wurde, verfolgte mich seit meiner Kindheit. Vor allem Musiksendungen: Der Nachmittag gehörte den sogenannten Salonorchestern. Sie spielten Charakterstücke oder Suiten mit Titeln wie „Am Waldesrand“, „Ein Student geht vorbei“, „Drei Nymphen am See“ von Komponisten wie Alois Pachernegg oder Émile Waldteufel. Und alles kam wie ein Tsunami auf Mittelwelle über den Bisamberg.

Diese Welle schwemmte mich später auf meiner studentischen Jobsuche in den Himmel: Ich wurde Sprecher und Reporter beim amerikanischen Sender „Rot-Weiß-Rot“. Dort gab es die beste Musik, die besten Nachrichten, die besten Unterhaltungssendungen. Und unser Sender stand am Kahlenberg.

Der Österreichische Staatsvertrag, ein Glück für die Nation, war ein Unglück für „Rot-Weiß-Rot“: Die Amerikaner zogen ab, der Sender wurde zugesperrt. Schluss mit „Vergnügt um elf“ und Fred Ziller, Schluss mit der „Radiofamilie“, Schluss mit dem „Watschenmann“ und Schluss mit „Musik zum Träumen“ mit Luise Martini und Teddy Podgorski. Jetzt regierten wieder die „Nymphen am See“.

Wer von uns das Glück hatte, bei Radio Wien als Asylant aufgenommen zu werden, dem öffnete sich im Funkhaus eine Harry-Potter-Welt der Dreißigerjahre. Alle Angestellten trugen weiße Arbeitsmäntel und waren über 40 Jahre alt. Sie waren immertreue Diener des Regimes, sei es bei der Heimwehr, wie der amtierende Direktor Henz, oder bei der NSDAP, oder bei beiden. Der Generaldirektor hieß Übelhör und wohnte in der Taubstummengasse.

Es gab im ganzen Haus kein Toilettenpapier. Das wurde nur einmal pro Woche an die Fixangestellten ausgegeben. Meine Bezugsperson war ein Fixangestellter namens Stockhammer. Er hatte die schwere Aufgabe zu bewältigen, eine Sendung mit dem Titel „Bericht aus Berlin“ von 20 auf 10 Minuten zu kürzen.

Ich sollte ihn dabei entlasten, was wirklich nicht leicht war – schließlich sollte ja der Sinn und der Inhalt dieses Berichtes im Wesentlichen erhalten bleiben. Verzweifelt und schwitzend quälte ich den Techniker im Tonstudio. Der meinte schließlich, dass mein Chef, der Herr Stockhammer, viel schneller wäre als ich.

Und tatsächlich: Er musste ein Genie sein. Kaum war er im Schneideraum verschwunden, kam er schon wieder mit der bearbeiteten Rolle zurück.

„Wie machen Sie das, Herr Stockhammer?“, fragte ich ihn. Da lächelte er milde, nahm mich in den Schneideraum mit, startete das Tonband und schnitt es nach 10 Minuten ab. Voilà!

Nach diesem lehrreichen Einstieg in die Mittelwelle durfte ich auch manchmal auf Reportage fahren. Einmal musste ich zum israelischen Botschafter. Mit dem „Kernreiter Rudl“. Ein Himmelfahrtskommando.

Der Botschafter war sehr nett und bot mir nach dem Interview ein Glas Carmel-Wein an. Ich lehnte mit dem Hinweis auf den wartenden Fahrer ab, doch statt mich zu entlassen, rief der Botschafter – meinen flehentlichen Protesten zum Trotz – den „Kernreiter Rudl“ herein. Das konnte nicht gut gehen.

Der Botschafter war gut aufgelegt und erzählte einen jüdischen Witz:

Sitzen zwei Juden in einem Hotel in Tel Aviv. Sagt der eine zum anderen: „Entschuldigen Sie, von wo sind Sie?“

Sagt der andere: „Aus New York.“

„Aus New York? Allerhand. Was machen Sie in New York?“

„Ich hab eine Zeitung.“

„Sie haben eine Zeitung? Wie heißt die Zeitung?“

SEMIT.“

SEMIT? Und davon können Sie leben?“

„Die Goim lesen verkehrt: „TIMES.“

Der Botschafter erstickte vor Lachen. Der „Kernreiter Rudl“ wurde dagegen immer argwöhnischer. Erstens hatte er den Witz nicht verstanden, zweitens schmeckte ihm der Carmel-Wein nicht.

Dann erzählte der Botschafter noch, leutselig wie er war, über das Leben in Israel. Er beklagte, dass alles teurer würde, dass die Fußballer schlecht spielten, dass die Autobusse unglaubliche Verspätungen hatten und die Politiker machten, was sie wollten.

Dann unterbrach er, um noch etwas Carmel-Wein zu holen.

In diese Pause sagte der „Kernreiter Rudl“: „Also des is guat, sehr guat! Des is ja genauso wie bei uns – bei de Weißen.“

Man könnte natürlich sagen, dass das alles nicht hierhergehört. Ich glaube schon. Man hätte das alles sagen sollen, bevor man den Mittelwellensender auf dem Bisamberg gesprengt hat. Die Explosion wäre viel prächtiger ausgefallen.