Titel

Ladislaus E. Almásy

Schwimmer

in der Wüste

Auf der Suche nach der Oase Zarzura

Zu diesem Buch

Ladislaus Almásy hatte über seine Forschungsreisen schon verschiedene Artikel und Berichte in mehreren Sprachen (ungarisch, englisch, französisch und deutsch) publiziert, als 1934 als Veröffentlichung der Ungarischen Geographischen Gesellschaft im Budapester Verlag Franklin sein Buch „Az Ismeretlen Szahara“ („Unbekannte Sahara“) erschien. Als er 1938 vom Leipziger Brockhaus-Verlag den Auftrag erhielt, das Buch auch dem deutschen Publikum zugänglich zu machen, stand ihm offenbar sein Reisegefährte Hansjoachim von der Esch als eine Art Lektor zur Seite.

Daß Almásy das Manuskript nicht übersetzen ließ, sondern auf deutsch noch einmal selbst geschrieben hat, ist überliefert und läßt sich durch einen Vergleich der beiden Fassungen leicht erhärten. So unterscheidet sich der Text der einzelnen Kapitel – wie Frau Adrienne Kloss-Elthes im Auftrag des Ludwig-Boltzmann-Institutes für Kulturgeschichte in Salzburg festgestellt hat – man­chmal mehr, manchmal weniger, wie es eben ist, wenn man dasselbe noch einmal erzählt, und das Jahre später. Es wurden aber auch Almásys Einführung und zwei ganze Kapitel der ungarischen Ausgabe weggelassen. Dafür könnten Platzgründe ausschlaggebend gewesen sein, da gleich­zeitig drei neue Kapitel eingefügt wurden, die Reiseerlebnisse aus der Zeit nach 1934 zum Inhalt haben. (Diese lagen übrigens damals auf ungarisch auch schon in Buchform vor.) Ob die Streichung des Kapitels über die Tragödie der vor den Italienern geflohenen Bewohner von Kufra auch mit einer eventuellen Rücksichtnahme auf das mit Deutschland inzwischen verbündete Italien Mussolinis zu tun hat, ist fraglich. Man kann es vermuten, da die es sicher kein Ruhmesblatt in der italienischen Kolonialgeschichte war, hunderte Menschen hilflos in der Wüste herumirren und verdursten zu lassen, doch betont Almásy andererseits bereits 1934, daß nicht die Italiener verantwortlich zu machen seien, daß die Flucht nicht notwendig gewesen wäre und daß die in der Oase verbliebenen Menschen unter der Besatzung nicht zu leiden gehabt hätten.

Jedenfalls schien es uns von Interesse, diesen von Almásy in der ungarischen Ausgabe wiedergegebenen Bericht eines Augenzeugen erstmals auch in deutscher Sprache abzudrucken. Auch das weggelassene Kapitel über die Auffindung und Deutung der einzelnen urzeitlichen Felszeichnungen und Malereien haben wir in dieses Buch aufgenommen. Ebenso Almásys Einführung zur ungarischen Erstausgabe, da sie viel Autobiographisches enthält und einen Einblick in Beweggründe und Mentalität dieses Forschungsreisenden erlaubt. Dagegen haben wir Von der Eschs Geleitwort zur deutschen Ausgabe weggelassen, weil es außer dem Hinweis auf seine Ergänzungen zu Almásys Text, die in erster Linie die Übersetzung arabischer Quellen zum Zarzura-Problem betreffen und ohnehin in Anmerkungen gekennzeichnet sind, nichts Wesentliches enthält. Im übrigen ist die Bezeichnung „Bearbeiter“ für Hansjoachim von der Esch – als solcher scheint er in der Titelei des deutschen Ausgabe auf – wohl einigermaßen übertrieben. Wie sie zustandekam, ist heute nicht mehr nachvollziehbar, wie man auch nur vermuten, aber nicht belegen kann, ob und wie weit kleine, aber nicht unwesentliche Änderungen im Text eventuell auf ihn zurückgehen, zum Beispiel manche wertende Beifügung, etwa wenn aus der wertfreien Bezeichnung „Mischrasse“ in der deutschen Ausgabe eine „tieferstehende Mischrasse“ wird.

Die Anmerkungen in diesem Buch sind zum größten Teil aus der deutschen Ausgabe übernommen. Wenn „Der Verfasser“ dabeisteht, gab es sie auch schon in der ungarischen Fassung und wurden vom Lektor übernommen. Von der Esch hat seine zumeist erläuternden oder auf Quellen hinweisenden Anmerkungen mit dem Zusatz „Der Bearbeiter“ versehen, was hier weggelassen ist. Neue Anmerkungen in der vorliegenden Ausgabe sind kursiv gesetzt.

Die Schreibweise der geographischen und anderer, vor allem arabischer Namen wurde durchwegs aus Almásys Buch „Unbekannte Sahara“ von 1939 übernommen, stammt also – vor allem in ihren Abweichungen von der heute (z. T. auch damals)üblichen Praxis – vom „Lektor“ Hansjoachim von der Esch. Der Einheitlichkeit zuliebe wurde diese Schreibweise auch in den anderen Teilen des Buches angewendet und zwar nicht nur dort, wo es sich um Almásys deutsche oder aus dem Ungarischen bzw. Englischen übersetzte Texte handelt, sondern auch bei den Bildunterschriften und in der Einleitung von Schrott/Farin. Dies ist schon deshalb gerechtfertigt, weil es auch heute keine einheitliche Regelung gibt und Karten bzw. Atlanten diesbezüglich stark von einander abweichen (z.B. damals Uwenat und Uweinat, heute neben diesen Schreibungen vor allem auch Auenat). Eine Ausnahme machten wir bei der Bezeichnung „Gilf Kebir“, das Esch in den „Unbekannten Sahara“ zu „Gilf Kibir“ machte, während Almásy selbst in der ungarischen Ausgabe die damals wie heute allein übliche Schreibung „Kebir“ verwendete. Hier gingen wir soweit, auch die Schreibweise im Nachdruck der Brockhaus-Ausgabe vom Original abweichen zu lassen.

Während der Arbeit an diesem Buch erreichte uns eine Reihe interessanter Informationen. Unter anderem erhielt Michael Farin Kenntnis von einem Dokument aus dem englischen Kriegsarchiv, das den (übersetzten) Text eines von Almásy geschriebenen und in den Besitz der Engländer gekommenen Tagebuchs über das „Unternehmen Salam“ enthält, bei dem der inzwischen im Dienst der deutschen Abwehr stehende Wüstenexperte aus Ungarn zwei Agenten im Rücken der Engländer nach Ägypten schmuggelte. Da gerade Almásys Tätigkeit während des Krieges – nicht zuletzt durch Roman und Film „Der englische Patient“ – viel diskutiert wird, waren wir sehr erfreut, dieses Geheimdokument hier abdrucken zu können. (Das ungarische Buch „Mit Rommels Armee in Afrika“ bietet übrigens – anders als der Titel vermuten läßt – keinerlei Informationen über seine Einsätze, was andererseits verständlich ist, es erschien ja noch während des Krieges.) Michael Rolke machte uns dankenswerterweise auch darauf aufmerksam, daß es zur Operation Salam eine bemerkenswerte Photoserie gibt, die vor einem Jahr in der italienischen Zeitschrift „Storia militare“ veröffentlicht wurde. Herausgeber und Redaktion haben uns die erstmalige Publizierung dieser Bilder im deutschsprachigen Raum freundlicherweise gestattet. Woher sie stammen, geht aus dem begleitenden Artikel der Zeitschrift (siehe Bibliographie) nicht hervor, und wir konnten es auch nicht in Erfahrung bringen.

Das übrige Bildmaterial in diesem Buch stellt eine Auswahl aus Almásys Büchern dar, ergänzt durch Fotos aus den Büchern von Richard Bermann (alias Arnold Höllriegel) und Hansjoachim von der Esch (siehe Bibliographie). Die Aufnahmen machte Almásy selbst, von der Esch und Hans Casparius, Bermanns Freund und Teilnehmer der Expedition von 1933. Sie sind nicht mehr in jedem Fall einem der Fotografen zuzuordnen. In der Brockhaus-Ausgabe von „Unbekannte Sahara“ sind wohl die Aufnahmen des „Bearbeiters“ Von der Esch gekennzeichnet, nicht jedoch die Bilder von Casparius. Er war Jude!

Die Originale der abgebildeten Aquarelle mit Kopien einiger Felsmalereien im Gilf Kebir und Uwenat befinden sich wie die dazugehörigen Skizzenbücher und die abgebildeten Fotos und Dokumente zur Biographie im Besitz von Almásys Nichte, Frau Maria della Pace Kuefstein-Almásy auf Burg Bernstein im Burgenland. Ihr wie auch der nächsten Generation, dem Ehepaar Berger-Almásy, gebührt für die Übertragung der Rechte an Almásys Werk und für die Unterstützung bei den Vorbereitungen zu dieser Neuauflage der „Unbekannten Sahara“ ein besonderer Dank.

Zu bedanken hat sich der Verlag vor allem auch bei seinem Autor und Wüstenexperten Raoul Schrott, von dem nicht zuletzt die Anregung zu diesem Buch kam, und bei Michael Farin, der zusammen mit ihm ein Hörspiel über Zarzura vorbereitet. Er half mit wertvollen Tips und Informationen und vermittelte die Kenntnis des englischen Geheimdokuments sowie der Fotos dazu. Dr. Gene Sensenig von der Forschungsgemeinschaft Boltzmanninstitut/Steinocherfonds in Salzburg und Frau Adrienne Koss-Elthes haben ebenso zur Vertiefung des Wissens über Almásy und sein publizistisches Schaffen beigetragen wie Professor Steven Tötösy de Zepetnek in Toronto, Michael Rolke in Willstätt und Zsolt Török in Buda­pest, dessen Almásy-Biographie demnächst in Ungarn erscheinen wird.

Ihnen allen ist es zuzuschreiben, daß dieses Buch mehr werden konnte als der bloße Neudruck eines längst vergriffenen und vergessenen Werks, das allerdings an sich schon ein neuerliches Kennenlernen verdient.

Innsbruck, im August 1997

Michael Forcher, Haymon Verlag