Titel

Rolf Steininger

Südtirol

Vom Ersten Weltkrieg

bis zur Gegenwart

Vorbemerkung

Wie in einem Brennglas findet sich in der Geschichte Südtirols ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts wieder. Es ist alles da: der Erste Weltkrieg mit seinen verheerenden Auswirkungen, die „Friedens­verträge“, mit denen zahlreiche Minderheiten­probleme erst geschaffen und verschärft wurden. Ein fast hundertprozentig deutschsprachiges Südtirol, das seit mehr als fünf Jahrhunderten zu Österreich gehört hatte, wurde Italien als „Kriegsbeute“ zugeschlagen – mit der Grenze am Brenner; ein Österreich, das in seiner Schwäche Südtirol nicht beistehen konnte, Ver­gewaltigung einer Minderheit durch die Faschisten, die Auswirkungen des aufkommenden Nationalsozialismus und schließlich am Ende einer ersten Phase das Hitler-Mussolini-Abkommen aus dem Jahre 1939, das zum Experiment einer „ethnischen Flurbereinigung“ werden sollte. 86 Prozent der Südtiroler trafen damals die Wahl – Option wurde das genannt –, das Land zu verlassen und „Reichsdeutsche“ zu werden; rd. 75.000 gingen tatsächlich. Die Auswirkungen dieser Entscheidung lassen sich von der höchsten Ebene der Regierungen bis hinunter ins kleinste Dorf verfolgen und sind bis heute nicht vergessen.

Dann der Zweite Weltkrieg – mit Italien erst auf der einen, dann auf der anderen Seite – und die entsprechenden Auswirkungen auf Südtirol. Nach Kriegsende ein Italien, das sich demokratisch gab, und ein Südtirol, das frühzeitig in die Mühlen des Kalten Krieges geriet. Eine Rückkehr zu Österreich wurde von den Siegern abgelehnt; sie hielten an der Brennergrenze fest. Auf Druck der Briten kam es dann im September 1946 zu einem Autonomieabkommen zwischen Österreich und Italien. Deutschland spielte nach 1945 keine Rolle mehr, sondern das Österreich der Zweiten Republik, das seit 1946 zwar „Schutzmacht“ Südtirols, aber besetzt und schwach war und erst seit dem Staatsvertrag 1955 langsam aktiv wurde.

Italien hatte Südtirol 1948 eine Autonomie zugestanden, die sich als Scheinautonomie erwies. Enttäuschte Hoffnungen führten so Ende der fünfziger Jahre zur Verschärfung der Lage in Südtirol – mit der Forderung nach Selbstbestimmung und dann nach einer wirklichen Autonomie. Es folgte Österreichs Weg zur UNO, der begleitet war von Bombenattentaten in Südtirol. Dann gab es Tote, schließlich 1969 mit dem „Paket“ den zweiten Versuch einer Auto­nomie. Nach jahrzehntelangen Verhandlungen endlich 1992 die offizielle Beilegung des Streits zwischen Österreich und Italien mit einer Autonomie, die als Modell für die Lösung der mit dem neuen Nationalismus des ausgehenden 20. Jahrhunderts einhergehenden Probleme dienen könnte.

Etwa 40 Kilometer südlich von Innsbruck liegt jene Brennergrenze, hinter der die Ortsnamen zweisprachig sind und wo – zur Überraschung so mancher Touristen aus Deutschland – plötzlich Italien ist und italienisch gesprochen wird, aber auch – zur Überraschung so mancher italienischer Touristen – deutsch; wo man auf dem Waltherplatz in Bozen einen Cappuccino trinken kann und sich mancher fragen mag, wie alles gekommen ist.

Die beiden Volksgruppen in Südtirol haben jahrzehntelang gegeneinander gelebt; auf Südtiroler Seite gab es berechtigtes Mißtrauen, fühlten sich doch die Italiener – und handelten auch so – als die Herren im Haus, das aus Südtiroler Sicht nicht deren Haus war. Für die Italiener waren die Südtiroler „allogeni“, „Fremdstämmige“, oder gar „valligiani dalle calze bianche“, „Talbewohner mit den weißen Strümpfen“. Auch nach 1945 verstanden sie die Südtiroler nicht, weder ihre Sitten und Gebräuche, noch ihre Sprache. Man wollte und mußte die „alloglotti“, die „Fremdsprachigen“, auch gar nicht verstehen, schließlich war man ja in Italien, und Südtirol war italienisches Territorium – und würde es auch bleiben. Oder etwa nicht? Das alles war eine Mischung aus Ignoranz und Präpotenz und mußte fast zwangsläufig zum Konflikt führen – der dann ja auch kam. Erst in den letzten Jahren wurde das Mißtrauen etwas abgebaut; heute gibt es ein geregeltes Nebeneinander, allerdings kein Miteinander. Das lag und liegt auch daran, daß die Italiener wenig oder gar nichts von der Geschichte dieses Landes kannten und kennen, was manchmal allerdings auch für die deutschsprachigen Südtiroler gilt.

Vielleicht lädt diese Geschichte zur Lektüre ein, die auf italienisch unter dem Titel „Alto Adige/Sudtirolo 1918–1999“ erschienen ist. Ausführlicher zum Thema meine folgenden Arbeiten im Studienverlag: „Südtirol im 20. Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit“, Innsbruck-Wien 1997, 19993; „Südtirol im 20. Jahrhundert. Dokumente“, Innsbruck-Wien 1999, sowie 7 Bände Akten zur Südtirol-Politik 1959 – 1969. Wer mehr über die Zeit von 1947 bis 1969 erfahren möchte, sei auf meine vom Südtiroler Landes­archiv herausgegebene dreibändige Darstellung „Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969“ verwiesen, die 1999 in der Verlagsanstalt Athesia, Bozen, erschienen ist. Der vorliegende Band ist die überarbeitete und erweiterte Fassung meiner Arbeit über „Südtirol 1918–1999“, die 1999 im Studienverlag erschienen ist und schon bald vergriffen war. Um die Neu­ausgabe von den übrigen Ausgaben abzuheben, wurden ein neuer Titel und auch ein neues Titelbild gewählt. Das Titelbild hat freundlicherweise der Chefredakteur der „Dolomiten“, Herr Dr. Toni Ebner, zur Verfügung gestellt, wofür ich an dieser Stelle sehr herzlich danke. Das Bild zeigt jene Problematik, um die dieser Band erweitert wurde: die Umbenennung des „Siegesplatzes“ in Bozen in „Friedensplatz“ – mit der Abstimmung der Bozner Bürger im Oktober 2002. Hinzugefügt wurden eine knappe Zeittafel und das Gruber-De Gasperi-Abkommen aus dem Jahre 1946 – eines der wichtigsten Dokumente für Südtirol. Bei der Literatur habe ich nur neuere Arbeiten angeführt.

Die vorliegende Arbeit erscheint gleichzeitig auf Englisch unter dem Titel „South Tyrol – A Minority Conflict of the Twentieth Century“ bei Transaction Publishers, Rutgers-The State University, New Brunswick (New Jersey) und London.

Hingewiesen sei auch auf das Schwerpunktthema „Südtirol“ des Zeitgeschichte Informations Systems des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck. Unter http://www.uibk.ac.at/zeitgeschichte/zis/library/suedtirol-im-20.-jahrhundert finden sich bei diesem Thema ein Aufsatz zur Südtirolfrage, Dokumente, eine Zeittafel, ausführliche Literaturhinweise und weiter­führende Links zum Thema.

I. 1918 – 1922: Von der Teilung bis zum „Marsch auf Bozen“

1. Teilung und Annexion

Am 3. November 1918 wurde in der Villa Giusti in Abano in der Nähe von Padua der Waffenstillstand zwischen Österreich-Ungarn und Italien geschlossen. Anschließend begann die kampflose Besetzung Südtirols durch italienische Truppen, die bereits am 4. November Salurn, den Mendelpaß und Schluderns erreichten. Am 5. November wurde Meran besetzt. Von der Mendel kommend erreichte eine Kavalleriepatrouille am 6. November Bozen, am nächsten Tag schließlich besetzten Truppen der 7. Armee die Stadt. Von Bozen drangen die Truppen dann durch das Eisacktal Richtung Brenner vor, am 10. November besetzten sie den Brennerpaß.

Bis zum 31. Juli 1919 unterstand Südtirol einer Militärregierung unter General Guglielmo Pecori-Giraldi. Pecori-Giraldi war 1856 in Florenz geboren, hatte an den Kolonialkriegen in Eritrea (1903) und Libyen (1911) teilgenommen und war 1915 zum Oberkommandierenden der 1. italienischen Armee ernannt worden. Ihm ging es darum, den Besitz Südtirols zu sichern. Entsprechend sahen die von ihm durchgeführten Maßnahmen aus. Da war zunächst jene berühmte zweisprachige Proklamation, die in allen Südtiroler Gemeinden ausgehängt wurde, mit der er am 18. November die Grundzüge seiner Politik darlegte.

Die Besetzung Südtirols war fast reibungslos vor sich gegangen; zu ernsteren Zwischenfällen war es nicht gekommen. Die Bevölkerung folgte dem Aufruf der Militärs, Ruhe und Disziplin zu bewahren; die Soldaten selbst verhielten sich korrekt. Schon bald wurde den Südtirolern klar, daß ihr Land besetzt war und einer Militärverwaltung unterstand. Es wurde sofort hermetisch von Österreich und dem Ausland abgeriegelt. Damit war jeder Personen- und Warenverkehr mit Nordtirol und Österreich unterbunden. Telegraphische Apparaturen und Brieftauben mußten abgegeben werden. Bei Mißachtung dieser Verordnungen drohten hohe Kerkerstrafen. Die Presse wurde einer strengen Zensur unterworfen. Auch im Post- und Telegraphenbereich gab es harte Einschränkungen. Nach Österreich, Deutschland, Ungarn, Bulgarien und in die Türkei durften keine Briefe mehr geschickt werden. Aus diesen Ländern kommende Briefe wurden nicht an die entsprechenden Adressaten verteilt. Alle übrigen Briefsendungen waren der Zensur unterworfen.

Gleich nach der Besetzung verbot das Comando Supremo, das militärische Oberkommando in Padua, die Einfuhr von österreichischem Geld: Die im Umlauf befindlichen Kronen galten noch als legales Zahlungsmittel. Die deutschsprachigen Bezirkshauptleute wurden allmählich durch italienische Kommissare ersetzt – sicherlich eine der einschneidendsten Maßnahmen der Militärregierung, weil damit ein großer Teil der österreichischen Verwaltung liquidiert wurde. Dies war ein eindeutiger Verstoß gegen die Waffenstillstandsbedingungen, genauso wie die Entscheidung, die Beamten in Südtirol einfach vor die Wahl zu stellen, entweder beim italienischen Staatsdienst um eine Arbeitsstelle anzusuchen oder die Beamtenstelle aufzugeben.

015_ebook.jpg

Die neue österreichisch-italienische Grenze nach dem Vertrag von Saint Germain im Jahr 1919. Sie wird von den Siegern nicht entlang der Sprachgrenze südlich von Salurn, sondern willkürlich am Brenner gezogen. Damit wird ein Dauerproblem geschaffen. (Karte der 1945 von der Tiroler Landesregierung eingerichteten „Landesstelle für Südtirol“.)



In Saint Germain wurde inzwischen nicht verhandelt, sondern diktiert. Die Friedensbedingungen vom 2. September 1919 stellten den Schlußpunkt für Südtirol dar: Ohne Autonomiebestimmungen, ohne Minderheitenschutz kam das Land zu Italien. Die Entente zahlte die Kriegsbeute aus, die sie im Londoner Geheimvertrag vom 26. April 1915 für den Kriegseintritt Italiens an ihrer Seite zugesagt hatte.

Am 6. September 1919 stimmte die Nationalversammlung in Wien dem Diktat mit 97 gegen 23 Stimmen zu. Die Tiroler Abgeordneten beteiligten sich zum Zeichen des Protestes nicht an dieser Abstimmung. Für die Südtiroler Abgeordneten hieß es, Abschied zu nehmen. Eduard Reut-Nicolussi ergriff zum letzten Mal das Wort. Was er sagte, sollte zum Vermächtnis werden:

„Gegenüber diesem Vertrage haben wir mit jeder Fiber unseres Herzens, in Zorn und Schmerz nur ein Nein! Ein ewiges, unwiderrufliches Nein! (Stürmischer Beifall im ganzen Haus, in den auch die dichtgefüllten Galerien einstimmen). [...] Es wird jetzt in Südtirol ein Verzweiflungskampf beginnen, um jeden Bauernhof, um jedes Stadthaus, um jeden Weingarten. Es wird ein Kampf sein mit allen Waffen des Geistes und mit allen Mitteln der Politik. Es wird ein Verzweiflungskampf deshalb, weil wir – eine Viertelmillion Deutscher – gegen vierzig Millionen Italiener stehen, wahrhaft ein ungleicher Kampf.“ 1

Vier Tage später unterzeichnete Bundeskanzler Karl Renner den Vertrag von Saint Germain. Ein Jahr danach, am 10. Oktober 1920, wurde Südtirol per Gesetz von Italien offiziell annektiert. In Südtirol nannte man dies eine „Schandtat“ vor der Geschichte. In einem Aufruf der Parteien wurde Südtirol als „Opfer des Friedensvertrages“ bezeichnet und auf die Verweigerung des Selbstbestimmungsrechtes hingewiesen. Gleichzeitig äußerte man die Hoffnung auf „nationale Befreiung“. Die Bevölkerung wurde allerdings aufgefordert, „jede Ungesetzlichkeit zu vermeiden und mit Ruhe und Würde das Schicksal zu tragen“. Zu irgendwelchen Zwischenfällen kam es denn auch nicht.

2. 24. April 1921: „Blutsonntag“ in Bozen

Die Faschisten waren damals nur eine italienweit operierende Schlägertruppe, die noch keine Gefahr für den italienischen Staat darstellte. Dies sollte sich allerdings sehr schnell ändern. Im Trentino und in Südtirol ging es ihnen zunächst nur um die Entfernung altösterreichischer Symbole. Wurden entsprechende Forderungen von den lokalen Behörden ignoriert, wurde dies als „Schändung der Nation“ mit Gewalt beantwortet. So fuhren die Trentiner Faschisten am 12. Februar 1921 mit Lastwagen nach Auer und Salurn und entfernten dort sämtliche Doppeladler. Wenige Tage später entfernten sie die deutschsprachige Aufschrift „Bozen“ am Sitz des Zivilkommissariates. Der Vorsitzende der Faschisten in Trient, der aus Apulien stammende Holzhändler Achille Starace, gründete am 16. Februar 1921 die „Fasci di Combattimento“ von Bozen. Diese Faschistenorganisation hatte 120 Mitglieder, zum großen Teil Kaufleute aus Altitalien und Offiziere des Heeres. Ende April übernahm Luigi Barbesino, Holzhändler aus dem Piemont, die Leitung des Bozner Fascio. Unterstützung erhielt die Organisation vor allem von den zugewanderten italienischen Eisenbahnern. Diese waren zwar, bevor sie nach Südtirol kamen, meist Sozialisten und Kommunisten, schlossen sich aber bald dem Fascio an, weil gerade er für die nationalen Interessen und Bedürfnisse der zugezogenen Italiener eintrat. Der vorläufige Höhepunkt faschistischer Gewalt war der Überfall auf den Trachtenumzug anläßlich der Eröffnung der Bozner Messe am 24. April 1921 in Bozen. Das Ereignis erhielt seine besondere Bedeutung dadurch, daß am selben Tag in Nordtirol die Volksabstimmung über den Anschluß des Landes Tirol an das Deutsche Reich stattfand. Obwohl das Datum für die Bozner Messe bereits seit November 1920 feststand, vermuteten die Faschisten einen Zusammenhang mit der Abstimmung in Nordtirol. Zudem betrachteten sie den traditionellen Trachtenumzug als eine Provokation und beschlossen, die Veranstaltung zu stören. Der Leiter des neuen Generalkommissariates Venezia Tridentina, Luigi Credaro, wies Rom auf die bevorstehende Aktion hin; von dort kam keine Antwort. Auf der anderen Seite bat der Deutsche Verband Credaro um entsprechende Sicherheitsmaßnahmen. Die Präfekten von Mantua, Brescia, Vicenza, Verona und Mezzolombardo informierten darüber hinaus Credaro einen Tag vor der Veranstaltung darüber, daß die dort ansässigen Faschistengruppen mit dem Zug nach Bozen fahren und eine Gegendemonstration abhalten wollten. Credaro traf keine Vorkehrungen, erklärte aber öffentlich, alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen würden getroffen – was nicht geschah. Und so kam, was kommen mußte: 280 Faschisten aus Altitalien kamen am Morgen des 24. April mit einem Zug in Bozen an; hier schlossen sich die 120 Mitglieder des Bozner Fascio an. Sie waren alle entsprechend ausgerüstet. Beim Trachtenumzug schlugen sie mit Knüppeln wahllos auf Teilnehmer und Zuschauer ein, schossen mit Pistolen und warfen Handgranaten. Bei dem Versuch, zwei Kinder zu schützen, wurde Franz Innerhofer, Lehrer in Marling, von einem Faschisten erschossen. Etwa 50 Personen, ausnahmslos Südtiroler, wurden verletzt. Erst nach dem Überfall schritt das Militär ein, schützte allerdings nicht die Überfallenen, sondern die Faschisten. Sie wurden zurück zum Bahnhof eskortiert, wo sie ungestört ihre Rückreise antreten konnten. Die Faschisten bemächtigten sich der Abstimmungsurnen in den Messehallen – es gab die Möglichkeit, an der Nordtiroler Abstimmung teilzunehmen –, brachten sie nach Trient und verbrannten sie dort öffentlich.

Die Südtiroler Bevölkerung war wie betäubt von dem, was in Bozen geschehen war. So etwas hatte man nicht erwartet. Mussolini dagegen überdeutlich:

„Wenn die Deutschen dies- und jenseits des Brenners sich nicht fügen, dann werden ihnen die Faschisten den Gehorsam beibringen. Südtirol ist italienisch und zweisprachig, niemand denkt daran, die eingewanderten Deutschen mit Gewalt zu italianisieren. Kein Deutscher darf sich aber auch einbilden, daß Italien nach Salurn und von dort an den Gardasee zurückgeworfen werden könnte. Vielleicht glauben die Deutschen, daß alle Italiener vom Schlage Credaros seien. Da irren sie sich aber gewaltig. In Italien gibt es mehrere hunderttausend Faschisten, die bereit sind, Südtirol eher zu zerstören und zu verwüsten, als die Tricolore, die auf der Vetta d’Italia weht, einziehen zu lassen. Wenn die Deutschen verprügelt und zerstampft werden müssen, um Vernunft anzunehmen, wohlan, wir sind bereit. Viele Italiener sind auf dieses Geschäft trainiert.“

In Nordtirol wurde die Aktion aufs schärfste verurteilt. Bis Mitte des Jahres wurde in den Tiroler Zeitungen laufend über den „Blutsonntag“ und dessen Nachwirkungen berichtet. Schon am 28. April hatte der Andreas-Hofer-Bund eine Protestversammlung veranstaltet. Zehn Jahre später, am 24. April 1931, wurde anläßlich des 10. Todestages von Innerhofer am Rennweg in Innsbruck eine Innerhofer-Gedenktafel enthüllt.

Der Mord an Innerhofer blieb ungesühnt, obwohl Ministerpräsident Giovanni Giolitti von Credaro die sofortige Inhaftierung und Bestrafung der Täter gefordert hatte. Der Aufforderung waren keine entsprechenden Taten gefolgt. Die Bozner Faschisten Attilio Crupi und Vittorio Moggio wurden zwar für kurze Zeit verhaftet, dann aber wieder freigelassen, nachdem Mussolini gedroht hatte, am 1. Mai mit 2000 Faschisten nach Bozen zu kommen und die Befreiung zu erzwingen. Die Ermittlungen der Carabinieri von Bozen und Verona blieben erfolglos, wohl auch deshalb, weil sie in den perfekt organisierten Kreis der Faschisten nicht einzudringen vermochten.

Wenig später wurde eine der tiefgreifendsten Maßnahmen für Südtirol im vorfaschistischen Italien durchgeführt: die „Lex Corbino“, so genannt nach dem damaligen Unterrichtsminister Mario Corbino. Dies war ein besonderes Schulgesetz für die neuen Provinzen, mit dem die italienischen Eltern verpflichtet wurden, ihre Kinder in italienische Schulen zu schicken. Bei der Umsetzung war es vorrangiges Ziel Credaros, „auf dem Schulsektor die numerische, politische und kulturelle Position der Italiener in Südtirol zu festigen und zu verstärken“.

Was als Schutzmaßnahme für die italienische Minderheit erschien, wurde bei der Umsetzung zu einer „Angriffswaffe“ gegen Südtirol. Um die Nationalitätszugehörigkeit der Familien festzulegen, wurden rein italienische Kommissionen eingesetzt, die rücksichtslos vorgingen. Sie versuchten, so viele Familien wie möglich der italienischen Nationalität zu­zuweisen, um somit deren Kinder zum Besuch der italienischen Schule zu verpflichten. Dabei wurden Familien mit italienischen oder italienisch klingenden Namen, auch wenn es sich um deutschsprachige Familien handelte, einfach zu Italienern deklariert; ähnlich war es bei Familiennamen, die mit „a“ oder „o“ endeten. Die Ladiner wurden ebenfalls zu Italienern gemacht. Die Kinder wurden zum Besuch einer italienischen Schule gezwungen. Besonders hart wurde das Südtiroler Unterland betroffen. 49 deutsche Volksschulen wurden geschlossen, die deutschen Schulkinder mußten italienische Schulen besuchen. Gegen Eltern, die sich weigerten, wurden Strafverfahren eingeleitet; Proteste in Rom blieben ergebnislos.

3.1. Oktober 1922: Der „Marsch auf Bozen“

Am 18. März 1922 wurde Luigi Facta Ministerpräsi­dent. Er war noch autoritätsloser und schwächer als sein Vorgänger Ivanoe Bonomi. Am Ende seiner Regierungszeit stand der Sieg der Faschisten mit dem berühmt-berüchtigten „Marsch auf Rom“. Damit ging eine achtmonatige innenpolitische Krise zu Ende, in der Südtirol für Italien kein besonderes Thema mehr war. Die Zukunft des Staates stand im Mittelpunkt, nicht die Interessen irgendwelcher Minderheiten. Im Spätsommer 1922 hatten die Faschisten Italien – mit Ausnahme von Teilen Süditaliens, Sardinien und Südtirol – unter ihrer Kontrolle. Ende Oktober ergriffen sie dann mit dem „Marsch auf Rom“ die gesamte Macht im Staat. Der „Probelauf“ für diesen Marsch wurde in Südtirol durchgeführt. Am 6. April verabschiedeten die Faschisten der Venezia Tridentina in Trient ein Aktionsprogramm für Südtirol mit folgenden Forderungen:

– Schnellstmögliche Einführung der italienischen Gesetzgebung;

– Abschaffung jeglicher Gesetzgebungs- und Verwaltungsautonomie;

– Einheitsprovinz für die gesamte Venezia Tridentina;

– Auflösung des zivilen Generalkommissariats, des Zentralamtes für die neuen Provinzen und der regionalen und zentralen Verwaltungskörperschaften;

– Verwendung der italienischen Sprache in allen öffentlichen Ämtern (bei gleichzeitigem Recht der Südtiroler, in deutscher Sprache zu verkehren);

– Italienisch als Pflichtfach in allen deutschsprachigen Schulen;

– Militärausbildung für Südtiroler Jungmänner in altitalienischen Provinzen;

– Auflösung von politischen und politisch-sport­lichen Vereinen, die irredentistische Ziele verfolgten.

Drei Wochen später ließen sie diesen Worten Taten folgen und forderten am 27. April die Gemeinde Meran auf, bei allen Bekanntmachungen und bei allen Verlautbarungen des Kuramtes sowie im Bereich der Straßenbezeichnungen die Zweisprachigkeit anzuwenden und den Italienern eine Kirche für ihre Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig begann der „Fahnenstreit“: Die Faschisten forderten, daß am Rathaus die Tricolore gehißt werde. Die inzwischen in Meran eingerichtete Sektion der faschistischen Partei hatte auf Schloß Tirol einen italienische Fahne aufgezogen. Die Fahne hatte – und hat – Symbolwert für die „Italianità“. (In Salurn hatte es kurz vorher ebenfalls einen Fahnenstreit gegeben: Der deutschsprachige Ortspfarrer Simon Delueg weigerte sich, eine italienische Fahne, für ihn die Fahne einer „freimaurerischen Regierung mit einem vom Papst exkommunizierten König als Chef“, zu weihen.) Als sich der Meraner Gemeinderat weigerte, den Faschisten nachzugeben, wiederholten diese ihre Forderungen in Form eines Ultimatums und drohten bei Nichtbefolgung mit Gewalt­anwendung. Am 24. August gab der Gemeinderat seinen Widerstand auf. Mussolini bezeichnete die in Meran angewandte Methode als beispielhaft für ganz Südtirol. Seiner Meinung nach sollte mit einem ähnlichen Ultimatum auch der Widerstand in Bozen gebrochen werden, was dann Anfang Oktober auch geschah. Die Faschisten besetzten die Elisabethschule, die am 2. Oktober in einer faschistischen Zeremonie den Namen „Scuola Regina Elena“ erhielt. Am Nachmittag besetzten 700 Faschisten das von 180 Carabinieri und Soldaten bewachte Rathaus ohne Waffengewalt. Obwohl die Regierung angeordnet hatte, das Gebäude zu verteidigen, fiel es den Faschisten kampflos in die Hände. In einem Telegramm an Ministerpräsident Facta forderten sie „als Interpreten der Gefühle der Nation“, daß die Regierung die Italianität des Landes, die gedemütigt und unterdrückt werde, beschütze. Die verantwortlichen Politiker müßten abgesetzt und durch solche ersetzt werden, die eine effektive Ausübung der italienischen Souveränität ermöglichten. Die nicht mehr gerechtfertigte Provinzial- und Gemeindeautonomie müßte sofort abgeschafft werden.

De Stèfani schrieb persönlich an Facta:

„Erst vier Jahre nach der Befreiung konnte dank der faschistischen Aktion das Porträt des Königs von Italien im Rathaus von Bozen aufgehängt werden. Diese Regierung hat die Pflicht, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen und durchzusetzen, daß König und Nation respektiert werden. Ansonsten würde sich ganz Italien, von den Alpen bis zum Meer, gegen euch auflehnen.“

Die Besetzung des Rathauses dauerte einige Stunden. Giunta und De Stèfani forderten die Ernennung eines kommissarischen Verwalters für Bozen und die Auflösung des Gemeinderates. Auch in diesem Fall kapitulierten die italienischen Behörden vor den Faschisten: Credaro setzte den Gemeinderat von Bozen ab und ernannte Augusto Guerriero zum Kommissarischen Verwalter. Guerriero war damit der erste Amtsbürgermeister von Bozen. Er ordnete gleich nach seinem Amtsantritt an, die von den Faschisten besetzte Elisabethschule in Zukunft als italienische Schule zu führen.

Die Generalprobe für den Marsch auf Rom war gelungen. Mussolini kommentierte den Marsch auf Bozen in einer Rede am 4. Oktober:

„Kommen wir zu Bozen. Hier sind wir auf dem Boden italienischen Gesetzes und Rechtes. Wer hat diese geschützt? Der Faschismus! Wer hat die Italianität in einer Stadt durchgesetzt, die italienisch sein muß? Der Faschismus! Wer hat jenen Perathoner verbannt, der vier Jahre lang fünf italienische Regierungen in Schach gehalten hat? Wer hat den Italienern eine Schule, den Italienern eine Kirche, den Italienern des Alto Adige ein Gefühl von Würde gegeben? Der Faschismus! Wer hat die Büste des Königs im Bozner Rathaus aufgestellt? Der König hat es, als er in Bozen war, vergessen. Der Faschismus! Die Deutschen waren verwundert und erstaunt über die körperlich schöne und moralisch erhabene faschistische Jugend. Jene Deutschen, die widerrechtlich auf italienischem Territorium leben, fragen: ‘Was ist das für ein Italien?’ Wir antworten: ‘Es ist ein Italien von Qualität, Kraft und Energie, das sagt: ‘Am Brenner sind wir und bleiben wir!’ Wir wollen nicht nach Innsbruck, aber denkt ja nicht daran, daß Deutschland und Österreich je wieder nach Bozen zurückkehren können!’“

Und im „Popolo d’Italia“ schrieb er: „Die Methode, die man bei den Deutschen anwenden muß, ist die Methode der Gewalt [...]. Der Krieg brachte unsere politischen Grenzen an den Brenner, nun bringt der Faschismus euch Italien!“ Was das für die Zukunft hieß, machte das faschistische Südtiroler Blatt „Piccolo Posto“ gleich nach der Aktion von Bozen deutlich:

„Eine größere Arbeit steht uns bevor. Sie muß mit rascher Energie getan werden. Der Germanismus muß in den Seelen ausgetilgt werden, wie er auf den Gegenständen ausgetilgt wurde; dieses Gebiet muß italienisch werden, seine Bewohner müssen Italiener werden, damit hier alles italienisch ist und nur an Italien erinnert.“

Für diese Politik hatte ein Mann bereits die Vorarbeit geleistet: Ettore Tolomei.

1 Ausführliche Quellenangaben in meiner Darstellung: Südtirol im 20. Jahrhundert. Vom Leben und Überleben einer Minderheit, Innsbruck-Wien 1997, 19993.