Titel

Walter Grond

Mein

Tagtraum

Triest

Roman

Zitate

„In Trieste, ah Trieste ate I my liver.“

James Joyce

„In meinem tristen Triest

in meinem Trieste triste

das ich unmöglich lieben kann

aber auch nicht hassen.“

Ferruccio Fölkel

Tagträume

Lange Zeit schämte ich mich für meine Tagträume. In meinem Kopf war von allem zu viel vorhanden, und obwohl man mir ein lebhaftes Temperament nachsagte, glaubte ich von einer schweren Krankheit befallen zu sein. Ich war noch ein Kind, vielleicht acht oder neun Jahre alt, als ich mich von vorbeifahrenden Lastwägen magnetisch angezogen fühlte und wiederholt in die Räder von Lkws springen wollte. Da ich mich für schuldig hielt und fürchtete, bald sterben zu müssen, verschwieg ich meine inneren Zwänge.

Die Fernstraße, unweit derer ich aufwuchs, glich einem Schlachtfeld der Mobilität, auf dem fast täglich Verkehrsunfälle passierten. Lauschte ich an der Wohnzimmertür, hörte ich meinen Vater über die Toten auf der Straße reden, die ihn an seine Zeit als Sanitäter im Krieg erinnerten, und dann den Aufschrei meiner Mutter, die unglücklich über ihr Leben im Dorf war und unästhetische Dinge nicht ertragen konnte. Aber nicht die übermüdeten Lenker, die in ihren überfrachteten Autos zwischen Deutschland und dem Süden unterwegs waren, stellten die größte Gefahr für mich dar. Etwas in mir selbst zwang mich, in die Felgen der vorbeirollenden Lkws zu starren, in einen Zauberkreisel, der sich dreht und doch stillsteht und mich im nächsten Augenblick einsaugen und in die Hölle fahren lassen würde, oder, wie ich inzwischen vermute, in meine Mutter hinein, die lustlos neben mir herging und sich gegen meine hysterische Umklammerung wehrte.

Einmal stürzte ich kopfüber die Treppen hinunter, weil ich mir einbildete, meine Arme wären Schwingen, und ich würde fliegen. Was ich während des Sturzes empfand, ähnelte dem Schweben in meinen nächt­lichen Träumen, wenn ich über die Erde segelte und auf Städte, Dörfer, Felder und Wälder hinabschaute und irgendwo dort unten meine Mutter darüber klagen hörte, dass es meinen Vater, den Spross einer Triestiner Familie, ob der Nachkriegsnot in dieses steirische Bergdorf verschlagen, und dass ihr das launige Schicksal noch dazu so viele Kinder beschert hatte. Wie im nächtlichen Traum ließ das Energiefeld in meiner Körpermitte nach, sobald ich über das Fliegen nachzudenken begann, und ich trudelte zu Boden und schlug am Treppenabsatz auf.

Und doch, bei aller Gefahr, in die mich die Tagträume brachten, warfen sie vor allem einen schützenden Mantel um mich. Früh schon verstand ich es, meinen Körper gleichsam getrennt von mir einhergehen zu lassen. Ich galt als gehorsam und benahm mich unauffällig, um mich möglichst rasch in einen stillen Winkel zurückziehen zu können, lange Zeit in die Scheune über dem Hof, in der Holz und Kohle gelagert wurden, ein dunkles Loch mit Bretterverschlägen, durch deren Ritzen ich das Haus meiner Eltern beobachtete. Später im Klosterinternat waren es die Fensternischen mit den Schuhschränken, die wir Schüler als Sitzfläche nutzten, und von wo aus ich das Rosarium mit dem Barockbrunnen und der Goldfasan-Voliere überblickte.

Fahre ich heute mit dem Auto ziellos durch die Gegend, fühle ich mich an die Zugfahrten zurück ins Kloster erinnert, an das Abteil, in dem ich kauerte, und an den letzten Blick, den ich meinem Vater zuwarf. Mir kommt auch der Stiftsteich in den Sinn, ein großer Tümpel, mit Fichten und Sträuchern abgeschirmt, den ich gern zwischen den Studierstunden aufsuchte, mit seinen beiden Schwänen und dem Schotterweg rundum, den Parkbänken und dem fauligen Wasser, dem Algenteppich, dem kleinen Steg und dem lecken Boot, und nicht zu vergessen den Blutegeln, die sich an meiner Wade festsaugten, sobald ich den Fuß im Wasser baumeln ließ. Während ich zwischen den Baumwipfeln zu den Internatsfenstern hochblickte, verwandelten mich die kleinen Vampire mit jedem Tropfen, den sie mir raubten, in ein gläsernes Meerwesen.

Über all die Jahre blieb das Bett der sicherste Ort für das Tagträumen, ein Boot, das mich durch die Dunkelheit trug, nachdem meine Mutter das Licht aus­gemacht, oder mich später der Präfekt aus seinem Zimmer zurück in den Schlafsaal geschickt hatte.

Als mein Vater starb (ich war noch nicht sechzehn), richteten sich meine Tagträume auf Triest. Ich begann nämlich, die ferne Kindheit meines Vaters als mein Paradies zu erfinden und irrte in meinen Träumen durch die Welt, nur um einmal in Triest anzulangen und dort in die Arme einer himmlischen Frau zu sinken (so als würde mein Vater aus der Unterwelt zu meiner Mutter zurückkehren). Es begann stets am Wendepunkt einer Katastrophe, in der ich umzukommen drohte. Am Sonntagmorgen, wenn ich noch vor der Messe eine Stunde in meinen Illusionen verweilte, erlebte ich wieder und wieder, wie ich, von allen unverstanden und verstoßen, Entbehrungen und Einsamkeit auf mich nahm und am Ende doch glücklich in mein Triest heimkehrte. Meine Göttin, die mich dort empfing, nahm von Zeit zu Zeit ein anderes Gesicht an, war aber stets die Kopie einer Person, die tatsächlich existierte. Über lange Zeit hin liebte ich eine Schauspielerin, die mir auf dem Weg vom Kloster zum Bahnhof von einem Wahlplakat herab zugelächelt hatte. Sobald ich im Bett lag, imaginierte ich meine Irrfahrergeschichte in den verschiedensten Genres und Zeitaltern. Wie oft und in wie viel verschiedenen Kostümen die Schauspielerin ihre Lippen auf die meinen drückte!

Anlass für einen neuen Traum konnte ein Blickwechsel mit einer Unbekannten sein, manchmal genügte die Schilderung eines amourösen Abenteuers und ich war beseelt von der Vorstellung einer Frau als der Engel, der mich befreien und in Triest in meine Arme sinken würde. Während der Fernsehüber­tragung eines Skirennens verliebte ich mich in eine italienische Rennläuferin. Ich träumte, sie streiche mit ihren kräftigen Händen mein Haar aus der Stirn, der Schimmer in ihren Augen glich der Ruhe, die von den Fenstern romanischer Kirchen ausgeht. Ich schrieb ihr einen Brief, den ich in sieben Kartons verpackte und an ihre Autogrammadresse schickte. Monatelang wartete ich darauf, dass sie im Rosarium erschiene, von einer Menschentraube umringt, zu mir heraufeile und mich aus der Fensternische forthole.

Ich war siebzehn, als ich schließlich zum freiheitsliebenden Italiener wurde. Ich begann meine Erinnerungen an die Abende im Elternhaus, da über Triest gesprochen worden war, als mein wahres Dasein zu imaginieren und bildete mir ein, die Leute, die den Gastarbeitern Katzelmacher hinterherriefen, meinten damit mich. Es machte mich jetzt stolz, als Italiener diffamiert zu werden, als schäbiger Zeitgenosse, der heimische Frauen verführt, Kinder in die Welt setzt und sich dann aus dem Staub macht. Ja, ich hielt mich, je verzweifelter ich im Klosterinternat wurde, desto mehr für einen in die Fremde exilierten Triestiner. Ich blickte aus adriatischem Himmel auf alle hinunter, die uns Italiener als den sprichwörtlichen Feigling beschimpften, weil wir in beiden Welt­kriegen auf und davon gelaufen und den Österreichern in den Rücken gefallen wären (eine Behauptung, die damals von all meinen Freunden aus dem Mund ihrer Väter litaneienhaft wiederholt wurde).

Die Triestiner

An meinen Verwandten ist zwar überhaupt nichts Italienisches, aber damals, als mein Vater noch lebte und die Familie sich regelmäßig in meinem Elternhaus traf, bedeutete Triest für sie alle ein verlorenes Jenseits, eine goldene Zeit und zugleich ein Fegefeuer für begangene Sünden. An der Grandezza, die unsere Triestiner Verwandten zelebrierten, an ihrem großbürgerlichen Gestus und an der Gereiztheit, mit der sie auf Fragen nach der Herkunft unserer Großmutter reagierten, ermaß ich nun mein Triest. Nonna Zeeman, lange vor meiner Geburt verstorben, bedeutete für mich den Übergang zum Italienischen, die Vorstellung von Menschen, die vornehm, der Schönheit zugeneigt und unberechenbar sind.

Dass mein Vater, der in meinen Augen allseits beliebte Arzt, durchaus nicht von allen wertgeschätzt worden war, wäre mir nicht in den Sinn gekommen. Da er sich weniger prätentiös benommen hatte als seine Geschwister aus Graz (wohin unser Großvater im Mai 1915 geflüchtet war und wo das Familiengrab liegt), und ich nicht das Brachiale der Männer aus dem Dorf an ihm feststellte, hielt ich ihn für den Inbegriff von Souveränität. In meiner Erinnerung saß er ohne jede Herablassung mit Bauern und Arbeitern zusammen, schrieb uns Kindern nicht vor, mit wem wir Umgang zu pflegen hätten, verprügelte uns nicht und verkehrte endlos geduldig mit meiner Mutter, die ständig nervös oder deprimiert war. Ihm eilte der Ruf eines Samariters voraus, der Hilfsbedürftige kostenlos behandelte, mit Geld sorglos umging und nach einigen Gläsern Wein ironisch, Frauen gegenüber galant, und im Streit distinguiert wurde. Wenn wütend, verfiel er ins Triestinische und fluchte Wate fa frisa oder Vai malore, bestand darauf, dass in seinem Haus nach den Rezepten der Nonna Zeeman ge­gessen und daher Pasta fagioli und Letscho gekocht wurden, obskure Gerichte, die niemand im Dorf kannte, wenn ich von den Gastarbeitern absehe, die außerhalb in Baracken hausten, von allen gemieden. Unter den wortkargen und streitwütigen Männern im Dorf war mein Vater jedenfalls eine auffällige und, wie mir jetzt schien, mediterrane Erscheinung, und da Triest, Epizentrum seiner Familie, ein Ort an der Adria war, lag es für mich nahe, mich als Italiener zu empfinden.

An den Wochenenden waren die Triestiner Verwandten aus Graz häufig zu Besuch gekommen, dann hatte unsere Haushälterin einen üppigen Braten aufgetischt, und mein Vater italienischen Wein aus dem Keller geholt. Im Wohnzimmer, um den langen nussfurnierten Tisch, hatten die Erwachsenen im dichten Zigarettendunst bis spät in die Nacht gelacht. Dass ich, an der Tür lauschend, immer wieder Anspielungen auf einen ominösen Fleck in der Vergangenheit vernommen hatte, den anzusprechen mir übrigens meine Mutter strikt verbot, bestätigte nun für mich das Bild von Triest als einem sagenumwobenen Ort.

In meiner Erinnerung tuschelten die beiden Tanten, unser Großvater, Werftdirektor in Triest, wäre 1910 (also fünf Jahre vor seiner Flucht nach Graz) mit unserer Großmutter und den Kindern nach Görz übersiedelt und hätte so am Höhepunkt seiner Karriere zwischen Wohnort und Arbeitsstelle hin- und herpendeln müssen. Dabei hätte ihm der Kaiser ohne diese Geschichte das Adelsprädikat verliehen. Der Onkel lenkte seinen Groll auf die Stabilimento Tecnico Triestino, für die unser Großvater gearbeitet hatte, da die Herren im Aufsichtsrat ihn überaus ungerecht behandelt hätten. Und wenn dann ein allgemeines Lamento angestimmt wurde, erklärte mein Vater verschmitzt, immerhin sei nach dem Zusammenbruch der Monarchie sein Erbanteil von 80 000 Kronen, ein ansehnliches Vermögen im Habsburgerreich, Anfang der 1930er Jahre eine durchzechte Nacht in den Studentenkneipen Wiens wert gewesen.

Mein Tagtraum drehte sich also um das Mysterium unserer Familiengeschichte, deren größtes Geheimnis vielleicht nur darin bestand, dass etwas an ihr aus Gründen der Konvention geheim gehalten werden sollte. Mit den Jahren war das Unaussprechbare zum Beweis unserer Prädestiniertheit geworden, dies nährte meine Italianita noch zusätzlich, eine absurde Verkehrung, was die Ereignisse im Triest der unter­gehenden Donaumonarchie betrifft, das blinde Ver­klären von Einsamkeit und des fernen Glücks. Aber wenn ich auch die gesellschaftliche Rolle unseres Großvaters verkannte, das Unglück wie das Glück unserer Großmutter nicht ermaß, war ich doch wirklich stolz auf die beiden, und hing meine Sehnsucht mit einem außerordentlichen Zugang zur Welt zusammen, der zwischen Neigung zur Illusion und einem ausgeprägten Pragmatismus hin- und herschwankte. Das Zeemansche (und damit in meiner Phantasie das Italienische) trug das Unmögliche als Brandzeichen auf dünner Haut, war seinem Wesen nach eigen­willig, entdeckerfreudig und unkonventionell, kam hochtrabend daher, doch es mangelte ihm am wirklichen Willen zum Erfolg.

Ob das Zeemansche etwas Schicksalhaftes ist, ob ihm ein genetischer Code zugrunde liegt – ein hormonelles Programm, das periodisch hitzige Wallungen und ebenso heftige Abkühlung hervorruft – oder die Last einer Erziehung, die ihren eigenen Ansprüchen nicht gerecht wurde, ja ob es das Zeemansche überhaupt gibt, sei freilich mehr als dahin gestellt. Jedenfalls ließe sich als sympathisch daran bezeichnen, dass mein Vater und seine Geschwister zu einem gewissen Hochmut gegenüber Mächtigen und zur Freundlichkeit gegenüber Schwächeren neigten. Recht südliche Gestalten, die sie für mich waren, vor allem die schönen Cousinen mit den feinen Gesichtern und edlen Bewegungen, die Tanten mit ihren Sonnenschirmen und Hüten, kamen sie zu uns ins Dorf wie sie wohl in der Venezia Giulia zum Sonntagsbraten der Nonna Zeeman angereist wären, gut gekleidet und parfümiert, mit fein manikürten Fingernägeln, der Onkel mit Raulederhandschuhen und Hut. Dass auch die Frauen Zigaretten rauchten und Wein tranken, provozierte manch einen in unserem Dorf. Wann immer aber ein Zeeman das Wort ergriff, verdiente er Respekt, da sie alle ein elegantes Altösterreichisch sprachen, mit Triestiner Begriffen untermengt, was sie höflich und eben auch seltsam erscheinen ließ und zu Menschen machte, die das Paradies, aus dem sie vertrieben worden waren, gleichsam im Handgepäck überall hin mit sich führten.

Manchmal streiften ihre Gespräche exotische Sportarten wie Tennis und Badminton, sie hielten sich für gute Schwimmer, äußerten sich aber ansonsten skeptisch über körperliche Anstrengungen. Sie schätzten das Maßvolle, eher das Flanieren als das weite Wandern. Sie ergriffen für das Korrekte der altösterreichischen Welt das Wort, obwohl sie in vielem gedankenlos handelten, und wiesen in politischen Fragen jeden Fanatismus von sich. Stellten sie auch gern eine gewisse Strenge zur Schau, blinzelten sie doch schelmisch aus gutmütigen Augen, und zu­weilen schien ihnen die eigene Hybris peinlich.

Ein halbes Leben später erst begreife ich, dass auch mein Vater ein Schwankender wie alle Zeemans war. Wortgewandt verfocht er konservative Werte, und handelte doch liberal und tolerant. Ohne tiefgläubig zu sein, bekannte er sich zum christlichen Couleurwesen. An den Sonntagen, wenn meine Mutter längst schon auf der kalten Fußablage der Kirchenbank kniete, saß er genüsslich am Frühstückstisch und wartete, bis die Glocken die Wandlung einläuteten, eilte dann mit uns Kindern zur Kirche und schwindelte sich in die hinterste Bank. Da die Sonntagspflicht als erfüllt galt, wenn man der Messe von der Wandlung bis zum Schlusssegen beiwohnte, bediente er sich dieses Tricks und ersparte uns Kindern das Evangelium, die Fürbitten und vor allem die lange Predigt des Pfarrers, der uns mit seinen wüsten Drohungen ob der ewigen Verdammnis des Sünders Angst machte.

Mein Vater ging wohl davon aus, seine Kinder wären so wie er und würden daher erahnen, was er von uns erwartete. Er sprach nicht von oben herab mit uns, und doch oft wie von fern, das mag uns selbständig gemacht haben, aber eben auch haltlos. Und gerade weil er einen Mantel des Schweigens über die dunkelsten Ereignisse zu hüllen pflegte, vielleicht nur aus Rücksicht, oder wie meine Mutter erklärte, weil der gute Narr noch das Unrecht anderer auf seine Schultern lädt, hatte der ewig Freundliche etwas Un­zugängliches an sich, zwar ein offenes Ohr für unsere Sorgen, und war doch in sich zurückgezogen, rasch gekränkt, so nicht eintrat, was er erhofft hatte. So war er auf seine Weise gütig und eben auch indifferent.

Über die Gräuel des Kriegs habe ich aus seinem Mund nie ein Wort erfahren. Während die meisten im Dorf den Untergang des Dritten Reiches beklagten, erzählte mein Vater amüsiert, er habe damals mit seinen Couleurbrüdern auf dem Grazer Hauptplatz Gaudeamus igitur gesungen, und sobald die Schläger­trupps der SA auftauchten, seien alle in die verschiedenen Gassen davongerannt. In unserem Wohnzimmer hing eine gerahmte Urkunde an der Wand, die ihm Offiziere seiner Garnison 1943 verliehen hatten. Auf der bunten Zeichnung zielt ein mittelalterlicher Landsknecht auf eine Kuh, die eine Kugel auf der Zunge jongliert, während sich der Lauf der Büchse heillos verknotet. Gezeichnet mit dem Hakenkreuz gilt die Auszeichnung Dem Feldscher Dr. Zeeman für seine löbliche Kunst mit dem Schießeisen. In einer Gefechtspause war mein Vater dazu aufgefordert worden, an einem Wettschießen auf Judenpuppen teilzunehmen, und hatte sich, um dem barbarischen Akt zu ent­gehen, dumm angestellt, ungelenk in den Boden und in die Luft geschossen und damit den Spott der Waffen-SS geerntet.

Wir verehrten meinen Vater, aber ich weiß nicht, ob wir nur annähernd begriffen, was in ihm vorging. Die Zeemans tranken gerne Wein, und nicht selten über den Durst. Mit bere come un tedesco – trinken wie ein Deutscher – drücken Italiener ihre Verachtung gegenüber dem unmäßigen Umgang mit Alkohol aus. Zur Zeit unseres Großvaters dürfte es aber in Triest, auf gar österreichische Manier, ein recht gewöhnlicher Anblick gewesen sein, wenn Frauen und Männer durch die Straßen torkelten. Keine andere Hafenstadt Europas hatte damals einen ähnlich exzessiven Ruf. Nach einer gewissen Menge Wein jedenfalls ent­wickelten unsere Verwandten einen kauzigen Witz, und legten nach jedem Schwips eine besonnene Würde zu Tage, selbst wenn sie unter arger Übelkeit litten. Sie legten darauf Wert, nichts Verwerfliches zu tun. Ihr Familienstolz sah über kleine Untaten hinweg, reagierte auf Kompromittierendes, indem alle den Vorfall ignorierten. Nun, gleichsam nicht geschehen, wurde das Geschehene zum Geheimnis, über das zu flüstern wieder möglich wurde. Sie abstrahierten, was geschah, und milderten derart die Geschichte, entwickelten eine heimliche Vorliebe für das Un­gewöhnliche, wenn nicht gar für das Verbotene.

Es war schon seltsam, aber selbst der Onkel, der unter jedem Ungehorsam körperlich litt, eine penible Vorstellung von Ordnung und Zuverlässigkeit hatte und auf korruptes Verhalten mit Angina pectoris reagierte, war im Grunde ein beinahe großzügiger Zeitgenosse. Als würde sie letztendlich ver­missen, was in ihren Augen schändlich war, verstieß die Familie weder meinen Bruder, der sich während seines Studiums versoff, noch unsere Cousine, die nach der Trennung ihrer Eltern in einem, wie man munkelte, zu nahen Verhältnis mit ihrem Vater lebte. Es kokettierten alle mit der Sünde, nicht, weil sie keine Hoffnung auf Erlösung hegten, sondern weil sie das Besondere in sich verspürten.

Schließlich fand also in meiner Vorstellung vom Zeemanschen (und damit von Italien) alles Platz, was ich mir nicht erklären konnte, und ebenso alles, was ich mir wünschte, und festigte sich so zu einem Traum vom Triestinischen, das allen anderen Lebensweisen überlegen war. Ich bewunderte vor allem, wie mein Vater das Unvermeidliche schmunzelnd hinzunehmen pflegte. Ohnehin dürften die Zeemans Platoniker gewesen sein, wild in ihren Gedanken, aber eigentlich zahm, nicht auf den Mund gefallen und doch, wenn nicht Verlierer, dann wenigstens nicht Gewinner, weil ihnen die Geltungssucht von Kleinbürgern fehlte, und sie irgendwie aus der Zeit gefallen waren.

Ich erinnere mich, als uns mein Vater den Ort seiner Kindheit zeigte, tuckerte er mit seinem VW-Käfer durch die Straßen von Görz, suchte die Seegasse, Bürgerhäuser mit kleinen Vorgärten, und wies auf die schmiedeeisernen Zäune hin. Ich erinnere mich an einen Lebensmittelladen, vor dem Kisten mit Gemüse und Obst aufgetürmt waren, und an einen Zebrastreifen, vor dem kein Autofahrer Halt machte. Dann fuhren wir weiter nach Triest und schlenderten am Hafen auf und ab. Im Museum sahen wir das Modell eines Schlachtschiffes der k. u. k. Kriegsmarine, das mein Großvater gebaut hatte. Mein Vater war hier fremder als in unserem Dorf und konnte uns kaum etwas über die Venezia Giulia erzählen, doch seine Augen glänzten, und sein Blick auf den Golf versprach uns Außergewöhnliches.

Tagträume und Verletzungen

So wie ich mir mit meinem Traum von Triest den Wunsch nach Harmonie zu erfüllen versuchte, war freilich eben dieser Wunsch von Anfang an untrennbar mit den Kränkungen meiner Kindheit verbunden gewesen. In allem, vermute ich, ist der Wunsch nach Aufmerksamkeit ein Phantom, wie auch mein Triest ein Phantom ist, eine Art Berufung, von der Enzo Bettiza spricht, die doch mit einer Lüge begann, mit einem ständigen Berauschtsein, phantastischen Tagträumen.

Ich muss also, ehe ich vom Triest meines Großvaters zu erzählen beginne, zuerst von meinen Verletzungen sprechen. Meine Mutter war eine strenggläubige Katholikin, dem Pfarrer sehr ergeben. Als Volksschüler teilte ich mit einem Freund in unserem steirischen Dorf, die Leidenschaft für kleine Sammelfiguren, es war Anfang der 1960er Jahre. Wir kauften diese Figuren beim Bäcker, und zwar mit dem Geld, das wir als Ministranten verdienten. Fiel für den Sonntagsdienst ein Schilling ab, waren es für die tägliche Frühmesse zwei und gar sechs für ein Begräbnis, und beinahe hätte ich einmal bei einer Hochzeit zwanzig Schilling vom Brautvater erhalten, wäre da nicht der Pfarrer dazwischengetreten. Schließlich war ich Herr über die größte Sammlung von Indianer- und Cowboyfiguren. Und als dann der Schmuckdiebstahl aus der Schatulle meiner Mutter, mit dem alles Spätere seinen Lauf nahm, ans Tageslicht kam, glaubte der Dorf­pfarrer eine Erklärung für mein Geschick, mit dem ich die Figuren gesammelt hatte, gefunden zu haben.

Unter seiner Schweigepflicht hatte ich ihm im Beichtstuhl gestanden, einige Schmuckstücke im Schlafzimmer meiner Eltern entwendet und im Garten vergraben zu haben. Unsere Haushälterin, auf die ich den Verdacht lenkte, war eine Zeit lang das Opfer meiner Intrige, ich wusste, dass meine Mutter eifersüchtig auf sie war, weil sie meinem Vater in die Schuhe half und gern mit ihm eine Zigarette rauchte.

Mit den Gebeten, die mir der Pfarrer zur Buße für die begangene Sünde auftrug, war es dann nicht getan, denn er erzählte meiner Mutter von meinem Geständnis, und sie wiederum schickte mich zur Abstrafung zu meinem Vater. Der aber ging mit mir in den Wald, bis zu einem Felsvorsprung, von dem man das ganze Tal überblickt, und nahm mich liebevoll in die Arme. Nie werde ich die gütigen Züge in seinem Gesicht vergessen, als er mir erklärte, der Pfarrer habe unrecht gehandelt, und doch sei es keine Lösung, meine Mutter zu bestehlen, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Fast höflich fragte er mich nach dem Versteck und verlor danach nie wieder ein Wort über diese Angelegenheit.

Als mir meine Mutter zwei Jahre später mitteilte, ich würde bald ins Klosterinternat kommen, stellte ich mir darunter eine Wallfahrt vor, die sie mit mir unternehmen würde. Ich fühlte mich endlich beachtet, als sie mit mir im Stiftskeller zu Mittag aß, meinen Wäscheschrank im Internat einräumte, und dann mein Vater am Rosariums-Brunnen ein Foto von uns schoss. Dann verabschiedeten sich meine Eltern, und ich bekam wenig später vom Schlafsaalältesten eine Ohrfeige und den Wahlspruch der nächsten acht Jahre mitgeteilt: Was uns nicht umbringt, macht uns nur härter! Ein zitterndes Bürschchen wankte zum Speise­saal, unter dem sternenklaren Himmel jener Nacht, und versuchte aus einer riesigen Blechschüssel etwas auf seinen Teller zu hieven. Über viele Jahre hielt dieser Bursche es für ihn auferlegt, den als Kind begangenen Diebstahl im Internat abzubüßen. Ohne einen Bissen im Magen ging er in den Unterricht, weil er es nicht schaffte, sein Leintuch faltenlos zu streifen, weshalb der Präfekt die Matratze und das Bettzeug aus dem Fenster des dritten Stockwerks warf, und er während des Frühstücks den ganzen Pack wieder hochschleppen musste. Das Lineal schnalzte auf seine Finger, weil er während der Studierstunde Männchen gezeichnet anstatt Vokabeln gepaukt hatte, und im betonierten Duschraum unter dem Wasserstrahl einer der vierzig Brausen wartete er gehorsam, ob der Präfekt, der vor den Duschen auf und ab ging, ihn herauswinken würde.