Titel

Michael Forcher

Kleine

Geschichte

Tirols

Vorwort

Wie kurz kann und darf eine Darstellung der Geschichte Tirols sein? Schon öfter wurde der Wunsch nach einer „kleinen Geschichte“ unseres Landes an mich herangetragen. Schließlich reizte es mich, den Versuch zu wagen. Davor musste aber die Eingangsfrage beantwortet werden.

Die Anein­anderreihung einiger wichtiger Daten, Fakten und Namen hätte mich nicht interessiert, es wäre nur eine etwas längere Zeittafel herausgekommen. Und auf keinen Fall wollte ich auf die Einbeziehung von Kunst, Kultur und Geistesgeschichte verzichten, genauso wenig auf wirtschaftliche und soziale Entwicklungen. Denn diese Bereiche bedingen sich gegenseitig, stehen in enger Beziehung zueinander, Politik wird unverständlich ohne diesen Hintergrund, kulturelle Leistungen können nur auf der Grundlage politischer und wirtschaftlicher Gegebenheiten ge­würdigt werden. Und die maßgeblichen Persönlichkeiten sind davon geprägt. Ein weiteres Faktum der Ge­schichte und des kulturellen Lebens darf ebenfalls nicht weggekürzt werden, nur um möglichst rasch die Jahrtausende überfliegen zu können: das Verhältnis zu Nach­bar­re­gionen oder weiter ausgreifende Verbin­dungen der Herrschergeschlechter, gerade in Tirol war beides oft von entscheidender Bedeutung.

Wenn man dann noch davon ausgeht, dass man als Historiker natürlich Tirol in seinen alten Grenzen zwischen Kufstein und Salurn, ja in mancher Hinsicht sogar bis zum Gardasee sehen muss; dass eine historischen Darstellung wissenschaftlichen Grund­sätzen genügen muss, ihr Stil aber möglichst locker und leicht sein soll und aussagekräftige Details nicht fehlen dürfen; dass man komplizierte Zusammenhänge der geforderten Kürze zuliebe nicht allzu sehr vereinfachen kann, will man Geschichte und nicht Geschichtchen erzählen; dann sind die Probleme bald aufgezeigt, denen man sich als seriöser Autor einer „kleinen Geschichte Tirols“ gegen­über­sieht.

Und doch schien es mir möglich. Und so zog ich die Essenz aus meiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit der Geschichte meines Heimatlandes und dem daraus entstandenen Buch „Tirols Geschichte in Wort und Bild“, dessen Gliederung, Darstel­lungs­weise und Formulierungen sich bewährt haben und deshalb weitgehend die Grund­lage auch dieses neuen Büchleins bilden konnten.

Möge die Kürze des Textes, der sich in wenigen Stunden lesen lässt, vielen Tirolerinnen und Tirolern, geborenen und zugewanderten, die der Geschichte nicht viel Zeit widmen können, vielleicht auch Gästen unseres Landes einen ersten verlässlichen Überblick er­möglichen. Unser Land hat nicht nur eine wunderbare Natur- und Kulturlandschaft und viele hochrangige Kunstschätze zu bieten, sondern auch eine abwechslungsreiche und spannende Geschichte, die Land und Leute geformt hat.

Michael Forcher

Innsbruck, im Sommer 2006

Ötzi & Co.
Urgeschichte

Wann erstmals Menschen in die Ge­birgs­täler kamen, die Jahr­­tau­sende später zum Land Tirol zu­sammen­wuchsen, wissen wir nicht. Manche Forscher meinen, dies sei schon in einer Wärme­periode während der letzten Eis­zeit (um etwa 30.000 v. Chr.) ge­­schehen. Sicher ist, dass nach dem Rück­zug der Gletscher zuerst einzelne Jä­ger auf Streifzügen aus den Ebe­nen nördlich und südlich der Alpen ins Gebirge vorgedrungen sind. Bald kamen ganze Sippen zur Grün­dung kleiner Siedlungen.

Neueste Funde brachten den Nachweis, dass schon vor 8000 Jahren Menschen in unserem Raum ansässig waren. Etwas jünger sind die 1927 entdeckten Steinkistengräber von Eppan. Sie stammen aus der Zeit um 4500 v. Chr., die Forscher sprechen von der mittleren Jungsteinzeit. Damals kannten unsere Vorfahren bereits Ackerbau und Viehzucht.

Zur Revision der Chronologie menschlicher Siedlungstätigkeit in höheren Lagen führte der Fund einer durch Gletschereis mumifizierten Leiche aus der ausgehenden Stein­zeit am Haus­labjoch in den Ötztaler Alpen. Der Mann war mit Gerätschaften und Klei­dung hervorragend aus­gerüstet, so dass man den Beginn wirtschaft­licher Nutzung der Bergregionen früher als bisher ansetzen wird müssen. Der „Eismann“, volkstümlich „Ötzi“ genannt, starb vor mehr als 5000 Jahren.

Erste Zeugnisse gewerblicher Produktion und Handelstätigkeit stam­­­men aus der Tischofer Höhle bei Kufstein. Nicht nur Schmuck und Gebrauchs­gegenstände der frühen Bronzezeit (1800–1500 v. Chr.) wurden hier gefunden, sondern auch Einrichtungen zur Bron­ze­ver­arbeitung. Der damals einsetzende Kupferbergbau im Inntal (bei Schwaz) und auf der Kelchalpe bei Kitz­bühel erlangte bald überregionale Bedeutung, da Kupfer zur Her­stellung von Bronze benötigt wurde und deshalb in die Gebiete nördlich der Alpen verkauft wurde. Funde aus dem Wipptal lassen auch schon Kontakte über den Brenner hinweg erkennen.

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Ein Blick in die Urgeschichte – der „Ötzi“ im Bozner Museum.



Die Auswirkungen des Berg­segens zeigen sich in den reichen Grab­beigaben. Die vielen Funde von Kitzbühel über Hötting bis Ladis und im Silltal veranlassten die Forscher, den Begriff „Nordtiroler Urnenfelderkultur“ zu prägen. Was von den damaligen Siedlern süd­lich des Brenners er­halten ge­blieben ist, vor allem eigenständige Keramik, führte zur Ab­gren­zung einer Kulturgruppe, die nach ihren wichtigsten Fund­plätzen bei Brixen „Mellauner“ oder „Laugener Kultur“ genannt wird.

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Keramik mit der typischen Tupfen­leiste aus der frühen Bronzezeit (Tischofer Höhle bei Kufstein).



Um 1000 v. Chr. wurde die gegenseitige Beeinflussung der beiderseits des Al­pen­haupt­kamms lebenden Stämme immer stärker. Viel­­be­gangene Saumpfade wirkten wie eine Klammer. Schließlich kam es zur Verschmelzung des Raumes zwischen Gardasee und Bayerischen Voralpen, Engadin und Westkärnten zu einem einheitlichen Kultur­gebiet, das sowohl den Einflüssen der Hallstadtkultur, als auch dem Keltensturm der Zeit um 400 v. Chr. standhielt. Nach den Hauptfundorten in Nord­tirol und im Trentino sprechen die Urgeschichtler von der „Fritzens-Sanzeno-Kultur“, die sich in den Verzierungen der Fundgegenstände von der keltischen La-Tène-Kultur der umliegenden Regionen stark unter­scheidet. Zu welchem größeren Volk die Träger dieser Kul­tur gehörten, kann weder durch Funde noch durch Sprach-, Orts- und Flurnamen­for­schung stichhaltig geklärt wer­den. Es waren Bauern, Bergknappen, Hand­werker und Händ­ler, über deren Lebens­verhältnisse wir durch die Grabungen im „Himmelreich“ bei Volders im Unter­inntal informiert sind. Sie wohnten in Gebäuden, die an unsere teils ge­mauerten, teils in Blockbauweise errichteten Bauern­häuser erinnern.

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Rätische Kultfigur, gefunden auf der Parzinspitze bei Imst.



Zu einer politischen Vereinigung der Stämme des mittleren Alpenbereichs kam es nicht. Ihre friedliche Ent­wick­lung ging im Jahrhundert vor Christi Geburt zu Ende. Fol­gen­schwer war, dass die Römer nach den ersten Zusam­menstößen mit den Germanen die Nordgrenze ihres Reichs aus Gründen der Sicherheit gegen den Alpenhauptkamm hin vorschoben. Zu­gleich wur­den das Pustertal und das heutige Osttirol von dem mit Rom verbündeten keltischen Kö­nig­reich Noricum in Be­­­sitz genommen.

Da die Römer nun in engeren Kontakt mit den Be­­woh­nern der Alpentäler kamen, kennen wir die Namen einzelner Stäm­me. So wohnten um Reschen und Brenner die Venosten, Isarken, Breonen und Genaunen. Die antiken Autoren verwendeten für die Be­völ­kerung des zentralen Ostalpenraumes diverse Sammel­namen, am öftes­ten die Bezeichnung „Räter“. Die moderne For­schung hat diesen Namen für die Urbevölkerung Tirols übernommen.

Im ersten Licht der Geschichte
Römerzeit und frühes Mittelalter

Mit den Römern gelangte unser Raum erstmals ins Licht der Geschichte. Sie gaben sich nämlich mit der Kontrolle der Südseite der Alpen nicht zufrieden. Im Jahr 15 v. Chr. kam es zu einem mili­tärischen Vorstoß nach Norden, den Tiberius und Drusus, die Stief­söhne des Kaisers Augus­tus, anführten. Zwei Le­gio­nen marschierten über den Brenner ins Inntal und weiter über die Seefelder Senke. Der vereinzelt aufflammende Wider­stand der Einheimischen konnte rasch gebrochen werden. Die eroberten Alpen- und Voralpen­gebiete wurden zur Provinz Rätien zu­sammengefasst, die von der Donau bis zu den Tal­engen südlich des Alpen­haupt­kammes reichte. Die Talstufe der Töll bei Meran und die Klause unter Säben waren die Grenzstellen.

Das östlich an die neue römische Provinz grenzende Kö­nig­reich Noricum unterstellte sich zu­nächst der Ober­hoheit Roms, verlor aber bald die letzten Reste der Selbständigkeit und wurde unter Kaiser Claudius (41–54 n. Chr.) zur Provinz Nori­cum, die wie Rätien von der Donau über den Alpen­haupt­kamm nach Süden reichte. Die Grenze zwischen Rätien und Nori­cum verlief von der Mühl­bacher Gegend am Ausgang des Pustertals über die Jöcher ins Zillertal und dann wahrscheinlich weiter dem Inn entlang.

Rätien wurde von den Römern nie umfassend kolonisiert. Die Er­schlie­ßung beschränkte sich auf Militär­straßen, Kastelle, Wegstationen, Gutshöfe und Veteranen­siedlungen. Der Schwerpunkt der Provinz war das Alpenvorland, wo die Hauptstadt Augusta Vindelico­rum (heute Augsburg) lag. Im Gebiet des heutigen Tirol gab es nur eine römische Stadt, und zwar das in Noricum liegende Aguntum (bei Lienz). Dennoch wurde im Lauf der Jahrhunderte die rätische Urbevölkerung durch Handelsbezie­hun­gen, Militärdienst, Ver­waltung, Missionierung und persönliche Verbin­dungen weitgehend, wenn auch oberfläch­lich romanisiert. Ihre uns nicht bekannte Sprache wurde zum „Rätoromanischen“, das von den Ladinern in den Dolomitentälern heute noch gesprochen wird.

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Spätrömisches Relief (2. Jh. n. Chr.) aus Aguntum bei Lienz.



Über die untergehende Antike besitzen wir aus dem Raum Tirol keine verlässlichen Nach­richten. Im 4. Jahrhundert gaben die Römer das Alpenvorland auf, worauf die in die Berge füh­ren­den Täler mehrmals feindliche Ein­fälle erdulden mussten und z. B. Agun­tum innerhalb weniger Jahrzehnte zweimal verwüstet wurde. Die staatliche Autorität ging allmählich unter. Die von Odoaker und Theoderich in Italien ge­grün­deten Ger­ma­nenreiche (476–552) konnten nur eine lockere Oberhoheit über Roms Alpen­pro­vin­zen aufrecht erhalten. Immerhin blieb der in Verona residierende König Theoderich als sagenhafter „Dietrich von Bern“ im Bewusstsein der Bevölkerung lebendig. Ost­gotenkönig Witi­gis trat schließlich 536/37 große Teile Rätiens formell an die Franken ab.

Um die Mitte des 6. Jahrhunderts taucht in den Quellen ein neues Volk auf: die Baju­wa­ren oder Bayern. Wahrscheinlich entstand es aus dem Verschmelzen keltischer und anderer Ureinwohner, römischer Siedler und germanischer Splitter­gruppen, darunter die namensgebenden Bajovarii. Die Franken­könige schickten einen Herzog, unter dessen Führung sie ihr Sied­lungs­­gebiet gegen die von Osten kommenden Volks­scharen sicherten. An den südlichen Grenzen des fränkischen Einflussgebietes kämpften die Herzog Tassilo I. und Garibald II. im Eisack- und Etschtal erfolgreich gegen die Lan­gobarden und im Drautal gegen die Slawen (um 610 Niederlage bei Aguntum). Zugleich zogen immer mehr bajuwarische Sip­pen in die Alpentäler und brachten nicht nur bereits fruchtbaren Boden in ihren Besitz, sondern gewannen auch neues Kulturland. Dies geschah durchaus friedlich, ohne die romanisierte Urbevölkerung zu verdrängen.

Im 8. Jahrhundert war der größte Teil des späteren Tirol in der Hand der Bayernherzöge, die ihrerseits unter lockerer fränkischer Oberhoheit stan­den. Der Vinschgau dürfte zum frän­kischen Teil Rätiens (Hauptstadt Chur) gehört haben. Im Südosten hatten Slawen das Lienzer Becken und das Iseltal besiedelt. Das Gebiet unterhalb von Bozen gehörte den Lan­go­barden, die in Oberitalien ein Königreich gebildet hatten.

Nach der Absetzung des ihm zu mächtig gewordenen Herzogs Tassilo III. durch Karl den Großen wurde das baye­rische Stammesherzogtum 788 dem Fran­ken­­­reich einverleibt und in Graf­schaften eingeteilt. Auch in religiöser Hin­sicht vollzog sich eine Neu­orien­tierung nach Norden: Die Missio­nare kamen nicht mehr aus Italien, sondern aus Bayern. Das Bistum Säben, das seit dem späten 6. Jahrhundert historisch bezeugt ist und später nach Brixen verlegt wurde, gehörte jetzt zum neuen Kirchenbezirk Salzburg. Das Chris­tentum war schon zur Römerzeit in unserem Land heimisch geworden. Bischöfe residierten – soviel man heute sicher weiß – in Trient, Augsburg und Aguntum.

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Innichen erinnert als die älteste Klostergründung des Alttiroler Raumes noch heute an das frühe Mittelalter. Die romanische Stiftskirche stammt nicht aus Tassilos Zeiten, sondern aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.



Die ersten Klostergründungen in den Alpen­tälern hatten nicht nur geistig-kulturelle, sondern auch wirtschaft­liche und politische Be­deutung. 769 sorgte Herzog Tassilo III. für die Gründung des Klosters Innichen im öst­lichen Pus­ter­tal, das neben seiner Bedeutung für die Mis­sio­nierung der Nachbarn eine wichtige Macht­posi­tion an der von den slawischen Karan­tanen bedrohten Grenze war. 772 konnte Tassilo III. die Slawen zwar besiegen, doch blieb vorerst im Drautal der An­raser Bach bzw. die Talenge der „Lienzer Klause“ die Trennungslinie zwischen beiden Volks­stäm­men. Erst nach der Unterwer­fung der Karan­ta­nen durch Karl den Großen verlor die Grenze ihre ethnische Be­deutung, weil jetzt eine fried­liche Durchdrin­gung des nur schwach besiedelten slawischen Gebietes mit bajuwarischen Siedlern begann.

Wie das Land Tirol entstand
Die Bischöfe als Herren des Landes und Meinhard II.,
der Schöpfer Tirols

Als Passlandschaft zwischen Deutschland und Italien erlangten die Täler „im Gebirge“, wie man das Gebiet um Reschen und Brenner in den Urkunden des hohen Mittelalters zu bezeichnen pflegte, zu­nehmend politische Bedeutung. Nach dem Tod Karls des Großen (814 n. Chr.) und den Teilungsverträgen seiner Erben lag das heutige Tirol innerhalb der Grenzen des Ostfränkischen Reichs Ludwigs des Deutschen und seiner Nachfolger, das seit dem 11. Jahrhundert Deutsches Königreich genannt wurde. Als die ostfränkischen Könige die karolingische Reichs­­tra­dition wieder aufnahmen, Italien ge­wannen und 962 unter Otto I. die Kaiser­krö­nung in Rom erreichten, war es für sie besonders wichtig, ungehindert über die Alpen ziehen zu können und wäh­rend der monate-, oft jahrelangen Auf­ent­halte in Italien sichere Verbindungen zurück nach Deutsch­land zu haben. Die Wege nach Italien mussten in der Gewalt treuer Anhänger sein.

Nun war es aber im 10. Jahrhundert innerhalb des Ostfrän­ki­schen Reichs zur Aus­bil­dung von Stammesherzogtümern und zum Erstar­ken der herzoglichen Gewalt gekommen. Das Kern­gebiet des späteren Tirol gehörte zu Bayern, der Westen zum Her­zogtum Schwa­ben, das Lienzer Becken mit dem Iseltal zu dem von Bayern abgetrennten Her­zogtum Kärnten, Trient zur Mark Verona.

Auf die Treue der Herzöge konnten sich die Herrscher vielfach nicht verlassen, was umso schwerer wog, als deren Stel­lung und Besitz vererbt wurden. Vor allem bayerische und schwäbische Adels­sippen betrieben eine zielstrebige Politik der Konzentration von Besitz und Rechtstiteln und lagen oft im Streit mit König und Reich. Die Alpenpässe waren in ihren Händen ein wirkungsvolles Faust­pfand, immerhin führte mehr als die Hälfte aller Romzüge deutscher Könige über den Brenner. Zur Sicherung ihrer Politik lösten deshalb mehrere deutsche Könige bzw. (nach der Krönung in Rom) römisch-deutsche Kaiser im 11. Jahrhundert die wichtigsten Graf­schaften im Gebirge aus dem Machtbereich unverlässlicher Vasallen und übergaben sie den Bischöfen von Trient und Brixen, von deren Treue sie überzeugt sein konnten, wurden sie doch im Sinne des Reichskirchen­systems vom Herrscher eingesetzt und brauchten keine dynasti­schen Inter­essen zu verfolgen.

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Mit dieser Urkunde begann die Herauslösung des späteren Tirols aus dem Herzogtum Bayern: Kaiser Konrad II. übertrug am 7. Juni 1027 die Grafschaft Norital, die von Bozen über den Brenner bis ins Inntal reichte, dem Bischof von Brixen.



Zunächst übergab Heinrich II. im Jahr 1004 die den Weg aus den Alpen in die Poebene bewachende Grafschaft Trient dem dortigen Bischof. Als 1027 diese Belehnung durch Konrad II. bestätigt wurde, erhielt dieser dazu noch die nördlich angrenzenden Graf­schaften Bozen und Vinschgau. Die Grafschaft Norital, die von Bozen über den Brenner bis ins Inntal reichte, wurde gleichzeitig dem Brixner Bischof übertragen. 1091 erhielt dieser zudem die Grafschaft Pus­ter­tal. Grundschenkungen und die Ver­leihung königlicher Rechte er­gänzten die Macht­fülle der beiden Bischöfe.

Dass jetzt die Bischöfe von Trient und Brixen, die als Reichsfürsten unmittel­bar dem König bzw. Kaiser unter­standen, über das Gebiet vom Inntal bis zum Gardasee geboten, führte aber nicht zur gewünschten Herauslösung der ihnen verliehenen Grafschaften aus dem Herzogtum Bayern, denn sie übten die Herr­schaftsgewalt aus Rücksicht auf ihre kirchliche Würde nicht selbst aus, sondern gaben sie als Lehen an verschiedene, meist bayerische Adelige weiter, die als Grafen gleichzeitig die Schutz- oder Vogtei­gewalt über den weltlichen Besitz der Bi­schöfe erlangten, die Hochstifte, was weit­gehenden Einfluss bedeutete. Durch Ehe­schließungen, Erbschaften, Kaufverträge, aber auch durch blutige Fehden oder son­stige Gewalt­anwendung bemühten sie sich erfolgreich um die Festi­gung ihrer erb­lichen Position und Aus­dehnung ihrer Herrschaft.

Unter den Adelsdynastien an Inn, Etsch, Eisack und Rienz überflügelten zwei alle anderen. Die aussichtsreichste Stellung hatten zu­nächst die Grafen von Andechs inne. Sie be­saßen nicht nur das Unter­inntal (von Zirl bis zum Ziller) mit der von ihnen um 1180 ge­gründeten Stadt Inns­bruck und das Pustertal, sondern auch Grafschaften in Bayern, Fran­ken, Kärnten, Krain und an der Adria. Das Geschlecht starb jedoch 1248 aus. Glücklicher waren die vom Trienter Bischof im Vinschgau eingesetzten Grafen, die wahrscheinlich aus Kärnten stammten und sich nun nach ihrer Burg „von Tirol“ nannten. Neben dem Vinschgau begründete die Vogtei über das Hoch­stift Trient ihre Machtstellung. Den Tiroler Grafen gelang es nach und nach, die bischöflichen Graf­schaften um Reschen und Brenner in ihrer Hand zu vereinen. Graf Albert von Tirol, der Letzte seines Ge­schlechts, gewann durch weitblicken­de Heiratspolitik als Erbe der Andechser die Grafschaften Unterinntal und Pustertal. So kann das Jahr 1248 als Geburtsjahr Tirols bezeichnet werden, „weil die Klammer zwischen Inn und Etsch erstmals fest geknüpft war“, wie der Historiker Franz Huter es formulierte. Als Zeichen dafür, dass sich die weltliche Macht gegenüber der rechtlichen Oberhoheit der Kirchenfürsten durch­gesetzt hat, taucht jetzt in den Ur­kun­den die Bezeichnung „Herr­schaft des Grafen von Tirol“ auf.

Das von Graf Albert geschaffene Territorium überdauerte jedoch seinen Tod im Jahr 1253 vorerst nicht. Seine Tochter Elisabeth, deren erste Ehe die An­dechser Erbschaft eingebracht hatte, war in zweiter Ehe mit dem bayerischen Grafen Gebhard von Hirsch­berg vermählt; seine zweite Tochter Adelheid mit dem Grafen Meinhard III. von Görz. Als Graf Albert von Tirol starb, teilten sich die Gatten seiner Töchter das Erbe: Meinhard (in Tirol der I.) erhielt den südlichen, Gebhard den nördlichen Teil. Während so das nörd­liche Tirol wieder enger mit Bayern verbunden war, gehörte der Süden zu einem Herrschaftsverband, der auch die Görzer Gebiete in Friaul, in Istrien und im Herzogtum Kärnten umfasste. Neben der Stadt und der Burg Görz im östlichen Friaul war Lienz am Ausgang des Puster­­tals Hauptsitz der Görzer Grafen.

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Der „Meinhard­zwanziger“, die erste Münze mit einem Tiroler Adler, geprägt 1274.



Nach dem Tod Meinhards I. (1258) trat zunächst sein Sohn Mein­hard II. allein die Nach­folge in den görzischen Landen und in Tirol an, musste aber 1271 mit seinem Bruder Albert teilen, der Friaul und Istrien, das Pustertal, den Lurngau (mit Lienz) und die Kärnt­ner Herrschaften der Görzer erhielt. Meinhard II. verblieb das wichtigere Tirol. Er ging sofort an den Ausbau des Landes. Vom Hirschberger Grafen gewann er – als dessen Ehe kinderlos blieb – das Wipptal und das Inntal zurück. Die Ehe mit der Witwe des Hohenstaufen Konrad IV. sicherte ihm die in Westtirol liegenden staufischen Güter und Rechte und ermöglichte die Erwerbung des oberen Inntals und des Lechtals. Im Unter­inntal dehnte Meinhard seine Herrschaft über den Zillerfluss aus, da ihm der Bayern­herzog das Gericht Ratten­berg verpfändete. Eine jahrelange Auseinandersetzung mit den Bi­schöfen von Trient festigte den Besitz des Etschtales von Bozen bis zur Mündung des Avisio südlich von Salurn, wo damals die Sprachgrenze verlief.

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Im 16. Jahrhundert ent­standenes Phantasie­porträt Meinhards II. von Tirol-Görz. Er gilt als der Schöpfer des Landes Tirol.



Den Rechtstitel der Vogtei, der erblichen Schutzgewalt über die geistlichen Fürsten­tümer (Hochstifte) Brixen und Trient, benützte Meinhard II., die Bischöfe, eigentlich seine Lehensherren, völlig in seine Abhängigkeit zu bringen. Von der Einschleusung seiner Partei­gänger in die Domkapitel bis zu Rechtsbruch und Gewalt war ihm jedes Mittel recht, die weltliche Macht der Kirche zu schmälern. Unter Meinhard verloren die beiden geistlichen Reichsfürsten jegliche Chance, ihre Herrschafts­an­sprüche zur Gel­tung zu bringen. Zuletzt geboten sie nur mehr über ihre Residenzstädte und kleine – in Trient etwas größere – Land­flecken und Dörfer. Auch diese „Stiftsländer“ wurden durch Schutz­verträge an die landesfürstliche Macht gebunden. Später sollten Ver­träge über Wehrhoheit und Steuereinhebung dazu­kommen.

Neben der Abrundung des Territoriums und der Durchsetzung seines Machtanspruchs gegenüber den Bischöfen hatte Meinhard II. noch ein drittes Ziel, das er ebenso konsequent und skrupellos verfolgte und schließlich auch erreichte: die Vereinheitlichung all seiner Lehen, Vogteien, Ge­richtshoheiten und ande­rer Rechtstitel unter­schiedlicher Herkunft zur vollen landesfürstlichen Gewalt. Dieser Kon­zen­trationsprozess ging ­groß­teils auf Kosten der zahlreichen gräflichen oder edelfreien Adels­geschlechter, die der Landesfürst entmachtete und seiner Dienstbar­keit unterwarf.

Gleichzeitig schuf Meinhard eine einheitliche Ver­waltungsorga­nisa­tion für das ganze Land mit gut funktionierenden Zen­tral­stellen und einem Netz lokaler Gerichte und Ämter. Das Recht, eigene Münzen zu prägen, nahm Meinhard durch großzügige Auslegung der Vogtei­gewalt über das Hoch­stift Trient für sich in Anspruch, aber schon vorher hatte er das görzische Lienzer Münz­recht auf Meran übertragen. Die Aufzeichnung eines eigenen Landrechts schließlich galt als besonderes Kennzei­chen eines selbständigen Landes.

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Gab dem Land den Namen: Schloss Tirol bei Meran, hier auf einem alten Foto, aufgenommen um 1875 vor dem Wiederaufbau des frei­ste­hen­den Turms, der zum Wahrzeichen geworden ist.



Auf Grund all dieser Leistungen wird Meinhard II. der Schöpfer Tirols genannt. Tatsächlich taucht 1271 die Be­zeichnung „Herr­schaft Tirol“ auf. In anderen Urkunden wird das neu entstandene Territo­rium auch als „Graf­schaft“ oder als „Land“ bezeichnet. Der Tiroler Graf han­delte wie ein souveräner Fürst, schloss Frieden und er­klärte Kriege, ging Ver­träge mit anderen Herr­schern ein und schickte selbst zum Papst ei­­gene Gesandte.

Meinhard galt im Kreis der Fürsten als gleichberechtigt, obwohl seine Stel­lung im Reich relativ spät rechtlich aufgewertet wurde: Im Jahr 1282 bestätigte Kö­nig Rudolf von Habsburg auf dem Reichs­tag zu Ulm die Selbstän­dig­keit Tirols gegenüber Bayern und erhob Mein­­­hard II. we­nig später in den Reichsfürstenrang, indem er ihn als Dank für politische und militärische Unter­stüt­zung mit dem frei gewordenen Herzog­­tum Kärnten be­lehnte. Beide Fürsten knüpften auch verwandtschaftliche Bande: Ru­dolfs Sohn Albrecht I. heiratete Meinhards Tochter Elisabeth, die so­mit zur Stamm­mutter der Habsburgerdynastie wurde.

Meinhard II. von Tirol-Görz ist der Gründer des Zister­zien­serstifts Stams im Oberinntal, das er zur Be­gräb­nisstätte für sich und sein Ge­schlecht bestimmte. Die Geschichts­schreibung beurteilt ihn als weitblickenden „schöpferischen Fürsten“, auch wenn er – aus heutiger Sicht – oft mehr als bedenkliche Methoden anwandte.

Meinhards Söhne, die das Erbe ihres 1295 verstorbenen Vaters seinem Wunsch gemäß ungeteilt verwalteten, wur­den als Landes­fürs­ten be­zeich­net und von ihrem Vetter, dem habsburgischen König Albrecht I., mit der Zoll- und Straßenhoheit innerhalb der Grafschaft Tirol belehnt. Nach dem Tod der Brüder regierte Heinrich von Tirol-Görz ab 1310 allein, war aber nicht im­stande, das Le­benswerk seines Vaters zu festigen. Im Gegenteil, er verstrickte sich in aben­teuerliche Unter­nehmungen – so ließ er sich trotz aussichtsloser Position zum König von Böh­men krönen, trotzdem führte er den Titel König bis an sein Lebens­ende – und schwächte damit das Land Tirol, das keinen männlichen Erben hatte und von den damaligen „Großmächten“ im Reich, den Habs­burgern, den Wit­telsbachern und den Luxemburgern, heiß begehrt war.

Mit Heinrichs Tod im Jahr 1335 begann dann tatsächlich ein jahrelanger Kampf um Tirol.

Was der Kleine Mann geleistet hat
Wirtschaftsleben im frühen und hohen Mittelalter
Von der Freiheit der Bürger und der Bauern

Nach den Wirren der Völkerwanderungszeit nahm der Ver­kehr zu Fuß und zu Pferd über die Alpen allmählich wieder zu. Pilger, Kaufleute, Diplomaten, Fürsten mit Ge­­folge, Aben­teurer und Soldaten zo­gen durch das Land, das einmal Tirol werden sollte. Als die be­ste­henden Hospize für Rast und Unterkunft nicht mehr ausreichten, nützten die Bi­schöfe und Grafen, die über die Verkehrswege geboten, die Chance, aus dem Durch­zugsverkehr neben den Zoll- und Mautein­nahmen weiteren Ge­winn zu ziehen, und grün­de­ten an wichtigen Punk­ten Marktflecken, wo Hand­wer­ker und Fuhrleute für Hilfs­­­dienste bereitstanden. Mit Ausnahme von Trient und Brixen gehen alle Tiroler Städte auf solche Markt­grün­dungen zurück. Später wurden sie von Mauern umgeben und mit Stadt­rech­ten ausgezeichnet.

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In Glurns ist der für eine Stadtrechtsverleihung notwendige mittelalterliche Mauergürtel mit Toren und Wehrtürmen noch vollständig erhalten.



Die Bürger lebten von Handel und Gewer­be; für den Ei­gen­be­­darf be­trieben sie meist kleine Landwirt­schaften. An­sons­ten wurden die Städte von den nahen Landge­mein­den mit Lebens­mit­teln versorgt. Die jungen städtischen Gemein­wesen hatten den Zuzug tüchtiger Leute dringend notwendig. Wer sich in der Stadt niederließ, wurde deshalb nach einer gewissen Zeit gerne in den Bürger­stand aufgenommen. In den Genuss der bürgerlichen Freiheiten konnte selbst ein Leib­eigener kommen, wenn er sich ein Jahr lang („Jahr und Tag“) in der Stadt aufgehalten hatte.

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Siegel der Städte Meran und Hall (14. Jahr­hundert).



War ihre wirtschaftliche Funktion auch äußerst wichtig, so stellten die Stadtbewohner im Tirol des 13. und 14. Jahrhunderts zahlenmäßig doch eine verschwindende Minder­heit dar. Weit über 90 Prozent der Bevöl­kerung wohnten in Dörfern und lebten in erster Linie von der Landwirtschaft. Die Zahl der Höfe in den Haupttälern, auf Mittelgebirgs­terrassen und Schwemm­ke­geln hatte sich seit dem 7. Jahrhundert stetig vermehrt. In mehreren Wellen zogen bajuwarische Stammesgruppen ins Gebirge, wo sie Neu­land ro­deten oder sich in alten Dörfern neben der alteingesessenen Bevölkerung niederließen. Diese ge­riet bald in die Min­der­heit, nah­m Sprache und Ge­bräuche der Neuan­kömm­linge an und vermischte sich mit ihnen.

Obwohl nach dem Jahr 1000 nur mehr wenige Neusiedler einwanderten, nahm die Be­völ­kerung weiter zu, wuchs der Bedarf an landwirt­schaftlicher Nutzfläche. Im 12. Jahr­hundert wurden einzelne Höfe und ganze Siedlungen selbst in Hochtälern angelegt. Je höher aber am Berg gerodet wurde, desto problematischer wurde die landwirtschaft­liche Nutzung des neugewonnenen Grundes, weil selbst Roggen und Gerste nicht mehr ausreiften. Deshalb spezia­lisierte man sich in diesen Hoch­lagen auf die Viehhaltung. Solche Schwaig­­höfe gehörten in der Regel nicht den Bauern, die sie be­wirtschafteten. Der Grundherr stattete sie mit Kühen und Schafen aus und erhielt dafür als Zins jährlich eine entsprechende Menge Käse.

Auch andere Siedler bekamen ihren Hof nicht in Eigen­tum, sondern mussten einem Grund­herrn für die Nutzung Abgaben bezahlen. Nicht wenige waren überhaupt „Eigen­leute“, also Leib­eigene eines Adeligen oder eines Stifts. Zwar gab es in Tirol im Ver­gleich zu anderen Ländern relativ viele Bauern, die nicht nur persönlich frei waren, sondern auch eigenen Grund und Boden besaßen, dennoch waren sie in der Minderzahl. Der Großteil des nutzbaren Bodens gehörte dem Landesfürsten, verschiedenen Ade­ligen, Klöstern oder Ortskirchen. Die Güter waren an freie oder un­freie Bauern zur Nutzung „verliehen“, der dafür zu entrichtende jähr­liche Grundzins bestand meist in einer be­stimmten Menge an Naturalien und aus einer gewissen Ar­beits­verpflich­tung, der Fron.

Die Rechtsstellung der Bauern und ihr Abhängig­keitsverhältnis zur Grundherrschaft ver­­besserten sich laufend. Da die Grund­herren an der Er­schlie­ßung neuer Wirtschafts­flächen und damit vermehrten Ein­nahmen interessiert waren, gewährten sie Vorteile, wenn sich Sied­lern in Neuland vorwagten. Außerdem sollte der Konkur­renz der Städte entgegengewirkt werden, die Arbeitskräfte an­lockten. Schließlich war es auch einzusehen, dass ein Bauer besser wirtschaften würde, wenn er sich trotz gewisser Abgaben und Verpflich­tungen wie ein Besitzer fühlen und das Anwesen seinen Kindern vererben konnte. So setzte sich seit dem 13. Jahrhundert fast überall in Tirol das „Erbbau­recht“, die „freie Erbleihe“ durch. Praktisch kam ein Erb­lehen einem Eigentum gleich.

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Das älteste, ins 13. Jahr­hundert zurückreichende Güter- und Abgabever­zeichnis (Urbar) des Klosters Neustift bei Brixen.



Wenn die Tiroler Bauern später Meinhard II., den ersten Tiroler Landesfürsten, als ihren Gesetzgeber und Befreier feierten, so hatten sie damit nicht ganz Unrecht. Meinhard war der größte Grundbe­sitzer im Land und sorgte im eigenen Interesse für die persönliche und wirtschaftliche Sicherheit seiner „Bauleute“. Und das Beispiel des Landesfürsten wirkte sich auf Rechtsstellung und Besitzverhält­nisse des gesamten Tiroler Bauern­standes aus. Nur in den Gebieten, die damals noch nicht zu Tirol gehörten, vor allem im Nordtiroler Unterland und im Pustertal, ging die Ent­wick­lung langsamer vor sich. Wichtig für die soziale Lage des Bauern war auch, dass die Landes­fürsten das Recht der Grundherren auf eigene Gerichtsbarkeit zunehmend einschränk­ten bzw. abschafften. Der Bauer unter­stand in Rechtsfragen nur dem landesfürstlichen Richter. Vor Gericht war er seinem Grund­herrn gleich­ge­stellt. Der Bauer war kein Untertan sei­nes Grund­herrn; so etwas wie eine ade­­lige Dorf­obrigkeit konnte sich in Tirol nicht herausbilden.

Auch die ge­meinderecht­liche Organisation und die bäuerliche Selbstver­wal­tung gehen in ihren Anfän­gen ins 13. Jahrhundert zu­rück. Ein gewählter Dorf­meister hatte zusammen mit anderen Dorfbewoh­nern gewisse Ver­waltungs­auf­ga­ben zu erfüllen. Auf­zeichnun­gen des Gewohn­heitsrechts und zweckent­sprechende Regelungen ge­meinsamer Inter­essen wie Alm-, Weide- und Wald­nutzung, Bewäs­serung usw. zeugen von Gemein­schafts­­sinn und von der Fähig­keit und dem Willen zu „politischem“ Han­deln.

Von Malern und Minnesängern
Kunst und geistig-kulturelles Leben im frühen
und hohen Mittelalter

Tirol besitzt aus der frühesten Epoche seiner Geschichte, aus der bajuwarisch-langobar­disch-fränkischen Zeit, großartige Kunstdenkmäler, die in Europa ihresgleichen suchen. Gemeint sind die Fresken von St. Prokulus in Naturns im Vinsch­gau und die St.-Bene­dikt-Kirche in Mals. Sie stammen aus der Zeit um 800, wurden also vor oder in der Regierungszeit Karls des Großen geschaffen, der das bayerische Her­zogtum wieder fester mit dem Frankenreich verband. Der Vinschgau hatte zum fränkischen Chur­rätien ge­hört und von der Blüte der karolingischen Reichskunst profitiert. Die sehr einfachen Fres­ken in St. Prokulus sind älter und zeigen eine andere Malweise. Ge­schaffen wur­den sie wohl von einem Wander­maler, über dessen Herkunft man nichts weiß.

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Evange­listenfigur aus den Fresken von Marien­berg (um 1160).



Soweit sich die Kunstentwicklung in Tirol zu­rückverfolgen lässt, wird der Einfluss be­nachbarter Kulturräume deutlich, zeigt sich die Wechsel­wirkung zwischen West und Ost, zwischen süddeutschen und oberitalienischen Einflüssen. Diese überregionale Verflechtung ist typisch für das Passland im Herzen Europas. Als um 1150 der romanische Stil in Tirol einsetzte, waren – was die Bau­kunst betrifft – Maurer und Werkleute aus der Lombardei füh­rend. Sie verarbeiteten aber auch Stilelemente aus dem Norden. So galt beim Bau der Stifts­kirche von Innichen (1200–1250) der damalige Salz­burger Dom als Vorbild. Erst mit der beginnenden Gotik wurden die Ober­italiener allmählich von süddeutschen Meistern und Gesellen abgelöst.

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Ausschnitt aus dem romanische Freskenzyklus von Schloss Rodenegg mit Szenen aus der Iwein-Sage.



Ältestes Zeugnis romanischer Malerei in Tirol sind die um 1160 entstandenen Fres­ken in der Krypta von Marienberg. Beachtlich sind auch die Beispiele für die Freskomalerei der Zeit um 1200, deren wichtigste in der Kapelle von Hoch­eppan, in St. Jo­hann in Taufers und in der Lieb­frauen­kirche von Brixen, in St. Jakob in Kastelaz (Tramin) und in St. Jakob in Grissian zu finden sind. Es gibt An­klänge an schwäbische und Salzburger Traditionen, an Ravenna, an das byzantinische Vene­dig, aber auch durchaus eigenständige Elemente.

Im Schloss Rodenegg bei Brixen wurde 1972/73 ein profaner Fres­kenzyklus aus der Zeit um 1200 freigelegt, der ebenfalls auf weitreichende Beziehungen schließen lässt, und zwar stilistisch und inhaltlich. Immerhin wird ein literarisches Thema aus West­europa dargestellt, das zu der Zeit eine deutsche Fassung er­hielt, die keltisch-französische Iwein-Sage. Als Schöpfer dieses Zyklus gilt der Brixner Hof­ma­ler Hugo, der wahrscheinlich aus Süddeutschland stammte.

Das Kunstzentrum Salzburg, von wo immer wieder starke Impulse kamen, stand zeitweise unter dem Ein­fluss von Byzanz, was mit dem regen Kulturaustausch über den ­ Do­nauweg und Wien zu tun hat. Die byzantinischen Ele­mente der spätromanischen Fresken im Oberchor von St. Nikolaus bei Matrei in Ost­tirol (um 1270) sind jedoch einem anderen Umweg zu verdanken: Der damalige Bischof von Salzburg hatte in Padua studiert und dort die be­rühmte Buchmalerschule kennen und schätzen gelernt. Er berief später diese Künstler aus Padua in seine Residenz.

Wichtigste Kulturzentren im frühen und hohen Mittelalter waren neben den bischöf­lichen Residenzen die zum Teil sehr alten Klöster. Vierzehn von ihnen wurden vor 1300 gegründet. Die Ordensgemeinschaften standen stets in engem Kontakt zu ihren Mut­ter­klöstern außerhalb des Landes, übernahmen von ihnen kirchliche Reformgedanken und neue kulturelle Tendenzen, holten von dort so manche große Persönlichkeit als Abt, aber auch Lehrer, Künstler und einen Teil des eigenen Nachwuchses. So war ein ständiger geistiger Austausch möglich. Dies gilt auch für die Pfarren jener Diözesen, die von außerhalb nach Tirol hereinreichten, neben Salzburg waren dies Chur, Augsburg und Aquileia, um nur die wichtigsten zu nennen.

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Ein Meisterwerk romanischer Plastik ist das Portal der Kapelle von Schloss Tirol.



Von weltlicher Kulturpflege ist aus dem frühen Mittelalter nichts überliefert. Später trugen fahrende Sänger auf den Burgen der Adelsherren und ihrer Dienst­man­nen Lie­der und Epen vor und verbanden in eigenständigem Stil lo­kale Sagenstoffe mit Ge­schichte und Gestalten der germanischen Heldensage. Haupt­thema ist Diet­rich von Bern, also niemand anderer als der in Verona und später in Ravenna residierende Ostgotenkönig Theoderich. Kein Lokalkolorit kennt die gleichzeitige Kunstform des Minne­sangs, der sich auch in Tirol einige adelige Herren verschrieben hatten, u. a. Hartmann von Starkenberg, Fried­rich von Sonnenburg und Burggraf Heinrich von Lienz. Die Tiroler Minnesänger sind in der persönlichen Note ihrem großen Vorgänger Wal­ther von der Vogelweide (ca. 1170 bis 1228) sinn­verwandt. Dies gilt als Indizi da­für, dass dieser bedeutendste Lyriker des deutschen Mittel­alters aus Tirol stammt. Völlige Klar­heit um seinen Geburts­ort wird es wohl nie geben.