Titel

Bernhard Aichner

Leichenspiele

Ein Max-Broll-Krimi

Zitat

„Ein Freund, ein guter Freund,

das ist das Schönste was es gibt auf der Welt.

Ein Freund bleibt immer Freund,

und wenn die ganze Welt zusammenfällt.“

Eins

Die Flasche in seiner Hand.

Das Bier wie ein Wildbach durch seinen Hals. Ba­roni neben ihm, die Füße im Sand. Seit vier Monaten hat er ihn nicht gesehen, nicht mit ihm geredet, da war nur ein E-Mail vor sechs Wochen, sonst nichts. Kein Kontakt zu dem, was war, kein Wort, nur Sand und Wasser. Nur Meer und Max.

Seit vier Monaten sitzt er in seinem grünen Plastikstuhl. Seit vier Monaten isst er Reis mit Huhn, seit vier Monaten trinkt er nicht. Keinen Schluck, seit er aufgebrochen ist, seit er sich von Baroni verabschiedet hat.

Ich muss weg, hat er gesagt.

Bleib nicht zu lang, hat Baroni gesagt.

Thailand. Max wollte ihr Grab nicht mehr sehen, nicht jeden Tag daran erinnert werden, dass sie tot war. Hanni, seine Liebe, die Frau, mit der er leben wollte, die mit ihm alt werden hätte sollen im Friedhofswärter­haus, die Frau, mit der er Kinder wollte, die ihn geheiratet hätte. Hanni, die Frau, die ihn genommen hat, wie er war.

Max Broll, Totengräber, Gemeindearbeiter, Studienabbrecher, Faulenzer, Trinker, Träumer. Sie hat ihn geliebt. Er hat sie geliebt. Bis sie tot in seinen Armen lag, tot in einer Kiste verschwand, für immer verborgen unter der Erde, unten am Friedhof, vor seinen Augen. Jeden Tag ihr Grab, das ihm weh tat, ihr Name auf dem Holzkreuz, ihr Name in seinem Kopf, ihr Lachen, ihre Hände, ihre Haut, ihre Stimme. Max wollte sie nicht mehr hören.

Er wollte weg, er wollte vergessen, was war, er wollte ein Leben ohne sie, ohne die Liebe, die er endlich gefunden hatte. Er wollte nicht mehr daran denken, an dieses Leben, das sie gemeinsam hätten haben können, an das Glück zu zweit. Hanni war einfach nicht mehr da. Da war nichts mehr von ihr. Keine Bewegung, kein Satz, kein Wort.

Hanni Polzer war tot. Für immer.

Ein halbes Jahr lang schlief er ein mit Tränen, nichts machte es besser, Baroni nicht, Tilda nicht. Seine Stiefmutter, die sich liebevoll um ihn kümmerte, die ihn zurückholen wollte in die Welt, die ihm seine Tränen nehmen wollte. Tilda Broll, die zweite Frau seines verstorbenen Vaters. So sehr sie es auch versuchte, sie konnte ihm nicht helfen, es nicht wieder gutmachen, Hanni nicht zurückbringen. All ihre Bemühungen waren umsonst. Seine Tränen gingen nicht weg, sie kamen immer wieder, von unten nach oben, heraus aus ihm, sie taten weh, immer, jede Stunde, in der sie nicht da war, nicht zurückkam, Hanni.

Auch Baroni konnte nicht helfen. Auch der Alkohol nicht, die Räusche, in die er sich flüchtete, die stunden­langen Gespräche mit seinem Freund auf der Dachterrasse, die vielen aufmunternden Worte, Baronis Scherze, seine Schulter, die immer für ihn da war. Max wollte allein sein.

Nach sechs Monaten sprach er mit dem Bürgermeister und bat ihn um eine Auszeit. Er zeigte dem Totengräber aus der Nachbargemeinde, was auf seinem Friedhof zu tun war. Max wollte weg. Er ließ seine Gräber allein, die liebevoll mit Kies bedeckten Wege, die alten, in Schwarz gehüllten Damen, die jeden Tag für Stunden über den Friedhof irrten, die Kerzen, die jeden Tag brannten für die, die nicht mehr da waren.

Weit weg, hat er gesagt und Baroni umarmt. Dann ist er geflogen. Nach Bangkok.

Drei Tage blieb er dort, dann flüchtete er in der Stille. Keine Autos, keine Straßen, keine Verpflichtungen, nur er. Im Zug Richtung Süden. Dann weiter nach Ranong und im Boot auf die Insel. Koh Chang, ein Strand mit Holzhütten, kein Lärm, keine Geschäfte, nichts. Nur einfache Restaurants und Hütten, eine Hängematte, ein grüner Plastikstuhl, vierundzwanzig Stunden Meerblick. Und Max.

Ohne Telefon, allein. Nur alle paar Wochen fuhr er zurück aufs Festland, setzte sich in ein Internetcafé und gab ein Lebenszeichen. Was zuhause passierte, wollte er nicht wissen, er wollte mit sich sein, er wollte, dass es aufhörte weh zu tun, dass ihn der Schmerz in Ruhe ließ, seine Erinnerungen, er wollte sich verabschieden von ihnen, sie aus seinem Kopf reißen, er wollte sie loswerden, sie behalten, er wusste nicht mehr, was er wollte.

Vier Monate saß er auf seiner Insel und schaute der Sonne zu. Wie sie aufging, unterging. Wie sie es wieder hell machte in ihm, wie sie ihm die Tränen nahm. Stück für Stück. Wie das Leben langsam wieder in ihn zurückfand. Wie er den Himmel anstarrte, die Wolken. Wie der Regen kam jeden Nachmittag für eine halbe Stunde, und wie er wieder ging. Wie sich der Himmel veränderte, wie schön die Wolken waren. Der Sand war warm unter seinen Füßen, die Sonne tat so gut. Das Wasser. Und Baronis Stimme, die plötzlich einfach da war. Hinter ihm. Neben ihm. Wie sie sich umarmten irgendwo in Thailand. Minutenlang, zwei Freunde am Strand. Wie Baroni einen zweiten Plastiksessel in den Sand drückte und sich zu ihm setzte.

– Wie hast du mich gefunden?

– War nicht allzu schwer, die Insel ist ja nicht besonders groß. Außerdem kennt man dich hier. Der Mann auf dem Boot hat mich direkt hierher gebracht.

– Was machst du hier?

– Das wollte ich dich fragen. Das ist das Ende der Welt hier.

– Ich schau mir den Himmel an.

– Na dann schau ich mal eine Runde mit.

– Ach, Baroni, schön, dass du da bist.

– Es schaut so aus, als würde es dir gutgehen.

– Ja. Besser. Viel besser.

– Das ist gut, Max. Das ist sehr gut.

– Es ist wirklich wunderschön hier.

– Ja, ist es.

– Und zuhause?

– Wir haben uns um ihr Grab gekümmert.

– Danke.

– Tilda sagt, ich soll dich zurückbringen.

– Wie geht es ihr?

– Sie vermisst dich.

– Ich weiß.

– Es ist viel passiert, seit du weg bist.

– Siehst du, wie sich der Himmel verfärbt?

– Die Sonne geht unter, ja.

– Das ist wunderschön, Baroni.

– Zuhause geht die Sonne auch unter.

– Das ist etwas anderes. Da sind die Berge dazwischen, das ist nicht dasselbe.

– Sonne ist Sonne.

– Nein, nein, nein. Diese Sonne hier macht mich glücklich.

– Darauf sollten wir trinken, Max.

– Nein.

– Dann trinken wir eben auf das Meer, oder auf unser Wiedersehen.

– Ich trinke nicht mehr.

– Was tust du?

– Kein Alkohol seit vier Monaten.

– Ich dachte, es geht dir besser?

– Ich brauche das nicht mehr.

– Blödsinn.

– Ehrlich, es hat mir gutgetan, darauf zu verzichten.

– Aber irgendwann reicht es, oder? Wir trinken jetzt ein schönes, kaltes Bier zusammen.

– Du kannst ja saufen, wenn du willst.

– Jetzt übertreibe es nicht, Max, vier Monate, das ist eine halbe Ewigkeit.

– Würde dir auch guttun, mal ein bisschen kürzerzutreten.

– Wirst du jetzt zum Heiligen, weil du hier stundenlang in den Himmel starrst, oder was?

– Besauf dich, wenn du willst, aber lass mich bitte in Ruhe.

– Max?

– Was?

– Kommst du mit?

– Wohin?

– Zurück.

– Warum?

– Warum nicht?

– Weil man der Sonne hier zuschauen kann, wie sie ins Wasser fällt. Weil man hier keine Schuhe braucht. Weil ich mein altes Leben nicht vermisse, Baroni, hier geht es mir gut, verstehst du? Es tut nicht mehr weh, ich muss nicht mehr Tag und Nacht an sie denken.

– Bitte, Max.

– Was ist los mit dir?

– Du musst mit mir mitkommen.

– Nichts muss ich.

– Doch, Max, du musst. Ich brauche dich.

– Ich will jetzt sofort wissen, was los ist.

– Ich sagte doch, es ist viel passiert in den letzten vier Monaten.

– Was, Baroni?

– Ich kann nicht mehr.

– Was kannst du nicht mehr?

– Ich bin pleite, Max.

– Was bist du?

– Pleite, bankrott, kein Geld mehr, alles weg.

– Was redest du da? Das kann nicht sein.

– Doch, Max, es ist alles weg.

– Was, alles?

– Die Wohnungen in Wien, die Wertpapiere, da ist kein Euro mehr auf meinem Konto, das Haus gehört der Bank. Steuerschulden, die machen mich fertig, Max.

– Nein.

– Die wollen mir das Haus nehmen.

– Scheißdreck, Baroni.

– Mehr als das, Max.

– Und La Ortega?

– Die ist weg. Sobald sie gemerkt hat, dass ich nichts mehr habe, ist sie auf und davon.

– Das war die große Liebe, was?

– Das ist jetzt mein kleinstes Problem, Max. Ich bin am Ende. Weiter nach unten geht’s nicht. Ich habe es versaut, ich kann nicht mehr zurück, verstehst du? Mein altes Leben gibt es nicht mehr, es ist nichts mehr übrig, ich bin im Arsch, Max.

– Du holst uns jetzt Bier, und dann erzählst du mir alles.

Nebeneinander in Thailand. Baroni und Max.

Wie das kalte Bier in ihren Bäuchen ankommt, wie Baroni zusammenbricht. Der ehemalige Fußballstar, der Torschützenkönig, der erfolgreiche Legionär, der Mann mit der Designervilla im Dorf, Max’ Nachbar und Freund seit fünf Jahren. Er erzählt, wie es kam. Wie sein Vermögen immer weniger wurde, wie er es verspielt hat.

Wetten und Pokern. Baroni beichtet, geknickt und kleinlaut erzählt er, wie das Kartenhaus einzustürzen begann vor drei Monaten, wie ein Stein nach dem anderen ins Rollen kam. Wie er sich immer noch tiefer ins Unglück ritt, wie er alles wieder gutmachen wollte und einsetzte, was er noch besaß. Möbel, Fernseher, Auto. Er hat alles verspielt, immer weiter verloren.

Bis nichts mehr da war, sagt er.

Für das Flugticket hat er die goldenen Manschettenknöpfe seines Vaters versetzt.

Ich kann nicht mehr, sagt er. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, wo ich hin soll.

Du musst mir helfen, sagt er.

Was kann ich tun, fragt Max.

Baroni weiß es nicht. Er schüttelt nur den Kopf und beantwortet eine Frage nach der anderen. Er erzählt, dass sich die Boulevardmedien auf ihn gestürzt haben, dass sie ihn vorgeführt haben, dass sie sich die Mäuler zerreißen über ihn.

Fußballstar in Nöten. Der Zockerkönig. Der Fall des Johann B., Baronis Absturz. Baronis Ende.

Max trinkt. Lange, stille Schlucke. Der vertraute Geschmack wieder in seinem Mund. Sein Freund neben ihm. Er kann kaum glauben, dass Baroni am Boden liegt, dass sie ihn angezählt haben. Die ganze Welt war überzeugt davon gewesen, dass Baroni in seinem Leben nie wieder hätte arbeiten müssen, er war einer, der es geschafft hat, einer, den man beneidet. Dass Baroni ein Spieler ist, dass er alles, was er besaß, einfach ver­loren hat, das ist unvorstellbar.

Wie er jetzt dasitzt. Wie klein er ist. Wie sehr sich Max freut, ihn zu sehen. Und wie leid er ihm tut. Sein Freund, der alles für ihn getan hat vor knapp einem Jahr. Baroni. Wie verzweifelt er ist, wie er nach Hilfe schreit, fast lautlos, beschämt.

Thailand. Stundenlang in den grünen Sesseln, stundenlang im Paradies, verzweifelt, ohnmächtig.

Max trinkt. Er spürt die vertraute Welle, die ihn überschwemmt, die Leichtigkeit, den Alkohol, der den Himmel noch schöner macht. Die kleinen roten Wolken. Wie es dunkel wird. Wie der Sand schwarz wird vor ihnen, wie das Wasser kommt und geht. Im Hintergrund Musik. Wenn das Unglück nicht aus Baronis Mund kommen würde, wäre das Leben endlich wieder gut. Tränen, die gehen, Freundschaft, die kommt. Max und Baroni. Sein Mund. Wie er sich bewegt, wie er immer weiter erzählt, alles, was passiert ist, wie Max nicht aufhört zu trinken. Bier, Chang. Der grüne Elefant auf dem Etikett. Er überlegt nicht. Er hat es längst beschlossen, er wird mit ihm kommen, er wird mit Ba­roni zurückfliegen. Er wird für ihn da sein. Egal wie, egal wie lange. Egal, was kommt. Er ist es ihm schuldig.

– Mach dir keine Sorgen, Baroni.

– Doch, Max, ich mach mir Sorgen.

– Das bekommen wir schon hin, irgendwie schaffen wir das.

– Ich gehe unter, Max.

– Du kannst schwimmen, mein Freund.

– Es tut mir so leid. Dass ich hier bin. Dass ich dir zur Last falle.

– Spinnst du?

– Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Es wurde immer schlimmer.

– Ich komme mit dir zurück, und dann lösen wir dein Problem.

– Wie?

– Weiß ich noch nicht.

– Danke, Max.

– Weinst du?

– Nein.

– Doch, du weinst.

– Nein, ich habe nur Hunger.

– Und wenn du Hunger hast, weinst du?

– Das wird nicht wieder, Max. Ich habe übertrieben, ich habe alles kaputtgemacht, Max.

– Uns fällt schon etwas ein.

– Ich glaube nicht an Wunder, Max.

– Du wirst wohl wieder arbeiten müssen.

– Ich bin die Witzfigur der Nation, die wollen alle nichts mehr von mir wissen.

– Du wirst das erste Mal richtig arbeiten müssen.

– Ich bin Fußballer, Max.

– Du könntest Trainer werden.

– Zu spät. Keine Lizenz, keine Erfahrung. Mich will niemand, glaub mir.

– Kommentator?

– Glaubst du, die wollen den Zocker im Fernsehen, den Pleitenkönig?

– Was kannst du noch?

– Nichts.

– Blödsinn.

– Mein Ruf ist im Arsch. Du kannst dir nicht vorstellen, was die mit mir gemacht haben in den letzten Monaten. Die haben alles ausgepackt, was ich falsch gemacht habe in den vergangenen zwanzig Jahren.

– Und da ist einiges zusammengekommen, was?

– Das ist nicht witzig, Max.

– Tut mir leid.

– Vielleicht ist es am besten, wenn wir in Thailand bleiben. Der Himmel ist wirklich wunderschön hier.

– Ich wüsste da etwas.

– Ich werde keine Leichen vergraben, Max.

– Das meine ich nicht.

– Was dann?

– Viel besser.

– Was?

– Hannis Stand. Du kannst die Würstelbude haben. Ab nächster Woche bist du der neue Pächter, wenn du willst. Für umsonst.

– Bist du blöd, oder was?

– Ich meine es ernst, das ist die Lösung.

– Die viele Sonne hat dir nicht gutgetan. Ich verkaufe doch diesen Dorfproleten keine Würste. Nicht in hundert Jahren.

– Warum denn nicht?

– Weil ich Fußballer bin.

– Das ist ja das Problem, Baroni.

– Das kann nicht dein Ernst sein, Max.

– Doch, der Stand gehört mir, du kannst damit machen, was du willst. Einer kann gut davon leben.

– Das ist doch völlig schwachsinnig.

– Hanni würde es gut finden, wenn du für sie weitermachst.

– Ach, das bringt doch nichts, Max.

– Für Hanni hat’s gereicht.

– Das kann ich nicht, Max.

– Dann gib dein Haus auf und hör auf zu jammern.

– Niemals.

– Dann wird dir wohl nichts anderes übrigbleiben.

Es ist Nacht am Strand. Max ist vor Baroni auf und ab gegangen, er hat fieberhaft überlegt, welche Alternativen er ihm noch vorschlagen könnte, wie er ihm helfen könnte, was er für ihn tun könnte, aber es bleibt nichts. Baroni will im Dorf bleiben, er muss, seine Wohnung in Wien gibt es nicht mehr, und seine Ex-Frau wird ihn auch nicht aufnehmen. Auch sie hat bereits angeklopft, sagt er, sie hat Angst um die monatliche Überweisung für die Kinder, sie verteufelt ihn. Noch mehr als sonst.

Baroni und Max. Wie sie sich auf die kleine Terrasse vor Max’ Bungalow setzen und essen. Verzweifelt der Reis in Baronis Mund und der Duft von Würsten in seinem Kopf. Er ist in die stille Welt von Max eingebrochen, mit schwerer Stimme bringt er die Wirklichkeit zurück, er drückt Max die Schuhe in die Hand. Seit vier Monaten ist er barfuß, seit vier Monaten ist da nur Ebbe und Flut, kleine Wellen, große Wellen, Geckos in der Nacht. Nichts sonst.

Während Baroni den Reis hinunterschlingt, verabschiedet sich Max. Von den schäbigen Holztischen, von seiner Hütte, von seinem Plastikstuhl, von dem Blick auf das Meer, der so guttut, der ihn aus dem Loch holte, in dem er sich verkrochen hatte. Bald werden sie in einem Flugzeug sitzen, bald wird er in Schuhen über Asphalt gehen, er wird seine Wohnungstüre aufsperren. Er wird Tilda wiedersehen, sein altes Leben wiederhaben, seine Arbeit, seine Schaufel, er wird Gräber ausheben, Hecken schneiden, er wird Blumen auf Hannis Grab legen. Er wird weiterleben. Ohne sie. Und er wird versuchen, ein guter Freund zu sein.

Zwischen Strand und Wirklichkeit. Irgendwo unter Palmen.

Max und Baroni.

Du musst das nicht tun, sagt er.

Doch, ich muss, sagt Max.

Zwei

Es war schlimmer, als Max gedacht hatte. Viel schlimmer.

Da war nichts mehr. Baronis Haus war leer, keine Möbel, keine Couch, kein Bett, nur eine alte Matratze am Boden. Einsame Marmorböden, die Designervilla war am Ende, Baronis Zuhause hatte begonnen sich aufzulösen. Baroni schämte sich, nur ungern ließ er Max Zeuge seines Untergangs werden. Widerwillig sperrte er die Tür auf, und Max schob ihn in den Fahrstuhl. Mit dem Lift nach oben in das ehemalige Reich des Fußballhelden, durch die schwere Eichentür in die Wirklichkeit.

Sie hatten noch vier Tage am Strand verbracht, dann sind sie aufgebrochen, Max voller Zuversicht, Baroni kleinlaut und verzweifelt. Dass Baroni Hilfe brauchte, kam Max gerade recht, dass er in seinem leeren Zimmer stand und ihn mit fragenden Augen anstarrte. Max hatte jetzt eine Aufgabe, es hatte ihm die Rückkehr erleichtert. Baronis Abstieg war ein guter Grund, mit dem Leben, so wie es gewesen war, einfach weiterzumachen. Wenn Baroni nicht gekommen wäre, wäre er noch geblieben, länger, er hätte Tilda nicht wiedergesehen, zumindest nicht so schnell. Er hätte auf ihre warme Umarmung noch länger warten müssen, auf ihr Lachen, auf ihr Herz, das laut war in jedem Wort und ihm sagte, dass es immer für ihn da war. Max hätte sich noch länger verkrochen, sich in Thailand versteckt, er hätte sich weiter seinem Schmerz hingegeben, hätte die Gedanken an Hanni, die mit jedem Tag kleiner wurden, immer wieder zum Leben erweckt. Er hätte die Erinnerungen immer wieder von unten nach oben geholt, er hätte mit ihnen weitergelebt, anstatt mit Tilda und Baroni, dort, wo er zuhause war. Dank seinem Freund flog er zurück.

Vor fünf Stunden kamen sie an. Tilda war am Flughafen, das Friedhofswärterhaus wartete auf ihn, seine Terrasse, seine Wohnung im ersten Stock, alles, was er zurückgelassen hatte. Jetzt ist es wieder da. Max Broll ist zurück. Der Totengräber. Er übernimmt wieder seine Aufgaben, er wird wieder Löcher graben, er wird den Friedhof in Ordnung halten und er wird in der Sauna schwitzen. Er hat die kleine Blocksauna vermisst, seine Oase im Friedhofsgarten. Vier Monate lang kein Aufguss, vier Monate lang keine Saunarunde, kein Dorftratsch, vier Monate war er allein in Gedanken.

Jetzt nicht mehr.

Sie gehen über den Dorfplatz.

Max wird Baroni davon überzeugen. Von dem Stand. Hanni Polzers Würstelstand, seit knapp einem Jahr ist er verwaist. Hannis Arbeitsplatz, ihr kleines, bescheidenes Reich, von dem Baroni immer noch nichts wissen will.

– Nein, Max.

– Wir schauen uns das jetzt gemeinsam an.

– Nein und noch hundertmal nein. Wie oft denn noch?

– Entweder du gehst jetzt mit mir, oder ich fliege wieder zurück zu meinem Strand.

– Das muss wirklich nicht sein, Max.

– Doch, Baroni, muss es. Und jetzt keine Widerrede mehr.

– Wenn du unbedingt willst. Aber das bringt nichts, ich kann dir das noch hundertmal sagen.

– Jetzt rechne doch mal, Baroni.

– Was denn?

– Im Moment verdienst du gar nichts. Du kannst ja nicht mal mehr die Betriebskosten für das Haus bezahlen. Wie stellst du dir das eigentlich vor?

– Irgendetwas fällt mir schon ein.

– Gar nichts fällt dir ein, sonst wäre ich jetzt nicht hier.

– Mit dem Stand verdient man doch nichts, das ist Zeitverschwendung.

– An guten Tagen nimmt man bis zu fünfhundert Euro ein.

– Glaub ich nicht.

– Ist aber so.

– Das ist doch Blödsinn.

– Soll ich dir Hannis Buchhaltung zeigen?

– Fünfhundert Euro mit Würsten?

– Und Bier, und Schnaps.

– Das ist völlig unmöglich.

– Der Laden ist zwar klein, aber eine ernsthafte Konkurrenz zu den zwei Gasthäusern im Dorf.

– Ich kann den Bauern hier kein Bier verkaufen.

– Du bist zu gut dafür, oder was?

– Nein.

– Was denn dann?

– Die würden sich die Bäuche halten vor Lachen, wenn ich da hinter dem Tresen stehe. Das wäre ein Fressen für die, wenn der arrogante Fußballer jetzt an der Friteuse steht.

– Und genau deshalb werden sie dir die Bude einrennen.

– Du willst mich verarschen.

– So volksnah hat dich die Welt noch nie erlebt.

– Sehr lustig, Max.

– Deine Starallüren kannst du jetzt und hier ablegen, Baroni.

– Ich hab doch keine Starallüren.

– Bescheidenheit und Demut, Baroni, das ist jetzt angesagt.

– Halt die Klappe, Max.

– Dann hör du auf, über den Stand zu lästern. Das hier war Hannis Leben.

– Und warum hast du mich jetzt hierhergeschleppt?

– Wir sperren jetzt auf und schauen uns das an.

– Und dann?

– Reden wir über den Einkauf, über Öffnungszeiten, über die Speisekarte, Getränkekarte, über Sanierung, und eventuell über einen neuen Namen.

– Bravo, Max, das Schloss klemmt, das ist ein Zeichen dafür, dass ich die Finger davon lassen soll.

– Das Schloss ist nur rostig, und du bist ein fauler Hund.

– War hier niemand mehr drin seit damals?

– Du, Wagner und ich. Wir waren die letzten Gäste.

– Und nachher warst du nie wieder hier?

– Nein.

– Und jetzt?

– Geht die Tür auf. Das ist jetzt dein neuer Arbeitsplatz.

– Und Hanni?

– Sie ist tot.

– Und es geht dir gut dabei, dass wir jetzt hier sind?

– Ich denke schon.

– Na dann, lass dir mal helfen, ich mach das, Max.

– Was tust du denn da?

– Ich suche etwas Trinkbares. Hier muss doch irgend­wo noch etwas sein.

– Du schaust gar nicht so übel aus hinter dem Tresen, mein Freund.

– Ich wollte das hier nicht schlechtmachen, ich meine, was Hanni hier gemacht hat. Es tut mir leid, Max.

– Das weiß ich doch.

– Ich kann das doch gar nicht. Ich habe seit Jahren nicht richtig gearbeitet, Max.

– Dann wird’s höchste Zeit. Schau mal, dass dein erster Gast nicht verdurstet, und mach den Schrank da hinten auf. Da muss noch eine Flasche sein.

– Schnaps?

– Ja, Schnaps.

– Am Nachmittag?

– Ja, scheiß drauf.

Sie reden. Sie trinken. Sie planen, was in den kommen­den Wochen passieren wird. Je mehr sie trinken, desto leichter fällt es. Von Minute zu Minute freundet sich Baroni mehr mit dem Gedanken an. Er steht hinter dem Tresen, er öffnet Lade für Lade, er beginnt es sich vorzustellen, sein neues Leben. Immer wieder fragt er, ob das tatsächlich stimmt mit den fünfhundert Euro täglich. Max nickt. Er erzählt ihm alles, was er weiß, was Hanni ihm beigebracht hat, was er beobachtet hat, während er stundenlang bei ihr saß, sein Feierabendbier bei ihr trank. Max schwärmt. Die guten Gedanken sind plötzlich wieder da in seinem Kopf. Mit allem, was er hat, macht Max seinem Freund seine neue Karriere als Würstelverkäufer schmackhaft. Bis tief in die Nacht dauert es, dann gibt Baroni nach und nimmt sein Schicksal an.

Vorübergehend, sagt er und grinst.

Solange du willst, sagt Max.

Zufrieden lehnen sie sich zurück, zufrieden schlagen sie Gläser aneinander.