image

Edith Kneifl

Glücklich,
wer vergisst

Kriminalroman

© 2009
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

„Der Mensch kann immer etwas aus dem machen, was man aus ihm macht.“
J. P. Sartre

für Silvia

Prolog

Der Rosenwind hatte nachgelassen. Der Tag neigte sich dem Ende zu.

Als am frühen Abend das Wasser wieder zu einer spiegelnden Fläche wurde und man den Grund des Sees nicht nur erahnen, sondern auch sehen konnte, stand sie allein auf einem hölzernen Steg.

Sie ging in die Knie, tauchte ihre Hände in das kühle Nass. Dann sprang sie hinein. Schwamm weit hinaus, ließ sich auf dem stillen Wasser treiben. Kraulte erst knapp vor Einbruch der Dunkelheit zurück ans Ufer.

Sie kletterte die wackelige Leiter des Steges hinauf, wickelte das Handtuch um ihren kindlichen Körper, griff nach Jeans und Sweater und ging zum Bootshaus, das völlig im Dunkeln lag.

Als sie nur mehr ein paar Schritte entfernt war, nahm sie den Lichtschimmer hinter den halb geschlossenen Fensterläden wahr. Neugierig schlich sie näher, stellte sich auf die Zehenspitzen und spähte durch den Spalt.

Das alte Ruderboot wurde von einer Kerze schwach beleuchtet. Schemenhaft zeichneten sich zwei Gestalten im Boot ab.

Plötzlich vernahm sie eigenartige Geräusche: Leises Wimmern, Schluchzen, ein unterdrückter Schrei: „Nein, bitte nicht …“ Die folgenden Worte gingen im Plätschern der Wellen unter.

Das Wimmern wurde lauter: „Hör auf, du tust mir weh!“

Sie zitterte, kreidebleich im Gesicht. Vorsichtig öffnete sie die Tür des Bootshauses.

Das erste, was sie sah, war der nackte, pickelige Hintern eines Mannes. Sein Rücken verdeckte zur Hälfte das Gesicht und die rotblonde Haarpracht einer Frau. Die Flamme der Kerze erleuchtete ihre vor Angst und Schmerz weit aufgerissenen Augen.

Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie begriff, was sich hier abspielte. Ihre Freundin lag auf dem Rücken, den Kopf an die Bank gelehnt. Der Mann kniete über ihr und bewegte seinen Hintern auf und ab. Seine Finger kneteten die kleinen prallen Brüste.

Das Gefühl von Hilflosigkeit verstärkte ihre Panik. Sie fing einen Blick ihrer Freundin auf. Aus ihren Augen sprachen Verzweiflung und Ohnmacht zugleich.

Um nicht lauthals zu schreien, biss sie sich auf die Unterlippe und schloss dann leise die Tür hinter sich. Sie wollte davonlaufen, doch ihre Füße schienen im feuchten Gras zu kleben. Weinend und nur mit dem Handtuch bekleidet verließ sie schließlich den Badeplatz.

Abends ging sie nicht zum Konzert im Schloss. Sie legte sich ins Bett, ließ aber die Lampe auf ihrem Nachtkästchen an. Ihre Augen waren vom vielen Weinen gerötet. Hektische rote Flecken machten sich auf ihren Wangen breit. Sie sah krank aus. Leise Klaviermusik drang in ihr Zimmer.

Kurz nach Mitternacht, als die letzten Gäste das Schloss längst verlassen hatten, klopfte jemand an ihre Tür. Sie rührte sich nicht.

„Verdammt, mach auf! Ich weiß, dass du nicht schläfst.“

Aus Angst, die laute Stimme könnte ihre Eltern wecken, öffnete sie.

Ihre Freundin stand, nur mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, das lange Haar total zerzaust, in der Tür und fauchte sie an: „Schwör mir auf der Stelle, dass du keinem Menschen erzählen wirst, was du heute gesehen hast. Schwöre es beim Leben deines Vaters. Er soll tot umfallen, wenn du etwas verrätst.“

Entsetzt hob sie zwei Finger der rechten Hand zum Schwur und schloss wortlos wieder die Tür.

1. Kapitel

„Wir müssen sofort an den Attersee fahren. Deine Halbschwester steht unter Mordverdacht.“ Die Stimme meines Vaters triefte vor Theatralik.

„Bist du jetzt am helllichten Tag schon besoffen?“, fauchte ich in den Hörer.

„Es ist eine Tragödie!“

Die einzige Tragödie sind schauspielernde Väter. Ich sagte es nicht laut.

„Du hast kriminalistisches Gespür und außerdem eine tolle Verbindung zur Wiener Kriminalpolizei. Du musst uns helfen!“

Er sprach von „uns“. Noch bevor ich ahnte, worum es ging, sagte ich energisch: „Lass mich in Frieden, Victor. Ich habe von kriminellen Geschichten ein für alle Mal die Nase voll. Kein Interesse.“

„Ich sage nur Franzi …“

Als ich nicht sofort reagierte, sagte er: „Erinnerst du dich denn nicht mehr an Franzi? Deine beste Freundin, damals am Attersee?“

„Ich erinnere mich sehr wohl an sie“, sagte ich reserviert.

„Franzi ist deine Halbschwester. Und sie ist gerade verhaftet worden. Keiner außer dir oder deinem Kommissar wird ihr helfen.“

Mein Herr Papa weigerte sich nach wie vor, den Karrieresprung meines Freundes zu akzeptieren. „Jan Serner ist Major und für banale Mordfälle nicht mehr zuständig“, sagte ich. Dann erst registrierte ich, was er über Franzi gesagt hatte.

„Franzi ist meine Schwester?“, fragte ich ungläubig.

„Ja, mein Schatz. Beruhige dich, es war vor deiner Zeit. Ich wusste bis vor einer halben Stunde selbst nicht, dass ich der Welt nicht nur eine schöne Tochter geschenkt habe. Ich habe die Kleine immer wie ein Vater geliebt. Das ist mir erst jetzt bewusst geworden. Als mich die Baronin anrief und mir dieses ganze Drama geschildert hat …“

„Hör auf, Victor. Du hast Franzi nie leiden können. Hast Angst gehabt, dass sie einen schlechten Einfluss auf mich haben könnte, weil sie viel selbstbewusster und frecher war als ich.“

„Du erfindest, wie immer, deine Geschichte neu.“

Was meinte er denn damit nun wieder?

„Walpurga hat mich vorhin angerufen und mir alles gestanden.“

Ich war sprachlos. Walpurga war eine Jugendfreundin von Victor. Sie hatten sich bei einem Konzert der Wiener Musikhochschule kennengelernt. Er hatte zu dieser Zeit das Reinhardt-Seminar besucht, während sie Klavier und Komposition an der Hochschule studiert hatte. Nach meiner Geburt verbrachten meine Eltern fast jeden Sommer zwei Monate mit mir auf Schloss Welschenbach am Attersee. Eine billige Sommerfrische, idyllisch und vornehm zugleich. Mir war nie der Gedanke gekommen, dass Victors Vorliebe für diesen See auch erotische Gründe haben könnte.

„Ja, ich habe tatsächlich erst heute erfahren, dass Franzi meine Tochter ist“, schrie mein Vater ins Telefon.

Ich hielt den Hörer ein paar Zentimeter weg.

„Kurz bevor Gisela mit dir schwanger wurde, hatten deine Mutter und ich uns vorübergehend getrennt. Ich verbrachte den Sommer damals allein am Attersee. Gisela blieb in Wien, arbeitete an ihrer Diplomarbeit. Walpurga war eine sehr attraktive, junge, todunglückliche Witwe. Und es kam, wie es kommen musste …“ Er seufzte herzerweichend.

„Und du warst ein sehr attraktiver, junger Witwentröster“, murmelte ich resigniert. Dann begann ich nachzurechnen und herrschte ihn an: „Erzähl keinen Mist, Papa. Franzis Vater starb, als sie zweieinhalb Jahre alt war. Wenn du willst, dass ich dir helfe, musst du mir die Wahrheit sagen.“

„Wahrheit? Du kannst einem alten Mann nicht verdenken, wenn er ein paar Jahreszahlen durcheinanderbringt.“

Alter Mann? Sehr interessant. War das seine neue Masche? Schärfer, als ich es beabsichtigt hatte, sagte ich: „Also, ihr hattet schlicht und einfach eine Affäre miteinander? So was soll hin und wieder vorkommen.“

„Sei nicht so zynisch, mein Kind. Ich wollte es dir ja gerade erklären.“

„Was gibt es da zu erklären? Mich interessiert nur, wer wen umgebracht hat.“

„Das weiß ich nicht. Die Polizei verdächtigt unsere arme Franzi, ihren Stiefvater Philip Mankur ermordet zu haben, diesen zweitklassigen Sänger und Schmierenkomödianten.“

„War er nicht früher einmal dein bester Freund?“

Papa ignorierte meinen Einwand und fuhr aufgeregt fort: „Angeblich hat sie ihn mit einem Schürhaken erschlagen. Nein, ich glaube, sie hat seine Eier damit aufgespießt.“

„Mit einem Schürhaken?“

„Ich weiß nicht genau, was passiert ist, Schatz. Auf jeden Fall war’s Totschlag, vielleicht sogar Mord. Die arme Walpurga kann sich keinen ordentlichen Anwalt für ihre Tochter leisten, deshalb hat sie sich an mich gewandt.“

„An den liebenden Vater! Was für eine rührende Geschichte. Du hast doch auch kein Geld.“

„Deshalb habe ich ja gedacht, dass du …“

„Einen teuren Anwalt bezahlen soll? Du spinnst wohl.“

„Joe, lass mich ausreden. Es gibt einen Enkel. Franzi hat einen Sohn. Ist das nicht wunderbar?“

Ein Stammhalter! Na endlich! – Bevor ich völlig ausrastete, verlegte sich Victor aufs Bitten: „Josefa, bitte, Liebes, es geht um unsere Familie. Wir beide haben sonst niemanden mehr“, sagte er mit weinerlicher Stimme.

Obwohl mir eher zum Lachen zumute war, konnte ich seinem flehenden Ton nicht widerstehen. Ich hatte meinem Vater noch nie was abschlagen können. Allerdings ließ ich ihn all seine Überredungskünste aufbieten, bevor ich mich gnädigerweise bereit erklärte, ein letztes Mal Detektivin zu spielen.

Morde passierten mir einfach. Aber warum musste ich mich immer gleich einmischen? Ich wollte eigentlich nichts mit Mord und Totschlag zu tun haben, war im Grunde ein ängstlicher Mensch. Doch meine Neugier und mein Gerechtigkeitssinn waren anscheinend ebenso stark entwickelt wie meine Ängstlichkeit.

Jan würde zwar nicht erfreut sein, wenn er davon erfuhr – aber da er gerade an einer internationalen Konferenz in Stockholm teilnahm und wir nur sporadisch miteinander telefonierten, musste ich ihm ja nicht verraten, dass ich für eine paar Tage an den Attersee fahren würde.

Ich träumte in den vergangenen Jahren oft von diesem See. Wasser steht für Erinnerung, das Eintauchen in die Kindheit. Die Sommer meiner Kindheit bedeuteten See, Sonne und ein altes Schloss. In meinen Träumen malte ich mir aus, wie ich an einem frühen Sommermorgen ins kalte Wasser springen und das prickelnde Gefühl auf meiner Haut genießen würde. Nach dem erfrischenden Bad würde ich mit blauen Lippen und am ganzen Körper zitternd auf dem morschen Holzsteg liegen und mir von den ersten Sonnenstrahlen meinen Rücken wärmen lassen. Ich konnte die Wassertropfen, die auf meinen Armen und Beinen verdunsteten, fast spüren und sah mir dabei zu, wie ich die kleinen Fische im seichten Wasser beobachtete.

Der Attersee konnte seine Farbe wechseln wie ein Chamäleon. Von mattem Taubenblau über Marineblau, zu Türkis bis Smaragdgrün. Alle Schattierungen zwischen Blau und Grün waren bis heute meine Lieblingsfarben.

Ich schaute aus dem Zugfenster und sah öde braune Felder. Es war ein regnerischer Herbsttag. Grau- und Brauntöne, so weit das Auge reichte. An sich mochte ich flaches Land, einen weiten Blick. Aber den hatte man im Welser Becken nur an klaren, kalten Wintertagen oder kurz vor einem heftigen Sommergewitter.

Die Mitreisenden in meinem Abteil schauten nicht aus dem Fenster. Sie wussten, dass es draußen nur öde braune Felder zu sehen gab, graubraune Hügel, graue Einfamilienhäuser.

Der ICE verlangsamte sein Tempo. „In wenigen Minuten erreichen wir den Bahnhof Attnang-Puchheim“, verkündete eine Männerstimme aus dem Lautsprecher und wiederholte diesen Satz in akzentreichem Englisch. Die Studenten, die mir gegenüber saßen, grinsten überheblich.

Ich hängte mir die große schwarze Reisetasche um die Schulter und zwängte mich durch die verschwitzten Jungmänner, die am Gang mit einigen Bierdosen ihren Freigang begossen. Was für eine Schnapsidee, sich ausgerechnet an einem Freitagnachmittag auf die Westbahnstrecke zu begeben!

Die Baronin erwartete mich auf Bahnsteig 3. Ich erkannte sie sofort, obwohl ich mir Gesichter schlecht merken kann und wir uns seit einer Ewigkeit nicht gesehen hatten. Die Jahre waren an Walpurga nicht spurlos vorübergegangen. Sie hatte an die zwanzig Kilo zugenommen. Ihr volles, ehemals blondes Haar war ergraut, fast weiß, das hübsche, ebenmäßige Gesicht sonnenverbrannt und von tiefen Falten durchzogen, wie das Gesicht einer Bäuerin, die täglich viele Stunden auf dem Feld arbeitete.

Sie trug einen dunkelblauen Hosenanzug. Dazu ein T-Shirt von demselben Hellgrau wie ihr Haar. Wider Willen bewunderte ich ihre schlichte Eleganz. Weder war sie mit Goldschmuck behängt, noch trug sie eines dieser großen, bunten Tücher, hinter denen die meisten Damen ihres Alters ihre faltigen Hälse zu verstecken suchten.

Unsere Umarmung fiel etwas steif aus. Der Anlass unseres Wiedersehens war kein erfreulicher.

„Mädchen, lass dich ansehen.“ Walpurga hielt mich an beiden Armen fest und schob mich ein Stück von sich weg.

„Großartig siehst du aus. Eine Spur zu dünn vielleicht. Aber du bist eine schöne Frau geworden, siehst Gisela sehr ähnlich, vor allem im Gesicht. Derselbe Mund, die gleichen graublauen Augen. Du bist wirklich ihr Ebenbild.“

Als ich den Namen meiner Mutter aus ihrem Mund vernahm, versetzte es mir einen kleinen Stich in der Herzgegend. Walpurga und Gisela waren befreundet gewesen. Wahrscheinlich hatte meine Mutter bis zu ihrem Tod nicht gewusst, wie gut sich Walpurga auch mit meinem Vater verstanden hatte.

Der alte Passat-Kombi sah ziemlich ramponiert aus. Walpurga stellte mein Gepäck auf den Rücksitz, da der Kofferraum mit Dachziegeln, Zementsäcken und anderem Baumaterial voll beladen war. Das Innere des Wagens war verdreckt.

„Wir müssen die Terrasse fertig betonieren und das Dach dicht kriegen, bevor der Winter kommt“, erklärte sie mir.

Auf dem Rest der Fahrt sprachen wir übers Wetter. Als die Schörflinger Kirche in Sicht kam, zeigte ich mich überrascht, wie wenig sich die Umgebung des Attersees in den letzten Jahren verändert hatte.

„Ja, zum Glück sind wir vom Massentourismus bis heute verschont geblieben. Der See ist nach wie vor ein Geheimtipp für Ruhe suchende Großstädter, vor allem für Künstler und andere Exzentriker.“

„Ich weiß, Gustav Klimt hat in einigen seiner Bilder Schloss Kammer, die Insel Litzlberg und Unterach verewigt“, sagte ich schnell, um mir einen Vortrag über Klimt zu ersparen. Ich erinnerte mich recht gut an Walpurgas pädagogische Ader.

„Nicht nur Klimt ließ sich von unserem See inspirieren, auch große Komponisten und Musiker wie Gustav Mahler, Johannes Brahms oder Hugo Wolf liebten diese Gegend. Viele dieser Künstler waren im Landgut Berghof am Fuße des Schafbergs jahrelang auf Sommerfrische.“

„Weil sie nichts bezahlen mussten“, warf ich boshaft ein. „Auch vor hundert Jahren waren Künstler abhängig von ihren Mäzenen. Der Wiener Adel folgte ja eher dem Kaiser nach Bad Ischl und hatte mit den armen Künstlern weniger am Hut.“

Walpurga schien mir nicht zugehört zu haben. „Schriftsteller wie Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler oder Verleger wie die Fischers waren gern bei uns zu Gast …“

„Schriftsteller und Komponisten waren von ihren reichen Verlegern abhängig. Und die Maler natürlich von ihren Sammlern. Künstler und Prostituierte besitzen eben eine gewisse Ähnlichkeit. Aber wenigstens mussten diese Herren nicht ihre Körper an die Neureichen verkaufen, sondern nur ihre Bilder oder ihre Manuskripte. Doch wer weiß …?“, sagte ich augenzwinkernd.

„Friedrich Gulda hatte auch ein Haus am See“, fuhr Walpurga unbeirrt fort. Sie war schon immer humorlos gewesen. „Und Maria Jeritza besaß gleich zwei Villen in Unterach …“

„Schreibst du die Texte für die Prospekte des Fremdenverkehrsamtes?“, unterbrach ich sie gereizt. Mir reichte ihre Aufzählung all der prominenten Gäste. Ich war hier, um ihrer Tochter, die im Knast saß, zu einem guten Anwalt zu verhelfen.

„Entschuldige bitte, Joe. Ich rede einfach gedankenlos irgendwas daher.“

Sofort tat es mir leid, diese alte Dame, die ich nicht mehr mochte, seit ich wusste, dass sie die Geliebte meines Vaters gewesen war, so schroff zurechtgewiesen zu haben. Hatte ich sie eigentlich früher gemocht? Ich war mir nicht sicher. Als kleines Mädchen hatte ich mich vor ihr gefürchtet. Sie war sehr streng gewesen, vor allem mit Franzi. In späteren Jahren hatte ich ihr manchmal ganz gern zugehört. Sie war eine gebildete Frau, allerdings hatte sie die Lehrerin nie leugnen können. Walpurga hatte einem immer alles zwei- oder dreimal erklärt, wahrscheinlich weil sie, so wie viele andere Pädagogen, ihre Mitmenschen für kleine minderbemittelte Idioten hielt.

An den alten Baron von Welschenbach, Walpurgas ersten Mann, konnte ich mich nicht mehr erinnern. Als er sich erhängt hatte, war ich zwei Jahre alt gewesen. Aus Erzählungen meiner Eltern wusste ich, dass Walpurga ihn jedes Jahr erneut hatte überreden müssen, ein paar Zimmer im Schloss an Sommerfrischler aus Wien zu vermieten. Angeblich hatte er mit dem Touristenpack nichts zu tun haben wollen. Mit extrem günstigen Preisen war es ihr gelungen, vor allem junge Schriftsteller und Schauspieler anzulocken, so wie meinen Vater.

Mir fiel auf, dass wir bisher weder ihn noch Franzi erwähnt hatten, obwohl dieses überraschende Wiedersehen nur wegen ihnen zustandegekommen war.

Das alte baufällige Schloss lag etwa einen Kilometer vom See entfernt auf einer Anhöhe zwischen Seewalchen und Litzlberg und war umgeben von einem riesigen Park, der Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt worden war und rund um den sich ein dichter Mischwald ausdehnte. Die Welschenbachs hatten damals mit Napoleon sympathisiert, und als die Ager für kurze Zeit zum Grenzfluss zwischen Österreich und dem mit Frankreich verbündeten Bayern wurde, erlebten das Schloss und seine Bewohner eine Hochblüte. Das Westufer des Sees und damit auch Schloss Welschenbach gehörten einige Jahre zum Bayrischen Königreich und standen daher unter französischem Einfluss.

Das Schloss war im Laufe der Jahrhunderte so oft umgebaut und renoviert worden, dass von dem ursprünglich barocken Prunk nicht viel übrig geblieben war. Der Anstrich schrie förmlich nach Erneuerung. Das Schönbrunn-Gelb war einem schmutzigen Beige-Grau gewichen. Eine breite Außentreppe führte auf eine große Terrasse, von der aus man früher den See gesehen hatte. Jetzt waren die Baumwipfel so hoch, dass man den See nur mehr erahnen konnte.

Das massive Eingangstor befand sich auf der Rückseite. Links, gleich neben dem Eingang, waren die Küche und die früheren Gesindestuben untergebracht, die heute als Bügelraum und Abstellkammern dienten. Über einen breiten, nicht sehr langen Gang erreichte man den großen Salon, vom Gang aus führten zwei steinerne Treppen hinauf in die oberen Stockwerke.

Die meisten Räume im linken Flügel des Schlosses waren bereits vor Jahrzehnten unbewohnbar gewesen. Ende der 70er Jahre hatten Walpurga und ihr Mann im Erdgeschoß alle Zwischenwände entfernt und einen kleinen Konzertsaal eingerichtet. Die oberen Stockwerke hatten sie dem Verfall preisgegeben.

Im rechten Flügel waren die Gästezimmer untergebracht. Im Parterre gab es nur eine Toilette, und zwar in einem großen, altmodischen Badezimmer.

Im ersten Stock lag die Wohnung der Familie Mankur. Im zweiten Stock hatte Albert, Walpurgas Sohn aus erster Ehe und, wenn man es genau nahm, der heutige Baron von Welschenbach, sein Reich. Ich wunderte mich, dass er immer noch dort oben hauste. Albert musste Anfang fünfzig sein und lebte nach wie vor bei seiner Frau Mama?

Von dem Zimmer aus, in dem ich untergebracht war, führte eine schmale Tür auf die große Terrasse. Ich ging hinaus.

Die Tage wurden schon deutlich kürzer. Ein herbstlicher orangeroter Schimmer breitete sich über den Laubwald unterhalb des Schlosses. Dort, wo ich den See vermutete, zogen die ersten Nebelschleier vorüber. Ich stützte mich mit den Händen auf der Balustrade ab und beugte mich hinunter.

Die Marmortreppe war notdürftig mit groben Natursteinplatten ausgebessert worden. Dazwischen gab es Lücken und Ritzen, aus denen das Unkraut spross. Die wenigen originalen Marmorsteine waren gesprungen und graubraun verfärbt. Es roch nach verfaultem Laub.

Kein Lüftchen regte sich. Die Feuchtigkeit kroch durch meinen Baumwollpullover, ließ mich frösteln. Es würde eine neblige Nacht werden. Dieses Herbstwetter war tückisch. Fast jedes Jahr handelte ich mir um diese Zeit eine schlimme Erkältung ein.

Ich ging zurück in mein Zimmer. Auch in dem alten Gemäuer war es ziemlich ungemütlich. Die mindestens fünf Meter hohen Räume waren fast unbeheizbar, und da die meisten der großen Holzfenster noch dazu undicht waren, zog es in allen Räumen wie in einem Vogelhaus. Das Heizsystem des Schlosses war etwas altertümlich. Außer den offenen Kaminen standen in allen bewohnten Räumen Ölöfen. In der Küche spuckte ein alter, schwarzer Kohleofen Kohlenmonoxid aus. Das Bad im Parterre wurde mit einem ebenfalls antiquarischen Holzofen beheizt. Ich verschob die Dusche auf morgen früh, zog einen wärmeren Pullover an und ging hinüber in den Salon.

Zuerst fiel es mir gar nicht auf, dass ich nicht allein war. In dem großen Raum gab es so viele Nischen und Sitzgruppen, dass man sich gut zu dritt oder zu viert darin aufhalten konnte, ohne einander ansehen, geschweige denn miteinander sprechen zu müssen.

Im Salon häufte sich der Besitz vieler Leben an. Ein Sammelsurium sündhaft teurer Antiquitäten, Jugendstilvasen auf Biedermeierkommoden, eine goldene Standuhr auf einer schweren Anrichte aus dem 18. Jahrhundert, ein großer schwarzer Flügel, edle Orientteppiche und prächtig verzierte Spiegel neben billigen Souvenirs aus aller Welt und diversem Krimskrams. Die Vitrinenschränke waren vollgestopft mit Meißner Porzellan und nicht minder wertvollen Nippes. An den Wänden hingen Ölbilder, hauptsächlich Ahnenporträts und Landschaftsmalerei. Margarita, die Freundin meines Vaters, hätte sich hier wohl gefühlt. In ihrem Haus sah es ähnlich aus.

Die vier großen Fenster und die Terrassentüren waren hinter schweren Vorhängen von undefinierbarer Farbe verborgen. Sie dürften ursprünglich wohl einmal bordeauxrot gewesen sein. Sofas und Sessel waren mit Hussen in beigen Farbtönen überzogen. Walpurga konnte es sich bestimmt nicht leisten, die Fauteuils neu tapezieren zu lassen, dachte ich, bevor ich mich mit einem lauten Räuspern bemerkbar machte.

Nicht Walpurga saß in dem Ohrensessel am Kaminfeuer, sondern ein Mann.

Rasch warf ich einen Blick in den Empire-Spiegel, strich mit den Fingern durch mein zerzaustes Haar und fuhr mir mit der Zunge kurz über meine trockenen Lippen, bevor ich „Guten Abend“ sagte.

Ich sah sein Gesicht, noch ehe er sich umdrehte. Ein schmales Gesicht mit eingefallenen Wangen, einem blassen Teint, einem resignierten, aber sinnlichen Mund und tief liegenden, großen dunklen Augen, von Erschöpfung gezeichnet, umgeben von einem Hauch von Dekadenz.

Er drehte seinen Kopf zu mir, sah mich an. Weder Überraschung noch Wiedersehensfreude lagen in seinem Blick.

Sein dunkles Haar hatte sich an der Stirn etwas gelichtet und war von grauen Strähnen durchzogen. Es waren jedoch dieselben hageren, kantigen Züge und dieselben melancholischen braunen Augen, die mich jahrelang in meinen Träumen heimgesucht hatten.

„Servus Albert“, sagte ich verlegen und streckte ihm meine Hand hin. „Ich will dich nicht stören. Ich möchte mich nur ein bisschen aufwärmen. Der Ofen in meinem Zimmer funktioniert nicht …, kenne mich mit Ölöfen nicht aus. Das Kaminfeuer ist ebenfalls ausgegangen …, habe es nicht geschafft, es wieder anzufachen …“, stammelte ich mit belegter Stimme. Gleichzeitig ärgerte ich mich, dass mich der Anblick von Albert auch heute noch in Verlegenheit brachte.

Er sprang auf, starrte mich aber weiterhin mit diesem abwesenden Blick an, den ich nicht zu deuten wusste. Registrierte er überhaupt, dass ich es war, die da eineinhalb Meter vor ihm stand? Er musste doch von meinem Kommen unterrichtet worden sein.

Es vergingen ein paar peinliche Sekunden, bis er endlich meine Hand ergriff. „Grüß dich, Joe. Schön, dich zu sehen“, murmelte er fast unhörbar. „Ich habe einen Moment lang gedacht, Gisela wäre zurückgekehrt. Du siehst aus wie deine Mutter …“

Ich erinnerte mich, dass Albert immer extrem leise gesprochen hatte. Schüchtern und aggressionsgehemmt, diagnostizierte ich rasch, um endlich dieses Gefühl loszuwerden, das kleine Mädchen zu sein, das den großen Bruder seiner Freundin anhimmelt.

„Darf ich?“, fragte ich forsch, nahm, ohne seine Antwort abzuwarten, auf der dick gepolsterten Zweierbank rechts neben ihm Platz, wandte mich von ihm ab, hielt meine Hände nahe ans Feuer und redete drauflos. „Wie geht’s dir? Du hast dich auch kaum verändert. Ich habe dich sofort wieder erkannt. Wie lange haben wir uns nicht gesehen?“ Irgendwann gingen mir die Floskeln aus. Ich schaute ihn direkt an. Und, oh Wunder, er schenkte mir eines seiner äußerst seltenen Lächeln. Damit hatte er mir schon in meiner Jugend den Schlaf geraubt. Wenn Albert lächelt, geht die Sonne auf, pflegte meine Mutter manchmal zu sagen.

„Möchtest du Kaffee, Tee oder lieber einen Drink?“, fragte er, ganz der wohlerzogene Gastgeber.

Ich erwartete, dass er gleich eine unsichtbare Klingel betätigen würde und daraufhin ein beflissener Butler erschien und mir ein Tässchen Tee in feinstem Meißner Porzellan reichte.

Nur um zu sehen, was tatsächlich passierte, sagte ich: „Gegen einen Tee hätte ich nichts einzuwenden, obwohl mir eher nach einem Grog zumute ist.“

Albert erhob sich, entschuldigte sich und verließ den Salon.

Albert Welschenbach, oder wenn die Adelsbezeichnungen in der ersten Republik nicht abgeschafft worden wären, Baron von Welschenbach, war fast so groß wie Jan Serner und sogar eine Spur dünner als er. Gekleidet war er wie ein Landjunker aus dem vorigen Jahrhundert: Hellbraune Schnürlsamthose, warmes Flanellhemd, Sakko mit Lederflecken auf den Ellbogen, alles oftmals gewaschen und abgetragen, jedoch von guter Qualität. Die Sachen waren ihm viel zu groß. Ich überlegte kurz, ob er wohl Hosenträger unter seinem Sakko versteckte.

Nach ein paar Minuten kam er wieder zurück. „Mutter bringt gleich den Tee. Sie füllt nur rasch Öl in deinem Ofen nach.“

Walpurga scheint die Rolle der alten Kathi, die früher als gute Seele den Haushalt betreut hatte, übernommen zu haben, dachte ich boshaft. Sogleich tat es mir leid, ihr zusätzliche Arbeit aufgehalst zu haben. Ich nahm mir vor, mich in den nächsten Tagen hier ein bisschen nützlich zu machen.

„Der Heinz ist verschwunden“, sagte Albert plötzlich.

„Heinz?“

„Der Sohn vom alten Fischer-Hans. Erinnerst du dich nicht mehr an ihn?“

Ich erinnerte mich vage an einen blassen Jüngling, der nichts als seine blöden Fische im Kopf gehabt hatte.

„Sein Boot ist herrenlos im See getrieben, hinunter zur Ager. Er hat sich seit Tagen nicht mehr bei uns blicken lassen. Normalerweise bringt er uns jede Woche mindestens zweimal frischen Fisch“, sagte Albert.

„Warum rufst du ihn nicht an, wenn du dir Sorgen machst?“

„Er hat kein Handy. Er hat diese Art von Kommunikation bisher genauso verweigert wie ich.“

„Und zu Hause?“

„In seiner Baracke gibt es keinen Telefonanschluss.“

Ich zuckte mit den Achseln und war froh, dass sich in diesem Moment Walpurga mit dem Tee zu uns gesellte.

Albert stand auf und sagte lächelnd: „Schlaft gut.“

„Ich dachte, du trinkst deinen Tee mit uns. Ihr habt euch so viele Jahre nicht gesehen“, sagte Walpurga fast bittend.

„Entschuldigt, aber ich muss an meine Arbeit. Wir sehen uns ja beim Frühstück, Joe“, fügte er mit einem sanften Lächeln hinzu.

Walpurga seufzte kaum hörbar, als er den Raum verließ. Ich legte meine Hand auf ihre und sagte: „Lass ihn. Ich unterhalte mich ohnehin viel lieber mit dir. Albert schüchtert mich heute noch ein. Ich wüsste gar nicht, worüber ich mit ihm reden sollte.“

„Er wird immer eigenbrötlerischer. Die Sache mit Franzi hat ihn sehr mitgenommen. Ich habe Angst, dass er sich wieder in eine Depression flüchtet. So wie damals …“

Sie beendete den Satz nicht. Ich fragte nicht nach, war müde, fühlte mich nach den wenigen Stunden in diesem Haus erschöpft und niedergeschlagen. Komisch, dass ich als Kind die Atmosphäre in dem alten Gemäuer nie als bedrückend empfunden hatte.

„Du musst mir zeigen, wo man das Öl nachfüllt“, sagte ich, um sie auf andere Gedanken zu bringen. „Ich kann mich an diese Ölöfen nicht erinnern.“

„Im Sommer haben wir sie nie benützt. An kalten Abenden hat das Feuer im Kamin genügt.“

Sommer 1979

Der Himmel über dem Attersee ist von ungetrübtem Blau. Nur ein paar Schäfchenwolken ziehen vorüber. Hinterlassen kaum Spuren auf dem spiegelglatten Wasser. Es ist heiß in diesem August.

„Ein Jahrhundertsommer!“, betont Walpurga bei der Begrüßung ihrer Wiener Gäste.

„Das behaupten die Einheimischen von jedem Sommer, der nicht völlig verregnet ist“, murmelt Philip.

„Die Temperaturen werden für uns langsam zur Qual. Der Boden ist völlig ausgetrocknet“, stöhnt Walpurga. Sie hat die Worte ihres Mannes offensichtlich überhört.

Gisela erklärt ihrer Gastgeberin, warum sie heuer, statt der üblichen acht Wochen, nur fünf Wochen am See bleiben können: „Victor hat dieses Engagement bei den Sommerfestspielen in Reichenau einfach annehmen müssen. Es ist extrem gut bezahlt. Und er bestand darauf, dass wir mitkommen. Wollte mit Joe unbedingt auf die Rax und den Schneeberg. Aber du kennst ja mein Mädchen. Joe hasst Bergwanderungen.“

Walpurga nickt.

„Ich brauch erst mal eine Abkühlung“, sagt Victor. „Kommst du mit, Schätzchen?“ Er öffnet die Tür auf der Beifahrerseite seines Renaults.

Joe verzieht abfällig das Gesicht und ignoriert das Angebot ihres Vaters. Schwingt sich stattdessen hinter Franzi auf ein altes Sachs-Mofa und sagt energisch: „Fahr los!“

Victor überlegt es sich anders, steigt aus und hilft seiner Frau und Walpurga, das Gepäck auf die Zimmer zu bringen.

„Ich habe Höllenqualen durchgemacht. Habe mich ganz fürchterlich nach dem Attersee gesehnt“, vertraut Joe ihrer Freundin an, als sie zusammen am Steg liegen.

Joe hat ihr Tagebuch mitgenommen und beginnt, Franzi einige wichtige Passagen daraus vorzulesen.

Ihre Freundin scheint sich nicht besonders für diese Tagebuchaufzeichnungen zu interessieren. „Stell dir vor, ich bin mit Bomben und Granaten durchgefallen. Aber die Hotelfachschule in Bad Ischl nimmt mich auch mit einem Fleck in Physik“, sagt sie.

Als Franzi von ihrer zukünftigen Freiheit in der „Großstadt Bad Ischl“ zu schwärmen beginnt, unterbricht Joe sie: „Wir sollten uns eincremen.“

„Ich weiß. Die Baronin schwört auf Tiroler Nussöl. Aber das bringt bei mir nichts. Ich habe zu viele Sommersprossen. Rotblonde Menschen werden überhaupt schwer braun.“

„Ich hab mich heuer schon mal geschält. Ein zweites Mal werde ich Giselas Standardtherapie gegen Sonnenbrand nicht überleben. Buttermilch! Pfui Teufel. Habe die halbe Nacht lang gekotzt.“

„Ich hab im BRAVO ein Geheimrezept gefunden. Das könnten wir mal ausprobieren.“

Franzi nimmt ein kleines Fläschchen Olivenöl und eine Zitrone aus ihrer Badetasche.

„In dem Artikel haben sie einem eine wunderbare, lang anhaltende Bräune versprochen.“

„Okay, lass es uns versuchen.“

Sie schmieren sich gegenseitig ein Gemisch aus Olivenöl und Zitrone auf ihre jugendlichen Körper.

„Du hast eine richtig tolle Figur“, sagt Joe. „Ich muss in diesem Urlaub unbedingt ein paar Kilos zulegen. Ich seh aus wie ein Zahnstocher.“

„Stopfst du dir immer noch Watte in deine BHs?“, fragt Franzi kichernd.

„Du bist gemein.“ Joe gibt ihrer Freundin einen Klaps auf den wohlgerundeten Popo.

Gründlich eingeölt legen sie sich auf ihre Luftmatratzen. Schwimmen weit hinaus auf den See.

Als sie nach einer Stunde zurückkehren, sehen sie aus wie ein knallrotes Zwillingspärchen.

Willi und Gustav warten bereits am Steg auf die Mädchen. Joe lässt sich ihre Freude über das Wiedersehen mit den beiden Freunden nicht anmerken. Sie nickt den Burschen cool zu.

Willi, der sechzehnjährige Sohn des evangelischen Pfarrers, hat für Joe ebenfalls nur ein kurzes Nicken übrig. Er hat nur Augen für Franzi. Genauer gesagt für Franzis Brüste. Das Oberteil ihres alten Bikinis zeigt mehr her, als es verdeckt.

Gustav heißt Joe dagegen umso herzlicher willkommen. Drückt sie fest an sich. Gibt ihr sogar ein Busserl. Rasch entzieht sie sich seiner Umarmung.

Gisela und die Baronin tauchen, bepackt mit unzähligen Bade- und Kühltaschen, unter den alten Eichen auf.

„Du hättest uns ruhig mit dem Gepäck helfen können“, faucht Walpurga ihre Tochter an.

„Philip und Albert sind doch eh zu Hause“, verteidigt sich Franzi und verabschiedet sich mit einem Köpfler in die nassen Fluten.

Willi folgt ihr.

„Wo ist Papa?“, fragt Joe.

„Die lange Fahrt hat ihn ermüdet. Er hat sich hingelegt“, sagt Gisela.

Gustav begrüßt die Damen höflich, bevor er sich zu Joe auf die Luftmatratze setzt.

„Alle haben euch schon ungeduldig erwartet. Der halbe Sommer ist vorbei …“

„Wem sagst du das. Ich bin total sauer auf meinen Vater. Drei Wochen Reichenauff Das sind genau drei Wochen zu viel für mich gewesen. Es war echt ätzend. Berge, nichts als blöde Berge. Da wäre ich ja noch lieber mit Mama in Wien geblieben.“

„Mir geht’s ähnlich. Stell dir vor, meine Alten sind vor kurzem nach Lenzing gezogen. Mein Vater ist Postenkommandant geworden. Ich kenne dort kein Schwein. All meine Freunde leben hier am See. Zum Glück haben mir meine Eltern zum Geburtstag ein Puch-Moped geschenkt. Willi war total neidisch. Er fährt noch immer diese uralte gebrauchte KTM.“

Da Joe der Unterschied zwischen einem KTM- und einem Puch-Moped nicht klar ist, kann sie mit dieser Information nicht viel anfangen.

Gustav redet weiter auf sie ein. Bemerkt nicht, dass die Wellen des Attersees, die in gleichbleibendem Rhythmus am flachen Ufer auslaufen, Joe bereits in leichten Schlaf wiegen.

„Der See singt, hat Gustav Mahler angeblich gesagt, wenn er dieses leise Plätschern gehört hat“, murmelt sie verschlafen.

Franzi taucht prustend und hustend neben dem Steg auf. Spritzt ihre Freunde nass und legt sich dann zu ihnen.

„Ich hol rasch unsere Taucherbrillen. Kann ich mir kurz deine Maschine ausborgen?“, fragt Willi seinen Freund.

Gustav, der fasziniert auf die Wassertropfen starrt, die wie silberne Perlen Joes flachen Bauch schmücken, nickt abwesend.

„Wenn die nicht bald mit ihrem blöden Gequatsche aufhören, gehe ich wieder nach Hause“, sagt Franzi.

„Mich bringt hier keiner mehr weg“, sagt Joe.

Die Erwachsenen ergehen sich in Lobeshymnen über das Wasser:

„Ist das Wasser nicht gut …“

„Ja, es ist phantastisch.“

„So erfrischend.“

„Ja, einfach herrlich.“

„Echt superb.“

„Und diese gute Luft …“

„Ja, wunderbar.“

„Einfach traumhaft.“

„Toll.“

„Ist das Wasser nicht super …“

„Wie können durchaus intelligente Menschen wie eure Mütter oder die Frau Pfarrer stundenlang so aufschlussreiche und anregende Gespräche führen“, fängt nun Gustav zu lästern an.

„Selbst der Herr Pfarrer ist sich nicht zu blöd, in diesen Singsang einzustimmen, wenn er seinen dunkelbraunen Oberkörper und seine braunen Arschbacken der Sonne entgegenstreckt“, sagt Franzi kichernd. „Wisst ihr, wie ihn die alten Betschwestern, natürlich mit hochroten Wangen und einem anzüglichen Zwinkern, hinter vorgehaltener Hand nennen? Flotter Hirsch und Schwerenöter.“

Joe fällt in ihr Kichern mit ein. Gustav jedoch schüttelt unwirsch den Kopf, als Franzi fortfährt: „Ihr wisst ja, dass er unbedingt die zwölf Apostel zeugen will. Acht hat er ja bereits mit Hilfe seiner Frau geschafft. Zwei uneheliche laufen angeblich auch im Ort herum. Da Willis Mama bereits Mitte vierzig ist, wird er sich beeilen oder noch zweimal Gottes Zorn auf sich ziehen müssen.“

„Du bist ärger als die ganzen alten Tratschweiber miteinander“, sagt Gustav missbilligend. Als man das Knattern eines Mopeds hört, steht er auf. „Ich muss leider heim zum Essen. Sehen wir uns später im Strandbad, Joe?“

„Wir werden da sein“, antwortet Franzi.

Kaum ist er aus ihrem Blickfeld verschwunden, flüstert sie Joe ins Ohr: „Braves Bubi. Die Mami darf man nicht warten lassen …“

„Du Lästermaul“, stöhnt Joe und kehrt ihrer Freundin den Rücken zu.

2. Kapitel

Bevor ich mir ein neues Gesprächsthema einfallen lassen konnte, fragte Walpurga mich: „Würde es dir etwas ausmachen, wenn wir den Tee in meinem Zimmer trinken? Es ist genau hier passiert.“ Sie zeigte auf den Kamin. „Ich sehe dauernd sein blutüberströmtes Gesicht vor mir.“

„Hat Franzi ihn tatsächlich umgebracht?“

Sie antwortete nicht.

„Wie ist er denn nun wirklich umgekommen? Ist er erschlagen oder erstochen worden?“, fragte ich hartnäckig.

„Der Schürhaken steckte in seinem Unter…, in seinem Bauch“, murmelte sie.

„Was heißt Bauch? Jemand hat seine Eier aufgespießt, hat zumindest mein Vater behauptet“, unterbrach ich sie.

„Nicht jetzt, Joe, bitte!“

Obwohl ich mich plötzlich hellwach fühlte und den Tatort gern näher in Augenschein genommen hätte, folgte ich Walpurga ins ehemalige Esszimmer, in dem wir an kühlen Tagen immer an einem riesigen Tisch gesessen waren.

Es sah vollkommen anders aus als früher. Walpurga hatte nicht nur die alte zart geblümte Tapete durch eine champagnerfarbene ersetzt, sondern die gesamte Einrichtung entfernt und den Raum mit modernen, hellen Möbeln als Arbeitszimmer eingerichtet. Selbst die Vorhänge waren in einem freundlichen grünen Farbton gehalten. Der riesige Luster, der früher über dem Esstisch hing, hatte einer weißen Glaskugel Platz machen müssen. Auf dem hübschen schwarzen Jugendstilschreibtisch entdeckte ich eine alte Messinglampe mit grünem Schirm, die mir genauso bekannt vorkam wie die Bilder an den Wänden. Walpurga hatte für ihr Zimmer ein paar romantische Landschaften, meist Ansichten vom Attersee, gewählt. Die unappetitlichen Stillleben, über die Franzi und ich uns beim Essen oft lustig gemacht hatten, waren verschwunden.

„Was möchtest du morgen essen?“, fragte Walpurga, als wir es uns in den Fauteuils gemütlich machten, die dicht beim dunkelgrünen Kachelofen standen.

„Egal, ich esse, was auf den Tisch kommt. Ich bin nicht heikel, wie du weißt.“

Ich befürchtete, sie würde mir gleich alle Gerichte aufzählen, die ich als Kind standhaft verweigert hatte. Doch sie schien meine Essprobleme vergessen zu haben.

„Isst du nach wie vor so gerne Fisch?“, fragte sie.

Als Kind hatte ich keinen Fisch gegessen. Heute liebte ich ihn. Ich nickte erleichtert.

„Unser Fischer hat sich leider seit ein paar Tagen nicht blicken lassen, aber ich habe Forellen in der Tiefkühltruhe. Ich müsste sie heute Abend rausnehmen. Erinnerst du mich bitte daran, bevor wir zu Bett gehen?“

„Der alte Fischer lebt noch? Der muss bald an die neunzig sein. Er kam mir damals schon steinalt vor.“

„Er ist seit einem Jahr unter der Erde oder besser gesagt, er leistet nun seinen geliebten Fischen Gesellschaft. Sein Sohn, der Heinzi, hat seinen letzten Willen respektiert und, obwohl es illegal ist, die Asche seines Vaters mitten am See verstreut. Doch nun ist auch er von einer Ausfahrt nicht zurückgekehrt. Ein Spaziergänger hat vor ein paar Tagen das leere Ruderboot entdeckt, wie es Richtung Agerbrücke getrieben ist. Polizei und Taucher haben sich sofort auf die Suche nach ihm gemacht. Sie haben ihn bis heute nicht gefunden. Er ist etwa eine Woche, nachdem Philip starb, verschwunden.“

Da ich diese Geschichte bereits kannte, fragte ich, nachdem sie mir Tee eingeschenkt hatte: „Magst du mir jetzt erzählen, was an diesem schrecklichen Abend passiert ist?“

Sie goss sich selbst Tee ein und nahm zwei Löffel Zucker. Der Löffel kreiste eine ganze Weile in ihrer Tasse, bevor sie endlich zu reden begann: „Philips Tod war mehr oder weniger ein Unfall.“

„Das wird die Polizei zu entscheiden haben“, unterbrach ich sie.

„Franzi und Philip hatten einen schrecklichen Krach. Wahrscheinlich sind sie sogar handgreiflich geworden.“

Das nehme ich wohl an, dass sie Hand an ihn gelegt hat, er hat sich den Schürhaken nicht selber in den Unterleib gerammt, dachte ich, unterbrach sie aber nicht mehr.

„Franzi hat sich bestimmt nur verteidigt. Sie war Philip körperlich nicht gewachsen. Ich könnte mir vorstellen, dass sie, als er sich auf sie stürzte, den Schürhaken schützend vor sich gehalten hat. Meiner Meinung nach hat er sich selber aufgespießt. Ich glaube nicht, dass sie zugestochen hat, die Wunde war viel zu wenig tief. Daran wäre er auch sicher nicht gestorben.“

„Und woran ist er dann gestorben?“

„Er ist unglücklich gestürzt, hat sich die Halswirbelsäule gebrochen.“ Walpurga verbarg ihr Gesicht in den Händen und schluchzte leise.

„Wie bitte?“, fuhr ich sie an. Einerseits war ich erleichtert, es war offenbar kein geplanter Mord gewesen. Andererseits erschien mir die ganze Geschichte etwas mysteriös. Warum war Franzi verhaftet worden, wenn bereits feststand, dass Philip bei einem Unfall ums Leben gekommen war?

„Er ist nach rückwärts getaumelt, mit dem Hinterkopf gegen einen harten Gegenstand geprallt, wahrscheinlich gegen den Kaminsims. Die Kante war blutig, das habe ich mit eigenen Augen gesehen.“

„Es steht also fest, dass er nicht an seiner Unterleibsverletzung gestorben ist?“, vergewisserte ich mich noch einmal.

„Ja. Er hat sich das Genick gebrochen. Doktor Braunsperger, der früher am Tatort war als der Polizeiarzt, hat das sofort festgestellt. Franzi hat bisher jede Aussage verweigert. Deshalb hat die Polizei sie auch mitgenommen. Sie macht angeblich nach wie vor den Mund nicht auf. Ich bin gespannt, ob du sie zum Reden bringen kannst.“

Ich bezweifelte, dass ich mehr Chancen haben würde als die geschulten Kripobeamten, doch darüber konnte ich mir am Montag den Kopf zerbrechen. Ich hatte mir von Wien aus eine Besuchsgenehmigung für die Justizanstalt Linz besorgt.

„Meine Ehe mit Philip war eine einzige Katastrophe“, sagte Walpurga. „Dein Vater hat ihn mir bei einem Liederabend im Schloss Kammer vorgestellt. In jungen Jahren hatte Philip eine viel versprechende Karriere als Operettentenor vor sich. Er war gut aussehend, hatte Charme. Mehr brauche ich dir wohl nicht zu erzählen. Ich war seit zwei Jahren verwitwet und leider empfänglich für sein weltmännisches Gehabe und seine großspurige Art. Und ich war jung und naiv. Das ist meine einzige Entschuldigung. Ich habe nicht kapiert, dass er es in erster Linie auf das Schloss abgesehen hatte, den Gutsherrn spielen wollte, weil seine Sängerkarriere zu diesem Zeitpunkt bereits den Bach hinunterging. Als er um meine Hand anhielt, reichte seine Stimme nur mehr für Auftritte bei zweitklassigen Konzerten in der Provinz. Und er hat damals schon getrunken.“