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Georg Haderer

Ohnmachtspiele

Kriminalroman

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7441-4

Umschlag- und Buchgestaltung:
Kurt Höretzeder, Büro für Grafische Gestaltung, Scheffau/Tirol
Mitarbeit: Ines Graus
Coverfoto: Ricardo Herrgott

Diesen Kriminalroman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

„Wie ist das klein, womit wir ringen,
was mit uns ringt, wie ist das groß“

Rainer Maria Rilke

Prolog

September 1980

„Was sollen wir jetzt machen … ich meine, wenn …“ Der Junge hielt inne, weil seine Stimme brach und in einen mädchenhaften Ton zu kippen drohte. Er kannte das. Es passierte immer, wenn er aufgeregt war oder Angst hatte. Wie jetzt. Und er wollte nicht, dass sich Florian darüber lustig machte. Nicht jetzt. Also schwieg er, warf einen Stein in die Mitte des dunklen Teichs und sah zu, wie sich das Wasser wellte. Gelbe, rote und gelbrote Ahornblätter trieben auf der Oberfläche, würden bald dunkelbraun werden, sich vollsaugen, auf den Grund sinken und verwesen. Der Sommer war fast vorbei. Der Sommer, der – wenn es nach ihm ging – irgendwann später zu einem aus unzähligen „Weißt du noch“ hätte werden können. Der vor zwei Wochen, bevor sie es erfahren hatten, nur aus ewig scheinender Gegenwart bestanden hatte: aus dem Chlorgeruch des Schwimmbads, der ihrer Haut und ihren Haaren anhaftete, aus dem leicht modrigen Aroma, das den Männermagazinen entströmte, die sie aus den Altpapiertonnen gefischt hatten, wegen denen sie immer einen Liegeplatz weitab des Schwimmbeckens hinter einer alten Pappel wählten, wo sie gierig und verstohlen auf die nackten Brüste und Schamhaare von jungen Frauen blickten, die Namen wie Kathy, Linda oder Brittany trugen, wo sie ihre erigierten Glieder ins Gras drückten und so unauffällig wie möglich hin und her rieben, bis sie mit einem verhaltenen Grunzen in den feuchten Stoff der Badehosen ejakulierten, dann betreten grinsten und gemeinsam eine Dames rauchten, die sie seinem Großvater geklaut hatten. Dann war da der heiße Asphalt unter den Füßen, der Geruch des in der Hitze aufweichenden Bitumens in ausgebesserten Schlaglöchern, in die sie ihre nackten Zehen drückten, davon die schwarzen Flecken, die mit normaler Seife nicht abzukriegen waren. Die schwarzen Kunststofffusseln und der Benzingeruch, die sie an den Händen hatten, wenn ihnen einer der älteren Jungen aus der Nachbarschaft gegen ein paar Zigaretten erlaubt hatte, auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt nach Ladenschluss ein paar Runden mit seinem Moped zu fahren, das er öfter reparierte, als er damit ausfuhr. Die Abende, die aus der Zeit gefallen schienen, mit der flach einfallenden Sonne, die den Parkplatz wie mit einem Weichzeichner färbte. Und die Limonadendosen, die sie gierig leerten, um so laut wie möglich rülpsen zu können. Und die Mädchen aus der Schule. Mit denen er nicht das Geringste zu tun haben wollte, anders als Florian, dessen Bemerkungen über sie abfällig in der Bedeutung und leidenschaftlich im Ton sein konnten, worauf er selbst immer wieder mit den gleichen Phrasen antwortete und hoffte, dass das Thema bald erledigt wäre. Schließlich hatten sie beide doch viel mehr, als Florian von einem dieser fremden Wesen je bekommen könnte. Würden sie mit ihm eine Semmel, die sie aus dem Schwimmbad mitgenommen hatten, am Rand des Teichs auslegen und auf Enten oder Tauben warten, um sie mit ihren Steinschleudern zu erledigen? Oder der Hund, den sie mehr oder weniger versehentlich getötet hatten, mit der Wehrmachtspistole des Großvaters, die sie an einem schulfreien Tag auf dem Dachboden gefunden hatten; das hatte sie zusammengeschweißt, das Schweigen, da hatten sie ein Geheimnis gewonnen, aus dem gemeinsamen Entsetzen, als sie dem Tier beim Sterben zusahen, und wie dann jeder für sich nach Hause gelaufen war – als sie am nächsten Tag darüber sprachen, wandelte sich das schlechte Gewissen bald in eine schaurige Erregtheit. Und beim zweiten Tier mischte sich unter die Übelkeit, die ihn einmal sogar zwang, sein Erbrochenes zu schlucken, bald ein Gefühl, das er nicht benennen konnte, anfangs beängstigend, als ob er seinen Körper verlieren würde, dann berauschend, weil er tatsächlich über sich hinauswuchs, als dem Hund der Atem hektisch wurde und ausging, als mit dem letzten schwachen Winseln das Leben in seinen Augen starb, er sah seinen Freund an und wusste, dass der das Gleiche empfand, hast du auch einen Ständer bekommen, hatte Florian ihn danach gefragt und er bejahte, obwohl er es nicht einmal mehr wusste, es war auch egal, es war etwas viel Größeres gewesen und in diesem Augenblick überfiel ihn eine schmerzhafte Zuneigung zu seinem Freund, für die er keinen Ausdruck fand, er suchte nach Worten, wenn auch nur für sich, und als er sie nicht fand, wurde er unendlich traurig, aber es war eine schöne Trauer, alles war schön, wenn er es nur mit Florian teilen konnte. Dann war die Welt in Ordnung.

„Weiß ich doch nicht … was können wir schon groß tun.“ Florian wandte sein Gesicht ab, spuckte in den betonierten Zulauf, in dem sich ein Rinnsal mühsam durch die abgefallenen Blätter kämpfte.

„Wir könnten abhauen“, meinte sein Freund unsicher und für einen Moment hellte sich seine Miene auf, als hätte er die Lösung aller Probleme gefunden.

„Bist du schwul oder wie … abhauen kann man mit seiner Freundin oder allein. Vergiss es.“

„Aber …“

Wieder schwiegen sie für einige Minuten. Auf dem Spazierweg hinter ihnen machte sich eine Kindergartengruppe vom Spielplatz am anderen Ende des Parks auf den Weg nach Hause, ihr vielstimmiges Geschrei zu einer schwarmhaften Geräuschwolke vermengt. Kurz drehten sie sich beide um, betrachteten die kreischenden Zwerge, die beiden Kindergärtnerinnen, die ihre Schützlinge wie eine Schar Gänse zum Ausgang des Parks leiteten. Oh heile Welt. Sie wandten ihre Gesichter wieder dem Teich zu, wo ein Entenpaar vorbeischwamm und die Schnäbel wiederholt zwischen die treibenden Blätter tauchte. Florian hob seinen Arm, bildete mit Daumen und zwei Fingern eine Pistole nach, kniff ein Auge zu und zielte auf die Enten.

„Bamm, tot“, flüsterte er und ließ den Arm wieder sinken.

„Haben deine Eltern gesagt, wie lang ihr dortbleiben werdet?“, fragte sein Freund, bemüht, seine Stimme unter Kontrolle zu halten.

„Zwei, drei Jahre … das wissen sie ja selber nicht genau … wie immer …“ Er griff neben sich, nahm einen faustgroßen Stein und schleuderte ihn ins Wasser hinaus. „Blöde Schweine … aber mir wird schon was einfallen.“

Was?, wollte sein Freund wissen, doch die Frage blieb ihm im Hals stecken, was sollte ihm denn einfallen? Doch er musste ihm vertrauen, vielleicht gäbe es wirklich eine Lösung, die sich er, der Jüngere, nicht ausmalen konnte, weil er nicht fähig war, sich eine Vorstellung von der Zukunft zu machen, da waren nur die nächsten Wochen, die Schule, kein Florian, ein trüber Nebel, durch den er sich angstvoll tasten musste, außer seinem Großvater hatte er jetzt niemanden mehr. Jetzt sah Florian auf seine Armbanduhr, die sein dünnes Handgelenk umgab wie eine schwere klobige Handschelle. Firmungsgeschenk, sicher ein paar tausend Schilling wert, einmal hatten sie sogar überlegt, sie zu verkaufen. An Geld hatte es ihnen ja nie gefehlt. Das hatte Florian zur Genüge von seinen Eltern bekommen und ohne mit der Wimper zu zucken für sie beide ausgegeben. Aber das Geld würde ihm nicht abgehen.

„Ich muss dann langsam …“

„Ja“, antwortete der andere leise.

„Bleibst du noch?“, fragte Florian und stemmte sich in die Hocke.

„Ja.“

„Na dann …“, meinte der Ältere und stand auf.

„Lass mal was hören von dir“, sagte der Jüngere und versuchte ein Lächeln.

„Sicher“, erwiderte sein Freund, zögerte kurz, drehte sich um und ging.

Der Junge ließ ein paar Sekunden verstreichen und wandte ruckartig seinen Kopf nach hinten. Dann legte er sich auf den Rücken, schaute in den Himmel und krallte die Finger in den steinigen Boden.

1

„Sie werden bald wissen, wer diese Frau ist. Werden Sie doch, oder? Ich meine, mit den technischen Hilfsmitteln, die Ihnen heute zur Verfügung stehen … früher … nicht weit von der Stelle, wo ich sie … da sind früher immer wieder Leichen angespült worden … vor der Hafenregulierung … ich führe ein Antiquariat in der Währinger Straße, habe Geschichte studiert und diese Gegend hier … tagelang im Wasser sind die oft getrieben, aufgedunsen und entstellt … das Leichenwachs, die Fische, Flussaale und andere Tiere … was die mit einem Toten im Wasser anstellen, muss ich Ihnen ja nicht sagen. So viele Menschen, von denen man nicht gewusst hat, wer sie waren, woher sie gekommen sind oder was ihren Tod verursacht hat … Namenlose … vielleicht Verzweifelte, die sich irgendwo zwischen dem Alpenvorland und Wien nur mehr fallen lassen haben können, oder Betrunkene, die über die Uferböschung gestürzt sind … sicher waren auch Verbrechensopfer dabei, die auf diese Weise entsorgt worden sind. Da hat deren Schicksal wohl schon zu Lebzeiten kaum einen interessiert; und dann wird selbst das Wasser ihrer überdrüssig und spuckt sie hier an Land … da habt ihr sie wieder, schaut sie euch an, was aus euch allen einmal wird, ja, die Donau, wer sie kennt, hört nicht nur den verklärenden Walzer. Sie sind so still, geht es Ihnen nicht gut? Na ja, der November hat’s schon in sich, oder? Jedenfalls hat man für diese namenlosen Toten 1840 einen eigenen Friedhof errichtet, auf dem bis 1900 fast fünfhundert unbekannte Tote bestattet worden sind. Stellen Sie sich vor: quasi jeden Monat eine Beerdigung, ohne Pomp und Buketts, ohne Trauergemeinde und Beileidsbekundungen. Aus dem feuchten Grab ins kühle Loch, und keine Witwen, die mit einem fleckigen Geschirrtuch oder einem zerfransten Handbesen Grabplatten von Staub und welken Blättern befreien, keine dürre, mit Altersflecken übersäte Hand, die das Türchen einer Grablaterne öffnet, vorsichtig eine Kerze hineinstellt, hier hält keine Flamme dem Wind stand, der oft über den Friedhof peitscht wie ein verrücktes Seil. Einen verlässlichen Besucher hat es allerdings gegeben: Das Hochwasser hat die Grabstätten überschwemmt, die rohen Erdhügel eingeebnet, die Holzkreuze davongetragen und den Friedhof schließlich der Natur zurückgegeben. Dort hinten im Wald, jetzt in der Dunkelheit sieht man es nicht, zwischen den Hollundersträuchern, dort verfault eine Holztafel, die wahrscheinlich nicht mehr lang an die Hunderten hier Begrabenen erinnert.

Um 1900 hat der Bezirksvorsteher von Simmering den neuen Friedhof anlegen lassen, hinter dem Hochwasserschutzdamm … alles mit freiwilligen Arbeitern, ohne Lohn, die Mauer, die Kreuze, sogar die Särge hat immer wieder ein anderer Tischler aus dem Bezirk zur Verfügung gestellt. Einhundertvier, um genau zu sein, so viele Wasserleichen liegen hier unter der Erde. Ich habe die Kreuze und Tafeln gezählt, von dreiundvierzig kennt man den Namen, einundsechzig haben ihn mit ins Grab genommen haben – da steht dann nur ‚männlich‘, ‚weiblich‘ oder ‚namenlos‘. Sie sehen mich so skeptisch an … ich habe Ihnen doch gesagt, dass ich Geschichte studiert habe und jetzt ein Antiquariat führe, in der Währinger Straße … und diese geschichtsträchtigen Orte in Wien … wobei ich heute mehr oder weniger zufällig hierhergekommen bin. Gestern wollte ich eigentlich da sein, am ersten Sonntag nach Allerseelen, da veranstaltet der Fischerverein jedes Jahr eine kleine Gedenkfeier, bei der sie ein Floß mit Blumen und Kerzen in die Donau setzen. Vor etlichen Jahren bin ich während dieser Zeremonie zufällig vorbeispaziert. Schwermütig war ich, wie zumeist um diese Jahreszeit. Da habe ich mich zu diesen Leuten dazugestellt. Und diese Minuten, in denen wir stumm dem Floß hinterhergeschaut haben … diese plötzliche Nähe zu mir völlig unbekannten Menschen … als ob ein unsichtbarer Todesengel uns mit seinen Flügeln näher zueinander getrieben hätte … verscheucht all die lächerlichen Differenzen, Platz da für etwas viel Mächtigeres! Was für eine Erleuchtung, und was für eine Erschütterung, vielleicht zehn Minuten, die wir schweigsam und demütig in unseren Mänteln versunken dort am Wasser gestanden sind, ich erinnere mich noch genau, irgendwann hat einer mit dem Schuh im Kies gescharrt, dann ist von einem anderen ein Räuspern gekommen, ich hätte sie ja noch viel länger ertragen können, diese schaurige Erkenntnis, aber dann seufzt einer ein lang gezogenes Ja, worin all die unausgesprochenen Gedanken der vergangenen Minuten versammelt sind, dann sind wir wieder unsere Wege gegangen.

Dieses Jahr habe ich es zum ersten Mal seit damals nicht geschafft. Eine Erkältung, Sie hören es ohnehin noch, dazu diese Kälte, der Nebel, Wien im Winter, das hat mir die Kraft genommen, ich bin im Bett geblieben. Und heute … dass vielleicht noch etwas von dieser magischen Energie übrig geblieben ist, habe ich gehofft … um drei habe ich mich entschieden, den Bus zu nehmen, bis zur Hafenzufahrtsstraße, dann bin ich am Frachtenlager entlang Richtung Donau gegangen. Diese rostigen Getreidespeicher, und das alte Industriegebäude mit den eingeschlagenen Scheiben, da erwartet man jeden Moment das Gesicht von einem verfolgten Verbrecher, oder? Na, Sie vielleicht nicht. Diese Gegend hätten wir als Kinder kennen sollen, das wäre was gewesen für eine Mutprobe, da hinein traust du dich nicht, traust dich nie … nun gut, ich bin auf der Eisenbahntrasse weitergegangen, dort drüben, wo der Bärenklau und das ganze Unkraut wuchert, ich bin mit der Hand an eine Brennnessel angekommen und wieder auf den Schotterweg zurück. Zum Friedhof wollte ich zuerst gar nicht, aber dann … was mache ich hier, habe ich mich gefragt. Wo sich bei so einem Wetter nicht einmal die üblichen Teenager hier aufhalten, mit dem Tod kokettieren … vielleicht gibt’s die auch gar nicht mehr … in Einkaufszentren und Bahnhöfe flüchten sie heutzutage … zu Recht … während ich hier versuche, was versuche … die Verzweiflung mit dem Grauen zu bezwingen … Drum die Kreuze die da ragen, wie das Kreuz das sie getragen, Namenlos. Nach ungefähr einer Viertelstunde habe ich den Friedhof verlassen und bin auf der Uferpromenade flussabwärts gegangen, der Nebel war schon so dicht, dass man die Bäume nur mehr als dunkle Umrisse wahrgenommen hat, irgendwie auch schön. Wissen Sie, woran ich denken musste, als ich den Kies unter meinen Schuhen knirschen hörte … an meinen Vater. Er hat mir immer wieder gesagt, dass man an den Schuhen den Charakter eines Mannes erkennt. Aber wenn man niemanden trifft, der einen Blick auf die Schuhe wirft, geschweige denn sich über den Zustand der Schuhe mokieren könnte? Das hat er wohl nie bedacht, der Herr Papa. Da vorne, wo Sie jetzt das Licht der Scheinwerfer sehen, führt ein Steg über ein schmales Rinnsal, das nach gut zehn Metern in die Donau fließt. Ich stehe also da, die Hände auf die Holzbrüstung gestützt, und schaue auf den Fluss. Dann, aus einer Laune heraus, gehe ich neben dem Bachbett zum Ufer vor; zwischen den großen Steinblöcken sehe ich eine orangefarbene Plastikente eingeklemmt. Der einzige Farbfleck weit und breit, so einsam, denke ich mir und bücke mich, um sie aufzuheben. Und da sehe ich sie. Zuerst ihre Haare, für einen Moment habe ich geglaubt, dass sich irgendein Abfall dort verfangen hat, dann treiben die Haare zurück und ich sehe ihr Gesicht, ganz weiß, darüber das Wasser wie eine grüne Folie, die Augen zu, und trotzdem habe ich das Gefühl gehabt, als würde sie mich ansehen. Ich springe auf, stolpere und falle auf den Hintern. Rappel mich auf und renne los. Ich habe mich immer wieder umgedreht; als könnte sie mir folgen, verrückt; von dem Gasthaus dort drüben habe ich Ihre Kollegen angerufen.“

2

Als der Aufzug mit einem schweren stählernen Seufzer im vierten Stock zum Stehen kam, entschied sich Schäfer anders und nahm die Treppen. Vor dem Haus blieb er ein paar Minuten unter dem Vordach stehen. Er nahm sein Telefon heraus, deaktivierte die Lautlosfunktion und sah, dass sein Assistent Bergmann angerufen und eine Nachricht hinterlassen hatte. Kurz überlegte er zurückzurufen, dann steckte er das Handy wieder in die Mantelinnentasche. Er drehte sich zur Auslage des Spielwarengeschäfts hinter ihm um und sah sich die Stofftiere, die Holzeisenbahn, das Prinzessinnenset und die Titel der kleinformatigen Bücher an. Kindergärtner, hatte er vor etwa einer halben Stunde dem Therapeuten geantwortet, als der wissen wollte, ob sich Schäfer einen anderen Beruf als den des Polizisten vorstellen könnte. Er war selbst überrascht gewesen, mit welcher Selbstverständlichkeit ihm diese Antwort ausgekommen war. Kindergärtner. Wann hatte er denn zuletzt an diese Alternative zu seiner jetzigen Existenz gedacht? Sie bewusst in Betracht gezogen, nicht nur diesen Instinkt gespürt, wenn ihm irgendwo ein paar Kinder unterkamen, eine lärmende Ausflugsgruppe in der U-Bahn, eine Ansammlung auf der Straße, in Zweierreihe über einen Zebrastreifen, unter den geschäftigen Zurufen der Aufsichtspersonen. Auf der einen Seite die reine Unschuld, auf der anderen die deutlichste Form der Schuld, das Verbrechen, hatte der Therapeut angemerkt, und bei diesem Satz hatte er zum ersten Mal ein wenig Vertrauen zu diesem Mann gefasst, den zu besuchen er sich lange geweigert hatte. Wieso wehren Sie sich so dagegen, hatte Bergmann ihm zugeredet, wenn Sie angeschossen werden, greifen Sie ja auch nicht zu Küchenmesser und Beißzange und holen die Kugel selbst heraus. Eine Kugel, das war doch etwas anderes, die mochte ihm auch ein Loch in die Brust reißen, aber dieser diffuse Schmerz, den er nicht genau lokalisieren konnte, diese Hoffnungslosigkeit, diese Leere, wie sollte ihm die jemand nehmen können.

Er wusste ja nicht einmal, wann genau sie von ihm Besitz ergriffen hatte. Dieser Dämon hatte sich unmerklich eingenistet, wie ein Parasit, der nun an ihm nagte und ihm seine Kraft entzog. Können Sie sich einen Ort vorstellen, an dem Sie glücklich wären, hatte ihn der Therapeut gefragt. Und es war ihm keine Antwort eingefallen. Eine Sehnsucht spürte er, eine Art Heimweh, die sich jedoch auf keinen konkreten Ort bezog. Höchstens auf einen Nichtort, wo ihm dieser ganze Mist erspart bliebe. Vielleicht lag er deshalb seit fast einem Monat die meiste Zeit auf seiner Couch. Vier Wochen Krankenstand, was seine Kollegen wohl von ihm dachten. Dass ihm nun endgültig die Sicherungen durchgebrannt waren? Wenn es wenigstens warm wäre und er den Kopf in die Sonne halten könnte. Er drehte sich um und sah den Passanten zu, die ihre Mantelkrägen über das Kinn schlugen, den Gehsteig entlanghasteten, als Fluchtweg ins Warme und Trockene. Wer jetzt kein Zuhause hat, ist ein armes Schwein.

Er nahm sein Handy heraus und hörte Bergmanns Nachricht ab. Nach einer kurzen Einleitung, in der sich sein Assistent dafür entschuldigte, dass er ihn während des Krankenstands anrief, kam er auf den eigentlichen Grund seines Anrufs: Sie hatten eine Wasserleiche beim Alberner Hafen. Und wenn Schäfer sich vielleicht schon besser fühlte – oder möglicherweise sogar langweilte –, wäre er willkommen, sie beim Lokalaugenschein zu unterstützen. Schäfer legte auf und seufzte. Vor ein paar Monaten hätte ihm eine Nachricht wie diese wahrscheinlich geschmeichelt. Er, der Major, auf den Bergmann in fachlicher als auch emotionaler Hinsicht nicht verzichten wollte. Doch zurzeit waren andere Beweggründe wahrscheinlicher: Abgesehen davon, dass eine schlimme Grippewelle auch die Polizei nicht verschonte, hatte ihnen der Innenminister mit seiner hirnrissigen Reform in allen Ressorts Leute weggenommen. Und dort, wo eigentlich Führungskräfte mit langer kriminalistischer Erfahrung hingehörten, saßen zunehmend Politpolizisten – Karrieristen und Günstlinge, die kaum etwas von Polizeiarbeit verstanden. Darunter litt nicht nur die Aufklärungsquote, auch die Stimmung in den Dienststellen war am Boden, wie Schäfer in den letzten Monaten wiederholt hatte feststellen müssen. Dass sich der Innenminister und sein ebenso unfähiger Vollstreckungsgehilfe, der Polizeipräsident, in den Medien als die Retter der Polizei darstellten und sich gleichzeitig so gut wie nie in die Kommissariate trauten, sprach für sich. Dort erwartete sie ein Haufen frustrierter, überarbeiteter und bewaffneter Menschen … verdammte Arschlöcher, dachte Schäfer, wenn die beiden einer abstechen sollte, würde er sich bestimmt nicht überanstrengen, den Täter zu fassen. So ähnlich hatte er sich übrigens auch einmal in der Kantine laut geäußert, worauf er nur knapp einer Disziplinaranzeige entgangen war. Sollten sie ihn doch feuern, sollten sie ihm doch die Entscheidung abnehmen.

Er überlegte, wie er am schnellsten zum Alberner Hafen gelangen konnte. Als er auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen Streifenwagen erblickte, der an einer roten Ampel hielt, lief er hinüber, klopfte an die Scheibe des Beifahrers und zog seinen Ausweis heraus. Der Uniformierte ließ die Scheibe herunter.

„Servus, Kollegen, Schäfer, Kriminaldirektion“, stellte er sich vor, „seid ihr im Einsatz oder könnt ihr mich schnell wo hinfahren?“

„Jederzeit, Herr Major … steigen Sie ein.“

Schäfer setzte sich auf die Rückbank und teilte der Fahrerin mit, wohin er wollte.

„Die tote Frau?“ Die Beamtin sah ihn im Rückspiegel an und fuhr los.

„Ja … eine tote Frau.“

Als sie den Parkplatz am Ende des Hafengeländes erreichten, standen dort ein Einsatzwagen, ein Kleinbus und ein weiteres Zivilfahrzeug – ein schwarzer Mercedes, den Schäfer am Nummernschild als den Dienstwagen von Oberst Kamp erkannte. Was wollte der bei einem derart unspektakulären Fall? Schäfer öffnete die Wagentür, bedankte sich bei den Beamten und stieg aus. Das Gelände war großräumig abgesichert worden, wie er an dem Absperrband sah, das sich von einem Metallständer am Parkplatz zum Friedhof und bis in das kleine Waldstück dahinter zog. Korrekt wie immer, der Bergmann. Schäfer ging auf den Polizisten zu, der rauchend neben dem Kleinbus stand. Auf dessen Rücksitz saß ein Mann um die vierzig, blass, mit einem abwesenden Gesichtsausdruck.

„Wer ist das?“, fragte Schäfer den Beamten, nachdem er ihm seinen Ausweis gezeigt hatte.

„Der hat die Frau gefunden.“

Schäfer schob die Wagentür auf, stellte sich vor und setzte sich neben den Mann.

„Nicht sehr schön … so was zu sehen“, begann er das Gespräch.

„Nein … aber schon seltsam … jetzt geht es mir … besser.“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Dass …“, der Mann zögerte, sah Schäfer an und musste plötzlich lachen. „Ach so, nein, das wird jetzt kein Geständnis … ich wollte sagen: Als ich losgegangen bin, ist es mir nicht so gut gegangen … ich bin … na ja, ich habe zurzeit ein paar Probleme … und jetzt, jetzt ist es mir richtig leicht ums Herz. Seltsam, oder?“

„Der Tod erinnert einen auch an das Leben“, meinte Schäfer, wusste nichts mehr zu sagen und wollte auch nicht aus dem warmen Wagen in die Kälte hinaus.

„Sie werden bald wissen, wer diese Frau ist, oder?“, fragte der Mann, und als Schäfer nichts erwiderte, redete er einfach weiter, als ob er dem Polizisten eine Gutenachtgeschichte erzählen wollte. Gut zehn Minuten verlor sich Schäfer in der Erzählung des Mannes über die Donau, den Alberner Hafen und seine Toten, bis er sich bewusst wurde, warum er eigentlich hier war.

„Haben Sie noch was vor oder …?“, fragte Schäfer und schob die Tür auf.

„Nein, ich warte hier … lassen Sie sich ruhig Zeit.“

Schäfer drückte die Tür zu und machte sich auf den Weg. Die Halogenscheinwerfer zeigten ihm den Fundort schon von weitem an. Mittlerweile war es finster geworden, aus dem tiefen Nebel nieselte es leicht, Schäfer steckte seine Hände in die Manteltaschen und zwang sich, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Als er nahe genug war, um seine Kollegen zu sehen, zwei Beamte der Spurensicherung in ihren weißen Schutzanzügen, Bergmann und Kamp, die sich miteinander unterhielten, den Arschkriecher Strasser, der etwas abseits die Wiese absuchte, einen jungen, ihm unbekannten Mann, der in ein Notizbuch schrieb, als Schäfer den mit einer schwarzen Plastikfolie abgedeckten Leichnam sah, überkam ihn das Gefühl, mit dem er seit dem Vierfachmord in Kitzbühel bei fast jedem Einsatz zu kämpfen hatte: Angst, Schwäche, Verzweiflung, eine Verlorenheit, als ob er ohne Möglichkeit einer Einflussnahme in einem Albtraum stünde, diese Ohnmacht, ein Zittern und der Wunsch, ganz woanders zu sein, ohne dass er sagen konnte, wo genau das wäre. Ein Burn-out, hatte er sich anfangs gedacht, ganz normal nach einem langwierigen Fall, der einem auch persönlich nahegeht; ein, zwei Wochen Urlaub, auf andere Gedanken kommen, dann würde es schon wieder werden. Doch es war nicht geworden.

Bergmann kam die Böschung herauf und begrüßte ihn freundlich.

„Und?“, fragte Schäfer.

„Weiblich, dreißig bis vierzig, keine Papiere, ist erst ein paar Stunden im Wasser gelegen, ziemlich sicher ertrunken, wie unser neuer Doktor meint.“

„Der da unten?“, Schäfer deutete auf den Mann mit dem Notizbuch. „Wie alt ist der, zwanzig?“

„Der sieht nur so jung aus … Koller hat ihn hergeschickt, also wird er schon was können …“

„Na ja“, meinte Schäfer und ging mit seinem Assistenten in Richtung Ufer, um sich umzusehen.

Nachdem er Oberst Kamp und die Beamten der Spurensicherung begrüßt hatte, ersuchte er den Gerichtsmediziner, die Tote abzudecken. Eine zierliche blonde Frau, an die fünfzig Kilo und nicht mehr als einen Meter fünfundsechzig, wie Schäfer schätzte. Im Gesicht und an den Händen hatte sie zahlreiche Abschürfungen, um den Mund erkannte er weißen, eingetrockneten Schaum. Er ließ sich von Bergmann ein Paar Latexhandschuhe geben und untersuchte vorsichtig die Kleidung der Frau.

„Markenware, gute Qualität, aber auch nicht übermäßig teuer, wetterfest, flache Stiefel“, protokollierte er leise für sich selbst, „leere Taschen … da fehlt eine Handtasche …“

„Was haben Sie gesagt?“, fragte Kamp, der mittlerweile neben ihm stand.

„Habt ihr eine Handtasche gefunden?“

„Nichts“, meinte Bergmann, „aber einer von der Streife sucht weiter oben das Ufer ab.“

„Gut“, erwiderte Schäfer und sah schweigend auf den Fluss hinaus. Das sah nicht nach einem Sexualverbrechen aus. Und ein Raubmord in dieser Gegend … Blödsinn, Schäfer … Wieso in dieser Gegend? Die Frau konnte doch weiß Gott wo in die Donau gefallen sein. Vielleicht hatte sie sich ja einfach fallen gelassen. Sich dem kalten Wasser hingegeben in der Hoffnung, dass es alles auflöste.

„Ah, Major Schäfer“, riss Strasser ihn aus seinen Gedanken, „ich dachte, Sie wären krankgeschrieben.“

„Offensichtlich nicht mehr“, meinte Kamp trocken, der Schäfers Widerwillen dem Chefinspektor gegenüber kannte und dessen schmeichlerische Arroganz ebenfalls schlecht vertrug.

„Also übernehmen Sie jetzt die Angelegenheit?“, wollte Strasser wissen und strich sich die nassen Haare zurück, als hätte er Gel in den Händen.

„Eine Angelegenheit ist es erst, wenn wir genauer Bescheid wissen … aber Sie können gern damit anfangen: Erkundigen Sie sich beim Fischereiverband, wer in der Nähe geangelt haben könnte. Fragen Sie bei der Schifffahrtsbehörde nach, welche Schiffe heute vorbeigekommen sind, und wenn Ihnen selber noch etwas einfällt, wie wir zu möglichen Zeugen kommen, nur zu.“

Strasser zögerte einen Moment, versuchte ein Lächeln und ging dann die Böschung hinauf.

„Wo ist der Leichenwagen?“, wollte Schäfer wissen.

„Kommt jeden Moment“, sagte Bergmann.

„Na dann weiß ich die Sache ja jetzt in guten Händen“, brachte sich Kamp ein, klatschte in die Hände und verabschiedete sich. „Und lassen Sie sich gesundschreiben, bevor Sie wieder offiziell antreten“, rief er Schäfer zu, als er schon auf dem Spazierweg oben war.

„Viel können wir hier nicht mehr ausrichten“, wandte sich Schäfer an Bergmann, „kann ich mit Ihnen zurückfahren?“

„Sicher … ich sollte allerdings noch die Besitzerin des Gasthauses befragen, von wo der Mann uns angerufen hat, der sie gefunden hat.“

„Der hatte kein Handy dabei?“

„Offenbar nicht … der macht überhaupt einen leicht absonderlichen Eindruck … Hans Albrecht …“

„Ja … ich habe mit ihm gesprochen … aber nicht unsympathisch … besitzt ein Antiquariat im Achtzehnten … überprüfen Sie ihn …“

Nachdem Schäfer mit den Beamten der Spurensicherung und dem Gerichtsmediziner gesprochen hatte, machten sie sich auf den Weg.

„Warum ist der Oberst dabei gewesen?“, fragte Schäfer.

„Laut Eigenaussage, weil wir momentan jeden Mann brauchen können. Aber ich denke, er ist froh, wenn er den Mugabe nicht so oft sehen muss.“

„Wen?“

„Mugabe … ist der neue Spitzname vom Hofbauer. Schwarz, machtgeil und unfähig.“

„Sehr gut“, meinte Schäfer und lächelte, „unser Herr Polizeipräsident erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Wie geht’s Bruckner und Leitner?“

„Favoriten. Zwei Tschetschenen, auf offener Straße erschossen“, sagte Bergmann und drückte die Tür des Restaurants auf.

Die Gaststube war leer, an der Bar saßen zwei Männer in orangefarbener Arbeitskleidung bei einem Bier und unterhielten sich mit der Wirtin. Aus dem Radio kam eine deutsche Version von „Ring of Fire“. Schäfer und Bergmann setzten sich an einen Tisch, worauf die Frau hinter dem Tresen ihnen zurief, dass sie gleich zusperren würde. Bergmann zog seinen Ausweis aus der Manteltasche und hob ihn gut sichtbar in die Höhe. Die Frau murmelte etwas, drückte ihre Zigarette in den Aschenbecher und kam an den Tisch.

„Setzen Sie sich für einen Moment“, forderte Schäfer sie auf. Die Wirtin seufzte und ließ sich auf die freie Bank nieder.

Nein, sie hätte nichts Auffälliges bemerkt, es wären den ganzen Tag über höchstens zwanzig Gäste da gewesen, keiner, den sie nicht kannte, alles Stammgäste, nein, die Frau auf dem Display von Bergmanns Digitalkamera hätte sie noch nie gesehen, sicher nicht, sie müsse sich Gesichter von Berufs wegen gut merken können, aber diese Frau wäre bestimmt noch nie bei ihr gewesen, kämen ja so gut wie nie Frauen herein um diese Jahreszeit. Wirklich eine Überraschung, dachte Schäfer, der jetzt schon das Gefühl hatte, von den Molekülen des unaufhaltsamen Abstiegs angeflogen zu werden, die das Wirtshaus aus jeder Pore des braun gemaserten Resopals auszuschwitzen schien. Steckten die Gäste damit das Lokal an oder umgekehrt?

Nachdem Schäfer der Wirtin aufgetragen hatte, bis zum nächsten Tag eine Liste aller Stammgäste zu erstellen und sie mit einem lang gezogenen Seufzer eingewilligt hatte, verließen sie das Gasthaus. Auf dem Parkplatz saßen die beiden uniformierten Beamten in ihrem Streifenwagen, auf dem Rücksitz schlief Hans Albrecht, den Kopf an die Scheibe gelehnt. Schäfer und Bergmann stiegen hinten ein, weckten ihn und wiesen den Fahrer an, sie ins Kommissariat zu bringen. Als sie an einer U-Bahn-Station vorbeikamen, bat Schäfer den Fahrer anzuhalten. Dem überraschten Bergmann erklärte er, dass dieser sich bitte um die weitere Befragung kümmern und einen Kollegen die Vermisstenmeldungen durchsehen lassen sollte. Er wäre müde und hätte außerdem noch nichts gegessen.

„Kommen Sie morgen?“, wollte Bergmann wissen, als Schäfer schon ausgestiegen war.

„Wird wohl das Beste sein“, meinte dieser, schloss die Wagentür und ging zur U-Bahn.

Schäfer nahm den Aufzug ins Dachgeschoss. Obwohl er seine Wohnung erst am frühen Nachmittag verlassen hatte und – abgesehen vom kurzen Fußmarsch an der Donau – keiner körperlichen Belastung ausgesetzt gewesen war, fühlte er sich erschöpft. Er sperrte die Wohnungstür auf, drückte den Lichtschalter, zog sich Schuhe und Jacke aus.

Was für eine Arschkälte. Er sah auf den Thermostat der Gasheizung und fragte sich, wo die zweiundzwanzig Grad wären, die es anzeigte. Meister Einstein, auch die Temperatur ist relativ. Nachdem er sich einen dicken Wollpullover aus dem Schlafzimmer geholt hatte, setzte er sich auf den Fußboden vor der Stereoanlage und legte eine CD ein, die ihm seine Nichte Lisa aus Salzburg geschickt hatte. Er war ihr Taufpate, doch entgegen der üblichen Vereinbarung war sie es, die ihn immer wieder anrief und sich regelmäßig mit einer Zusammenstellung ihrer aktuellen Lieblingsmusik in Erinnerung brachte. Und damit jedes Mal sein schlechtes Gewissen freilegte, das kurz darauf wieder von seiner Arbeit und seiner Ignoranz zugemüllt wurde. Als er zuletzt in Tirol gewesen war, hatte er sich kein einziges Mal bei ihr gemeldet. Asoziales Arschloch, schimpfte er sich, stand auf und ging in die Küche, um sich etwas zu essen zu richten. Was kam da aus den Boxen im Wohnzimmer? Schubert? Welche Siebzehnjährige beginnt eine CD mit einem Schubertlied, fragte er sich, während er eine Pfanne auf den Herd stellte, die Platte anschaltete und zwei kleine Steaks aus dem Kühlschrank nahm. Barfuß auf dem Eise wankt er hin und her. Und sein kleiner Teller bleibt ihm immer leer. Ein wunderschönes Lied, aber doch todtraurig und … er selbst hätte als Teenager wahrscheinlich schon beim Gedanken an Schubertlieder Ausschlag bekommen, geschweige denn, dass er sie sich angehört hätte. Er goss Öl in die Pfanne und wartete, bis es kleine Bläschen warf. Während die Steaks brieten, richtete er einen grünen Salat an und schnitt zwei Tomaten auf. Kurz überlegte er, ob er eine Flasche Wein öffnen sollte, doch dann beließ er es bei einem Glas Wasser. Er setzte sich an den kleinen Küchentisch und aß wie immer in den letzten Wochen: ohne Appetit, aus Pflichtbewusstsein seinem Körper gegenüber, mit einer leichten Übelkeit nach der Mahlzeit. Danach stellte er den Teller in die Spülmaschine und ging mit einer Zigarette auf den Balkon, weil er sich das Rauchen in der Wohnung untersagt hatte. Ein seltsamer Kompromiss, den er mit sich selbst geschlossen hatte, nachdem sein Versuch, mit dem Rauchen aufzuhören, wieder einmal gescheitert war. Dafür hole ich mir hier eine Lungenentzündung, murmelte er vor sich hin und verfluchte den November samt seiner Dunkelheit, dem Nebel, der Kälte und dem grausamen Wind.

Wieder im Wohnzimmer, nahm Schäfer seinen Laptop, setzte sich auf die Couch, legte sich eine Wolldecke um die Schultern und fuhr den Computer hoch. Er loggte sich in den Polizeiserver ein und ging zu den Vermisstenmeldungen. Nach dem ersten Aufruf, einem elfjährigen Mädchen, das zuletzt an einer Bushaltestelle im zwölften Bezirk gesehen worden war, klappte er den Laptop wieder zu und legte ihn beiseite. Er nahm die Fernsehzeitung vom Couchtisch und sah sie auf Filme und Serien durch, die mindestens dreißig Jahre alt waren. Griff sich die Fernbedienung und schaltete auf einen Kanal, auf dem gerade eine Folge von „Magnum“ angefangen hatte. Mit Beginn der ersten Werbepause läutete das Telefon. Bergmann, der wieder einmal ein geradezu telepathisches Feingefühl für den richtigen Moment bewies.

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie jetzt noch anrufe“, sagte er, „aber wir wissen, wer die Tote ist.“

„Und?“

„Sonja Ziermann. Ihr Mann hat uns informiert, weil sie nicht nach Hause gekommen ist und er sie schon den ganzen Abend nicht erreichen konnte.“

„Hat er sie identifiziert?“

„Auf dem Foto. Ich bringe ihn jetzt zu ihr. Wollen Sie heute noch mit ihm reden?“

„Nein … das machen Sie besser. Wie wirkt er?“

„Er hat in der letzten halben Stunde vielleicht zwei Minuten nicht geweint.“

„Haben Sie jemanden vom Notdienst gerufen?“

„Ja, muss jeden Moment hier sein.“

„Gut … wollen Sie die Befragung heute noch machen?“

„Soll ich?“

„Das überlasse ich Ihnen. Schauen Sie aber auch auf sich selbst, Bergmann. Sie müssen nicht durcharbeiten, nur weil uns die Leute fehlen.“

„Ich weiß. Kommen Sie morgen?“

„Das haben Sie mich heute schon gefragt … ja, ich bin um acht da.“

„Gut, dann bis morgen …“

„Bis morgen“, erwiderte Schäfer und legte auf.

Da die Werbepause noch nicht zu Ende war, nahm er abermals seine Zigaretten und ging auf den Balkon. Die Vorstellung, am nächsten Tag wieder im Kommissariat zu sein, erleichterte und ängstigte ihn gleichermaßen. Mit dem Rücken an den Heizkörper gelehnt im Büro zu sitzen und mit Bergmann zu diskutieren, dafür konnte er sich erwärmen. Doch das war es ja auch nie gewesen, was ihn so fertiggemacht hatte. Er drückte die Zigarette in den Untersetzer eines leeren Blumentopfs und ging zurück ins Wohnzimmer. Nach „Magnum“ würde er sich „Der Wachsblumenstrauß“ mit Margaret Rutherford ansehen. Wahrscheinlich würde er es nicht schaffen, genügend Schlaf zu bekommen, da er in den letzten Tagen kaum einmal vor drei Uhr ins Bett gegangen war. Doch wenigstens würde es am folgenden Morgen einen Grund geben aufzustehen.

3

Um sechs Uhr erwachte er aus einem wunderbaren Traum. Zum ersten Mal seit langer Zeit konnte er sich überhaupt wieder an einen Traum erinnern. Er stand auf und ging schlaftrunken ins Bad, stieß sich beinahe den Kopf am Türpfosten. Vor der Kloschüssel stehend bemühte er sich, die verbliebenen Fragmente des eben Erlebten im Kopf zu behalten. Da waren Blumenwiesen gewesen, ein See, Löwenzahnsamen, die wie kleine Fallschirme vom Himmel tanzten, und er selbst: am Wiesenrand unter einer Birke, so hoch, dass ihre Krone nicht auszumachen war; dort saß er in sich versunken und knüpfte eine Halskette aus Gänseblümchen, die schon mehrere Meter maß. Er sagte sich, dass es das Beste wäre, aufzubleiben und sich ein Frühstück zu machen – so würde er pünktlich ins Kommissariat kommen. Doch die Sehnsucht nach dem Traum trieb ihn zurück unter die Decke, und als er aufwachte, wusste er augenblicklich, dass er verschlafen hatte.

Am Schottenring stieg er aus der Straßenbahn, sah auf die Uhr und entschied sich, erst gar nicht zur Morgenbesprechung zu gehen. Außer Bergmann erwartete ihn wahrscheinlich ohnehin niemand und so wäre ein Fernbleiben besser, als zu spät zu kommen. Mit einem Kopfnicken ging er am Portier vorbei und nahm die Treppen in den ersten Stock. Auf dem Gang traf er Bruckner, tauschte mit ihm ein paar Sätze über die Vorkommnisse des vergangenen Tages aus. Die Morde an den beiden Tschetschenen waren auf den Titelseiten aller Tageszeitungen, mitsamt den üblichen Spekulationen über Wien als neuen zentralen Standort der Ostmafia. Und der Innenminister? Schwafelte von einem neuen Asylgesetz. Arschloch.

Als Schäfer sein Büro betrat, sah er zuerst eine mächtige Apparatur aus milchglasfarbenem Kunststoff auf seinem Schreibtisch stehen – bestimmt über einen halben Meter hoch und fast ebenso breit. Er hängte seine Jacke an die Wand, setzte sich und fuhr seinen Computer hoch. Kurze Zeit später betrat Bergmann das Büro und fand seinen Vorgesetzten gedankenverloren aus dem Fenster blickend.

„Guten Morgen“, sagte er fröhlich.

„Morgen“, murmelte Schäfer und deutete auf das seltsame Gerät, „was ist das da?“

„Eine Tageslichtlampe“, erklärte Bergmann stolz, griff über den Schreibtisch und drückte einen Knopf, worauf der gesamte Raum von einem kühlen, grellen Licht erfüllt wurde. Schäfer starrte auf die Lampe und dann Bergmann an, der wie ein Kind vor dem Christbaum stand.

„Aha … und …?“

„Die gleicht den Lichtmangel im Winter aus“, kam Bergmann seiner Frage zuvor, „das regt die Produktion von … hab ich jetzt vergessen an und hebt die Stimmung. Eine Antidepressionslampe, quasi.“

„Wird man davon braun?“

„Nein … die ist UV-frei.“

„So … was ist mit unserer Toten vom Hafen?“

Bergmann setzte sich vor den Computer und klickte ein paar Mal mit der Maus.

„Sonja Ziermann, geborene Hansch, zweiunddreißig Jahre, Lehrerin an einer Privatschule in Döbling. Verheiratet mit Harald Ziermann, neununddreißig, Beamter im Landwirtschaftsministerium. Eine zehnjährige Tochter.“

„Was hat der Ehemann gesagt?“

„Ich habe nur während der Fahrt in die Gerichtsmedizin mit ihm gesprochen … nicht mehr als das Nötigste. Sie hat gestern nur vier Stunden unterrichtet und dann freigehabt. Zu Mittag hat er mit ihr telefoniert, da hat sie gemeint, dass sie noch spazieren geht und dann zu Hause ist. Um fünf hat er sie angerufen und nur die Mailbox erreicht.“

„Haben Sie ihn wegen der Handtasche gefragt?“

„Hat sie fast nie eine mitgehabt … Schlüssel und Telefon, mehr hat sie nicht mitgenommen, wenn sie spazieren gegangen ist …“

„Was über ihre Beziehung?“

„Wenn er ehrlich war – und das hat ganz so ausgesehen –, dann waren sie ein Traumpaar. Immer noch verliebt, beide zufrieden mit ihrer Arbeit, eine brave Tochter … ein seltener Glücksfall, würde ich mal sagen.“

„Und wir sind wieder mal Zeuge, wie es kaputtgeht, das Glück … wen haben wir für die Befragungen?“

Bergmann sah ihn einen Augenblick schweigend an und meinte dann vorsichtig: „Na ja, wenn wir Glück haben, hat der Schreyer Zeit, und die junge Kovacs hilft uns immer wieder mal aus.“

„Die sitzt doch beim Betrug …“

„Schon … aber zurzeit müssen wir eben improvisieren und die Kovacs will ohnehin zu uns wechseln.“

„Fantastisch“, seufzte Schäfer, „das ist jetzt schon ein Negativrekordjahr für die Aufklärungsquote und wir … wo ist denn die Leiche?“

„Im AKH … warten Sie, ich habe die Nummer hier.“

Nachdem Schäfer mit dem Gerichtsmediziner telefoniert und mit Bergmann die Aufgabenverteilung besprochen hatte, stand er auf und nahm seine Jacke vom Haken. Er hätte sich den vorläufigen Obduktionsbericht auch schicken lassen können, doch zum einen waren ihm diese Berichte meistens zu wenig anschaulich, und zum zweiten wollte er den neuen Gerichtsmediziner persönlich kennenlernen.

Als er in der U-Bahn saß, bemühte er sich, die Wut zu unterdrücken, die in ihm aufzukochen begann. Es waren ja nicht nur die Personalkürzungen, die ihre Arbeit immer schwieriger machten. Welcher Führungsverantwortliche, der halbwegs bei Trost war, konnte veranlassen, die Gerichtsmedizin zuzusperren, nur weil das Gebäude veraltet war und die Technik nicht mehr dem neuesten Stand entsprach?

Outsourcing, Sparmaßnahme, hatte es vonseiten der Stadt geheißen, worauf sich Gesundheitsministerium, Wissenschaftsministerium und der Justizminister eine Zeitlang gegenseitig beschuldigt, jeweils den anderen für verantwortlich erklärt und den Ball schließlich zurück zur Stadtverwaltung gespielt hatten. Deren Beamte waren den Weg des geringsten Widerstands gegangen, hatten die zentrale Gerichtsmedizin in der Sensengasse aufgelöst und deren Aufgaben an verschiedene Krankenhäuser delegiert. Dass die dortigen Pathologen mit den neuen Aufgaben völlig überfordert waren, dass ein öffentliches Spital kein guter Aufbewahrungsort für Faulleichen war, dass die neue provisorische Gerichtsmedizin in ihren riesigen Metallcontainern in der Nähe des Zentralfriedhofs mangels moderner Diagnosegeräte für manche Obduktionsmethoden nicht geeignet war, das war die eine Sache. Die zweite Maßnahme unter dem Deckmantel des Sparens hielt Schäfer für noch folgenschwerer: Mit einer Reform des Wiener Bestattungsgesetzes wollte die Stadt die Zahl der Obduktionen reduzieren und nahm dafür als Erstes die Toten- beschauärzte – meistens der normale Hausarzt – in die Verantwortung. Diese sollten aus der Krankengeschichte, aus den Gesprächen mit Angehörigen und aus der Situation, in der die Menschen gestorben waren, eine Todesursache herauslesen. Gut so: Hatte der raffgierige Neffe nicht versehentlich das Messer in der toten Erbtante stecken lassen oder sie mit einer Schrotflinte erschossen, gab es eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass er davonkam. Danke, Tante, aloha Hawaii! Erst vor einem Monat hatte sich ein aufmerksamer Mitarbeiter eines Bestattungsinstituts bei ihnen gemeldet, weil die Leiche eines älteren Mannes ein Einschussloch im Bauch hatte, das ihnen beim Waschen aufgefallen war. Wie das hatte übersehen werden können? Der zuständige Arzt hatte den Toten in Anwesenheit seiner Familie nicht ausziehen wollen und ein Herzversagen diagnostiziert. Immerhin: Seit einem Jahr führte die Gerichtsmedizin um ein Drittel weniger Obduktionen durch. Damit hatte sich die Stadt tatsächlich viel Geld gespart; aber auch goldene Zeiten für Giftmörder anbrechen lassen.

Schäfer stieg aus der U-Bahn und nahm die Überführung, die ihn direkt ins Klinikgelände brachte. Ohne sich anzumelden, nahm er den Lift in den Keller, ging einen fensterlosen Gang entlang und drückte die Flügeltür zur Pathologie auf. In dem riesigen Raum hielt sich nur der junge Mann auf, den Schäfer tags zuvor beim Alberner Hafen gesehen hatte.

„Major Schäfer“, stellte er sich vor, „wir haben eben miteinander telefoniert.“

„Ja ja, ich meine mich zu erinnern“, witzelte der Arzt, „Bernhard Föhring, sehr erfreut, ich assistiere Professor Koller, der …“

„Der nicht da ist, ich weiß … wie sieht’s mit der Frau von gestern aus?“

Föhring ging zu den Kühlregalen, zog eine der Bahren heraus und schlug das grüne Tuch zurück. Wie Schäfer an den ypsilonförmigen Nähten erkannte, war Sonja Ziermann bereits obduziert worden.

„Wie haben Sie denn das so schnell hinbekommen?“, fragte er und sah den Gerichtsmediziner skeptisch an.

„Die Nacht durch … zurzeit schlafe ich schlecht, da kann ich auch gleich arbeiten. Sagen Sie das aber bitte niemandem, die Überstunden fallen nämlich aus dem Versicherungsschutz.“

„Na ja, wegen einem Kunstfehler wird Sie keiner verklagen … also, wie sieht’s aus?“

„Typisches Ertrinken: stark aufgeblähte Lunge, also hat sie immer wieder nach Luft geschnappt. Die Abschürfungen am Kopf und an den Händen sind post mortem, kommen ziemlich sicher daher, dass sie am Grund gestreift ist. Im Magen und in der Lunge hab ich Kieselalgen gefunden, wie sie dort in der Donau vorkommen. Meiner Einschätzung nach ist sie also ganz in der Nähe ertrunken, wo sie gefunden worden ist … aber die genauen Analysen vom Schadstoffgehalt des Wassers stehen noch aus …“

„Todeszeitpunkt?“

„Tja, da würde ich mich lieber noch einmal mit Professor Koller absprechen … aber so zwischen zwölf und zwei, möchte ich meinen.“

„Irgendwelche Anzeichen auf ein Sexualverbrechen?“

„Nichts“, antwortete Föhring zu Schäfers Erleichterung.

„Was ist mit diesen Verletzungen da?“ Schäfer zeigte auf die Hände der Toten.

„Quetschungen und Risswunden, die sie vor dem Tod erlitten hat. Wahrscheinlich, als sie sich an den spitzen Steinen am Ufer hinaufziehen wollte.“

„Oder weil ihr wer auf die Finger gestiegen ist …“

„Es kann aber einfach nur ein Unfall gewesen sein …“

„Sicher.“ Schäfer wandte sich von der Leiche ab, worauf der Arzt die Bahre wieder ins Kühlfach schob.

„Was ist eigentlich mit dem Toten aus dem Wald?“, wollte Föhring unvermittelt wissen.

„Wer?“

„Der vom Exelberg“, sagte Föhring, ging ans andere Ende des Raums und zog dort eine Bahre heraus.

„Ach ja.“ Schäfer erinnerte sich an die Männerleiche, die vor gut einem Monat in der Nähe des Sendeturms von einem Jagdhund unter einem Reisighaufen entdeckt worden war. Sie war fast vollständig skelettiert und hatte bis dato nicht identifiziert werden können. Doch da in den verbliebenen Kopfhaaren eine hohe Dosis von verschiedenen Suchtgiften gefunden worden war und der Körper keine Spuren von Gewalteinwirkung aufwies, war der Fall auf der Prioritätenliste nach unten gerutscht. Dann war Schäfer in Krankenstand getreten und niemand hatte sich aufgedrängt, den Fall zu übernehmen.

„Den habe ich fast vergessen“, meinte Schäfer und trat an die Bahre.

„Ja, das passiert vielen Toten, nicht?“ Föhring tätschelte dem Skelett den Schädel. „Auf jeden Fall habe ich ihn noch einmal genau angeschaut und mir ein paar Gedanken gemacht.“

„Na dann mal los.“ Schäfer holte sein Notizbuch wieder heraus.

„Zum einen hab ich mich an eine genaue Altersbestimmung gemacht … mithilfe einer neuen …“

„Das Alter … nicht die Methode.“

„Ach so … mindestens dreißig, maximal fünfunddreißig – Professor Koller stimmt da mit mir überein. Außerdem ist sein Gebiss sehr aufschlussreich: Während ein Teil der Zähne überdurchschnittlich gut und vor allem kostspielig saniert ist, sehen ein paar andere recht eklig aus – zwei Backenzähne fehlen überhaupt. Die Vorderzähne sind dagegen verhältnismäßig gut erhalten. Koller hat gemeint, das könnte darauf zurückzuführen sein, dass er bis vor kurzem in geordneten Verhältnissen gelebt hat und auch entsprechend wohlhabend gewesen ist. Fünf Goldkronen in dieser Qualität, das kostet schon. Und dann muss ihn was aus der Bahn geworfen haben, er fängt zu fixen an, sein Körper verfällt, Karies ist ihm egal, und zack!, liegt er schon bei mir.“

„Zack!, und jetzt die Preisfrage: Wer ist er?“