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Günther Loewit

Der
ohnmächtige
Arzt

Hinter den Kulissen
des Gesundheitssystems

© 2010

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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ISBN 978-3-7099-7442-1

Umschlag und Buchgestaltung:

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Only those are fit to live who do not fear to die;
and none are fit to die who have shrunk from the joy
of life and the duty of life.“

Theodore Roosevelt

Günther Loewit

Der ohnmächtige Arzt

Für die Leidenden unter den Patienten
und die Ärzte unter den Medizinern

Vorwort

Dieses Buch handelt nicht von der Notwendigkeit moderner Medizin und ihren unbestreitbaren Errungenschaften. Es handelt nicht von den unzähligen geretteten Menschenleben, die vor einigen Jahrzehnten noch nicht hätten gerettet werden können. Es handelt nicht vom medizinischen Notfall. Es handelt nicht vom Recht auf bestmögliche medizinische Versorgung zu jeder Zeit an jedem Ort. Dieses Buch betrifft nicht all jene Menschen, die verzweifelt Heilung von schweren Erkrankungen oder Linderung ihrer Schmerzen suchen. Und es betrifft auch nicht die vielen tausend Ärzte und Krankenschwestern, die Tag für Tag nach bestem Wissen und Gewissen ihre Arbeit zum Wohl der Patienten verrichten.

Dieses Buch handelt vom missbräuchlichen Geschäft, das von Politikern und Institutionen, der Industrie, von Ärzten und sogar Patienten mit dem Thema Gesundheit gemacht wird. Es handelt vom Geschäft mit der Angst, vom Geschäft mit falschen Hoffnungen. Es handelt vom verlorengegangenen Respekt vor der Heilkunst. Es handelt von Täuschung und Enttäuschung.

Und es will ent-täuschen.

Dieses Buch will keine wissenschaftliche Abhandlung und kein journalistischer Beitrag sein, sondern das emotionale Plädoyer eines engagierten Arztes, der in 30-jähriger Berufserfahrung im Gesundheitsbereich seinen eigenen Blick hinter die Kulissen des Gesundheitssystems entwickelt hat – ein Plädoyer unter dem Motto: GELD MACHT KRANK – KRANK MACHT GELD.

Die im Text dargestellten Patienten und Ärzte sowie die verwendeten Fallbeispiele sind zwar frei erfunden, vergleichbare Fälle können aber tagtäglich in jeder Arztpraxis und Spitalsambulanz gefunden werden.

Die Idee zu diesem Buch entstand vor zwei Jahren anlässlich einer Diskussion über die Auswüchse im Gesundheitssystem mit dem Verleger des Haymon Verlags, Markus Hatzer, der das Gespräch nach einer Stunde mit dem Satz beendete: „Schreiben Sie das.“

Ich danke ihm für diesen Auftrag und die besondere Unterstützung des Verlages in allen Phasen des Unterfangens. Die feinfühlige und achtsame Begleitung durch meinen langjährigen Lektor Georg Hasibeder hat geholfen, Ordnung in die Gedankengänge eines Arztes zu bringen und den Text auch für medizinische Laien verständlich erscheinen zu lassen.

Schließlich haben die seit 20 Jahren fast täglich stattfindenden Gespräche und Reflexionen über die gemeinsame Arbeit mit meinem Kollegen Hermann Hauser den Blickwinkel auf das Gesundheitssystem beeinflusst und Eingang in den Text gefunden.

Das Leben als Wirtschaftsgut

Das Geschäft mit dem Leben

Lust ohne Folgen

Seit der Verbreitung der hormonellen Verhütung mit der Einführung der Anti-Baby-Pille ab 1961 hat sich in der „westlichen Welt“ das Werden des Menschen und damit sein Lebensverständnis grundlegend verändert: Von nun war Geschlechtsverkehr nicht mehr automatisch damit verknüpft, möglicherweise neues Leben zu schaffen. Die Lust war folgen- und angstfrei geworden, das eigene Leben, die eigenen Bedürfnisse waren in den Mittelpunkt der allgemeinen Interessen gerückt. Die unabänderliche Reihenfolge von Liebe, Lust, Zeugung, Leben und Tod war – zumindest, was den Anfang des Lebens anbelangt – planbar oder, genauer gesagt, verhinderbar geworden. Der Mensch hat in einem entscheidenden Teilbereich die „Herrschaft über Leben und Tod“ übernommen. Ein Zweck des Lebens, nämlich die Fortpflanzung zur Erhaltung der Art, durfte von nun an erfolgreich in Frage gestellt werden.

„Frau Doktor, mein Mann und ich sind jetzt seit acht Jahren verheiratet und wir bekommen kein Kind.“ So beginnt ein Gespräch zwischen einer 35-jährigen Frau und einer Ärztin in einem Ambulatorium. Die Ärztin fragt: „Ja, warum haben Sie so lange zugewartet, Hilfe in Anspruch zu nehmen?“ – „Ich habe nicht geglaubt, dass wir ein Problem haben werden. In meiner Familie hat es immer viele Kinder gegeben, meine Großmutter hatte neun Geschwister und weniger als fünf Kinder hat es nirgends gegeben.“

Die Ärztin beginnt, eine genaue Anamnese zu erheben, in deren Verlauf sich erst langsam herausstellt, dass die Patientin über insgesamt 17 Jahre ihres Lebens die Pille genommen hat und diese erst vor acht Monaten vom Frauenarzt abgesetzt wurde, weil „wir zuerst unser Haus fertigbekommen wollten“. Die Ambulanzärztin will die hilfesuchende Frau beruhigen und sagt: „Na, wenn es erst acht Monate sind, können Sie ruhig noch ein bisschen zuwarten, nach der Pille dauert es oft eine gewisse Zeit, bis sich wieder ein normaler Zyklus einpendelt.“ Da beginnt die Patientin, mit den Tränen zu kämpfen, und flüstert: „Ich habe so Angst, dass ich selber schuld bin, weil ich mit 17 einmal abgetrieben habe, und mein Mann weiß nichts davon und er darf das auch nicht erfahren, das müssen Sie mir versprechen!“

In den Industrieländern veränderte sich in der Folge die Einstellung gegenüber dem eigenen Leben und Tod dramatisch: War früher die Aussicht auf die eigene Sterblichkeit mit dem Trost versehen, in seinen Nachkommen fortzuleben, so stellte der Tod nach einem kinderfreien Leben nunmehr das endgültige Ende einer Ahnenkette dar. Im Gegenzug gewann das eigene Leben, unbeeinträchtigt von der Verpflichtung und dem Verzicht, den Nachkommen bedeuten, immer mehr an Gewicht. Kinder wurden seltener und bekamen daher einen neuen, bis dahin unbekannten Stellenwert. Seit sie bewusster und gezielt in die Welt gesetzt werden, gewinnt zusammen mit steigendem Wohlstand und medizinischem Fortschritt der menschliche Körper in der westlichen Welt an sich an Wert. Das körperliche und seelische Wohlergehen des Individuums rückte unablässig in den Vordergrund der gesellschaftlichen Werte und die Politik versucht, dem Wandel gerecht zu werden: Je weniger Kinder die Gesellschaft hat, umso besser müssen diese umsorgt und behütet werden.

Zuletzt wurde die ungewollte Zeugung menschlichen Lebens sogar als medizinischer „Notfall“ erkannt – so bezeichnete der österreichische Gesundheitsminister in einer Aussendung im November 2009 die „Pille danach“ als Notfallmedikament und sprach sich dafür aus, sie von der Rezeptpflicht zu befreien – auf Ansuchen der Herstellerfirma übrigens.

Aber schon wenige Jahrzehnte nach Einführung der Anti-Baby-Pille sollte sich herausstellen, dass es keinen Segen ohne Fluch geben würde. Denn zusammen mit dem Siegeszug der hormonellen Verhütung kam es in der westlichen Welt zu einer spürbaren Abnahme der Fruchtbarkeit. Sexualmediziner beklagen seit Langem eine Abnahme der sexuellen Lust an sich.

Die sogenannte Fertilitätsrate gibt an, wie viele Kinder eine Frau zwischen ihrem 15. und 45. Lebensjahr zur Welt bringt. Schon seit den 1970er-Jahren wird in den Industrieländern die Rate von 2,1 Kindern pro gebärfähige Frau – das sogenannte Fertilitätsersatzniveau – unterschritten. Unter diesem Niveau kommt es zu einer Abnahme der Bevölkerung. Die Ursache dafür ist nicht zuletzt der Siegeszug der „Pille“. Zeugungsschwierigkeiten nach vielen scheinbar sorgenfreien Jahren, in denen hormonell verhütet wurde, sowie unerfüllter Kinderwunsch als Begleiterscheinung von Lebensstil und Zeitgeist führten in den vergangenen Jahrzehnten zu bedeutenden Fortschritten in der medizinischen Behandlung von Unfruchtbarkeit – denn wo es mögliche Kunden gibt, lassen medizinische Produkte und Lösungen nicht lange auf sich warten. Wissenschaft und Forschung richten sich seit jeher nach den Bedürfnissen der Gesellschaft.

Der manipulierte Lauf der Natur

In Dänemark, dem Land mit der höchsten Rate an durch künstliche Befruchtung gezeugten Babys, wurden 2003 fast 4 Prozent aller Neugeborenen durch Insemination (als Insemination bezeichnet man die künstliche Übertragung männlichen Samens in die weibliche Gebärmutter) ins Leben gerufen und der Anteil ist stetig im Steigen.

Dieser Entwicklung muss die gesetzliche Freigabe der Abtreibung im Rahmen der „Fristenlösung“ als Kontrapunkt gegenübergestellt werden, die in Österreich und Deutschland in den 1970er-Jahren eingeführt wurde. Das „Recht auf den eigenen Körper“ drang in dieser Zeit als neues Lebensgefühl in die Gesellschaft, Kirche und Medizin gingen in der Frage des Lebensanfangs erstmals getrennte Wege. Nach heftigen öffentlichen Auseinandersetzungen wurde der Schwangerschaftsabbruch schließlich legalisiert, sofern er innerhalb der ersten drei Monate einer Schwangerschaft vorgenommen wird.

Seither steigt die Zahl der Abtreibungen von Jahr zu Jahr und beträgt in Österreich zurzeit, nach vorsichtigen Schätzungen, zwischen 30.000 und 40.000 jährlich. Dem stehen ungefähr 70.000 Kinder, die pro Jahr lebend geboren werden, gegenüber. Die Kosten für einen Schwangerschaftsabbruch betragen ca. 400 Euro und dabei sind Therapien möglicher psychischer Spätfolgen noch gar nicht mitgerechnet. Hochgerechnet auf die Gesamtzahl der Abtreibungen ergibt das also einen Millionenmarkt für Ärzte, Krankenhäuser und Ambulatorien, dem ein weiterer notwendig gewordener Millionenmarkt für künstliche Befruchtung und Unfruchtbarkeitsbehandlung gegenübersteht. Noch nie in der Geschichte der Menschheit war bereits in der Entstehungsphase des Lebens so viel Geld im Spiel – der Anfang einer neuen Industrie.

Frau B.S. ist regelmäßige Besucherin einer allgemeinmedizinischen Praxis. Seit Jahren befindet sie sich zusammen mit ihrem Lebenspartner wegen ihres unerfüllten Kinderwunsches in der Behandlung einer Spezialklinik. Dem Allgemeinmediziner gegenüber klagt sie regelmäßig über die horrenden Kosten und die mit der Zeit immer unfreundlicher werdende Behandlung. Sie könne ja schließlich nichts dafür, dass die teuren Befruchtungsversuche erfolglos blieben. Trotzdem möchte sie, vor allem auch in Anbetracht der bereits investierten Summe, die vorgeschlagene dritte Entnahme speziell vorbereiteter Eizellen zur Insemination versuchen. Sie bittet den Arzt um die Verabreichung der dazu notwendigen Hormoninjektionen zu den jeweils genau vorgegebenen Zeitpunkten. Aus Kostengründen. Und weil sie ein gutes Wort brauche, bei all dem Stress. Der konsultierte Arzt ist dazu bereit und verabreicht sowohl die Hormonspritzen als auch die ihm geeignet erscheinenden Worte, mahnt zur Geduld, macht Hoffhung. Er tröstet Frau B. S., indem er auf die Möglichkeit einer Adoption hinweist. (Die lehnt aber der Gatte von B. S. mit den Worten „entweder mein Kind oder keines“ kategorisch ab).

Eines Tages erscheint Frau B. S. wieder in der Sprechstunde. Kreidebleich. Verstört.

Der Arzt spürt, dass wieder ein gutes Wort zum Kassentarif nötig sein wird. Aber er ahnt nicht, was kommt.

„Herr Doktor, ich bin schwanger“, haucht sie mit gesenktem Kopf auf die Schreibtischplatte.

Der Arzt will seine Welt nicht mehr verstehen, als die Patientin nach längerem Schweigen hinzufügt:

„Aber nicht von meinem Mann.“ Und: „Bitte können Sie mir helfen?“

Natürlich kann der Arzt auch in diesem Fall helfen. Er steht vor der Wahl: Abtreibung – was in Anbetracht der Leidensgeschichte der Patientin Spott und Hohn wäre; oder der Rat zum Partnerwechsel, was er in diesem speziellen Fall wohl eher getan haben wird.

Aber nichts ist unmöglich. In jedem Fall kann geholfen werden. Zum Kassentarif oder privat. Auf der Universitätsklinik oder im Schwangerschaftsambulatorium. Der Arzt und sein Können, wissenschaftliche Erkenntnis, medizinischer Fortschritt und das Bedürfnis, damit Geld zu verdienen, sind zentrale und immer kompetente Drehscheiben für Lebensentwürfe und -unfälle geworden. Zuständig für Wünsche und deren Nichterfüllung.

Das kostbare Wunschkind

Alles beginnt mit der Geburt. Oder: hat begonnen, früher einmal. Denn längst ist die Geburt nicht mehr der Anfangspunkt neuen Lebens.

Heute beginnt neues Leben mit der Planung, dem Kinderwunsch. Dank der Anti-Baby-Pille ist die Fruchtbarkeit gezielt ausschaltbar und einsetzbar geworden. Nicht mehr gottgegeben, nicht mehr zufällig, sondern steuerbar – und zur Not, wenn die Natur den Menschen im Stich lässt, auch von Menschenhand machbar. Das Wunschkind ist möglich geworden, punktgenau, gewollt, aber leider auch teuer, nicht für jeden bezahlbar, nicht immer leistbar. Die kostengünstigere Kraft der Liebe spielt in absehbarer Zeit nur noch eine Nebenrolle, wenn man davon ausgeht, dass die Zeugungsfähigkeit der Menschen in der westlichen Hemisphäre noch weiter abnehmen wird.

Und noch ein Schritt: Wenn schon die Zeit bestimmt werden kann, dann sollte es auch möglich sein, ein gesundes, ein passendes, ein perfektes Kind zu bekommen. Wenn man es sich schon aussuchen kann, wenn man schon dafür bezahlt. Die Fortschritte in der Reproduktionsmedizin machen diese Entwicklung möglich, mitsamt ihren Folgeerscheinungen. Der Kunde ist König, die Kinder notgedrungen Prinzessinnen und Prinzen.

Während in anderen Teilen der Welt die Überreproduktion einer medizinisch im Stich gelassenen Bevölkerung die Lebensgrundlagen knapp werden lässt, werden im Westen bei Bedarf Spermien gezählt und stimuliert, wird inseminiert und in vitro gezeugt (in vitro bedeutet wörtlich „im Glas“ und heißt, dass Ei- und Samenzelle außerhalb des weiblichen Körpers zusammengebracht werden), werden Zellen entnommen und eingepflanzt. Das Wunschkind. Der Gipfel persönlicher Entfaltung. 1,3 Kinder für ein Paar. Zu wenig, um als Art zu überleben.

Wenn der Kunstgriff gelingt, hat ein so zustande gekommenes Kind einen besonderen Wert. Sowohl in Euro als auch emotional. Völlig anders zum Beispiel, als das Ergebnis einer zunächst vielleicht nicht erwünschten Schwangerschaft. Kein Zusammenraufen mehr. Kein Geschenk des Himmels, sondern selbstgemacht. Mit nicht unerheblichem finanziellen und emotionalen Aufwand. Lust- und freudlos im Reagenzglas. Gegen entsprechendes Entgelt. Mit ausgesuchtem Samen und gezielt entnommener, hormonell stimulierter Eizelle. Noch vor der Einpflanzung in die Gebärmutter auf mögliche genetische Fehler untersucht. Eine neue Form der Selektion. Zwei perfekte Einzelteile, die zusammengebracht nicht unbedingt den perfekten neuen Erdenbürger ergeben.

Oder doch mittels althergebrachter Methode, aber nach hormoneller Vorbereitung, zum bestmöglichen Zeitpunkt. Als Erfüllung eines letzten Wunsches nach dem abgeschlossenen Hausbau mit Doppelgarage und Schwimmbad. Nach beruflicher Karriere. Knapp vor der Menopause. Ohne Vorspiel, todernst in vorgeschriebener Stellung, zum vorbestimmten Zeitpunkt. Als Nachspiel eines Punkt für Punkt abgearbeiteten Lebensplans, als weiteres materielles Objekt, zur Befüllung des fertiggestellten Hauses. Oder zur Behebung oder Vermeidung psychischer Störung. Das Kind zur Heilung der Eltern, zur Rettung einer Beziehung, die ihre materiellen Ziele alle schon erreicht hat.

Auf der anderen Seite stehen all die abgetriebenen Föten, zur Unzeit gezeugt, vom falschen Mann, von der unpassenden Frau, während des Hausbaus, mitten auf der Karriereleiter, die zu schmal und zu steil ist, um mit Nachwuchs belastet zu werden. Die Zahl der legal durchgeführten Schwangerschaftsabbrüche ist so hoch wie nie zuvor. Ein stiller Millionenmarkt. Verworfene Leben, die das System nicht mehr weiter belasten. Es sei denn, man betrachtete die demografischen Kurven mit ihrer evidenten Überzahl an Senioren, Greisen und Pflegefällen. Ein hoher Preis, wie sich in einer gesamtvolkswirtschaftlichen Rechnung noch herausstellen wird, denn zugleich vermehrt sich alle fünf Wochen die Bevölkerung der Erde um ca. acht Millionen Menschen, was in etwa der österreichischen Bevölkerung entspricht.

Die Angstschwangerschaft

Die Schwangerschaft ist nicht länger ein Zustand besonderer Gesundheit, vielmehr wird sie wie eine Krankheit gesehen und von Anfang an behandelt. Man möchte heute fast fragen, wie sich die Menschheit jahrtausendelang ohne Vitamin- und Eisentabletten, ohne Blutabnahmen und Ultraschalluntersuchungen fortpflanzen konnte. Frühzeitiger Mutterschutz bei der geringsten Übelkeit, dem leisesten Ziehen im Bauch oder einem Risikofaktor in der Anamnese. Untersuchungen, Messungen, Berechnungen, ständige Kontrolltermine sichern Ärzte und Patienten gleichermaßen ab, sollen Normalität suggerieren. Das Bild einer Gesellschaft, die aus zahlentechnischen Gründen auf kein Kind mehr verzichten will.

Die Zeit der Schwangerschaft ist dem Zeitgeist entsprechend von allgegenwärtiger Angst und Unsicherheit durchsetzt. Eine unübersehbare Anzahl von Studien und Untersuchungen lässt bald jede Schwangerschaft als Risiko erscheinen. Ab 2010 werden in Österreich auf Empfehlung der zuständigen Fachgesellschaften ein Zuckerbelastungs- und ein HIV-Test für jede werdende Mutter in den Mutter-Kind-Pass aufgenommen. Ein beachtlicher Aufwand in Anbetracht von insgesamt ca. 4.000 HIV-positiven Frauen aller Altersgruppen in Österreich. Rein rechnerisch bewegt sich der Schaden, der dadurch verhindert oder minimiert werden kann, im Promillebereich. Dem gegenüber steht: Ein weiterer Arzttermin. Eine weitere Untersuchung. Ein weiteres Mal Bangen. Zittern. Auf ein Ergebnis warten. Verunsicherung. Ein weiteres Mal das Gefühl, dass die werdende Frucht schon frühzeitig vor möglichem Schaden bewahrt werden muss. Und neben allen psychischen Belastungen und deren Folgen entstehen Kosten, die der Gesellschaft aus ethischen Gründen nie zu viel werden dürfen. Wer anders denkt, ist ein schlechter Mensch. Wenn es hingegen möglich wäre, den Genuss von Alkohol während der Schwangerschaft zu verbieten, könnten alleine in Österreich pro Jahr ungefähr 1.000 neurologische Missbildungen verhindert werden. Doch dazu fehlen offenbar der öffentliche Mut und der politische Wille. Denn Alkohol zu verbieten kommt nicht so gut an wie eine Blutuntersuchung auf HIV-Antikörper.

In Afrika könnten um den Preis einiger Cent jedes Jahr sechs Millionen neuer Malariaerkrankungen verhindert werden, wenn Säuglinge im ersten Lebensjahr zweibis dreimal ein Malariamedikament erhielten.

Das wäre Effizienz!

Natürlich muss erwähnt werden, dass durch die Einführung dieser medizinischen Schwangerschaftsbegleitung Österreich von einem Nachzügler in Sachen Säuglingssterblichkeit ins internationale Spitzenfeld vorgerückt ist. Die Frage ist lediglich: Um welchen Preis wollen und können wir welche Ziele erreichen? Und bis zu welchem Punkt sollen immer mögliche Verbesserungen der medizinischen Begleitung eingeführt werden? Wann wird aus einer sinnvollen Betreuung belastende Bevormundung? Die Antwort darf keinesfalls die Angstschwangerschaft sein: ständig überwacht, nicht aus den Augen gelassen. Sonografisch dokumentiert, punktiert, biopsiert, bei Bedarf schon im Mutterleib korrigiert und sogar operiert. Und sollte die Nackenfaltenmessung eine Behinderung erwarten lassen, kann die mühsam gezeugte Frucht auch gleich legal abgetrieben, entsorgt werden.

Nicht, dass solche medizinischen Errungenschaften grundsätzlich abzulehnen wären, im Gegenteil. Aber die Leichtigkeit, mit der an einer kostspieligen, genetisch perfekten Welt gearbeitet wird, erschreckt. Nichts scheint mehr unmöglich. Leihväter, Leihmütter, jede genetische Variation wird durchgedacht. Und wenn bestimmte Zeugungsarten wie z.B. gewisse Formen der heterologen Insemination (künstliche Befruchtung unter Verwendung fremder Ei- oder Samenzellen) aus ethischen Gründen vom Gesetzgeber verboten worden sind, weichen die Patienten ins Ausland aus. Ein neues Kind als Maß aller Dinge. Geld spielt keine Rolle. Nachdenken ist verboten. Denn jeder Gedanke, der den reibungslosen Geldfluss im Gesundheitssystem in Frage stellt, wird augenblicklich als systemfeindlich erkannt und sofort bekämpft.

Doch inwieweit ständig verängstigte, verunsicherte Mütter „fehleranfälliger“ und damit anfälliger für Probleme während der Schwangerschaft werden, ist noch nicht untersucht worden. Weil solche Untersuchungen auch kein Geld brächten und die grundsätzliche Richtung des Systems in Frage stellen würden. Allerdings weiß man zum Beispiel, dass Patienten mit großer und langandauernder Angst vor Krebserkrankungen eine überdurchschnittlich hohe Anfälligkeit für die Krankheit haben.

Der Siegeszug des Kaiserschnitts

Wenn dann ein gereiftes Kind zur Welt gebracht wird, geschieht dieser „ent-scheidende“ Schritt mit zunehmender Häufigkeit in Form eines Kaiserschnittes – eine schmerzfreie Entbindung nach lustloser Zeugung. Waren in Deutschland 1995 18 Prozent aller Geburten Kaiserschnitte, so ist der Anteil bis 2005 auf 28 Prozent gestiegen. Zurzeit wird ca. ein Drittel aller Entbindungen mittels Kaiserschnitt vorgenommen und die Zahl steigt von Jahr zu Jahr weiter.

Die Begründungen für diese rasante Entwicklung sind unterschiedlich. Aber neben medizinischen Notwendigkeiten wie dem steigenden Geburtsgewicht der Feten in den Industriestaaten und der Risikoverminderung für Mutter und Kind werden auch Arzthonorare und die bessere Planbarkeit der Geburt genannt. Um keine unnötigen Risiken einzugehen. Risiken für das Kind, die Mutter, vor allem aber Risiken für den Arzt. Denn jeder Zentimeter des Weges auf die Welt ist mit einer Unzahl von möglichen medizinischen Komplikationen und damit juridischen Fallen ausgelegt: Ombudsmänner, Patientenanwälte und diverse Beschwerdestellen warten nur darauf, Ärzte und Spitäler zu verklagen. Bis zu 30 Jahre nach der Geburt können Regressforderungen gegen den Geburtshelfer geltend gemacht werden. 30 Jahre lang kann Geld für nicht perfektes Leben gefordert werden.

Körperliche Schäden an einem Neugeborenen oder dessen Mutter als Folge der Geburt sind in jedem Fall bedauerlich. Aus einem menschlichen Blickwinkel. Wirtschaftlich betrachtet aber ein wahrer Geldsegen für Anwaltskanzleien und die Rechtsindustrie, die in jedem möglichen Geburtsschaden vor allem ein Versagen, die Folge einer Fehlentscheidung, Unterlassung der notwendigen Sorgfalt und wie sonst noch die juridischen Bezeichnungen für Zwischenfälle lauten, erkennt. Klar und gnadenlos. In stunden-, tage- und wochenlangen Verhören, Untersuchungen, Erhebungen, Befragungen im Zeugenstand werden die Schwachstellen ärztlicher Tätigkeit herausgearbeitet und durch Gutachter aufgedeckt. Und durch Gegengutachten wieder relativiert. Schuldige werden gesucht und gefunden. Und gewaltige Geldsummen fließen. Nicht Nikotin oder Alkohol in der Schwangerschaft, sondern die Gynäkologen, die die beiden Suchtmittel nicht deutlich genug verboten, nicht ausreichend aufgeklärt haben, werden beschuldigt. Für Verhaltensstörungen und schlechte schulische Leistungen zur Rechenschaft gezogen.

Richtig verwertet, bedeuten solche – immer möglichen – Zwischenfälle für die Betroffenen, im Besonderen aber für die Rechtsanwälte und andere gutmeinende Ratgeber, immensen finanziellen Segen. Und den Ruin für den einzelnen Arzt. Die Versicherungs- und Haftungssummen für Kunstfehler steigen in beängstigende Höhen. Der Ruf eines Arztes kann aber noch nicht versichert werden. Und seine psychische Verfassung, seine Verletztheit und Menschlichkeit genauso wenig. (Es ist wohl kein Zufall, dass Ärzte das höchste statistische Risiko für Scheidung und Selbstmord haben.)

Da ist es doch besser, die Ärzte nehmen selbst das Geld als Honorar für einen genau geplanten Kaiserschnitt und vermeiden so Klagen. Und die Gesellschaft nimmt die Probleme, die sich durch einen Kaiserschnitt ergeben können – etwa durch das vermehrte Auftreten von Allergien, Stillschwierigkeiten oder geänderte Mutter-Kind-Beziehungen –, einfach in Kauf. Denn diese Probleme können ohnehin später noch gut und gewinnbringend behandelt werden. Alles ist machbar. Und für die Gesundheit darf nichts zu teuer sein.

So steigt die Zahl der Kaiserschnitte in der westlichen Welt von Jahr zu Jahr, von Gerichtsverfahren zu Gerichtsverfahren, von Gynäkologen zu Gynäkologen: Weil einer immer größeren Zahl von Frauenärzten immer weniger Geburten gegenüberstehen – und bestehende Kapazitäten des Gesundheitssystems müssen schließlich ausgelastet werden; und weil sich durch Kaiserschnitte Fehlerquellen minimieren lassen, auf dem Weg zur perfekten Geburt, punktgenau, risikolos; und schließlich, weil es für alle Beteiligten ein gutes Geschäft ist. Für alle, außer für die Neugeborenen – denn sie haben noch keine Lobby.

Und dann, nach perfekt geplanter und medizinisch umsorgter Zeugung, Schwangerschaft und Geburt, folgt nahtlos das Leben außerhalb der Mutter. Weiter ständig medizinisch beobachtet, weiter umsorgt, vermessen und kontrolliert. Von Impfungen und Blutabnahmen, bildgebenden und anderen Untersuchungen begleitet.

Nie normal.

Ein ganz normales Leben lang.

Das Geschäft mit der Gesundheit

Gesundheit – eine Frage der Medizin oder des Gefühls?

Seit Jahren geistert, manchmal häufiger, manchmal im Hintergrund, ein inhaltsloser Begriff durch Zeitungen und über Bildschirme, durch Wahlkämpfe und Regierungserklärungen. Und durch unser Altern und Sterben: „Gesundheitsreform“.

Aber um Gesundheit reformieren zu können, muss sie zuerst einmal definiert sein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Gesundheit nicht nur als das Fehlen von Krankheit und Gebrechen, sondern als einen Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens. Das Paradies auf Erden.

Die Thalassämie (Sichelzellanämie) ist eine Erkrankung des Blutsystems, die letztlich dazu führt, dass die betroffenen Patienten nicht in der Lage sind, ausreichend Sauerstoff an ihre roten Blutkörperchen zu binden. Allerdings hat sich herausgestellt, dass Menschen, die an Thalassämie leiden, so gut wie nie an Malaria erkranken. Und dass die Krankheit vor allem in den Malariagebieten rund um das Mittelmeer verbreitet ist. Das bedeutet, dass ein Thalassämiepatient in Bezug auf sein Blutsystem zwar als krank eingestuft werden muss, aber in Bezug auf die Malaria, die unter Umständen gefährlichere Krankheit, gesund bleibt. Gesundheit – eine Frage des Blickwinkels?

Herr K. H. ist seit seiner Geburt, bei der er eine Gehirnblutung erlitten hat, geistig zurückgeblieben. Alle Bewohner der Ortschaft sind mit ihm und seinen Eigenheiten, unter anderem der Tatsache, dass er gerne den Verkehr regelt, seit Langem vertraut. Erst als im Zuge einer politischen Reform ein ortsfremder Polizist in dem Ort installiert wird und Herrn H. eines Tages mitten in der Straße stehen sieht, wo er mit eigenartigen Bewegungen versucht, seine eigenen Vorstellungen einer Straßenverkehrsordnung umzusetzen, wird K. H. als krank erkannt und im Alter von 42 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Erst der ortsfremde Polizist hat das Nicht-gesund-Sein des Mannes erkannt, aufgezeigt und angezeigt.

Gesundheit ist also auch eine Frage des Vergleichs – verbunden mit der Frage, wer vergleicht. Gesundheit wird in Westeuropa anders definiert als in China oder Afrika, heute anders als vor zwei Jahrhunderten. Und Gesundheit ist im Leben jedes einzelnen Menschen, abhängig vom persönlichen Gefühl, anders definiert. Im Lauf der Geschichte hat sich der Begriff der Gesundheit ebenso gewandelt, wie er sich auch im Leben des Einzelnen wandelt. Im Krieg ist der Begriff anders besetzt als im Frieden, auch Mann und Frau, Kind und Greis haben unterschiedliche Vorstellungen von Gesundheit.

Doch mittlerweile ist der Begriff der Gesundheit in seinen verschiedenen Aspekten immer mehr von der sogenannten Gesundheitsindustrie besetzt, weil sie erkannt hat, welch ungeheurer finanzieller Segen mit der Erfüllung der diversen Gesundheitsvorstellungen und Gesundheitsideale verbunden ist. Und es ist dieselbe Industrie, die durch unscheinbares, aber konsequentes Lobbying das Gefühl des Einzelnen für richtig und falsch erklärt, gesund und krank außer Kraft setzt.

Die 32-jährige Frau A. B. unterzieht sich, dem Ruf der Medien folgend, im Zustand völligen Wohlbefindens einer Vorsorgeuntersuchung. Dabei werden leichtes Übergewicht, ein erhöhter Blutdruck sowie ein Nagelpilz am rechten Großzehennagel konstatiert. Frau A.B. konsultiert in den nächsten Wochen einen Facharzt für Innere Medizin sowie einen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten. Letzterer veranlasst seinerseits eine weitere Blutabnahme beim Hausarzt, um vor der Behandlung des Nagelpilzes die einwandfreie Funktion der Leber sichergestellt zu haben, da das zu verordnende Medikament die Leber belasten könnte. Dabei stellt sich heraus, dass Frau A. B. in ihrer Kindheit eine infektiöse Gelbsucht durchgemacht haben muss. Weitere Laboruntersuchungen, wegen eines unklaren Ultraschallbefundes eine Computertomografie. Eine kleine Geschwulst in der Leber, die sich als gutartig herausstellt. Tausende von noch nicht untersuchten Menschen hätten ähnliche Befunde, wird Frau A. B. beruhigt. Weitere Besprechungen, Tabletten.

Es folgt eine lebenslange kontrollierende und begleitende medizinische Versorgung.

Bevormundung und Verunsicherung.

Das verlorene Vertrauen in den Körper

Die moderne Medizin, der moderne Zeitgeist mit dem unstillbaren Bedürfnis nach Makellosigkeit und ewiger Gesundheit haben das Gefühl des Einzelnen für gesund oder krank völlig aufgeweicht und untergraben. Die natürliche Orientierungsgabe für die Beurteilung der eigenen Befindlichkeit ist außer Kraft gesetzt. Heilung und natürliche Besserung werden von verängstigten Patienten verwechselt. Die permanente Angst vor einer möglichen Krankheit ist zu einem neuen Symptom geworden. Man könnte es auch einen „Vertrauensverlust in die eigene Integrität“ nennen. Jede kleinste Veränderung am Körper wird akribisch gesucht und wahrgenommen und als mögliches Signal einer schweren Erkrankung verstanden.

Diverse Interessengruppen, auf die im Einzelnen noch eingegangen wird, haben den sogenannten gesunden Menschenverstand als endgültig krank und unzureichend erkannt. Kein Fernsehabend, keine Illustrierte, kein Magazin, keine Tageszeitung, kein Werbeblock ohne Hinweis auf die drohende Vergänglichkeit des Leibes – sollte nicht rechtzeitig gegengesteuert werden:

Zwei muskelbepackte Radfahrer im besten Alter sprechen im Werbeblock des Hauptabendprogramms lachend über bislang unentdeckt gebliebenes Cholesterin und dessen mögliche Folgen. Die Sonne lacht vom blauen Himmel. Und sie trinken gleich irgendein wirksames Gegenmittel, das sie Gott sei Dank zufällig bei sich haben. Wer möchte bei dem Anblick dieser Bilder nicht auch gleich etwas Gesundes gegen sein so gefährliches Cholesterin trinken? So werden, so bleiben wie die zwei älteren, durchtrainierten Herren, die während ihrer Radtour Zeit für ein Gespräch über Gesundheit finden?

Und bleiben wir bei den Medien. Schlagen wir irgendeine Zeitung auf. Wer ertappt sich nicht dabei, feststellen zu müssen, dass sein Körper, ja sein Leben an sich nicht dem überall und ewig präsenten Ideal entspricht? Wer müsste nicht feststellen, dass er Falten an der falschen Stelle hätte, ein Leberfleck noch nicht dem Hautarzt zur Begutachtung zugeführt worden wäre, die Zahnstellung und -farbe zu wünschen übrig lässt, dass Körpermaße nicht entsprechen, er nicht ausreichend versichert, nicht dem letzten Stand der Wissenschaft entsprechend geimpft oder ernährt wäre? Dass auch die eigene Sexualität nicht dem Ideal von immer und überall entspricht? Alleine die Tatsache, in letzter Zeit nicht beim Arzt oder Apotheker gewesen zu sein, sollte nachdenklich stimmen. Denn Arzt oder Apotheker sind die Priester einer neuen Religion, sie können immer helfen, eine neue und zeitgemäße Form von „ewigem Leben“ ermöglichen.

Die Tatsache, dass zugleich mit der Zeugung auch der unausweichliche Tod jedes Menschen festgelegt wird, gerät dabei zunehmend in Vergessenheit.

Fragen Sie Ihren Apotheker

Fast unbemerkt, subtil und unaufdringlich hat sich der zweifelsohne wichtige Berufsstand des Apothekers in den Gesundheitsmarkt gedrängt – eine weitere Kirche im Glauben an ein ewiges und unversehrtes Leben.

Im ländlichen Raum findet derzeit ein regelrechter Vernichtungsfeldzug der Apotheker gegen die hausärztlichen Apotheken statt. Eine nach der anderen muss aufgrund der gesetzlichen Richtlinien geschlossen werden, wenn eine öffentliche Apotheke im Abstand von sechs Kilometern eröffnet wird. Nicht unbedingt eine Verbesserung für die Versorgung der Patienten im ländlichen Raum, auf jeden Fall aber ein Gewinn für die betroffenen Apotheker. Dabei werden sowohl neue öffentliche Apotheken als auch Arztpraxen an grotesken Standorten eröffnet, weil es nur um die Einhaltung von Kilometer- und Meterabständen zur nächsten Arztpraxis oder Apotheke geht und nicht um Sinnhaftigkeit oder Notwendigkeit.

Früher stellten die Apotheker auf Rezept und Anweisung des Arztes die Medikamente zur Wiederherstellung der angeschlagenen Gesundheit her, beherrschten eine hohe und verantwortungsvolle Kunst. Aber die Kunst der magistralen Rezeptur geht zunehmend verloren, da die Pharmaindustrie einen Großteil der verwendeten Substanzen ohnehin schon fertig dosiert und abgepackt ausliefert.