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Wolfgang Morscher
Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen
aus Tirol

© 2010
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Wolfgang Morscher/Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen aus Tirol

Vom Riesen Haymon

Zu den bekanntesten Sagengestalten im deutschen Sprachraum gehört der Riese Haymon, der später zum Klostergründer von Stift Wilten wurde – aber bis es dazu kam, musste er viele Wege beschreiten, und diese verliefen nicht immer geradlinig.

Es gehört jedoch zum großen Geheimnis der Welt, dass sich erst im Nachhinein gewisse Lebensabschnitte als wichtig herausstellen, und so war es auch bei dem starken Riesen Haymon mit dem germanischen Namen, der sehr wahrscheinlich aus dem Rheintal stammte.

Haymon befand sich im besten Mannesalter – das heißt, er war schon einige hundert Jahre alt –, als er davon hörte, dass es im Inntal einen Drachen gab, der Mensch und Vieh das Leben schwer machte. Da sein letzter anständiger Kampf schon eine ganze Weile her und sein Leben in den vorangegangenen Jahren ziemlich fad gewesen war, packte er seine Rüstung und sein Schwert und machte sich auf, um gegen den Drachen zu kämpfen. Als Haymon nach einigen Tagen raschen Fußmarsches in das Inntal kam, da bemerkte er sofort, was hier los war. Angst und Schrecken herrschten hier, und je näher er zu der gewissen Sillschlucht kam, wo dieser feuerspeiende Drache seine Höhle hatte, desto zerstörter war die Umgebung. Ganze Bauernhöfe fand er in Schutt und Asche gelegt, auf den wenigen grünen Weiden stand kaum noch Vieh, und nur mehr ganz selten konnte er einen Mensch erblicken, der sich nicht schon versteckt hatte, als er sich näherte. Als Haymon nun die Sillschlucht fand, kurz bevor die Sill in den Inn fließt, da bemerkte er gleich den für Drachen typischen Gestank nach Schwefel und Aas.

„Dann werde ich mir mal eine sichere Unterkunft bauen“, sprach er zu sich selber, ruhte sich nicht lange aus, sondern zog sogleich mit einem Baumstamm die Grundrisslinien auf den Erdboden. Erst als es finstere Nacht war, legte er sich für ein paar Stunden hin, um gleich mit dem ersten Sonnenstrahl weiter an seinem Haus zu bauen. Haymon stellte sich dabei besonders geschickt an und bis zum Abend standen bereits die Grundmauern, es fehlte nur noch der Dachstuhl. Den ganzen Tag über hatte er niemanden gesehen, weder Mensch noch Vieh oder gar den Drachen. Es herrschte eine gespenstische Stille und Gespanntheit über dem gesamten Gebiet, doch das bemerkte Haymon nicht, denn Riesen kennen keine Angst. Diese Nacht schlief Haymon besonders fest und erst am neuen Morgen sah er, was in der Nacht vorgefallen sein musste: Jemand war gekommen und hatte seine festen Grundmauern niedergerissen; es sah aus, als hätte jemand mit einem Rammbock hier gewütet.

„Dass ich auch immer so fest schlafen muss“, ärgerte sich der riesige Mann und ballte die Fäuste.

„Das kann doch wohl kein Zufall sein? Aber was soll’s, ich baue mir mein Haus schon wieder auf! Es schien mir eh fast ein wenig klein, ich werde es noch größer bauen“, murmelte er in seinen Bart und hatte bei diesen Worten schon die ersten Steine wieder aufgerichtet.

Denn die Riesen können mittels ihrer Kräfte zwar viel bewerkstelligen, die Worte kommen ihnen aber nur sehr langsam über die Lippen. Der Eifer des Riesen beim Hausbau war enorm, und als er sich diese Nacht zur Ruhe legte, da standen schon wieder die Mauern, nur viel größer als zuvor.

Es graute der neue Morgen und Haymon stand wieder vor einem Trümmerhaufen. Sein Haus war ein weiteres Mal zerstört worden, während er sich von den Strapazen des Tages ausgeruht hatte. Nun aber war es mit seiner Geduld vorbei. Er stieß einen furchtbaren Schrei vor Wut aus, so dass die Erde ein wenig zu beben begann und von den Hängen der Felsschlucht Steine herabstürzten. Da sah Haymon einen Bauern, der ihn erschrocken anschaute und nur mit Mühe sein Gleichgewicht halten konnte.

„Wer war das?“, fragte Haymon den Bauern und versuchte seine Stimme unter Kontrolle zu bekommen.

Der Bauer brachte vor Angst keinen Ton heraus und musste sich auf einen der Steinbrocken setzen, da ihn seine Beine nicht mehr halten wollten.

„Wer hat was gegen mich und mein Haus?“, donnerte Haymon den Bauern an.

„Wird wohl der Thyrsus sein, bei Seefeld droben“, brachte der Bauer schlotternd heraus und zeigte mit der Hand in die Richtung.

Haymon legte nun bedächtig seine glänzende Rüstung an, nahm sein langes Schwert und machte sich über den Zirler Berg auf nach Seefeld. Haymon schäumte immer noch vor Wut; es dauerte gar nicht lange, da sah er ihn, den anderen Riesen. Den, den sie Thyrsus nannten, und der schon vor ihm hier war, weil er schon immer hier gelebt hatte. Natürlich war er es, der ihm heimlich und feige sein Haus zerstört hatte, während er schlief. Ja, so waren sie, die von dem anderen Geschlecht, die nicht zu den Bajuwaren gehörten, sondern zu den Rätern oder anderen Stämmen.

„Hinterhältig und heimtückisch, das wäre der bessere Name für dich“, schimpfte Haymon vor sich hin, „aber du Dümmling wirst nicht einmal wissen, dass du gar keinen Namen hast, sondern einfach nur Riese – Thyrsus – gerufen wirst …“

Nun schaute auch Thyrsus auf, der bei der Feldarbeit war, und nach Art der Riesen mit einem einfachen Fell und ein wenig Baumbart bekleidet war. Instinktiv riss er sich eine Birke aus, und da stand er auch schon vor ihm, der Fremde mit dem zornigen Blick, seiner glänzenden Rüstung, wie sie die Menschen trugen, und mit einem scharfen Schwert. Es wurde nicht lange geredet, es wurde sofort gekämpft, und Thyrsus gab sein Bestes, den Angreifer abzuwehren. Doch Haymons Schwert war flink und Thyrsus fiel zu Boden. Er war an der Ferse getroffen und konnte keinen Schritt mehr gehen, Blut tropfte erst langsam, dann immer schneller herab – es bildete sich eine kleine Lache, die allmählich in dem trockenen Boden versickerte.

„Spritz Bluet – ist für Vieh und Leut’ guet“, sprach Thyrsus mit zittriger Stimme.

Er riss noch eine Grasscholle aus und stopfte sie sich in die Wunde, doch er brachte die Blutung nicht zum Stillstand und starb bereits kurze Zeit später auf seinem Feld.

„Das ging aber schnell“, dachte Haymon bei sich, „das scheint eine delikate Stelle zu sein, da werde ich auch bei mir in Zukunft aufpassen. Da habe ich dem Übeltäter eine verpasst und noch gleich etwas gelernt!“, und er ging mit Riesenschritten wieder ins Inntal hinab, um sich sofort wieder an die Arbeit zu machen. Er spuckte kurz in die Hände und legte sorgfältig einen Stein auf den anderen.

„So, heute nun kann ich mich unbesorgt zur Ruhe legen. Hach, ich freu’ mich schon auf den morgigen Tag“, dachte er noch kurz, bevor er in den Schlaf fiel.

Am nächsten Morgen schlief er ein wenig länger und wurde von einem ungewohnten Stimmengewirr wach. Als er sich den Schlaf aus den Augen gerieben hatte und ein lautes Knurren aus seinem hungrigen Magen hörte, da sah er erst, dass er von mindestens zwanzig Menschen begafft wurde, die alle nur darauf warteten, dass er endlich aufwachen würde. Und nun endlich bemerkte er auch etwas anderes: Sein Haus war in der Nacht ein weiteres Mal zerstört worden.

„Oh nein! Wie kann das sein?“, rief er entsetzt. Er hatte doch den hier sesshaften Riesen Thyrsus im Kampf getötet, wer sollte ihm nun schon wieder sein Haus zerstört haben? Oder sollte er gar den Falschen bekämpft und ein Unrecht begangen haben?

Die Menschen fingen an, nach seiner Fährte zu suchen und zeigten ihm schon bald Aschereste und Spuren von stinkigem, glitschigem Schleim.

„Das kann nur der Drache gewesen, der Silldrache spielt mir jede Nacht also diesen üblen Streich. Das wird es mir heimzahlen, dieses Sauviech“, schwirrte es ihm durch den Kopf.

„Haymon, sieh dich vor, handle nicht unüberlegt“, warnten ihn die Menschen, als er sich im Eiltempo die Rüstung anzog. „Wir wissen nicht viel über ihn. Auf einmal war er da und niemand, der versucht hat, gegen ihn zu kämpfen, wurde jemals wieder lebend gesehen. Wir wissen auch nicht, ob er allein in der Sillschlucht lebt oder ob es noch andere von seiner Sorte gibt. Vergiss nicht, dass sein Blut und seine Zunge giftig sein können!“ Doch Haymon hörte schon nicht mehr zu, er war bereits in der rauschenden Sillschlucht verschwunden.

Die Menschen nun blieben hier an diesem Ort, wo der Haymon sein Haus bauen wollte. Einer von ihnen begann ein Feuer zu machen und eine der Frauen fing an, einen Kräutertee aufzustellen. Schon seit einigen Stunden hörten sie die Kampfgeräusche aus der Sillschlucht hallen. Mal brüllte der Riese, mal brüllte der Drache. Riesige Feuerzungen zuckten in die Luft, an einigen Stellen flogen glimmende Kohlestücke auf und langsam breiteten sich Rauchschwaden aus. Endlich erschien er wieder, der Riese Haymon, und jubelnd hielt er den Menschen die Drachenzunge entgegen, als Zeichen, dass er das Untier besiegt hatte.

„Das war ein Kampf!“ – mehr sagte er nicht, aber das reichte den Menschen und sie feierten ein Freudenfest, wie man es schon lange nicht mehr getan hatte.

In den nächsten Tagen begannen die Menschen, dem Riesen beim Hausbau zu helfen, und das Gebäude wuchs mit jedem Tag und wurde immer prächtiger. Doch Haymon wurde immer wortkarger und erschien den Menschen fast nachdenklich, traurig. Ein Missionar, der aus der Schweiz das Oberinntal herunterkam, gesellte sich zu ihnen und erzählte ihnen vom Christentum. Besonders Haymon schien von seinen Worten angetan zu sein, er fasste großes Vertrauen zu dem Missionar und erzählte ihm von seinen Gewissensbissen, da er den Riesen Thyrsus getötet hatte. Aus Reue und Sühne nahm der Riese Haymon schließlich den Glauben der Christen an und wollte in seinem großen Haus nicht mehr alleine wohnen, sondern gründete das Stift Wilten. Und es dauerte nicht lange, da kamen Mönche, um mit ihm in einer Klostergemeinschaft zu leben.

Die Bauern waren dem Riesen natürlich sehr dankbar, dass er sie von dem Drachen befreit hatte, der ihnen alles, was sie hatten, zerstört hatte. Noch dazu baute er wenig später eine Brücke über den Inn und legte damit die Weichen zur Stadtgründung Innsbrucks. Sie lieferten dem Stift Wilten Zins ab und ließen Haymon die Grenzen von Grund und Boden festlegen. Dazu nahm er einen sehr großen Stein, legte ihn sich auf die Schulter und stieß ihn mit aller Kraft von sich.

„Bis dorthin, wo der Stein fliegt, ist alles mein“, sprach er keuchend.

Und so war es. Noch heute liegt der Stein des Haymon, um ein paar Meter verschoben, in den Wiltener Feldern bei den Sillhöfen. In den Feldern bei Seefeld aber, da hat sich auch der letzte Satz des Thyrsus bewahrheitet. Heute noch wird dort aus dem harten Stein das „Thyrsusblut“ gewonnen, auch Dirsten- oder Steinöl genannt, das Ichthyol, welches vielleicht nicht besonders gut riecht, aber schon manchem geholfen hat.

Der Riese Haymon aber lebte noch einige Jahre, bis zu seinem Tod im Jahre 878, im Kloster. Wie es einem Klostergründer gebührt, wurde Haymon an der bedeutendsten Stelle in der Kirche begraben, und zwar hinter dem Altar. Auf seinen Sarkophag wurde eine Holzstatue gelegt, die ganz nach seinem Ebenbild geschaffen wurde und 12 Werkschuh und vier Zoll lang ist. Im Nachhinein wurde ihm sogar ein Wappen verliehen und er damit in den Adelsstand erhoben: Auf einem Helm ruht ein rotes Kissen, auf dem ein Leopard sitzt. Das Feld des Schildes ist grün, ein weißer Querbalken liegt in der Mitte.

Auch die Drachenzunge wurde in Silber gefasst und im Altarraum aufbewahrt. Beides ist heute noch erhalten und wird im Stift Wilten aufgehoben. Am Eingang der Stiftskirche Wilten stehen heute noch zur Erinnerung die überlebensgroßen Statuen vom Riesen Thyrsus mit der Keule und dem Riesen Haymon mit seinem Schwert.

Frau Hitt

Weit über die Grenzen Tirols hinaus kennt man sie, die Sage der Frau Hitt, manchen ist sie auch unter Frau Hütt bekannt. Ein markanter Felszacken an der Nordkette, hoch über der Landeshauptstadt Innsbruck, trägt ihren Namen, so viel wissen die meisten. Aber wie kam es dazu? Frau Hitt war eine Riesenkönigin und beging einen Brotfrevel.

Lange vor unserer Zeit, als noch nicht einmal die Stadt Innsbruck existiert hat, da lebte hier eine Riesin, die bald zur Königin wurde. Ihre Kühe weideten an den grünen Hängen der Nordkette und gaben reichlich Milch. Bis zu den obersten Bergspitzen reichten die saftigen Wiesen und die Menschen, die für die Riesenkönigin schufteten, hatten viel Arbeit mit Melken und der Weiterverarbeitung der Milch und natürlich auch mit der Vermarktung und mit dem Verkauf. Frau Hitt brauchte sich bald um nichts mehr zu kümmern, mit jedem Tag wuchs ihre Viehherde, und mit jedem Tag wurde sie reicher. So benahm sich Frau Hitt auch bald nicht mehr wie andere Riesen, ihr lag nichts mehr daran, ihre Körperkräfte mit anderen Riesen zu messen, und sie wollte sich bald auch wie eine Königin kleiden. War sie früher noch mit Kleidern aus Leinen und Fell zufrieden gewesen, so trug sie jetzt nur noch Kleider aus feinster Seide, mit Goldfäden durchzogen.

Eines Tages ging ihr Sohn in den Wald zum Spielen und kam erst nach vielen Stunden wieder heim ins Schloss. Doch was war geschehen? – Ihr Sohn war von oben bis unten voll Dreck und Moder. Sein Gesicht war kreidebleich und seine Knie zitterten.

„Ja Bubele“, rief Frau Hitt entsetzt, „wer hat denn dich so hergerichtet?“

Er hatte sich die ganze Zeit so fest zusammengenommen, als er aber die Worte seiner Mutter hörte, da kamen ihm dann doch die Tränen.

„I wollt’ mir ja nur ein Steckenpferd aus einem Tannenwipfel brechen – und da bin I hinuntergekugelt, in den Sumpf hinein.“

Und schluchzend sprach er weiter: „Und da bin i fast nimmer ausserkemmen. I war bold dertrunken, jo, bold dertrunken war i!“

Nun musste die Riesin fast selber mit ihren Gefühlen kämpfen, schnell wandte sie sich an ihren Diener:

„Er nehme feines, weißes Brot und werde meinen Buben damit trocken tupfen!“

Der Diener machte große Augen, war es aber gewohnt, nicht zu widersprechen. Frau Hitt kannte ihn sehr gut und bemerkte daher auch, dass dieser eine Augenbraue besonders weit nach oben zog, wie er es immer tat, wenn er einen ihrer Befehle nicht verstand.

„Und er nehme so viel Weißbrot, wie es eben für meinen Buben braucht, um ihn trocken zu bekommen!“, setzte sie nach.

Die anderen Diener waren in der Zwischenzeit schon in die Küche gelaufen und brachten große Körbe mit frischem, hellem Brot. Als sie nun anfingen das Brot zu brechen und den nassen Dreck von dem Riesenjungen zu wischen, da verfinsterte sich der Himmel. Ein gewaltiges Donnern ertönte und die Erde fing an zu beben. In rasender Geschwindigkeit ereigneten sich nun die Dinge, und dennoch erschien es den Anwesenden wie Stunden. Einzig die Blitze, die über den nachtdunklen Himmel zuckten, erhellten für Sekundenbruchteile die Szenerie. Schwere Gesteinsmassen lösten sich aus der Nordkette und nahmen auf ihrem Weg ins Tal alles mit, was sich ihnen in den Weg stellte. Tonnen von Gestein rollten herab, es wollte einfach kein Ende nehmen, und bereits nach wenigen Minuten konnte man das frühere Reich der Frau Hitt nicht mehr wiedererkennen. Wo vorher noch grüne saftige Wiesen waren, da gab es nur mehr karge Felswände in einem fahlen Grau. Auch von dem prächtigen Schloss der Riesenkönigin war nichts mehr zu sehen – einzig Frau Hitt selber, die noch schnell zu ihrem Buben gelaufen war und ihn in ihre Arme geschlossen hatte, war für alle weithin zu sehen. Versteinert stand sie da, hoch oben am Felsenkamm der Nordkette. Sie hatte ihre Lektion erhalten und sollte nun für jeden, der hier vorbeizog, ein Mahnmal sein.

Die Innsbrucker Bevölkerung kennt jedoch noch eine Version, wie es zu der Versteinerung von Frau Hitt kam:

An einem schönen Tag machte Frau Hitt mit ihrem Gefolge einen Ausritt in die herrliche Umgebung. Auf dem Rückweg ins Schloss begegnete ihr eine Bettlerin, die dort mit ihrem kleinen Jungen in der Sonne saß, um sich zu wärmen. Beide hatten Hunger und beiden war kalt, vor allem aber dem kleinen Sohn, denn er war fast nackt. Schon von weitem sah man die Riesenkönigin herannahen; ihre Kleider, die mit Gold und Edelsteinen besetzt waren, glänzten und blitzten wie die Sonne selber.

Schwach richtete sich die junge, aber völlig entkräftete Frau auf und streckte bittend die Hand aus:

„I bitt di, hast du wohl eine milde Gabe für uns?“, fragte sie demütig.

„Ich habe selber nichts, was könnte ich dir schon geben, was bildest du dir eigentlich ein?“, antwortete Frau Hitt.

„Ja, hast du nit wenigstens ein Stück Brot für uns, wir haben entsetzlichen Hunger“, bat die Mutter.

Da lehnte sich die Frau Hitt zur Seite und brach einen Stein aus der Felswand.

„Da hast du dein Stück Brot für dich und deinen Balg!“, sprach die Riesin höhnisch lachend.

Doch nun stand die junge Mutter auf, mit erhobenem Kopf und eiserner Stimme brüllte sie die Worte heraus:

„Und so hart wie dieser Stein und wie dein Herz bereits ist, so sollst auch du werden!“

Da kamen tiefschwarze Wolken und verfinsterten den Himmel, Gesteinslawinen brachen von der Nordkette herab und bedeckten alles, was früher grün und fruchtbar gewesen war und was je von Menschenhand gebaut worden war. Frau Hitt aber konnte sich von diesem Moment an nicht mehr bewegen, sie war versteinert, und wie von unsichtbarer Hand wurde sie auf den Rand der Nordkette gestellt, so dass man sie aus der ganzen Umgebung sehen konnte. Auch heute noch steht sie hoch über Innsbruck und erinnert daran, was einst geschah.

Doktor Paracelsus und der Teufel

Über Hötting am Berg steht der sogenannte „Spitzwald“, dort, wo der Stangensteig beginnt, von welchem ein Teil, der zum Schutz gegen abbröckelndes Gestein nicht gefällt werden darf, der „alte Bannwald“ heißt. Über diesen Bannwald erzählt eine alte Höttinger Sage Folgendes:

In der Zeit, als der Wunderdoktor Paracelsus in Innsbruck wohnte, war es ihm zur Gewohnheit geworden, in den nahegelegenen Wäldern wandern zu gehen, und so kam er an einem frühen Sonntagmorgen auf den Stangensteig. Dort angekommen, hörte er plötzlich seinen Namen rufen: „Paracelsus! Paracelsus!“

Der Doktor schaute sich um und merkte erst nach langem Schauen, dass die Stimme aus einer nahen Tanne kam. Rechts am Stamm fand er ein kleines Loch, das mit einem Holzzapfen zugepfropft war, auf welchem drei Kreuze eingeschnitzt waren. Aus diesem Löchlein im Baum musste die Stimme kommen, und Paracelsus erfuhr durch ein geschicktes Frage-Antwort-Spiel, dass hier der Teufel persönlich eingesperrt war. Das hatte ein kundiger Teufelsbanner aus Innsbruck getan.

„Was gibst du mir, wenn ich dich herauslasse?“, fragte Paracelsus.

„Was willst du?“, antwortete die hohe Stimme aus dem Baum.

„Als Erstes möchte ich eine Arznei, mit der man alle Krankheiten heilen kann, als Zweites eine Tinktur, mit der man alles in Gold verwandeln kann, und als Drittes …“, doch hier wurde Paracelsus von der Stimme im Baum unterbrochen.

„Stop! Genug!“, rief der Teufel, „ich mag die Dreizahl nicht, auf diesen Trick falle ich nicht noch einmal rein. Die zwei Dinge kannst du also von mir haben, aber damit ist genug. Und schließlich und endlich musst du mich erst einmal herauslassen.“

„Nun gut“, sagte der junge Doktor und zog den kleinen Zapfen aus dem Stamm, woraufhin auch schon eine schwarze Spinne herauskroch und sich an einem langen Spinnenfaden auf den Erdboden abseilte. Wenig später stand ein hagerer Mann mit glühenden Augen vor ihm, dessen Aussehen ganz sicher nicht an das Äußere eines Heiligen erinnerte.

„Ich danke dem Paracelsus und werde auch sofort meinen Teil des Handels erfüllen“, sprach galant der Teufel und brach eine Haselstaude ab, schlug auf den nahen Felsen, der sich krachend spaltete, und ging durch einen Spalt hinein.

Es dauerte nicht lange und schon war er wieder da, zwei durchsichtige Ampullen in den Händen haltend, die oben verschlossen waren.

„Die gelbe hier ist die Goldtinktur, die durchsichtige die Arznei“, sprach der Höllenfürst und übergab Paracelsus die zwei erfüllten Wünsche. Der Spalt im Felsen schloss sich wieder, denn das Geschäftliche war erledigt.

„Nun aber werde ich mich mit dem lumpigen Geisterbanner in der Stadt beschäftigen“, meinte der Beelzebub und wollte schon seinen Hut zum Abschied lüpfen, da wirbelten dem Paracelsus die Gedanken nur so durch den Kopf. Wenn er nichts unternehmen würde, dann würde der fremde Schwarzkünstler wahrscheinlich vom Teufel geholt werden, und das wollte er natürlich verhindern, dass ein Berufskollege durch ihn den Tod finden würde.

„Das ist eine weise Entscheidung“, merkte Paracelsus an, „und das wird keine leichte Arbeit werden, denn dieser Mann muss ein großer Zauberer sein, dass er es geschafft hat, den Höllenfürsten in ein so kleines Loch zu bringen. Und noch dazu in der winzigen Gestalt einer Spinne!“

„Ah, nix da!“, lachte der Teufel höhnisch. „In eine Spinne verwandeln kann sich jeder ordentliche Teufel und Kriechen ist keine Kunst, das haben wir von den Menschen gelernt, dafür brauchte es doch keinen Geisterbanner!“

„Geh, plausch nit so in d’ Welt hinein, mich führst d’ nit an!“, erwiderte Paracelsus. „Ich habe mein Lebtag von Teufelsspuk gehört und viel davon gesehen. Die Verwandlung in eine Habergeiß, in Beißwürmer und in anderes Getier, das ist nichts Großes – die Verwandlung in eine Spinne aber, das kann nicht jeder.“

„Hast du keine Augen im Kopf, wirst wohl gesehen haben, wie ich als Spinne aus dem Loch gekommen bin“, antwortete der Teufel und wurde nun schon ein wenig ärgerlich.

„Oh mei, Blendwerk, nichts als Blendwerk war das“, sagte der Doktor, „du bist ein Lügenbeutel und ein Prahlhans, euch Teufeln hat ein größerer Herr schon lange das Handwerk gelegt. Ja, ich würde sofort meine zwei Wunderflascheln wieder verwetten, wenn du mich davon überzeugen könntest.“

„Topp! Es gilt!“, rief der dumme Teufel und verwandelte sich wirklich wieder in eine Spinne und kroch in das Loch in der Tanne. „Nun schau! Siehst du’s, die Flascheln sind mein!“

„Nein, nein, ich glaub’s nicht recht“, schrie Paracelsus ins Loch hinein und steckte das Zäpflein, welches er die ganze Zeit über in der Hand verborgen hielt, schnell auf das Loch und schlug es mit der Faust fest hinein. Dann kerbte er mit einem Messer die drei Kreuze noch tiefer – der Teufel war wieder gefangen.

Da nützte kein Bitten und kein Drohen und auch die Wut, mit welcher der Teufel im Stamm rumorte und am Stamm rüttelte, so dass alle Tannenzapfen von den Ästen flogen, war vergebene Liebesmüh. Paracelsus ging nun voll Spannung über die zwei gewonnenen Zaubermittel zu sich nach Hause und probierte sie in seinem Laboratorium sofort aus. Und wirklich, die Mittelchen hielten das, was sie versprachen, und er wurde durch sie der reichste Mann und der berühmteste Zauberer im Alpenraum. Der Teufel soll aber noch immer in einem Baum am Stangensteig gefangen sein, und schon mancher soll gesehen haben, wie der Baum vom Innern heraus geschüttelt wurde. Auch die Bezeichnung Bannwald soll von dem in den Baum gebannten Teufel stammen.

Das Höttinger Kasermandl

Es ist schon viele Jahre her, da gingen einmal drei Jäger von Hötting auf die Jagd. Weil sie sich aber in der Zeit vertan hatten, es war bereits Spätherbst, wollten sie am selben Tag nicht mehr heimgehen, sondern gingen zur „Umbrüggler Alm“, um in der Hütte zu übernachten. Allen dreien waren die Erzählungen vom Höttinger Almputz bekannt, aber welches gestandene Mannsbild glaubt schon an solche Ammenmärchen?

In der Hütte machten sie sogleich ein Feuer und es dauerte gar nicht so lange, da wurde es wohlig warm.

„Sonst müssen halt wir zusammenkriechen und uns wärmen, ich hab ja eigentlich die Weiber lieber, aber in der Not nehm ich auch ’nen Bärtigen mit ins Bett“, spöttelte der Eine.

„Bevor ich mit dir unter eine Decke krieche, mache ich mir lieber selber warme Gedanken“, gab der Zweite lachend zur Antwort.

„Da würd’ das Kasermandl wohl Augen machen, was in seinem Winterquartier so alles getrieben wird“, sagte der Erste keck und suchte sich ein Holzscheit, nahm sein Taschenmesser und begann zu schnitzen.

Der jüngste der drei Jäger sagte nichts dazu und begann den Tisch für ihre Jause herzurichten. Als sie miteinander beim Essen waren, zog der Erste das bearbeitete Holzscheit hervor und machte noch schnell mit seinem Taschenmesser ein paar Hiebe ins Holz:

„Sodala, jetzt hast a Pappen und zwei Augen, und wart’ “, der Schnitzer stand auf und sah sich in den dunklen Ecken der Hütte um. Er fand dort einen Hut, den er der Holzpuppe aufsetzte und einen alten „Huder“, den er der Puppe umhing. „Ha, wenn das nicht das Höttinger Kasermandl ist“, rief er lachend und schenkte allen einen großen Schnaps ein. „Prosit, aufs Kasermandl“, und alle drei leerten ihre Gläser.

„Ja, Kasermandl, du hast nicht ausgetrunken, das gehört sich aber nicht, gell“, und nun fing er an, der Holzpuppe den Schnaps in den Mund zu kippen. „Und gessen hast auch nichts, sind wir etwa nicht die richtige Gesellschaft für dich“, und stopfte ihr Speckstreifen in den Holzmund.

„Jetzt reicht’s, hört auf mit euren Faxen, das ist ja nicht zum Aushalten“, ermahnte der Jüngste die Jagdfreunde, doch er bekam nur zur Antwort, dass er ja gehen könne, wenn er’s nicht mehr aushielte.

Der zweite der Jäger bog sich vor Lachen und schaute unter den Lumpen, mit dem die Puppe bedeckt war, „wird’s wohl kein Weibele sein, das sich ziert, mit uns zu zechen. Aber was sehe ich denn da, ich glaub, da fehlen noch ein paar Details“, und die Jäger hörten gar nicht mehr auf mit ihren derben Späßen.

In dem Augenblick zog draußen ein Gewitter auf und es fing zu blitzen und zu donnern an, so dass der Jüngste zitternd auf den Heustock ging und sich warm einkuschelte. Als die beiden anderen trotz Blitz und Gekrache ihr Spiel fortsetzten, da tat es ganz nahe bei der Hütte einen so gellenden, unheimlichen Pfiff, dass die Frevler windelweiß wurden und den hölzernen Putz schleunigst ins Feuer warfen. Wie von der Tarantel gestochen, schwangen sich die zwei auf den Heustock hinauf und versteckten sich im Heu. Doch da stand er schon vor ihnen, der leibhafte Almputz. Den Jüngsten zog er an den Haaren aus dem Heu und gab ihm eine gehörige Maulschelle, dass ihm der Kopf dröhnte und die Zähne aufeinanderschlugen. Dem Zweiten versetzte er einen solchen Schlag auf den Fuß, dass er zeitlebens davon hinkte.