image

Wolfgang Morscher
Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen
aus Kärnten

© 2010
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7483-4

Umschlag und Buchgestaltung:
Kurt Höretzeder, Büro für Grafische Gestaltung, Scheffau/Tirol
Mitarbeit: Ines Graus
Coverabbildung: Carl Haunold: Hochgebirgsföhre (1856), Öl auf Papier auf Leinwand, 50,5 × 34,7 cm, Oberösterreichische Landesmuseen/Schlossmuseum, Linz

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Wolfgang Morscher/ Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen aus Kärnten

Der Tod und die Tödin

In manchen Gegenden hat der Tod eine Partnerin, die Tödin. Wenn beide zusammen auftreten, dann nehmen sie natürlich mindestens doppelt so viele Menschen mit in ihr Totenreich, als wenn sie alleine kommen würden.

In Malta sprach der Tod zur ‚Teadin‘:

„Ich nehme die Sense und du den Rechen. Ich werde mähen und du rechst nach.“

So zog das Todespaar den Maltaberg hinauf. Als die beiden zum letzten Bauern kamen, begannen sie mit ihrer Arbeit. Der Tod fing an zu mähen, fein säuberlich, Schnitt um Schnitt, den ganzen Maltaberg hinunter, und die Tödin arbeitete mit ihrem Rechen im gleichen Tempo hinterher. Während der Tod und seine Frau am Mähen und Zusammenrechen waren, brach auf dem Maltaberg die Pest aus und wütete so furchtbar, dass kein Mensch am Leben blieb.

In anderen Gegenden Kärntens stellt man sich die Tödin nicht als ein Totenskelett vor, sondern als ein schwarzes, altes Weib. In Seeboden am Millstätter See wird davor gewarnt, an einem Sonntag Wäsche zu waschen, denn sonst kommt die ‚Teadin‘ und wäscht mit. Oft schon hat man sie am Bach ‚ploien‘ gehört, und wenn man sie zu sehen bekam, dann zeigte sie sich als ein abschreckend hässliches Weib, das einen Flickenrock und einen ‚flakaten‘ (herabhängenden) Hut auf dem Kopf trug.

Auch in Fellach bei Villach und in der Umgebung wurde die ‚Teadin‘ oft gesehen. Auch hier gesellte sie sich gerne zu den Waschfrauen, die bei Mondschein wuschen. Wenn die Wäscherinnen dann bemerkten, dass die Unbekannte kein menschliches Wesen war und plötzlich immer größer und größer wurde, dann ließen sie alles liegen und stehen und ergriffen schreiend die Flucht.

Eines Nachts hatten sich wieder einmal mehrere junge Mädchen am Fluss versammelt, um zu waschen und ihre Weißwäsche danach auf dem Gras im Mondschein zu bleichen. Da kam die Tödin herbei und half ihnen bei der schweren Arbeit, doch bald war es mit der vorgespielten Hilfsbereitschaft vorbei und mit unheimlicher Geschwindigkeit wurde die Gestalt immer größer. Die Mädchen erschraken und rannten aus Leibeskräften, die wachsende Alte setzte ihnen flink hinterher und versuchte, eine der jungen Frauen mit einem Fetzen einzufangen. Völlig außer Atem konnten die Wäscherinnen noch vor der Tödin ihre Hütte erreichen und versperrten die Tür. Als die Tödin wenige Sekunden später vor der versperrten Tür stand, nahm sie ihren Fetzen und schlug damit immer wieder auf die Holztür. Als der Spuk sein Ende fand, konnte man viele Kratzspuren auf der Außenseite der Tür sehen, die später noch lange an dieses schreckliche Erlebnis erinnerten.

Die Leute sagten, dass die Tödin nur deswegen nicht eines der Mädchen mit ihrem Fetzen fangen und töten konnte, weil es ihr bisher noch nie gelungen war, einen Menschen damit zu erdrosseln.

Ein Soldat ging einmal bei Mondschein über eine Brücke und sah eine schöne Wäscherin am Bach bei der Arbeit. Der junge Mann dachte nicht weiter nach und warf dem jungen Mädchen seine Mütze zu. Es nahm seine Mütze, klopfte damit dreimal auf einen Stein und die Mütze war schneeweiß. Dann drehte es sich zu dem Soldaten um und warf ihm seine saubere Mütze zu. Der Bursche erkannte nun, dass er es mit der Tödin zu tun hatte und ergriff schleunigst die Flucht. Die Tödin verfolgte ihn zwar, doch der Soldat war schneller.

Mit den Wäschestücken, welche die Tödin wusch, hatte es eine besondere Bewandtnis. Wenn nämlich Wäsche am Abend nicht von der Leine genommen oder ins Haus geholt wurde, dann kam die Tödin in der Nacht und wusch sie nochmals aus. Das passierte einmal mit dem Hemd eines Burschen, und ohne davon zu wissen, ging er darin zur Tanzmusik. Auf dem Heimweg dann bekam er heftigen Schüttelfrost und kurze Zeit später war er bereits eine Leiche. Denn was die Tödin gewaschen hat, bringt seinem Träger den Tod.

Ein Bauer ging einmal um Mitternacht nach Hause. Da bemerkte er, dass einige Meter vor ihm eine Frau mit einem großen Schlapphut auf dem Kopf herging. Er wollte sie überholen, doch je schneller er ging, desto schneller schritt auch sie. Das ging so eine ganze Zeit, und dem Bauer begann es allmählich zu gruseln. Endlich war sein Haus zu sehen, doch was war das?

Die Fremde öffnete die Tür und trat in sein Haus. Der Bauer eilte ihr sofort hinterher und fragte sich, was die zu so später Stunde in seinem Haus zu suchen hatte.

Sie eilte über die Stiege hinab in die Küche und öffnete die Tür, welche von dort in den Keller führte. Er folgte ihr beklommen nach und erreichte sie endlich auf der Kellerstiege. Nun hob er ihren Schlapphut in die Höhe, um zu sehen, mit wem er es zu tun hatte und – oh Schreck – ein bleicher Totenkopf grinste ihn an. Da machte er schnell das Kreuzzeichen und der Spuk war augenblicklich verschwunden.

Der Kegelschub

Ein armer Bauer machte sich einmal kurz nach Mitternacht auf den Weg in die Stadt. Mit den letzten zwei Krontalern, dem Sparpfennig für seine Kinder, wollte er einige Lebensmittel und Salz einkaufen. Als er zu dem Kreuzweg kam, da sah er mehrere ganz schwarz gekleidete Männchen, die lustig am Kegeln waren. Das war dem Bauer nicht ganz geheuer, denn er kannte weder die kleinen Männer noch hatte er hier jemals am Tag eine Kegelbahn gesehen. „Was sind denn das wohl für Nachtschwärmer?“, fragte er sich. „Doch eigentlich geht mich das gar nichts an“, war sein nächster Gedanke und er ging vorbei.

„He, du da!“, rief ihm eine schöne Stimme hinterher, „halt mit!“

Das ließ sich der Bauer nicht zweimal sagen und er stellte sich bei der Kegelbahn auf.

„Warum nit“, sagte er und setzte einen Krontaler ein. Er machte einen Schub, und schon lagen alle neune am Boden. Er hatte gewonnen und immer, wenn er wieder an der Reihe war, war er der Gewinner, und der Haufen mit dem Einsatzgeld wurde immer größer. Auch als er seinen zweiten Krontaler einsetzte, hatte er Glück. Die Kugel rollte hinaus und „Alle neun!“, schrie eine heisere Stimme. Sein Gewinn wuchs immer höher an, dass er die vielen Münzen in seinen Hosentaschen nicht mehr Platz hatte. So ließ er das Geld einfach auf dem Haufen liegen. Eines der Männchen mit grün schillernden Augen forderte ihn nun auf, er solle sich das ganze Geld vom Haufen nehmen.

„Nein, nein, das ist zu viel“, entgegnete der Bauer.

Als es hell wurde und man in der Ferne das Morgenläuten hörte, da schlich sich ein Männchen nach dem andern davon. Wie schließlich die ersten Sonnenstrahlen aufblitzten, stand der Bauer allein bei dem Haufen Geld, der so groß war, dass er ihn mit den Ochsen wegführen musste.

So wurde aus dem armen Bauern ein steinreicher Mann. Er wurde in seinem Glück aber nicht übermütig und stolz, sondern blieb in seinem einsamen, kleinen Häuschen. Jedem, der an seine Tür pochte und um ein Almosen bat, dem gab er gerne etwas und er tat viel Gutes im Stillen. Oft ging er am Kreuzweg vorbei und dachte an die Kegelnacht mit den Männchen, doch er sah sie nie wieder.

Die ‚Kogsen‘ (Hexen)

Der Glaube an Hexen und Hexerei ist bis heute nicht erloschen. Die ‚Kogsen‘, wie die Hexen umgangssprachlich heißen, hatten es in früheren Zeiten besonders auf die Milch der Bauern abgesehen und brauten, ebenfalls zum Schaden der Bauern, manches Unwetter zusammen. Auch für die Missernten waren die Hexen verantwortlich. Um nicht auch noch die Butter aus dem Rührkübel an die Hexen zu verlieren, warf man einen glühenden Nagel oder glühende Eisenstücke hinein. Wurden von der Hexe aber zwei Knochen oder Haare und Nägel eines Toten über der Türschwelle gekreuzt oder darunter heimlich eingegraben, dann konnte das Verderben nicht mehr aufgehalten werden.

Auf der Spitzwiese unter Albeck bei Altenmarkt im Gurktal hatte sich einmal ein großes Gewitter zusammengebraut. Ein Mütterchen an der Straße erkannte sofort, dass es sich hier nicht um ein normales Sommergewitter handelte. Schnell warf es alle Geräte, Besen, Zangen, Stühle, selbst seine Gehkrücke, vor sein kleines Bauernhäuschen und begann es zu segnen. Die Alte sprach:

„Geh hin, geh hin

wo ka Hune kraht,

wo ka Mader maht,

wo ka Stier nit geht,

wo ka Kind geborn wet,

dortn kannst die auslarn.“

Und das Gewitter ging an ihrem Häuschen und ihren Feldern vorüber.

Beim Kautzerbauern in Laas, Kötschach-Mauthen, war einmal ein Schuhmacher auf der Stör. Diesem Wanderhandwerker gestand die Bäuerin, dass auch sie hexen könne. Natürlich konnte das der Schuster nicht glauben, denn Hexen hatte er sich immer alt, krumm und besonders hässlich vorgestellt.

„Na gut“, sagte die Bäuerin. „Dann beweis ich es dir halt. Aber wehe, du tust dem Tier etwas zuleide!“ Dann ging sie hinaus.

Wenige Sekunden später hüpfte eine große, unheimliche Unke zur Tür herein. Vor dem Schuster blieb sie stehen und schaute ihn mit ihren kleinen Augen grimmig an. Dann begann sie ganz laut zu ‚auken‘, sprang sogar auf den Tisch hinauf und hüpfte dem Schuhmacher bis vors Gesicht. Jetzt bekam der Mann es aber mit der Angst zu tun, er griff nach seiner Ahle und stieß sie der Unke tief ins Auge hinein. Nun floh die Unke schleunigst zur Tür hinaus.

Als nach langer Zeit die Bäuerin wieder eintrat, war sie einäugig.

Von diesem Tag an ließ sie das Zaubern sein.

Auch kann eine Hexe, wenn sie sich gut konzentriert, eine Person „in einen Baum denken“. Sollte sie dann auch noch Nägel in diesen schlagen und den Baum damit zum Absterben bringen, dann geschieht das Gleiche mit dem Menschen. Gegen das ‚Anhaben‘, dem Anhexen, schützt einen der Bergspiegel. Vielen mag er als Hilfsmittel beim Aufspüren von Bergschätzen bekannt sein, die wenigsten aber wissen auch von seinem Abwehrzauber.

Auf dem Berg rechts von Eisentratten hauste vor langer Zeit der Bauer Gautschenbacher. Zur selben Zeit lebte nicht weit entfernt ein altes Weib in Gmünd, das die Kraft besaß, den Mitmenschen etwas anzutun. Die Leute fürchteten sich vor ihm und gingen ihm lieber aus dem Weg. Der Gautschenbacher wusste aber nichts davon und als er der Alten einmal begegnete und ihr etwas auf den Boden fiel, bückte er sich rasch, um es für sie aufzuheben. Da fuhr es ihm ins Knie, das er nicht wusste, wie ihm geschah. Mühsam schleppte er sich nach Hause und war von nun an bettlägerig, niemand konnte ihm helfen. Nun erinnerte er sich an einen Mann, Schnabel war sein Name, der in Feldkirchen lebte und einen Bergspiegel besaß. Nach diesem ließ er schicken und wurde von ihm so weit wiederhergestellt, dass er wenigstens wieder aus dem Bett aufstehen konnte. Mehr konnte ihm auch der Schnabel nicht helfen, denn er besaß nicht die volle Gewalt über den Geist.

Dafür hatte er gleich neben dem Haus einen Schatz durch seinen Bergspiegel gesehen. Als man sich an das Schatzheben machte, erschien der Schatzhüter in kohlschwarzer Gestalt. Der Geist hatte noch nichts von seinen Sünden abgebüßt, so besaß auch der Bergspiegel keine Macht über ihn. Es blieb keine andere Wahl, als den Schatz ungehoben liegen zu lassen.

Die Kindsmörderin

Eine junge Magd lebte äußerst leichtsinnig. Sie konnte der Ausstrahlung der Männer und deren Liebkosungen nicht widerstehen und hatte schon drei Kinder bekommen. Alle hatte sie heimlich beiseitegeschafft und verscharrt.

Das erste hat sie ins Wasser getragen,

das zweite ins ‚Mias‘ begraben,

das dritte unterm Holderstock,

mit faulem Laub ‚zugedöckt.‘

So leichtsinnig und herzlos wie die Magd war, so verstand sie es auch, ihre Reize auszuspielen und den Burschen den Kopf zu verdrehen. Kein Wunder also, dass sie irgendwann einen reichen Bauern „an der Angel hatte“, der sie im Glauben, ein braves Mädchen vor sich zu haben, als Braut vor den Altar führte. Eine große Bauernhochzeit wurde gefeiert und schallende Musik lud zum Tanz. Die mit Myrten bekränzte Braut erhob sich von der Festtafel, da kamen in diesem Moment ihre drei toten Kinder herein und riefen:

„O Mutter mein,

o Mutter mein!“

Entsetzt leugnete die herzlose Mutter ab, jemals ein Kind bekommen zu haben.

Die getöteten Kinder aber riefen:

„Du musst ein weißes Häubchen tragen

und uns drei tote Kinder beklagen!“

Jetzt jagte die Magd ihre drei toten Kinder davon und ging ungeniert auf den Tanzboden. Dort wartete auch schon ein stattlicher Tänzer auf sie und nahm sie galant in den Arm. In raschem Tanz jagten sie durch den Saal, immer wieder wirbelte sie der Tänzer herum, so gekonnt hatte sie noch keiner geführt. Bei jeder Runde aber wurde der Tänzer einen halben Kopf größer und ihr wurde angst und bang. Bald ahnte die Braut, von wem sie über den Tanzboden gewirbelt wurde und wollte sich von ihrem höllischen Gegenüber lösen und fliehen. Der Teufel aber wurde noch wilder und sprang hinter ihr her, er schlug sich nun im Takt der Musik mit den flachen Händen knallend auf Schenkel und Waden und brüllte dazu:

„Wir steigen mitsammen auf den Leiterwagen,

wir werden mitsammen in die Hölle fahren!“

Augenblicklich war alles mucksmäuschenstill, nur ein lautes Gerassel war zu hören und ein Feuerwagen fuhr vor. Der Teufel packte die Braut um die Mitte und schwang sich mit seiner Beute auf die rot glühenden Sitze. Unter schrecklichem Geheul fuhr das Höllengefährt ins Nirgendwo.

Die Türken in Kärnten

Vor vielen hundert Jahren war im heutigen St. Michael am Zollfeld die prächtige Stadt Sala gelegen. Diese Stadt wurde von zwei riesig großen Diamanten beleuchtet: einer war am Magdalensberg aufgestellt, der andere am Ulrichsberg. Der Schein dieser Diamanten war so stark, dass er bis in die Türkei drang. Dieses Licht erweckte natürlich bei den Türken den Wunsch, die Diamanten zu besitzen. So kamen die schwer bewaffneten Türkenheere, doch die Einwohner von Sala kämpften um ihre Diamanten, bis die Stadt unterging. Die geraubten Diamanten sollen sich bis heute in einer türkischen Schatzkammer befinden.

Eine andere Türkenschar war im Rosental unterwegs. Unter einem Lindenbaum bei der Hollenburger Brücke hielt der türkische Pascha eine Rede, die anderen standen um ihn herum. Da kam auf der anderen Seite der Drau der Bauer Pekovz von seinem Haus herab, schoss aus einem Erlengebüsch über den Fluss und traf den Pascha, der sofort tot niedersank. Die nun führerlosen Türken brachen sofort auf und wollten über das Gebirge zurück. Doch es wurde Nacht und so finster, dass man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte. Sie zwangen zwei Bauern aus Zell, ihnen den Weg zu zeigen. Die beiden führten die Türken auf den Bergen herum und völlig unauffällig zu einem Abgrund. In der Finsternis stürzte die ganze Türkenschar den Felsen hinab. Die beiden Bauern brauchten seit dieser Tat nur noch zwei Krautköpfe an ihre Herrschaft abliefern, der Bauer Pekovz wurde für immer von allen Abgaben befreit.

Ähnlich ging es auch einer Türkenschar bei Zell. Alles war still und friedlich im Ort, keiner ahnte etwas von einem Überfall, ein jeder ging seiner Arbeit nach. Auf einmal drangen von allen Seiten türkische Reiter herbei und näherten sich mit unheimlichem Tempo dem Ort.

Als die Feinde das Dorf schon fast erreicht hatten, begannen vom Turm herab alle Glocken zu läuten, ohne dass ein Mensch die Glockenstränge zog. Das Geläute ärgerte die Türken und ihren Feldherrn, und voll Zorn rief er hinauf zum Turm:

„Brüll nur, brüll, du dumme Kuh! Auf deinem Altar werden noch meine Pferde Hafer fressen!“

Als der türkische Pascha diese furchtbaren Worte ausgesprochen hatte, versanken sein Pferd und er im Moor, und mit ihnen noch eine Menge Krieger. An der Stelle, wo die feindlichen Türken eingesunken sind, liegt seit jener Zeit ein kleiner See, an dem die Bewohner zum Dank ein Türkenkreuz errichtet haben.

Eine weitere Türkenhorde kam nach Viktring, schlug den dort lebenden Mönchen die Köpfe ab und legte jedem den seinen vor die Füße. Der Schaffner, der damalige Vermögensverwalter, hatte diesen Überfall glücklicherweise überlebt, weil er auf dem Feld draußen war. Als er in das Stift zurückkehrte und das Gemetzel entdeckte, flehte er zu Gott, der Herr möge doch diesmal in seiner Allmacht die Toten wieder zum Leben erwecken, damit sie – es war gerade am Abend vor Maria Himmelfahrt – heute gemeinsam die Vesper singen könnten. Sein Gebet wurde erhört und das Fest in gewohnter Pracht begangen, die enthaupteten Geistlichen erschienen in ihren Stühlen und sangen die Vesper mit. Als die Feierlichkeit beendet war, schwand wieder alles Leben aus den Körpern und die Mönche blieben bis auf den Schaffner tot.

Nordwestlich von Glödnitz, knapp unter den Bauern von Laas, führt der Bergweg an einer sumpfigen Waldwiese vorbei, die Türkenmoos genannt wird. Wie nämlich die Türken auf ihren Raubzügen auch in das Glödnitztal kamen, erbeuteten sie beim Zienegger eine ganze Truhe voll goldener Schätze. Wie sie nun wieder talauswärts zogen, gerieten sie in jenes Moos und versanken dort mit ihren Pferden und dem schweren Goldschatz. So viele Türken sollen dort im Moos stecken, wie rundherum Bäume wachsen. Auch die Goldtruhe liegt noch dort, diese kommt alle hundert Jahre zu einer bestimmten Stunde an die Oberfläche und wartet darauf gehoben zu werden.

Als die Türken ihr riesiges Lager in der Nähe des Stiftes St. Paul im Lavanttal aufgeschlagen hatten, wurde es für die Bauern schwierig, sich für Abwehrkämpfe zu organisieren, da umherstreifende Türkenhorden die ganze Region unsicher machten. Da hatte ein Bauer die Idee, von den Berggipfeln mit großen Feuern Signale zur Kampfereitschaft zu geben. Bald flammten des Nachts – es war gerade die Osterwoche – von allen Gipfeln hell lodernde Feuer herab. Da ergriff die Türken die Furcht, von einem gewaltigen Heer umzingelt zu werden und sie zogen wieder ab. Seitdem ist der Brauch der Osterfeuer zur Erinnerung an die Türkennot erhalten. Die Stelle, wo das Zelt des Großwesirs stand, ist bis heute durch ein steinernes Kreuz gekennzeichnet.

Eine gefährliche Situation ergab sich bei der Kirche in Lading auf der Saualpe. In der Wehrkirche hatten sich alle Einwohner der Ortschaft verborgen, hielten die Tür fest verschlossen und verteidigten sich heftig von der Schießschartenmauer aus. Es gelang den Angreifern jedoch nicht, das Tor aufzubrechen, und so zogen sie kurzerhand weiter. Als die Einwohner vorsichtig die Türflügel öffneten, sahen sie eine riesige Kerze, wie ein großes Opferlicht, vor der Tür stehen. Doch zum Glück waren sie misstrauisch und untersuchten sie genauer. Die Kerze war mit Schießpulver gefüllt, hätte man sie angezündet, wäre sie explodiert und hätte wohl die ganze Kirche samt der Bevölkerung zerrissen.

In ihrem Gefolge führten die Türken auch Gefangene mit sich. Einen Schmied mit Namen Sturm aus Obdach in der Steiermark hatten sie gefesselt und an den Schweif eines Pferdes gebunden, so dass er auf dem ganzen Weg auf dem Boden geschliffen wurde. Am sogenannten Zankergrund, wo heute ein Kreuz steht und von wo man die Kirche zu St. Leonhard zuerst erblickt, machte der gequälte Gefangene ein Gelübde. Er wollte eine Kette anfertigen, die so lang war, dass sie dreimal die Kirche des Heiligen Leonhard umspannte. Der Schmied wurde erhört. In einem unbemerkten Augenblick lösten sich seine Fesseln und es gelang ihm, sich ins Gebüsch zu schlagen und zu entkommen. Der glücklich Befreite löste sein Versprechen ein und fertigte die Kette an. Seinen Kindern und Nachkommen wies er an, dass sie für ihre Erhaltung Sorge tragen sollten, was auch immer geschah. Die Kette verschwand allerdings gegen Ende des vorigen Jahrhunderts. Ihr materieller und kultureller Wert wurde nicht beachtet, sie wurde von einem Pfleger der Stadt zum Einschmelzen gegeben. Nur ein Bild aus dem Jahr 1620, welches in der Kirche noch heute zu sehen ist, erinnert an diese sagenhafte Begebenheit. In den Jahren 1911 bis 1912 wurde eine neue Kette um die Kirche gezogen. Sie schließt vor dem Haupttor. An jedem Ende befinden sich ein eisernes Pferd und ein Hufeisen, um an die schmerzhafte Tortur ihres Stifters zu erinnern.

Der Waldmann

Im Rosental lebte vor langer Zeit ein Waldmann, der war am ganzen Leib stark behaart und hatte lange, krallenartige Fingernägel. Er machte das ganze Tal unsicher und ließ sich bald da, bald dort sehen, bis es endlich einem Köhler gelang, den Wilden Mann aus dem Wald zu verjagen. Bei diesem kam der Wilde schon seit mehreren Wochen als ständiger Gast, und schließlich wurde es der Familie zu viel, da sie selber nicht viel zum Leben hatte. Jeden Abend bekam der Waldmensch seinen Anteil am Essen auf die breite Hand geschöpft und mittels dieser Gewohnheit wollte der Köhler ihn auch wieder loswerden. So schöpfte er ihm einmal einen Klumpen frisch gekochten Brei auf die Handfläche, so dass er dem Wilden die Hand verbrannte und dieser unter Wutgeheul aus der Hütte lief.

Seitdem wurde er in der Gegend nicht mehr gesehen, aber noch heute gilt er als Schreckgestalt, mit der man den unfolgsamen Kindern droht. Böse Kinder sperrt der Waldmann nämlich ein und wenn sie fett geworden sind, zerreißt er sie. Um zu prüfen, wie dick sie schon geworden sind, müssen sie ihm ihre Finger hinstrecken. Oft aber riet die Wilde Frau den Kinder, dünne Stöckchen statt ihrer Finger hinzuhalten, sodass sie mit diesem Trick dem Tod entkamen. Wenn der Wilde Mann den Betrug bemerkte, so zerriss er dafür sein Weib. Den lieben Kindern tat er aber nie etwas an. Oft schon begegnete er armen Kindern im Wald, die Holz suchten. Er machte dann zur Freude der Kinder zwei ‚Blaser‘. Beim ersten schmolz der Schnee und beim zweiten kamen schon die Erdbeeren, die ‚Roapar‘, zum Vorschein.

In der Umgebung von Mieger, Saager und Kohldorf hauste ein Waldmann mit einem besonders wilden Bart. Jeden Abend ging er zu einem Bauern in den Backofen schlafen. Die Bäuerin hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, ihm jeden Tag eine Schüssel Milch hineinzustellen, die am nächsten Morgen immer ausgetrunken war. Eines Tages gab sie zur Milch Schnaps dazu. Der Waldmensch trank wieder alles aus und wurde so stark betrunken, dass er nicht von der Stelle kommen konnte. Nun trauten sich die Bauersleute, dem Wilden Mann verschiedene Fragen zu stellen. Auf alle ihre Fragen gab er ihnen Antwort, bei seinem Weggehen aber sagte er:

„Ihr habt mich jetzt so viele unnötige Sachen gefragt, nur das Wichtigste, was das Kreuz in der Nuss bedeutet, das habt ihr nicht wissen wollen!“

Darauf ging er fort und kam nie wieder zu diesem Hof.

Ein Holzknecht in der Gegend vom Millstätter See, der erlebte genau das Gegenteil, er bekam vom Wilden Mann die warme Milch gebracht. Beide hatten Freundschaft miteinander geschlossen und eines Tages sagte der Waldmann zu ihm:

„Freund, ich erwarte von dir, dass auch du dich zu gegebener Zeit als Freund erweist!“

Eines Tages war es dann so weit: der Wilde Mann kam zum Holzarbeiter gerannt. „Schnell“, rief er, „lass alles liegen und stehen und komm mit zum Millstätter See!“

Und der Knecht folgte seinen Worten und lief mit ihm. Als sie am See ankamen, erklärte ihm der Wilde:

„Horch mir gut zu: Der Wassermann in dem See hat mir mein Weib geraubt und ich hole sie mir zurück! Wenn du aber einen ‚Brüller‘ im See hörst, dann mache zwei ‚Wispler‘, damit mir mein Bruder zu Hilfe kommt.“

Der Waldmensch war nicht lange unter Wasser, da fing der See zu rauschen an und hohe Wellen schwappten ans Ufer. Und kurz darauf hörte der Knecht einen Brüller in der Tiefe, worauf er die zwei Wispler machte. Da erschien wie aus dem Nichts ein zweiter Wilder Mann, der noch furchtbarer aussah als der erste.

Voll Wut sprang er in den See, um seinen Bruder im Kampf zu unterstützen. Bald färbte sich das Wasser rot und die zwei Wilden Männer kamen mit der befreiten Wilden Frau heraus.

In der Nacht, so wird erzählt, ging der Wilde Mann auf die Jagd, und dafür besaß er sehr viele Hunde, die nur drei Füße hatten. Der Waldmann trug einen breiten Hut auf dem Kopf. Im Gegensatz zu seinem starken und großen Körperbau hatte er nur kleine Füße und seine Stimme war kräftig und rau. Die Leute in den Dörfern hörten öfters, wie er den Hunden zuschrie: „Ho hop, ho hop“, und dabei mit seiner großen Peitsche knallte. In diesen Nächten war dann immer ein fürchterliches Geschrei in den Wäldern zu hören und die Hunde bellten sehr laut. Einmal wurde er von jemandem spottend nachgeahmt, wie er in den Bergen den Hunden nachschrie. Das hörte er und wurde sehr zornig. Pfeilschnell kam er an die Stelle gesaust, dass der Spötter vor Schreck fast nicht die zwei Schritte ins Haus machen konnte.

Der Wilde Mann darf die Menschen nämlich nur bis zu der Regentraufe am Hausdach verfolgen, darüber hinaus hat er zur Verfolgung kein Recht mehr. Deswegen durfte er dem Spötter auch nichts antun.

Wenn der Waldmensch zornig war, so wurde er ganz unglaublich groß, sodass er größer als seine Umgebung werden konnte. Wenn man ihm in der Nacht auf der Jagd begegnete, dann musste man sich schnell auf der linken Seite des Weges – andere wiederum sagen auf der rechten – flach auf den Bauch hinlegen, sonst erging es einem schlecht. Auf seiner Jagd hatte er auch verschiedene Werkzeuge mit, so etwa Hacken.

Einmal begegnete ihm ein Bauer während der Jagd, und der hatte sich auf die falsche Seite gelegt, da schlug ihm der Wilde seine Hacke in den Rücken. Der Bauer starb zwar nicht daran, aber er hatte von nun an ganz furchtbare Schmerzen, denn niemand konnte die Hacke aus seinem Rücken herausziehen. So ging er mit der Hacke im Rücken zum Propst nach Gurnitz und fragte ihn, was er dagegen tun könne. Dieser sagte ihm, dass er sich in einem Jahr genau am gleichen Tag an die gleiche Stelle legen sollte, wo ihm der Wilde Mann die Hacke eingehauen hatte. So tat er, und als der Waldmensch wieder mit seinen Hunden an dem Bauern vorbeikam, zog er die Hacke wieder heraus. Dabei sagte er:

„Aha, hier ist der Holzblock also, wo rein ich meine Hacke gehauen habe.“

In den Gräben von St. Ulrich am Johannserberg erscheint der Wilde Mann in der Nacht und ist als „blasender Postillon“ zu hören. Geschieht dies im Frühjahr, so können die Bauern ein gutes Erntejahr erwarten. Wenn in diesen Nächten auch noch Wagengerassel zu hören ist und Horntöne erklingen, dann treten die Leute mit Feuerspänen in der Hand ins Freie und alles wird im Nu wieder still und ruhig.

Sollte zur Zeit des Abendläutens die Haustür noch nicht geschlossen sein, dann jagt sehr gerne der Wilde Mann herein und durch die Hausflure. Dazu ruft er dann:

„Hättest du zugeklachelt,

war’ ich nicht durchgelachelt;

hättest du zugespachelt,

wär’ ich nicht durchgejagelt.“