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Wolfgang Morscher
Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen
aus Niederösterreich

© 2010

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ISBN 978-3-7099-7484-1

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Wolfgang Morscher/Berit Mrugalska

Die schönsten Sagen aus Niederösterreich

Undank ist der Welten Lohn

Einmal war ein ‚Hühnerkrämer‘ mit einer Buckelkraxe voller Hühner auf dem Weg durch einen Wald. Und weil er so weit und vor allem so schwer zu tragen hatte, suchte er sich einen Platz zum Rasten. Endlich konnte er seine schwere Last einmal abstellen, neben ihm plätscherte auf der einen Seite ein kleines Bächlein und auf der anderen Seite lag eine große Steinplatte, die in der Sonne ganz warm geworden war. Gerade als er sich eine Pfeife angezündet hatte, hörte er unter der Platte eine Stimme:

„Hilfst du mir, helf ich dir!“

Der gute Mann nahm nun all seine Kraft zusammen, lupfte die Steinplatte auf und schaute, wer darunter um Hilfe rufen mochte. Es war eine Riesenschlange, die jetzt sprach:

„Fein, dass du mir geholfen hast, und jetzt will ich dir helfen, ich helfe dir von dieser Welt zu kommen und bringe dich um.“

„Ja, aber ich habe dir doch geholfen“, sagte der Krämer, „und du?!“

„Ja“, meinte die Schlange, „Undank ist der Welten Lohn!“

„Ja“, entgegnete der Krämer, „damit bin ich aber nicht zufrieden! Da muss erst wer kommen, den ich fragen kann, ob das wahr ist, dass Undank der Welten Lohn ist!“

In diesem Moment sprang ein Fuchs aus dem Gebüsch, den der Krämer aufhielt.

„Du, Fuchs“, fing der Krämer an, „die Schlange sagt, Undank sei der Welten Lohn. Was sagst du dazu?“

„Das ist ja nicht wahr!“, antwortete der Fuchs, „ich aber würde dich fragen, Schlange, wo du gewesen bist!“

„Ich war drinnen in dem Loch“, gab die Schlange wahrheitsgemäß zur Antwort.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein langes Tier, wie du es bist, in so ein kleines Loch hineinpassen soll“, konterte der Fuchs, woraufhin sich die Schlange dorthin zurücklegte und zu einem Strudel zusammenringelte.

Nun packte der Krämer die Gelegenheit beim Schopf und hob die schwere Steinplatte wieder an die frühere Stelle zurück, sodass die Schlange erneut gefangen war.

„Fuchs, wenn du nicht gewesen wärst, hätte ich mein Leben an die Schlange verloren. Nimm diese Hühner als Dank dafür, dass du mein Leben gerettet hast, und die Hühner bei mir daheim im Stall sollst du auch noch bekommen!“

Das ließ sich der Fuchs nicht zweimal sagen und begann, die Hühner aus der Kraxe zu fressen.

Als nun der Krämer ohne Hühner und ohne Geld nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau:

„Der Fuchs hat alle Hühner aus der Kraxe gefressen und die im Stall, die bekommt er auch noch dazu, denn er hat mein Leben vor der Schlange geschützt.

„Ha, zu mir soll er nicht kommen, der Fuchs“, rief die Frau energisch, „denn ich werde ihm mit dem Prügel schon den Weg weisen!“

Wenig später kam auch schon der Fuchs nach und verlangte seinen Lohn. Der Krämer öffnete die Stalltür, und während der Fuchs hineinging, wartete die Frau schon mit dem Prügel auf ihn. Sie schlug mit voller Wucht zu und zertrümmerte ihm das Kreuz. Der Fuchs konnte sich nur mehr mit letzter Kraft auf den Vorderfüßen aus dem Stall ziehen, wo er zum Mann sprach:

„Nun glaub ich doch, dass Undank der Welten Lohn ist!“ Und starb.

Die zwei Hexen

Ein Bauernbursch hat einmal in eine Bauernfamilie eingeheiratet, in der es keinen männlichen Stammhalter gab, sondern nur eine Tochter. So wurde er zum Bauern am Hof seiner Frau, wo sie zehn Jahre miteinander verheiratet waren und gut miteinander gelebt haben.

Eines Tages fragten ihn seine Kameraden, ob ihm denn noch nie etwas Komisches an seiner Frau aufgefallen wäre.

„Ja, was soll ich denn bemerken an meiner Frau?“, fragte er entgeistert.

„So geh doch einfach beim Dunkelwerden zum Fenster und schau hinein. Dann weißt Du mehr!“, rieten ihm die Kameraden.

Da schlich er im Dunkeln zum Küchenfenster und schaute heimlich von draußen hinein, wo seine Ehefrau und deren Mutter einen Strudelteig auf dem Tisch auszogen hatten. Nun beugte sich die Schwiegermutter über den Teig, öffnete ihren Mund weit und erbrach darauf, das Erbrochene war Topfen. Dann tat es ihr seine Frau gleich und spie den Rahm darauf. Dem Mann wurde ganz elend, er bekam weiche Knie und setzte sich erst einmal unter dem Fenster auf den Boden. Dann aber stand er auf und ging ins Wirtshaus, um dort zu essen. Als er spät in der Nacht heimkam, fragten ihn die beiden Frauen, wo er denn heute so lange gewesen wäre.

„Im Wirtshaus war ich und gegessen habe ich auch schon!“, antwortete er.

„Das hast du doch noch nie getan, wenn wir kochen“, meinten die Frauen verwundert.

„Von eurem Gekochten esse ich aber nichts mehr“, erwiderte er bestimmt.

„Ja, aber warum denn?“, fragten sie ihn entgeistert.

„Weil ich gesehen habe, wie du den Rahm gebrochen hast und deine Mutter den Topfen.“

„Es hat dir aber noch nie geschadet und wird dir jetzt auch nicht schaden“, sagte seine Frau beleidigt.

„Dann musst du mir halt vorher sagen, woher unser Essen kommt“, sagte der Mann, der das Gesehene noch immer nicht fassen konnte.

„Das wirst du um elf in der Nacht erfahren, mit einer Mistgabel in der Hand, und du musst uns das nachsprechen, was wir dir vorsagen. Komm!“, forderten sie ihn auf, woraufhin alle drei zum Misthaufen gingen, jeder von ihnen eine Gabel in der Hand.

„Sprich uns nach“, forderten ihn die Frauen auf:

„Ich schlage auf den Mist,

ich glaub nicht auf Jesu Christ,

Jesu Christ ist für mich nicht geboren,

er ist für mich auch nicht gestorben.“

Er sagte daraufhin:

„Ich schlage auf den Mist,

ich glaub auf Jesu Christ,

Jesu Christ ist für mich geboren,

er ist für mich auch gestorben.“

Während er diese Worte sprach, traf seine Mistgabel die Frauen hart am Kopf. Nun wiederholte seine Frau den Spruch und forderte ihn nochmals auf nachzusprechen.

Doch wieder sagte er seinen eigenen Spruch auf und traf die beiden auf den Kopf, sodass ihnen ganz schwindlig wurde, er aber konnte von dem ganzen Zauber nichts sehen.

Zum dritten Mal sprach seine Frau nun das ‚Gsatzl‘ und er wieder seines, doch dieses Mal hatte er die beiden Frauen erschlagen, sie lagen tot vor ihm.

Am nächsten Tag in der Früh ist der Bauer gleich zum Richter gegangen und hat ihm das Vorgefallene der vergangenen Nacht erzählt. Da sagte der Richter, er hätte auch schon bemerkt, dass es bei den zwei Frauen nicht mit rechten Dingen zugegangen wäre.

So wurden die beiden zwar beerdigt, aber nicht in geweihter Erde, sondern außerhalb des Friedhofs. Der Mann übernahm daraufhin die Bauernschaft, seine Tochter aber, ein Mädchen mit nicht ganz sieben Jahren, wurde von den Gemeindebeamten danach befragt, was sie denn von ihrer Mutter gelernt hätte. Das Kind gab an, ihnen das Gelernte im Garten zeigen zu wollen, nahm ein Staberl und ging hinaus zu dem kleinen Pavillon, der malerisch in einem Winkel des Gartens gelegen war. Die Beamten sollten das Schauspiel durch die Fenster hindurch verfolgen.

Zu diesem Zeitpunkt war herrliches Wetter und keine Wolke weit und breit zu sehen. Das Mädchen ging nun zum Kreuzweg im Garten, wo es einen Kreis auf dem Boden zog. In dessen Mitte bohrte es mit dem Staberl ein Loch, zog dieses wieder heraus und schlug einen Kreis damit, woraufhin es plötzlich zu blitzen, zu donnern und zu regnen anfing, als ob man ‚mit d’Schaffei geschütt’ hätte‘. Nachdem aus dem Loch im Boden noch Mäuse und Kröten zu Tausenden hervorgekommen waren, machte das Mädchen einen Sprung nach hinten, schlug mit dem Staberl in die Mitte des Kreises und schon war der Zauber wieder vorbei.

Der Doktor war auch dabei und hatte alles mit angesehen. Nach leiser Beratschlagung kamen die Herren zu dem Ergebnis, dass das Kind zur Ader gelassen werden sollte. Gesagt, getan, wie verabredet ließ man das Mädchen verbluten, da es auch schon hexenhafte Charakterzüge hatte und bereits zaubern konnte. Der Vater hat später dann nochmals geheiratet.

Von den Hexen und ihrer Zauberkunst

Die Vorstellungen über Hexen und Zauberinnen haben viel Unheil gebracht. Dennoch ist es interessant zu wissen, wie man sie sich früher vorgestellt hat. Eine Hexe hat ein fahles Gesicht, die Augen liegen tief in den Höhlen, und wenn sie weint, fließen keine Tränen. Je röter und aufgeschwollener die Augen einer Hexe sind, desto mehr ist sie zu fürchten. Ihre Körper sind schlapp und welk, denn sie wurden zu häufig vom Teufel geritten. Ihre Haare sind zerzaust, wurzelig, ja ungekämmt und einfach ekelhaft anzusehen. Auf den Armen haben sie dunkle Flecken, die von den Berührungen des Teufels oder der bösen Geister bei ihren nächtlichen Gelagen zeugen.

Die Hexen werden nach ihren besonderen Talenten unterschieden. Die Vieh- oder Stallhexen graben zum Beispiel in einem fremden Stall ein Zaubermittel ein, um dort hexen zu können. Nachts, vor allem in der Thomasnacht, sammeln sie Wiesentau, wobei sie aber nicht gesehen oder gar angesprochen werden dürfen, weil der gesammelte Tau sonst seine Zauberkraft verlieren würde. Damit verhexen sie dann die Kühe, die daraufhin keine Milch mehr und stattdessen manchmal Blut geben. Aus den Enden eines aufgehängten Grastuches melken sie die Milch fremder Kühe aus. Den Schweinen können sie das Maul sperren, sodass sie nicht mehr fressen können und verhungern müssen. Auch schießen sie dem Bauern, an dem sie sich rächen wollen, mit Kugeln aus Haar das Vieh lahm und verhexen ihm die Hühner, sodass sie die Eier in der Haut, also ohne Schale, legen. Oft holen sie sich die guten, natürlichen Eier aus den Hühnernestern und zaubern unnatürliche, lange dünne ‚Hexeneier‘ an deren Stelle.

Eine weitere Hexengattung sind die Küchenhexen, auch Butter- und Schmalzhexen genannt. Sie können die Butter, die zum selben Zeitpunkt in einem anderen Haus bereitet wird, in ihre eigene Küche herzaubern und sorgen dafür, dass ihr Schmalztopf nie leer wird.

Die Wetterhexen hingegen verursachen Schauergewitter, indem sie in den Wolken umherfahren, sie durcheinandertreiben und zu verheerendem Schauer bringen. Hexenhagel kann man leicht erkennen, man braucht nur ein Hagelkorn zu spalten, so findet man ein Haar darin.

Die Kinderhexen nehmen den Müttern das Liebste, was sie haben, sie ‚verschauen‘ die Kinder mit ihrem bösen Blick oder vertauschen Kinder mit Wechselbälgen.

Die Feldhexen steigen im Getreide umher und zerdrücken es, am nächsten Morgen kann man Hexensteige darin sehen. Auch verhexen sie die Feldfrüchte, stehlen Gras und verschwinden, sobald sie verfolgt werden.

Allen Hexen gemeinsam ist, dass sie sich innerhalb ihres Machtgebietes verblenden können, also sich in eine andere Gestalt verwandeln. Wenn eine Hexe nämlich auf frischer Tat ertappt wird, verwandelt sie sich schnell in eine Kröte, um so den verfolgenden Menschen zu täuschen. Ferner können Hexen auch durch die Lüfte fliegen. Sie schmieren den Stiel der Ofenschüssel oder des Besens mit einer Zaubersalbe ein, reiten darauf wie auf einem Steckenpferd und sprechen: „Jetzt fahr i aus, jetzt fahr i aus und ninnata (nirgends) an!“oder: „Obenaus (obenauf) und nirgends an!“Dann fliegen sie durch den Rauchfang davon. Manche Hexen haben ihren Spaß daran, nächtliche Wanderer zu verführen, sodass sie den richtigen Heimweg nicht mehr finden. Sie gaukeln ihnen dann lockendes Blendwerk vor.

Die Hexen treffen sich nachts, um ihre Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam zu feiern. Die großen Feste finden am Karfreitag, Pfingstsonntag, Sonnenwendtag (24. Juni, dem ‚Hexenkirta‘) und Christtag vor Sonnenaufgang auf Angern, Wiesen, Höhen und Kreuzwegen statt. Bei diesen ausgelassenen Zusammenkünften tanzen sie nackt im ‚Hexenkreis‘ herum – also im Halbkreis, denn die Hexen können den Kreis nicht vollenden –, während der Teufel für sie aufgeigt und Braten, Würste und Krapfen auftischt. Natürlich ist auch das Essen, die Braten und Würste, verblendet und in Wahrheit handelt es sich um Krötenhaxen und Nattern, ja die Krapfen sind wie auch die Teller verblendete Kuhfladen oder ‚Rossknödel‘.

Der betrügerische Müller

Im Thayatal, das im Grenzgebiet zu Tschechien liegt, lebte einst ein Müller, der es nicht lassen konnte, die Bauern zu übervorteilen. Anstatt seines ihm zustehenden Lohnes zweigte er sich immer die doppelte Menge an Mehl ab, es war eine geheime Macht, die ihn dazu zwang. Als dieser Müller nun zur Beichte ging, bekannte er auch diese Schuld ein und der Beichtvater gab ihm den Ratschlag, ein Heiligenbild dort aufzuhängen, wo er das Mehl in Säcke füllte. Wenn er dann wieder diesen heimlichen Drang in sich spürte, seinen Anteil zu verdoppeln, dann sollte er einfach zu dem Bild hinaufschauen und an seinen guten Vorsatz denken. So tat der Müller, und wirklich, als ob er von nun an unter Beobachtung des Heiligen stehen würde, nahm er sich nur mehr den gerechten Teil, der ihm auch zustand. Am Anfang war der Müller sehr froh, dass er zu einem gerechten Leben gefunden hatte, nach einiger Zeit aber kamen ihm Zweifel und schließlich nahm er das Bild des Heiligen wieder ab. Was war passiert?

Ganz einfach. Weil der Müller jetzt bei gleicher Arbeitsleistung nur mehr die Hälfte verdiente, ging es ihm finanziell merklich schlechter und er begann ärmer zu werden. Das frohe, unbekümmerte Leben hatte ein Ende. Damit ihm der Heilige nun bei seinem Betrug nicht über die Schulter schauen konnte, nahm er ihn lieber von der Wand.

Bei der nächsten Beichte erfuhr der Beichtvater den Verlauf der Sache, und da sein Rat ja zunächst die gewünschte Wirkung gezeigt hatte, machte er dem Sünder im Beichtstuhl Vorwürfe und begann ihm ins Gewissen zu reden. Der Müller ließ sich aber nicht davon überzeugen, das Heiligenbild wieder aufzuhängen, und sprach ärgerlich:

„Einer von uns zweien muss aus der Mühle – entweder der Heilige oder ich!“

Die Not in Nöten

„Platz ist in der kleinsten Hütte“, lautet eine Redensart, und klein kann man sich auch die einfache Behausung vom ‚g’flickten Dunerl‘ vorstellen. Wenn er aber mit seiner lieben Frau in dieser Hütte war, da kam ihm seine Behausung gar nicht so eng vor, ganz im Gegenteil, der Dunerl fühlte sich dann immer wie ein König. Wenn man bedenkt, wie arm die beiden schon waren, so kann man sich gar nicht recht vorstellen, dass es ihnen noch schlechter gehen könnte. Doch die Not schien bei ihnen eingezogen zu sein. Zuerst ist dem armen Dunerl das Häuserl überm Kopf niedergebrannt und dann hat er sich beim Holzspalten das Beil in den Fuß gehauen, sodass ihm dieser abgenommen werden musste. „Du guter Gott!“, sagte er bedrückt zu seiner Frau, „was wird uns denn noch alles treffen!“

Und beide standen sie da, wo früher ihre Hütte gestanden hatte, inmitten ihrer verkohlten Habe. Beiden liefen die Tränen über die Wangen, da bemerkten sie, wie etwas sich in den Trümmern bewegte. Eine hässliche Alte kam aus dem halbverbrannten Fenster im Schutthaufen gestiegen und sagte beruhigend:

„Regt euch nicht auf, ihr lieben Leutchen – schaut mich an, ich bin noch viel ärmer als ihr! Wenn ihr von hier wegzieht, dann müsst ihr mich mit in eure neue Wohnung nehmen, vergesst das nicht!“

Der Dunerl war kein dummer Mann, das wusste jeder, und es war ihm klar, dass er diesen sonderbaren Gast, mit dem er scheinbar unter einem Dach gelebt hatte, nicht einfach fortjagen konnte. Er verbeugte sich vor der hässlichen Alten, zeigte auf sein Bein und bat eindringlich:

„Wenn Sie schon mit uns fortziehen wollen, dann helfen Sie uns wenigstens ein paar Scheiter zu spalten, damit wir uns etwas Warmes kochen können!“

Die bleiche Frau erklärte sich dazu bereit, woraufhin der Dunerl den Klotz mit der Hacke von oben bis zur Hälfte spaltete und ihr nun die Anweisung gab mit anzupacken. Voreilig schob diese ihre langen dürren Finger in die Spalte, der Dunerl hatte jedoch nur darauf gewartet und zog die eingekeilte Hacke schnell aus dem Holzklotz heraus. Nun steckte die Alte fest und schrie, was sie nur konnte, der Dunerl packte aber mit seiner Frau die Sachen und zog fort.

Ein wohlhabender Bauernsohn fand die schreiende, gequälte Frau und befreite sie aus ihrer misslichen Lage. Während der kluge Dunerl in der Zwischenzeit mit seiner Frau eine neue Bleibe gefunden und es zu großem Reichtum gebracht hatte, wirtschaftete der Bauernsohn ab und wurde bettelarm.

Der Grund dafür aber ist leicht zu erklären: Die hässliche Alte, welche vom Bauernsohn befreit wurde, war nämlich niemand anderer als die Not. Diese hatte sich nach ihrer Befreiung bei ihm einquartiert und brachte ihn um Haus und Hof.

Das Donauweibchen

An manchen Abenden im Dämmerlicht oder in hellen Mondnächten taucht aus der Donau das Donauweibchen auf. Entweder man sieht es anmutig in einem weißschimmernden Gewand über die Wellen schweben oder nur den Oberkörper im Wasser schwimmen. Die einen sprechen davon, dass diese Frau goldblonde lange Haare habe, die anderen schwören, dass sie tiefschwarz seien, immer jedoch soll sie schöne Wasserblumen in den Haaren tragen.

Nur selten kommt sie ans Ufer, schaut dann bei den Leuten ins Fenster und freut sich, wenn sie ein glückliches Familienleben vorfindet. Manchem Fischer und Schiffer hat sie schon das Leben gerettet, weil sie ihn frühzeitig vor Eisstoß und Hochwasser gewarnt hatte. Sie sucht und meidet die Nähe der Menschen zugleich, einmal ist sie ihnen gut gesinnt und dann wieder böse.

Um ein wenig unter den Menschen leben zu können, nimmt sie sogar die Stellung einer Magd an, verschwindet aber sofort wieder, wenn die Dienstgeber über ihr wahres Wesen Verdacht schöpfen. Weinend kehrt sie dann in ihren Kristallpalast auf dem Donaugrund zurück.

Ebenso wie das Wassermännlein zieht das Donauweibchen Kinder, welche am Ufer spielen, zu sich in die kalte Flut hinab. Ja manchmal hat auch dieses schöne Blumen, Fische oder Bänder ausgelegt, damit die Kleinen sich danach bücken und direkt in seine Arme fallen. Wiederum beschenkt es auch Menschen, die alleine unterwegs sind, mit Muscheln, bunten Kieseln und anderen unscheinbaren Dingen, die sich dann in wertvolle Schätze verwandeln.

Im Auland unterhalb von Krems sah das Donauweibchen am Strand einmal einen kleinen Buben spielen, das Kind eines armen Fischers, der in einer dürftigen Hütte am Ufer wohnte. Bei seinem Spiel fiel das Büblein plötzlich ins Wasser, da fühlte es sich von einer wunderschönen, weiß gekleideten Frau gehalten und wurde schwimmend ans Land getragen. Dort küsste sie das Kind und gab ihm eine silberne Blume mit.

Der Junge wuchs heran und vergaß dieses Erlebnis niemals, auch hielt er die silberne Blume stets hoch in Ehren, mit der er immer und überall Glück hatte, auch beim Bau eines schönen Hauses auf einer Donauinsel. In einer Nacht jedoch wurde er von einer Überschwemmung überrascht, auf der Flucht vor dem Wasser konnte er nur sein Leben und retten. Von seinem gesamten Hab und Gut war ihm lediglich die Silberblume geblieben, und als er sich am nächsten Tag die Tragödie anschaute und um seinen Verlust trauerte, fiel ihm auch diese noch ins trübe Donauwasser. Im gleichen Augenblick aber tauchte das Donauweibchen auf und sprach:

„Du hast mich mit der Blume zu Hilfe gerufen, und ich kann nur sagen, schau, worauf du stehst!“

Da sah der Mann genauer hin, aber was er erkennen konnte, war nur Sand, sehr viel Sand. Da begann es plötzlich im Sonnenlicht zu glitzern und zu blitzen und er fand jede Menge glänzender Goldkörner. Einen ganzen Beutel sammelte er davon, womit er sich und seiner Familie ein neues Haus bauen konnte.

Das Donauweibchen liebt Gesang und Musik, und wo eine Tanzveranstaltung der Schiffleute und Fischer stattfindet, da kann es gut sein, dass auch das schöne Fräulein aus der Donau auftaucht. Sie ist untrüglich daran zu erkennen, dass sie atemberaubend schön ist, ihre Haare mit der Zeit nass werden und leicht tropfen und auch der Saum ihres Kleides nass ist und Spuren auf dem Boden hinterlässt. Oft schon hat das Donauweibchen einen hübschen Jüngling zum Tanz aufgefordert. Sie ist dabei so schön anzusehen in ihrer Anmut und Schnelligkeit, dass alle anderen zu tanzen aufhören und die seltsame Tänzerin entzückt anstarren. Sobald aber ihre Haare nass zu werden beginnen, huscht die Nixe sogleich unbemerkt davon.

Nach so einem Tanz hat schon mancher Bursche in seiner Hosentasche ein Geschenk des Donauweibchens entdeckt, wie einen leuchtenden Diamanten, den sie in ihrem Haar getragen hatte.

Manch einem hat das Donauweibchen aber auch den Tod gebracht, weil es ihm derart den Kopf verdreht hatte, dass er der Frau ins Wasser nachstieg. Einmal tauchte das Donauweib aus dem Fluss auf, lächelte einen schönen Ritter an, der gerade ins Wasser schaute, und begann wunderschön zu singen. Mit ihrem Gesang lockte sie den jungen Mann zu sich, der sofort in sie verliebt war und gab ihm einen blitzenden goldenen Ring als Geschenk.

Seit dieser Stunde hatte der Ritter keine Ruhe mehr, er war von Sehnsucht und Schwermut erfüllt und dachte an nichts anderes als an das Donauweibchen. Er zog mit seinem Schiff auf dem Wasser umher und starrte in die Tiefe, wo er die Schöne wiedersehen wollte. Und dorthin ist er dann auch verschwunden und wurde nie wieder gesehen, denn der Unglückliche hatte sich ja mit dem Donauweibchen verlobt.

Ein anderes Mal half sie einem Fergen, also einem Fährschiffer, namens Kilian. Dieser setzte am Hößgang über, dem Donauarm zwischen der Insel Wörth und dem Neustadtler Steilufer, und brachte die Fahrgäste von Neustadtl und Kollmitzberg mit seinem kleinen Boot über den gefährlichen Strudel. So verdiente er für sich und seine kranke Mutter einen kargen Lebensunterhalt.

Es war in einer stürmischen und stockdunklen Nacht im Jahr 1529, als vor den Toren Wiens die Türken lagerten, da wurde heftig an das Schifferhäuschen gepocht. Kilian sah eine Frau mit drei Kindern draußen stehen, die ihn inständig bat, er möchte sie sofort überführen, da sie von einem Türkenschwarm verfolgt würde. Jetzt zögerte Kilian, denn er hatte nur für die Mutter mit ihren Kindern Platz, nicht aber für seine eigene Mutter, die er gerne zuerst in Sicherheit gebracht hätte. Das gute Zureden der Mutter und die ängstlichen kleinen Kinder ließen ihn dann die Entscheidung treffen, erst die kleine Familie überzusetzen. In der Mitte des Seitenarmes angelangt, löschte der Sturm die Laterne aus und warf das Boot wie eine Nussschale in den Wellen hin und her. Kilian verlor die Orientierung und war bereits in höchster Gefahr, als er am anderen Ufer eine Stimme hörte, die seinen Namen rief. Kilian ruderte in die Richtung der Stimme und konnte seine Schützlinge wohlbehalten am rettenden Ufer absetzen. Die Frau stellte sich nun als Gräfin vor und versprach ihm eine hohe Belohnung, sobald sie in friedlichen Zeiten wieder auf ihr Schloss zurückgekehrt wäre.

Der Sturm wurde immer stärker und doch ruderte Kilian ans andere Ufer zurück, um auch seine eigene Mutter in Sicherheit zu bringen. Wieder war er in der Mitte des Weges, als ihm fast die Kräfte versagten, da stand mit einem Mal die Donaunixe im Boot und half ihm mit sicheren Schlägen das Boot bis zum Hößganger Ufer zu rudern. Noch bevor er sich bei ihr bedanken konnte, war sie auch schon wieder in den Fluten verschwunden. Die Gräfin aber hielt ihr Versprechen und belohnte Kilian nach der Vertreibung der Türken sehr großzügig, sodass er zeitlebens keine Not mehr leiden musste.

Das Flößermandl

In Kogelsbach, einem Weiler in der Gemeinde St. Georgen am Reith, der Ybbs flussaufwärts, wo steile Felsen zum Ufer des grünschäumenden Flusses abfallen, dort wohnte vor langer Zeit in einer kleinen Höhle ein Berggeist. Die Holzflößer hatten ihn schon oft gesehen und nannten ihn das Flößermandl. Es war sehr klein, aber dabei außerordentlich kräftig, es konnte die längsten Flöße allein über die oft sehr gefährlichen Ybbswirbel lenken. Oft und wirklich gerne half das Männlein den Flößerknechten, wenn sie allzu harte Arbeit hatten, besonders aber dann, wenn es Hochwasser gab. Nie ging ein Floß unter, wenn das Flößermandl mithalf.

Da fuhr einmal ein Floßführer mit vierzehn Knechten bei reißendem Hochwasser von der Langau nach Waidhofen an der Ybbs. Als das mächtige Floß an der Höhle des Berggeistes vorbeikam, rief das Mandl:

„Nehmt mich mit, ich will euch tüchtig helfen!“

Der Floßführer lachte über die Worte des Männleins und schrie ihm zu:

„Wobei willst du Knirps mir helfen, was ich nicht selber kann? Meinst du etwa, du hättest mehr Kraft als ich?“

Und hochmütig lachend fuhr der Flößer weiter. Am Ausgang des kleinen Gesäuses, in der Nähe von Gstadt, geriet das Floß dann in einen teuflisch wilden Strudel, in dem die Kraft des Wassers größer war als die Geschicklichkeit des Floßführers. An einem Felsbrocken zerschellte krachend das große Floß und der Floßführer ertrank, seine vierzehn Knechte aber konnten sich retten. Sie erzählten nachher, dass sie das höhnische Lachen des Flößermandls deutlich gehört hätten, als das Floß zerbrach.

’s Wassermandl

An den ruhigen, seichten Stellen der March und überall dort, wo Schilf wächst, sieht man öfters eine zwergenhafte Kreatur, die mit grünen Schuppen bedeckt ist und lange Flachshaare hat, die sie gerne kämmt, oft stundenlang. Es handelt sich um ein niedliches Ding mit kleinen Augen, die kaum größer sind als eine Perle und im Sonnenlicht funkeln wie Smaragde: um das Wassermandl.

Mit den Kindern ist es ganz besonders lieb, doch der Schein trügt. Es wirft ihnen zuerst bunte Bänder und goldene Ringlein ans Ufer oder lässt purpurrote Blumen im seichten Wasser in die Höhe wachsen und hat damit schnell ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Sobald sie aber mit den Händen danach greifen und keinen festen Stand mehr auf dem Boden haben, packt es sie dann und nimmt sie mit sich in die Tiefe.

Dort müssen sie nun für immer im diamantenen Schloss der Wassergeister leben und ganz gleich, wie viel sie jammern oder weinen, der Wassermann lässt niemanden zurück zur Erde. Darum warnt man die Kleinen, nur ja nichts vom Ufer aufzuheben oder zu pflücken, wenn sie es auch noch so gerne haben möchten, denn ’s Wassermandl lauert hinterm Schilf. Auch sollen sie nicht zu lange ins Wasser schauen, denn dort, wo das Wasser Ringlein macht, tanzen die bösen Zwerge.