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Klaus Merz

Löwen Löwen

Venezianische Spiegelungen

© 2004
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Über die Bogenbrücken steigen die Leute herauf und verharren einen Augenblick lang im Zenith: Manche herzen einander, schauen versonnen auf die Flucht des Kanals. Andere schließen den Arm fester um ihre Akten, fassen die Griffe des Handkarrens neu und tauchen auf der anderen Seite der Brücke wieder in die Gasse hinab.

Der Dieselkahn der Linie 1, vollgepfropft mit Menschen, hängt sich bei jedem neuen Halt Richtung San Marco schwerer ins Ankerseil. Das Tau ächzt und möchte sich winden, aber es reißt nicht. Von Fahrt zu Fahrt wächst mein Respekt vor der Seilerei, und ich sehe einen schmalen, langgezogenen Bretterbau vor mir in der Sonne stehen, es riecht nach Karbolineum. Auf der Stirnseite steht noch heute in verblichenen Buchstaben das Wort Seilerei. Es hat meinem Vater bei der Rückkehr von den Sonntagsfahrten stets als Stichwort gedient, um den Theaterabend vom Winter 49/50, der sich szenisch und musikalisch an eine Operette voller todtrauriger Wolgatreidler anlehnte, noch einmal heraufzubeschwören. Die Schauspieler zogen summend und mit schweren Tauen auf den Schultern über die Turnhallenbühne, eine endlose Kolonne. Vermutlich ist das der Abend gewesen, an dem die Melancholie in unseren Haushalt Einzug gehalten und dann nicht mehr nach Russland zurückgefunden hat.

Es ist, als setze sich der Wellenschlag der Lagune im Innern von San Marco unter unseren Füßen fort. Während über den vom Abglanz der Gewölbe vergoldeten Köpfen der Besucherscharen die neun himmlischen Chöre singen und mit Feuerzungen geredet wird. Neuste Nachrichten des Tages lesen wir später vom Papierhut des Gipsermeisters ab.