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HAYMON verlag

Ludwig Laher

Einleben

Roman

© 2009
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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ISBN 978-3-7099-7449-0

Umschlag- und Buchgestaltung:
Kurt Höretzeder, Büro für Grafische Gestaltung, Scheffau/Tirol
Coverfoto: Inge Widauer, nach einer Idee von Katharina Laher

Diesen Roman erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Eine Welt
in der jeder jeder ist –
Klingt das nicht vertraut?
Könnte das nicht von jedem sein?

Nicolas Born

Für L. & Co

Steffi wirkt ein wenig müde heute. Nur langsam trottet sie hinter Johanna aus dem Gruppenraum in die Garderobe. Dort helfen schon einige Frauen Kindern in die Schuhe, die Jacken, setzen ihnen Hauben auf, erkundigen sich, wie der Vormittag verlaufen sei.

Johanna nimmt Steffis Parka vom Haken und dreht sich nach ihrer Tochter um. Wo ist sie denn so plötzlich hingekommen? Ihr Blick schweift durch den Raum und fängt diese Szene ein: Schräg gegenüber am anderen Ende sitzt Alexanders Großmutter auf der schmalen Holzlattenbank. Sie müht sich, ihrem zappeligen Enkel die Pelzstiefelchen anzuziehen. Steffi ist lautlos hinzugetreten, vorsichtig streckt sie einen Arm aus und fängt an, das rechte Knie von Alexanders Oma zu streicheln. Die hält mitten in der Bewegung inne, auch Alex hat mit einem Mal aufgehört, auf ihrem Schoß herumzurutschen. Steffi schaut Frau Hochleitner tief in die Augen, sanft gleitet ihre kleine Polsterhand weiter über die Kniescheibe unter der Jeanshose.

Nicht daß die beiden einander näher kennen würden, einmal in der Woche bloß, jeden Donnerstag, holt die Oma Alex ab. Steffi scheint die Mittvierzigerin bis heute auch kaum ernstlich wahrgenommen zu haben. Im Moment jedoch gibt es niemand anderen auf der Welt für sie. Frau Hochleitners Kopf löst sich endlich aus seiner Erstarrung und wendet sich Steffis Mutter zu. Überrascht, gerührt, etwas verlegen vielleicht, der Ansatz eines Lächelns auf den Lippen, so kommt ihr Mienenspiel an bei Johanna.

Geht es Ihnen heute besonders gut, besonders schlecht? würde Johanna sie am liebsten jetzt fragen, oder: Woran haben Sie gerade gedacht, als Steffi diesen Raum betrat? Nicht aus Neugierde, sondern weil sie überzeugt ist, nein, weil sie weiß, daß ihr Kind seinen guten Grund haben muß für diese unerwartete Zuwendung, diese Zärtlichkeit. Und weil sie ihn besser begreifen lernen möchte, Steffis Weg in eine Welt, die auch die ihre ist, die aber anders war vorher, weiter und doch weniger weit, absehbarer, nüchterner, geschwinder vor allem.

Auf ein Kind hatte Johanna es nicht angelegt. Sie ist noch jung, war aber schon einmal jünger, sagt sie sich, die Jahre vergehen. Keine außergewöhnliche Geschichte jedenfalls. Da war, so lange sie denken kann, die Lust am Gestalten, an der Form, am Schönen, besonders dort, wo es sich reibt mit der Funktion, der Zweckmäßigkeit. Da war der Ehrgeiz, es allen zu zeigen, nicht zuletzt sich selbst. Da war das eine Studium, weil die Eltern es so wollten, und dann das andere, selbstgewählte, beide brav abgeschlossen, da waren die Praktika während der letzten Semester und dann gleich die Chance einzusteigen.

Natürlich gab es Männer, mehr als genug, die etwas wollten von ihr, der attraktiven, schlanken, großgewachsenen Frau mit dem klaren Blick für Strukturen, fürs Wesentliche, es gab die eine oder andere Beziehung, angelegt auf den Moment, dessen Länge offen bleiben sollte. Familie? Die eigene von früher, Vater, Mutter, Schwester, Bruder, sie lagen ihr immer noch auf der Brust, die Beklemmung hatte nachgelassen, fort war sie nicht. Ein Mann fürs Leben, ein gemeinsames Dach, die Vorstellung allein sorgte bei Johanna zuverlässig für Kopfweh wie der Föhn in dieser von Gebirgszügen umschlossenen Stadt, wo sie nicht aus Neigung lebte, sondern weil es sich so ergeben hatte.

Ein Kind, das war bis vor kurzem genauso unvorstellbar, doch vierunddreißig ist vierunddreißig, das Zeitfenster beginnt sich irgendwann zu schließen, unwiderruflich, es gab mittlerweile Tage, an denen Johanna sich auf eine solche Überlegung einließ, sie vor dem Einschlafen locker konturierte wie die erste Entwurfskizze zu einem Projekt, nicht ergebnisorientiert, sondern spielerisch, wie die einigermaßen verrückte, aber in Wellen beharrlich wiederkehrende Idee, die Zelte hier ganz abzubrechen und nach Wien zu ziehen, sich beruflich völlig anders zu orientieren und privat auch.

Ernsthaft hat sie diesen Schritt trotzdem nie erwogen, und wirklich ernsthaft hat sie sich auch mit ihrem Kinderwunsch – kann man dieses Driften der Gedanken denn überhaupt schon einen Wunsch nennen? – nie auseinandergesetzt bisher. Doch hat sie die Pille abgesetzt, immerhin ist das Kondom erfunden für die gefährlichen Tage, und dann passiert es eben, gegen alle Wahrscheinlichkeit, denn der Zyklus gibt es eigentlich nicht her. Johanna nimmt ihre Schwangerschaft hin, sie schreckt sich nicht, sie freut sich nicht. Mario will sie erst in zwei oder drei Wochen einweihen, wenn sie sich in die neue Situation eingelebt haben wird. Einleben, was für ein Wort.

Der Länge nach legen sie sich nebeneinander und beginnen mit dem Austausch des Erbgutes. Crossing over heißt das, und wenn man Pech hat, läuft bei der Reduktionsteilung etwas schief, eines der Chromosomenpaare trennt sich nicht und nicht, die beiden Keimzellen vereinigen sich trotzdem, aber irgendwo sitzen jetzt drei statt zwei solche DNA-Stränge. Wenn man Glück hat im Pech, geschieht das auf dem von der Genforschung zugewiesenen Platz einundzwanzig, wo sich programmgemäß das kleinste Chromosom aufhält, wenn man ein zweites Mal Pech hat zum Beispiel auf Platz dreizehn, achtzehn, in ganz extremen Fällen, Triploidie genannt, gar überall. Wie auch immer, das neue Leben nimmt von nun an seinen Lauf, vorläufig zumindest, und es ist, wie es ist.

Am frühen Nachmittag schneit Mario, unerwartet für Steffi, auf einen Sprung herein. In der Mittagspause hat er auf Johannas Bitte per Fahrrad schnell die Kügelchen besorgt, bei seiner Tochter hat sich nämlich ein lästig juckender Hautausschlag bemerkbar gemacht, und Johanna setzt auf Homöopathie. Mario hat zwar die Schuhe abgestreift, nimmt aber nicht einmal die Mütze ab, stellt das Fläschchen auf den Tisch, trinkt hastig einen Schluck Wasser aus der Leitung und muß gleich wieder weg. Bis später, ruft er der Kleinen im Vorbeieilen zu, bückt sich im Vorzimmer und zieht die Reißverschlüsse seiner Stiefeletten zu.

Nein, sagt Steffi da bestimmt, und Mario schaut auf. Wie konnte er! Mit ausgestrecktem Arm und Zeigefinger zeigt sie auf Johanna. Also zieht Mario die Schuhe noch einmal aus, bewegt sich, langsamer als zuvor, auf Johanna zu, küßt sie demonstrativ auf beide Wangen. Jetzt zeigt Steffi auf sich selbst und sagt: Steffi. Mario hebt sie auf, ein Schmatz links, einer rechts, kurz stemmt er die mittlerweile knapp dreizehn Kilo Tochter hoch, sie quietscht vor Freude dabei. Dann läßt er sie zwischen seinen gespreizten Beinen hindurchsausen und stellt sie hinter sich behutsam ab. Steffi klopft ihm zärtlich auf den Hintern, während er, immer noch gebeugt, eine Etage tiefer Grimassen schneidet, bis ihm das Blut in den Kopf schießt und die Mütze auf dem Boden landet. Jetzt darf er gehen.

Daß sie drei sein, also zusammenwohnen werden, ist für Johanna noch lange nicht ausgemacht, als sie Mario reinen Wein einschenkt. Er tut ihr gut, aber verliebt, nein verliebt ist sie nicht mehr in ihn, wenn sie das denn überhaupt je war. Er bedrängt sie nicht in ihrem Leben, schulmeistert sie nicht, das ist viel, sehr viel sogar, wenn sie ihre früheren Beziehungen in Rechnung stellt.

Aber jedes Ding hat zwei Seiten, denn ihr Bedürfnis, sich auszutauschen, sich in tiefen, gern auch kontroversen Gesprächen über dies und jenes mehr Klarheit zu verschaffen, muß sie sich bei ihm abschminken. Johanna ist im Lauf der Zeit zum Schluß gekommen, intensives Reden sei wohl grundsätzlich nicht Marios Sache. Und: Je näher ihm ein Mensch steht, ist sie überzeugt, desto weniger kann er ihm seine Gefühle zeigen. Ihr Insistieren macht ihn nur nervös, ungeduldig, nicht selten sogar richtig aggressiv.

Für ihn dagegen, hat Johanna sich sagen lassen müssen, sind ihre Wortschwälle oft lähmend, die Grenze zwischen Be- und Zerreden bekanntlich fließend und von ihr zuverlässig überschritten. Seither nimmt sie sich zurück, verhält sie sich pragmatisch, wann immer sie ihre Emotionen halbwegs unter Kontrolle hat.

Du wirst Vater, sagt sie knapp und verzieht keine Miene. Dabei schaut nur ihr Kopf aus dem Wasser, denn sie hat sich das gemeinsame Bad am frühen Abend ausgesucht, um ihm die Neuigkeit zu vermitteln. In der Wanne kann er nicht ausweichen, ist ihr Kalkül, und sie kann ihm direkt ins Gesicht sehen.

Am Anfang war ihr manchmal übel, aber das gehört dazu, war sie sich bewußt. Sonst verlief die Schwangerschaft überaus angenehm, praktisch beschwerdefrei. Johanna fühlte sich stark und unternehmungslustig, leicht euphorisiert meistens und vor allem grenzenlos optimistisch. Die Arbeit ging ihr flott von der Hand, reibungsloser sogar als gewöhnlich, bildete sie sich ein, wohl auch, weil sie unerwarteten Schwierigkeiten gelassener begegnete, mit dem Abstand dessen, dem bald eine neue, völlig anders geartete Aufgabe ins Haus steht. Das Kind selbst blieb dabei, so komisch das klingen mag, zumindest die ersten Monate eine Nebensache.

Nur die Besuche beim Frauenarzt führten regelmäßig zu empfindlichen Dellen in ihrem Wohlbefinden. Dr. Wegener, einem erfahrenen, etwas spröden Mediziner um die sechzig, war nämlich sehr darum zu tun, daß sie verläßlich jenen medizinischen Fahrplan abarbeitete, den er vorsorglich für sie, aber nicht mit ihr konzipiert hatte. Immerhin sind Sie ja doch schon eine Spätgebärende, Frau Diplomingenieur.

Johanna schluckte.

Nüchtern belehrte er sie unter anderem über das altersbedingt beträchtlich erhöhte Ausgangsrisiko für Genommutationen, vor allem die Trisomie einundzwanzig. Johanna kam sich vor wie in einem Wettbüro, ihr flogen die Verhältniswerte nur so um die Ohren, eins zu hundertsechsundachtzig, eins zu zweihundertzweiundsiebzig, oder hat er sechshunderteinundachtzig gesagt, siebenhundertzweiundzwanzig? Selbst sie, die mit Zahlen und Maßstäben umzugehen gewohnt war, fühlte sich von all den Daten, diesen hochprozentigen Eventualitäten zugeschüttet und einigermaßen verunsichert. Ihr wurde heiß und kalt zugleich, sie bat um ein Glas Wasser.

Er schien ihre Gemütslage wahrzunehmen und beeilte sich hinzuzufügen: Mit jedem Untersuchungsschritt wird sich die Wahrscheinlichkeit natürlich beträchtlich reduzieren, wollen wir hoffen. Zuerst, dozierte er nicht unfreundlich, aber bestimmt und routiniert weiter, zuerst machen wir auf alle Fälle einmal in der vierzehnten Woche die Nackentransparenzmessung.

Der Fötus, erklärte Dr. Wegener dann zu diesem Termin das verschwommene Bild auf dem Monitor, lag blöderweise dermaßen nach hinten durchgebogen, daß er seinen Nacken versteckt hielt und es nur mit größter Mühe, wenn überhaupt, möglich war, ein vernünftiges Ergebnis zu erzielen. Die Laune des Arztes verdüsterte sich erheblich, aber Gott sei Dank nicht wegen des Resultats, sondern nur wegen der lästigen Anstrengungen auf dem Weg dorthin. Könnte ein bißchen geringer sein, war schließlich sein knappes Urteil, aber machen Sie sich derweil am besten keine Gedanken.

Zum sogenannten Ersttrimesterscreening, ein Zungenbrecher war das für Johanna, zum Ersttrimesterscreening also gehörte als nächstes ein spezieller Bluttest, denn es galt, zwei bestimmte Schwangerschaftshormone zu analysieren. Ihre Konzentration im Blut der Mutter bietet den Medizinern weitere wichtige Aufschlüsse. Johanna ließ es über sich ergehen und mußte erfahren, die Zahlen lägen zwar nahe am Grenzwert, aber durchaus noch im grünen Bereich. Fein, dachte Johanna, alles unbedenklich.

Etappe drei sollte eine Fruchtwasseruntersuchung sein. Seit sie denken kann, hat Johanna eine irrational große Angst vor Spritzen. So ein Stich direkt in den Bauch, wo das Baby daheim war, sie mochte sich das gar nicht vorstellen.

Also sprach sie sich mit Norbert ab, einem ehemaligen Schulkollegen, den es in dieselbe Stadt verschlagen hatte. Norbert ist Allgemeinmediziner mit einem Hang zu alternativen, von Johanna zuweilen als reichlich esoterisch angesehenen, von ihm hingegen als spirituell bezeichneten Behandlungsformen. Bei aller kritischen Distanz im Detail imponierte ihr an ihm, wie er sein Tun stets in größere Zusammenhänge einzubetten suchte, und das keineswegs bloß ins Reich der Spekulation.

Vergiß es, meinte Norbert mit abfälliger Geste, als sie ihm aufgetischt hatte, was bisher geschehen war, und Johanna fand sich nur allzu gern bereit, es zu vergessen.

Nachvollziehbar setzte er ihr auseinander, wie wichtig es für die Zunft der Gynäkologen geworden sei, schwangeren Frauen alle möglichen und unmöglichen Untersuchungen nahezulegen, immerhin müßten sie sich absichern und vor irrwitzigen Regreßansprüchen schützen, insbesondere seit es Mode geworden sei, daß gerissene Eltern die Behinderung ihres Kindes als vom Arzt wegen Beratungsmängeln verschuldeten Schadensfall einklagen würden und damit vor Gericht sogar Erfolg hätten. Es bliebe den Kollegen somit gar keine andere Wahl als diese Übervorsicht.

Johanna leuchtete das ein, sie wußte genug, strich auf eigene Verantwortung weitere Trisomie-Untersuchungsschritte und begann endlich, sich auf das Kind zu freuen statt freuen zu sollen. Auf Mario, der damals in der Badewanne eher reserviert reagiert hatte, wirkte dieser Stimmungsumschwung offensichtlich ansteckend, und keine zwei Monate vor dem errechneten Geburtstermin entschlossen sich die beiden ohne lange Vorgespräche doch noch, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, es zu versuchen miteinander als Vater, Mutter, Kind.

Die Geburt tat weh, aber auch das gehörte dazu, es ging dafür ziemlich schnell, und Steffi machte keinerlei Schwierigkeiten, kam auf natürlichem Wege.

Johanna ist müde und glücklich, als der diensthabende Arzt am nächsten Morgen an ihr Bett tritt und sich unaufgeregt erkundigt, ob es denn tatsächlich zuträfe, daß sie keine Fruchtwasseruntersuchung machen habe lassen. Auf Johannas besorgte Nachfrage meint er nur: Ach, wegen der Augen, sie stehen nämlich etwas schräger als üblich. Johanna muß schmunzeln. Genau wie beim Vater, antwortet sie erleichtert, ganz aus dem Gesicht geschnitten ist ihm die Steffi.

Einmal in der Woche findet sich Barbara zur Frühförderung ein. Steffi eilt sofort zur Tür, wenn Johanna sie aufmerksam macht: Psst, sei einmal leise, wenn mich nicht alles täuscht, höre ich Barbara die Stiege heraufkommen. Psst, säuselt Steffi zurück, hält sich den Zeigefinger vor den Mund, steckt den Kopf zwischen die hochgezogenen Schultern, grinst breit, und schon ist sie ins Vorzimmer gewieselt. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, drückt die Türklinke und begegnet der jungen Heilpädagogin spätestens ein paar Holzstufen tiefer.

Barbara kommt nie ohne ihre große Wundertasche voller Überraschungen. Das macht sie zu etwas ganz Besonderem für Steffi. Diesmal entnimmt die Frühförderin ihr unter anderem ein hellblaues, halbmeterlanges Plastikbadewännchen, einen winzigen rosa Waschhandschuh und ein ebenso winziges rosa Handtuch, dann eine Wegwerfwindel extra small, einen Tiegel Nivea-Creme und eine nackte Puppe, männlich. Steffi macht sich auch gleich neugierig an dem Wurmfortsatz zwischen den Beinchen zu schaffen.

Die beiden haben es sich mir nichts, dir nichts auf dem Boden bequem gemacht. Wir sollten das Baby baden, meint Barbara entschlossen, was meinst du, Steffi? Kannst du das bitte machen? Auf echtes Wasser wird der Einfachheit halber verzichtet, Steffi, die sich hingekniet hat, bettet die glatzköpfige Puppe behutsam in die Wanne. Spontan entscheidet sie sich für Katzenwäsche und ist im Handumdrehen fertig.

Schau, da drüben liegt das Handtuch, trocknest du ihn bitte jetzt ab, den kleinen Buben, damit ihm nicht kalt wird? Sorgsam entfaltet Steffi den Lappen Frotteestoff und wischt damit im Gesicht der Puppe herum. Es muß aber alles trocken werden, nicht nur der Kopf, damit du das Kind gut eincremen und ihm die Windel anlegen kannst. Mit Barbaras Hilfe ist man schnell beim Eincremen angelangt, das Steffi wesentlich mehr Spaß zu machen scheint als die Sache mit dem Handtuch. Nur kommt sie so schlecht an den Popo.

Damit der Zugang frei wird, macht ihr Barbara geduldig vor, wie sich die Beine und Arme aus hartem Plastik durch Drehen mühelos bewegen lassen. Da hat Steffi eine Idee: Sie faßt sich entschlossen den immer noch nackten Säugling, steht auf und schleppt ihn in die Mitte des Zimmers. Dort macht sie sich an den Arm- und Beingelenken zu schaffen, stellt die Puppe endlich neben sich hin, so daß sie auf allen Vieren zu kriechen scheint. Vorsichtig prüft sie die Stabilität der Konstruktion und setzt sich dem Baby, das die Last tatsächlich erträgt, mitten aufs Kreuz. Jetzt schnalzt sie mit der Zunge, es klingt wirklich entfernt nach galoppierenden Pferdehufen.

Sie hat es bis zuletzt nicht wahrhaben wollen. Doch der Befund an Steffis drittem Tag auf Erden ist eindeutig: Trisomie einundzwanzig. Meine Zukunft, meine Pläne, mein Leben, schießt es Johanna durch den Kopf, fassungslos ist sie, starr vor Schreck, kann nicht einmal weinen, obwohl sie doch losheulen möchte.

Das Kind, mit dem sie sich eben noch so verbunden gefühlt hat, liegt ihr plötzlich ganz fern, ist mit einem Mal zu einem geheimnisvollen, mißtrauisch beäugten Objekt vom anderen Stern geworden, das sich, ohne zu fragen, bei ihr eingenistet hat.

Über das Down-Syndrom weiß Johanna nur geringfügig mehr als über die kleinen grünen Männchen aus dem Universum. Sie hat es sich verbeten, Informationen darüber einzuholen, als Norbert sie darin bestärkte, auf weitere Untersuchungen zu verzichten. Mein Kind ist gesund, hat sie sich eingeredet, und jetzt das.

Als sie die hungrige Steffi widerwillig zum Stillen anlegt, diese auf einmal so fremdartige kleinwinzige Gestalt, ist sich Johanna sicher: Wenn sie jetzt einschläft und nicht mehr aufwacht, soll es mir auch recht sein. Sie hütet sich, Mario ins Vertrauen zu ziehen, ihm von diesem Gedanken zu berichten. Sie würde auch energisch zurückweisen, daß sie es sich wünschen würde, nein, nein, Gott behüte. Johanna ist nicht gläubig, Kirchen sind für sie in erster Linie Architektur, über ein Jenseits läßt sich nichts sagen. Noch fällt ihr nicht auf, daß sie in ihrem Ausnahmezustand zu einer höheren Instanz Zuflucht nimmt, der sie anheim stellt, wenn nicht gar nahelegt, aus der Welt zu schaffen, was sie überfordert.

Marios Strategie ist anders. Er ignoriert die Befunde einfach, sitzt stundenlang vor dem Computer und sammelt fleißig Beweise gegen die Fehldiagnose. Die schrägen Lidachsen sind, wie gesagt, von ihm höchstpersönlich. Daß Steffis Nasenbein mangelhaft ausgeprägt sei, kann man zu diesem frühen Zeitpunkt wirklich nicht ernsthaft behaupten, haben doch so gut wie alle Babys Stupsnasen. Einen Herzfehler, wie er bei solchen Kindern häufig auftritt, konnten die Ärzte bereits definitiv ausschließen. Und trinken tut sie doch auch ganz anständig. Keine Rede von jener angeblich so typischen Muskelschlaffheit im Mundbereich, die das Stillen erschwert oder gar unmöglich macht.

Ohne daß Johanna es überhaupt merkt, öffnet er behutsam eines von Steffis winzigen Greifhändchen und sucht vergeblich die Vierfingerfurche. Bei drei Viertel der Menschen mit Down-Syndrom, hat Mario gelesen, läßt sich diese charakteristische Beugefalte nachweisen, die, mit Ausnahme des Daumens, senkrecht zu den Längsachsen der Finger quer über die Handfläche verläuft. Erst Monate später wird ihm beim Eincremen auffallen, daß die Linienzeichnung von Steffis linker Hand völlig verschieden von jener der rechten ist: Mario hat zufällig die ohne Vierfingerfurche untersucht. Wer denkt denn an so etwas, wird er mehr amüsiert als verärgert den Kopf schütteln, noch dazu, wenn sich die betreffende Internetseite zu solch einer Möglichkeit einfach ausschweigt.

Doch jetzt am Wochenbett fehlt ihm jede Distanz. Verbissen forscht er weiter. Als er Steffi den Strampler ausziehen will, um sich, wie er Johanna nachdrücklich erklärt, zu vergewissern, ob Anzeichen für eine sogenannte Sandalenlücke festzustellen seien, den übergroßen Abstand zwischen großer und zweiter Zehe, reagiert sie ungehalten. Er solle das gefälligst bleiben lassen, schnauzt sie ihn an, und überhaupt, sie möchte im Moment lieber allein sein.

Am Morgen des letzten Tages auf der Gebärstation, Johanna hat die angebotenen Beruhigungsmittel standhaft verweigert und eine ziemlich schlaflose Nacht hinter sich, ist ihr klar, die Sache nicht länger mit sich allein ausmachen zu können. Sie muß auf der Stelle mit jemand Kundigem reden, der es zudem aushält, ins Vertrauen gezogen zu werden. Sie wählt hektisch Norberts Telefonnummer. Unter Tränen gesteht sie ihm ihre Phantasien vom Einschlafen und vom Wegbleiben. Wenn das wirklich ihr Ernst sei, erwidert der befreundete Arzt, ließe sich da vielleicht etwas machen. Johanna glaubt, sich verhört zu haben, denn sie hat fix damit gerechnet, er würde ihr vielmehr raten, sich solche Gedanken sofort aus dem Kopf zu schlagen, ihr mit seinen ungewöhnlichen Ansätzen Mut machen, dieses Kind anzunehmen, wie es nun einmal sei.

Ungewöhnlich ist es allemal, was er ihr jetzt auseinandersetzt, nur gänzlich unerwartet: Er könne gern versuchen, die Steffi-Seele zu befragen, ob sie darauf Wert legt zu bleiben oder nicht.

Bist du noch da? erkundigt sich Norbert, als Johanna nicht antwortet. Sie hat das Handy zur Seite gelegt und den Kopf ins Kissen fallen lassen. Mit weit geöffneten Augen starrt sie hinauf zur Decke. Hallo, hallo! Norbert gibt sich noch nicht geschlagen, sie aber tastet nach dem Telefon und unterbricht die Verbindung.

In diesem Moment fällt es Johanna wie Schuppen von den Augen: Steffi hat sich doch längst entschieden. Setzte sie nicht schon im Mutterleib alles daran, durch abenteuerliche Verrenkungen die akkurate Vermessung ihrer Nackenfalte zu hintertreiben? Hielt sie auf den Ultraschallbildern nicht jedes Mal ihre Hand konsequent vors Nasenbein? Und was wäre gewesen, hätte Dr. Wegener damals rot statt grün gesagt?: Die Ergebnisse sind grenzwertig, aber leider im roten Bereich. Johanna hätte sich trotz aller Angst widerspruchslos in den Bauch stechen und das verdammte Fruchtwasser analysieren lassen. Sie hätte es spätestens in der sechzehnten Woche wissen können.