Titel

Alfred Komarek

Zwölf mal Polt

Kriminalgeschichten

Hinweis und Dank

Die Geschichten spielen im niederösterreichischen Weinviertel. Ortschaften und Menschen im Wiesbachtal stammen aus der Welt der Phantasie, und alles ist nur insofern wirklich, als es wirklich sein könnte. Für fachliche Unterstützung und viele gute Ideen bedanke ich mich bei Herrn Franz Enzmann, seines Zeichens Polizist und Journalist. Ganz besonders danke ich Michael Forcher, dem Verleger der ersten Stunde, für die kongeniale Arbeit an meinen Manuskripten.

Der Anfang vom Ende

Gendarmerieinspektor Simon Polt war neu. Alles an ihm war neu. Er fühlte sich fremd in seiner Uniform, der Waffengurt war unbehaglich schwer. Am ehesten mochte er noch seine Gendarmerie-Patrouilliertasche: dickes, braunes Schweinsleder, das gut roch. Darin war fast alles zu finden, was nach der Ausbildung zum Gendarmen zu seiner neuen beruflichen Existenz gehörte: gelbe Fettkreide, Maßband, Verbandpäckchen, Blaustift (wetterfest und frostbeständig), Schreibblock, Versiegelungswachs samt bunter Schnur, Taschenlampe und Handschellen. Polt hatte das Ensemble mit einem Butterbrot und einem Apfel bereichert. Seit einer guten Stunde nach dem morgendlichen Dienstantritt saß er an einem Schreibtisch, der ihm von dessen eigentlichem Benutzer für die Dauer des Außendienstes überlassen worden war. Die neuen Kollegen hatten ihn freundlich, wenn auch ein wenig beiläufig begrüßt, weil viel zu tun war, an diesem Montagmorgen. Polt heftete auftragsgemäß lose Blätter akkurat in den passenden Ordern ab, als er eine Hand auf seiner rechten Schulter spürte. Er zuckte zusammen.

„Aber Simon! Wer wird denn so schreckhaft sein, als Gendarm?“ Franz Gabler nahm an der anderen Seite des Schreibtisches Platz und fasste seinen jungen Kollegen freundlich und spöttisch ins Auge. „Und dann auch noch schwer bewaffnet in der sicheren Dienststelle. Bist wohl verliebt in deine Artillerie?“

„Ganz im Gegenteil, Herr Gabler, Franz, mein ich.“ Polt grinste verlegen und nahm den Waffengurt ab. „Ich bin noch ganz durcheinander.“

Jetzt schaute der ältere Gendarm freundlich und gutmütig drein. „So geht’s jedem, am Anfang. Aber du wirst rasch lernen, Simon, bleibt dir auch gar nichts anderes übrig. Hast einen Freund in mir. Ich vertrete heute Harald Mank, unseren neuen Dienststellenleiter. Morgen wird er ja ein Gespräch mit dir führen. Die anderen Kollegen sind unterwegs oder haben frei. Soll ich dir ein bisschen erzählen, wenn wir schon einmal ungestört sind?“

Polt nickte.

Gabler stemmte sich mit den Füßen vom Schreibtisch ab und kippte den Sessel auf die Hinterbeine. „Bleiben wir doch beim guten Harald, unserem Chef und Gebieter. Ernährt sich von Leberkässemmeln und Grünem Veltliner. Letzterer ist vormittags mit einem oder gar zwei Tropfen Wasser verdünnt. Hat eine zänkische Frau, der Harald, darum arbeitet er so gern und ist folgerichtig Dienststellenleiter geworden. Aber unser heimlicher Chef ist der Koran Kurtl. Seit über dreißig Jahren macht er hier Dienst. Dem ist nichts Menschliches fremd, Unmenschliches erst recht nicht.“ Gabler stellte den Sessel gerade und schaute Polt starr in die Augen. „Sei auf Scheußlichkeiten aller Art gefasst, Simon. Es wird Augenblicke geben, in denen du es bitter bereust, diesen verdammten Beruf gewählt zu haben.“

Polt, der nicht länger angestarrt werden wollte, holte sein Butterbrot hervor und betrachtete es trübsinnig. „Es ist mir nichts anderes übrig geblieben. Eigentlich wollt ich ja Lehrer werden. War aber zu teuer für meinen Vater.“ Polt biss zu.

Gabler nickte wissend. „Ah, ja, hat ja seine Bauernwirtschaft aufgeben müssen, der alte Heinrich Polt. Der Widhalm Karl wollt übrigens sogar Pfarrer werden. Jetzt ist er unser Experte für sexuell motivierte Straftaten.“

„Wie das?“

„Eigene Erfahrungen, Simon, und die reichlich. Eine Friedenstaube haben wir auch noch bei uns, einen Täuberich, besser gesagt, den Wurst Walter. Sorgt dafür, dass sich Schlägereien in Wohlgefallen auflösen, bringt Hitzköpfe zur Vernunft und bewegt Streithähne zum Einlenken. Nur zu Hause, da rutscht ihm von Zeit zu Zeit die Hand aus.“

„Und wer tut was dagegen?“

„Niemand. Tags darauf ist er ohnehin so was von schuldbewusst und zerknirscht. Kannst seine Frau fragen. Ja und dann gibt es noch den Marchart Josef. Unser Mann fürs Grobe. Fragt nicht lang, haut hin. Ist leider allzu oft die bessere Lösung. Glaub mir, Simon.“

„Also, ich weiß nicht recht.“

„Ja, was weißt du schon ... Vor Dienstschluss, am späten Nachmittag, fährst du heute mit mir ein paar Runden Streife. Die Abwechslung wird dir gut tun und es ist nie früh genug für praktische Erfahrungen.“

„Natürlich.“

„Also dann! Bis später. Ich werde mich jetzt den Aufgaben eines stellvertretenden Dienststellenleiters widmen.“

„Und das bedeutet?“

„Nichts.“

Gegen fünf öffnete sich die Tür von Harald Manks Büro. Franz Gabler trat auf Polt zu.

„So, mein lieber junger Freund, wir zwei gehn’s an. Jetzt kannst den Waffengurt anlegen. Wird zwar nichts los sein, aber vielleicht ja doch. Gibt ja immer mehr Ausländer bei uns ...“

„Muss ja kein Nachteil sein, oder?“

Gabler schaute seinen jungen Kollegen schweigend an. Weindunst hing in der Luft.

„Wenn hier einer gscheit daherredet, dann ich, Simon. Und los jetzt!“

Franz Gabler lenkte den weißen VW-Käfer gemächlich durch Burgheim und bog dann in einen unbeleuchteten Feldweg ein, der, wie Polt wusste, zur Kellergasse von Brunndorf führte.

„Eine beliebte Ausweichstrecke für Betrunkene, Simon. Siehst du das Auto da vorne am Waldrand? Natürlich ohne Licht, obwohl es schon dämmert.“ Wenig später schaltete Gabler das Blaulicht ein und gab Haltezeichen. „Das ist der Wurm Karl, Simon. Nüchtern war der noch nie. Jetzt geht es nur noch darum, wie viel er getrunken hat.“ Der Gendarm öffnete die Autotür. „Kannst sitzenbleiben, Simon. Der Karl ist sozusagen eine Stammkundschaft von mir. Mehr eine interne Angelegenheit als eine Amtshandlung, verstehst du?“

Polt verstand nicht, aber er wartete ab.

Als Gabler wieder ins Dienstauto stieg, hatte er ein längliches Paket in der Hand. „Da, riech einmal.“

Polt schnuppert und grinste. „Macht direkt Hunger, der Geruch. Wurst?“

„Ja, feinste geräucherte Polnische, Simon. Die hat der Karl beim Preisschnapsen gewonnen. Brot war leider keins dabei.“

„Und hat er was getrunken?“

„Blöde Frage. Aber er wohnt ja in Burgheim, da hat er nicht mehr weit. Und ich hab ihm eingebläut, dass er ganz langsam und vorsichtig weiterfahren soll.“

„Also ich weiß nicht recht ...“

„Er weiß schon wieder nicht recht, mein junger Freund! Ja, in der Schule lernt man so was nicht, Simon. Der Wurm ist ein Herumtreiber, bei jedem Blödsinn dabei. Und er ist nicht dumm. Von so einem kann unsereins jede Menge erfahren – das heißt, wenn er mir gegenüber den Mund aufmacht. Und heute hab ich wieder einmal dafür gesorgt, dass er es weiterhin tun wird. Als Gendarm auf dem Land musst du auch ein Diplomat sein. Kapiert?“

„Nein, ja, irgendwie ... Aber die Wurst?“

„Ich hab ein Auge zugedrückt, und er war froh darüber, dass er sich bei mir erkenntlich hat zeigen können. So ist das nämlich.“

Polt schwieg und sein Kollege gab ruckartig Gas. Schweigend legte er den Weg zur Kellergasse und nach Brunndorf zurück, fuhr von dort aus auf einem leicht ansteigenden Güterweg zur Staatsgrenze hin und näherte sich dann Burgheim. „Schluss für heute, Simon!“ Gabler stutzte, drehte das Funkgerät lauter und bremste heftig. Die beiden Männer im Auto erstarrten. Ein Verkehrsunfall mit Todesfolge in Burgheim. Das Opfer: ein Radfahrer, der allseits bekannte Hans Windisch. Der offensichtlich betrunkene Autofahrer: Karl Wurm.

Franz Gabler hatte den Motor abgestellt und stierte, halb abgewandt, in die dichter werdende Dunkelheit. Auch Polt vermied es, seinen Kollegen anzuschauen. Dann spürte er eine Berührung an seinem linken Knie. „Gottverdammte Scheiße, Simon. Aber auch ein Glück, dass du heute neben mir sitzt.“

„Warum?“

„Weil der Simon Polt schwer in Ordnung ist. Hab ich gleich gewusst, vom ersten Augenblick an. Der und einen Kollegen vernadern? Nie und nimmer!“

Polt schwieg und schaute noch immer geradeaus.

„Sag was, junger Freund. Wenn einer Zuspruch braucht, dann ich.“

Polt dachte angestrengt nach. „Wirst du eine Niederschrift machen, Franz?“ Seine Stimme zitterte.

„Niederschrift? Worüber? Es war doch nichts, nicht wahr?“

„Doch, es war was.“

„Simon! Ich weiß, dass du schockiert und durcheinander bist. Versuch bitte erst einmal ruhig zu werden und klar zu denken. Der Windisch Hans ist, na ja, er war ein arbeitsscheuer Alkoholiker, ein übles Subjekt, ein Raufbold und Gelegenheitsdieb. Ich gehe jede Wette darauf ein, dass er noch viel besoffener war als der Wurm Karl. Der Windisch wär auch einem nüchternen Fahrer in die Quere gekommen. Na, der Karl ist jetzt sowieso dran. Kann einem leidtun, der Mensch. Und ich kann und will es mir einfach nicht vorstellen, dass der Simon Polt mir ein Disziplinarverfahren an den Hals wünscht, das nichts ändert, das keinem hilft, aber mich womöglich zugrunde richtet. Nach dem Buchstaben des Gesetzes handeln ist die eine Sache, Simon. Ein Mensch sein die andere. Verstehst?“

„Nicht bös sein. Ich muss erst darüber nachdenken.“

Jetzt lag die Rechte von Franz Gabler schwer auf Polts Knie. „Versteh ich. Du weißt gar nicht, wie gut ich das versteh. Also keine Wellen vorerst. Wir zwei machen jetzt einmal schön unauffällig Dienstschluss. Soll ich dir helfen beim Nachdenken? Ein Schweinsbraten im Kirchenwirt, ein Viertel Grüner, und die Welt schaut gleich anders aus. Was ist?“

„Nein, lieber nicht, Franz.“

„Auch gut. Aber wir reden noch über die Sache, heute Abend, irgendwann, wenn du so weit bist. Wo wohnst du eigentlich? Hast ein Telefon?“

„Ja. Ich hab ein Zimmer beim Höllenbauer gemietet, hier in Burgheim. Ich schreib dir die Telefonnummer auf.“

„Und ich darf anrufen? Sagen wir so um neun?“

„Meinetwegen.“

Verstört und schweigsam folgte Polt seinem Vorgesetzten in die Dienststelle. Franz Gabler hingegen gab sich wie immer und schirmte Polt geschickt von den Kollegen ab. Er begleitete ihn vor die Tür. Dort gab er ihm einen herzhaften Rippenstoß. „Wirklich kein Abendessen?“

„Ich brächt keinen Bissen hinunter.“

„Du brauchst ein dickeres Fell, Simon, sonst gehst du vor die Hunde in unserem Beruf.“

„Ja, vielleicht.“

„Bis später dann.“

Zum Hof des Höllenbauern waren es nur ein paar Minuten zu Fuß. Polt ging langsam, mit unsicheren Schritten, als wäre er ein alter Mann. In seinem Zimmer angekommen, strich er sich über Stirn und Augen, öffnete das Fenster und ließ die kühle Herbstluft herein. Plötzlich musste er lachen. Das war er also gewesen, der erste Tag in seinem neuen Beruf. Er drehte sich um, ging zum Waschbecken und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. „Gratuliere, Herr Gendarm.“ Dann versuchte er nachzudenken. Aber in seinem Kopf ging es zu wie in einem Fass mit gärendem Traubensaft. Blasen stiegen auf und zerplatzten an der Oberfläche, irgendetwas veränderte sich ohne sein Zutun. Nach und nach spürte Polt, wie er sich fremd wurde.

Als pünktlich um neun das Telefon läutete, war er fast erleichtert. Franz Gablers Stimme klang jetzt anders, leise und spröd. Es sei alles nicht so einfach, sagte er, für keinen von beiden, und es wäre wohl besser, die Sache nicht mit ein paar Sätzen am Telefon abzutun. Ob er Polt besuchen dürfe?

Ein paar Minuten später klopfte Franz Gabler an der hinteren Hoftür und wurde eingelassen. Polt war ein wenig überrascht, als er ihn dann an seinem Tisch sitzen sah. Der Gendarm war blass, schwieg vorerst und schaute sich unsicher um. Endlich versuchte er zu grinsen. „Recht einfach hier, wie? Da weiß ich was Besseres, Simon! Meine Tante wohnt allein in einem großen, schönen Bauernhaus. Der fehlt ein Mann, und wie! Soll ich mit ihr reden, Simon?“

„Nein, danke. Mir gefällt es hier, und der Höllenbauer Ernst ist ein guter Freund.“

„Wohl dem, der so was hat! Und mir ist ein saftiger Bestechungsversuch gründlich danebengegangen. Aber jetzt im Ernst: Ich habe scharf und gründlich nachgedacht. Im Grunde genommen ist es eine Frechheit, dich zu drängen in dieser Sache!“

Polt schaute auf. „Ja? Meinst du wirklich?“

„Ja, mein ich. Warum in aller Welt, solltest du es zulassen, gleich am ersten Berufstag ins Zwielicht zu geraten? Du musst einfach tun, was zu tun ist. Und wenn der alte Franz Gabler dabei ins Schussfeld gerät, ist er selber schuld, nicht wahr?“

„Wenn’s nur so einfach wäre ...“

„Es ist so einfach, glaub mir. Und ich versuche es auch in deinem Sinne zu erledigen. Wenn’s dir recht ist, Simon, rufe ich noch heute den Harald Mank an, oder geh gleich zu ihm nach Hause. Ich erzähl ihm, was war, und hör mir erst einmal an, was ihm dazu einfällt. Er ist ein guter Taktiker, der Harald. Wenn unsereiner nur noch die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten hat, eine schlechter als die andere, fällt ihm manchmal ja doch noch eine dritte ein.“

„Und warum überhaupt taktieren?“

„Um dir zu helfen, Simon. Ich bin jetzt ganz offen. Du kannst dir denken, dass ich mir diese Niederschrift nur zu gern erspart hätte, feig und berechnend wie ich bin, wärst du nicht Zeuge gewesen, und zwar einer, der nicht zulässt, dass irgendetwas vertuscht wird.“

„Was ist schlecht daran?“

„Im Prinzip nichts. Aber du wirst einsam sein in der Dienststelle, verdammt einsam. Die einen werden nichts mit dir zu tun haben wollen, weil ihnen deine Haltung nicht gefällt, die anderen, weil sie Angst vor dir haben, vor deinem unbedingten Willen zur Wahrheit, mein ich.“

„Ah so ...“

„Und bald wird unserem Herrn Dienststellenleiter nichts anderes übrig bleiben, als auf deine Versetzung zu drängen. Unser kleiner Posten funktioniert nur als verschworene Gemeinschaft.“

„Und der Ausweg?“

„Was weiß ich. Vielleicht begnügt sich mein Herr Dienststellenleiter mit einer persönlichen Strafpredigt, mit Sanktionen, die unter uns bleiben. Und du hättest nichts damit zu tun, außer, dass Harald Mank Bescheid weiß. Und der kann schweigen.“

„Kann ich morgen mit ihm darüber reden?“

Polt erschrak, als Franz Gabler zornig auffuhr und mit der Faust auf den Tisch schlug. „Worüber reden, du Arsch? Über eine vertrauliche Abmachung zwischen mir und ihm? Dir zuliebe! Über etwas, das dich einen Dreck angeht? Damit du mich in der Hand hast, für ewige Zeiten, wie?“

„Damit ich weiß, ob du die Wahrheit sagst oder nicht.“ Polt hob die Arme vors Gesicht, als sein Besucher mit einer raschen Bewegung zum Schlag ausholte. Dann aber atmete der Gendarm tief durch. „Nein, nein, ganz ruhig, Burschi. Ich vergreife mich schon nicht an dir, Milchbart. Aber freu dich auf morgen. Freu dich auf jeden Tag deines künftigen Lebens. Ich werde dafür sorgen, dass viele hübsche kleine Höllen für dich angeheizt sind. Und jetzt schlaf gut, Hurenkind.“ Er spuckte aus.

Polt hob erst wieder den Kopf, als er hörte, wie die Tür heftig zugeschlagen wurde. Er schaute zum Kühlschrank hinüber. Ein Riesling vom Höllenbauer lag dort bereit, zur Feier des Tages. Polt überlegte, die Flasche einfach auszutrinken. Die Gedanken würden verschwimmen und irgendwann nicht mehr stören. Und morgen früh war ein anderer Tag. Aber das war doch kein Anfang, davonlaufen, sich betäuben, resignieren. Er wartete und wusste nicht, worauf er wartete. Aber er ahnte es immerhin. Kurz vor Mitternacht rief Franz Gabler wieder an. Er war sehr betrunken und kaum zu verstehen. „Du, Simon, entschuldige, verzeih mir, alles in Ordnung zwischen uns?“

„Schon gut.“

„Gar nichts ist gut. Sag, Simon, angenommen, nur einmal angenommen, mich gibt’s nicht mehr, morgen früh, ist es dann leichter für dich? Ach was, Blödsinn, nichts ist leichter für dich, im Gegenteil. Aber mir egal, so was von egal. Es kommt halt, wie es kommt.“

„Wovon redest du?“

„Stell dich nicht blöd. Blöd bist du nämlich nicht. Was ist? Keine Antwort für mich?“

„Nein, Franz. Ich kann dir nicht helfen und mir schon gar nicht. Seit Stunden renn ich mit dem Kopf gegen die Wand.“

„Das tut nur unnötig weh, Simon. Lassen wir’s bleiben.“ Dann hörte Polt das leise Geräusch eines aufgelegten Telefonhörers.

Natürlich hätte er jetzt Franz Gabler aufsuchen können, ihm gut zureden, ihn vertrösten, bis das Ärgste vorbei war. Aber eine lähmende Sturheit war über ihn gekommen. Eine Weile saß er noch regungslos da, dann stand er auf und ging in die Nacht hinaus. Er folgte einem schmalen Feldweg, der zum Grünberg hin führte. Die Lichter des Dorfes blieben hinter ihm zurück, bald konnte Polt den Weg vor sich nicht mehr sehen, aber er spürte unter seinen Füßen zwei Spuren, die von Traktorreifen stammten, und das Gras an den Rändern. Er ging langsam, fast als zögere er vor jedem Schritt. Die Dunkelheit war sehr dicht um ihn, allmählich drang sie durch die Haut und füllte ihn aus. Noch bevor er die matt erleuchtete Kellergasse erreichte, blieb Polt stehen. Leicht vornüber gebeugt stand er da, die Hände in den Hosentaschen, die Schultern hochgezogen. Es war recht kühl so spät im Jahr, und bei klarem Himmel hätte es schon Frost geben können. „Lassen wir’s bleiben“, murmelte Polt und ging auf das Dorf zu.

Als er am nächsten Tag in die Dienststelle kam, saßen zwei Gendarmen an ihren Schreibtischen und nickten ihm schweigend zu. Franz Gabler war nicht hier. Polt erschrak, wagte es aber nicht, nach ihm zu fragen. Dann sah er Harald Mank in der offenen Tür seines Büros stehen. „Ah ja, unser Neuer.“ Der Dienststellenleiter machte mit dem Kopf eine sparsame, einladende Bewegung. „Herein mit ihm.“ Mank schloss die Tür, rückte für Polt einen Sessel zurecht und stellte zwei gefüllte Kaffeetassen auf den Tisch. „Guten Morgen Simon. Ich darf doch, wie?“

„Ja, klar.“

„Gleich vorweg, es redet sich dann leichter. Ich bin informiert. Der Franz ist zu mir gekommen, spät nachts, und für heute hat er den Dienst getauscht, weil er dir nicht in die Augen schauen kann.“

„So? Ja dann ...“

„Und du hast verdammt schlecht geschlafen, wie ich sehe.“

„Gar nicht.“

„Das hört man gern. Mit einem kaltherzigen Musterknaben könnt ich nur wenig anfangen. Du hast den Franz gestern erst einmal als recht umgänglichen Gendarmen kennengelernt, ziemlich von sich eingenommen allerdings, mit ein paar merkwürdigen Ansichten. Hab ich recht?“

„Ja.“

„Und dann, auf der Streife, hast du einen erleben müssen, der die Dienstvorschrift biegt und beugt, wie er’s braucht. Geschenkannahme in Amtssachen ohne jedes Unrechtsbewusstsein, alkoholträchtige Freunderlwirtschaft mit tödlichen Folgen. Aber es ist noch schlimmer gekommen: Der Franz wollt sich drücken, und zwar auf deine Kosten. Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er sich aufgeführt hat. Da kennt er wenig Hemmungen. Letztlich ist er ja mit wüsten Drohungen im Zorn von dir weggegangen, hat er mir erzählt.“

„Wundert mich eigentlich.“

„Was?“

„Seine Offenheit.“

„Dafür hat’s einen Grund gegeben, Simon. Ich sag jetzt einmal Respekt dazu.“

„Versteh ich nicht.“

„Als er wieder so halbwegs klar denken hat können, nach seinem Wutausbruch, hat er sich widerwillig eingestehen müssen, dass du dich tapfer geschlagen hast. Dann hat er sich in den Alkohol geflüchtet, um seine üble Rolle in diesem Spiel zu vergessen. Hat aber nichts geholfen. An sich ist es eine Stärke vom Franz, auch besoffen so halbwegs klar zu denken. Hat sich aber diesmal gegen ihn gerichtet. Als er dich das letzte Mal angerufen hat, Simon, war er ehrlich, in jeder Hinsicht.“

„Auch was diese Selbstmorddrohung angeht?“

„Ja, auch. Er war ziemlich verzweifelt.“

„Verdammt!“

„Er hat nur ganz kurz daran gedacht, dann hat er sich gefangen, letztlich auch dir zuliebe. Er hätte alles ja nur noch schlimmer gemacht.“

„Darf ich ... darf ich fragen, wie es weitergeht?“

„Na, wie schon. Der Franz wird ohne Beschönigung seine Niederschrift machen und nicht vergessen, deine Haltung anerkennend zu erwähnen – hat er mir versprochen. Und mit den Kollegen in der Dienststelle will er auch reden – in deinem Sinne. Ich sag dir was, Simon: Ich möcht es dem Franz und mir und uns allen wünschen, dass er mit halbwegs heiler Haut davonkommt.“

Polt, verstört, erleichtert und todmüde, spürte, wie er nasse Augen bekam.

„Was ist, Simon?“

„Was soll schon sein. Gestern war ich noch neu hier, ein Junger, der alles vor sich hat.“

„Und jetzt?“

„Hab ich’s hinter mir.“