Titel

Jacqueline Gillespie

Schade um

die Lebenden

Ein Schneeberg-Krimi

1

Die Himbeeren waren schon reif, wie damals das ganze Unglück über Neiselbach gekommen ist, das weiß ich noch. Ich hab nie mehr davon reden wollen, weil ich von Tratscherei nichts halt. Jahr und Tag wird schlecht geredet über die Leut, das hat die Großmutter allweil gesagt, das hab ich mir ein Lebtag lang zu Herzen genommen.

Außer den Meinigen hier oben am Hof hab ich tagelang niemand mehr gesehen gehabt. Wenn es so heiß ist, spazieren die Leute nicht bis zu uns herauf, nur im Frühjahr und im Herbst tun sie das öfter, das hat mit den ersten und den letzten schönen Tagen vom Jahr zum tun. Da rennen die Städter überall herum und nehmen ihre Hund nicht an die Leine und pudeln sich auf, wenn der unsere sie anbellt. Dass bei unserer Einfahrt das Schild „Scharfer Hund“ steht, passt ihnen auch nicht, weil sie sich da richtig fürchten, wenn unser Wolfi um die Ecke kommt, so groß und dunkelhaarig wie der ist. Und wenn man ihnen sagt, dass hier überall Jagdrevier ist, heißt es, dass ihr eigener Hund nichts macht. Wers glaubt, wird selig, sag ich dann immer. Wild und Hund gehen nicht zusammen. Wir haben zwar keine Fasanen und Hasen im Revier, aber es ist auch kein Spaß, wenn ein Hund ein Reh oder einen Hirschen hetzt. Grad, wenn im Juli im Revier noch Kinder­stube ist, da haben die Rehgeißen ihre Kitze und die Hirschkühe ihre Kälber und brauchen eine Ruh.

Zwei Tage lang hab ich Johannisbeergelee eingekocht, und geschimpft hab ich wie jedes Jahr. Weil es so eine Pitzlerei ist und weil es in dem Jahr fürs Ein­kochen zu heiß war. Aber was soll man da schon machen? Wie die Gläser in der Stellage im Keller gestanden sind, war ich doch zufrieden – im Winter hat man an sowas eine Freud.

Und weil ich so lang niemand gesehen hab, hab ich mir gedacht, dass der Sohn mich runter zur Heidi bringen soll. Haar schneiden. Die Kusine macht sowas ja auch, die kommt sogar hinauf zu unserem Hof, aber ich wollt hören, was es in Neiselbach Neues gibt. Und weil ich keinen Führerschein hab, muss mich immer wer runterbringen ins Tal. Telefonieren tu ich nicht gern und darauf warten, dass wer auf einen Kaffee vorbeischaut, das hätt mir zu lang gedauert.

Also hat der Sohn mich zur Heidi hingebracht. Bei der Heidi arbeitet ein Mädel, die wascht einem nur die Haar, die Dagmar, schneiden tut die nicht. Haare­waschen mögen die meisten Leut ja nicht, ich aber sehr. Wenn das Mädel mir den Umhang umbindet und fragt, ob sie mich eh nicht okragelt, freu ich mich schon drauf. Der Kaffee, der schmeckt mir auch. Wir haben kein Kaffeehaus in Neiselbach, weil keiner hingehen würd, wir kochen unseren Kaffee alle selber und backen tun wir auch das ganze Jahr. Wär doch schad und eine Sünd, wenn man alles verkommen lassen würd, wo doch ein jeder bei uns Obstbäum hat. Manche von den jungen Leuten probieren neumodisches Zeugwerk. Die kochen das Obst mit Essig und Zwiebel und tun noch Ingwer dazu. Ich hab vergessen, wie man dazu sagt, zum Fleisch und zum Käs isst man das. Also ich brauch das nicht. Noch schlimmer sind die Engländer, die essen zum Lammfleisch Minzmarmelade. Pfui Teufel, das muss erst schmecken. Mir sind meine Preiselbeeren heilig, was anderes kommt mir zum Fleisch nicht auf den Teller.

Das wollt ich jetzt aber gar nicht erzählen, bei der Heidi bin ich stehen geblieben. Die Nachbarin war auch da, die hat sich wieder mit einem Kreuzworträtsel wichtig gemacht. Das macht die immer, aufgelöst hat sie noch nie eines, aber die Heidi und das Mädel müssen immer warten, bis es ihr zu blöd geworden ist, dann dürfen sie ihr die Haar färben. Die beiden haben aber eh mit mir zum tun gehabt, die Heidi hat geschnitten, und das Mädel hat mir dann die Haar auf Lockenwickler gedreht. Eine Dauerwelle, das schaut ordentlich aus, weil die langen Haar, die hab ich mir vor zwei Jahren abschneiden lassen, ich hab sie nimmer aufstecken können, und die Schwiegertochter hat auch nicht immer Zeit gehabt. Wie ich den halben Kopf voller Wickler gehabt hab, ist der Gemeindediener in der Tür gestanden. Der wollt sich auch die Haar schneiden lassen, aber wie er uns zwei gesehen hat, ist er gleich wieder davongelaufen. Die Mannsbilder haben es allweil eilig, das kennt man schon, und geflucht hat er auch, aber das gehört jetzt nicht hierher.

Und die nächsten, die gekommen sind, das waren die beiden jungen Menscher vom Hendlbauern, und das war schad, weil ich da schon unter der Trockenhaube gesessen bin und nichts hab hören können, dabei haben sie was zum erzählen gehabt, das hab ich an ihren Gesichtern erkannt. Ich hab aber trotzdem nicht gesagt, dass ich nimmer unter der Haube sitzen will, weil ich von Tratscherei ja nichts halt. Aber nett war es dann doch von der Heidi, dass sie mir gesagt hat, worum es geht. Dass die Frau Schalott von Schwarz vom Herrenhaus ihren Geburtstag feiern wird. Diese französischen Vornamen sind ja heute groß in Mode. Frau Schalott von Schwarz. Da soll dann noch jemand wissen, wie man die schreibt.

Aber ich glaub, dass man sich jetzt nicht wirklich gut auskennt.

Also, wir hier in Neiselbach haben ein Herrenhaus. Da muss ich immer an Schönbrunn denken. No, so groß ist es nicht, aber fast so schön. Eine große Terrasse mit einem Geländer, wo man eine Rede halten könnt, wenn alle anderen Leut unten auf der Wiese stehen, und rechts und links geht eine Auffahrt zur Terrasse hinauf. Das ist praktisch, weil man da auch einen Rollstuhl raufschieben kann. Und von der Terrasse kommt man dann ins Haus rein, durch die hohen Glastüren. No, putzen möcht ich die ja nicht.

Hier lebt die Familie von Schwarz schon über hundert Jahr. Heut gibt es ja viele, die nur mehr Schwarz zu denen sagen. Davon halt ich nichts, die Großmutter hat auch von Schwarz gesagt und ich wüsst keinen Grund, warum man das ändern sollt.

Der letzte von Schwarz, von den Alten meine ich, das war der Herr Eduard von Schwarz. Schönheit war er keine, klein und dick und mit wenig Haar, außerdem ein fader Kerl. Ich weiß schon, wovon ich red, so alt wie heut war ich auch nicht immer. Und seine erste Frau war eine hopatatschige Person, meiner Seel, obwohl man über Tote nicht schlecht reden soll. Aber Wahrheit muss auch wahr bleiben, das hat die Großmutter auch immer gesagt. Der Herrgott hat sie dann aber früh zu sich geholt, Gott sei ihrer Seele gnädig. Die war nicht viel über fünfzig und bei uns in Neiselbach wird man leicht neunzig. Zwei Söhne hat sie dem Herrn Eduard von Schwarz hinterlassen, die beiden waren aber eh schon ausgewachsen, der Maximilian und der Johannes. Der Herr Maximilian hat ja leider viel von seinem Vater, aber der Herr Johannes schaut seiner Mutter ähnlich, und wenn sie auch eine Hopatatschige gewesen ist, eine Fesche war sie allweil.

No, und dann hat der Herr von Schwarz in Deutschland was zum erledigen gehabt. Geschäftlich, glaub ich. Lang ist er wegblieben, das weiß ich, als ob es gestern gewesen wär. Leicht vier Wochen, und wie er im August zurückkommen ist, da hat es die große Überraschung geben. Am Sonntag, oben bei der Kirche in Siebenstein, wie er mit der roten Limousine vorgefahren ist.

In dem Auto ist noch wer drinnen gesessen. Und wie er ums Auto herum ist und die Beifahrertür aufgemacht hat, da ist sie ausgestiegen. Ein Rehlein, hab ich mir gedacht. Ganz was Zartes und so schmal, dass man ihre Mitte mit zwei Händen umspannen hätt können. Hellblau war ihr Kleid, das weiß ich noch, und in der rechten Hand hat sie einen Hut gehalten, so einen großen, runden. Und Handschuh hat sie angehabt, filetgehäkelte, was ganz was Feines. In Neiselbach zieht man Handschuh nur im Winter an, wenn es bitterkalt ist. Das junge Fräulein war die Frau Schalott.

Die hat grad so ausgeschaut wie die junge Fürstin von Monaco, die kenn ich aus den Heftln, die in der Frisurstube Heidi liegen. Die ist jetzt schon lange tot, aber Fotos von ihr druckt man noch immer. Grazia Patrizia hat sie geheißen und eine amerikanische Schauspielerin ist sie gewesen, bevor sie ihren Fürsten getroffen hat.

Manchen in Neiselbach hat das ja nicht gepasst. Dass der Herr von Schwarz sich eine Frau aus dem Ausland genommen hat. In Österreich gibt es auch hübsche Weibsbilder, das hat man immer wieder hören können. Da war es aber zu spät, weil wie die beiden nach Neiselbach kommen sind, waren sie schon verheiratet. Und Ausland! Ich mein, Deutsch hat sie ja können, die Frau Schalott, ein bissel ein komisches halt, weil sie aus dem Ruhrpott war. Aber man hat sie gut verstanden.

Dass der Herr von Schwarz die junge Frau heimgeholt hat, das hat man verstehen können. Dass sie ihn hat wollen, ein wengerl weniger. Da fallt einem immer sein Geld ein, das schöne Herrenhaus und der viele Wald. Davon wird er ihr ja sicher schon in Deutschland erzählt haben. Aber man kann in niemanden hineinschauen, hat die Großmutter immer gesagt, und warum die Frau Schalott ihn hat heiraten wollen, geht ja niemanden was an. Müssen hat sie nicht, nach neun Monaten war noch immer nichts Kleines da. Darauf haben sie noch ein paar Jahr warten müssen, auf den Hubertus. Der war dann eine wahre Freud. So ein hübscher Bub, silberblonde Locken, ganz wie seine Mutter, und die Augen wie der Himmel so blau.

So war das damals. Und jetzt haben die beiden Menscher vom Hendlbauern erzählt, dass die Frau Schalott ein Geburtstagsfest gibt, und auch die Leute vom Ort sind eingeladen. Deswegen sind die beiden zur Heidi gekommen. Eine neue Haarfarb haben sie haben wollen, die eine rot, die andere schwarz. Ich hab noch nie verstanden, wieso man das braucht, schon gar nicht, wenn man jung ist. Aber heut ist alles anders. Überrascht hat mich das schon, weil die Frau Schalott noch nie ihren Geburtstag gefeiert hat. Nur dem Hubertus seine, große Kinderfeste mit Luftballons und Zauberern und jedem Brimborium, das man sich nur vorstellen kann.

Dass ich zu dem Fest gehen werd, hab ich gleich gewusst. In Neiselbach macht man das so. Da feiert man die Feste, wie sie fallen. Wenn es ein Musikerfest oder eine Hochzeit gibt, geht man hin. Zu einem Begräbnis geht man auch. Das ist so Brauch und was Schönes, da trifft man Leut und kann sich unterhalten.

Aber, bei meiner Seel, und der Blitz soll mich treffen, wenn ich die Unwahrheit sag, schon damals hab ich ein wengerl ein ungutes Gefühl gehabt. Als ob was passieren würd. Und das sag ich nicht einfach so dahin. Ich gehör nicht zu den Leuten, die nachher immer alles besser wissen.

Dabei hat mir der Singer-Simon, der Gendarm, die Geschichte mit dem Bachhuber erst später erzählt. Der ist nicht nur ein Gendarm, der ist auch ein Jäger. Eine Eigenjagd hat die Familie und seit der Vater nimmer der Jüngste ist, schaut der Simon auf alles. Da hat man ganz schön was zum tun. Aber der Singer-Simon packt das schon.

Das, was ich jetzt erzähl, ist alles grad einen Tag vor dem Fest passiert. Da ist der Simon auf die Abendpirsch gegangen. Zum Schlag hinauf hat er wollen, beim Bachhuber seiner steilen Wiese vorbei, noch weiter hinauf. Aber auf der steilen Wiese ist der Bachhuber selber gestanden, der hat gleich aufgehört, das Heu zusammenzurechen, hat sich auf den Rechen gestützt und den alten Jagdhut aus dem Gesicht in den Nacken geschoben. Das macht er immer, wenn ihm warm ist. Heuzusammenrechen kann er gar nicht leiden, weil für den Bachhuber alles Unangenehme Weibersache ist. Aber die Frau ist auf der steilen Wiese nicht mehr sicher auf die Füß. Also muss er es selber machen. Ich kann mir gut vorstellen, wie grantig er dabei gewesen ist. Außerdem hat der Simon erzählt, dass der Bachhuber nichts zu trinken mitgehabt hat, kein Bier und keinen Schnaps. Das weiß er so genau, weil der Bachhuber ihn gefragt hat, ob er denn in seinem Rucksack nichts mithat. Für den Tag waren Gewitter angesagt im Radio, und am Abend sind Wolken vom Schneeberg nach Neiselbach herübergezogen. Der Bachhuber hat auf seiner steilen Wiese weiterrechen müssen, sonst wär das Heu beim Regen nass geworden. Die ganze Maht beim Teufel. Eine Laune muss der gehabt haben. Nichts zu trinken und trotzdem arbeiten müssen.

Da ist er auf sein Lieblingsthema gekommen, hat der Simon erzählt, das Politische. Und weil es eine Finanzkrise gibt, hat er über die Wirtschaft auch gleich geschimpft. Wie schlecht es allen geht. Und wer ist schuld daran, hat er zum Simon gesagt, der Jud!

Weil der Bachhuber ein fester Nazi ist.

Ob er schon einmal einen Juden gesehn hat, der was arbeitet, hat er den Simon gefragt. Der Simon hat darauf keine Antwort gegeben, der Bachhuber hat sowieso keine haben wollen, der wollt nur weiterschimpfen. Sind doch alles nur Doktoren oder Rechtsanwälte, die Juden, hat er dann gesagt, und dass sie alles im Tal aufkaufen haben wollen, damals, vor Jahrzehnten, auch die Bauernhöfe auf der anderen Talseite. Und was dann aus der Wogerlfamilie hätt werden sollen. In das alles hat der Hitler dann eine Ordnung hineingebracht.

An dem Tag war der Simon aber selber grantig, Kopfweh hat er gehabt, vom Wetter. Viel hätt nicht gefehlt, und er hätt dem Bachhuber eine getuscht, hat er erzählt. Als ob das bei dem was nützen würd. Aber leid hat es dem Simon noch eine Weile getan, dass er es nicht gemacht hat. Er hat ihm aber Servus gesagt und ist dann weiter, zum Schlag hinauf. Schon längst hätt er am Hochstand sitzen sollen. Wenn es regnet und wieder aufhört, zieht das Wild vom Wald auf die Wiesen hinaus. Nach dem Regen Waidmanns Segen, sagen die Jäger.

Ich glaub ja, es war gescheiter, dass der Simon dem Bachhuber nichts getan hat, das hätt ihm als Gendarm sicher geschadet. Heut kann man ja nimmer, wie man will. Früher, da war man als Dorfgendarm eine Autorität, aber heut ist alles anders, und wegen so einem wie dem Bachhuber braucht man sich wirklich nicht die Hände dreckig zu machen. Das weiß doch eh jeder, dass das alles ein Schmarrn ist, was der Bachhuber daherredet. Grad so, als könnt er sich an früher erinnern. An die Finanzkrise in den zwanziger Jahren und den Hitler. Der Bachhuber ist aber erst sechzig, der war in die dreißiger Jahr noch in Abrahams Wurstkessel.

Noch eine war grantig an dem Tag, das war die Mizzi. Jetzt muss man noch wissen, wer die Mizzi ist, sonst kennt man sich nicht aus. Mit fünfzehn ist sie ins Herrenhaus in Stellung gegangen, heut ist sie fünfundsechzig. Verheiratet ist sie nicht und wohnen tut sie im Herrenhaus im ersten Stock, da hat der Herr Eduard von Schwarz ihr eine kleine Wohnung einrichten lassen. Frau Mizzi wird sie im Herrenhaus gerufen und führt dort seit Jahr und Tag ihr eigenes Regiment. Nicht nur in der Küche, sondern auch sonst. Graue Haar hat sie schon, aber ein stattliches Frauenzimmer ist sie, so wie man es früher schön gefunden hat, bevor alle Welt mit der Hungerei angefangen hat. Im Krieg wär man nicht auf so blöde Ideen gekommen, da wär man froh gewesen, wenn man was zum beißen gehabt hätt.

Grantig war die Mizzi, weil sie müd war. Den ganzen Tag ist sie mit den Leuten aus der Gastronomie herumgelaufen. Kätering, hat sie mir gesagt, nennt man die, und Sorgen hat sie sich gemacht. Sie hat nicht gewusst, was die Leut vom Kätering daherbringen werden. Das hätt Hummer sein können oder Muscheln oder Krebse, irgendwas aus dem Meer. Und wer aus Neiselbach, bittschön, hätt sowas essen wollen? Bei uns braucht das keiner, und es hat ja geheißen, dass wir von hier auch alle eingeladen sind, nicht nur die feinen Leut aus Wien. Dann hat es aber eh Würstel gegeben und Hendl und Kotelett, das hat schon gepasst.

Also, müd war die Mizzi. Wegen der Steckdosen ist sie herumgerannt, damit das Kätering seine Kabel anhängen kann. Und schauen hat sie müssen, wo die Wasser herbekommen und wo die Tische und die Standln hinsollen. Sie glaubt immer, sie ist für alles zuständig. Und den Haushalt vom Herrenhaus, den hat sie ja auch noch am Hals gehabt. Sechs Erwachsene, dann der fünfzehnjährige Hubertus und die zwei Kleinen vom Maximilian. No, es wohnt ein Schüppel Leut im Herrenhaus. Und die Mizzi backt sogar das Brot noch selber. Weil es halt doch was anderes als das gekaufte ist.

An dem Tag ist sie erst spät am Abend zum Teigmachen gekommen, das hat sie geärgert, weil die Mizzi gern eine Ordnung hat.

Ich glaub aber, dass die Mizzi vor allem bös war, weil die Frau Schalott sie wegen dem Geburtstagsfest nicht als Erste eingeweiht hat. Schon damals, wie der Herr von Schwarz mit seiner jungen Frau aus Deutschland nach Neiselbach zurückkommen ist, hat sie so getan, als ob sie über alles Bescheid gewusst hätt. Aber das hat nicht sein können. Der Herr von Schwarz hat ihr sicher keinen Brief geschrieben oder gar ein Telegramm geschickt, das hätt man in Neiselbach vom Postler gehört, wenn da was gekommen wär. Sie hat aber nicht zugeben wollen, dass sie von nichts was weiß. Was die Familie von Schwarz angeht, ist die Mizzi ein bissel eigen. Eifersüchtig wahrscheinlich, weil alle für sie wie eine eigene Familie geworden sind.

No, beim Brotbacken bin ich stehen blieben. Den ganzen Ärger hat die Mizzi am Teig auslassen, der ist am Ende ganz geschmeidig gewesen vor lauter Walken. Aber in den Ofen hat sie ihn nicht mehr geschoben, da war es schon nach halb zehn, das war ihr zu spät. Für Milchkaffee ist es der Mizzi aber nie zu spät. Den ganzen Tag steht ein Kaffeetopf am Herd in der Ecke auf der gusseisernen Platte, da bleibt er warm, weil mit Holz geheizt wird. Der Rücken hat ihr wehgetan, die Jüngste ist sie ja auch nicht mehr, da war sie froh, wie sie sich mit ihrem Kaffeehäferl endlich hat hinsetzen können.

Die Küche im Herrenhaus ist groß, weil man früher Gesinde gehabt hat, Knechte und Mägde. Da gibt es einen großen Tisch, leicht sechzehn Leut können da sitzen. Und rechts hinten hat der Herr Eduard von Schwarz der Mizzi eine Fernsehecke herrichten lassen, gleich unterm Herrgottswinkel, wo unser lieber Herr Jesus am Kreuz hängt. Genau drunter steht der Apparat und davor der Schaukelstuhl. Da kann die Mizzi ihre Lieblingssendungen anschauen, die mit der Volks­musik oder die, wo man was gefragt wird und dann was gewinnt. Das ist ihr lieber, als hinauf in ihre Wohnung zu gehen, weil manchmal noch ein Jäger bei ihr vorbeischaut nach der Pirsch, auf ein Bier oder einen Schnaps.

Da ist sie also gesessen und hat sich manches durch den Kopf gehen lassen. In der Küche war schon alles aufgeräumt, da ist die Mizzi eine ganz Ordentliche. Das merkt man schon, weil sie sich oft mit der Hand über die aufgesteckte Zopfkrone streicht, als ob da ein Haar herauslugen könnt. An den nächsten Tag hat sie gedacht, und dass es da für sie leichter sein wird, weil sie kein Mittag- und Abendessen richten muss, weil alle am Fest was zum essen kriegen.

Vor den Küchenfenstern vom Herrenhaus liegt Kies. Und die Mizzi sagt immer, wie praktisch das ist, weil man gleich hört, wenn jemand kommt. Wenn es draußen knirscht, ist wer vor der Tür, da braucht man keine Klingel. An dem Abend hat der Singer-Simon geknirscht. Von der Abendpirsch ist er zurückkommen, da hat er bei seiner Tante auf ein Bier vorbeigeschaut. No, die Mizzi ist die Tante vom Simon, das ist in Neiselbach aber nichts Besonderes, weil hier eh jeder mit jedem verwandt ist. Mehr oder weniger. Von mir ist die Mizzi eine Kusine, eine entfernte.

Vor der Tür hat der Simon die Erde von den Bergschuhen geklopft, dann ist er vorsichtig reingekommen. Die Mizzi kennt da aber nichts. So ordentlich wie sie sonst ist, die Mannsbilder dürfen bei ihr mit den Schuhen rein. Weil man das ja alles zusammenkehren kann, wenn sie wieder draußen sind.

Ganz kariert hat er dreingeschaut, hat mir die Mizzi erzählt, und ein Bier hat er haben wollen, weil es oben am Schlag so schwül gewesen ist. Zum regnen hat es trotzdem nicht angefangen an dem Abend. Aber nicht nur ein Bier hat die Mizzi ihm hingeschoben, sondern auch ein Schmalzbrot und eine Jägerwurst. Weil Essen Leib und Seele zusammenhält, sagt die Mizzi immer. Der Simon hat dann erzählt, was der Bachhuber auf seiner steilen Wiesen so daherredet. Zuerst hat die Mizzi sich nicht ausgekannt. Das wissen doch eh alle, dass der Bachhuber ein fester Nazi ist und viel Blödsinn daherredet, wenn der Tag lang ist, hat sie gesagt.

Aber um den Bachhuber ist es ja gar nicht gegangen. Sondern um den Simon, weil ihm leid getan hat, dass er ihm keine Watschen geben hat. Feig ist er sich vorkommen. Da hat die Mizzi dem Simon einen Teller mit Gugelhupf hingeschoben. Was soll man sonst tun, wenn ein Mannsbild den Seelischen kriegt? Froh ist sie gewesen, dass keine Rauferei dabei herausgekommen ist. Eben wegen dem Gendarmsein.

Es ist eine schwere Zeit gewesen, nicht nur die Jahre mit den Nazis, auch nachher mit den Russen, im fünfundvierziger Jahr. An eine Geschichte hat die Mizzi besonders denken müssen. Wie oben beim Huam-Bauern die Frau aus dem Haus gegangen ist, weil sie nach den Kühen auf der Weide hat schauen wollen. Vergewaltigt haben sie sie, die Russen, gleich ein paar von denen. Und im Ort war man dann auf sie schiach, weil der Huam-Bauer die Russen hat umbringen wollen, wie sie plärrend nach Haus kommen ist. Und das hätt Neiselbach ins Unglück stürzen können. Wo doch die Huam-Bäuerin gewusst hat, dass sie zu Haus bleiben soll. Jetzt ist es passiert und nicht zu ändern, das haben die Männer im Ort gesagt, und dass der Huam-Bauer eine Ruh geben muss. Und die Frauen haben sich nichts dazu zu sagen getraut. An die Geschichte hat die Mizzi denken müssen, wie der Simon ihr alles erzählt hat, gesagt hat sie aber nichts. Er hätt es eh nicht verstanden. Dass Menschen schon immer und überall, egal, wo sie gestanden sind, zu furchtbaren Dingen fähig waren.

Am nächsten Tag war der Festtag. Um sechs in der Früh bin ich aufgewacht und hab auf den Sohn gewartet. Der zieht mir immer die orthopädischen Krankenkassaschuh an, ohne die kann ich nicht gut aufstehen, mit dem Gehen tu ich mir ein wengerl schwer.

Um elf Uhr fangt das Fest an, hat es geheißen. Heute würd ich mir wünschen, es hätt nie stattgefunden.

2

Wenn in Wien die Trottoirs nach heißem Staub rochen, zog es Dr. Patrick Sandor stets aufs Land. Er war in der Provinz groß geworden, daran mochte es wohl liegen, aufgewachsen mit vier Geschwistern im Salon eines heruntergekommenen Schlosses im tiefsten Burgenland. Mehr Räume hatte man aus pekuniären Gründen nicht heizen können.

Pannonische Tiefebene und wehrhaftes Gemäuer waren nicht mehr nach seinem Geschmack, er hatte im gebirgigen Neiselbach ein kleines gelbes Haus mit grünen Läden erstanden, auf der Südseite des Ortes hinter einer zweihundert Jahre alten Esche versteckt. So schmal war der Stiegenaufgang, dass Patrick Sandor den Fensterrahmen herausschrauben hatte lassen, um sein Klavier in den oberen Stock zu schaffen. Sollte er das Haus jemals wieder verkaufen wollen, würde man das Klavier zerhacken müssen, das war ihm schmerzlich bewusst.

Dass er kaum jemanden im Tal kannte, gefiel ihm. An diesem schwülen Freitag freute er sich besonders auf Neiselbach – auf Gartenarbeit, Lektüre und Musik.

Patrick Sandor warf einen letzten Blick auf seinen leer geräumten Schreibtisch, fasste mit der Rechten an seine Brusttasche und zupfte das bordeauxrote Stecktuch zurecht. Er war zum Mittagessen in ein Wiener Beisel mit Gastgarten und Blick auf den Donaukanal eingeladen, nicht weit entfernt von seinem Büro am Deutschmeisterplatz, fünf Minuten den Ring hinunter zum Kai. Er schob seine Aktenmappe unter den linken Arm, zog die Tür hinter sich zu. Zwei Wochen würde er nicht hierher kommen. Urlaub, frei nach dem Essen zu gehen, wohin es ihm beliebte.

Am Ring herrschte wie jeden Freitag reger Verkehr, die ganze Stadt schien ins Grüne zu wollen, gereiztes Hupen war zu hören.

Er wurde bereits erwartet. Einsam saß ein rund­licher Mann im Gastgarten und zupfte an seinem röt­lichen Schnurrbart, die Lippen pfeifend geschürzt. Kriminalinspektor Müller pfiff den k. k. Radetzkymarsch, wie stets bei guter Laune, etwas anderes konnte er nicht pfeifen, zum Leidwesen seiner sozialistischen Eltern, denen die Internationale lieber gewesen wäre. Müller ließ seinen Schnurbart los und hob die Hand, er hatte Patrick Sandor erblickt. Er erhob sich nicht, das machte Müller nie, aber zumindest hatte er noch nicht bestellt.

„Büroakte?“, fragte er und wies mit dem Kinn auf Sandors Aktenmappe.

„Lektüre und Musik“, sagte Patrick Sandor. Ein Potpourri klassischer Musik und Bücher, die er schon lange hatte lesen wollen, außerdem ein zerfleddertes Exemplar Buddenbrooks, oftmals gelesen und für Mußestunden unverzichtbar.

Von ihrem Tisch aus konnte man das Wasser sehen, kühler war es trotz der Nähe des Donaukanals nicht, fand Müller, der dennoch auf seine Leibspeise bestand, Würstel mit Gulaschsaft. Sandor gab Salat mit Putenstreifen den Vorzug.

„Nachher einen Topfenstrudel?“, schlug Müller vor, als er den ersten Bissen in den Mund geschoben hatte.

„Womit beginnen denn Sie Ihren Urlaub morgen?“, fragte Patrick Sandor.

„Ich fahr auf keinen Fall nach Neiselbach“, antwortete Müller mit vollem Mund und wedelte mit dem Besteck.

Patrick Sandor kaute eine Weile auf trockenem Putenfleisch, spülte den Bissen mit einem Schluck Chardonnay hinunter.

„Ich habe Sie auch nicht eingeladen“, stellte er lächelnd fest.

Wofür Kriminalinspektor Müller ihm herzlich dankbar war. Patrick Sandors Passion fürs Land teilte der eingefleischte Wiener nicht, sein Hang zum Grünen reichte nicht weiter als zu den Weingärten am Kahlen­berg vor den Toren Wiens. Wiener Lieder, Kümmelbra­ten und ein paar Gespritzte dort beim Heurigen waren ganz nach seinem Geschmack.

Was in fremden Ohren unfreundlich geklungen hätte, brachte Müller zum Lachen. Allerdings nur, bis er die Gulaschsaftspritzer auf seinem hellblauen Poloshirt sah.

„Nun?“, sagte Patrick Sandor und zog fragend die Augenbrauen hoch, was sein schmales Gesicht noch länger aussehen ließ.

Energisch wischte Müller mit einer Serviette an seinem Hemd, aus den Spritzern wurden Streifen.

„Geh!“, sagte Müller enerviert, durch Garderobesorgen abgelenkt.

„Was ist jetzt mit Ihrem Urlaub?“, wollte Patrick Sandor wissen.

„Lisi“, sagte Müller, ohne den Kopf zu heben.

Bedächtig legte Patrick Sandor Messer und Gabel auf seinen Teller.

„Und was macht der Herr Poldi an so einem Samstag?“, fragte Patrick Sandor. Mit eben diesem Exekutivbediensteten war Frau Lisi nämlich verheiratet.

„Der ist in der Steiermark auf einem Seminar, Polizisten im Nahkampf“ sagte Müller, immer noch mit gesenktem Kopf, obwohl gegen die Gulaschsaftflecken nichts mehr auszurichten war.

Die Affäre war nicht nur fatal, sondern auch heimlich, denn Kriminalinspektor Müller wollte Herrn Poldi, den er schätzte, nicht verletzen. Wird ja nichts weniger, tröstete sich Müller in so mancher stillen Stunde, wenn sein Gewissen sich dennoch regte.

In einer Gemeindewohnung im Karl-Marx Hof war Müller aufgewachsen, das jüngste von sieben Kindern. Eines Tages alt genug, sich zu fragen, wieso seine Eltern nicht ein wenig zurückhaltender gewesen waren, war es für ihn zu spät: Auf Unordnung und viele Menschen auf engem Raum allergisch, lebte er alleine in einer kleinen Wohnung mit Blick auf das Wiener Riesenrad in der Ausstellungsstraße. So sollte es auch bleiben.

–­

„Peinlich“, sagte er, „ich sehe die abgeschmackte Schlagzeile schon vor meinem geistigen Auge.“

Mehr sagte er nicht, schließlich bezahlte Müller das Mittagessen und auch als Gast konnte man sich nicht alles erlauben.

Sie hatten einen diffizilen Fall gelöst und einen Mörder überführt. Dies war nichts Besonderes, sondern ihr Beruf, dennoch pflegte Müller Fälle auch kulinarisch abzuschließen, bei Würstel mit Gulaschsaft.

„Tun Sie mir die Lieb und lassen Sie sich morgen nicht erschießen“, sagte Patrick Sandor. „Da habe ich schon etwas vor.“