Titel

Jeannine Meighörner

Die Wolkenbraut

Das Leben der Philippine Welser

Ein historischer Roman

Zitat

Jede gute Geschichte hat es verdient,

ausgeschmückt zu werden.

J. R. R. Tolkien

Widmung

Für Wolfgang Ritter,

der die Welt retten wollte und ein Vorbild war.

Und für Günter Opp, den ich gerne gekannt hätte.

Zu diesem Buch

Im Prag des 16. Jahrhunderts begegnen sich zwei Menschen von skurriler Merkwürdigkeit:

Hofzwerg Thomele – der wohl kleinste Mensch seiner Zeit –, der es mit jedem aufnimmt, und die „Frau mit den schönen Nasenlöchern“. Gewachsen wie eine Birke und so geheimnisvoll, dass selbst Thomele lange nicht herausfindet, dass die Augsburger Kaufmannstochter Philippine Welser (1527–1580) seinem Herrn den Kopf verdreht.

Beide buhlen sie um die Gunst Ferdinands II., Vizekönig von Böhmen, später Erzherzog von Tirol. Er sammelt Kostbares und Kurioses aus aller Welt, wobei ausgerechnet der Winzling den Herrscher noch größer machen soll. So springt Thomele aus einer Pastete, umarmt Bären, ohrfeigt Riesen und neckt den Dogen von Venedig. Ohne den Kampf um Zuneigung zu gewinnen.

Die vermeintliche Mätresse wirkt im Stillen. Kennt jedes Kraut und rettet dem Zwerg das Leben. Als dieser hinter Philippines Geheimnis kommt, wächst er über sich hinaus, um sie zu schützen.

Dies ist die Geschichte zweier Außenseiter und ihrer Balance zwischen Kleinheit und Größe – von Thomele etwas freimütig erzählt.

Mittlerer Goldener Steig 1596
Ein Zwerg wird nicht länger, wenn man daran zieht

Jetzt bin ich ein Ungeheuer. Ginge es nicht um mein Leben, wäre es amüsant.

In Innsbruck galt ich zuletzt weniger als ein krumm gelaufener Schuh. Ein eingewachsener Zehnagel war ich. Lästig. Ein schmerzhaftes Übel der Witwe meines Herrn. Ihre Bittprozessionen, ihren ganzen humorlosen Marsch ins Paradies habe ich gestört. Alles hässliche, ja, hassenswerte käme in diesem Thomele zusammen, hatte die Gonzaga geseufzt und ihre Augäpfel Richtung Himmel verdreht. So, dass nur noch das Weiße darin war. Sie hat in mir immer nur den Affen dieser Krämers­tochter gesehen, wie sie ihre Vorgängerin Philippine jetzt ungeniert nannte.

Mein einziges Verbrechen ist, dass ich alt geworden bin. Überalterte Ware. Uns will man kinderärschig und hühnerknöchelchen-zart. So possierlich, dass die Verderbtheit der Menschen sich bei unserem Anblick in Gelächter entlädt.

Niemand möchte einen kahlköpfigen Kobold. Mein ramponierter Puppenkopf – ein Witz der Physiognomie mit allzu wissenden Augen: Kleingeister, Großtuer und viel zu viele schöne Frauen haben sie gesehen, ihre Schädel wie welke Tulpenkelche zu mir hinabgebeugt. Einst brachte es Glück, mich zu berühren.

Nun gilt es als Spaß, mich zu misshandeln. „Der Sensenmann hat dich übersehen, da helfe ich nach“, feixte jüngst ein Bursche mit einem Schäferstock auf mich eindreschend, nicht ahnend, dass ich unterm Mantel einen Degen trage. Dass ich gelernt habe, ihn zu führen. Nun hat er ein Loch im Wanst, von unten nach oben gestochen, flinker als ein Schafskopf schauen kann.

Doch es ist mühsam, die Langen zu unterrichten.

Sie sind noch hochmütiger, seit die Schätze der neuen Welt ihre Raffgier ins Unermessliche steigern und der neue Glaube sie gegeneinander aufbringt.

Seitdem hält man mich an einem namenlosen Ort gefangen und nach Schafsmist stinkendes Gesindel will mich richten.

Dabei hatten mein Begleiter Jost und ich die Mühsal des Bayrischen Waldes fast überwunden. In gedrückter Stimmung zwar. Den Giftbecher-Gustl hatte in Passau ein Schlagfluss dahingerafft, auf einer Straßenschönheit war er verschieden. Lange hatte er sich als Vorkoster meines Herrn bester Gesundheit erfreut, um sich am Nektar einer Frau zu vergiften.

„Speis und Trank des schleckigen Ferdinand II. von Österreich waren fad gegen eine bayrische Dirn“, war das letzte, was Gustl hinausposaunt hatte. In Bischofsstädten stolzieren heute mehr geputzte Schlafweiber umher, als ein Meister Tizian Engelsputten malen kann. Salzburg das gleiche Sündenbabel.

Aus Innsbruck – kein Bischofssitz, aber voll selbstverliebter Heiterkeit – hat die fromme Ziege nun alle Sinneslust verbannt. Ihren Witwenleib hinter Klostermauern eingeschlossen. Das hätte sie nicht müssen. Was sollte die Gonzaga beichten? Wofür um Vergebung bitten?

Noch keine sechs Wochen nach der Vermählung hatte sie ihrem Gemahl ein Nebeneinander in „ehelicher Reinlichkeit“ empfohlen. Drollig der Versuch dieser Brackwasserente aus den Sümpfen Mantuas, einem mit allen Wassern gewaschenen Habsburger Enthaltsamkeit zu predigen.

Als Ferdinand sich weiter abgemüht hatte für den erhofften Sohn und legitimen Erben für Tirol, hatte die Gonzaga Rosenkranz gebetet. Unterdessen! Wieso ich dies weiß? Frage derartiges nie einen Thomele.

Nun ist es an der Zeit für einen Spaßmacher, sein Bündel zu schnüren. Land der Berge, Land der Rosenkränze, lebe wohl; Prag, du goldene Stadt, von deiner Freiheit einen Hut voll!

Schon Philippine hatte mich gewarnt, dass ein Zwerg immer wieder klein anfangen muss.

Nach Passau waren wir dem Goldenen Steig gefolgt mit dem Ziel, Böhmen vor Ostern zu erreichen. Was hier gülden sein soll, hatte ich mich ich in dieser feuchten Wurzelhölle gefragt, als ich meinem Pony vorangehen musste. Unsereins ist für Gewaltmärsche denkbar ungeeignet, macht Jost einen Schritt, macht Thomele drei. Bald fließt jeder Tropfen, der aus dir rinnt, nach Prag, die Wasserscheide zwischen Donau und Moldau, meiner Vltava, zum Greifen nah. Dann trug mir der Böhmwind heimatliche Gerüche zu, zog mich an den Nasenlöchern wie einen Ochsen weiter:

zu dampfenden Knödeln, zwergenkopfdick, zu Hechten, Brassen, Welsen, Rotaugen, Barschen und fett gefütterten Karpfen aus Böhmens unzähligen Teichen. Und zu meiner Mutter, deren Haar, zumindest die ewig feuchten Strähnen hinter ihren Ohren, immer gerochen hatten wie die Netze und Reusen, an denen sie ihre Finger zerstochen hatte. Ich folgte ihrem Geruch in mir. Nach Fischlaich mit einem Hauch von Maiglöckchen. Eine Mutter, die man vermisst, riecht immer gut. Gut dreißig Jahre hatte ich ihren Duft nicht mehr gerochen.

An einer Tränke im waldigen Nirgendwo wollte dieser Prügelschäfer dann mein Leben rabiat verkürzen. Kurz scheint es allemal. Kaum im vierzigsten Jahr gleicht meine Fassade der eines Greises.

Doch nicht nur den seltsamen Puppengreis wollte er vernichten, auch unsere Pferde und prallen Sattel­taschen hatten es ihm angetan. Jost führte Gustls Schecken als Handpferd mit, da mein kurzer Weißer nicht so viel tragen kann. Aus dem Gebüsch sprangen zwei Handvoll Wegelagerer wie Flöhe aus einem struppigen Hund. Gerade hatte ich den Prügelschäfer gelocht, als Jost ein Stock an der Schläfe traf und er vor meine Stiefel plumpste.

Man verschnürte einen Zwerg und einen halbtoten Mann mit Kälberstricken. „Stirbt unser Bruder, stirbt die Missgeburt und ihr Begleiter“, schrie das Gesindel. Einige mit dem scheelen Blick der Inzüchtler, die Vorlieben ihres Tales verratend. Mit Jost, dereinst Pastetenbäcker Philippines, wäre manches Welser’sche Küchengeheimnis verloren gegangen. Wer weiß heute noch, wie man einen Zwerg einbäckt, ohne dass er im Teig krepiert? Und wer weiß, wie man einen Erzherzog oder einen Erzhalunken am Leben erhält, wenn nicht ich?

So gab ich Anweisung, auf dass der Teufel den Prügelschäfer verschone:

„Nehmt Garn, näht das Löchlein zu und legt ihm ein Kraut auf, das indischer Hanf heißt. Gebt dem Bursch die getrockneten Blätter des Krautes in warmem Wasser zu trinken, so hat er süße Träume und spürt den Wundschmerz nicht. Zur Kräftigung gebt ihm acht Pfefferkörner zu kauen. Es muss aber weißer Pfeffer sein. Bekommt er hitziges Fieber, legt neunerlei Eisen in sein Lager. Es zieht die Hitze heraus.“

Kaum erhob ich das Wort, stob das Lumpenpack zurück wie Ungeziefer vor dem Schein einer Kerze. „Eine Stimme wie ein Engel, ein Verstand wie ein Satan“, so hatte mein Herr früher das Erstarren seiner Gäste kommentiert, die der Klang meiner Worte erschrocken hatte. Mein medizinischer Rat würde einmal mehr vor dem Wunder meiner Erscheinung verpuffen.

Nach Blicken, wie wenn man einer Kuh einen Knüppel auf den Schädel haut, schrie einer: „Der quiekt wie ein Ferkel.“

„Nein, er gurrt wie eine Jungfrau“, rief ein Zweiter.

„Dieses Ding steht mit dem Teufel im Bund“, zischte ein Dritter unter einem mit Zobelpelz verbrämten Barett hervor. Sein Vorbesitzer, zweifellos ein Patrizier, hatte ihm dieses sicher nur ungern überlassen. Nach Kopfzier und Lautstärke der Anführer: „Der Gottesaff hat meinen Sohn abgestochen wie eine Sau. Der Himmel will, dass wir ihn richten!“

„Wollt ihr Diebe mir mit dem Herrgott kommen?“, brach es aus mir heraus.

„Wir sind keine Diebe, nur Hirten und Pfenniggeiger. Doch wem zum Tanz aufspielen in Zeiten wie diesen? Jeder Groschen rollt nach Rom, damit die neue Peterskirche wächst und der Ablass den Segen bringt. Und bei den Lutherischen gibt es gar nichts zu fiedeln. Nun hat der Teufel dich ausgeschissen, um uns zu vernichten“, raunzte Zobelbarett.

Bevor ich erneut protestieren konnte, stopfte er mir einen stinkenden Fetzen so tief in den Schlund, dass ich beinah erstickte, und warf mich in einen Viehkoben.

Im Halbdunkeln kauerte eine Gestalt inmitten von faulem Stroh und Kot. Sie angelte den Fetzen aus meinem Rachen und gab mir aus einem Wasserkrug zu trinken. Mein Atemretter stellte sich als Arbogast vor. Fürstbischof Eberhard von Dienheim hätte ihn aus Speyer vertreiben lassen. So hätte er sich vom Rhein zur Moldau aufgemacht, um im glaubensfreien Prag Geschäfte zu machen. Bis die Diebe ihm Pferd und Habe entrissen hätten.

Derweil beratschlagten die Inzüchtler mein Schicksal. Lauthals. „Hängen sollten wir ihn nicht, der fiept und zappelt wie eine grässliche Fledermaus“, sagte einer. „Geköpft zu werden verdient er nicht, das ist der Tod eines Edelmannes“, bläffte es. „Ein Scheiterhaufen käme teuer, schade um das Holz, noch ist der Winter nicht gebrochen“, gab einer zu bedenken. „Vierteilen! Rösser haben wir jetzt genug“, schrie einer. Ein Geistesblitz, der sich allen sofort erschloss, denn schon drängte das Unheil in den winzigen Koben.

Zobelbarett griff sich das Seilende und trug mich daran hinaus. Einarmig. Nicht die geringste Anstrengung im Gesicht. Nur Verachtung, als wäre ihm eine Ratte anstatt eines Hasen in die Schlinge gegangen. Er schleuderte mich durch die Luft. Lässig. Der Nächste und der Übernächste taten das Gleiche.

Es gab kein Oben und kein Unten mehr, hinter meinen Augen zuckten Blitze, jedes Geräusch war ausgelöscht und doch brach ein Sturm los, obwohl sich kein Lüftchen in den knospenden Baumkronen rührte.

Sie hatten Pläsier mit ihrem komischen Fang. Als ich auf ein Gesicht zuflog, klappte ein haariges Maul auf und in dessen scharlachrotem Schlund hüpfte das Zäpfchen. Du kannst das überleben, dachte ich. Ein Thomele hat schon anderes ausgehalten.

Dann war es lustiger, mich nicht mehr aufzufangen. Fliegen, stürzen, fliegen, stürzen. Ich schmeckte Blut.

„Narren, ihr verderbt euch ein Geschäft“, drang es dumpf an mein Ohr. Man zögerte im Wurf.

„Ein Zwerg ist kein Ball. Auch wird er nicht länger, wenn man daran zieht. Verkauft ihn!“ Der Stimme nach Arbogast. Schimpf mir einer auf die Protestanten.

„Ein alter Zwerg bringt weniger als ein Stein“, sagte Zobelbarett und hielt mich vor sein Gesicht. Betont angewidert. Ich sah verkrustete Augenwinkel, roch fauligen Atem.

„Ich wurde mit Gold aufgewogen“, blubberte ich.

Der Mundgeruch kam stoßweise, lachend. War so einem beizubringen, dass klein sehr groß sein kann?

Mit Verlaub, Zwerge verkauften sich gut, sofern sie Talent besäßen. Als Kaufmann käme er weit herum. Selbst Zwerge von offenkundiger Hässlichkeit. Kein Hof ohne Narr, kein Fürst ohne Taschenteufel.

Mit jedem Wort schob Arbogast seinen Kopf weiter aus dem winzigen Stallfenster, gleich einer Schildkröte, die ihrem Panzer entfliehen will. Sein Hals züngelte immer nachdrücklicher ins Freie.

Zobelbarett schlug ihm mit seiner linken Hand ins Gesicht. An seiner Rechten schwang ich gleich dem Pendel eines Wahrsagers. Dann zupfte er seine Kopfzier zurecht, die beim Zwergenmisshandeln in Schieflage geraten war. Nachdenklich.

Ich erkannte meine Chance.

Thomele: „Ich bin berühmt.“

Zobelbarett: „Und hier ein Furz!“

Thomele: „Parliere deutsch, böhmisch, italienisch, etwas englisch.“

Zobelbarett: „Lass hören!“

Thomele: „Muori, bastardo! Chcípni, ty hajzle!“

Zobelbarett: „Was heißt das?“

Thomele: „Ein langes Leben wünsche ich!“

Zobelbarett: „Deines ist vorbei!“

Thomele: „Stupid sheep breath.“

Zobelbarett: „Und dies?“

Thomele: „Ich kann von Nutzen sein.“

Zobelbarett: „Ach?“

Thomele: „Die Vogeljagd beherrsche ich, bin im Schach und beim Karteln ein Beutelabschneider.“

Zobelbarett: „Beutelabschneiden tu ich auch.“

Thomele: „Tanze zierlich, deklamiere Lieder, weiß Rätsel, die einen Dogen verblüfften.“

Zobelbarett: Einen was?“

Thomele: „Den Herrn von Venedig, der Stadt im Meer.“

Zobelbarett: „Wir sind im Wald!“

Thomele: „Kenne das Neueste aus Tirol, Wien, Prag, Dresden, Venedig …“

Einmal mehr flog ich auf den Waldboden zu. Lehmiger Dreck und Buchenlaub verhinderten, dass ich zerbrach. Aus den Bruchstellen der Gewalt in meinem Kopf drangen Bilder, die ich vergessen glaubte:

Die Terrakottazwerge von Schloss Ambras standen vor mir Spalier; Meister Colin, der berühmte Kaisergrab-Colin, hatte einen auch nach meinem Antlitz geschaffen. Mein Herr hatte getobt, dass, kaum hatte er ihren Standort bestimmt, der lustige Tischrat Frank zerbarst. Wieso sollte ausgerechnet dieses Zotenmaul den Kräutergarten bewachen? Den Ort, der Philippine heilig gewesen war? Zwischen Frauenmantel, Beifuß und Engelwurz lag ihr wahres Paradies. Der Verdacht war nie auf mich gefallen. Meine alten Sünden …

Dafür kam Zobelbarett nun wie das Jüngste Gericht über mich. Bei der Jagd bräuchte er keinen lärmenden Köder. Auch mache Adelsgewäsch nicht satt. Immer mehr Steuern hätten sie den Bauern abgepresst. Einmal nur hätte er aufgemuckt. Nun müsse er hausen wie ein Fuchs. Einen Sohn hätte der Wald ihm genommen, seinen Ältesten hätte ich auf den Tod verletzt. Ein Baum von einem Kerl, gefällt von einem Zwerg.

Und er wisse, wie unsereins die Tage verbrächte: mit Fressen, Saufen, Prahlen, Leute foppen. Wenn wir nicht unter den Röcken feiner Damen säßen. Für solche Missetaten trüge man uns auf seidenen Kissen herum. Was gäbe es Lustigeres, als so einem Adelszeck die Beinchen lang zu machen?

Erneutes Gejohle einem Posaunenstoß gleich.

„Meine tote Herrin hat mich jedes Kraut gelehrt. Für die Küche und fürs Überleben. Denk an deinen Sohn“, brüllte ich in das Getöse, bevor ich die Besinnung verlor.

Kurzum: Noch bin ich an einem Stück und verdanke dieses Philippine, die vor fast genau sechzehn Jahren die Augen schloss.

Der von mir gelochte Prügelschäfer grinste dämlich, seit man mich einen Sud aus indischem Hanf für ihn bereiten ließ. Trank ohne Murren das bittere Gesöff. Was lob ich mir meinen Vorrat in den Satteltaschen. Als ich seine Wunde mit vier Stichen schloss, zuckte er kaum unter der Nadel. Mit Eschenrinde verband ich ihn, Philippines Apothekerbaum hat schon manchen Narr gerettet.

Unter meinen Umschlägen ist auch Jost erwacht. Zobelbarett verpflichtete ihn zum Kochen. Perlen vor die Säue. Kennt das Gesindel doch nur rotzfarbenes Gerstenmus und, an guten Tagen, rotziges Mus mit Brocken.

Zu ihrer letzten Fresserei sollte ich singen. Singt man der Sau am Trog ein Kirchenlied? Nur eine Florentiner Karnevalsweise hielt ich dem Publikum angemessen.

Erneut erschraken sie, als ich meine Stimme erhob. Als ich den Dreck, das zerlumpte Elend, die schmatzende, furzende, hustende Jämmerlichkeit dieser Kreaturen zurückließ, um mich im hellsten Sopran in das Licht eines neuen Tages zu erheben:

„Ave, colore e sapore del vino,

inebriaci col tuo potere.

Benedetta sia la creatura prodotta

dal vino puro, alla tua presenza sia spensierata

ogni tavola.

Cazzo, cazzo!

Piacevoli il colore e il profumo,

delizioso, il sapore che lega la lingua!

Felice la pancia che riempi,

la gola che bagni, la bocca che risciacqui.

Cazzo, Cazzo!“

Obzwar die Inzüchtler gar keinen Roten trinken, wie der Text vermuten lässt, nur nach Schafspisse stinkendes Bier. Eine Wohltat, die Strophen mit Beschimpfungen zu würzen und wie ein Chorknabe dreinzublicken.

Auch Respekt habe ich mir verschafft. Überkommt einen Schafsköttel noch die Lust, nach mir zu treten, bekreuzigt er sich hinterher ein halbes dutzend Mal.

Treiben es die Grobiane zu toll, ich könnte sie vergiften.

Sechzig Tage habe ich Zobelbarett abgerungen. Hat er mich bis dahin nicht versilbert, gibt es einen alten, zähen Zwerg in Stücken. Viele meiner Art werden um ein ehrenwertes Begräbnis betrogen.

Selbst Arbogast will er zu barer Münze machen. Glaubensbrüder auf dem Weg nach Böhmen werden sich finden. Vermutlich Hugenotten. Seit der Bartholo­mäusnacht fliehen sie in Scharen aus Frankreich.

Unterdessen kämpft Arbogast für meinen Platz in seinem Himmel. Liest mir und Jost aus einer lutherischen Bibel vor, die er am Leib verborgen hatte. Sein sonniges Pfälzer Gemüt, in einem Rheinflecken namens Germersheim geformt, scheint über Mist und Menschenraub erhaben.

„Wer die Schnaken überlebt, kann jedem Blutsauger trotzen“, so seine Devise. Der Speyrer Bischof hat ein tapferes Herz aus seinem Rheinrom verjagt.

Neuerdings tue ich ganz bekehrt. Dafür lässt Arbogast mich meine Erinnerungen zwischen die ihm so kostbaren Bibelzeilen kritzeln. Denn schreiben muss ich!

Ich schulde es Philippine, der Welt ein wenig von mir und ein doppeltes von ihr zu berichten. Zweimal hielt sie mein Leben in Händen, zweimal gab sie es mir zurück. Nicht umsonst wurde ich ihr Schatten.

Mir hat sie auch ihre Aufzeichnungen anvertraut. Mir, dem Meister der Indiskretion, der Geheimnisschleuder, wohl wissend, dass ein Thomele nur schweigt, wenn er liebt.

Keine Hofschranze schöpfte damals Verdacht, als sie, die Großzügige, mir eine neue Joppe gab, in deren Futter sie die losen Blätter eingenäht hatte.

Wem hätte sie sonst noch vertrauen sollen? Die alte Loxan war verstorben und mein Herr auf Freiersfüßen. Insgeheim. So geheim, dass sich Philippine gerne mit dem Sterben beeilt hatte.

Seit jüngst auch mein Herr erlosch, hat es sich ausgeschwiegen. Schon überwuchert meine Lebensbeichte Gottes Wort wie wildes Fleisch.

Am 1. Buch der Könige setzte ich die Feder an. Dort, wo König Salomo droht, ein von zwei Müttern beanspruchtes Knäblein mit seinem Schwert zu zerteilen. Dessen Leib zwischen den Weibern aufteilen will. Und hat der alte König nicht gut geblufft, hat nicht die Mutterliebe gesiegt?

Die Kleinheit braucht einen Weisen, der ihre wahre Dimension ans Licht bringt. Mein König Salomo war Philippine.

Nun ist Thomele kein Schreiberling, doch würde es mich wundern, wenn meine Pikanterien die Leser gleichgültig ließen.

Arbogast schwor auf seine Heilige Schrift, für meine und für Philippines Geschichte in Prag einen Druckstock zu finden. Man grusle sich gerne vor Monstern und magischen Weibern.

Zwar hat die Gonzaga mit ihrem frommen Pomp und ihrer Weihwasserspritzerei manches erdacht, um bella Philippina vergessen zu machen. Die Rechnung aber ohne die Missgeburt gemacht, die sie hinauswerfen ließ.

Also, Herr Luther, ich hoffe, Ihr Papier ist gut. Todesangst und Zorn sind emsige Dichter!

1

Die duftschweren Gewölbe – meine Welt! Doch nicht nur die Welt eines dummen Dings, das einmal mehr der Mädchendressur am Stickrahmen entfloh.

Sie waren die fachmännisch gelagerte Vielfalt Gottes:

Chinesische Seide, Barchent, Brokat und englisches Tuch in Ballen, Pfeffer, Muskatnuss, Zimt, Anis und der kostbare Safran in Lederbeuteln. Weißer Zucker, Öl, Kapern und Stockfisch in Fässern. Korallen, Elfenbein, Perlmutt und Nürnberger Tand in Stroh gepolsterten Kisten. Perlen aus Venezuela, die dunklen Welser-Perlen, in mit Samt ausgeschlagenen Kästchen.

Auf den Behältnissen nicht das Familienwappen, die rot-weiße Lilie. Nein, das Handelssignet der Welser-Vöhlin Gesellschaft eingebrannt – die Dreizackenkrone über dem Kreis, dieser nur fingernagelgroß.

„Der steht für das Erdenrund, das klein geworden ist, seit wir es beherrschen“, sagte der Onkel. „Jawohl, Kaufleute beherrschten nun die Welt!“, tönte er.

„Wir, die Fugger und auch der Mutter Vater, Philipp Adler aus Speyer, haben zwei Habsburger mit klingender Münze auf den Thron gehievt. Ein Fass ohne Boden ist des Kaisers Stuhl.

Karl V. müsste ohne unser Klingeling auf Eseln reiten, beschösse Sultan Suleiman aus Holzkanonen mit Eselsdung.

Nicht umsonst hat der Kaiser uns einen Adelsbrief ausgestellt. Man muss sich diesen Leuten unentbehrlich machen, darf aber nie ein Höfling sein. Vom Reichsapfel lässt sich nichts abbeißen. Selbst der Medici-Papst war ein Kaufmann.“

Onkel Bartlmä. Obwohl er kaum schlief und träumend noch Zins und Gewinn addierte, ertrug er meine Neugier. Vater hatte meine Besuche im Kontor am Rindermarkt verboten. Nur Schritte von unserem Haus entfernt, war die Flucht in Bartlmäs Reich der Wunder jedoch leicht.

„Dein Vater Franz will nicht halb so viel von den Geschäften wissen“, seufzte er. „Auch deine Brüder nicht. Das leichte Blut …“

An guten Tagen durfte ich auf seinem Schoß in dicke Bücher blicken, fast so geheimnisvoll, wie die Handelsschiffe, die er über den Ozean schickte. Das Rechnen hatte mir ein Schreibgehilfe beibringen müssen. Die Kniffe seiner Zunft wollte er der Nervensäge, die sein Gewand zerknitterte, selbst erklären: Wechsel, Maße, Gewichte, Geldwerte und die doppelte Buchführung schwirrten durch meinen Kopf, viel zu jung, um alles zu begreifen. Zeit, Profit, Risiko – Bartlmä verwaltete die Wirklichkeit.

Er sprach auch von unseren Kontoren in Antwerpen, Lyon, Madrid, Nürnberg, Sevilla, Lissabon, Venedig, Rom, Santo Domingo in der neuen Welt und überall, wo gutes Geld zu verdienen war.

Seine Stimme vibrierend vor Stolz. Wie eine Seidenraupe erschien er mir dann, deren Fäden die Erde umspannten, um auf dem Schemel, auf dem wir beide mehr schlecht als recht saßen, zusammenzulaufen. Schloss ich die Augen, sah ich den alten Mann spinnen. Netze der Macht und Netze des Wohlstandes, die auch mich, seine Lieblingsnichte, umhüllten.