Titel

Franz Tumler

Der Schritt

hinüber

Roman

Mit einem Nachwort

von Barbara Hoiß

Zitat

Der Schritt hinüber

„Siehst du es nicht, wie einige halten,

viele wenden den Rücken zu,

seltsame hohe schmale Gestalten,

alle wandern den Brücken zu.

Senken die Stecken, halten die Uhren

an, die Ziffern brauchen kein Licht,

schwindende Scharen, schwarze Figuren,

alle weinen – siehst du es nicht?“

Gottfried Benn

Erstes Kapitel
Ein Betrug

Dies ist die Geschichte eines Betrugs, aber die zwei Leute, die durch diesen Betrug gerettet wurden, erfuhren überhaupt nicht, daß es Betrug gewesen war, und Betrug nicht bloß an ihrem Verfolger, sondern ein höchst weitläufiger Betrug, der eine Menge Leben verschob und verschlang. Für die zwei sah es so aus, als hätte sich die Frau einfach geopfert, ihnen zuliebe, damit sie davonkämen. Das hing ihnen nach von dieser Geschichte, die sonst nur ein Abenteuer für sie hätte sein brauchen, halbvergessen; und damit trösteten sie sich dann manchmal: vergessen vielleicht auch dort drüben, bedeckt von der Nacht, hinab in der Zeit.

Es war hoher Sommer, August; staubige graue Hitze lag über dem verholzten Gras. Auf der Wiese hinter dem Bemelmanhof arbeiteten die zwei Flüchtlinge. Sie gabelten das Heu auf einen Leiterwagen, dann zogen sie selber an der Deichsel und lenkten den Wagen über den abschüssigen Weg in die breite Toreinfahrt des Hofes. Von ihren schmutzigen Hemden rann Schweiß in Fäden auf das dicke Tuch ihrer Uniformhosen. Ihre Augen flackerten unruhig; ein Schatten war auf ihren Gesichtern, nicht einer von außen, sie trugen ihn, als ob innen ein Licht nicht mehr aus ihnen wirkte.

An der Holzhütte unter dem Nußbaum saß die junge Frau und sah ihnen zu. Auf ihrem dünnen Kleid und auf ihrer weißen Haut wechselten Sonne und farbige Schleier von dem Spiel des Laubs. Sie hielt ein Buch in der Hand, einen Kalender, eine kleine Falte grub sich ihr zwischen den Brauen ein. Sie rechnete zurück: vier Wochen war es her; und es mußte dieser Tag gewesen sein, an dem sie ausgewiesen worden war aus dem Dorf; sie war zusammengewesen mit Axel, nicht zum ersten Mal, aber – anders als früher.

Dunkle Nacht, und sie hatte gedacht, es würde wie sonst sein, der Mann, der sie brauchte, Axel, von seinem Gutshof verjagt, – sie mußte ihm beweisen, daß sie ihn nicht im Stich ließ, er mußte es spüren, daß er nicht allein war.

Dieses eine Mal war es anders gewesen, es kam ihr zurück wie Gegenwart. Aber nun hatte sie wieder Furcht: diese Nacht im Dunkel nach einem schlimmen Tag, – die Falte blieb auf der Stirn.

Eine Weile später rückte sie, weil die Sonne wanderte, das Kinderställchen, darin ihr kleiner Sohn spielte, in den Schatten. Ab und zu hob sie die Augen und sah dann nicht auf die zwei Männer, wenn die auch eben den knarrenden Wagen durch das Hoftor rollten, sondern sah über Zaun und Hauslache und Schattenflecken des Obstgartens hinweg in die ferne Tiefe. Dort unten lag der Wald, von dem Axel sagte: alles verloren; der grün-goldene Waldsaum, und davor dehnte sich die Wiesenmulde, über deren rostigem Grün wie Nebelstreif der Hauch des Wollgrases wehte. Eine weite Fläche, abends traten die Rehe heraus und ästen in dem sumpfigen Grund. Und von dorther wanderten Susanna Jorhans Augen, die in ihrem Grau und Blau immer ein wenig zitterten und unruhig suchten, die lange Flanke des Hügels wieder herauf.

Die beiden Flüchtlinge pumpten Wasser am Brunnen und redeten miteinander. Der eine sagte:

Jetzt ist es bald vierzehn Tage, daß wir uns hier schinden, ich halt es bald nicht mehr aus!

Besser als im Lager, sagte der andere.

Na und hier, sagte der eine, jeden Tag sich schinden, und dann, wenn einer kommt, schnell ins Heu, und du weißt, wenn er dich entdeckt, blüht dir mindestens wieder das Lager!

Bis jetzt haben wir Glück gehabt!

Aber wie lang soll das noch so dauern?

Der andere zuckte mit den Schultern. Bis es wieder ruhig wird draußen, bis man hinüberkann auf die andere Seite!

Er blinzelte zu Susanna. Ob wir es noch schaffen heute, daß wir das Heu einbringen?

Da waren die Augen der Frau wieder drunten am Waldsaum, als wäre er eine Wand, die eine versteckte Tür enthält, und flirrendes Laub in der Nähe, heißzitternde Luft über Hügel und Mulde. Aber dann regte sich dazwischen eine Gestalt, Pferd und Reiter, sie bewegten sich über die Sumpfwiese hin, die Waldtür hatte sich geöffnet.

Die zwei Flüchtlinge kamen nicht mehr dazu, das Heu einzubringen; der Bauer Bemelman mußte es jetzt selber tun, und in seinem beflissenen mürrischen Gesicht verriet nichts, daß es noch andere Männer hier gab. Nichts mehr war vorhanden von den beiden Helfern, sie lagen in der Scheune auf dem Heustock, horchten hinter der Bretterwand und sahen auch einiges durch das Astloch.

Dieser Kolja war wohl wieder betrunken, er war ja meistens betrunken, wenn er kam. Solange er auf seinem Schimmel saß, merkte es ihm niemand an, ein bißchen breit und schlaksig wackelte er dahin, aber reiten konnte er besser als mancher andere. Aber nun, als er stumm an der Holzhütte lehnte und auf die Frau niedersah, lächelte er bloß und scheuchte mit einem Schilfblatt die Fliegen fort. Immer trug er bei sich ein Schilfblatt, wie sie am Waldrand drunten in der Sumpfwiese wuchsen, oder auch kramte er farbige Kugeln hervor und hielt sie dem Kind hin. Sein junges Gesicht dampfte rosig, seine blonden Haare klebten zusammen, seine blassen Lippen waren trocken und aufgesprungen, seine Brauen und Wimpern waren beinahe weiß, auch seine Augäpfel waren von eigentüm­lichem weißen Blau, als ob sie aus dünner Milch wären. Die Wimpern zuckten wie Flimmerhaare eines Insekts, die Milchaugen sahen immer nur auf die Frau. Er ließ keine Bewegung und Regung an ihr frei. Und wie er nun redete und bei jedem Wort ungeschickt ausfuhr, zu einer zärtlichen Gebärde drängte, ihr das Haar zu streicheln oder nach ihrer Hand zu greifen, und es dann nicht wagte, sondern die Luft in ihrer Nähe angriff, als wäre sie ein Gegenstand, da kam doch deutlich heraus, daß er betrunken war.

Kosanna, sagte er, warum wollen Sie mich nicht? Ich bin doch gut, ich bin nicht wie die andern, ich rühre Sie nicht an!

Die Frau schüttelte den Kopf. Kolja, was denken Sie! Sie sind jung, Sie sind einundzwanzig Jahre. Ich bin zu alt für Sie!

Kolja beteuerte: Sie sind noch immer ganz jung. Eine junge schöne Frau. Jung genug für mich!

Aber Sie sehen doch, Kolja, ich habe hier meinen kleinen Sohn!

Ich werde gut sein zu dem Sohn, Kosanna, ich bin gut zu Kindern!

Aber Kolja, ich habe doch schon einen Mann!

Ihr Mann, oh, Ihr Mann, wo ist Ihr Mann, Kosanna.

Dieses Gespräch über Herrn Jorhan kannten die beiden Flüchtlinge schon. Es wiederholte sich jeden Tag, wenn Kolja an der Holzhütte stand. Er wird kommen, sagte Susanna, eines Tages wird er heimkommen, ich muß auf ihn warten. Und Kolja sagte: er wird nicht kommen, da wird keiner mehr kommen. Und er bohrte herum mit Fragen: wann hat er zuletzt geschrieben, wo ist er zuletzt gewesen, oh, ich weiß es, Ihr Mann kommt nicht mehr!

Er kommt, Kolja! Und wenn Sie mich erzürnen wollen, ich will Ihnen etwas sagen, vielleicht habe ich schon Nachricht von ihm, vielleicht lüge ich die ganze Zeit schon und habe längst Nachricht, und er versteckt sich bloß vor Ihnen!

Kolja sprang auf, er bleckte mit den Zähnen. Aber dann gab er nach und setzte sich sogar und besänftigte sich zu einem flehenden Blick aus den Milchaugen, als ob ihm vor Kummer Tränen kommen wollten, – da erst sagte die Frau:

Nein, ich habe keine Nachricht, Kolja. Aber Sie werden sehen, er kommt. Er muß kommen, bald, Kolja. Ich muß auf ihn warten!

Sie werden warten, Kosanna, aber es wird kein Mann kommen. Sie werden warten und keinen Mann haben. Jetzt können Sie mich haben, jetzt kann ich Ihr Mann sein. Ich bin doch gut, Kosanna, ich bin zu Ihnen gut.

Aber es begegnete ihm nur unerbittlich sanfter Widerspruch. Susanna nahm von Kolja das weiße Brot und den Zucker, den er in einer feuchten Tüte mitgebracht hatte; sie war froh, daß sie Zucker bekam für ihr Kind. Sie rauchte auch eine von Koljas langen Zigaretten mit Mundstück; es gefiel ihm, daß sie rauchte. Ihr gefiel es, daß er das Kind aus dem Ställchen nahm und es auf den Knien schaukelte, geduldig, lächelnd, einfallsreich, es zu unterhalten; und es gefielen ihr auch seine weißen Wimpern und seine bläulich-weißen Augen, die wie Milch oder Eis waren. Manchmal sah sie ihn lange an, dann kam er ihr vor wie ein Wesen, das noch nicht ganz Mensch geworden ist; Kolja mit dem Schimmel, stumm blickend, aus einem anderen Land. Aber als er nun nach Worten suchte und es endlich hervorbrachte: So werden wir zuhause sein bei mir – mit dem Kind! antwortete ihm wieder nur die abweisende Person:

Ich versteh doch nichts von Ihrem Zuhause!

Oh, du Liebe, Sie werden alles lernen! – Kolja, geduldig, erzählte ein wenig von seinem fernen Zuhause. Aber was er dort war und arbeiten wollte, konnte er nicht sagen. Es war zu schwierig. Er zählte auf: Vater, Mutter, Schwester. Susanna hörte: er war zur Schule gegangen, und dann – sie verstand nicht das Wort, aber sie übersetzte es sich so: von der Schule war er auf die Kadettenanstalt gekommen. Sie dachte: und von da in den Krieg gezogen, und nun ist er einundzwanzig.

Am Abend traf sie sich unten am Waldrand mit Axel von Wilnow. Es war der „bestimmte Tag“. Er hatte lang schon gewartet auf sie und war auf den Hochstand geklettert, den er sich hier hatte bauen lassen, als dies alles noch sein Eigentum gewesen war: der Wald, die Jagd, der Gutshof; nun endlich war sie gekommen. Als ein Schatten beugte er sich vor, und Susanna, schattenhaft auch, spürte nur den Geruch von Leder und den Griff der warmen Hand, die sie hochzog zwischen den sperrigen Ästen. Aber ihr war es genug. Er dagegen: ach, dieses Warten, – er mußte es erst loswerden in Reden, – Warten, Alleinsein, und ich sorge mich schon, daß etwas passiert ist mit dir! Aber hier warte ich wenigstens auf dich, und wenn du nur kommst.

Er schöpfte Atem. Drunten in der Mühle, als du noch dahin konntest, war mir leichter! Aber jetzt, den ganzen Tag sitze ich da unten und brüte vor mich hin, und komme mir manchmal schon vor wie mein eigener Geist. Und wenn mir dann der Müller erzählt, auf dem Gutshof bringen sie die Maschinen weg, alle Maschinen, und ich kann nicht hin, kann nichts tun dagegen!

Susanna, so sehr sie sichs nahegehen ließ, lächelte. Sie kannte diese ein wenig geschraubten Redewendungen. Aber nun sprach Axel weiter:

Und wenn ich dann an dich denke, – wo ist sie jetzt, frag ich mich, hat sie auch Ruhe, hat sie vielleicht Nachricht, – und ich weiß nichts, dann kommst auch du mir wie ein Geist vor, Susanna!

Er war verzweifelt wie immer, wenn er die Woche allein gewesen war. Sie sagte: Aber ich bin doch gekommen! Und du weißt es doch, ich halt zu dir! Du kennst mich doch!

Kenn ich dich wirklich?

Aber du hast mich doch!

Hab ich dich wirklich?

Sie konnte ihn im Finstern nicht sehen, aber nun fühlte sie seine Hand auf ihrem Gesicht wie die unsichere Hand eines Blinden, der alles betastet, die Augen, den Mund, es tat ihr weh, eine Berührung wie Mißtrauen. Dann aber spürte sie die Wärme der Hand, da war es wieder vorbei.

Ich habe dir etwas mitgebracht, sagte sie, – sie gab ihm ein Päckchen von Koljas Zigaretten.

Ah, woher hast du die?

Sie zögerte. – Es waren – ja, es waren Soldaten auf dem Hof. Bemelman hat Schnaps getauscht.

Axel nahm die Zigaretten. Sie suchte nach Streich­hölzern.

Bist du mir böse? Ich konnte nicht früher.

Die kleine Flamme brannte vor seinem Mund.

Nein, Susanna, nicht böse. Nur – ich kann dir niemals etwas geben. Ich komme immer mit leeren Händen.

Sie fuhr ihm über die Schläfe. Nun belebte ihn das Rauchen. Einmal wird es anders werden, das schwöre ich dir, ich komme durch, ich fange eines Tags wieder an, ich fange überhaupt erst richtig an!

Da klang es doch so, als rede er von sich allein, von seiner Zukunft, er machte sich sein Leben, er hatte Susanna vergessen. Aber dann wandte er sich ihr zu:

Du wirst es sehen, und wenn du nur zu mir hältst, ich muß dich haben dazu!

Ja.

Wenn dein Mann zurückkommt, – was wirst du ihm sagen?

Sie antwortete nicht.

Er fragte: Kommen die öfter, ich meine, die Soldaten?

Hie und da.

Aber du hast doch Ruhe droben?

Ja, im ganzen Ruhe!

Oder stellt dir wieder einer nach? Wenn ich an den Kapitän denke im Dorf …

Nein, droben ist Ruhe! – Sie dachte nicht an den Kapitän, sondern an Kolja. Aber Axel sprach von dem Kapitän. Ich habe es dir nicht gesagt, aber mich hat das zur Raserei gebracht damals …

Aber wieso der Kapitän? Ich versteh dich nicht. Diese alte Geschichte, – und ich bin froh, daß mir dabei nicht mehr passiert ist, als daß er mich ausgewiesen hat, und jetzt habe ich doch Ruhe!

Einen Augenblick überlegte sie, ob sie ihm von Kolja erzählen sollte. Aber dann lehnte sie sich an ihn, fest und sanft zugleich, und er erriet nichts von ihren Gedanken.

Nicht immer ging es so freundlich ab, daß sich Kolja nach seinem Trinken und Reiten an der Seite der Frau besänftigte. Manchmal hatte er Schnaps mitgebracht und trank zwischendurch aus der Flasche und dann fing er an, wütend herumzustampfen, und schrie: Ich bin gut zu Ihnen! Ich bin gut zu Ihrem Kind! Sie sind auch gut! Warum wollen Sie mich nicht! – Dann erschrak Susanna vor seinen weitaufgerissenen weißen Augen und vor dem Rohen, Wilden in diesem Blick, der wie aus unbekannter und sprachloser Welt auf sie zukam. Aber es endete doch immer damit, daß Kolja sich auf sein schönes Pferd schwang und starr lächelnd und breit davontrabte, über den Hügel hinunter, über die Wiesenmulde, bis ihn die Fichtenwand zauberisch verschluckte. Vielleicht spähte er von dort noch herauf. Die zwei Flüchtlinge im Heu wagten sich nicht so bald hervor ans Licht.

Einmal erschraken sie sehr. Da kam Kolja mit mehreren, mit einem halben Dutzend Leuten herangesprengt, und nicht zu Unrecht fürchteten die beiden, daß der Trupp es darauf abgesehen habe, das Haus durchzustöbern und durchzuplündern. Sie krochen in die Scheune und gruben sich tiefer ein in ihrem Heustock, aber das hätte ihnen kaum genützt, wenn Kolja an dem Nachmittag nicht wirklich ganz betrunken gewesen wäre. In diesem Zustand überhaupt nur war er auf den Gedanken gekommen, mit seiner Rotte hier aufzutreten – wenn die Frau ihn nicht wollte, gut, so sollte sie es bleiben lassen, aber dann wollte er ihr wenigstens zeigen, daß er Macht besaß, er und seine Rotte, über solch ein Haus. Er hielt sich diesmal auch nicht unter dem Nußbaum auf, er trieb seine Leute in das Haus, und dort in der Stube stellte er sich auf und grölte: Kosanna! und befahl ihr, zu essen und zu trinken zu bringen, Eier, Schnaps, Fleisch! Und als die Frau sagte, das könne sie nicht, fuchtelte er ihr mit der Pistole vor der Nase herum. Warum können Sie nicht? schrie er. Susanna antwortete: Weil mir das alles nicht gehört! Kolja schrie: Dann werden wir es nehmen! Susanna sagte: Sie können es nicht nehmen, Kolja, Sie sind gut. Wer gut ist, kann nicht einfach nehmen!

Es wurde ein langwieriges Gespräch, mühsames Hin und Her, zwischen ihr und ihm und zwischen ihr und den anderen, die ihren Leutnant Kolja ja wohl beschwichtigten, wenn er durch die Tür in die Küche schießen wollte, die ihm aber auch Gehorsam schuldeten, und vor denen umgekehrt er seine Macht beweisen wollte. Sollte es dieser Frau, die wie ein kindliches, hochmütiges, kleines Geisterwesen gegen ihn plapperte und eiferte und glühte, denn wirklich gelingen, ihn davon abzuhalten, sich hier zu nehmen, was ihm gefiel? Bemelman war mit seinem Weib auf dem Feld, ihm gehörte das alles hier, Eier, Schnaps, Fleisch, er würde vielleicht gern etwas hergeben davon, wenn man ihn darum bat? Dahin brachte Susanna es endlich:

Ich will ihn bitten, daß ich Ihnen etwas geben darf. Natürlich können Sie es sich auch nehmen. Aber besser ist es doch, wir fragen?

Wozu fragen?

Weil man nicht nehmen darf!

Und warum nicht nehmen?

Ich habe es schon gesagt: wer gut ist, darf nicht nehmen!

Und warum willst du, daß wir gut sind?

Alle blickten auf sie. Sie hatte sich emporgeeifert, beinahe über ihre Kräfte, aber nun sah sie: diese Eroberer – Leute aus einem fremden Land –, und sie dachte, aus einem Land, in dem noch die Bäume sprechen und die Menschen ihre Namen wechseln, als wäre jeder zugleich ein anderer – diese Leute waren erpicht auf dergleichen Unterscheidungen und besaßen Sinn dafür. Selbst der betrunkene Kolja begriff plötzlich etwas. Kosanna, sagte er aufmerksam und mit trauriger Stimme, was ist nun besser für Sie, nehmen wir einfach, dann haben wir genommen, dann geht es Sie nichts an. Dann können Sie doch jammern mit Ihrem Bauern! Aber wenn Sie ihn erst fragen, und für uns …

Susanna sah in seine Milchaugen, sie sah den schmierigen Schweiß auf seinen weißen Brauen. Ja, Kolja, für euch, sagte sie, für euch will ich ihn fragen!

Sie konnte abschätzen, was sie sich damit auflud. Ihretwegen ritt dieser Kolja täglich herauf und machte sich auf dem Hof breit mit seiner ausschweifenden Stummheit, als käme er vom Ende der Welt, und nun brachte er auch seine Leute mit! Da mochten sich der Bauer und die Bäuerin sagen: wer zog einem die denn auf den Hals; und wenn sie sich nun gar dazu hergab, daß sie fragte für diese Leute …

Aber sie mußte es doch tun!

Sie wandte sich zum Gehen. Warum? fragte Kolja und sah sie an. Sie nickte ihm zu.

Ein wenig atemlos kam sie eine Weile später vom Feld zurück und trat auf den Weg. Bemelman sah ihr nach und sagte zu seinem Weib: Lieber soll sie weg, wenn das so anfängt, daß sie auch hier bei uns keine Ruhe hat. Da hat sie es ja bei uns nicht besser als im Dorf. Wenn sich doch der Herr von Wilnow annehmen könnte um sie.

Die Bäuerin sagte: Wie soll sich der um sie annehmen? Und du hast sie doch nur genommen, weil er dich gebeten hat!

Weil ich kein Unmensch bin, sagte der Bauer verdrossen.

Die beiden arbeiteten stumm weiter. Aber auch ihre Gedanken arbeiteten weiter. Als der Bauer den Wiesbaum niederseilte, trat die Bäuerin auf ihn zu und sagte: Und die zwei im Heu – an die denkst du gar nicht. Wenn die Soldaten nun öfter kommen, und wenn sie entdecken, daß du zwei Leute hier versteckt hast?

Das war eben der Augenblick, in dem drinnen in der Stube der Leutnant Kolja laut schrie: Kosanna! und dazu das Schnapsglas hob, während am Herdfeuer in der Küche die Eier brutzelten, und: Kosanna! schrie er nochmals, so daß sein weißbeflaumtes Kinn vor Anstrengung zitterte und ihm die Adern am Halse hervortraten. – Susanna mit von der Flamme heißem Gesicht und den Geschmack von Rauch im Mund, sah es durch die Tür, wie er breitbeinig dastand und rosig dampfte und nun doch wie ein Vergifteter taumelte. Aber es machte ihm nichts aus, er breitete die Arme auseinander, und seine Leute stützten ihn und hielten ihn aufrecht. Er griff in die Luft, und es sah aus, als zöge er unsichtbar Versammelte zu Zeugen in seine Arme.

Er gebot Schweigen, streckte die Hand aus und sagte:

Nun seht alle auf Kosanna!

Es ist meine Kosanna, und keine ist wie sie!

Ihr seht, daß sie gut ist.

Sie hat nichts genommen von ihrem Bauern.

Sie hat nicht erlaubt, daß wir nehmen.

Und doch, sie hat uns gegeben!

Dann rannen ihm die Tränen aus den hellen Augen. Er war sehr betrunken, und Susanna kam es nicht so vor, als wäre er sich seiner Worte bewußt. Aber darin täuschte sie sich. Sie erfuhr es am anderen Tag. Da war es eben diese Erfahrung: Vertrauen in die Frau, sie hat uns gegeben! die es bewirkte, daß sich der Leutnant Kolja in ihre Hand gab, wie sie es von ihm verlangte.

Hoher Sommer, Mitte August noch immer, nur daß die Abende nicht mehr so lang hell waren, aber morgens ging der Tag früh auf über einer dünnen Nebelschicht, die auf den Wiesen lag, und über weißem Tau, ein Tag so schön wie der andere – auf dem Bemelmanhof war es Alltag nach der Ausschweifung der Gäste, und nun mußte Susanna für ihre Dienste bezahlen. Bemelman trat zu ihr in die Stube und sagte ihr, daß es doch so nicht weitergehe, und sie sah ihm an, daß er nur ihretwegen sprach, aus Sorge, weil sie doch hier keine Ruhe habe vor diesem Kolja, ob sie nicht anderswo mehr Ruhe finden könne, zum Beispiel in der Mühle drunten.

Sie sah ihn groß an, sie antwortete nicht. Aber zum Frühstück kam sie mit einem Brief, und den Brief, so bat sie nun, solle Bemelman, wenn er mit der Milch ins Dorf fahre, bei der Fini abgeben.

Sie kennen doch das Haus, – die Fini, die früher bei mir im Dienst war. In die Mühle, nein, da kann ich nicht hin. Aber vielleicht weiß die Fini, ob es im Dorf wieder geht, wenn es dort nicht mehr so arg ist, vielleicht kann ich wieder zurück!

Bemelman zeigte den Brief der Bäuerin. Die schalt ihn aus. Hättest du sie doch in Ruh gelassen! Jetzt meint sie wirklich, wir wollten sie weghaben! Und dabei nützt sie uns doch nur! Wenn sie nicht wäre, und wenn Kolja nicht zu ihr käme, die anderen hätten uns längst geplündert!

Am Vormittag fuhr Bemelman ins Dorf. Unterwegs im Wald, als ihn die Fichtenwand deckte, öffnete er den Brief. Da sah er, daß darin ein zweiter kleinerer Brief war, ein zugeklebtes Stück Papier, das war für Herrn Axel von Wilnow. Diesen zweiten Brief getraute sich Bemelman nicht zu öffnen. Es kam ihm auch nicht wichtig vor. Denn in dem Brief an Fini stand nichts von „wieder ins Dorf zurück“, es stand vielmehr: Liebe Fini, können Sie diesen Zettel in die Mühle bringen, oder Herr von Wilnow kommt ja wohl selber herüber an dem „bestimmten Tag“!

Bemelman dachte: aha, sie will also doch zu ihm in die Mühle, nur will sie es nicht sagen, weil die Leute schon genug reden von ihr und von ihm! Dieser Schluß leuchtete auch der Bäuerin ein, als Bemelman mittags zurückkam und ihr in der Küche die Neuigkeit erzählte. Sie sagte: Da wollen wir auch gar nicht davon sprechen zu ihr; wir tun, als ob wir nicht wüßten, daß sie in die Mühle will!

Nachmittags wanderten die Laubschatten und Sonnenkringel über das Kinderställchen unterm Nußbaum und über Susannas Kleid und ihre bloße Haut. Die warme Luft tat ihr wohl, aber es kringelte sie die Langeweile, sie spähte umsonst von ihrem Platz an der Holzhütte in die Mulde. Sie unterhielt sich mit den brandigen schlaffen Blättern auf dem Baum, ihr Rascheln war für sie Antwort; wenn eines fiel, verging die Zeit.

Aber mit dem Kalender kam sie nicht recht weiter. Sie nahm ihn auf, legte ihn wieder weg, schlug ihn nochmals auf, und versuchte, die Tage zu zählen. Aber die scharfe Sonne machte das Papier weiß, es blendete sie in den Augen, da kam es ihr vor, als wäre es ein leeres Blatt. Sie langweilte sich nicht, aber sie hatte Sorgen. Das ging so sonderbar durcheinander in ihr, so wie die Laubschatten und Lichtflecken auf ihrer Haut spielten. Daß Kolja nicht kam, langweilte sie; andererseits war sie froh, Bemelmans wegen, daß er ausblieb, und dazwischen saß ihr der Schatten Sorge dichter am Herzen, aber nicht Sorge, in welches Quartier sie sollte. Die beiden Flüchtlinge spähten argwöhnisch um die Ecke, es kam ihnen verdächtig vor, daß es an dem Nachmittag so ruhig blieb, endlich wagten sie sich vor und wuschen sich am Brunnen. Da mußte Susanna es plötzlich wieder sehen: das leere Blatt, die Ziffern verwischt von Sonnenblendung und Langeweile; aber nun waren die Flüchtlinge da, und sie dachte, ob Jorhan auch so irgendwo lag, versteckt oder unterwegs – und ob noch weit weg, so daß es noch Monate dauern konnte, bis er kam? und das war ihre Sorge. Oder vielleicht war er schon nahe, vielleicht schon drüben in der Stadt? Aber da müßte er doch trachten, Nachricht zu schicken, gewiß würde da bald Nachricht von ihm kommen! Als sie dachte: oder noch weit weg, – fröstelte sie, als wäre trotz dem warmen Lufthauch nur Schatten unter dem Baum. Sie dachte: Tot ist er nicht, das hätte ich gespürt – das spürt man ja, wenn jemand tot ist!

Und dann kam der Abend. Frühe Dunkelheit, weil Mitte August schon, und die Bauersleute waren längst zu Bett gestiegen in ihrer Kammer oberhalb der Falltür, und auch Susanna lag schon, wie sie es gewöhnt war, in der Stube auf ihrer Matratze. Sie hatte ihren kleinen Sohn neben sich, der schlief. Sie hatte die Petroleumlampe noch brennen, und ihre Gedanken wanderten in der Zeit zurück: wie es angefangen hatte, dachte sie, Axel von seinem Gut vertrieben, aber nun erinnerte sie sich auch an das Frühere und erinnerte sich gern, weil er es war; es kam ihr nur sonderbar vor, daß sie nicht schon immer zusammengewesen waren. Gekannt hatte sie ihn ja längst, eben so, wie man jemand kennt im Dorf, zuletzt waren sie sogar befreundet gewesen, aber damals erst, als er bei ihr Zuflucht gesucht und elend nicht mehr weiter gewußt hatte, da erst hatte es angefangen.

Sie lag still, vom Tag weggehoben, allein mit der Lampe, die leise sausend das Öl zu Licht verzehrte, der kleine Schein schloß sie ein und entfernte die nahen Bilder und zeigte ihr das sonst Verborgene: Ahnung, Gefühl, Klarheit, unendlichen Zusammenhang. Sie dachte: ein reines, gelbes, heißes Licht, und es saust in ihm – auf einmal kam es ihr vor, als könne sie auf sich selber nun zurücksehen, auf ihr früheres Leben. Was bin ich immer gewesen, dachte sie, und sie sah eine Frau, die ihr ganz fremd war. Was war das: Phantasie und Leere, und immer Suchen und Unzufriedenheit, sorgfältig verborgen. Sie erblickte es unbarmherzig an sich in all den vergangenen Jahren: die immer neue, unalltägliche Frisur, die hübschen frischen Kleider, das geschäftige Gehaben, Freizügigkeit und Geschick, alles freundliche Täuschung, als wäre sie mit einem Mann in einem Haus und als wäre nicht lauter Unruhe in ihr Tag und Nacht; und sie dachte: es war alles gefälscht, und heute kann ich unterscheiden, worin: ich bin eine Frau niemals geworden, bei Jorhan nicht und bei keinem anderen Mann, der mir begegnet ist. Aus diesem Stoff war ich, trotz Frisur und Gehaben und Haus, aus einem durchlässigen Stoff, aus Widerstandslosigkeit. Ich hatte ein mitleidiges Herz und Teilnahme und war entzückt darüber, und immer dann, wenn ich gespürt habe, hier ist jemand, der mich braucht, mußte ich ihm helfen, und helfen konnte ich ihm, indem ich mich hingegeben habe. Aber ich habe es doch auch wirklich machen und haben wollen, und deshalb ist für mich mehr Schlimmes als Gutes dabei gewesen, es hat mich hingenommen immer, und immer doch unzufrieden gelassen, – ach, daß mir das nie jemand hat glauben wollen, für mich war es nicht Ehe und nicht Widerstandslosigkeit, für mich war Mitleid zu Liebe umgefälscht und Hingabe zu Mitleid, für mich war beides gleich schlimm, weil beides nicht ehrlich, weil eben auch dieses Mitleid nicht ehrlich war, weil ich hinter dem Mitleid nur versteckt habe, was ich eigentlich wollte. Und darum war immer Betrug dabei und Lüge; das haben die anderen so deutlich nicht gemerkt, aber geglaubt haben sie mir auch nicht!

Zum ersten Mal sah sie genau dieses Wesen, das sie selbst war. Aber nun hatte sie es abgetan, nun konnte sie daran denken wie an eine vergangene Person, diese Frau bin ich nicht mehr, denn bei Axel hat es mit Mitleid zwar angefangen, aber es ist mehr geworden.

Sie wollte nicht schlafen. Das Licht konnte fortbrennen. Sie konnte zu sich selber sprechen darüber, und es störte sie nicht, daß nebenan in der Küche die beiden Flüchtlinge noch auf waren. Sie flüsterten miteinander. Das taten sie alle Tage. Endlos saßen sie im Dunkel und berieten Fluchtpläne, wie sie wohl am besten hinüberkämen, quer durch den Wald und zwischen den Posten hindurch, die dort freilich jede Ecke bewachten, Straßen, Kreuzungen, Übergänge.

Plötzlich Hufschlag und knirschender Aufprall draußen und Schritte von Stiefeln. Susanna schrak auf; sie blies die Lampe aus. Aber der Mann draußen mußte den Lichtschein schon gesehen haben, er schlug ans Fenster. Keine Antwort kam. Er ließ sich nicht täuschen. Oh, er hatte gute Augen, und hier drinnen war Licht gewesen! Kosanna! rief er. Sie konnte ihn sehen in der Mondhelligkeit, das verklebte Haar, bleich wie ausgewaschenes Stroh, die Brauen auch bleich, und das Gesicht von Schweiß überströmt.

Kosanna, ich will sprechen mit Ihnen!

Er ist wieder betrunken, dachte sie und rührte sich nicht. Und sprechen – nein, das ging nicht, daß er sie nun auch nachts hier aufsuchte!

Aber sie hatte sich nicht so rasch entschieden, stillzubleiben, hatte sich auch der Mann draußen entschieden, daß er nun nicht mehr immer bloß sprechen wollte. Die Liebesraserei hatte ihn gepackt wie an jenem Nachmittag die Machtraserei: ich habe doch Gewalt und will es ihr zeigen, ich werde einbrechen zu ihr in das Haus. Und Susanna, als sie das begriffen hatte und aufsprang und ans Fenster lief, um ihn zu beschwichtigen und festzuhalten – vom Haus fernzuhalten wegen der beiden Flüchtlinge, kam zu spät. Kolja war schon nicht mehr an der Haustür, deren Klinke er eben noch eingedrückt hatte, er war hinüber ans Hoftor gelaufen. Und nun erst hörten die in der Küche etwas und brachen ihr Flüstern ab und sprangen auf. So erzählten sie es hernach: sie hätten Geräusche gehört, eine Stimme und Poltern. Da seien sie eilig auf und in den Flur und von dort weg in den Hof. Aber dieses Stück im Mondlicht über den Hof – plötzlich habe mörderisch eine Stimme gebrüllt von außen hinter dem verriegelten Tor: Halt – halt! Aber bei dem zweiten Halt seien sie schon im Schatten an der Mauer gewesen, unsichtbar, und über den Balken hinweg in die Scheune und hinauf in ihren Heustock.

Ach, wäre ich doch ans Fenster gegangen, sagte da Susanna zitternd, ich hätte ihn schon gebändigt, ich hätte ihn schon zur Ruhe gebracht, und niemals hätte er euch entdeckt!

Aber so weit war es noch nicht, daß die beiden erzählen und Susanna ihnen erwidern konnte. Als sie erzählten, war es vorbei. Jetzt war es noch nicht vorbei. Jetzt stand Kolja außen am Tor und preßte sein Auge an das große runde Guckloch, und herinnen im Hof stand Susanna. Sie war gelaufen – zu spät, aber immer noch schnell genug, um zur Stelle zu sein und zu sagen: Kolja, da bin ich!

Aber der Mann draußen scherte sich jetzt darum nicht. Er war nicht mehr Kolja, der unterm Nußbaum spielte. Er knackte mit seiner Pistole. Ha, Kosanna! zuvor waren es zwei! Zwei Männer sind weggelaufen, zwei sind versteckt hier, überall habt ihr Dreckvolk Leute versteckt, verdammte Brut ihr! Aber ich hol sie heraus, diese zwei. Aufmachen!

Schweigen. In Susannas Kopf schwirrten die Gedanken, Schrecken und Mut flitzten aneinander vorbei.

Kosanna, aufmachen! Ich schieße den Riegel weg! Und wenn er nicht abgeht, zünd ich das Tor an!

Sie bückte sich zum Guckloch und fühlte nun das Auge des Kolja, sein lebendiges weißschimmerndes Auge, wo sonst ein Loch war in dem grauen morschen Holz. Sie sah sich selber in dem gelben Hemd und mit bloßen Füßen auf dem Pflaster des Hofs, sie sah ihren eigenen Schatten, sie wußte, was der Mann draußen sah. Sie sagte: Schießen Sie nur, Kolja – wenn Sie schießen, sehen Sie her! Das bin ich, die hier steht!

Kolja schoß nicht. Nein, er ließ sich dazu überreden, die Pistole einzustecken, – aber nicht ließ er sich überreden, zu glauben, daß hier niemand gewesen sei.

Kosanna, sagte er, ich habe sie gesehen, mit meinen beiden Augen!

Dieses Wort machte der jungen Frau nicht viel Eindruck. Sie fror in der Nachtkühle, und erst später, als Kolja dasselbe Wort noch einmal sagte, erinnerte sie sich daran: das hat er doch schon einmal gesagt – da hat es mich nicht getroffen, ach, warum trifft es mich jetzt, und macht mir Angst: mit meinen beiden Augen.

Einstweilen war aber erst nur das eine starre Auge des Kolja in dem runden Guckloch, und sie spürte nicht das Gesicht dahinter, sondern den keuchenden, von Schnaps dampfenden Mann, vor dem sie sich fürchtete. Trotzdem nahm sie sich nun zusammen. Sie trat vor, tastete nach dem hölzernen Riegel und schob ihn zurück. Wie von einem Windhauch lautlos geöffnet schwebte der große Torflügel auf.

Das war ein Stück Schlauheit, aber wie hatte sie es auch nur gewagt, – so erzählten es später die beiden Flüchtlinge: denn natürlich hätte sich dieser Unmensch Kolja in seiner Berserkerwut nicht abhalten lassen, ins Haus einzudringen. Umgekehrt konnte man damit rechnen, daß er richtig zu suchen gar nicht imstande war, – aber ob er sich nicht plötzlich ernüchterte – und dann – was hatte sich die Frau eigentlich zugetraut? Kommen Sie mit, Kolja, sagte sie und legte, als er sich vortastete, ihre Hand auf seinen Arm, wir wollen also suchen!

Aber Kolja stieß ihr die Hand zurück. Nichts kommen Sie mit, sagte er, nichts mit dir, Hurenmensch, versteckt Leute! Und dann verlangte er, daß ihm Susanna den Bauern herbringe.

Bemelman war längst wach in seiner Kammer. Aber er hatte sich dort ruhig verhalten wie ein Sack, und als ihn Susanna nun herausklopfte, fürchtete er sich sehr. Und des Bauern Weib rang die Hände und jammerte: Er schießt dich tot! Susanna sagte: Er schießt ihn nicht tot. Er schießt niemand tot. Wir müssen bloß sehen, daß er nicht in die Scheune kommt!

Kolja ließ sich den Schnaps einflößen, er lehnte sich gegen die nasse Kellerwand. Als er dann wieder gehen wollte, rutschte er auf dem glitschigen Lehmboden aus, er fluchte und kroch die Stufen in die Höhe, im Flur fiel er auf die Bank. Einen Augenblick sah es so aus, als wollte er einschlafen, aber dann richtete er sich auf und schüttelte ein paarmal den Kopf und nun sah er aus wie ein großes wildes Kind, das traurig und benommen nicht weiß, wohin es in die Irre gegangen ist. Er fragte:

Wo ist Kosanna?

Bemelman wußte, daß Frau Jorhan nebenan in der Stube hinter der Tür stand. Aber er sagte: Ich glaube, sie ist draußen bei Ihrem Pferd, sie hält Ihr Pferd fest.

So brachte er den schrecklichen Kolja wieder vor die Haustür. Ein Stück Schlauheit und Wagemut war auch dies nach Ansicht der beiden Flüchtlinge, natürlich Wagemut, denn wie leicht hätte es schlimm ausgehen können auch für den Bauern! Den zweien hatte das Herz in harten Stößen gehämmert, an den Gliedern hatten sie gezittert wie unter Schlägen, der Atem hatte sie in der Kehle gewürgt. Sie hatten den ganzen Vorgang miterlebt in ihrem Heunest, sie hatten angestrengt gehorcht. Nicht alle Reden und Einzelheiten hatten sie verstanden und nicht alles Hin und Her durch Ställe, Kammern, Flur und Keller wahrgenommen, aber im ganzen hatten sie begriffen, wie Bemelman mit Kolja fertig geworden war: ein unterwürfig jammernder kleiner Bauer mit einem betrunkenen wütenden und sich zu Stolz aufblähenden großen Soldaten, und endlich war er also draußen, der Feind; war ausgesperrt, und sie konnten aufatmen.

Aber nun geschah etwas, das sie sich nicht erklären konnten. Sie sahen es ja nur undeutlich durch das Astloch in der Scheune und hörten von den Reden auch nur das Geräusch und nicht die einzelnen Worte. Aber was geschah, darüber konnten sie sich nicht täuschen. Und auch Bemelman sah es hinter dem Fensterladen seiner Schlafkammer; sie alle drei sahen es und konnten es nicht begreifen.

Gewiß, daß sich Kolja draußen noch umtrieb und eine Zeitlang auch wieder schrie und von Anzünden brüllte, das war zu begreifen; – ihm kam alles ein wenig durcheinander, und die frische Luft brachte ihn zu Munterkeit. Und auch daß er noch einmal gegen das Fenster der Wohnstube trommelte, und die junge Frau diesmal vortrat und mit ihm redete, lange Zeit, das war ebenfalls zu begreifen, er hätte ihr nun ja doch nicht geglaubt, daß sie schliefe. Aber dann geschah das Unbegreifliche: Kolja trat an die Haustür, und Susanna ging zu ihm hinaus. Sie hatte wie zuvor ihr gelbes Nachthemd an, nun hatte sie ihren Schlafrock darüber angezogen, das lange Hemd stand ihr unten um den breiten Saum vor bis zu den Knöcheln, so trat sie mit Kolja hinaus auf den mondbeschienenen Weg und ging mit ihm hinüber in den Schatten des Nußbaums neben der Holzhütte. Und wieder eine lange Zeit verging, in der Bemelman aus seinem Fenster blickte und die zwei Versteckten abwechselnd durch das Astloch spähten. Dann hörten sie, wie aus großer Entfernung, so als ob das Geräusch aus der Luft herabkäme, den Hufschlag von Koljas Pferd, und eine Weile später sahen sie Frau Jorhan zurückkommen.

Sie klinkte die Haustür auf, trat ein und hatte wohl ganz ruhig wieder zugeklinkt – als käme sie am hellichten Tag nur eben von draußen herein.

Aber von diesem Augenblick an blieb ihnen allen dreien nicht Zeit nachzudenken. Dem Bauern nicht, weil Susanna nun gleich bei ihm an der Falltür klopfte und sagte, die zwei Versteckten müßten jetzt fort, ja, jetzt, noch in dieser Nacht! Und den beiden nicht, weil nun auch schon Bemelman zu ihnen in die Scheune kam und ihnen dasselbe sagte: Ihr müßt weg, ihr müßt sehen, wie ihr durchkommt durch den Wald, ihr müßt hinüber, aber sofort!

Wer sagt das?

Die Frau!

Sie schlichen über den Hof in die Küche. Auf den Bauern wollten sie sich nicht recht verlassen, sie wollten mit Susanna sprechen. Aber wie sollten sie das anstellen, durften sie zugeben, daß sie den nächtlichen Auftritt mit angesehen hatten? Da trat sie ihnen schon entgegen, sie sah blaß und elend aus und sagte es ihnen selber: Ja, ich war draußen bei ihm. Er wäre sonst nicht fortgegangen. Er hat gesagt, wenn Sie herauskommen, Kosanna, dann will ich glauben, daß niemand da ist. Aber wenn Sie nicht herauskommen, dann bleibe ich hier, und dann kommen morgen meine Leute, und dann suchen wir solange, bis wir die zwei finden. Da bin ich hinaus zu ihm, – und draußen, ja, ich habe ihm zugeredet. Jetzt ist er fort. Er kommt nicht wieder vor morgen abend!

Die Flüchtlinge erschraken. Aber für sie in ihrer Angst und Eile und dem zwanghaften Vordenken, wie sie nun alsbald fortkommen sollten durch den Wald und zwischen den Posten hinüber auf die andere Seite, blieb es zunächst ein verworrenes Wort: ich habe ihm zugeredet. Erst später, als sie unterwegs waren, grübelten sie darüber nach. Er wäre sonst nicht fortgegangen, – ein einfaches Muß demnach sollte es für die Frau gewesen sein, dann wäre es ein Opfer gewesen? – es leuchtete ihnen nicht ganz ein. Die junge Frau hätte es doch auch geschickter anstellen können, hätte diesen Kolja am Fenster hinhalten können, statt sich ihm so auszuliefern, und sie selber hätten sich inzwischen wohl fortstehlen können?

Je länger die beiden nachdachten, um so weniger kamen sie von einem gewissen Zweifel los: es mußte etwas bei der Sache mitgespielt haben, das sie nicht kannten, ein Zwang, der nicht ein einfaches Muß gewesen war, und der das gemacht hatte: ein Opfer, das noch etwas anderes war als Opfer.

Auch Bemelman verstand die Sache nicht. Er, der die Geschichte ja sogleich erfahren hatte, als Mitspieler sozusagen, verstand von Susannas Worten: Ich bin hinaus zu ihm und habe ihm zugeredet, nur, was er gesehen hatte. Schon das „Zureden“ glaubte er ihr nicht. Es erbitterte ihn, daß er ihr nicht hatte helfen können. Oh, Gott, diese Frau erbarmte ihn! Und mochte sie ihm auch ins Auge sehen, als ob wahr sei, was sie da erzählte – er wußte doch, was ihr in Wirklichkeit widerfahren war draußen, und jetzt mußte sie weg von dem Hof.

Das wollte er ihr gleich sagen, nachdem er hinter den zwei Flüchtlingen das Tor zugesperrt hatte, – sie dürfe nicht länger hier bleiben, sie müsse an einen anderen Ort, an einen sicheren Platz, wo ihr niemand nachstellte und sie zwingen konnte.

Dann überlegte er sichs, genug Aufregung für diese Nacht. Er wollte es ihr am anderen Morgen sagen. Aber am Morgen, als er zum Viehfüttern aufstand, überraschte ihn Susanna damit, daß sie ihre Sachen auf einen Handwagen gepackt und auch ihren Sohn schon angezogen hatte, und ehe er etwas sagen konnte, sagte sie selber, daß sie jetzt gehe.

Ja, ins Dorf zurück, sagte sie, ich werde dort schon unterkommen. Und wenn heute abend der Leutnant kommt, dann sagen Sie ihm, daß ich fort bin!