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Felix Mitterer: Ein Jedermann

HAYMON

Felix Mitterer

Ein Jedermann

aus: STÜCKE 2

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Die Herausgabe der Werksammlung wurde vom Land Tirol, dem Bundesministerium für Unterricht und Kunst und von der Gemeinde Telfs gefördert.

© 1992

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Aufführungsrechte für alle Stücke beim Österreichischen

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7111-6

Umschlaggestaltung:

Dieses Stück wurde dem Sammelband »Stücke 2«, erschienen 1992 im Haymon Verlag, entnommen. Den Sammelband »Stücke 2« erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

INHALT

Ein Jedermann

Lebenslauf

EIN JEDERMANN

Als mich Otto Schenk im Herbst 1987 fragte, ob ich für ihn – das Wiener Theater in der Josefstadt – die alte geistliche Moralität »Everyman« neu und im heutigen Gewande schreiben würde (letzter Bearbeiter 1911 Hugo von Hofmannsthal mit seinem »Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes«), stimmte ich sofort begeistert zu, tat es aber erst zwei Jahre später. Die Begeisterung rührte daher, daß ich so ein Unternehmen sehr spannend fand, das nachfolgende ständige Hinausschieben hatte seinen Grund darin, daß ich mich bei näherer Befassung zu fürchten begann. Wie denn heute einen Aufruf zur Umkehr verfassen, ein »moralisierendes« Stück schreiben, ohne den Zuschauern auf die Nerven zu gehen? Zu Recht lieben wir nicht mehr die Belehrung, den Zeigefinger; schon gar nicht den katholischen. (Obwohl wir doch eine Umkehr bitter notwendig haben.) So nahe wie möglich am alten Stoff wollte ich bleiben, mich nicht davor drücken. Aber wie heutzutage »Gott« auftreten lassen? Was tun mit Tod und Teufel, mit Mammon, Werke, Glaube?

Als ich endlich begann (ständige Anrufe von der Josefstadt – »Wo bleibt es denn, das Stück?«), nahm ich mir vor, genau am Hofmannsthalschen Jedermann entlangzuschreiben, einschließlich sämtlicher seiner Figuren (ausgenommen Gott, vor dem hatte ich einen Spundus) und ebenfalls in Reimen. Glücklos war der Beginn, sogleich wurd’s eine Parodie; ich schmiß es weg, so einfach konnte ich es mir nicht machen.

Der Neubeginn fand mit Menschen statt, nicht mit Allegorien, denn Allegorien berühren uns nicht mehr. (Auch nicht in Salzburg; der volle Domplatz hat andere Gründe.) Im alten Jedermann sind selbst die Menschen Allegorien, bei mir sind auch die Allegorien Menschen. Und so konnte ich mich schließlich auch an »Gott« wagen, an Jesus (ohnehin Mensch) und an den »Geist«. (Auch die griechischen Götter durften sich höchst menschlich verhalten.) Gott als Vater, der seinen Generationskonflikt mit dem Sohn auszufechten hat. Der Geist, dem der Körper – die Nabelschnur – fehlt und der darum kein Verständnis für die Menschen hat. Überhaupt – die »Dreifaltigkeit« als Trennungsgeschichte. Gott Vater die Seele (das »Über-Ich«), Gott Sohn der Körper (»Bauch«), Gott Heiliger Geist der Geist (»Vernunft«?). Daß wir trennen, was eins war, hat uns übelgetan.

Und schließlich Jedermann, der wie im alten Spiel ein »Reicher« ist (weil einer, der Macht hat, mehr Verantwortung trägt), und dennoch natürlich jedermann. Mein allererster Vorsatz war, ihn zur Hölle zu schicken, nicht wie im alten Spiel davonkommen zu lassen, wo ein bißl Bereuen schnurstracks in den Himmel, ins Paradies führt, wo das Kamel derart leicht durchs Nadelöhr geht. Aber wie’s halt immer ist, das Stück beginnt sich mit einem Male selbst zu schreiben, aus Figuren werden wirkliche Menschen, die Eigenleben gewinnen. Auch mein Jedermann kommt schließlich zur »Einsicht« an diesem langen Tag, dem letzten seines Lebens, und weil in diesem Falle ich selbst, ich der Autor, Gott und Richter bin, habe auch ich den Jedermann nicht endgültig verdammt, denn wie käme ich dazu, dann müßte ich alle Menschen verdammen, einschließlich meiner selbst.

So ist dieses Stück wieder wie alle Stücke von mir und handelt davon, was die Menschen einander antun, der Natur und sich selbst antun und wie es besser ginge, wenn es die Liebe gäbe (aus welchem Glauben auch immer), die uns dorthin führen würde, wo unser Ziel liegt, nämlich ganz einfach (und furchtbar schwer) in der Humanität.

PERSONEN:

Gott Vater

Gott Sohn

Gott Heiliger Geist

Teufel (traditionell und als Trouble-Shooter)

Tod (traditionell und als Bürodiener)

Jedermann (Generaldirektor)

Jedermanns Mutter

Jedermanns Frau

Jedermanns Guter Gesell (Bundeskanzler)

Armer Nachbar (Unternehmer)

Schuldknecht (Unternehmer)

Buhlschaft (Jedermanns Sekretärin)

Dicker Vetter (Kardinal)

Dünner Vetter (Primarius)

Mammon (Bankier)

Werke (Gewerkschaftspräsident)

Hungerndes Kind (afrikanisch)

Amputiertes Kind (orientalisch)

Hustendes Kind (europäisch)

1. Leibwächter

2. Leibwächter

Stimme von Mammons Sekretärin

Arbeiter, Vorstandsmitglieder mit Gattinnen, Mitarbeiter, Freunde, Männer des Sicherheitsdienstes, Servierpersonal

BÜHNE:

Chefbüro in Hochhaus (Schreibtisch, Sitzgruppe, Konferenztisch, Bar, Monitore, Lifttüren, Vorzimmertür)

1. TEIL

Morgen. Die Jalousien an der Glasfront sind halb geschlossen. Von weit unten aus den Straßenschluchten sind im Verlaufe des Stückes manchmal Polizei-, Feuerwehr- oder Rettungssirenen zu hören. Über dem Privatlift Jedermanns sind Leuchtzeichen: U 10 bis U 1, E, 1 bis 50, als letztes Zeichen ein G (für Generaldirektor = 51. Stockwerk). Von rechts außen beginnend, leuchtet ein weißes Dreieck auf, rast herunter und auf das G zu, so als ob der Lift von weit oben kommen würde. Zuletzt leuchtet das G auf, es klingelt, die Lifttüren öffnen sich, in der Kabine ein strahlend weißes Licht, aus dem Licht heraus und in den Raum treten Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Die Lifttüren schließen sich wieder. Gott Vater ist ein etwas grießgrämiger, aber doch nachsichtiger alter Herr, glattrasiert, im guten, konservativen Anzug, mit Hut und Krawatte. Gott Sohn ist unrasiert, trägt Dornenkrone, T-Shirt, abgeschabte Jeans, Turnschuhe; an den Händen die Wundmale. Gott Heiliger Geist ist ein unruhiges, flatterndes, lichtdurchflutetes Wesen; alterslos, geschlechtslos, körperlos. Die Drei schauen sich um, Gott Sohn geht zur Bar, schenkt sich einen doppelten Whisky mit Eis ein, trinkt einen großen Schluck, atmet genießerisch auf, geht zur Sitzgruppe, lümmelt sich auf das Ledersofa, legt die Beine auf den Tisch, holt Tabak und Zigarettenpapier hervor, rollt sich eine Zigarette, raucht dann. Gott Heiliger Geist geht zu Jedermanns Schreibtisch, betrachtet neugierig die Gegenstände darauf, die Telefone, den Computer, die vielen Tasten. Er drückt auf eine Taste, dadurch werden die Monitore eingeschaltet, die an Stahlträgern von der Decke hängen. Es erscheinen die laufenden Börsenkurse, auf anderen Monitoren sind Katastrophen zu sehen (Erdbeben, Feuersbrünste, Hungersnöte, Demonstrationen, Verbrechen, Krieg). Der Ton wurde mit eingeschaltet, und es entsteht ein unbeschreiblicher Lärm. Gott Heiliger Geist erschrickt furchtbar, schaut zu den Monitoren, weicht entsetzt zurück, Gott Sohn wirft nur einen flüchtigen Blick zu den Monitoren, Gott Vater schaut mit leichtem Ärger zu Gott Heiliger Geist, geht zum Schreibtisch, drückt gleich auf die richtige Taste, die Monitore und der Lärm verlöschen, der Spuk hat ein Ende.

GOTT VATER: Gerichtstag.

Gott Sohn macht eine enervierte Geste, stöhnt auf, Gott Vater wirft einen strafenden Blick auf ihn.

GOTT HEILIGER GEIST: (zeigt auf die Monitore) Was ist das für ein Geist? Doch nicht meiner! Wie kann ein Geist so sein? Wie kann ein Geist sowas hervorbringen?

GOTT VATER: Der Mensch ist frei!

GOTT HEILIGER GEIST: Aber warum denn? Ich versteh’ das nicht! Ich werd’ das nie verstehn! Sie tun sich weh. Sie bringen sich um. Ein jeder ist des anderen Feind.

GOTT SOHN: (nimmt die Beine vom Tisch) Red nicht so blöd! Davon verstehst du nichts!

GOTT HEILIGER GEIST: (zu Gott Vater) Muß ich mir das bieten lassen, Vater?

GOTT VATER: (ärgerlich) Streitet doch nicht immer!

GOTT HEILIGER GEIST: (zu Gott Sohn) Du Mensch!

GOTT SOHN: Danke!

GOTT HEILIGER GEIST: Du brutaler Mensch!

GOTT SOHN: (steht auf) Sei vorsichtig, du!

GOTT VATER: Kinder!

GOTT SOHN: Ich sag’ dir mal was, Heiliger Geist! Ich wünsch’ dir fünf Minuten! Fünf Minuten als Mensch! Dann würdest du merken, wie toll das ist. (Schlägt sich auf die Brust.) Das lebt! Das hat Kraft! Das hat Fleisch! Gott, bist du ein armes Schwein!

GOTT HEILIGER GEIST: (flattert herum) Hör auf! Hör auf! Laß mich zufrieden! Mich interessiert das nicht.

GOTT SOHN: Das Leid! Die Freude! Der Genuß! – Sinne! Sinne, du Idiot! Gefühle! Du weißt ja nicht, wie schön das ist, du langweilige Vogelscheuche.

GOTT VATER: (laut) Schluß jetzt!

GOTT HEILIGER GEIST: Brutal! Brutal! Wie bist du brutal!

GOTT SOHN: Von mir aus. Auch brutal. Alles gehört zum Menschen! Alles! Oh, Gott! Noch einmal Mensch sein! Ich würde alles dafür geben! – Und wenn sie mich wieder killen! Und wenn das Blut nur so aus mir herausspritzt! (Schreit:) Leben!

GOTT HEILIGER GEIST: Pfui! Pfui! Pfui!

GOTT VATER: (schreit) Aus! Schluß! Was erlaubst du dir? Das ist ja ungeheuerlich! Was ist das für ein Benehmen? Du bist Gott!

GOTT SOHN: Entschuldige, Vater! Tut mir leid! (Geht zur Bar, schenkt sich nach.) Ihr hättet mich nicht mitnehmen sollen. (Trinkt.) Es packt mich. Es packt mich, Vater. Ich kann nichts dafür. Ihr kennt das doch nicht. Ihr kennt es nicht!

GOTT VATER: Sag einmal, bist du vollkommen übergeschnappt oder was? (Schreit:) Ich kenne alles!

Die Vorzimmertür öffnet sich, Buhlschaft (Chefsekretärin) kommt mit einem Tablett herein, sieht die höheren Wesen nicht, geht zu Jedermanns Schreibtisch, stellt das Tablett ab, auf dem sich ein Blumenstrauß in Vase, eine Thermoskanne mit Kaffee, eine Tasse und ein Glas Orangensaft befinden. Sie stellt die Gegenstände auf den Tisch, nimmt das Tablett wieder, schaut zu den Jalousien, drückt auf eine Taste am Schreibtisch, die Jalousien gehen hoch, das Morgenlicht strömt herein, der Blick über die Stadt wird frei. Gott Vater und Gott Heiliger Geist beobachten die Buhlschaft ohne sonderliches Interesse, Gott Sohn ist ganz hingerissen von Buhlschaft, geht auf sie zu, schaut sie sehnsüchtig an. Sie geht zur Glasfront, schaut über die Stadt hinaus, Gott Sohn stellt sein Glas ab, geht ihr nach, schaut sie an, hebt die Hand, berührt sie vorsichtig an der Schulter, sie merkt es, schaut erstaunt auf ihre Schulter, wischt leicht darüber, geht wieder zur Vorzimmertür und hinaus. Gott Sohn schaut ihr sehnsüchtig nach.

GOTT SOHN: (leise, nachdem die Tür wieder zu ist) Maria Magdalena ...

GOTT HEILIGER GEIST: (zu Gott Vater) Hast du das gehört?

GOTT VATER: (es ist ihm lästig) Ja ...!

GOTT HEILIGER GEIST: Maria Magdalena, hat er gesagt!

GOTT VATER: Ja, ja, ich hab’s gehört.

GOTT HEILIGER GEIST: Er ist unbelehrbar. Unbelehrbar! Ich sag’ dir, das war ein Fehler, daß du ihn heruntergeschickt hast. Auf diese Weise! Als Mensch! Ein Mensch kann doch niemanden erlösen.

GOTT SOHN: (wütend) Nur der Mensch kann den Menschen erlösen! Wer denn sonst, du Idiot?

GOTT VATER: (müde) Hör doch endlich auf, Sohn! Beruhige dich! Sei so nett!

GOTT SOHN: (leise) Ich kann mich nicht beruhigen.

GOTT VATER: Ich befehle es dir! Du hast mir zu gehorchen! Verstanden?

GOTT SOHN: Ich hab’ dir immer gehorcht, in diesen 33 Jahren. Immer. (Laut:) Weißt du, wie schwer das war? (Deutet auf Gott Heiliger Geist.) Er hat schon recht! Du hättest mich nicht herunterschicken sollen!

GOTT VATER: Immer dieselben Vorwürfe!

GOTT SOHN: Weißt du, wie ich mich gefühlt habe, am Kreuz? Weißt du das?

GOTT VATER: Natürlich weiß ich das.

GOTT SOHN: Du kannst es nicht wissen. Sonst hättest du es nicht zugelassen.

GOTT VATER: (liebevoll) Ich weiß es, mein Sohn.

Gott Sohn breitet die Arme wie gekreuzigt aus, die Wundmale sind erstmals deutlich zu sehen.

GOTT SOHN: (schreit verzweifelt) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Gott Vater geht zu ihm, legt ihm die Hand auf die Schulter, Gott Sohn läßt die Arme fallen, schaut verzweifelt vor sich hin.

GOTT VATER: Ich habe dich nicht verlassen. Wirklich nicht.

GOTT HEILIGER GEIST: Natürlich nicht. (Zu Gott Sohn:) Was spielst du dich auf? Was trennst du dich ständig ab von uns? Du bist nichts Besseres!

GOTT VATER: Ich war immer bei dir, mein Sohn. Immer.

Gott Sohn beginnt zu weinen, es schüttelt ihn, Gott Vater umarmt ihn, drückt ihn an sich.

GOTT HEILIGER GEIST: Jetzt heult er auch noch!

GOTT VATER: (zu Gott Heiliger Geist) Sei still!

GOTT HEILIGER GEIST: Wasser rinnt über sein Gesicht. (Flattert herum.) Ich werd’ das nie verstehen. Wasser rinnt über sein Gesicht. Wasser! (Flattert auf die beiden zu, schaut Gott Sohn ins Gesicht.) Wie aus einer Quelle. Der Kopf ein Berg. Oder? Vielleicht auch Grundwasser. Es steigt von unten hoch. Innen hoch. Oder wie ...? Der Mensch eine Landschaft, die weint! Oder was? Ich werd’ das nie verstehen!

GOTT SOHN: (löst sich von Gott Vater) Komm, Vater, bringen wir’s hinter uns!

GOTT VATER: Gut. – Gerichtsstag. (Schaut zu Jedermanns Chefstuhl.) Da ist einer, der für viele und vieles die Verantwortung trägt.

GOTT SOHN: Ein Mensch!

GOTT VATER: Ja, ein Mensch! – Laß mich doch endlich zu Wort kommen!

GOTT HEILIGER GEIST: (zu Gott Sohn) Am Anfang war das Wort! Aber nicht deines!

GOTT VATER: (zu Gott Sohn) Ein Mensch. Ich weiß das. Brauchst du mir nicht zu sagen! Aber mit Macht! Mit Verantwortung! Er kümmert sich nicht. Um niemanden. Auch um sich selber nicht. Tötet die anderen und sich. Es muß Konsequenzen geben. Ein Exempel.

GOTT HEILIGER GEIST: (zu Gott Sohn) Jawohl! Ein Exempel!

GOTT VATER: Ich geb’ ihm Zeit. Von jetzt an bis um Mitternacht. Er kann sich bewähren, wenn er will.

Gott Sohn akzeptiert die Entscheidung nur widerwillig. Gott Vater holt seine Taschenuhr aus der Weste, schaut darauf, schaut zum Lift. Über den Lifttüren leuchtet – von links außen beginnend – ein glühend roter Zacken auf, rast herauf und auf das Zeichen U 10 zu, so als ob der Lift von ganz weit unten kommen würde.

GOTT HEILIGER GEIST: Er kömmt!

Die einzelnen Stockwerke leuchten – in Rot – rasend schnell auf, zuletzt das G, die Lifttüren öffnen sich, in der Kabine steht in schwefelgelbem Licht der Teufel in traditioneller Gestalt. Er tritt in den Raum, die Lifttüren schließen sich wieder.

TEUFEL: Grüß Gott! Was steht zu Diensten?

GOTT SOHN: (lacht auf) Ist das eine lächerliche Figur!

TEUFEL: (grinsend) Ich weiß schon, daß ich dir nicht in den Kram passe.

GOTT SOHN: (Setzt sich auf das Sofa, holt seinen Tabak hervor.) Du bist im Spiel, was soll’s? (Rollt sich eine Zigarette.) Du nimmst dich nur zu wichtig.

TEUFEL: (grinsend) Ich bin wichtig, Jesus Christ! Das mußt du doch bemerkt haben, wie du gewandelt bist auf Erden. Oder nicht?

GOTT VATER: (zum Teufel) Etwas mehr Respekt, bitte, ja?!

TEUFEL: Verzeihung! Verzeihung, gnädiger Herr und Gott! Er war ein Mensch. Das geht mir nicht aus dem Kopf. (Empört:) Er beleidigt mich!

GOTT SOHN: (Zündet sich die Zigarette an.) Wie kann ich jemanden beleidigen, den es überhaupt nicht gibt?

TEUFEL: Also, das ist doch ...! (Schaut Gott Vater an.)

GOTT VATER: (zu Gott Sohn) Warum mußt du mich ständig ärgern?

GOTT SOHN: Es gibt ihn nicht!

TEUFEL: (lacht auf) Ich glaube, der Junge wäre längst exkommuniziert, wenn er noch auf Erden wandelte.

GOTT SOHN: Da hast du allerdings recht.

GOTT HEILIGER GEIST: Also, ich misch’ mich da nicht ein.

GOTT SOHN: Jaja, schweb du nur über den Wassern! Ist auch besser so!

GOTT VATER: Jetzt reicht’s mir aber wirklich! Bist du jetzt still oder nicht?

Gott Sohn hebt ergeben die Hände.

GOTT VATER: (zum Teufel) Also! (Deutet um sich.) Hier ist sein Revier. Tu das Deine!

TEUFEL: Kein Problem! Der gehört schon mir. Schon lang. Vom Mutterleib ins schwarze Loch. Ganz selber hat er sich verzehrt. Der Vorteil ist ihm alles. – Er kann ihn nicht genießen. Das sind die ärmsten Schweine!

GOTT SOHN: Was weißt du, wer ein armes Schwein ist!?

TEUFEL: (ignoriert Gott Sohn; zu Gott Vater) Vielleicht noch ein paar Eskalationen ...

GOTT VATER: Gut. Ich geb’ ihm ein paar Prüfungen noch, als Chance.

Der Lift – der kurz zuvor hinunter fuhr – nähert sich in normalem Tempo vom Erdgeschoß her, Gott Heiliger Geist sieht es.

GOTT HEILIGER GEIST: Er kömmt!

Sie schauen alle zum Lift, er kommt an, die Türen öffnen sich, es ist schwarz in der Kabine, der Tod steht in traditioneller Gestalt darin, über der Schulter die Sense. Er tritt heraus, die Türen schließen sich, klemmen das Sensenblatt ein, der Tod wird zurückgerissen, die Türen gehen automatisch wieder auf, weil sie auf das Hindernis gestoßen sind, der Tod, der sich gerade losreißen wollte, stürzt nach vorne und zu Boden, die Türen schließen sich. Gott Sohn bekommt wegen des Vorfalls einen Lachkrampf, der Tod schaut konsterniert hoch, faßt seine Sense, steht auf, stützt sich dabei an der Sense, schaut die Drei und den Teufel an, schaut auf Gott Sohn, der sich nicht beruhigen kann.

GOTT VATER: (laut) Hör auf!

Gott Sohn hört auf, muß aber weitergrinsen.

GOTT VATER: (zum Tod) Um Mitternacht soll’s ihn treffen. Kündig’s ihm an. Eine Chance zur Besinnung.

TOD: Wie Ihr befehlt, Herr und Schöpfer. Soll’s auf bestimmte Weise gehen? Unfall, Mord, Selbstentleibung?

GOTT VATER: Mir ist das egal. Wie sich’s trifft.

TOD: (Schultert die Sense.) Dann darf ich mich wieder verabschieden. (Verbeugt sich.) Seid gelobt, Dreieinigkeit!

Der Tod hat den Teufel absichtlich ingnoriert, geht zum Lift, die Türen öffnen sich, wieder Schwärze in der Kabine.

GOTT SOHN: He, Knochenmann!

Der Tod dreht sich um.

GOTT SOHN: Das muß ich dir schon noch sagen: Auch dich gibt es nicht, du Fasnachtsfigur!

Der Tod starrt ihn an.

GOTT VATER: Sag, Sohn, was echauffierst du dich so? Was soll das?

GOTT HEILIGER GEIST: Da hat er aber schon irgendwie recht, ausnahmsweise! Doch, doch!

TOD: Ich bin da!

GOTT SOHN: (zu Gott Vater) Es gibt ihn nicht! (Deutet auf den Teufel.) Beide nicht! Ich glaub’ es nicht!

GOTT VATER: (begütigend) Es ist ein Abkommen. Ein Bild.

GOTT SOHN: Ich mag das nicht! (Schaut den Tod an.) Der Sensenmann! Was soll denn das? Früher gingen die Menschen einfach über. Nicht unter. Nicht ins schwarze Loch. Nicht hinunter und nicht hinauf. Über. Überall. Mir gefiel das.

TOD: (tritt vor) Wofür haltet Ihr mich, Gott Sohn? Weiß ich das nicht? Weiß ich das nicht alles? Euer Vater sagte es doch: Ein Bild. Sie brauchen Bilder. Es hilft ihnen.

GOTT SOHN: Ach was! Eine Drohung ist es. Ich hasse Drohungen.

TOD: Ich mache das Bild nicht. Es könnte ein anderes sein. Es gibt auch andere. Ich bin vieles. Auch ein Tröster. Auch ein Freund. Wenn auch immer weniger. Ich hatte wirklich nie besondere Ambitionen. Ich wollte nur meine Arbeit tun, in Ruhe, wenn es an der Zeit ist. Aber durch ihn (deutet auf den Teufel) zwingen sie mich, zwingen sie mich herbei. Vor der Zeit! Manchmal bin ich wirklich müde.

Der Tod tritt in den Lift, die Türen schließen sich, der Lift fährt zum Erdgeschoß, kommt dann gleich wieder zurück.

TEUFEL: Ein sentimentaler Aff’ ist das!

GOTT VATER: Ein Bild. Wie du. Wie wir alle.

GOTT HEILIGER GEIST: (schaut zur Liftanzeige) Er kömmt!

Sie schauen alle zum Lift, Gott Vater drückt sich die Hände ins Rückenende.

GOTT VATER: Ah, mein Kreuz!

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