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Felix Mitterer: Mein Ungeheuer

Haymon

Felix Mitterer

Mein Ungeheuer

aus: STÜCKE 4

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© 2007
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

INHALT

Mein Ungeheuer

Biographische Daten und Werkverzeichnis

MEIN UNGEHEUER

Meine Verlegerin, Frau Professor Käthe Stanek, Österreichischer Bühnenverlag Kaiser & Co., feiert am 8. Jänner 2000 ihren 85. Geburtstag und zugleich ist es 65 Jahre her, seit sie in den väterlichen Bühnenverlag eingetreten ist. Aus diesem Grunde möchte ich ihr, die mich 1977 als Dramatiker entdeckt und gefördert und immer an mich geglaubt hat, dieses Stück von ganzem Herzen widmen.

Ich habe nie in meinem Leben direkt autobiografisch geschrieben, obwohl natürlich das eigene Leben in allem steckt, was man schreibt.

„Mein Ungeheuer“ ist eine Ausnahme. In diesem Text verbirgt sich das Schicksal zweier Frauen, das meiner leiblichen und das meiner Adoptivmutter, untrennbar miteinander verwoben. Und das tote Kind, das im Schuhkarton von Wirtshaus zu Wirtshaus getragen wird, ist meine Zwillingsschwester, die mir bis heute fehlt.

1993 hatte ich zum ersten Mal für Martin Sailer, Literaturchef des ORF Studio Tirol, ein Hörspiel geschrieben: „Krach im Hause Gott“ (später als Stück bei den Bregenzer Festspielen aufgeführt). Martin wollte eine Live-Produktion machen, vor Publikum, wie zu den Anfangszeiten des Rundfunks. Es kam eine für die Schauspieler, für das Publikum im Saal und die Zuhörer an den Radiogeräten ungemein spannende Aufnahme zustande. 1998 war es dann wieder soweit. Ich schrieb für meine Lieblingsschauspieler Julia Gschnitzer und Peter Mitterrutzner das Hörspiel „Mein Ungeheuer“, begleitet von meinen Lieblingsmusikern Siggi Haider und Hannes Sprenger.

„Mein Ungeheuer“ – hier nehmen wir Teil am Lebensalbtraum einer Frau, die sich mit dem Mut der Verzweiflung durch das 20. Jahrhundert gekämpft hat, einen gewalttätigen und trunksüchtigen Mann zur Seite, der ihr die Ehe zur Hölle machte. Sein Feuertod hat das Ehepaar nur vorübergehend geschieden. Er kehrt zurück – als eine Art Untoter, der weiter auf der Welt wandeln muss, als ihr „Ungeheuer“, das sie fast in den Wahnsinn treibt, bis die gemeinsame Vergangenheit in einer „Wortschlacht“ aufgerollt und neu erzählt wird, bis zuletzt dann doch so etwas wie eine Annäherung, ein Verzeihen, eine Erlösung stattfinden kann.

Wiederum eine Live-Produktion, die das Publikum auf fast magische Weise in den Bann zog.

Im Jahre 2000 fand die Uraufführung der Theaterfassung bei den Tiroler Volksschauspielen in Telfs statt, in einem mit Unkraut durchwucherten alten Glashaus, mit denselben Darstellern, denselben Musikern.

Es gab Vorstellungen, wo die Intensität der Aufführung so stark war, dass manche Zuseherinnen es nicht mehr ertrugen und hinausgehen mussten.

Die Produktion blieb jahrelang am Spielplan und ist inzwischen zur Legende geworden.

PERSONEN:

Rosa
Zach

BÜHNE:

Verwildertes Niemandsland mit Grabkreuz.

STIMME ZACH: (singt)

Hans, bleib da, du woaßt ja nit, wia’s Wetter wird,
Hans, bleib da, du woaßt ja nit, wia’s wird!
Es kann regna oder schneiben oder a schöns Wetter bleiben,
Hans, bleib da, du woaßt ja nit, wia’s wird!

1. BILD

Rosa liegt auf einer bemoosten Steinplatte, hat einen Alptraum. Musik, bedrohliche Geräusche.

ROSA: (schreit auf) Na! (Richtet sich auf.) Geh weg! (Steht auf.) Geh weg! Laß mi in Ruah! (Sie schaut sich angstvoll um.) Oh mein Gott! Oh mein Gott! (Musik wie ein höhnisches Lachen.) Er macht sich lustig über mi! Er macht sich lustig über mi! (Geräusche, bedrohliche Musik. Sie flieht, versucht zu entkommen.) Gott im Himmel, was machst du mit mir?
I woaß, i bin schuldig, i bin schuldig, aber i habs nimmer ausghalten, i habs nimmer ausghalten! – Oh mein Gott, Jesus, Maria! – I muaß mit ihm reden. (Wieder Musik wie Lachen.) Dann geht’s dir eh guat, wenn du lachen kannst, oder? Lach nur, lach weiter! Verbrenn, verbrenn! (Das Ungeheuer scheint sich zu nähern, sie entweicht.) Du laß mi in Ruah, du laß mi in Ruah. Fast sechzig Jahr lang hab i’s mit dir aushalten müaßen, jetzt laßt mi in Ruah! (Sie kniet sich nieder, faltet die Hände.) Gegrüßt seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir, du bist gebenedeit unter den Weibern und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes Jesus. Heilige Maria, Muttergottes, bitt für uns arme Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen. (Plötzlich ein lauter Schnaufer in der Musik, sie wendet sich angeekelt ab.) Du stinkst immer no gleich ausm Maul. (Wieder dieser Schnaufer, sie läuft weg.) Laß mi in Ruah!

Zach erscheint, kriecht, wälzt sich an sie heran. Sein Gesicht ist verbrannt, grauenhaft entstellt, die Kleidung in den Körper gebrannt, verkohlt. Die rechte Hand ist übergroß, wie eine Schaufel fast und ebenfalls schwarz und angekohlt; mit dieser Hand hat er sie immer geschlagen. Rosa weicht zurück, stolpert, ist festgenagelt wie im Alptraum.

ZACH: (frech) Derf i mi zu dir legen, Mammi?

ROSA: (mühsam beherrscht) Na, derfst nit.

ZACH: Bin aber scho lang nimmer bei dir glegen. Oder?

ROSA: Liachtmeß zwoaradachtzig hast ma zum letzten Mal die Tür eintreten. Dann warst zu schwach, dann wars aus mit dir. Mei, war i froh.

ZACH: Gwinselt an deiner Tür hab i, wia a Hund.

ROSA: Du warst