image

Felix Mitterer: Johanna oder Die Erfindung der Nation

Haymon

Felix Mitterer

Johanna oder Die Erfindung der Nation

Image

© 2007
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

INHALT

Johanna oder Die Erfindung der Nation

Biographische Daten und Werkverzeichnis

JOHANNA
ODER
DIE ERFINDUNG DER NATION

Schon immer hat mich dieses Mädchen fasziniert, das mit 17 aufbrach, Frankreich von der englischen Herrschaft zu befreien, und mit 19 als Hexe verbrannt wurde. Die Geschichte Jeannes klingt wie eine Legende, ganz unwirklich, ganz unwahrscheinlich, und doch gibt es die Akten, die ihre Existenz, ihr Wirken beweisen.

In den Jahren zuvor hatte Michael Worsch am Salzburger Landestheater zwei meiner Stücke („Abraham“, „Tödliche Sünden“) auf ganz ungewöhnliche und eindrucksvolle Weise inszeniert. Als mich nun Intendant Lutz Hochstraate fragte, ob ich ein Auftragswerk für Salzburg schreiben wolle, mit Worsch als Regisseur, stimmte ich gerne zu und schlug Jeanne d’Arc als Thema vor, was sofortige Zustimmung fand.

Da Jeanne eine der meistbeschriebenen historischen Persönlichkeiten ist und bereits zahlreiche Theaterstücke sowie Filme über sie existieren, wollte ich nicht neuerlich ein historisches Stück schreiben, sondern einen Bezug zu unserer Gegenwart herstellen. Das Bindeglied dazu schien mir der Nationalismus. Lange bevor es im eigentlichen Sinne Nationen gab, hat Jeanne sozusagen den Begriff Nation begründet, hat mit der Waffe in der Hand für die französische Nation gekämpft, wurde dadurch zur ersten Nationalheldin, zur Nationalheiligen sogar.

So lebt meine Jeanne heute, und sie lebt gleichzeitig zu Beginn des 15. Jahrhunderts. Ein Mädchen, dem Gewalt angetan wurde, ein Mädchen, das Stimmen hört, die ihm befehlen, die „Fremden“ zu vertreiben. So macht sie sich auf die Irrwege ihrer Überzeugung, um jenen Populisten an die Macht zu helfen, die aus der individuellen Katastrophe Profit zu schlagen wissen. Und die Jeanne an die Inquisition ausliefern, als sie unbequem wird, als sie ihren Irrweg zu begreifen beginnt. Was seinerzeit mit Feuer bereinigt wurde, erfüllt nun heutzutage die Psychiatrie. Die Parallelität der Handlungen kulminiert in der Einsamkeit und im Tod dieses sagenumwobenen Mädchens, das am Ende doppelt geschändet als Opfer seiner selbst und der Politik zurückbleibt.

„Johanna oder Die Erfindung der Nation“ ist nach „Tödliche Sünden“ mein merkwürdigstes Stück. Beide schlagen sozusagen vollkommen aus der Art, sie scheinen nichts mit den „üblichen“ Mitterer-Stücken gemein zu haben. Sie sind wie im Traum entstanden, haben sich praktisch von selbst geschrieben, das passiert. Und manchmal geht das sehr gut aus, manchmal weniger. „Johanna“ erreichte nach der Salzburger Uraufführung eine einzige weitere Inszenierung in Graz, dann war Schluss. Dass „Johanna“ auch ein satirischer Kommentar zur damaligen politischen Situation in Österreich war, wurde nicht bemerkt.

PERSONEN:

2 Damen und 7 Herren spielen 24 Rollen.

Jeanne d’Arc (17)

Gilles de Rais, junger Baron

Charles, Dauphin, dann König Charles VII. von Frankreich

Erzbischof von Reims, Kanzler von Charles

George de La Trémouille, Minister von Charles, später Marschall von Frankreich

Herzog von Burgund, Philipp III. der Gute

2. junger Fremder

Jacques d’Arc, Vater von Jeanne, Bauer

La Rousse, Bordellwirtin (Ausländerin)

Dargestellt von Gilles de Rais:

1. junger Fremder

Heiliger Michael im TV

Dorfjüngling

Graf Luxembourg

Arzt in der Psychiatrie

Dargestellt vom 2. jungen Fremden:

Robert de Baudricourt, Burghauptmann von Vaucouleurs

William Glasdale, englischer Feldhauptmann

Polizist

Graf Warwick, Engländer

Dargestellt von Jacques d’Arc:

Ein Freier

La Hire, Feldhauptmann von Charles, ein „Kampfross“

Bogenschütze

Dargestellt von La Rousse:

Hebamme

Schwester in der Psychiatrie

Dargestellt vom Erzbischof von Reims:

Inquisitor (erscheint nur auf dem Bildschirm)

Weiters:

Drei Prostituierte (eine Schwarze, eine Weiße, eine Asiatin)

Einer, der über das Bollwerk geworfen wird (Puppe)

Getötete Ausländer in der U-Bahn (Puppen)

Ein Schwarzafrikaner in der U-Bahn (auch Rettungsmann in der Psychiatrie)

Getötete Knaben im Schloss Tiffauges (Puppen)

Eine Dame von der Maske

Alle Männer (dann auch Jeanne) tragen die damals übliche „Puddingschüsselfrisur“ (auch in Szenen, die heute und morgen spielen).

Das Stück spielt 1429–1431, heute und morgen.

1. BILD

Zeit: Heute
Fernsehstudio
Charles trifft auf den Herzog von Burgund

Der Dauphin Charles (schick gekleidet, keine Krawatte) und der Herzog von Burgund (in etwas altmodischem Anzug). Charles lächelt immer wieder etwas süffisant, der Herzog lächelt nie, ist immer von großem Ernst (auch wenn er etwas Komisches sagt). Die Diskussion der beiden ist auch auf einem großen Bildschirm zu sehen, der weit oben hängt (wie in einem Aufenthaltsraum).

CHARLES: Das habe ich nie gesagt.

HERZOG VON BURGUND: Sie haben das sehr wohl gesagt, Charles. Und Ihr Herr La Trémouille, der Ihr Sprachrohr ist, faselt ständig etwas von der drohenden Umvolkung der Franzosen. Sie sollten über jeden Fremden froh sein, der bei uns die Drecksarbeit erledigt.

CHARLES: Sie halten ja nicht einmal die hygienischen Regeln ein, und ständig diese laute Dudelsackmusik, grauenhaft! Was ist das für eine Kultur?

HERZOG VON BURGUND: Sie behaupten, die Fremden stinken und hätten einen schlechten Musikgeschmack?

CHARLES: Natürlich stinken sie, und Geschmack haben sie überhaupt keinen! Und sie haben überhaupt keine Absicht, sich zu assimilieren. Sie wollen, dass auch wir stinken, sie wollen, dass auch wir unablässig den Dudelsack spielen!

HERZOG VON BURGUND: Das ist lächerlich, Charles. Genauso lächerlich wie die Behauptung Ihres La Tremouille, dass wir jedem Engländer, der an der Küste landet, sofort einen Kräutersud verabreichen, der seine Fruchtbarkeit fördert.

CHARLES: Das hat La Tremouille nie gesagt, Herzog. Sie wollen immer nur davon ablenken, dass Sie und Ihresgleichen Ihr eigenes Volk nicht leiden können. Sie sind ein Inländerfeind, Herzog!

HERZOG VON BURGUND: Ich bin selbst ein Inländer! Da müsste ich ja mein eigener Feind sein.

CHARLES: Wer weiß schon, was sich in Ihrem Blut so alles vermengt, Herzog. Auf jeden Fall sind Sie von Selbsthass zerfressen. Sonst würden Sie unser Land nicht den Fremden ausliefern wollen. Sonst würden Sie dieser Verelendung und Verdrängung der Franzosen nicht Vorschub leisten.

HERZOG VON BURGUND: Ich weise das mit allem Nachdruck zurück. Den Franzosen ist es noch nie so gut gegangen!

CHARLES: Aber nicht mehr lange, Herzog. Es handelt sich hier um eine massenhafte Landnahme im Kernterritorium Frankreichs. Und ihr Burgunder unterstützt das. Ihr unterstützt diese Überflutung, diese Überschwemmung durch die Ausländerhorden. Sie werden als Hochverräter des Vaterlandes in die Geschichte eingehen, Herzog, Sie und Ihre ganze Partei.

HERZOG VON BURGUND: Ich verbitte mir, dass Sie mich als schlechten Franzosen hinstellen, Charles!

CHARLES: Sie konspirieren mit dem Ausland, Herzog. Ihr Burgunder macht Frankreich im Ausland schlecht, ihr begeht Landesverrat, und das wird euch mein Volk nie verzeihen. Ich übrigens auch nicht. Der Tag wird kommen, da werde ich König von Frankreich sein. Dann Gnade Ihnen Gott, Ihnen und Ihresgleichen.

HERZOG VON BURGUND: Also erstens einmal denke ich, dass Sie Ihre Anhängerschaft unter den Franzosen überschätzen, auch wenn Sie dem Pöbel fleißig nach dem Maule reden; für einen König, Charles, sind Sie einfach zu windig. Zweitens ist es nicht notwendig, mich darauf hinzuweisen, was Sie mit mir anstellen würden, das weiß ich schon selber, denn schließlich waren ja Sie es, der meinem Vater auf der Brücke von Montereau den Schädel spalten ließ.

CHARLES: Das habe ich nie getan!

HERZOG VON BURGUND: Drittens spiele ich selber ganz leidlich den Dudelsack, und Sie können mir nur leidtun, dass Sie für diese wunderbare Musik nichts übrighaben.

CHARLES: Sie sind ein verlauster Affe, Herzog, und ich werde Ihnen den Kopf abschlagen. Damit ist das Gespräch beendet, man dreht mir ohnehin ständig das Wort im Munde um, ich weiß gar nicht, warum ich hier sitze.

Charles steht auf, geht weg. Der Herzog von Burgund schaut verdutzt.

2. BILD

Zeit: Heute und 1429
Des Nachts bei einem Rummelplatz
Jeanne wird von Fremden überfallen

Lichter des Rummelplatzes im Hintergrund, dazu passende Geräuschkulisse und – je nach Windrichtung lauter oder leiser werdend – ein Durcheinander von Musik (darunter auch eine Art von Dudelsack-Rock). Jeanne (noch lange Haare, gekleidet wie ein Dorfmädchen von 1429) geht nach Hause. Zwei junge Fremde (südländische Machos, heutig gekleidet) kommen ihr entgegen, machen Spaß, boxen sich spielerisch, finden eine Coladose am Boden, spielen mit ihr Fußball, kommen an Jeanne vorbei, grinsen sie an. Der 1. junge Fremde ist Gilles de Rais (ein sehr schöner, junger Mann).

1. JUNGER FREMDER: Bon soir, französische Hure!

Die beiden laufen die Coladose kickend weiter, der 1. junge Fremde schießt nun aber die Dose Richtung Jeanne zurück und an ihr vorbei, der 2. junge Fremde läuft der Dose nach, schießt sie wieder zum 1. jungen Fremden. Nun aber bleiben sie bei Jeanne, kicken die Dose um sie herum, Jeanne findet das aufdringlich, nimmt eine andere Richtung, die beiden lassen nun die Dose liegen, beginnen ein Spiel mit Jeanne zu treiben, bedrängen sie, wollen ihr an die Brust und ans Geschlecht greifen.

2. JUNGER FREMDER: Die kleine Französin ziert sich. Hat die Nase weit oben. (Zieht sie an der Nase.) Ganz weit oben. Rotznase.

1. JUNGER FREMDER: Wir sind dir zu schmutzig, was? Stinkende Ausländer. Dabei liebst du den Schmutz, nicht wahr? Du liebst ihn doch, oder? Einmal schmutzig sein, nur ein einziges Mal schmutzig sein. Nicht wahr?

2. JUNGER FREMDER: Sag, stimmt es, dass die Französinnen nicht schwitzen? (Greift ihr unter die Achselhöhle, riecht an seiner Hand.) Tatsächlich. Geruchlos. Absolut geruchlos. (Greift sich unter die Achselhöhle, fährt Jeanne mit derselben Hand flach übers Gesicht, über den Mund.) Das schmeckt dir, oder, schmeckt dir das?

Die beiden werden immer zudringlicher, Jeanne stößt sie weg, der 2. junge Fremde gibt ihr eine Ohrfeige, Jeanne schlägt und tritt plötzlich wie wild um sich, will fliehen, wird von den beiden niedergeschlagen. Der 1. junge Fremde wirft sich über Jeanne, tut ihr Gewalt an, der 2. junge Fremde hält sie fest.

JEANNE: (schreit verzweifelt) Brüder! Brüder!

3. BILD

Zeit: Heute und 1429
Vaterhaus in Domrémy
Jeanne schaut fern und empfängt eine Botschaft

Jeanne (gekleidet wie vorhin) sitzt – immer wieder in die Pedale tretend – auf einem Hometrainer, isst dabei ein fettfreies Joghurt und schaut fern (am großen Bildschirm). Es läuft eine Kochsendung, es kocht und erklärt ein Prominenter, der Heilige Michael. Aber es ist Gilles de Rais (in Kleidung von heute).

HEILIGER MICHAEL IM