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Peter Natter

Die Tote im Cellokasten

Inspektor Ibeles schwärzester Fall

Wie schon aus den Namen ersichtlich wird, sind alle Personen dieses Buches fiktiv. Darüber hinaus sind Ähnlichkeiten mit wirklichen Personen oder Ereignissen, selbst dann, wenn sie, wie hier, nicht beab­sichtigt sind, in der Regel unvermeidbar. Das liegt in der Natur der Sache.

Es scheint, dass die Ereignisse weiter ausgedehnt sind als der Augenblick, in dem sie stattfinden, und diesem nicht gänzlich angehören.

Marcel Proust

In Wirklichkeit waren es ganz erstaunliche Geschöpfe.

Eugen Ruge

An solchen Tagen zitiert man bei sich alle zehn Minuten die Benn-Formel: jenseits von Sieg und Niederlage.

Peter Sloterdijk

Die Blöße, die sich der Idiot gibt, erschreckt wie jede Epiphanie durch Unverständlichkeit.

Botho Strauß

Für Sabine

Prolog im Amt

Unmöglich kann es sich um einen Scherz handeln, nicht einmal eine Posse kommt in Frage. Wenn, dann ist es eine Farce. Aber keine, wie sie Chefinspektor Ibele und Hobbyköche seinesgleichen aus der Küche kennen: nichts Feines, Schmackhaftes oder meinetwegen Deftiges, Raffiniertes. Nichts, was knusprige Pasteten oder einen zarten Braten füllen würde. Gerade einmal die Seiten des Vorarlbergboten und die kargen Sendeminuten des Lokalfernsehens sind damit notdürftig zu bestücken, auf dem schmalen Grat zwischen Quotengier und Gewinnmaximierung, den man dort tagein, tagaus im Namen des sogenannten Kulturauftrags ungeniert beschreitet. Eigentlich kann es nur ein schlechter Witz sein. Denn, Hand aufs Herz, mit vielem, mit allem hätte und hat Isidor Ibele eher gerechnet als damit: Über Jahre hinweg verschleppte innerparteiliche Beziehungsgeschichten (von deren sittlichen und moralischen Folgen wir lieber schweigen), grenzwertige Grundstücksgeschäfte am Rhein, die völlig unpolitisch agierenden Überwinder lokaler Ferienhaus- und Zweitwohnsitz-Baugesetze oder die kleinkriminellen Betrügereien im Bereich der kriselnden Landessportförderung – all das hätte das etwas angeschlagene, aber im Großen und Ganzen stabile Weltbild des Inspektors nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. So aber, wie es ihm der Chef, der seiner bevorstehenden Pensionierung harrende General, und die Sekretärin, das ist Antoinette Hagen in all ihrer Pracht und Herrlichkeit, und vor allem die Schlag auf Schlag aus dem Bregenzerwald eintreffenden Berichte nun unausweichlich präsentieren – nein: So hat sich Ibele das nicht vorgestellt. Das Wochenende nicht und gar nichts. Daran ändert vorläufig auch der Duft nach Provence und Mittelmeer wenig, der mit Antoinette Hagen aus dem Vorzimmer hereinweht, und auch nicht das dazu passende spätsommerlich farbenfrohe Outfit der jungen Dame, das überhaupt ein eigenes Kapitel ist und hier jetzt leider gar nichts verloren hat. Oder doch; obwohl fast im gleichen Atemzug eine Tote zu beklagen ist. Antoinette Hagen aus Lustenau mit ihren unverbrauchten zwanzig Lenzen, die der General – um damit wem auch immer einen Gefallen zu tun – vor zwei Jahren in ihrer ungebremsten postpubertären Girly-Blüte im Vor­zimmer des Chefinspektors installiert hat. Mit Schrecken erinnert sich Ibele noch manchmal an minimale Röckchen und knappe Hemdchen, an stelzenhafte Absätze und coole Lover; nicht zu vergessen Antoinettes mit der Stabilität einer Seifenblase ausgestattetes Selbstbewusstsein und ihre alle Bildungsbemühungen ad absurdum führende Rechtschreibung. Seither ist viel Wasser in den Bodensee geflossen. Mit Hilfe eines ebenso reichen wie kulturbeflissenen Onkels – eines wohlhabenden Textilfabrikanten – hat Antoinette ihren Kopf gerettet, den Kopf, die Seele und erfreulicher­weise auch den prächtigen Leib, um den es einem vielleicht am vordergründigsten, sicher auch am offensichtlichsten hätte leidtun können. Sie hat sich zu einer starken jungen Frau entwickelt, der niemand etwas vormachen muss – und kann.

Eine Tote ist zu beklagen. Wenn es nur ums Beklagen ginge! Doch zuerst will sie identifiziert werden. Auch wenn ihr selbst alles Wollen definitiv abhanden gekommen ist.