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Brita Steinwendtner

An diesem einen

Punkt der Welt

Roman

„I fought with my twin

The enemy within“

Bob Dylan

„Wir kämpfen und geben nicht auf und träumen und

spielen und verlieren und gewinnen und werden, erneut,

auf ein weiteres und immer wieder, frei“

Ilija Trojanow

„No story is ever told just once“

Michael Ondaatje

Für B. Z.

1

… auf den Wiesen des Grillparz.

Unter der Wetterlärche.

Er sagte es leise.

Hatte zu spielen aufgehört.

Nur die Nahestehenden verstanden die Worte.

Elisa sah ihn an.

Parmenides horchte auf.

Spiel weiter, rief einer.

Der Lamandergrund lag im Dunkel.

Hell das Haus, im Hof ein paar verglühende Fackeln.

Erster Pendlerverkehr auf der Straße hinter den Mostbirnbäumen.

Es war Freitag.

Ein Freitag wie viele.

Highlife im alten Bauernhaus an der Biegung des Baches.

Freitags-Beisel, sagten sie dazu. Alle waren da, die immer da waren, und ein paar neue dazu. Das Haus zog Menschen an, junge und ältere, von überall her im Bezirk. Fahrräder lagen im Gras, Mopeds standen an den Bäumen, Ribisel reiften. Drinnen lachen, reden, debattieren. Galopp in Adern und Kopf. Teil sein, sich fallen lassen. Rauchen, tändeln, lieben. Silberarmband, Ohrmuschel und einer, der fragt. Händedunkel und Lichterfäden, Gitarre, Drums und Allesvergessen. Hunger nach Anerkennung und Widerstand.

Es war so eine Freiraumidee, sagte Matthias später, als es das Beisel nicht mehr gab, man war begeistert von dieser Wildnis, man war so entspannt, erlöst und beseelt bei Tom, er war ein Ermöglicher und Verbinder, ganz urteils­offen. Hatte so eine Gestaltungsmacht, wie ich sie von niemandem sonst kenne.

Eine Nacht als Boot.

Nach drüben.

Beyond.

War ein Mythos, diese Freitagnacht, hier auf dem Land.

Tom schaute in den Sommerregen vor den offenen Fenstern und sagte:

Verstreut meine Asche auf den Wiesen des Grillparz.

Unter der Wetterlärche.

Elisas Augen.

Es war jener Blick, mit dem sie ihn wehrlos machte, der alles in sich barg, die Liebe und die Angst, die Zärtlichkeit und die Zurückweisung, die Bewunderung und, vielleicht auch das, die sekundenschnelle Verachtung, die ihn aus sich hinauswarf und durch die Nacht trieb.

Spiel weiter, rief einer wieder.

Hey, ja, sing endlich weiter.

Tom sah zu ihnen und lachte.

Nahm die Gitarre, schaute in die nassglänzenden Blätter des Nussbaums.

Die Schaukel schwang leicht im Wind.

How does it feel

How does it feel

To be on your own

With no direction home

Like a complete unknown

Like a rolling stone?

Es war in dieser Freitagnacht, dass der Spieler zum ersten Mal den Bach unter dem Haus spürte, unter den Kellergewölben, mit leisem Drängen, stockend, höhlend und unnachgiebig.

2

Das Gehöft lag in der Beuge des Lamanderbaches. Er umschloss es von Ost nach West, beschützte und bedrohte es zugleich. Die erste Silbe seines Namens war im Dialekt der Region verloren gegangen und nur mehr wenig deutete auf das schwarze Tier mit den leuchtend orangefarbenen Flecken hin, von dem es in Toms Kindheit hieß, dass man es nicht berühren dürfe, da seine Haut ein ätzendes Sekret absondern würde. Als er hierher gezogen war – er war Mitte zwanzig vorbei –, fand er in den Chroniken des Ortes die ursprüngliche Bezeichnung: Salamanderbach. Ein etwas umständliches Wort, so dass es zu immer neuen Varianten einlud, Lamander-, Mander-, Anderbach. Tom gefiel die Mehrdeutigkeit. Er selbst blieb bei der kartographischen Bezeichnung Lamanderbach, was ihm rätsel­haft und kostbar klang und im Gegensatz zur Normalität eines Gewässers stand. Auch das gefiel ihm.

Der Bach entsprang am Fuß des Grillparz und floss durch einen Graben, der sich tief in die umliegenden Bauernwiesen eingegraben hatte, durch weichen Flysch, durch die Jahrhunderte. Seine Ufer waren gesäumt mit Blattwerk, Farnen, Brombeergestrüpp und Mischwald, sie waren finster und nach kurzem bereits weglos. Abenteuerspielplatz für Kinder. Jäger gingen auf die Pirsch, Tom mied sie, wenn er mit Elisa hier unterwegs war. Der dunkle Platz um den Ursprung des Baches war ein Versprechen. Denn unerwartet schnell ging der Graben oberhalb des Geländes ins Freie über, in helle Wiesen und Weiden, Obstbäume standen an den Wegen, Zäune, und auf den Kuppen der Hügel thronten die Höfe, die aus der Ferne, von der Autobahn her, wie kleine Schlösser wirkten.

Das Dorf lag im Voralpenland zwischen Ebene und Gebirge, fruchtbares Bauernland zwischen Flüssen, die alle nordwärts entwässerten und an deren Ufern traditionsreiche Handwerksbetriebe angesiedelt waren. Ringsum andere Dörfer und Kolness, die Bezirkshauptstadt, viele Pendler in alle Richtungen, in die Groß- und Kleinindustrien des Landes. Ein Kloster überragte das Dorf seit vier Jahrhunderten. Wie ein weißes Schiff lag es an den auslaufenden Hängen des Grillparz, weithin sichtbar.

Dort, wo sich der Lamandergraben öffnete, ins Besiedelte des Dorfrandes überging und der Bach den Bogen bildete, stand das alte Bauernhaus, in dem Tom lebte. Jenseits des Baches stieg ein steiler Hang auf, der Fichtenwald auf seiner Kuppe war ungepflegt. Manchmal stürzte ein Baum über den Abhang, verfing sich im Ufergebüsch und blieb liegen, bis er vermoderte.

An der Nordwestseite des Anwesens führte die Straße oberhalb der Scheune vorüber, hinter den verwilderten Mostbirnbäumen und fast auf der Höhe von deren Kronen. So lag das Ensemble in einer Senke, abgetrennt von den neuen Reihenhäusern auf der gegenüberliegenden Straßenseite, mit den akkuraten Zugängen und den Wäschespinnen in den Vorgärten.

‚1799‘ stand über dem Eingang des Haupthauses. Noch waren barocke Stuck-Verzierungen in manchen Räumen zu sehen. Auf einem bemalten Himmelbett im ersten Stock gab Jesus seinen Segen, Maria lächelte von einer Zimmerdecke. Es soll früher viele Hinterglasbilder gegeben haben, sie sind angeblich geplündert worden.

Dem Gehöft war ursprünglich die Mahlgerechtigkeit für eine Mühle zugeteilt, es war unterschiedlichen Adelsgeschlechtern verpflichtet und wandelte sich durch wechselnde Besitzer in den ersten Dezennien des 20. Jahrhunderts zu einem Ort feiner Geselligkeit mit elegantem Ambiente und Dienstboten. Auf der Holzveranda im ersten Stock, die wie ein schmucker Fremdkörper an diesem einst dem Handwerk und Bauernleben gewidmeten Haus wirkte, soll nachmittags Tee serviert worden sein. Nach dem Zweiten Weltkrieg dienten die Gebäude als Zufluchtsstätte für zurückflutende Frontsoldaten und Flüchtlinge. In fast jedem der Wirtschaftsräume, so wird überliefert, hat jemand Unterschlupf gefunden. Toms Großeltern waren verständnisvoll und hatten ihr Haus den Erfordernissen einer chaotischen Zeit geöffnet. Amerikaner mit Militärwagen und Tanks sollen vorübergehend um das Haus gestanden sein. Man erzählte sich manche Geschichte.

Der ganze Besitz stand unter dem Namen von Toms Mutter, Sieglinde N., im Grundbuch, die hier aufgewachsen war und nach dem Scheitern ihrer Ehe am Donauufer bei Korneuburg lebte. Vergeblich hatte der Sohn versucht, sie zu einer Übergabe der Lamander-Liegenschaft zu bewegen. Er hätte gerne einen Teil des Grundes verkauft, um Geld für Reparaturen zu bekommen. Das Dach war löchrig, an manchen Stellen gab es bereits dunkel geränderte Flecken an den Zimmerdecken. Als er selbst eine Zeit lang am Bau beschäftigt gewesen war, hatte Tom billig Restziegel kaufen können. Mit Moos überzogen, stapelten sie sich ungebraucht an der hinteren Hauswand. Der Verputz fiel in großen Brocken von den Außenmauern, die Wasserleitungen waren rostig, die Elektroinstallationen lagen offen, was schon lange verboten war.

Die Mutter liebte, so sagte sie, Thomas mehr als seine Schwester Karin. Aber sie konnte sich von nichts trennen. Sie musste alles horten, Haus, Dinge, Tand, Strohblumen, Erinnerungen, das Leben selbst. Sie war eine manische Sammlerin.

Es ist eine Krankheit, sagte Parmenides, Toms väterlicher Freund, der mit seiner Familie im Oberdorf an den Hängen des Grillparz wohnte. Er kannte Sieglinde seit Jahrzehnten. Sie leidet unter Kaufwahn, sagte er, vielleicht kommt das aus dem Trauma ihrer Kindheit.

In Sieglindes Wohnung türmten sich hunderte Schachteln, bunt und wuchernd, vom Boden bis zur Decke Pakete aus Versandhäusern, die meist ungeöffnet waren. Nur auf dem Fensterbrett in der Küche blieb ein freier Raum. Hier stand eine verbeulte Blechdose mit Deckel und Klappverschluss, wie Kinder sie früher zum Beerenpflücken benützten. Sonst Karton auf Karton alles Unnütze aller Lockangebote. Ein Wahnsinn, sagte Tom und sagte die Schwester und sagte der Exmann, aber nur Tom besuchte von Zeit zu Zeit die Mutter, entsorgte so viel er konnte heimlich in Keller und Müll, bahnte ihr einen Weg zum Fernsehsessel, suchte die Fernbedienung, strich ihr über das Haar und fuhr wieder heim.

Hoffte, dass Elisa da sein würde.

Grünblau der Himmel über der Autobahn. Wie ein Teich. Grünblau, grüngrau, grün. Wie der Lamanderteich, der ein Stück bachabwärts von der Gemeinde angelegt worden war. Tom kannte einen heimlichen Weg entlang eines alten Fluders zum Nordufer, das überwuchert und uneingesehen von den Er­holungsstätten der Dörfler war. Er beobachtete die Wild­gänse. Tat es gerne, wenn er ruhelos war. Die Gänse flogen ein und flogen weg. Er schaute ihnen einfach zu. Im Winter standen sie auf dem durchsichtigen Eis, als ob sie schwebten, still und wartend. Bei Nebel hörte er nur ihre Schreie. In der Zeit der Paarung kämpften sie, jagten sich, zogen rastlos ihre Kreise über den Himmel, bildeten Paare und wollten Zukunft. Nur ein Paar blieb all die Jahre ohne Nachwuchs: Es war ein Mischlingspaar, eine Gans hellbraun gefiedert, die andere weiß. Herbst war die Zeit vor dem großen Zug. Wenn Tom nachts die Sprache der Vögel hörte in Vorbereitung des Abschieds, war er seltsam getröstet: Er wusste, dass sie wiederkommen. Am Morgen sah er sie aufsteigen in spitzen Formationen, das Ziel schon in der Bewegung des Fluges – so frei, einen Ort spielerisch verlassen zu können.

*

Fast zehn Jahre war es her, dass Tom in das Haus am Lamandergrund eingezogen war. Er hatte viele Kindheitserinnerungen an diesen Ort, glückliche Erinnerungen an Heuduft und Bachgemurmel, Sonnenglast und Bauernbrot, Mooshöhlen für die Wichtelmänner und an die Lieder der Lerchen.

Nach der Scheidung der Eltern waren sie nur mehr selten hier.

Karin und er wuchsen bei der Mutter in Korneuburg auf. Die weitläufigen Donauauen ersetzten den Bach und wurden ein anderes, verwunschenes Spielelabyrinth. Verlockender noch war die Seilfähre über den Strom nach Klosterneuburg. Der Pächter war ein kinderliebender Mann und ließ Tom auf das Deck kommen, sooft er wollte, nahm ihn an der Hand, zeigte ihm Wellen, Strömung, Seil und Kraftverhältnisse. Diese Überfuhr, die in der laut­losen Bewegung und im Fahrtwind etwas Fröhliches und Erwartungsvolles hatte, setzte das Kind drüben als ein anderes ab, als eines, das ein paar Minuten lang das Lachen neu lernte.

Der Vater war Zivilgeometer für Straßenbau und neue Wohnanlagen in Linz. Er war viel unterwegs, sportlich, erfolgsorientiert und in seiner erzieherischen Strenge das Gegenteil seiner Frau, die die Dinge sein ließ, wie sie kamen. Die Kinder waren abwechselnd einmal im Monat ein Wochenende beim Vater, der große Erwartungen in den Sohn setzte.

Tom war ein exzellenter Schüler. Es flog ihm alles zu, er war wissbegierig und formbar und der Liebling der Lehrer. Schon bevor sich das Zerbrechen der Familie abzeichnete, verbrachte er viele Ferien bei den Großeltern väterlicherseits am Weißensee in Kärnten. Tom liebte sie, vor allem den Großvater, der ein angesehener Geologe war, ihm im Sommer die aufschlüsselbare Welt der Gesteine und im Winter die zahlreichen Arten von Schnee erklärte und ihm viele Geschichten erzählte. Weniger die Sagen aus den Kärntner Grenzbergen, sondern abenteuerliche Begebenheiten aus fernen Ländern jenseits des Ozeans, die er untersucht hatte: erzählte vom Petrified Forest in Arizona, wo zu Stein gewordene Bäume wie umgestürzte Säulen griechischer Tempel im rötlichen Wüstensand liegen; von weizengelben Ebenen in den beiden Dakotas, unter denen reiche Ölvorkommen lagern; von den Geschieben eines Stroms, der einen nördlichen und einen südlichen Arm hat und denselben Namen trägt wie die kanadische Provinz, durch die er fließt: Saskatchewan. Als Kind konnte Tom diesen Namen schwer aussprechen und übte ihn heimlich im Bett seiner Dachkammer, um den Großeltern am Morgen eine Freude zu bereiten: Säs-kä-tsche-wan, Säs-kä-tsche-wan. Immer, wenn er zu Besuch kam, lag für Tom ein neues Taschenbuch auf dem Nachtkästchen: „Fliegender Stern“, „Cowboy Jim“ oder „Die letzten Tage von Dark Eagle“, Bücher von mutigen Indianer- und Cowboyjungen, die nach Gerechtigkeit suchten. Mit Spannung las Tom diese Erzählungen, ritt mit schnellen Pferden über die Prärie, jagte Büffel, saß am Ufer der „Langsamen Wasser“.

Als Tom heranwuchs und ein humanistisches Gymnasium besuchte, wies ihn der Großvater in die Zeitgeschichte ein. Berichtete von Partisanen und Hitlers Eliteschule, NAPOLA genannt, die in den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges auf der Flucht vor der anrückenden russischen Front hierher an den Weißensee verlegt worden war. Es sank in Toms Gedächtnis.

Die Gegenwart dieser Ferienwochen jedoch war der Sommer, der See, die Mädchen, die Italienreisen mit den Großeltern, die schnelle Sprache, die fraglosen Stunden.

L’ Isonzo scorrendo

mi levigava

come un suo sasso

Der strömende Isonzo

glättete mich

wie einen seiner Steine

Giuseppe Ungaretti, übersetzt von Ingeborg Bachmann, früh lernte Tom beide lesen. Matura mit Auszeichnung. Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie an verschiedenen Universitäten. Er schrieb Arbeiten über Georg Trakl, der sich das Leben nahm, und Ludwig Wittgenstein, den Sprachskeptiker, über Till Eulenspiegel, diesen Vorläufer des Dadaismus, über den Lord-Chandos-Brief Hofmannsthals, in dem alle Sicherheiten zerfallen, und über Peter Altenberg, den Wiener Kaffeehaussandler und Lebensphilosophen. Hielt Referate über Franz Grillparzers Tagebücher, den Hof Karls V. in Madrid und die über dreißig geplanten und missglückten Attentate auf Adolf Hitler. Tom war auf eine unauffällige Art brillant, anarchisch, unbotmäßig im Denken.

An den Lamandergraben dachte damals niemand.

Das Haus stand leer.

Das Gras blieb ungemäht.

Der Bach floss wie in allen Jahren.

3

Die Welt war offen damals. Eine Zentrifuge für Ideen, Pläne und exzentrische Versuche.

Einer davon war die Comunità della barca.

Die Mutter, musisch und achtlos, wie sie war, und allem zugeneigt, was dem Stil des Vaters widersprach, war es, die ihre beiden Kinder überredete, Teil dieser religiösen Vereinigung zu werden. Die Comunità hatte ihren Sitz in Triest und Rom. Karin ergriff schnell die Flucht, Tom war begeistert. War noch Gymnasiast, dann Student.

Die Gemeinschaft war 1947 in Triest entstanden, in Zeiten der Arbeitslosen, Vertriebenen und Toten. In dieser Grenzstadt, in der den Bürgern alle paar Monate ihre Identität, Sprache und Zugehörigkeit genommen wurden, wo es die Risiera gab, das einzige Vernichtungslager der Faschisten auf italienischem Boden, in dieser Stadt hatte der neunzehnjährige Fischersohn Loijze Simonetto eine Erleuchtung: In einer stürmischen Nacht auf dem Meer vor der istrischen Küste, als sein Schiff zu sinken drohte, sei ihm, so berichtete er, Jesus Christus erschienen. Er habe ihm aufgetragen, die Menschen durch die Liebe zu Gott und zueinander zu vereinen und Gutes zu tun nach himmlischem Vorbild.

Italien ist ein guter Boden für die Botschaften zwischen Gott und Mensch. Es hat darin Tradition seit zweitausend Jahren. Das Symbol der Gemeinschaft wurde die barca, ein Boot als Gefährt, das Flüsse und Meere zu überwinden und Menschen zu verbinden imstande ist. Offensichtlich eine historische Notwendigkeit ansprechend, wuchs die Comunità della barca überraschend schnell. In den späten 1970er Jahren, als Tom eintrat, war sie bereits zu einer weltumspannenden Bewegung geworden, die nach dem Vorbild der katholischen Mutterkirche neben der spirituellen Attraktivität große wirtschaftliche Macht aufgebaut hatte. Es waren vor allem junge Leute aus ganz Europa, die nichts hatten außer ihren Idealismus und sich freudig den Parolen von Liebe, Zusammenstehen und sozialem Dienst für Arme hingaben. Sie waren bereit, den Worten der Bibel und der Evangelien zu folgen, die für das Jenseits den Lohn versprechen, der in der schmerzerfüllten Welt durch selbstloses Leben zu erwerben sei. Hier fand Tom sein erstes, großes Ziel.

Das Zentrum der Comunità lag über dem Triestiner Hafen, in einer Villa aus der Habsburgermonarchie mit verwunschenem Park und hortensiengesäumten Terrassen, die ein Schweben über der Erdenschwere suggerierten. Zu Hause waren geschiedene Eltern, Streit und lichtlose Tage. Waren Pflicht, Langeweile und das Modewort der Selbstverwirklichung als Single. Waren die Nachwirkungen der 68er Revolten, die derben Stammtische der Vororte und in Kärnten kam ein neuer Provinzdiktator auf, fesch, korrupt und fremdenfeindlich, ein Blender und Demagoge, der dabei war, sein Land in den politischen, wirtschaftlichen und moralischen Bankrott zu führen. Hier war das Meer, waren die südlichen Sterne über der Bucht, die sorglosen Tage und die gitarredurchspielten Nächte. Hier waren Gütergemeinschaft, Dialog und sinnvolles Tun für eine bessere Gesellschaft. Tage der Waisen-, Asylanten- und Altenbetreuung, der Aufklärungsbemühungen in den Vierteln der Hafenarbeiter, um sie gegen das Kapital zu mobilisieren, der Überzeugungsarbeit bei den Bossen, den Gewinn gerecht zu teilen unter allen, die ihn erwirtschaften. Hier war das Fest des gemeinschaftlichen Jungseins, waren sinnliche Lebendigkeit, Aufbruchsstimmung und die Geborgenheit im Größeren. Andersgläubige waren toleriert und integriert. Offenheit, Fleiß, Armut, Selbstlosigkeit. Einssein, einander lieben.

Welch schöne Worte.

*

Welch schöne Worte, ja, sagte Matthias Jahre später, spielte mit den Bierdeckeln, warf sie in die Luft, warf Blicke in die Runde, auf Bauern, Arbeiter, Familien, rollte seinen Bleistift auf dem Tisch hin und her, machte Notizen. Matthias saß mit Parmenides beim Wirt im Winkl, an einer Nebenstraße des Grillparz. In der Gaststube war es laut und rauchig, die Kellnerin in hohen Gesundheitsschuhen, Bier und Most und Brezen und Duft von gebratenem Schwein. Hinter den Holzkreuzen der kleinen Fenster lag dichter Nebel, Italien war fern, aber Tom war ihnen nahe. Sie fragten sich, warum er so lange in der Comunità geblieben war.

Er hat nicht gerne darüber gesprochen, sagte Matthias.

Die Oberen werden wohl versucht haben, ihn zu halten, vermutete Parmenides.

Hat ja als große Hoffnung der Bewegung gegolten.

Versteh ich. Tom war immer schon intelligenter als die meisten.

Er muss ziemlich schnell aufgestiegen sein, erstaunlich. Ich weiß nicht, ob er dir erzählt hat, dass er zur Ausbildung nach Rom geschickt worden ist, dass er die Sozialprojekte in den Hafen- und Raffinerie-Vierteln von Monfalcone und Muggia koordiniert hat und auch die jährlichen internationalen Jugendtreffen irgendwo in der Welt. Er hat eigene Bands gegründet und ist er nicht auch einer der Redakteure der hauseigenen Zeitung geworden, die in viele Sprachen übersetzt wird?

Ja, ist er. War alles aber trotzdem das Muster, vor dem er ursprünglich geflohen ist: das Gehorchen- und Funktionieren-Müssen. Und sein Studium hat er links liegen lassen.

Für die Idee der Weltverbesserung hat er viel, sehr viel in Kauf genommen.

Heute sind wir erstaunlich oft derselben Meinung.

Ist selten, ja.

Klüger als Streiten.

Nicht immer, aber heute schon. Du musst dir das einmal vorstellen, Parmenides, was ich im Lauf der Zeit aus Tom über die Struktur der barca, die er selbst erst spät durchschaut hat, herausbekommen hab: Jedes Einkommen, das über die minimalen Eigenbedürfnisse hinausging, musste abgeliefert werden, was die Mitglieder in Abhängigkeit gebracht hat. Die Geschlechter waren getrennt, Priester mussten lebenslange Keuschheit schwören, verheiratete Laien sollten Sexualität auf das „Unvermeidliche“ reduzieren. Abende und Wochenenden mussten der Gemeinschaft gewidmet werden, Kinder sind organisiert erzogen worden, was ihn später an die Kommune des Aktionskünstlers Otto Mühl erinnert hat, in der sie früh den Müttern weggenommen wurden, um sie zu einer „freien“ Generation heranzubilden – die Realität für die Kinder und Minderjährigen hat anders ausgesehen, wie du weißt. Und als Student der Geschichte hat er über die NS-Bestrebungen geschrieben, den „neuen Menschen“ zu schaffen: in der „Lebensborn“ genannten Kopulationsanstalt. Darüber allerdings wollte Tom immer wieder diskutieren.

Warum kommen wir nie von diesem Thema los, Matthias?

Hat ihn ein Leben lang beschäftigt.

Uns auch.

Parmenides zog einen Geldschein aus der Brieftasche, zahlte, stand auf und sagte im Hinausgehen:

Vielleicht haben sich für ihn einfach die Projekte und die Gebete erschöpft.

Vielleicht hat er gesehen, wie schnell Ideale korrumpieren.

Oder wie unmerklich.

Vielleicht, ja.

Draußen hatte der Nebel die Landschaft verschluckt. Matthias schlug den Mantelkragen hoch und wünschte sich italienische Sonne. Parmenides zog tief die feucht­kalte Luft ein und ging zum Parkplatz unter den Kastanienbäumen. Braunstumpfe Früchte mischten sich mit nassen Blättern und Kies. Vielleicht, sagte er, war das Hypermotivationstheater der Überzeugten und Erwählten zu ermüdend, wie es Sloterdijk beschreibt, den Tom vor­übergehend gern gelesen hat. Dieses metaphysische Eiferertum.

Im Schritttempo fuhren sie zurück in das Dorf. Die Nebellichter reichten kaum zum nächsten Begrenzungspfosten. Rot und Weiß mischten sich im Ungefähren.

*

Vielleicht.

Vielleicht war es auch nur der einfachste Grund gewesen: Liebe.

Als auslösendes Ereignis für das Ende von Toms barca-­Zeit wurde von der Leitung der Comunità jedenfalls die Liaison mit Violetta angegeben.

Tom war nach Fažana geschickt worden, damals noch im zerfallenden kommunistischen Staat Jugoslawien. Fažana ist ein kleiner Fischerhafen an der Westküste Istriens, gegenüber der Insel Brioni, auf der Tito seine Luxusresidenz hatte. Der Ort liegt nahe jener Stelle, wo dem in Seenot geratenen Loijze Simonetto angeblich Jesus erschienen war. Tom sollte Möglichkeiten für eine halb legale missionarische Zweigstelle erkunden, die ausschließlich als Sozialprojekt getarnt war.

Violetta hatte gerade ihre zweijährige Schulung in der Comunità hinter sich. Sie war lebhaft, schwarze Locken fielen über ihre Augen, die kurzen, glockigen Röcke schwangen um die Schenkel, ihre Haut roch nach den Tavernen des Hafens von Syrakus, woher sie stammte. Sie liebte schweren sizilianischen Wein und die Deutung von Namen. Es war eine windige Nacht, das Meer lag schwarz unter ihnen, ein paar Lichttupfer von ankernden Schiffen waren in die Finsternis gestreut, als Violetta auf einer Terrasse des Parks zu Tom sagte:

Du hast manches von beiden, von der Skepsis des Apostels Thomas, der sich nach Glaubenkönnen gesehnt hat, dem aber seine Zweifel im Weg standen, und von der entfesselten Poesie des Dylan Thomas. Der war mehr als ein Bohemien, war wild, verloren, hat sich volltrunken dem Kriegsdienst und später allen Reglementierungen und Verpflichtungen verweigert, ist durch sein Leben getorkelt zwischen Ehefrau und hungernden Kindern in einem abgelegenen südwalisischen Bootshaus und den Künstlertypen von New York City –

Dylan Thomas …

Hatte sie recht?

Aber ich hoffe, sagte Tom und zog Violetta an sich, dass ich nicht so verantwortungslos bin wie er. Hab auch nicht vor, mich zu Tode zu saufen.

Violetta begleitete Tom nach Fažana an die istrische Küste. Von der Comunità aus war das nicht vorgesehen.

Wohnte das Paar in der kleinen Pension am Hafen?

Dunkelgrün die Läden, gelb das Haus?

… es liegt zwischen dem Hauptplatz, der sich zum Meer hin öffnet, und der steinernen Kirche, deren scheppernde Glocke sie morgens um sechs aus dem Schlaf reißt, im Dämmerlicht des anbrechenden Tages lieben sie sich wieder und wieder, bevor sie aufstehen und den Fischerbooten zusehen, die, beladen mit blauen Bottichen, langsam vom Meer hereintuckern, um ihren Fang auszuladen.

Lauer Wind am Frühstückstisch.

Ein kleiner Regen, schon wieder vorbei und hell.

4

Die Zeit in der Comunità hatte vielerlei Folgen.

Eine unerwartete führte in den Lamandergraben.

Alessandro, ein Freund aus der Triestiner Gruppe, wollte barca-Priester werden. Er bat um Bedenkzeit und suchte einen Ort, an dem er mit sich ins Reine kommen konnte. Tom bot ihm das damals unbewohnte Haus am Bach an. Alessandro fand solchen Gefallen an diesem Leben in der Abgeschiedenheit, dennoch nicht weit von Dorf, Greißlerei und Wirtshaus, auch Religiöses war gegenwärtig mit dem beherrschenden Stift und seiner Kirche, dass auch er die Comunità verließ und Tom, der damals für seine wiederbegonnenen Studien zwischen Wien, München und Salzburg unstet unterwegs war, so lebhaft vorschwärmte, dass dieser sich nach langem Zögern entschloss, selbst einzuziehen.

Es war das Jahr, in dem Deutschland seine Wiedervereinigung feierte.

Hier ist er geblieben, Thomas N., der Lamander-Tom.

Und hat das Haus neu erfunden.

Ohne Plan wurde es zum Spiegel seines Wesens, offen, neugierig und chaotisch, der poetischen Utopie mehr zugetan als der Realität, Konvention verachtend, großzügig und attraktiv für alle, die auf der Suche waren.

Tom hat damals, als er in das Dorf kam, keine Ahnung vom Leben gehabt, erinnern sich Freunde aus jenen Jahren. Keine Ahnung vom wirklichen Leben. Die barca, so deuten sie es, war eine geschützte Werkstätte für ihn, in der vieles reifen konnte. Sie war tatsächlich sein Boot, um an eine Küste zu kommen, deren Linie sich mit seiner inneren deckte: suchen, helfen, mit anderen für andere da sein, eine bessere Zukunft bauen. Dieses Wollen hat ihn nie mehr verlassen. Toms Leben hat große Konsequenz, sagen sie, es gibt wenig Zufälle darin. Er selbst hätte Zufall doppelt definiert: als Konstrukt, als Ausrede für ein­fache Gemüter, die das Leben als Rösslsprung sehen, ohne es in das gesamte eigene Spiel zwischen Bauer und Turm, Dame und König einzubetten. Oder das Gegenteil davon, Zufall als herrlich befreiendes Ereignis, das einen über das Gewohnte hinauskatapultiert, in Rot oder Schwarz.

Es gibt ein Heft. Es hat einen geschmeidigen Umschlag, er ist aus Plastik, greift sich jedoch an wie weiches Leder. Dieses Heft hat nicht die übliche DIN A4 Größe, sondern das amerikanische Letter-Format, eine geringfügige, aber hartnäckige Abweichung. Der Großvater hatte es ihm vor Jahren von einer Kanada-Reise mitgebracht.

In diesem Heft steht noch anderes. Hilfeschreie an sich selbst. Geißelung, Verzweiflung und Zerrissenheit. Zwischen Gott und Existenzialismus, Unendlichkeits­phantasien und radikalem Selbstentwurf, Ich zwischen Mühlsteinen, Rettung der nackten Haut. Selbstkritik, Suche nach Selbstbewusstsein. Sich-auf-den-Weg-machen, brutale Abnabelung, Wunsch, keinen Richter mehr über sich zu haben. Keinen Gottvater und keinen Vater, keinen Psychoterror von Mutterliebe. Ein Schlagwort zum eigenen Credo machen: Heimatlosigkeit als Heimat. Alles Erlebte aufessen, langsam kauen und kleinweis schlucken. Eigene Realität genießen, dennoch Innenraum ausweiten und ihn mit anderen bewohnen. X-Large-Identität.

Lamandergrund.

*

Für einige Jahre wurde das Bauernhaus zum Domizil wechselnder Bewohner, eine Handvoll, manchmal mehr. Jeder schuf sich seinen eigenen Bereich, brachte mit, wen und was er wollte, Freundin, Freund, Hund, Hühner, Bücher. Eine andere Art von Kommune als die Comunità, eine verspätete Hippiegemeinschaft, eine WG in der Mischung aus San Francisco, Berlin, Woodstock und Lamandergraben. Ein kreatives Vakuum, das jeder mit seinen Ideen, Verrücktheiten und Weltentwürfen füllte. Toms Studium stockte. Der Vater, der das Studium finanzierte, verlor die Geduld und stellte ein Ultimatum.

Aber es war viel zu tun.

Alle, die hier lebten, halfen mit. Am meisten die Frauen, Xaver, der bald absprang und nach Kanada auswanderte, und Matthias, der blieb. Oft kam Mikram, der große Praktiker vom Nachbardorf, vorbei und Dominik, der noch zur Schule ging und in Tom seinen großen Freund sah. Sie alle rückten den Wirrnissen des Hauses zu Leibe, reparierten, stopften Löcher in Dach und Wänden, tauten eingefrorene Toiletten auf, bauten ein Bad und eine vernünftige Küche ein, entrümpelten Zimmer, Kammern und Dachböden, knallten Ratten ab, hackten Holz, sanierten das Lusthaus, kultivierten den verwilderten Garten und schufen einen Ort, der anderen und wohl auch ihnen selbst als kleines Paradies erschien. Und in den „Kampfpausen“ haben wir uns Kartoffeln gebraten über der Glut aus dem Kachelofen der Bibliothek, sagte Matthias später, es war eine Zeit der roten Backen, wie Kinder sie bekommen, die alles aufregend finden. Es hätte alles immer so bleiben sollen. Eine Art feriale Situation, was für Menschen, die nicht erwachsen werden wollen. Regressiv archaisch, würde ich sagen …

Matthias und Tom waren ein auffallendes Paar.

Tom war groß, wirkte stark und ernsthaft, war schlecht rasiert, strahlte Freundlichkeit und Bedächtigkeit aus. Sehr liebenswürdig. Gesellig. Helle Augen, nackenlanges brünettes Haar, herzheiteres Lachen. Manche Dörfler sagten, er sei nicht nur gscheit, sondern auch sehr fesch. Wirkte lässig. Sprach mit einer Zurückhaltung, die etwas Weiches, Verstehendes barg, das anziehend wirkte. Sah ein wenig schlampig aus in seinen alten, weiten Pullovern. Flickt sie angeblich selbst. Das Dorf rätselte. Niemand wusste, was er wirklich tat, hat irgendwie ein Geheimnis, sagten die Leute.

Matthias war klein, zart, hatte dunkelblondes Kraushaar, das er zu einem Pferdeschwanz trug, war schwarz und edel gekleidet, wirkte nervös. Manche hielten ihn für verschlossen, andere für arrogant und spöttisch. Fremd und attraktiv. Wenn die beiden in das Lagerhaus kamen, um Material für Reparaturen zu kaufen, schauten ihnen die Leute nach. Munkelten. Die zwei Männer. In dem Haus. Wär ja kein Wunder. Der eine ein Nichtstuer, der andere ein Schreiberling. Wer weiß, was der schreibt. Für eine Zeitung irgendwo in Deutschland. Vielleicht für den Playboy? Manche suchten nach Matthias’ Namen in den Heften, die sie in der Garage oder einem Hinterzimmer versteckt hatten.

Die Fama.

Die Dörfler dienten ihr gern.

Wenn Toms Mutter Sieglinde zu Besuch kam, was selten war, wurde aufgeräumt. Alle, die gerade im Haus wohnten, saßen wie Schüler eingeschüchtert um den Tisch und mimten Artigkeit. Auch sie drängte auf Toms Studien­abschluss und erpresste ihn mit Gekränktsein. Nach ihrer Abreise ging alles weiter wie zuvor.

Noch kam vom Vater der monatliche Scheck.

Da das Geld nicht reichte, suchte Tom Gelegenheitsarbeiten. Er hatte keine Präferenzen, er war nicht wählerisch, aber flexibel und entschied nach Angebot und Entlohnung:

Nachtwächter

Sozialhelfer

Marktforscher

Bauarbeiter

Bodenleger

Beleuchter

Tonassistent

Fortbildungslehrer

Nachhilfelehrer

Buchverkäufer

Bandleader

Sänger und Gitarrist bei Jazzkonzerten auf Burgen und in Gaststätten

Flüchtig alles, was er tat.

Immer etwas, womit er nicht fertig wurde.

Immer etwas, das ihn woandershin zog.

Aber das Haus.

Es wurde seine Höhle.

Sein Karneval.

Sein Kälberstrick.

Frei und gefesselt.

Der Ort, an dem entstand und unterging.

Hier, an diesem einen Punkt der Welt, im Lamandergrund, geschah es. In der Beuge des Baches, im Schatten des steilen Hangs, unter den Wäldern und Wiesen des Grillparz. Erreichbar den Glocken des Klosters. Bereit für den Rausch des Lebens. Genug für die Stille.

Und Tom füllte das Haus mit dem, was ihm einzig unveränderlich war und was blieb als Spur seines Seins: Literatur. Die, die er selbst schrieb, verbrannte er. Gedichte, Essays, Romananfänge. Er hielt sie für schlecht. Langsam wucherten die entrümpelten Räume wieder zu. Mit Büchern. Hunderten, im Lauf der Jahre mit Tausenden von Büchern, in vielen Sprachen. Tom war sprachbegabt, konnte neben Altgriechisch und Latein Italienisch, Französisch, Spanisch, Englisch und etwas Russisch, er wollte Arsenij Tarkowskij im Original lesen. Bücher in allen Stilrichtungen, Berühmtes, Verschollenes, Unbekanntes, viele Erstausgaben, viele Kostbarkeiten. Jeden Samstag fuhr er auf einen Flohmarkt oder zu Antiquariaten. Jeder Neben­job war ihm recht, um ein paar Schillinge, später Euro für neue Bücher zu verdienen.

Tom las und es schneite.

Er las und es schrien die Sperlinge.

Er las und es rief der Kauz.

Er las und die Leidenschaften wurden Träume und die Nächte waren die Bücher. Es kamen die Monate, es gingen die Jahre, es blieben die Bücher.

*

Und er liebte Amelie, damals, im letzten Jahrzehnt eines zu Ende gehenden Jahrtausends.

Er war um die dreißig, sie noch nicht einmal sechzehn.

Ihr Vater, der Friseur vom Nachbardorf, drohte, ihm die Gurgel durchzuschneiden.

Das Dorf tratschte. Es freute sich über den Sexskandal, denn so nannten sie es, ja, das war es, ein Skandal, verantwortungslos, sie ist doch noch so jung, wie kann er nur, hat nichts und wird nichts, aber die jungen Mädchen verführen, das kann er, gut, dass’ net mei Dirndl is, die is a anständigs Dirndl …

Tom kümmerte sich nicht um das Gerede.

Er sang und spielte für das Mädchen.

Denn in dieser Zeit hatte er Bob Dylan entdeckt.

Es war spät für diese Entdeckung.

Tom war 1963, in jenem Jahr geboren, als Dylan bereits seine ersten Welterfolge feierte, mit Liedern wie A Hard Rain’s A-Gonna Fall, Blowin’ in the Wind und Don’t Think Twice, It’s All Right. Schon seit langem also war der Mann aus Duluth am Lake Superior ein weltweites Idol, und obwohl gerade die 1980er Jahre der Tiefpunkt von Dylans charismatischer Ausstrahlung und er fast ein Jahrzehnt von der Bildfläche verschwunden war, war er alles, was der Mann aus dem Lamandergraben jetzt dachte, wollte und achtete.

Alles, was ihm fehlte.

Alles, was er fürchtete und was ihn hypnotisch anzog.

Der Dylan ist jetzt seine Bibel, amüsierten sich die Freunde im Haus.

Möglich, dass die vorübergehende radikal-religiöse Phase des amerikanischen Popstars Toms Übergang von der Comunità in etwas grundlegend Neues erleichterte. Möglich, aber nicht ausschlaggebend. Denn was ihn vor allem an Dylan anzog, war die Anarchie in dessen Leben und Liedern, das Ausgesetztsein, die geniale Kunst, in einer einzigen Strophe, einem einzigen Lied, ein ganzes Schicksal zu erzählen, alle Schönheit, alles Elend des Menschen. Tanz auf einem Seil durchs Universum. Erbarmen und Wut, Mitleid und Zorn. Der Einzelne ein rollender Stein zwischen gestern, heute und dem, was kommt, hier und jenseits. The songs are my lexicon and my prayer book. Gewissen der Zeit, nein, das wollte er nicht sein, sagte Dylan, und Tom übernahm es willig, denn Gewissen ist ein wankelmütiger Begriff, Wahrheit ebenso, diese großen Worte hatten ihre Eindeutigkeit verloren. Aber es gab die Songs, die dem nahekamen, die von Schuld, Unrecht und wildem Widerstand zeugten, von miesen Machenschaften, von Krieg und Kriegstreibern, von Niedertracht und Betrug, aber auch von der Würde und der glory des kleinen Menschen, selbst dann, wenn er in der Gosse lebte. Dylan war on the road, unterwegs durch das Leben, durch dieses wahnsinnige, grausame und hinreißende Leben. Machte eine Kehrtwendung nach der anderen, erfand sich neu, ging Irrwege, verlor und gewann, war brüskierend und grandios. Tom, der die Musikalität der Mutter geerbt hatte und viele Instrumente, vor allem sehr gut Gitarre spielte, arbeitete sich in die Strukturen von Blues, Folk, Rock und Pop ein, lernte die Texte, es war keine Mühe, es war ein anderes, bisher unbekanntes Ich, das er fand.

Am Rand der Stadt, verborgen vor dem Zorn des Vaters und dem Neid oder dem Spott der Mitschülerinnen, holte Tom Amelie von der Schule ab.

Wenn sie alleine waren im Haus, lehrte sie ihn die Unbefangenheit. Das Ungebändigte einer neuen Generation, wie er es bisher nicht gekannt hatte, die Neugier junger Mädchen, die mit dreizehn „Lolita“ gelesen haben, sich mit vierzehn wie ihre Vorbilder aus dem Fernsehen als sexuell freies Hippiegirl fühlen und mit sechzehn überzeugt sind, erotisch versierter zu sein als ihre Mütter und zu wissen glauben, wie das Leben so läuft.

Dennoch war Tom für sie das große Abenteuer, der Lehrmeister der Differenzen.

Wenn die Freunde fort und sie nur für sich waren, wenn alles in ihm erwachte, sang er Dylans Liebeslieder für sie. Sie lehnte sich an seinen Rücken, küsste seinen Nacken, fuhr mit der Hand langsam die Wirbeln hinunter, jeden einzelnen, er spürte ihre Hüften, ihren Hügel.

To hold each other tight

The whole night through

Ev’rything is always right

When I’m alone with you

Es hielt nicht lange.