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Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs

Jürg Amann

Die Kunst des wirkungsvollen Abgangs

Erzählungen


HAYMON

© 2013
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

I

Der Fallensteller

Sie interessieren sich ernsthaft für mich? – Das erstaunt mich ebensosehr, als es mich freut. Das macht mich sogar ganz aufgeregt. Das erschreckt mich. Fast fürchte ich mich ein wenig vor Ihnen. Mein Herz, Sie werden das spüren, schlägt heftig und wild. Es ist heutzutage selten, daß Fallensteller auf Interesse stoßen, weder beim weiblichen noch beim männlichen Geschlecht. Beim weiblichen noch eher. Die Männer können sich meistens gar nicht mehr vorstellen, ja haben oft nicht die geringste Ahnung, welcher Berufung wir Fallensteller folgen, auch nur schon, wie man sich so zurückziehen und, allen fremden Blicken verschlossen, im stillen und geheimen wirken kann. Vor allem auch, weil für sie wie für alle Außenstehenden von der Wirkung kaum etwas zu sehen ist. Das weibliche Geschlecht, sagte ich schon, zeigt zwar mehr Interesse, doch geht ihm das Verständnis noch vollständiger ab. Auch ist mir in der Zeit meiner eigenen Berufsausübung kein einziger Fall eines weiblichen Vertreters unseres Berufes zu Ohren gekommen. Glücklicherweise, möchte ich sagen, denn ich wüßte nicht, ob meine Existenz weiterhin gesichert wäre, wenn eine Frau befähigt wäre, in mein Handwerk zu pfuschen. Auch wäre zu befürchten, daß sie, nach Art ihres Geschlechts, unser Berufsgeheimnis, sobald sie es einmal verstanden hätte, ausplauderte, und auch von da her also ein erfolgreiches Weiterpraktizieren in Frage gestellt wäre, was bei unserer kränklichen, Unsicherheit sehr schlecht vertragenden Wesensart leicht das Aussterben des Berufs zur Folge haben könnte. Doch sind das unnötige Befürchtungen, und es ist kaum vorstellbar, daß, trotz des manchmal beunruhigenden Interesses, das auch Sie mir wieder entgegenbringen, unsere Methoden, so einfach und zwingend sie uns selber vorkommen, je von Uneingeweihten ganz verstanden werden. Selbst wenn sie aber eines Tages durchschaut werden sollten, ist ihre Natur derart, daß das Durchschautwerden selbst zu ihnen gehört, solange nämlich die Basis, auf der sie sich entwickelt haben, verborgen bleibt. Und gerade diesbezüglich besteht nun gar keine Gefahr, insofern diese Basis nämlich, einmal erkannt, von solcher Evidenz ist, daß keiner, der sie jemals entdecken sollte, sie sich nicht auf der Stelle zu eigen machen und selber unseren Beruf ergreifen müßte. Auch das geschieht aber leider allzu selten oder überhaupt nicht, wenn ich von den falschen und eingebildeten Fallenstellern einmal absehen will, diesen Scharlatanen und Kurpfuschern, von denen gleich noch die Rede sein soll, die in der Öffentlichkeit natürlich – das allein schon könnte sie überführen – besser bekanntgeworden sind.

Es ist in der Tat ein zu hohes Maß an Einsicht, Ehrlichkeit und Konsequenz vonnöten, um den Beruf des Fallenstellers einerseits zu ergreifen und ihm andrerseits heute noch Verständnis entgegenzubringen. Ich sage, heute noch, weil früher, als die Welt noch voller Gefahren war, es zweifellos jedermann, der nicht das Glück hatte, sich selbst zu den Gefahren zählen zu dürfen, einleuchtete, daß man sich mit Fallen umgab, um sich notfalls in sie fallen lassen zu können und sich so der Welt und ihren Gefahren zu entziehen, indem man sich unsichtbar oder zumindest, als Gefallener, uninteressant machte.

Aber heute, wo uns alle gut sind und Gesetze uns vor denen, die uns nicht gut sind, schützen, sagen sich die meisten, wozu da – bei allem sonstigen Verständnis – wozu in dieser neuen Situation noch Fallen? – Unser Beruf ist in Mißkredit geraten. Die Leute schütteln den Kopf über uns und lächeln voll Mitleid, wenn’s hoch kommt. Natürlich stehen wir immer und überall im Mittelpunkt, wenn man uns zufällig aufspürt. Man zeigt mit Fingern auf uns, betrachtet uns durch das Vergrößerungsglas, wie alles, was am Aussterben ist.

Tatsächlich sind unser nicht mehr viele geblieben. Ich selber habe im Revier, soweit ich gekommen bin, und das ist sehr, sehr weit, nur insgesamt drei gekannt. Der eine davon bin ich. Die anderen habe ich daran erkannt, daß sie in meine Fallen getreten sind. Ich habe mich während einiger Zeit zum Erfahrungsaustausch mit ihnen zusammengetan. Am runden Tisch haben wir oft auf unsere Gemeinsamkeiten getrunken, die wir hüten wollten. In der Praxis habe ich aber später sehen müssen, wie sehr ihre Berufsauffassung von der meinigen abweicht, von der ich andrerseits weiß, daß sie die richtige ist, weil sie als einzige bisher zum unbedingten Erfolg geführt hat. Während die zwei, einer nach dem andern, der eine durch gute Erfahrungen, der andere durch einen durch die Realität seines Vorlebens niemals zu rechtfertigenden und trotzdem unbelehrbaren Optimismus leichtsinnig geworden, in der Pflege ihrer Fallen nachlässig zu werden begannen, so daß sie, zuerst beim einen, kurz darauf auch beim andern, der gerade noch mit mir die Art des ersten in Bausch und Bogen verdammt hatte, im entscheidenden Augenblick versagten. Während der erste sich offensichtlich mit den neuen Umständen gerne abfand und sogar anfreundete, versuchte der zweite, dem so etwas wie ein Rest von Berufsethos geblieben war, in einem Anflug von schlechtem Gewissen, wohl auch, weil er sich vor mir doch etwas schämte, die Schuld auf die Fallen selber abzuschieben, die, allerdings wegen allzu seltenen Gebrauchs, wie er zugeben mußte, dem Rost der Jahre zum Opfer gefallen seien.

Ausflüchte, sage ich Ihnen. Im Grunde fehlte es dem einen wie dem anderen am ehrlichen Willen. Im Grunde hatten wir unsere Gemeinsamkeiten ganz einfach überschätzt. Nicht ich. Ich habe immer, auch ihnen gegenüber, meine Eigenständigkeit betont. Aber ich habe mich von ihrem Mitgefühl und den Worten, die sie von meinen Lippen lasen und meinen Lippen nachformten, für kurze Zeit betören lassen.

Gerüchtweise verlautete allerdings erst gestern, einer der beiden, den ich vorhin den zweiten genannt habe, sei wieder als Fallensteller am Werk gewesen. Und zwar auf eine Art und Weise, die, wenn diese Meinung stimmte, mir gebieten würde, alles Geringschätzige, was ich von ihm gesagt habe, zurückzunehmen, statt dessen vor der Gründlichkeit, mit der er gearbeitet habe, den Hut abzunehmen und das Knie zu beugen. Er habe nämlich die Falle auf eine so raffinierte, wenn auch meiner Ansicht nach etwas spitzfindige Weise gestellt, daß es ihn, wenn alles stimmt, selber das Leben gekostet hat.

Als ich davon erfuhr, habe ich, um das Maß der Bewunderung voll zu machen, daran gedacht, daß ich sogar mich wahrscheinlich vor ihm ekeln würde. Ich habe die Szene vor mir gesehen, die er eigens für mich inszeniert hat. Ich bin in den Raum getreten, die mich gerufen haben, sind in der Türe zurückgeblieben. Auf dem hellen Spannteppich lag er da, wie ich ihn mir immer vorgestellt habe, ein großer, etwas zu früh aus dem Nest gefallener Vogel, in den Gliedern geknickt, den eckigen Kopf an gebrochenem Hals nach hinten gehängt, vielleicht blutig, gerissene, durch die Neigung des Kopfes weit kerbenförmig aufklaffende Kehle, den Mund, wahrscheinlich im Schnarchen erstarrt, leicht geöffnet, die oberen Schneidezähne noch von Schnecken feucht, ja vermutlich hat er aus der Nase Blut verloren. Ich habe, wie gesagt, daran gedacht, daß ich mich wahrscheinlich ekeln würde, mich vermutlich übergeben müßte, mich wohl endlich angewidert abgewendet hätte von dem mickrigen Geziefer, das da, nicht Fisch noch Vogel, mit gläsernen Augen, blutverschmiertem Adamsapfel und leicht geöffneten Lippen, in allen Gelenkpfannen ausgerenkt, jämmerlich, nicht wert, beweint zu werden – wer weint über einen mit blutiger Nase –, vor meinen Füßen lag, bereit, in den Staub getreten zu werden, unter den Teppich geschoben.

Aber leider, das alles basiert auf einem Gerücht, das, so schnell es sich verbreitet hat – Nachrichten über das Auftauchen von Fallenstellern stoßen bei ihrer ausgesprochenen Seltenheit auf helle Ohren –, sich schnell wieder zerstreute. Heute morgen schon war mit ziemlicher Sicherheit, die sich inzwischen zur absoluten Gewißheit erhärtet hat, zu sagen: es war ein falsches Gerücht, mein ganzer Aufwand an überschwenglicher Anerkennung und fast andächtiger Bewunderung – die Begeisterung haben Sie sicherlich noch in der Nacherzählung spüren müssen – war für die Katze.

Ich habe selbstverständlich den Kontakt zu den beiden abgebrochen, bestelle das Revier allein und bin überhaupt jetzt, soviel mir bekannt ist, der einzige und letzte Vertreter meines Berufes, der mit Erfolg arbeitet.

Kürzlich allerdings habe ich darüber nachgedacht und bin zu dem für mich zunächst unerwarteten Schluß gekommen, daß es mir als einzigem Vertreter meines Berufs, da ich jedenfalls auch keine Vorgänger kenne, daß es mir also unmöglich ist zu sagen, ob ich ein letzter oder ein erster sei. Jedenfalls liegt die Möglichkeit auf der Hand und ist keinesfalls zu leugnen, daß ich der Begründer eines neuen Berufes bin, der einmal vielleicht sogar Mode werden und jedenfalls die Hellsichtigsten unter seinem Zeichen versammeln könnte. Allein die zugegebene Tatsache, daß die Berufsbezeichnung nicht neu ist, spricht nicht dagegen, ist es doch ohne Umstände denkbar, daß sie schon jetzt ihre frühere Bedeutung verloren hat und nur darauf wartet, mit neuem Inhalt gefüllt zu werden. Die Fallensteller sind tot. Es lebe der Fallensteller!

Aber hören Sie zuerst, worin mein Beruf eigentlich besteht, und urteilen Sie dann, ob ich am Ende der Vergangenheit oder am Anfang einer Zukunft stehe.

Wie Sie vielleicht gemerkt haben oder aber gewiß noch merken werden, habe ich meine ganze Umgebung praktisch in eine einzige große, gut funktionierende Falle verwandelt. Man kann mit gleichem Recht auch von vielen kleinen Fallen sprechen, die jedenfalls aber alle zusammen als lückenloses Ganzes ihrem Zwecke dienen. Früher hat mich die Umwelt bedroht, jetzt ... Nein, nicht wie Sie denken und wie es sich einfachheitshalber zu denken tatsächlich aufdrängt – aber glauben Sie mir, das Gesetz der Umkehrung resultiert immer aus einer Vereinfachung der Tatbestände –, es ist also nicht so, daß ich jetzt die Umwelt bedrohe, sondern, eigentlich viel einfacher und naheliegender, wenn man erst einmal draufgekommen ist – finden Sie nicht auch? –, ich entziehe mich ihrer Bedrohung. Und dazu brauche ich Fallen, die ich je nach Bedarf rund um mich auslege und die mich vor jedem unerwünschten Übergriff schützen. Nichts dringt durch diesen Sperrgürtel, von dem ich nicht will, daß es durchdringt. Nichts kann mich berühren, von nichts kann ich getroffen werden. Inmitten meiner Fallen lebe ich mein Leben.

Sie wundern sich, wie Sie sich mir unbeschadet nähern konnten, obwohl ich, wie ich Ihnen doch versichert habe, mich ganz mit Gruben, Schlingen und Klingen umgeben habe? – Aber Sie konnten doch gar nicht wissen, wo meine Fallen liegen und wie ich sie angelegt habe, Sie hatten also nicht die leiseste Möglichkeit, eine einzige von ihnen zu entdecken.

Gefahr droht mir höchstens – und diese Gefahr ist klein – von seiten solcher Scharlatane, die es, wie beschrieben, dank ihrer Nase aus reinem Zufall zu einer gewissen, fürs Auge kaum von der wahren Meisterschaft zu unterscheidenden Virtuosität im Ausfinden von Fallen gebracht haben, niemals von Leuten wie Ihnen.

Das ist ja das Geniale und Einzigartige an meinem Beruf: ich stelle die Fallen für mich. Die Klingen sind gegen mich gerichtet, die Gruben in meinem Garten ausgehoben, die Hinterhalte auf meinen Wegen versteckt. Ich bin der einzige, der sie kennt, weil ich sie erfunden habe, der einzige, der sie wiederfindet, der weiß, wie sie funktionieren, und deshalb der einzige, der ihnen zum Opfer fallen kann, wann immer er will. Hier liegt der Zweck meines ausgeklügelten, immer und immer wieder verbesserten und nun zur Vollkommenheit gereiften Systems, von dessen Unfehlbarkeit Sie sich bald selbst überzeugen werden, das ist der einzige Lohn meiner Mühen. Und ihn gönne ich mir so richtig von Herzen.

Es mag allerdings nach außen den Anschein haben, als ob ich mir selbst am meisten schadete, ja mich am Ende selber fangen würde. In Wirklichkeit ist es nur so, daß ich tatsächlich niemandem sonst direkten Schaden zufüge. Das kann auch nicht in meiner Absicht liegen. Die anderen gehen mich nichts an. Fremdes ist mir fremd. Mir geht es einzig darum, mich vor Fremdem zu schützen und frei zu erhalten, was mir allerdings nur auf diese meine Weise, dank meines unerschöpflichen Potentials an Fallen, auf die Dauer gelingen kann. Sie kennen doch sicher das Sprichwort: Wer andern keine Grube gräbt, fällt selbst hinein? – Es stammt von mir.

Vergessen Sie eines nicht: für mich ist das alles ein selbsterdachtes Spiel. Ich kenne die Regeln. Stellen Sie sich also meinen Triumph vor, wenn es sich um meine Kehle zusammenschnürt, wenn die Fangeisen und Schlingen sich schließen, wenn ich endlich, endlich falle. – So feiere ich, einen nach dem andern, meine Siege. Aber wenn die Gefahr sich wieder verzogen hat, dann stehe ich – was glauben Sie – wieder auf.

Sehen Sie, Sie schrecken jetzt vor mir zurück, wenden sich angewidert ab. Ich habe Sie zu sehr mit den Methoden und Eigenheiten meines Berufs vertraut gemacht, nicht wahr? – Aber ich habe Ihnen noch gar nicht gesagt, daß das meine beste Falle ist, die immer dann zur Anwendung kommt, wenn nichts anderes mehr hilft, sagte der Fallensteller, mehr zu sich selber.

Der Grenzgänger

Grenzgänger wird man eigentlich, ohne es zu wollen. Man macht sich eines Tages mit einem Bündel Stäbe auf dem Rücken und der Welt im Sack auf den Weg, um seine Grenzen abzustecken, schon ist man es geworden.

Ich zum Beispiel bin seither mit nichts anderem mehr beschäftigt, als Tag und Nacht meinen Kreis abzuschreiten, um fällige Grenzkorrekturen vorzunehmen, faul gewordene Stäbe zu ersetzen und überhaupt mich immer zu vergewissern, ob alles beim alten geblieben sei, wie man sieht, eine ehrbare Beschäftigung und recht eigentlich eine Lebensaufgabe.

Anfangs war mein Kreis so weit gesteckt, daß von einem Stab aus der jeweils nächste selbst mit den scharfen Augen, die ich damals noch hatte, kaum zu erkennen war, die Stäbe also noch kaum, für Außenstehende schon gar nicht und selbst für mich nur in erleuchteten Augenblicken, den Eindruck eines Zaunes erwecken konnten, sondern eher wie zufällig oder mutwillig von spielenden Kindern verstreut in den Boden gesteckt wirkten. Das brachte natürlich mit sich, daß ich niemandem verbieten konnte, meinen Grund zu betreten, mit welchem Recht auch hätte ich das tun wollen, da ich selbst oft nicht wußte, ob ich meine Grenze überschritt. Ohnehin hatte ich damals glückliche Zeiten, ich freute mich über jeden ernstgemein en und noch so zufälligen Besuch, ja, ich war es eigentlich, der versuchte, die anderen in meinem Kreis zu halten. Alles in allem war ich froh, die Schilder, die ich in jugendlichem Übereifer an den Stäben wenigstens anzubringen mehrmals versucht war, nie geschrieben zu haben, wenn mir auch mehr und mehr die Übermacht der Besucher und Freunde das Herz eng machte und mich kaum mehr zu Schlaf kommen ließ.