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Tatjana Kruse

Der Club
der toten Sticker

Kommissar Seifferheld ermittelt

Dieser Roman spielt zwar in einer realen Stadt, nämlich Schwäbisch Hall, aber alle Personen sind frei erfunden, und der Plot ist fiktiv. Allerdings gab es tatsächlich einmal einen Hovawart namens Onis, und das ist auch gut so.

1
Die Leiche sagt „Aua!“

„Tut es noch weh?“

Die betörend schöne Rothaarige mit der Alabasterhaut, die nicht seine Ehefrau war, pustete nachgerade zärtlich auf die frisch jodierte und zugepflasterte Wunde an Siggi Seifferhelds linker Hand.

Er schüttelte stumm den Kopf. Sein Blut pulsierte derzeit in anderen Regionen als dem Gehirn, darum konnten keine Sprachbefehle weitergeleitet werden. Und seine – ähem – Blutleere war nicht verletzungsbedingt. Man sollte ihm aber zugutehalten, dass er sich dafür ein wenig schämte.

Es war ihm nachträglich auch unerklärlich, warum er sein halbleeres Apfelmostglas vor Schreck in tausend Scherben zerquetscht hatte, als es um halb sieben – die Glocken von St. Michael läuteten gerade ausdauernd zum allmorgendlichen Vaterunser-Gebet – urplötzlich sturmklingelte und Gunda Selund vor der Haustür stand.

Unangemeldet, aber mit einem knieerweichend-unwiderstehlich-strahlenden Lächeln …

Vorhin

„Hallo, Herr Seifferheld, mir ist bewusst, es ist unanständig früh, aber ich weiß zufällig, dass Sie um diese Zeit immer schon wach und bei der Arbeit sind. Darf ich hereinkommen?“, flötete sie und zwinkerte ihm zu.

Ein Sonnenstrahl lugte in diesem Moment über die Dächer der Fachwerkhäuser in der Unteren Herrngasse, tauchte ihren roten Haarschopf und ihr bezauberndes Lächeln in ein güldenes Licht und ließ das Blümchenkleid unter ihrem kurzen Sommerblazer fast durchsichtig wirken. Da wären auch ganz andere als er schwach geworden. Redete sich Siggi zumindest ein.

Gunda Selund legte ihm zart die Hand auf den Unterarm. Und das war exakt der Moment, in dem Seifferhelds Linke sich unwillkürlich verkrampfte und das Apfelmostglas in die ewigen Glasgründe schickte.

„Oweh, haben Sie sich verletzt?“

Hatte er, aus der Schnittwunde tropfte Blut auf die Pflastersteine.

Onis, dessen Schnauze sich olfaktorisch noch gut an Frau Selund erinnerte und der seinen riesigen Hovawart-Schädel in ihren Schritt gebohrt hatte – was er erwiesenermaßen nur bei Leuten mit gutem Charakter machte –, zog den Kopf wieder aus seiner Blümchenkleidummantelung und schnupperte an der blutenden Hand seines Herrchens.

„Lassen Sie mich die Wunde erstversorgen“, erklärte Frau Selund in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Sie zog Seifferheld in die Küche gleich links neben dem Hauseingang. Es war nicht ihr erster Besuch in der Unteren Herrngasse 6B – sie kannte sich aus.

Das Letzte, was Seifferheld auf der Gasse noch sah, war die alte Frau Hoppe von gegenüber, die auf einem Kissen abgestützt als lebende Überwachungskamera die Ereignisse verfolgte.

„Immer was los bei Ihnen“, rief sie ihm zahnlos grinsend zu, weil sie ihre Zähne erst zum Frühstück einsetzte und der rollende Versorgungs-Service von Essen auf Rädern nie vor acht Uhr kam.

Somit war klar, dass nicht nur ganz Schwäbisch Hall von dem Besuch einer hübschen jungen Maid beim altgedienten Kriminaler erfahren würde, sondern auch – Siggi seufzte innerlich – seine Marianne. Sein geliebtes Weib. Sein Ein und Alles. Die Liebe seines Lebens. Die Frau, die ihn – sobald sie vom Fremdfrauenbesuch im Morgengrauen erfuhr – höchstwahrscheinlich mit einem Tranchiermesser in ebenso viele Teile filetieren würde, wie es jetzt Apfelmostglasscherben im Hausflur gab. Weil Gunda Selund nämlich im seifferheldschen Heim eine Persona non grata war.

Megäre Marianne würde sich allerdings erst nächste Woche rachelüstern auf ihn stürzen können, denn momentan befand sie sich in ihrer Heimat Österreich, wo sie eine Erbschaftssache mit ihren gefühlt hunderttausend Cousins und Cousinen ausfechten musste.

Schlimm genug also, dass eine Fremdfrau, auf die Marianne tierisch eifersüchtig war, das Haus betrat. Erschwerend kam hinzu, dass auch sonst niemand da war, der als Anstandsdame hätte fungieren können: Seifferhelds Schwester Irmi war mit ihrem Gatten Helmerich an einem bayrischen See in Urlaub, Tochter Susanne lebte mit ihrer Familie in Peking, Nichte Karina mit der ihren in Frankfurt und Putzfrau Olga hatte heute frei.

Siegfried Seifferheld war ganz allein mit diesem betörenden Leckerhäppchen namens Gunda.

Jetzt

Seifferheld schluckte schwer.

Dann räusperte er sich entschlossen, mehrmals, und entzog seine frisch verarztete Hand dem zarten Griff von Frau Selund.

„Es tut nicht mehr weh, danke“, sagte er, weil er endlich seine Stimme wiedergefunden hatte. Spät, aber immerhin rasselte er jetzt die Höflichkeitsfloskeln herunter. „Das ist aber eine unerwartete Überraschung. Wie nett, Sie zu sehen. Was kann ich denn für Sie tun?“

Um ein klares Zeichen zu setzen, ruckelte er mit dem Küchenstuhl, auf dem er saß, ein paar Millimeter von der Versuchung weg.

Gunda Selund strich sich eine rote Strähne aus dem perfekt symmetrischen Gesicht.

„Darf ich uns erst einmal einen Kaffee machen?“

Sie stand auf und sah sich in der Küche um.

Während Seifferheld – sonst kein unentschlossener Typ – noch mit seinen Moralvorstellungen aus dem 20. Jahrhundert kämpfte und sich allen Ernstes fragte, ob er seinen Kumpel Klaus aus dem Bett klingeln sollte, damit er einen Aufpasser hatte und nicht mit einer berauschend schönen Frau allein im Haus war, hatte sie schon den Schrank mit dem Filterkaffee und den Filtern entdeckt und die altmodische Kaffeemaschine in Gang gesetzt.

Seifferheld kam zu dem Schluss, dass das Kind bereits in den Brunnen gefallen war, will heißen, dass die Hoppe innerlich schon formulierte, wie sie Marianne brühwarm die Neuigkeit zurufen würde, wenn die nächste Woche aus dem Taxi vom Bahnhof stieg. Da konnte er die Anwesenheit dieser fröhlichen jungen Frau auch genießen. Zumal er sich in den letzten Tagen ziemlich einsam gefühlt hatte, so ganz für sich. Nur mit Onis, der inzwischen sein Lieblingsstofftier aus dem Schlafzimmer geholt hatte und es vor Frau Selund fallen ließ. Ein weiterer Liebesbeweis. Onis litt offenbar auch unter akutem Östrogenentzug.

„Wissen Sie, Herr Seifferheld …“, fing Gunda Selund an, während die Kaffeemaschine gurgelnd das schwarze Lebenselixier produzierte, „… als ich Sie damals bat, ob ich nicht Ihre Lebenserinnerungen schreiben dürfe …“

Seifferheld erinnerte sich gut daran. Frau Selund war seinerzeit während des versuchten Kunstraubs in der Kunsthalle Würth mit ihrem Ansinnen an ihn herangetreten. Sie hatte sogar schon einen Arbeitstitel für die Biografie, die sie als Ghostwriterin über ihn schreiben wollte: Vom Mörderjäger zum Stickerkönig – Ein Mann geht seinen Weg.

„Ich erinnere mich.“ Seifferheld lächelte. Der Vorschlag hatte ihm geschmeichelt. Warum auch nicht? Sein Leben als Beamter der Mordkommission hatte einiges Erzählenswerte zu bieten gehabt, vielleicht nicht ganz vom Kaliber eines James Bond, aber spannend nichtsdestotrotz. Bis seine Karriere dummerweise durch die Kugel eines Bankräubers abrupt gestoppt worden war. Eine Kugel, die immer noch in seiner Hüfte steckte, weil man sie nicht herausoperieren konnte. Seitdem benötigte er eine Gehhilfe.

Was ihn nicht davon abhielt, ein pralles Leben zu führen, seine Nase in jeden Mordfall zu stecken, der sich in Schwäbisch Hall ereignete, ein zweites Mal zu heiraten und auch weiterhin auf sein Äußeres zu achten. Sollte die noch nicht existierende Biografie dereinst verfilmt werden, dann würde es für die Hauptrolle kein Darsteller wie Meister Eder in Pumuckl tun, nein, es musste ein durchtrainierter Star wie Bruce Willis sein. Mit dem er auch die Anzahl der Haupthaare teilte …

Frau Selunds Räuspern unterbrach die galoppierenden Phantasiebilder vor seinem inneren Auge, in denen er sich schon bei der Oscar-Verleihung der Hollywoodverfilmung seines Lebens sah.

„Leider haben Sie mir damals ja eine Abfuhr erteilt.“

Onis legte seinen Schädel mitsamt Stofftier im Maul schnaufend im Schoß von Frau Selund ab.

„Ja … äh … genau.“ Siggi wurde rot. Ob er ihr sagen sollte, dass nicht er rigoros den Riegel vorgeschoben hatte, sondern Marianne? Weil seine Gattin glaubte, dass ihr Siggi anfällig für die Reize von Gunda Selund sein könnte? Oder würde er seiner Marianne mit dieser Offenlegung den sprichwörtlichen Dolch in den Rücken rammen?

Dabei war die Selund viel zu mager für seinen Geschmack. Und auch viel zu jung. Fast noch ein Kind aus seiner Sicht. Auch wenn sie laut ihrem Personalausweis vermutlich um die 30 war. Aber natürlich kann man auch als Kuchenverweigerer beim Anblick einer sehr gut gemachten, reich verzierten Torte ins Sabbern geraten. Man isst nicht, wohlgemerkt! Man sabbert nur ein bisschen …

Von Deutschland aus gesehen lag Österreich im Süden. Mithin hielten viele Deutsche die Österreicher für heißblütig und temperamentvoll. Wie die Italiener, nur nicht ganz so olivfarben und dunkellockig. Das hatte Vorteile – Lebenslust und Leidenschaft, um nur zwei zu nennen. Aber auch Nachteile – feurige Emotionen mit kurzer Zündschnur, die zu kataklysmischen Folgen führen konnten. Wenn Marianne von diesem frühmorgendlichen Kaffeebesuch à deux erfuhr, würde es definitiv heiß hergehen. Seifferheld mochte sich nicht ausmalen, was geschehen würde, sollte er Frau Selund auch noch mit dem Schreiben seiner Biografie beauftragen – der verheerende Ausbruch des Vesuvs würde sich gegen Mariannes Eifersuchtseruption wie ein niedlicher Rülpser seiner Enkelin Olasanne ausnehmen.

„Ich fürchte …“, fing er daher an, kam aber nicht weit.

Frau Selund beugte sich vor und legte ihre grazile Hand erneut auf Seifferhelds Unterarm. Sie duftete nach Pfirsichshampoo und einem leichten, blumigen Sommerparfüm. Ihre Augen waren porzellanblau und riesengroß wie bei einer Manga-Figur.

Seifferheld war ein vom Leben wettergegerbter, alter Wolf, ein bekennender und weithin bekannter Sticker, eine von Freunden und Mit-Hallern hochgeschätzte Legende, aber letztlich war er auch nur ein Mann. Er sah Frau Selund an und verstummte.

„Ich habe schon einen interessierten Verlag gefunden.“ Ihre Begeisterung war ansteckend. „Und ich habe mir überlegt, dass wir das Ganze anders aufziehen müssen. Sie als Deutschlands bekanntester Männersticker sind der lebende Beweis, dass man nicht einfach von hundert auf null herunterschaltet, nur weil man berufsunfallbedingt in Frührente gehen musste, stimmt’s?“ Ihre Finger krallten sich in seinen Arm, ihre Stimme wurde eindringlicher. „Das sendet auf ganz vielen Ebenen eine total wichtige Botschaft aus – dass man nie zu alt ist für Abenteuer. Oder um etwas völlig Neues anzufangen. Wie Sie, als Sie nach dem Unfall zum Sticken gefunden haben und damit so erfolgreich wurden, dass Sie Ihre eigene Stick-Sendung für Männer im Radio bekommen haben. Obwohl viele das Männersticken immer noch nicht ernst nehmen. Sie sind ein Vorbild, das muss man erzählen!“

Seifferheld wusste es nicht, aber es hatte seinen Grund, dass Frau Selund sich diese Chance kein zweites Mal entgehen lassen würde, egal, was es sie kostete. Eine Brigitte-Redakteurin, die ein paar Urlaubstage in Schwäbisch Hall verbracht hatte, hatte einen Artikel über Seifferheld im Haller Tagblatt gelesen und seiner interaktiven Radiosendung gelauscht und ihn dann als Doppelseite in Brigitte Woman gebracht. Das führte nicht nur zu Hunderten von Kommentaren begeisterter Frauen älteren Semesters, sondern auch zum Interesse eines großen Publikumsverlags, der Gunda Selund ein exorbitant gutes Angebot für eine Seifferheld-Biografie unterbreitet hatte.

Die Kuckucksuhr über dem Fernsehgerät drüben im Wohnzimmer schlug lauthals an. Seifferheld zuckte vor schlechtem Gewissen zusammen. Gut, dass er nicht wieder ein Glas in der Hand hielt. Es kuckuckte acht Mal. Lange genug für Frau Selund, um aufzustehen, die Kaffeekanne und zwei Becher, auf denen Prachtskerl und Wonderwoman stand, zu holen und sich und Seifferheld einzugießen.

Seifferheld trank morgens keinen Kaffee, nur Apfelmost. Und dazu gab es immer eine Butterbrezel. Als Belohnung, wenn er zuvor den Polizeibericht für das Haller Tagblatt geschrieben und an die Redaktion geschickt hatte. Diese anfangs ungeliebte Tätigkeit hatte ihm Polizeichefin Bauer aufgedrückt, damit er nach dem Unfall nicht in ein Loch fiel. Sie hatte ihm die Aufgabe nie entzogen, und mittlerweile erfreute er sich daran, möglichst subversive Texte über die (wenigen und unspektakulären) Vorfälle in Schwäbisch Hall zu verfassen. Wie in der letzten Adventszeit, als zwei als Weihnachtsmänner verkleidete Möchtegern-Kriminelle einen geschmückten Weihnachtsbaum aus einer Drogeriefiliale im Industriegebiet West gestohlen hatten. „Ob die beiden draußen einen Rentier-Schlitten als Fluchtfahrzeug stehen hatten, wird derzeit noch ermittelt“, hatte Seifferheld geschrieben, zur Konsternierung der Polizeichefin und zur Freude der Zeitungsleser und -innen.

Jedenfalls war das ein Morgenritual, das seinem Leben Struktur verlieh. Und so niedlich und zuckersüß Frau Selund auch war, sie war ein Störfaktor in der großen Konstante, die sein Leben war. Seifferheld räusperte sich und setzte zu einer finalen Absage an.

„Ich weiß Ihre Hartnäckigkeit sehr zu schätzen, aber …“

„Sagen Sie nicht gleich wieder nein“, bat Frau Selund. „Denken Sie an all die Männer in fortgeschrittenem Alter, denen Ihr Buch zu einem gelungenen Übergang von der Erwerbstätigkeit in die neue Phase ihres Lebens verhelfen könnte. Sie verkörpern doch wie kein anderer moderne Männlichkeit, Herr Seifferheld: harte Schale, weicher Kern. Eben noch über eine erkaltende Leiche gebeugt, im nächsten Moment den Stickrahmen in den starken Händen haltend.“

Sie presste ihre Hand auf seine.

Die Worte verfehlten ihre Wirkung nicht – das verriet sein geschmeicheltes Lächeln. Dennoch wollte er den Kopf schütteln. Rasch zog sie deshalb ein Blatt Papier aus ihrer Handtasche.

„Ich male in meiner Freizeit und habe hier eine Vorlage für Sie erstellt, die Sie nachsticken können. Gefällt sie Ihnen? Eventuell könnte man die fertige Stickarbeit als Buchcover verwenden. Ich bin sicher, der Verleger hat dafür ein offenes Ohr.“

Das würde der Verleger garantiert nicht haben, denn die Reihe, in der Seifferhelds Biografie erscheinen sollte, hatte ein strenges Design-Konzept, in das kein Stickhund passte, aber Gunda Selund brauchte dieses Buchprojekt und kämpfte folglich mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen.

Auf der Zeichnung sah man das Haupt von Onis. Die Schönheit und Würde des Hundes waren perfekt eingefangen und doch mit so wenigen Strichen, dass man ihn problemlos nachsticken konnte.

Seifferheld wurde ganz warm ums Herz. Er sah zu seinem treuen Gefährten, der sich mittlerweile auf den kühlen Fliesenboden gelegt hatte, die Hinterpfote hoch erhoben, und völlig unwürdevoll seine Kronjuwelen schleckte.

„Sie haben meinen Onis aber wirklich sehr gut getroffen“, konstatierte Seifferheld. Lob, wem Lob gebührte.

Frau Selund lächelte wieder dieses bezaubernde Lächeln, bei dem man ihre Zungenspitze sah. Rasch wandte Seifferheld den Blick ab.

Er war kein Frauenheld. Seiner ersten Frau, Susannes Mutter, war er immer treu gewesen. Wenn man das eine Mal nicht mitrechnete, wo er auf der Weihnachtsfeier in angetrunkenem Zustand die Sekretärin des damaligen Polizeichefs geküsst hatte. Nicht auf die Wange, auf den Mund. Mehr hatte sich Seifferheld aber nie zuschulden kommen lassen. Schon deshalb nicht, weil er immer zu 150 Prozent in seiner Arbeit aufging. Und vor Marianne, seiner zweiten Frau, hatte es auch nicht viel mehr gegeben als ein bisschen Flirten. Seifferheld musste sich seine Männlichkeit nicht dadurch beweisen, dass er möglichst viele Kerben im Bettpfosten hatte. Aber obwohl sein Kopf das wusste, musste er das in diesem Moment seinem Körper klarmachen.

Mit aller Kraft konzentrierte er sich auf die neue Stickvorlage. Was für ein großartiges Motiv!

„Wissen Sie, Frau Selund … ich ermittle doch gar nicht mehr. Seit meiner Entführung … Sie haben davon gehört?“

Gunda Selund nickte und schaute abrupt ernst. „Schlimme Sache. Sie gerieten in die Hände des organisierten Verbrechens.“

„Ja eben … seitdem habe ich mir und vor allem meiner Familie geschworen, dass ich ab sofort nur noch Rentier bin.“ Er sprach es Ren-Tier aus. „Es wird ab sofort absolut nichts Interessantes mehr geben, was man über mich schreiben könnte. Ich habe meine Radiosendung, ich gehe mit Onis Gassi …“

Bei der Erwähnung seines Namens hielt Onis im Schlecken inne und gab einen Schnauber von sich.

„… und ansonsten hänge ich mit meinen Freunden in meiner Stammkneipe ab.“

Es hatte doch keinen Zweck. So gebauchmietzelt er sich von Gunda Selunds Ansinnen auch fühlte, so wenig wollte er den Zorn seiner Marianne auf sich ziehen. Ihre Eifersucht war unbegründet, aber lodernd. Und genau das liebte er an ihr. Das Leidenschaftliche, die Sinnlichkeit. Auch wenn oberflächliche Zeitgenossen beim Anblick von Marianne nichts weiter sahen als eine füllige Frau, die deutlich jenseits der 50 und immer einen Tick zu bunt gekleidet war.

Für Siggi war Marianne das Glück seiner reifen Tage. Das setzte man nicht sehenden Auges aufs Spiel. Als sie damals von Frau Selunds Absicht gehört hatte, über Siggi zu schreiben, hatte sie ein Sofakissen geknautscht und dabei den Eindruck erweckt, das Sofakissen wäre Frau Selund, die gerade zur Unkenntlichkeit zerknautscht wurde. Ganz gewiss würde sie jetzt wieder so reagieren. Nur würde es dieses Mal womöglich kein Kissen, sondern Frau Selunds Gesicht treffen.

Außerdem war es auch nicht gelogen, dass er in letzter Zeit keine Abenteuer mehr erlebt hatte. Das Aufregendste war vorvorgestern der Küchenbrand im Bistro seines Kumpels Klaus gewesen, als Kläuschen – geistesabwesend wie immer – die Gebrauchsanleitung für die neue Mikrowelle allzu nahe an die Gasflamme des Herdes geschoben hatte und das erst bemerkte, als sie schon lichterloh in Flammen stand. Beim Versuch, das Faltblatt aus der Flamme zu ziehen, hatte er das noch brennende Papier statt in die Spüle in den davorstehenden Altpapiereimer geworfen. Mit der Folge, dass Chez Klaus im Polizeibericht landete und das Bistro die nächsten vier bis sechs Wochen unbegehbar sein würde.

„Es soll nichts Interessantes mehr über Sie zu schreiben geben? Ach, lieber Herr Seifferheld, da mache ich mir wirklich keine Sorgen – wo Sie sind, fällt über kurz oder lang immer einer tot um!“

Gunda Selund grinste breit.

„Ich kann Ihnen versichern, mein Leben ist und bleibt leichenfrei!“

Sie lachte glockenhell auf und strich über den Handrücken. Er fühlte sich wie elektrisiert.

In diesem Moment klingelte es an der Haustür.

Seifferheld sah auf die Küchenuhr. Viertel nach acht. Es könnte Putzfrau Olga sein, die wieder mal den Hausschlüssel vergessen hatte. Sie schaute an ihrem freien Tag auch gern einmal vorbei, um zu quatschen und eine zu rauchen. Im Grunde nicht anders als an den Tagen, an denen sie „arbeitete“.

„Einen Moment bitte“, entschuldigte er sich bei Frau Selund und humpelte so zügig zur Haustür, wie es ihm ohne Gehhilfe möglich war.

Onis, der früher mit seinem Herrchen um die Wette gelaufen wäre, um es vor ihm zur Tür zu schaffen, war auch nicht mehr der Jüngste, deshalb hob er nur kurz den Kopf, dann drehte er sich auf den Rücken und streckte Frau Selund seinen Hundebauch entgegen. Die kam der Aufforderung auch sofort nach und kraulte ihn ausgiebig.

„Ja?“, sagte Seifferheld, nachdem er die Haustür fast erleichtert geöffnet hatte. Rettung in letzter Sekunde.

Er kannte den schmalbrüstigen Mann, der vor ihm stand. Allerdings nur vom Sehen. Wie man in Hall gefühlt jedermann vom Sehen kannte, wenn man sein ganzes Leben hier verbracht hatte. Dieser da wohnte auch in der Unteren Herrngasse, nur weiter vorn. Sehr sympathisch, immer ein fröhliches „Grüß Gott“ für die Nachbarn. Nur jetzt gerade wirkte er alles andere als heiter.

„Ich bin tot!“, sagte der Mann.

„Wie bitte?“ Seifferheld stutzte. Er ging auf die 70 zu. Sollte er allmählich reif für ein Hörgerät sein?

„Ich bin tot!“, rief der Mann, diesmal lauter. Seine schmale Brust hob und senkte sich panisch.

Seifferheld sah ihn ruhig an. Mit demselben unerbittlich festen Blick, mit dem er früher immer Verdächtige beim Verhör angesehen hatte.

„Verstehen Sie doch, ich bin tot!“, brüllte der Mann jetzt, weil ihm Seifferhelds Reaktionslosigkeit offensichtlich zu lange dauerte.

Siggi sagte nichts, atmete nur schwer seufzend aus, trat einen Schritt nach vorn und …

… kniff den Mann in den Oberarm.

„Aua!“, quietschte die Leiche.

2
Jeder Tag ist ein Geschenk.
Manche sind nur scheiße verpackt …

„Aua, wieso kneifen Sie mich?“ Das Männlein rieb sich empört den schmerzenden Oberarm. Wenn Seifferheld kniff, dann richtig!

„Ich wollte sehen, ob ich träume oder nicht.“

„Dafür muss man sich selbst kneifen“, schimpfte der Mann.

„So macht es aber mehr Spaß.“

Das fand auch Frau Hoppe von gegenüber-oben. Auf ihr Kissen gebettet lachte sie herzlich. Immer noch zahnlos. Essen auf Rädern verspätete sich heute offenbar.

„Guten Morgen, Herr Knieblich!“, rief sie.

Genau, Knieblich hieß der Mann. Jetzt fiel es Seifferheld wieder ein.

„Sie sind gesichert nicht tot, Herr Knieblich“, erklärte er mit all der Autorität seiner 40 Dienstjahre. Die er zwar nicht als Rechtsmediziner verbracht hatte, aber auch als Kriminaler weiß man, woran man eine Leiche erkennt. Unter anderem daran, dass sie nicht mehr quietscht.

„Ich bin tot. Es steht in der Zeitung!“

„Nicht alles, was …“, fing Seifferheld an.

„Lesen Sie doch selbst!“, verlangte Knieblich und streckte Seifferheld eine gefaltete Ausgabe des Haller Tagblatts entgegen.

Resigniert ausatmend griff Seifferheld nach der Zeitung. Sie war so gefaltet, dass einen die Überschrift im Lokalteil förmlich ansprang: EINBRUCH ENDET TÖDLICH. Und darunter: Ernst K. überrascht Einbrecher und erliegt seinen schweren Verletzungen. Mit einem uncharmanten Führerscheinfoto von Knieblich.

„Das waren Sie?“

Natürlich hatte Seifferheld davon gehört. Einbruch mit Todesfolge, vor einer Woche oder so. Dass der Vorfall sich in seiner Gasse ereignet hatte, war ihm allerdings entgangen. Weil so große Sachen nicht im Polizeibericht erschienen, sondern einen Leitartikel bekamen. Ihm fehlten seine Frauen – die hätten es ihm brühwarm erzählt. Beinahe täglich waren Artikel darüber erschienen, aber die hatte er immer nur überflogen. Und es war auch nie der genaue Tatort genannt worden, es hieß immer nur „in der Innenstadt“, und die war groß.

Selbstverständlich hätte er sich beim allmonatlichen Stammtisch von Mord zwo, bei dem er sich mit den ehemaligen Kollegen auf Bier und Schnitzel traf, nach den Einzelheiten erkundigt, aber der nächste Stammtisch stand erst in zwei Wochen an.

Die Zeit, als er bei jedem Mord in der Stadt prompt losgelaufen wäre, lag hinter ihm. Das hatte seinen Grund. Er bereitete eine Fernsehsendung für Männersticker vor und hatte demnach anderes zu tun. Sie sollte im dritten Programm laufen. Irgendetwas zwischen meditativem und aktiv-schweißtreibendem Mitsticken für alle. Es ließ sich nicht leugnen: Siggi hatte Blut geleckt. Nachdem er lange Zeit ein heimlicher Sticker gewesen war und sich erst spät geoutet hatte, spürte er nun mit jeder Pore seines Körpers, dass seine Zeit gekommen war: als Männersticker der Nation, als oberster Nadelhexer, als Stickzauberer par excellence, der durch sein Beispiel endlich Männer in ganz Deutschland und darüber hinaus dazu inspirierte, offen über Zierstiche und Hohlsäume zu reden, während sie – ganz echte Kerle – ohne Fingerhut mit männlicher Präzision kernige Motive auf Textil stickten. Und ganz vorn an der Front der modernen Helden von Nadel und Faden würde man sich einen Namen zuraunen: Siegfried Seifferheld!

„Hören Sie mir überhaupt zu?“, verlangte Knieblich jetzt zu wissen.

Nein, Seifferhelds Ohren hatten sich eingeklappt. Bei dem Gedanken, dass er Fernsehruhm erlangen könnte, wurde ihm warm ums Herz. Onis wäre natürlich immer dabei, würde zu seinen Füßen liegen. Als Hund würde Onis der Sendung einen menschlichen Touch verleihen. Wie damals bei Bernhard Grzimek.

Seifferheld lächelte in sich hinein. Wenn ihn Hollywood schon nicht verfilmte, dann wenigstens der SWR.

Weil Knieblich mit dem Arm vor seinen Augen hin und her fuchtelte, kehrte Seifferheld in die Realität zurück.

„Ich war auf Urlaub in Berlin und habe gestern Abend den Nachtzug nach Hause genommen“, haspelte Knieblich in seiner Aufregung. Jetzt erst bemerkte Siggi den altmodischen Lederkoffer (noch ohne Rollen!) neben dem Mann. „Mit dem Intercity bis Nürnberg. Und dann im Regionalzug weiter bis Hessental. Und im Regionalzug habe ich die Zeitung gefunden. Die Ausgabe von vor einer Woche. Sie steckte zwischen zwei Sitzen. Ich dachte, ich lese nicht richtig!“ Er schnaubte. Vermutlich nicht deswegen, weil die Reinigungskräfte im Zug die Zeitung übersehen hatten. „Jedenfalls habe ich mir am Bahnhof ein Taxi genommen, weil das schneller geht als mit dem Bus, und wie ich nach Hause komme, klebt Polizeiabsperrband quer über meiner Wohnungstür. Erst da habe ich es geglaubt. Und da dachte ich, ich frage Sie, was ich jetzt machen soll.“

„Kommen Sie erstmal rein und trinken Sie etwas Beruhigendes.“ Seifferheld trat zur Seite und nickte mit dem Kopf in Richtung Küche.

„Ich will mich nicht beruhigen. Ich will Antworten!“, verlangte Knieblich. Er stampfte mit dem Fuß auf dem Gassenboden auf. Und verzog gleich darauf schmerzerfüllt das Gesicht, weil es nämlich wehtut, wenn man versucht, nur in Sandale und Socke eine Delle in einen Pflasterstein zu treten.

„Wollten Sie nicht meinen Rat?“

„Doch nur, was das Absperrband angeht. Darf ich es abreißen und meinen Koffer in meine Wohnung stellen? Es ist immerhin meine Wohnung.“

Seifferheld zweifelte oft am gesunden Menschenverstand anderer. „Nein, dürfen Sie nicht. Sie müssen sich schnellstmöglich bei der Polizei melden und die Verwechslung aufklären. Kommen Sie schon rein. Sie können von hier aus telefonieren.“

Immer mehr Menschen liefen an ihnen vorbei und schauten neugierig. Die Untere Herrngasse war die Einfallschneise für alle, die im Parkhaus am Schiedgraben einen Stellplatz hatten und zu ihren Arbeitsplätzen in der Innenstadt marschierten. Und die morgendliche Rush Hour war in vollem Gange.

Knieblich bockte. „Gut, dann gehe ich nicht in meine Wohnung. Aber darf ich wenigstens meinen Koffer bei Ihnen lassen? Ich will mir erst die Leiche ansehen.“

„Sie wollen was?“ Seifferheld schürzte unwillkürlich die Lippen, wie so eine Instagram-Influencerin auf einem Duckface-Selfie.

Knieblich interpretierte das Lippenschürzen korrekt. „Ich bin kein Katastrophentourist! Ich muss nur mit eigenen Augen sehen, wer der Tote ist. Wie kann man mich verwechseln? Das ist doch …“ Ihm fehlten die Worte. Unerhört? Empörend? Himmelschreiend?

Seifferheld dachte, dass es Gründe gehabt haben musste, warum man den Toten für Ernst Knieblich hielt. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass er in der Wohnung von Knieblich gefunden worden war. „Erst geben Sie den ermittelnden Beamten Bescheid, dann …“

Knieblich ließ ihn nicht aussprechen. „Aber was, wenn man mich den Toten dann nicht mehr anschauen lässt? Weil er im Gegensatz zu mir keine offene Aufbahrung autorisiert hat?“

Seifferheld fühlte sich im Nachverfolgen von Knieblichs Gedankengängen abgehängt. „Äh … wie?“

Knieblich entriss ihm das Haller Tagblatt, entfaltete es und zeigte dann einige Seiten weiter auf die Traueranzeige des Trauerhauses Schönesief für Ernst Knieblich, dessen Trauerfeier in der Kapelle des Waldfriedhofs angekündigt wurde und von dem man bis dahin im Trauerhaus Abschied nehmen konnte. „Ich habe keine Angehörigen mehr. Darum habe ich meinen Notar testamentarisch angewiesen, was nach meinem Ableben zu tun ist. Ich habe ausdrücklich eine offene Aufbahrung verlangt. Und er hat sich daran gehalten. Ich habe schon im Trauerhaus angerufen. Ab neun ist … äh … Besichtigung.“

Man merkte Seifferheld an, dass er immer noch nicht ganz folgen konnte.

Knieblich atmete tief durch und fing von vorn an. „Ich habe im Trauerhaus Schönesief angerufen. Die Leiche wurde von der Polizei vorgestern freigegeben und kann von Freunden und Angehörigen täglich ab neun Uhr für ein letztes Lebewohl besucht werden.“

Offene Aufbahrung? Seifferheld überlegte, ob er das testamentarisch auch so verfügen sollte. Er würde seine Lieben zum Abschied gern nochmal an sich vorbeidefilieren lassen. Wollte sehen, wer eine Träne vergoss – und wer ihn womöglich mit einer Nadel pikste, um zu sehen, ob er wirklich tot war. Und wer wusste schon, ob man das nicht noch mitbekam? Die alten Tibeter glaubten fest, dass man noch 49 Tage in irdischen Gefilden herumschwebte, bevor …

Knieblich winkte wieder. Ungeduldig. Als ob er Seifferheld für alterssenil hielt. „Hallo-o?“

„Hören Sie …“, fing Siggi an, aber da lugte ein rothaariger, alabasterhäutiger Frauenkopf über seine Schulter. So nahe, dass er den Pfirsichshampooduft ihrer Haare einatmen konnte. Und das Blumenparfüm.

„Guten Morgen“, flötete sie und streckte Knieblich die Hand entgegen. Unter ihrem Rock schob sich der Kopf von Onis zwischen ihren Beinen hindurch.

„Sehr angenehm. Knieblich.“ Er schüttelte ihre Hand. „Darf ich mein Gepäck kurz bei Ihnen zwischenlagern, Frau Seifferheld?“

Frau Hoppe lachte gackernd auf.

Seifferheld schloss die Augen. Auch diese Verwechslung würde sich bis zu Marianne herumsprechen, und sobald sie davon erfuhr, würde sie wissen wollen, warum er die Selund nicht augenblicklich hinausgeworfen und diesen blinden Maulwurf von Nachbarn, der eine gestandene Marianne nicht von einer magersüchtigen Gunda unterscheiden konnte, mit dem Spaten erschlagen hatte.

„Das ist Frau Selund“, stellte Siggi richtig.

„Ich bin die Ghostwriterin von Herrn Seifferheld.“ Sie strahlte. „Und selbstverständlich dürfen Sie Ihren Koffer hier abstellen. Habe ich das richtig gehört? Sie gelten als tot?“

Knieblich nickte. „Schrecklich ist das, einfach schrecklich. Wie kann denn jemand in meiner Wohnung ermordet und dann mit mir verwechselt werden?“

Diese Frage hatte ihre Berechtigung. Die innere Ermittlernase von Seifferheld zuckte. Er hatte im ersten Moment geglaubt, dass die tödlichen Schüsse des Einbrechers das Gesicht getroffen hatten und es deswegen zu einer Verwechslung kommen konnte. Aber das war durch die offene Aufbahrung eigentlich ausgeschlossen. Außer der Bestatter hätte den Toten mit einer Maske zum Phantom der Oper gemacht …

Gunda Selund stupste ihn mit ihrem Ellbogen aus seinen Überlegungen heraus. „Schlimme Sache, das muss selbstverständlich aufgeklärt werden, nicht wahr, Herr Seifferheld?“, rief sie, zweifelsohne mit eigennützigen Hintergedanken. Eine spektakuläre Verwechslung nach einer Gewalttat wäre erstklassiges Futter für das Buch, das sie schreiben wollte. „Sie können meinen Wagen nehmen, das geht schneller. Ich habe einen flotten Flitzer mit Pfeffer unter der Motorhaube. Er steht gleich vorn auf der Wendeplatte gegenüber vom Parkhaus. Ich passe so lange auf diesen süßen Schnuffel hier auf.“ Sie streichelte den riesigen Hundeschädel zwischen ihren Knien.

Seifferheld rollte mit den Augen. Die Frau gab echt alles, um ihn zum Einknicken zu bringen. „Wir müssen erst …“, setzte er wieder an, aber es war zwecklos.

„Vielen Dank, sehr freundlich!“ Knieblich schob seinen Koffer in den Flur und nahm die Autoschlüssel, die Gunda Selund aus ihrer Blazertasche fischte, entgegen. „Wollen wir?“

Seifferheld wollte nicht. Alles in ihm sträubte sich. Aber da wehte ihm der selundsche Pfirsichduft zu, und zum ersten Mal seit jenem fatalen Weihnachtsfeierkuss fühlte er sich versucht.

Er musste hier weg. Wieder zu Sinnen kommen. Ein kurzer Umweg über den Bestatter konnte ja nicht schaden.

Und gleich danach würde er dafür sorgen, dass Knieblich bei seinen Ex-Kollegen vorstellig wurde und das folgenreiche Missverständnis aufklärte.

Und sofort danach würde er seiner Marianne simsen, wie sehr sie ihm fehlte!

„Na gut.“ Seifferheld fischte seine beigefarbene Windjacke vom Garderobenständer. „Schön brav bleiben“, sagte er in Richtung Frau und Hund – wen er damit meinte, war nicht ganz klar.

Immerhin nickten beide synchron wie Wackeldackel.

3
Früher gab’s in Kleidung ein klitzekleines Schildchen mit der Waschanleitung, heute muss man die gesammelten Werke von Goethe rausschneiden

Heidewitzka!

Der rote Toyota Supra von Gunda Selund – ein Bonus-Überbleibsel aus ihrer Ehe mit dem Filialleiter einer Supermarktkette – brauste mit seinem Dampf machenden Sechszylinderturbo über die Haller Straßen.

Als Seifferheld sah, dass Frau Selund einen Sportwagen fuhr, hatte er Knieblich die Autoschlüssel abgenommen. „Ich fahre.“

Knieblich fügte sich ohne größere Gegenwehr. Schon deshalb, weil er ohnehin keinen Führerschein besaß. Und weil er – seit er die Nachricht von seinem Ableben gelesen hatte – irgendwie neben sich stand. Irgendwie hatte er Angst, dass es doch wahr sein könnte. Würde er gleich auf sein totes Alter Ego treffen? Ihm wurde übel.

Seifferheld umfuhr die verkehrsberuhigte Innenstadt und bretterte immer scharf am Tempolimit die Crailsheimer Straße und dann die Stuttgarter Straße entlang in Richtung Industriegebiet Kerz. Sie mussten nur einmal kurz vor einer roten Ampel am Scharfen Eck halten. Ein Fußgänger überquerte die Straße und winkte ihnen zu. Knieblich und Seifferheld winkten zurück. In Hall grüßte man sich noch, auch wenn man sich nicht kannte.

Das Trauerhaus Schönesief war relativ neu. Nach einem großen Skandal vor einiger Zeit, bei dem einem hiesigen Bestatter pietätloses Verhalten nachgewiesen worden war und er daraufhin fluchtartig die Stadt verlassen hatte, musste der freie Platz neu besetzt werden. Gestorben wurde schließlich weiterhin.

Dierolf Schönesief, gebürtiger Karlsruher, in vierter Generation aus der dortigen Bestatter-Dynastie Schönesief, hatte zugegriffen, um sich hier sein eigenes Imperium zu errichten. Er war ein äußerst salbungsvoller Enddreißiger in anthrazitgrauem Fischgrätanzug mit der Aura eines englischen Lords, der eins bestimmt nie sein konnte, egal wie sehr er sich bemühte: pietätlos. Selbst das schmucklose Betongebäude, das er – eingebettet zwischen einer Elektronik- und einer Möbelhausfiliale – vor kurzem im Industriegebiet Kerz angemietet hatte, wirkte unter seiner Ägide würdevoll.

Schönesief Trauerhaus, stand auf einem Marmorschild am Eingang. Neben der Tür lehnte ein Messingschild an der Hauswand, das noch auf seine Befestigung wartete: Geöffnet von 9 bis 19 Uhr und rund um die Uhr unter …

Knieblich hatte, weil es fünf Minuten vor neun und die Tür mithin noch verschlossen war, die angegebene Mobilfunknummer gewählt.

Seifferheld war das peinlich.

Als nur Sekunden später der hochgewachsene, extrem elegante Herr in einem grauen Fischgrätanzug mit einem gepflegten Menjou-Bärtchen die schwere Eichentür öffnete, sagte Seifferheld deshalb: „Bitte entschuldigen Sie, wir sind hier, um … äh … Ernst Knieblich die letzte Ehre zu erweisen, Herr …“ Er schaute auf das dezente Namensschild seines Gegenübers, wofür er sich ziemlich weit vorbeugen musste, weil er in der Eile seine Lesebrille nicht eingesteckt hatte. „… Schönesief.“

Der Chef persönlich. Außer dem Chef gab es im Trauerhaus nämlich niemanden. Die Geschäfte liefen sehr schleppend an. Wen der Haller nicht kennt, von dem lässt er sich nicht unter die Erde bringen.

„Sie haben vorhin schon einmal angerufen, ich erinnere mich.“ Bestimmt nervte es Schönesief, dass seine Besucher ihn schon in aller Herrgottsfrühe angerufen hatten und jetzt die fünf Minuten bis zur offiziellen Öffnung nicht einfach abwarten konnten, aber er ließ sich das nicht anmerken. „Sie sind Angehörige des Toten?“, fragte er mit sonorem Timbre.

Knieblich wurde rot und stotterte. „Also … öhm …“

Anfänger!

Seifferheld blieb die Ruhe in Person. „Ja“, sagte er, was nur penible Korinthenkacker für eine Lüge halten würden, denn Knieblich und der Tote waren für die Öffentlichkeit eins und somit mehr als verwandt – sie waren identisch! „Mein Name ist Seifferheld. Das ist Herr Knieblich.“

Er führte das nicht weiter aus. Ein Cousin dritten Grades? Ein Klon? Egal, Hauptsache, ein Knieblich.

Schönesief war aber gar nicht an Details interessiert. Er lächelte milde und nickte feierlich, auf diese für Bestatter – und Geistliche – typische Art und Weise. „Bitte hier entlang.“

Im Trauerhaus war alles grau in grau – die schmucklosen Wände, der Boden, das Mobiliar. Selbst die Luft schmeckte irgendwie grau. Wer hier fröhlich hereinspazierte, konnte förmlich spüren, wie ihm die Unbeschwertheit aus den Poren gesogen wurde.

Das Grau der Wände war farbgleich mit dem Grau von Schönesiefs Fischgrätanzug, und wenn er stehenblieb und sich nicht rührte, wurde er vermutlich eins mit der Wand und somit unsichtbar.

Vor einem Bogengang am Ende des Flurs blieb Schönesief stehen und drehte sich um. „Wenn ein lieber Mensch von uns geht, nimmt uns das grundsätzlich sehr mit. Aber ihn im Tode noch einmal zu sehen, kann sich zu einer besonderen Belastung entwickeln. Ich lasse Sie mit Ihrer Trauer allein. Zögern Sie jedoch nicht, mich zu rufen, wenn Sie Hilfe jedweder Art benötigen. Ich bin gleich gegenüber im Büro.“

Er trat zur Seite und zeigte mit dem ausgestreckten linken Arm durch den Bogengang auf den Raum gegenüber, durch dessen Tür man einen wuchtigen Eichenschreibtisch sehen konnte, auf dem eine weiße Gipsbüste Julius Cäsars stand. Alles sehr elegant und stilvoll.

Seifferheld nickte. Weil Knieblich sich nicht von der Stelle rührte, zog er ihn hinter sich her.

Im sogenannten „Saal des Abschieds“ – eigentlich kein Saal, sondern nur ein großes, fensterloses Zimmer – befand sich ein einziger Sarg. Er stand auf einem Podest und wurde von drei Strahlern dezent angeleuchtet. Es handelte sich um einen ausnehmend geschmackvollen burgunderroten Eichensarg mit funkelnden Messinggriffen, und auch das Podest strahlte in seiner Schlichtheit Eleganz und Stilsicherheit aus. Rundherum gab es einige Stühle mit Stuhlhussen, die ebenfalls in augenschmeichelndem Burgunderrot gehalten waren. Nachgerade eine Farbexplosion, angesichts des sonst vorherrschenden Grau in Grau.

Seifferheld war froh, dass Schönesief auf das übliche Brimborium verzichtete – keine Kerzen, weder duftlos noch duftend, kein überbordender Blumenschmuck, nichts. Neben den Stühlen nur ein Stehpult aus hellgrauem Marmor mit einem aufgeschlagenen Abschiedsbuch, in das man letzte Grüße eintragen konnte.

Und, wie gesagt, der Sarg.

Seifferheld lugte hinein.

Der Mann, der in der weißen Satinauskleidung nur friedlich zu schlummern schien, sah Ernst Knieblich nicht unähnlich. Was bei einem Durchschnittsgesicht wie dem von Knieblich auch nicht weiter schwer war. Schmächtige Statur, schüttere Haare – passte alles so ungefähr.

„Haben Sie einen Bruder, von dem Sie nichts wussten?“, fragte Seifferheld über seine Schulter hinweg.

Ein Schauder lief durch Knieblich, der zwischen Bogengang und Sarg wie angewurzelt stehengeblieben war. „Nein“, krächzte er. Und: „Ist es sehr schlimm?“

Offenbar war auch Knieblich der Gedanke gekommen, dass man dem Opfer das Gesicht zerschossen haben musste – warum sonst die Verwechslung?

„Keine Angst, alles gut. Man sieht ihm nichts an. Er scheint nur zu schlafen“, beruhigte Seifferheld. Er linste um Knieblich herum hinüber ins Büro. Schönesief saß mit dem Rücken zu ihnen an seinem Schreibtisch. Noch ein Bick an die Decke, um sich zu vergewissern, ob es hier Überwachungskameras gab, was nicht der Fall war, dann beugte er sich über den Sarg und öffnete den Janker, den der Tote trug, ebenso das Hemd darunter.

„Was machen Sie denn da?“, wollte Knieblich wissen, der sich immer noch nicht traute, näherzukommen. Erst den Silberrücken spielen und nach Antworten verlangen, aber dann im Angesicht der Tatsachen Muffensausen haben. Typisch Laie.

Seifferheld schob das Unterhemd des Toten hoch. Aber so genau er auch hinsah, er fand keine Wunden, die für den Tod des Mannes verantwortlich sein konnten. Er knöpfte Hemd und Jacke wieder zu und trat einen Schritt zurück. War das womöglich gar kein Mord, sondern ein Herzinfarkt?

„Kennen Sie den Toten?“ Er wandte sich an Knieblich.

Der wollte schlucken, war aber völlig dehydriert. Panisch schnappte er ein paar Mal nach Luft, wie ein Karpfen, der auf dem Trockenen gelandet war.

„Herr Schönesief“, rief Seifferheld mit deutlich erhobener Stimme, „Sie haben nicht zufällig ein Glas Cognac für Herrn Knieblich?“

Schönesief erhob sich geflissentlich, als ob er darauf gewartet hätte, dass man ihn brauchte. „Kommt sofort!“

Wenn Seifferheld früher, im aktiven Dienst, Todesnachrichten überbringen musste, hatte er immer einen Flachmann mit Weinbrand bei sich gehabt. Für genau solche Momente war das Zeug erfunden worden – und je stärker es brannte, desto besser.

Erstaunlich rasch kam Schönesief mit einem kleinen Tablett in den Abschiedsraum, auf dem ein Cognacschwenker mit einer bräunlichen Flüssigkeit stand. Ein typisch seifiges Bouquet waberte mit ihm herein. Das musste guter Stoff sein. Billiger Weinbrand roch nicht weich, sondern scharf.

Knieblich trank auf ex, hustete, rülpste, stellte das Glas zurück auf das Tablett, schüttelte sich und trat an den Sarg. Cognac macht mutig.

„Kenn ich nicht“, entfuhr es ihm. Er lächelte erleichtert.