titel_steinacher_tirol_hautnah_erlebt_1_850px_ebook.jpg

Titel

Tirol hautnah erlebt

Peter Nindler über Ludwig Steiner:
Ludwig Steiner – vom Widerstand zur Versöhnung

Die Gesinnung

Es war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, als der damals 23-jährige Widerstandskämpfer Ludwig Steiner im Innsbrucker Stadtteil Mariahilf einen Mann erkannte. Plötzlich lief alles wie in einem Film ab, handelte es sich bei dieser Person doch um den ehemaligen Nazi-Blockleiter von Mariahilf. „Er hatte sich immer wieder in unserem Haus umgehört, zuerst meinen Vater und dann mich angezeigt. Vier Mal musste ich mich vor der Geheimen Staatspolizei verantworten“, blickt Steiner zurück.1 Sein Vater, der Bäckermeister Ludwig Steiner sen., saß bis 1934 im Innsbrucker Gemeinderat und machte auch nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland aus seiner christlich-sozialen Überzeugung keinen Hehl. Von der Gestapo verhaftet, wurde er 1939 ins Konzentrationslager Dachau gebracht, zwei Wochen nach seiner Rückkehr aus dem KZ starb der überzeugte Demokrat im August 1941 an den Folgen der Haft. Der im April desselben Jahres zum Reichsarbeitsdienst nach Frankreich eingezogene Ludwig Steiner konnte seinen Vater nicht mehr sehen und nicht einmal bei der Trauerfeier zu Hause in Innsbruck sein. Er hatte zwar einen Marschbefehl für die Beerdigung, aber nach Interventionen der Gauleitung in Tirol wurde die Genehmigung zurückgenommen. Die Gesinnung seines Vaters hat Steiner zeit seines Lebens geprägt. „Als er schon todkrank war, sagte unser Pfarrer zu ihm, er hätte vielleicht doch nicht so laut seine Meinung sagen sollen. Darauf meinte mein Vater: ,Ja, ist schon recht. Ich war bei der leidenden Kirche, Du warst bei der Tarock spielenden.2

Jetzt stand der Blockwart vor dem jungen Ludwig Steiner. Nach einer schweren Verwundung, die ihn felduntauglich gemacht hatte, schloss er sich 1943 der Widerstandsgruppe „O5“ an. „Der Blockleiter war letztlich für den Tod meines Vaters verantwortlich. Mit der Maschinenpistole in der Hand habe ich eine Sekunde daran gedacht, ich sollte schießen: Aber ich habe es nicht getan, das hat mich lange gereut. Aber mein ganzes Leben bin ich froh gewesen, dass ich es damals nicht getan habe. Das waren zutiefst menschliche Momente.“ 3

Die Wurzeln des Widerstands entfalteten jedoch eine Gestaltungskraft und Überzeugung bei Ludwig Steiner, die ihn zu einer der ganz großen Persönlichkeiten der Zweiten Republik gemacht haben: Mitbegründer der Tiroler Volkspartei 1945, Sekretär von Außenminister Karl Gruber (1952/53) und Bundeskanzler Julius Raab (1953 bis 1958), Staatssekretär im Außenamt (1961 bis 1964), Botschafter in Griechenland und in Zypern (1964 bis 1972), Abgeordneter der Tiroler ÖVP im Nationalrat (1978 bis 1990), Vorsitzender von drei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen (Draken, Lucona, Noricum), stellvertretender Parteiobmann der Tiroler ÖVP (1991 bis 1996), außenpolitischer Sprecher der Volkspartei, Ehrenmitglied der Südtiroler Volkspartei, Präsident der politischen Akademie der Volkspartei (1989 bis 1996), Vizepräsident des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (2011) und Vorsitzender des Komitees des Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit (2000 bis 2005). Gerne wird Steiner als Doyen und Grandseigneur der österreichischen Diplomatie bezeichnet, er selbst zieht sich aber auch mit seinen 90 Jahren noch nicht auf diese Rolle zurück. Vielmehr sieht er sich in der Rolle eines Erzählers und politischen Pendlers zwischen der österreichischen Außen- und der Innenpolitik, der seine Standpunkte klar und deutlich umrissen einfügt. Politik und Diplomatie hatte er in seinem beruf­lichen Handgepäck, wenngleich er in seinen Erinnerungen 4 offen zugibt, dass sein Herz eigentlich für die Innenpolitik geschlagen hat. „Im Rückblick ist es unverkennbar, dass für mich die innerösterreichischen Vorgänge viel berührender waren, als es die Tätigkeiten im Ausland je sein konnten. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass ich bereits im politischen Erleben meiner Jugend auch emotionell vollen inneren Anteil am Geschick meines Vaterlandes genommen habe.“ 5

Steiners Lebenslinien verlaufen nicht nach einem Muster, doch Widerstand, Staatsvertrag, Südtirol und Aussöhnung formten sein Leben nachhaltig. Sein Engagement wurde zur Berufung, aus dem Widerstand entwickelte sich die Versöhnung.