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Tirol menschlich betrachtet

Zeitzeugen im Gespräch

Herausgegeben von Tiroler Tageszeitung, ORF Tirol und Casinos Austria

Ein einzigartiges Erlebnis

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Dr. Karl Stoss, Generaldirektor der Casinos Austria AG

Sehr geehrte Leserin,

sehr geehrter Leser,

wieder einmal ist es gelungen, in der nun schon vierten Staffel „Zeitzeugen-Gespräche“ großartige Persönlichkeiten aus Nord- und Südtirol, die sehr viel aus ihrem reichhaltigen Leben zu erzählen hatten, auf die Bühne des Casinos Innsbruck zu bringen. Das einmalige und einzigartige Erlebnis für die Zuhörer und Zuseher im Casino Innsbruck wurde souverän und spannend moderiert von Felix Mitterer, dem an dieser Stelle besonderer Dank gebührt. Gekonnt, einfühlsam, aber auch humorvoll hat er die Gespräche mit den „Zeitzeugen-Gästen“ geführt und diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten dem Publikum nähergebracht.

Bedanken möchte ich mich auch für die großartige Partnerschaft und Kooperation bei der Tiroler Tageszeitung und beim ORF Landesstudio Tirol, ohne die unsere „Zeitzeugen-Serie“ nicht diese Erfolge feiern könnte.

Großer Dank gebührt auch allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Casinos Innsbruck, die durch die professionelle Vorbereitung und Gastfreundschaft den Besuchern stets ein angenehmes Ambiente bieten.

Schon jetzt darf ich Ihnen ankündigen, dass es auch eine fünfte Staffel geben wird. In diesem Sinne freuen wir uns auch auf die fruchtbare Fortsetzung dieser Zusammenarbeit in der nächsten Gesprächsrunde mit namhaften Tiroler Persönlichkeiten.

Dr. Karl Stoss

Generaldirektor Casinos Austria AG

Meilenstein der Geschichts­schreibung

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Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding

Die Erfolgsgeschichte geht weiter – mit dem vierten Band unserer jetzt schon traditionellen Zeitzeugenserie präsentieren wir einmal mehr sechs Persönlichkeiten aus Süd-, Ost- und Nordtirol, die in verschiedenen Bereichen maßgeblichen Anteil an der beeindruckenden Entwicklung unseres Landes hatten und haben.

Helga Machne, Martha Ebner, Wendelin Weingartner, Balthasar Hauser, Rudi Wach und nicht zuletzt Reinhold Messner gelten allesamt als faszinierende VertreterInnen eines Tirols, auf das wir mit Recht stolz sein können.

Die Idee, deren persönliche Geschichten nachzufragen, niederzuschreiben und in einem Buch mit sechs Kapiteln zu veröffentlichen, betrachte ich als einen Meilenstein in der Bemühung, mehr über unser Tirol zu erfahren. Wir halten also hier gleichsam ein Nachschlagewerk in den Händen, das für mich sowohl der Bereicherung der Geschichtsschreibung durch einen persönlichen Blickwinkel dient wie auch der Stärkung unseres Geschichtsbewusstseins.

Ganz besonders freut es mich natürlich, dass es gelungen ist, mit Felix Mitterer einen Zeitzeugen der ersten Stunde als Star-Moderator zu engagieren. Felix, der Dramaturg, hat es meisterhaft verstanden, im richtigen Augenblick die richtigen Stichworte zu geben, er motivierte seine Gäste zum Erzählen, und es untermauert die Qualität der Gespräche, dass jedes einzelne in die Verlängerung ging.

Verbunden mit einem herzlichen Danke an unsere Zeitzeugen, an unsere Partner Casinos Austria und ORF Tirol, an Felix Mitterer und den Haymon Verlag wünsche ich viel Spaß bei der Lektüre und freue mich jetzt schon auf Teil fünf der Serie.

Hermann Petz

Vorstandsvorsitzender  der Moser Holding

Faszinierende Lebensgeschichten

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Helmut Krieghofer, Landesdirektor des ORF Tirol

In der bereits vierten Staffel der beliebten Gesprächs­reihe „Zeitzeugen“ ist die jüngere Zeitgeschichte Tirols einmal mehr spannend und sehr persönlich erzählt worden. An sechs Abenden haben jeweils Hunderte interessierter Tirolerinnen und Tiroler faszinierende Persönlichkeiten als Zeitzeugen erlebt, im Gespräch mit Felix Mitterer haben diese teils ganz neue Einblicke in ihre jeweiligen Lebensgeschichten zugelassen.

Rudi Wach hat als junger Künstler Tirol verlassen, um in Mailand zu studieren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Mit seiner Heimat ist er stets verbunden geblieben.

Reinhold Messner fesselt mit seinen Erzählungen über Jahrzehnte voller Abenteuer, beim Besteigen der weltweit schwierigsten Berge oder beim Durchqueren von Wüsten und Eisregionen.

Helga Machne hat als erste Stadtchefin von Lienz – und erste Bürgermeisterin einer Tiroler Stadt überhaupt – Politikgeschichte geschrieben. Schmunzeln kann sie heute darüber, dass ein Schützenhauptmann einst zunächst den Salutschuss für eine Frau verweigert hat.

Wendelin Weingartner gewährt als ehemaliger Landeshauptmann spannende Einblicke in die jüngere Tiroler Politikgeschichte. Der frühere Chef der Hypo Tirol Bank wurde als Quereinsteiger in die Politik geholt.

Martha Ebner, die Grande Dame im Verlagshaus Athesia, erzählt aus einem bewegten Leben, das die Zeitgeschichte Tirols spiegelt – von der Zeit der Option über die Attentate der Südtirol-Aktivisten bis in die Gegenwart.

Balthasar Hauser, der Stanglwirt in Going, ist seit Jahrzehnten Gastgeber für unzählige Prominente. Seine Philosophie von Gastlichkeit bringt der Stanglwirt mit „Bauer trifft Beckenbauer“ auf den Punkt.

In den „Zeitzeugen“-Gesprächen haben all diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten fesselnde Lebensgeschichten erzählt. Im „Trommelfell“ von ORF Radio ­Tirol waren die Höhepunkte aus den einzelnen Interviews bereits zu hören. Ich darf Ihnen eine kurzweilige Lektüre mit den ausführlichen Lebensgeschichten der „Zeitzeugen“ empfehlen.

Helmut Krieghofer

Landesdirektor ORF Tirol

Tiroler Geschichte in einfühlsamen Porträts

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Projektkoordinator Fred Steinacher

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Moderator Felix Mitterer im Gespräch mit Zeitzeuge Rudi Wach

Als wir 2012 begonnen haben, die faszinierenden Erlebnisse und Erinnerungen herausragender Tiroler Persönlichkeiten in Buchform zu veröffentlichen, war uns schon bewusst, dass wir mit diesen Beiträgen eine ganz besondere Form der Tiroler Geschichtsschreibung verwirklichen können. Tatsächlich ist es in all den Jahren und mit bisher – inklusive dieser Ausgabe – vier Bänden den Redakteuren der Tiroler Tageszeitung nicht nur perfekt gelungen, einfühlsame Porträts der Zeitzeugen zu vermitteln, sondern vor allem die Erinnerungen und Erlebnisse aus Vergangenheit und Gegenwart zu einem hochinteressanten Lesestoff zu verarbeiten.

Helga Machne, Martha Ebner, Rudi Wach, Wendelin Weingartner, Reinhold Messner und Balthasar Hauser – sie alle erzählten, meisterhaft geführt von Felix Mitterer als Moderator, ihre Lebensgeschichten, verrieten einer sehr aufmerksamen Zuhörerschaft bis dato unbekannte Einblicke in ihre persönlichen Zeitreisen.

Dabei sind „Bilder“ entstanden, die – quasi als roter Faden – auf unterschiedliche Art und Weise durch die Jahrzehnte führen, die Vergangenheit treffend, vor allem aber menschlich skizzieren.

Mit einem herzlichen Dankeschön an alle Zeitzeugen, den Redakteuren und Felix Mitterer wünsche ich viel Spaß mit diesem spannenden Lesestoff und freue mich auf die Vorbereitungen für die nächste Serie unserer Zeitzeugengespräche.

Fred Steinacher

Projektkoordinator Moser Holding

„Für a Weibische schiaß ma nit“ – Tirols erste Bürgermeisterin Helga Machne

Von Catharina Oblasser

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Helga Machne im Juni 2015 beim Zeitzeugengespräch in Innsbruck

„Geh ja nicht in die Politik“, hatte Helga Machnes Vater sie immer gewarnt. Dass die Tochter, die offensichtlich zur Chefin geboren war, sich nicht daran hielt, ­bescherte dem Land Tirol eine Premiere. 1994 wurde Helga Machne Lienzer Bürgermeisterin und damit das erste weibliche Gemeindeoberhaupt Tirols. Außerdem konnte sie als erste Frau überhaupt den Bürgermeistersessel einer österreichischen Bezirkshauptstadt erobern. Das hat der Vater nicht mehr erleben dürfen. Dass seine Tochter eine politische Karriere machen sollte, hätte er wohl nicht für möglich gehalten. 2003 trat Machne als Lienzer Bürgermeisterin zurück, war jedoch zu dieser Zeit schon weiter aufgerückt: Sie saß für die ÖVP im National­rat.

Die Metzgerstochter

Helga Machne wurde am 30. August 1938 als Helga Glanzl in Dölsach nahe Lienz geboren, als ältestes Kind eines Metzgermeisters. Sie hat drei Brüder. Aufgewachsen ist sie in Lienz. „Mein Vater musste damals nicht einrücken, er hat während des Krieges die Fleischverteilung übernommen“, erzählt sie. Bombenalarme waren während Helgas früher Schulzeit nichts Außergewöhnliches. „Ich war sechs Jahre und ging in die Volksschule im so genannten Klösterle“. Das Klösterle des Ordens der Dominikanerinnen gibt es heute noch. Eine Volksschule ist dort zwar nicht mehr, jedoch eine mittlere bildende Schule für Wirtschaftsberufe. „Uns wurde eingetrichtert, dass wir uns in einem Torbogen verstecken müssen, wenn die Sirene geht.“ Das musste die kleine Helga mehrmals machen. Die Mutter habe sie dann immer abgeholt, erinnert sie sich. Der Unterricht wurde für einige Kinder aus Sicherheitsgründen dann in ein Gebäude außerhalb der Stadt verlegt, in das Schlössl Bad Weiherburg.

Im Krieg haben Bomben auch Lienz getroffen. „In unser Haus am Hauptplatz sind sieben Bomben eingeschlagen“, so Machne. Das Kriegsende erlebten die Glanzl-Kinder in Dölsach, der Heimat der Mutter. Bis das Haus am Lienzer Hauptplatz wieder bewohnbar war, zog die Familie für ein Jahr in eine Baracke am Brennerleweg.

Mehr Bettler als Kunden

Politik sei nie ein großes Thema im Hause Glanzl gewesen, sagt die Alt-Bürgermeisterin. „Obwohl ich meine Eltern später sehr wohl gefragt habe: Wie hat man Hitler denn überhaupt zustimmen können?“ Ihre Mutter habe auf die 1930er-Jahre und die große wirtschaftliche Not damals hingewiesen. „Sie sagte: Damals haben wir im Geschäft mehr Bettler als Kunden gehabt“, erzählt ­Machne. Vor diesem Hintergrund habe damals vieles anders ausgesehen als heute. Ansonsten sind Kindheit und Jugend unspektakulär verlaufen. „Ich bin immer gerne in die Schule gegangen, ich hätte auch gerne studiert, doch das war damals nicht vorgesehen.“ Nach der Hauptschule absolvierte sie die Handelsschule, erlernte Buchhaltung und besuchte schließlich die Hotelfachschule in Bad ­Gastein. Dort arbeitete sie später als Rezeptionistin.

Ein Bad für Heinz Conrads

Sport war Helgas Vater immer ein großes Anliegen. „Er hat schon in den Bombenruinen unseres Lienzer Hauses Reck und Ringe aufgestellt, zum Trainieren.“ Tennis, eine Sportart, die Helga später zu ihrer großen Liebe finden ließ, erlernte sie als junges Mädchen. Auch ein kleines Schwimmbad errichtete Glanzl sen. in der Mühlgasse, wo zwei seiner Kinder heute noch leben. „Ich erinnere mich an eine Anfrage der Lienzer Stadtführung aus dem Jahr 1958. Heinz Conrads war in der Stadt, man suchte eine Schwimmgelegenheit für ihn. Damals gab es das Dolomitenbad noch nicht, nur die wenig ansehnliche Schwimmschule Lienz.“ Conrads hatte Glück und konnte bei den Glanzls privat planschen.

Das Tennisspiel brachte Machne übrigens sogar einen Titel – wie es sich für eine künftige Bürgermeisterin gehört – auf Gemeindeebene. Sie wurde einmal Lienzer Stadtmeisterin. Im Team schaffte sie sogar mehrere Kärntner Landesmeistertitel. Die Leidenschaft für Tennis ist in der Familie geblieben. Machnes erster Enkel ­Leonhard, Sohn der ältesten Tochter Alice, ist mit seinen elf Jahren heute unter den ersten zehn in der Rangliste seiner Altersklasse.

Die USA rufen

Skifahren gehörte ebenfalls zum sportlichen Repertoire der jungen Lienzerin. Und so dauerte es nicht lange, bis eine Anfrage von Othmar Schneider kam. Der Skipionier aus Lech am Arlberg hatte in Michigan, USA, eine Skischule gegründet. „Österreicher waren damals als Skilehrer sehr gefragt, und man verdiente relativ gut.“ Englisch konnte Helga Machne aus ihrer Schulzeit, die sportlichen Kenntnisse waren ebenfalls vorhanden. „Obwohl ich glaube, die haben uns eher nach dem Aussehen ausgewählt“, meint die Alt-Bürgermeisterin schmunzelnd. Wenn man ein Foto der jungen Helga aus den 1960er-Jahren sieht, so scheint das nicht so weit hergeholt. Schließlich wurde die Lienzerin Teil der 70-köpfigen Skilehrerbrigade von Othmar Schneider in Boyne Mountain. „Das Skiressort war mit heutigen Standards nicht zu vergleichen, was die Pisten betraf. Es liegt ungefähr auf der Höhe von Thurn.“ Zur Information: Die Gemeinde Thurn nördlich von Lienz liegt auf etwa 855 Metern Seehöhe. Damals war das Skifahren für die meisten US-Bürger noch Neuland. „Wir hatten hauptsächlich Anfängergruppen“, erzählt Machne. Technisch zeigten sich die Amerikaner aber schon damals auf neuestem Stand. Die erste Schneekanone der Welt war 1962 in Boyne Mountain im Einsatz. Der jungen Helga oblag das Kinderprogramm, auch nach dem sportlichen Unterricht galt es, sich um die Skischüler zu kümmern. Denn im Gegensatz zu den Lienzer Skigebieten war es in Boyne Mountain damals schon Standard, die Gäste umfassend zu betreuen, mit ihnen rodeln zu gehen und für Unterhaltung zu sorgen. In anderer Hinsicht herrschte dort jedoch noch tiefstes Mittelalter. „Es war Schwarzen nicht erlaubt, das Ressort zu betreten“, erinnert sich Machne.

Daumenhalten um vier Uhr früh

In den USA traf sie den Olympiasieger und Slalomweltmeister von 1964, Pepi Stiegler, ebenfalls ein Lienzer. „Er konnte nicht Englisch, ich habe gedolmetscht. In guter Erinnerung ist mir das Treffen geblieben, weil Pepi sagte, er würde nie in die USA auswandern“, erzählt Machne. Dabei ist Stiegler 1965 in die USA gegangen und hat im Wintersportort Jackson in Wyoming seine eigene Skischule gegründet. Bis 1994 leitete er sie. Stieglers Olympiasieg in Innsbruck war übrigens auch jenseits des großen Teiches eine aufregende Angelegenheit. „Erst hätte er gar nicht starten dürfen, weil er nicht qualifiziert war, doch das hat sich dann regeln lassen“, erinnert sich Machne. Schließlich saßen die Osttiroler fiebernd vor dem Fernsehapparat, als das Rennen übertragen wurde – bedingt durch die Zeitverschiebung um vier Uhr früh. „Es war wie ein Krimi“, weiß Machne noch.

Mehrere Wintersaisonen arbeitete die Bürgermeisterin in spe als Skilehrerin in den USA. Für den Sommer hatte sie gleichlautende Angebote. „Ich hätte im Sommer in Chile in Skigebieten unterrichten können. Aber das wollte ich nicht“, erzählt sie. Erklärung: Heimweh.

Luxus in Hongkong

Andererseits war Machne in jungen Jahren eine richtiggehende Weltenbummlerin. Wenn es Schule und Arbeit zuließen, unternahm sie Reisen nach Paris und Rom und belegte dort auch Sprachkurse – mit entsprechend positiven Auswirkungen auf ihre Fremdsprachenkenntnisse. „Englisch und Italienisch beherrsche ich ziemlich gut, Französisch auch ein bisschen“, erzählt sie. Glanzpunkt der jungen Globetrotterin war eine Weltreise mit ihrer besten Freundin, der Tochter des Glocknerwirts aus Heiligenblut. 1964 waren die beiden zwei Monate rund um den Globus unterwegs, unter anderem auch in Hongkong. Wie das? „Ich führte damals ein Hotel Garni mit 30 Betten am Lienzer Hauptplatz. Stammgäste waren eine Familie, ein Diplomatenehepaar mit einer kleinen Tochter. Die Familie besaß in Hongkong ein Haus und lud uns ein. Unser Aufenthalt dort war der reinste Luxus“, schwärmt Machne noch heute.

Diaabend mit Folgen

Schon bald siegte die Heimatverbundenheit endgültig über das Fernweh. Mit ein Grund war ein gewisser Manfred Machne, ein Architekt aus Dellach im Drautal. Und auch da spielte der Tennissport eine Rolle. Nach der Rückkehr von der Tour um den Globus bat der Tennisclub Lienz die Weitgereiste, einen Diavortrag über ihre Erlebnisse zu veranstalten, Manfred war unter den Zuhörern. „So haben wir uns kennen gelernt“, schmunzelt die Politikerin. „Das war im Mai 1964.“ Ein Jahr später wurde auf Schloss Bruck in Lienz geheiratet. Heute hat das Ehepaar Machne drei Kinder: Alice, die Wirtschaft studierte, Hans-Peter, der als Architekt in die Fußstapfen seines Vaters trat und Rainer, einen Molekularbiologen. Die vier Enkel sind zwischen sieben und elf Jahre alt.

In Innsbruck studiert hat übrigens keines der Machne-­Kinder, und das mit Absicht. „Ich habe das bei meinem Vorgänger Hubert Huber erlebt, wie Kinder eines Politikers auf der Uni Vorurteilen ausgesetzt waren“, begründet die Mutter. Teils aufgrund der Partei, die die Eltern vertreten, teils weil Politikerkindern oft unterstellt würde, sie hätten es viel leichter als der Durchschnittsstudent. „Unsere Kinder haben in Wien und Graz studiert, wo kein Mensch sich für ihre Herkunft interessierte.“

Die Sache mit dem Akzent

Was hat es eigentlich mit dem Akzentstrich auf dem letzten Buchstaben des Namens „Machne“ auf sich, der je nach Schreibweise auftauchte oder nicht? „Verwandte meines Mannes in Klagenfurt schreiben ihren Namen mit Akzent, und mein Mann hat den Akzentstrich auch immer verwendet“, erzählt die Alt-Bürgermeisterin. Man wisse zwar mit Sicherheit, dass der Name nicht aus dem Französischen komme, mehr aber nicht. „Er kann aus Slowenien oder Triest stammen oder auch jüdischen Ursprungs sein, da gibt es mehrere Theorien“, so Machne. Anders als bei den Klagenfurter Verwandten war bei den Lienzer Machnes der Akzentstrich jedoch nicht im Pass eingetragen. Dort hakten Machnes politische Gegner ein. Sie setzten durch, dass die Schreibweise des Bürgermeisterinnen-Namens in allen offiziellen Schriftstücken der Schreibweise im Pass entsprechen muss, denn das allein gilt als amtlich. Also ohne Akzentstrich.

Anonyme Anzeigen

Heute hat Machne nur ein Achselzucken für diese Polemik früherer Jahre übrig. Musste sie sich während ihrer politischen Laufbahn, vor allem in der Zeit als Minderheits-Bürgermeisterin, ein dickes Fell zulegen? „Als dickes Fell würde ich es nicht bezeichnen“, meint sie nachdenklich. „Ich habe immer bestimmte Ziele vor Augen gehabt. Gewisse Dinge habe ich an mir abprallen lassen. Ich wurde angegriffen und beschimpft, es gab auch ano­nyme Anzeigen.“ Heftige Angriffe seien vor allem von den kleinen Oppositionsfraktionen im Gemeinderat gekommen. Trotzdem dürfe man seine Sensibilität nicht verlieren. Aber: „Ich kann schon was wegstecken.“

Wegstecken musste Helga Machne schon so einiges, bevor sie überhaupt Bürgermeisterin wurde. Denn das war dem Umstand zu verdanken, dass niemand anderer – im Klartext: kein Mann – den Job machen wollte, wie sie beim Zeitzeugen-Gespräch im Casino Innsbruck erzählt. Was damals wahrscheinlich weniger lustig war, schildert die Alt-Bürgermeisterin heute mit viel Humor, Augenzwinkern und einem Gespür für erheiternde Anekdoten.

„Helga, du hättest ja Zeit“

Seit 1986 befand sich Machne auf der Liste des Lienzer ÖVP-Langzeitbürgermeisters Hubert Huber im Gemeinderat. Huber glaubte an sie und machte sie 1992 zur Stadträtin. 1994 war dann das Jahr der Entscheidung. „Huber trat aus gesundheitlichen Gründen zurück und fragte seinen ersten Vize, einen Bankdirektor. Doch der konnte nicht“, erinnert sie sich. Auch der zweite Vize – das war damals Johannes Hibler, der Machnes Nachfolger werden sollte – weigerte sich mit Hinweis auf seine junge Familie. „Dann herrschte Ratlosigkeit im Club. Bis jemand sagte: Helga, du hättest ja Zeit.“ Das hatte sie allerdings, denn die Kinder waren schon aus dem Haus. „Und mein Mann war ein toleranter Mensch, der ging ja ohnedies so oft Golf spielen.“

Als Helga als Kandidatin vorgestellt wurde, „ging ein Raunen durch die Stadt. Alle haben mich so komisch angeschaut, und ich hörte eine Frau sagen: Ja haben die denn keinen Mann gefunden?“

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Helga als Kleinkind. Das Bild ­entstand während des Krieges.

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Helga als junge Dame.

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Der „schwarze Blitz aus Kitz“, Toni Sailer, traf Helga während eines Besuchs in Boyne Mountain.

Für die Kandidatin, die von keinem wirklich erwünscht war, ging es hart auf hart. Als die Lienzer Gemeinderäte ihr neues Oberhaupt wählen sollten, verließen neun der 21 Mandatare den Saal. Ein stärkeres Zeichen der Missbilligung ist kaum vorstellbar. „Aber von den verbliebenen zwölf haben mich zehn gewählt. Somit war ich Bürgermeisterin“, erzählt sie, die damals, im Mai 1994, auch zur ersten Bürgermeisterin Tirols wurde.

Kaum im Amt, spürte Machne sogar von unerwarteter Seite Widerstand gegen eine Frau an der Spitze. Beim jährlichen Lienzer Stadtfest im August stand stets ein landesüblicher Aufmarsch der Schützen samt Salutschuss für den Bürgermeister auf dem Programm. „Am Vorabend kam der Schützenhauptmann zu meiner ­Mitarbeiterin und teilte ihr kurz und bündig mit: Für a Weibische ­schiaß ma nit!“ erinnert sich Machne lächelnd. Obwohl die „Weibische“ kein großes Aufheben darum machte, trat der Schützenvorstand noch einmal zu einer Krisensitzung zusammen. Ergebnis: Der Salut sollte doch geschossen werden, ausnahmsweise sogar für eine Frau. „Ich habe, um es dem Schützenhauptmann leichter zu machen, gesagt, sie sollten den Salut dem Alt-Bürgermeister Hubert Huber widmen, denn der hatte an diesem Tag Geburtstag. Nach den Schüssen bin ich, so wie es üblich war, die Front abgeschritten, im Dirndl“, erzählt die Alt-Bürgermeisterin weiter. Dem Protokoll folgend, musste der Hauptmann zum Abschluss um weitere Befehle bitten. Das tat er auch, und zwar mit folgenden Worten: „Erbitte weitere Befehle, Herr Bürgermeister.“ „Dabei hatte der Hauptmann Tränen in den Augen. Ich habe in die verunsicherten Gesichter gesehen, und es war geradezu rührend. Da merkte ich, dass eine Veränderung stattgefunden hat“, sinniert Machne.

Sogar das korrekte Türschild an ihrem Büro musste sich die neue Chefin erst erstreiten. Zuerst hieß es „Der Bürgermeister Frau Helga Machne“. Mit dem Hinweis darauf, dass man bei einem Hausmeisterposten auch „Die Hausmeisterin“ schreiben würde, brachte Machne die Gebäudeverwaltung zum Umdenken. Nur das städtische Bauamt bestand auf der männlichen Formulierung, bis sie mit sanftem Druck reagierte. „Ich habe gesagt, ich unterschreibe keinen Bescheid mehr, auf dem ‚Der Bürgermeister‘ steht. Das hat geholfen.“

Die Bürger als Bollwerk

Mit nur zehn von 21 Mandaten im Lienzer Gemeinderat musste Machne stets eine Mehrheit suchen. Das war nicht immer leicht. „Die anderen haben ja nur darauf gewartet, dass ich untergehe“, meint sie rückblickend. Als Rückenstärkung veranstaltete die ­frischgebackene Chefin Bürgerversammlungen. Erster Anlass war der geplante Neubau des Arbeiterkammerhauses. „Der damalige Präsident Fritz Dinkhauser hat in Aussicht gestellt, die Hälfte der Kosten zu übernehmen, wenn der Vorplatz bis zu einer bestimmten Frist neu gestaltet würde. Da ging es immerhin um 500.000 Schilling“, schildert die Alt-Bürgermeisterin. Der Knackpunkt: Laut Konzept mussten drei Bäume gefällt werden. „Die Gemeinderäte stellten die Haare auf, als sie davon hörten und waren dagegen.“ Doch bei der Versammlung der Anrainer, die Machne einberief, waren die Meinungen größtenteils positiv, erzählt sie: „Als einer der dagegen eingestellten Gemeinderäte die Meinung vertrat, die Bäume dürften nicht sterben, entgegnete ein Anrainer: Was mischen Sie sich da ein, Sie wohnen ja nicht einmal hier!“ Die Bürger hatten gesprochen, Helga hatte gesiegt. „Nachdem klar war, dass die anwohnenden ­Lienzer das Projekt akzeptierten, waren auf einmal auch alle Gemeinderäte dafür.“ Ähnlich verfuhr Machne beim neuen Heizwerk, der so genannten Stadtwärme. Das Biomasse-Heizwerk sollte sicherstellen, dass die Lienzer Luft, verpestet von viel zu vielen einzelnen Öl- und Holzfeuerungen, besser würde. „Das war eigentlich eine Anregung von einem meiner Gegner, einem oppositionellen Gemeinderat. Doch ich fand, er hatte Recht“, sagt die Alt-Bürgermeisterin. In zahlreichen Bürgerversammlungen machte Machne den Lienzerinnen und Lienzern das klimafreundliche Heizwerk schmackhaft. Mit Erfolg: Heute hat die Osttiroler Bezirkshauptstadt durchwegs gute Luftwerte.

Auf andere Weise als mit Bürgerversammlungen musste sich die Stadtchefin bei der Errichtung des Golfplatzes behelfen, der nahe Lienz für eine Belebung des Tourismus sorgen sollte. Im Gemeinderat ging es dabei um die Summe von 180.000 Schilling, die für die Gründung der Golfplatzgesellschaft nötig war. Mit ihrer knappen Minderheit hatte Machne auf direktem Weg keine Chance, elf Gegner standen der zehnköpfigen ­Machne-Fraktion gegenüber. „Die SPÖ plakatierte damals sogar ‚Arbeitsplätze statt Golfplätze‘, was ein Unsinn ist. Heute sieht man, dass der Golfplatz sehr viele Arbeitsplätze geschaffen hat.“ Dass Machnes Mann passionierter Golfspieler ist, brachte ihr weitere böse Unterstellungen ein.

Jedenfalls unterbrach die Bürgermeisterin die Sitzung, um einige der gegnerischen Mandatare zu bearbeiten und auf ihre Seite zu ziehen. Eine Stimme reichte aus, und die fand sie schließlich auch. Dabei handelte es sich um den Sportausschuss-Obmann. „Mein Argument war, ein Sportausschuss-Obmann kann doch nicht gegen Golf sein. Es hat gewirkt“, erzählt Machne. „Ohne Golf kann man in der heutigen Zeit keinen Tourismus machen, dieser Überzeugung war ich damals und bin es nach wie vor.“

Die Stadt vermarkten

Mehr Leute in die Stadt bringen, den Handel stärken, die Wirtschaft ankurbeln: Diese Ziele, die fast jede Kommune hat, verfolgte Helga Machne auf ihre eigene Weise. „Ich dachte an die vielen erfolgreichen Auslands-Osttiroler und lud einige von ihnen im Zuge des Stadtfests zum Essen ein, um sie zu fragen, was sie für ihre alte Heimat tun könnten.“ Mit dabei: Hans Kastner, der zurückhaltende und äußerst fotoscheue Mastermind von Red Bull. Sein Vorschlag: ein Stadtmarketing gründen und Werbung machen. Kastner lud alle Gemeinderäte auf die Moosalm, ein Ausflugsgasthof auf einer Anhöhe über Lienz. „Dort präsentierte er sein Konzept der Sonnenstadt Lienz“, erinnert sich Machne. „Sein Credo: Durchschnittliches wird untergehen, nur das Außergewöhnliche hat Chancen, sich durchzusetzen. Dieses Außergewöhnliche gilt es zu finden.“ Ein Verein wurde gegründet, das Stadtmarketing bekam eine Stabsstelle im Rathaus und eigene Mitarbeiter. Seither war das Stadtmarketing federführend bei der Erfindung des Stadtmarkts, einem Bauern- und Frischemarkt, der jede Woche in der Messinggasse zu finden ist und regen Zulauf hat. Die Einrichtung begleitete auch die Umgestaltung, Verkehrsberuhigung und Verschönerung weiter Teile der Lienzer Innenstadt. Auf der Aktivseite des Stadtmarketings finden sich weiter der Christkindlmarkt, die Revitalisierung der historischen Tammerburg im Norden von Lienz, eine Geschäftsflächenerhebung und die Einbindung des Krampusbrauchs in den Lienzer Advent.

Als die Grenze fiel

In Helga Machnes erste Amtszeit fiel der EU-Beitritt Österreichs 1995. Eine Außengrenze, jene zu Italien in Sillian, fiel buchstäblich vor ihren Augen. „Mit den damaligen Landeshauptleuten Wendelin Weingartner und Luis Durnwalder haben wir die Grenze symbolisch geöffnet. Der Beitritt hat uns gut getan“, meint die Alt-Bürgermeisterin. Persönliche Erinnerungen spielen dabei eine große Rolle. „Als ich mit 19 Jahren in Paris war, hätte ich eine gute Stelle in einem Hotel bekommen. Doch es war nicht möglich, eine Arbeitserlaubnis zu erhalten. Heute ist das alles selbstverständlich, dass junge Leute in ganz Europa lernen, studieren und arbeiten. Die EU kann ich mir nicht mehr wegdenken.“

Viele der Gäste kommen über den Drauradweg, der zu Machnes Zeiten ins Leben gerufen wurde – auch dies ein „Baby“ des Stadtmarketings. Das Konzept: Vom Südtiroler Innichen die Drau entlang per (Leih-)Rad nach Lienz und mit dem Zug zurück. „Damals habe ich die ÖBB um einen kleinen Kostenbeitrag für eine Werbebroschüre gebeten. Da hieß es, das geht nicht, denn das ist für uns eine Konkurrenz“, erinnert sich die Alt-Bürgermeisterin schmunzelnd. Davon kann heute keine Rede mehr sein, im Gegenteil. Die Tausenden Radgäste, die jeden Sommer kommen, werden mit enormem logistischen Aufwand und doppelstöckigen Spezialwaggons zurück nach Italien befördert. „Heute machen die ÖBB ein Bombengeschäft damit“, meint Machne.

Souveräner Sieg

1998 war Helga Machnes erste Amtszeit als Bürgermeisterin zu Ende, es standen neue Gemeinderatswahlen an. Im Gegensatz zur Wahl vier Jahre zuvor musste sie sich diesmal dem direkten Votum der Lienzer Bevölkerung stellen. Und diese schenkte ihr mehrheitlich das Vertrauen, sie gewann mit 55 Prozent im ersten Wahlgang. Weiterer Triumph: Auch im Gemeinderat holte sie die absolute Mehrheit für ihre ÖVP. „Dann habe ich fünf Jahre ein angenehmes Regieren gehabt. Ich musste die Opposition nie mit ins Boot holen.“

Und das tat sie auch nicht, was der Stadtmutter oft Kritik einbrachte. Von „Drüberfahren“ und fehlendem Demokratiebewusstsein war die Rede. Doch, wie schon eingangs erwähnt, meint sie: „Ich kann schon was wegstecken. Ich sehe es wie ein Tennismatch: Der letzte Ball ist entscheidend.“ Dass die Möglichkeit, rasch und selbstständig zu entscheiden, manchmal rettend sein kann, illustriert Machne am Beispiel von Schloss Bruck. Das altehrwürdige Gemäuer am Stadtrand von Lienz sollte für die Tiroler Landesausstellung im Jahr 2000 adaptiert werden. „Fast täglich sind Meldungen gekommen, was noch alles gerichtet werden muss. Einmal hieß es, der Boden bricht ein, wir müssen etwas tun. Hätte ich da jedes Mal eine Gemeinderatssitzung einberufen müssen, um darüber zu entscheiden, wären wir nie fertig geworden.“

Dennoch wusste die Stadtmutter auch mit Argumenten zu überzeugen, und dabei ließ sie sich sogar von einem Coach unterstützen. „Es war ein Seminar, das der damalige Landeshauptmann Wendelin Weingartner mir angeboten hat. Der Trainer, ein Engländer, fragte mich, was zurzeit das drängendste politische Problem sei. Das war die Parkraumbewirtschaftung in der Stadt.“ Heute unvorstellbar, gab es vor der Ära Machne in ganz Lienz keine Kurzparkzonen, und schon gar keine gebührenpflichtigen. Genau das wollte die Bürgermeisterin aber einführen. „Die Kaufleute waren natürlich alle dagegen. Ich habe dann auf das Argument gesetzt, dass Kurzparkzonen die Parkplätze für die Kunden der Geschäfte freihalten. Bisher hatten nämlich die Einpendler schon in der Früh die Stellplätze besetzt. Wer später einkaufen wollte, fand keinen Parkplatz.“ Das zog. Letztlich waren auch die hartnäckigsten Gegner mit der Neuerung einverstanden.

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Die Hofübergabe: Langzeit-Bürgermeister Hubert Huber zieht sich zurück, Helga Machne ist neue Bürgermeisterin.

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„Für a Weibische schiaß ma nit“: Die Lienzer Schützen, die anfangs nichts mit einer Frau als Stadtoberhaupt anfangen konnten, änderten ihre Meinung. Es gab dann doch Salutschüsse für Helga Machne.

Die Frauenfrage

Machen Frauen anders Politik als Männer? Nein, meint Helga Machne. „Es kommt auf den Menschen an.“ Und müssen Frauen besser sein als die Männer, um das Gleiche zu erreichen? Auch das verneint Machne. „Ich glaube, Frauen machen es anders.“ Für sie selbst habe das bedeutet, aus der Not eine Tugend zu machen. „Ich bin immer zu den Leuten gegangen.“ Letztlich habe sie alle 12.000 Lienzer gekannt, scherzt sie.

Was die Politikerin i. R. allerdings sehr wohl für nötig hält, ist eine Frauenquote. „Ohne eine solche wird es in der Politik nicht gehen, wenn mehr Frauen vertreten sein sollen. Eine Quote von 40 bis 50 Prozent könnte ich mir vorstellen.“ Frauen seien eben nicht so leicht zu überzeugen, sich in der Politik zu engagieren. „Dabei gibt es heute so viele gut qualifizierte Frauen, und die müssen auch in Position gebracht werden.“

Die Männer in der ÖVP sahen in der Frau Helga Machne jedenfalls großes Potenzial, schon als ihr Vorgänger Hubert Huber sie in die Politik holte. „Vor der Wahl 1994 haben sich auch der damalige Landeshauptmann Wendelin Weingartner und der ÖVP-Geschäftsführer Helmut Krieghofer sehr für meine Nominierung eingesetzt, weil sie eine Frau wollten. Der Club tat sich da eher schwer.“ Mit einem Schmunzeln erinnert sich Machne daran, wie sie als Kandidatin vorgestellt wurde. Diese Aufgabe übertrug Hubert Huber seinem Vizebürgermeister. Der seufzte nur: „Mir bleibt auch wirklich nichts erspart.“

Was Machne als Frau anders machte, als es ein Mann wahrscheinlich getan hätte: Bloß ein Mandat zu besetzen war ihr zu wenig. „Als Hubert Huber mich damals für seine Liste wollte, habe ich gefragt, was ich da zu tun hätte. Er sagte: Nichts. Ich habe mir gedacht: Nichts? Das ist mir zu wenig.“ Also wurde Machne, als sie Gemeinderätin war, von sich aus aktiv. Sie schnappte sich die Müllagenden, wurde Stellvertreterin im späteren Osttiroler Abfallwirtschaftsverband und arbeitete ein dickes Konzept zur Müllvermeidung und Abfallbeseitigung aus. Als sie damit vor die anderen 32 Bürgermeister des Bezirks trat, nahmen die sie nicht besonders ernst. „Ja, ja, Gitsche 1, da werden wir wohl noch 20 Jahre dafür brauchen“, meinte der Verbandsobmann zu Machne. Dem war nicht so. Schon fünf Jahre später waren alle Maßnahmen umgesetzt.

Der Sozialsprengel

Auch das Soziale überließ man gerne ihr. Man solle in Lienz einen Sozialsprengel gründen, wollte das Land. „Der Bürgermeister sagte damals zu mir: Du kannst wohl einen gründen, aber Geld gebe ich dir keines“, erinnert sich Machne. Wieder war es der Tennisclub, wo Machne fündig wurde. Mit zehn Freundinnen wurde der Sprengel gegründet, alle arbeiteten ehrenamtlich in der Organisation mit. Die Betreuung in Form von Nachbarschaftshilfe, anfangs noch von Freiwilligen für einen kleinen Obolus geleistet, musste recht schnell auf mehr Fachkundigkeit umgestellt werden. Heute ist der Lienzer Sozialsprengel ein hochprofessioneller Betrieb mit mehr als 40 Mitarbeitern. Machne selbst war 30 Jahre lang Obfrau bzw. Geschäftsführerin. Auch als sie schon längst Bürgermeisterin war, setzte sie sich immer mit viel Vehemenz für „ihren“ Sprengel ein: unter anderem, als der frühere SPÖ-Soziallandesrat von allen Tiroler Sprengeln eine Vereinheitlichung bei Leistungen und Preisen verlangte. Außerdem sollten die Beiträge der Patienten nach deren Einkommen gestaffelt werden. Das bedeutete nicht nur für Lienz, dass Besserverdiener sich die Sprengeldienste nicht mehr leisteten. Es war für sie schlicht zu teuer geworden. Doch letztlich musste sich Machne dem Land beugen, obwohl sie darauf aufmerksam machte, dass der Sprengel wegen der geänderten Tarife Kunden verloren habe und sogar Personal entlassen werden musste.

Schach dem Vize-Bürgermeister

Obwohl Helga Machne nach ihren eigenen Worten viel lieber „nix tut“, als zu arbeiten, war ihr das Nichtstun verwehrt: Und das nicht nur aus den offensichtlichen Gründen, denn ein Bürgermeisterposten bringt naturgemäß viel Arbeit mit sich. Doch während ihrer ersten Amtszeit verzichtete sie sogar auf jeden Urlaub. „Wenn ich weggefahren wäre, dann wäre mein Vizebürgermeister Bürgermeister gewesen. Und das wollte ich nicht“, erklärt sie freiheraus. Der Vize, das war nämlich ein Vertreter der SPÖ.

Die Metzgerweiber

Eine Freundschaft verband Machne für lange Zeit mit der früheren Innsbrucker Bürgermeisterin Hilde Zach. „Wir kannten uns schon lange Jahre, bevor Hilde Bürgermeisterin wurde, aus der Gruppierung ‚Frau in der Wirtschaft‘. Ich habe sie sehr geschätzt, sie war eine liebe und gute Freundin.“ Als 2002 Zachs Karrieresprung kurz bevorstand, gingen die zwei Frauen einmal spazieren. „Da sage ich zu ihr, so, jetzt wirst du auch Bürgermeisterin, da sind wir schon zwei. Sie lachte und meinte: Da werden die Leute dann sagen: Ja, die zwei Metzgerweiber“, erinnert sich Machne mit einem Lächeln. Zach starb 2011 an Krebs.

Kampf der Landflucht