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Gunter Bakay

PHILIPPINE WELSER

Eine geheimnisvolle Frau und ihre Zeit

© 2013

HAYMON verlag

Innsbruck-Wien

www.haymonverlag.at

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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ISBN 978-3-7099-7308-0

Umschlaggestaltung: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Buchgestaltung und Satz: Karin Berner nach Entwürfen von Stefan Rasberger

Umschlagbild: Schloss Ambras, Quelle: Wikimedia Commons/Andrew Bossi
Autorenfoto: Maria Peters
Da wir nicht für alle Bilder der Printausgabe eine Genehmigung zur Verwendung in der digitalen Ausgabe erhalten konnten, scheinen einige Bilder in diesem Ebook geschwärzt auf.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at

Inhaltsverzeichnis

   

Auftakt

Augsburg im 16. Jahrhundert – Philippines Background

Fuggerstadt

Der Perlachplatz

Des Herrn Fuggers Palazzo

Das Esszimmer

Die Tischgesellschaft

Abstecher nach Westindien

Zurück zu Tisch

Erster Auftritt Philippines

Philippinae Geburt

Der erste Schluck

Genealogischer Einschub: Das Fräulein Adler

Franz

Zurück zur Wöchnerin

Jahre im Off

Küchenlatein

Der Münzfund – eine erste Begegnung?

Bella Philippina

Schöne Philippine?

Bummelchen hinterm Herd

Die verdächtigen Jungfrauen

Erzherzog Ferdinand II.

Wohnhaft in Innsbruck

Der Feldherr

Schlachten in der Silbernen Kapelle

Philippine und Ferdinand

Bresnitz, Březnice

Die alte Jungfer

Wasserballett

Die Konkubine

Heiratspläne

Die geheime Hochzeit

Hochzeitsnacht

Die ganz geheimen Früchte der Liebe

Versöhnung mit dem Vater

Von Bresnitz nach Pürglitz (Křivoklát)

Die Kräuterhexen

Jan Augusta

Langsamer Aufbruch nach Tirol

Ambras

Der Einzug

Das Schloss

Haus- und Hofhaltung

Grande Dame?

Von inneren und äußeren Werten

Anno Domini 1576

Von Leib und Seele

Geliebte Kräuterhexe

Dem Ende zu (1570–1580)

Ich sich etwas, das mich freut … Philippines Tod

Begräbnis

Leben nach dem Tod

Ermordung und Wiederauferstehung der Philippine Welser

Anmerkungen

Anhang

Das philippinisch-ferdinandeische Beziehungsgeflecht

Chronik

Literatur (Auswahl)

Personenregister

Auftakt

   

Im Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum in Innsbruck hängt ein großformatiges Ölbild, das wir ruhigen Gewissens als Schinken bezeichnen dürfen. Wer unvorbereitet darauf stößt, wird an der Hängung der Kuratoren zweifeln, wird sich jedenfalls fragen, was das ca. 166 x 215 cm große Unding zwischen den anderen durchaus qualitätsvollen Arbeiten zu suchen hat. Wer nicht weiß, dass er sich vor einem bedeutenden Mythos der Tiroler Geschichte befindet, der wird jedenfalls staunen.

Das überraschende Bild stammt von Giustiniano degli Avancini aus Belluno. Wie aus dem Jahrbuch des Museums von 1825 hervorgeht, hat der Maler damit einen Beweis sowohl seines Kunsttalents als auch seines vaterländischen Patriotismus’ gegeben. An Ersterem mag man zweifeln, an Zweiterem sicher nicht – dies umso weniger, als dass Avancini dem Bild auch noch eine eigens verfasste Novelle beigelegt hat, welche den Titel Ferdinando – Conte del Tirolo trägt.

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Erzherzog Ferdinands II. sagenhafte erste Begegnung mit Philippine Welser während des Geharnischten Reichstages 1547/48 in Augsburg. Romantischer Ölschinken von Giustiniano degli Avancini, Ferdinand erblickt Philippine Welser, 1825 (Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum, Innsbruck; Foto: Frischauf-Bild)

Geschildert wird in Wort und Bild die erste Begegnung von Philippine und Ferdinand – sie Bürgerstochter, er Erzherzog aus dem Hause Habsburg. Folgt man der Novelle, dann geschah dies an einem Abend im Jahre 1548 während des Reichstages in der berühmten Stadt Augsburg: Ferdinand und zwei Begleiter erholen sich auf einem Ritt durch die Häuserzeilen und über die Marktplätze, als des Erzherzogs Auge unvermittelt auf ein Geschöpf fällt, das schwerlich von dieser Welt stammen dürfte. Abrupt reißt er am Zügel seines Pferdes und ruft erstaunt und ganz fassungslos: „Chi é dunque colei, ch’ha divine sembianze?“ Also ungefähr: „Wer ist denn jene, die so göttliche Züge trägt!“

Philippine ist’s, weiß ein Begleiter Bescheid. Und: Sie ist die Tochter des Franz Welser, an dessen palazzo man zu diesem jähen, unerwarteten Halt gekommen ist. Auf dem Ölbild sehen wir diesen Moment der berühmten und patriotischen Liebesgeschichte.

Der bärtige Begleiter Ferdinands hat seinen rechten Arm erhoben, wie um Philippine zu präsentieren und ein lautes Voilà zu rufen. Im Original sieht man, dass dieser Arm merkwürdig verkürzt und anatomisch nicht ganz korrekt ist (was wohl auf die noch mangelnde Übung des erst 18-jährigen Malers und Dichters zurückzuführen ist). Dem Erzherzog in seinem bunten Phantasiekostüm ist das aber völlig egal, weil er ohnehin nur Augen für die meravigliosa bellezza hat.

Und Philippine? Nun, Philippine hat ihre rechte Hand auf die Brust gelegt, als müsste auch sie an sich halten. Ihr Blick allerdings geht nicht hinunter zu Ferdinand, sondern hinaus in unbestimmte Ferne. Wovon sie wohl träumt? Wir wissen es nicht. Sicher aber ist, dass sie nicht von der großen weiten Welt träumen wird. Denn sie lebt ja in ihr.

Augsburg!

Augsburg war damals Weltmetropole. Nabel, Zentrum. Wirtschaftsmacht. Auf dem Bild ist dies alles aber nicht zu sehen und in der Novelle nicht zu lesen. Hier ist alles auf romantische Verklärung getrimmt und auf den bunten Anstrich einer Geschichte, deren Protagonisten einem Ritterfilm in Minnesängerausstattung zu entspringen scheinen (Ferdinands blondes Haar ist viel zu lang, seine roten Stulpstiefelchen zu feminin, Cape, Flaumfederbusch, Goldtressen … – so hat sich damals im 16. Jahrhundert keiner mehr auf die Straße getraut). Und wie um den Ruch purer Illusion, den Duft des poetischen Wurfs noch zu verstärken und vertiefen, ist selbst die Hausfassade als reine Scheinarchitektur wiedergegeben. Nur die Loggia, in der Philippine verweilt, zeigt perspektivischen Raum und präsentiert die Schöne wie in einem Schatzkästchen.

Als die Honoratioren des Ferdinandeums dieses Bild seinerzeit zugeschickt bekommen haben (vom Maler auf eigene Kosten! wie eigens vermerkt wird), müssen sie sehr zufrieden gewesen sein. Jedenfalls haben sie es unter der Inventarnummer Gem. 1099 in die Sammlungen auf genommen und (damals wie heute) prominent an die Wand gehängt. Wahrheitsgehalt und Realismus spielten dabei keine Rolle.

Oder doch?

Heute tun wir uns leicht damit, über den ausgestellten Schinken zu lästern. Damals aber, damals im Jahr 1825, als man das Bild zugeschickt bekam, befand man sich mitten in einer Philippinen-Seligkeit, die eine Sissy, eine Postmeisterstochter Anna Plochl und eine Mary Vetsera um Jahrzehnte vorweggenommen hat.

Das Bild zeigt Gefühl. Jede Menge davon. Es zeigt, dass Liebe stärker ist als jeder Standesunterschied: weil sie einschlägt wie ein Blitz. Vom Blitz getroffen wurde in diesem Falle eine Bürgerliche aus Augsburg (aus gutem Hause, aber bürgerlich) und einer vom Hochadel. Einer, der mit ein bisschen Glück glatt auch Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hätte werden können. Kaiser!

Was aber dem Ganzen die buchstäbliche Krone aufsetzte, war, dass man es hier nicht mit einem Roman zu tun hatte, der einem empfindsamen Bürgerherzen entsprungen ist, sondern mit der Wirklichkeit. Mit einer Wirklichkeit, die auch ihre Artefakte hinterlassen hat: Schloss Ambras zum Beispiel als Liebesgabe. Oder Philippines Grabmal in der Silbernen Kapelle – im Schoß der habsburgischen Hofkirche gewissermaßen. Nichts erfunden also.

Nichts erfunden. Leider aber war man sich dennoch nicht mehr so ganz im Klaren, wie sich die Geschichte bis ins kleinste Detail abgespielt hat. Und wer sollte denn um Himmels willen über jedes Fitzelchen der Historie Bescheid wissen – waren doch schon gut 300 Jahre vergangen seit damals! So ein beschränktes Wissen ist allerdings der perfekte Nährboden für all die aufsprießenden Mythen, die Leben und Wirken der Handlungsträger zu einer plausiblen und spannenden story machen. Solche Mythen folgen dem Druck der Neugier. Und sie antworten darauf.

Etwa wie sich das Liebespaar kennengelernt hat. Was denn an der sogenannten Bürgerlichen dran war, dass sich der Hochadelige so schnurstracks in sie verschossen hat (War Philippine wirklich so schön? Wie hat sie ausgesehen? War sie reich? Hat sie ihn etwa eingekocht mit ihrer berühmten Küchenkunst?). Ja, der Mythos antwortet letztlich auch auf die Umstände ihres Todes und weiß, dass sie in ihrem berühmten Bad auf Schloss Ambras erdrosselt worden ist oder, alternativ, dass ihr die Pulsadern im Auftrag der Tiroler Landstände aufgeschnitten worden sind, damit es endlich einen standesgemäßen, erbberechtigten Nachfolger abgibt. Opium war bei diesem Attentat im Spiel.

Die Geschichte von Philippine und Ferdinand ist von solchen sagenhaften Erzählungen kaum zu trennen – und zwar deshalb nicht, weil ihre Biografie arm an verlässlichen Fakten ist und man sich deshalb entlang der Möglichkeits- und der Wahrscheinlichkeitsform bewegen muss. Ohne diese heikle Faktenlage aber hätte die Verehrung der schönen, guten, weisen, keuschen, heilkundigen, edlen, bürgerlichen, küchenfeenhaften … Tiroler Landesfürstin wohl kaum die Ausmaße angenommen, wie sie es eben getan hat.

Zwar mag der Zenit dieser Verehrung überschritten und es auch nicht mehr nötig sein, ihr marmornes Grabmal wie früher durch ein schmiedeeisernes Gitter vor allzu stürmischen Bekundungen zu schützen – die zurückgebliebenen Artefakte sind aber nach wie vor da und schreien nach einer Geschichte: eine Geschichte, die bis in die unmittelbare Gegenwart ein bisschen brach gelegen ist, und warum dies so ist, das mag man nach der Lektüre der folgenden Erzählung selbst ermessen.

Obwohl die Geschichte also nach einem Autor geschrien hat, bin auch ich selbst erst in mehreren Anläufen zu dem Philippinen-Thema gekommen: Trotz der permanenten Gegenwart von Schloss Ambras im Weichbild der Stadt Innsbruck ist es mir keineswegs naturwüchsig zugefallen. Erste Bekanntschaft mit der Augsburgerin machte ich wie seinerzeit üblich noch in der Volksschule im Heimatkundeunterricht, doch sehr rasch sind die phantastischen Erzählungen im profanen Geschichtsunterricht des Realgymnasiums untergegangen. Eine schon nachhaltigere Auferstehung feierte das Thema dann durch die Praktika bei meinem Oheim, dem bekannten Restaurator Frambert Wall-Beyerfels. Als Schüler und später als Student konnte ich mir gutes Geld verdienen, indem ich ihm bei seinen Aufträgen zur Hand ging und so nicht nur beim Goldenen Dachl, dem Riesenrundgemälde und so weiter, sondern vor allem auch bei den umfangreichen Arbeiten oben in Schloss Ambras im Spanischen Saal und im anschließenden Kaiserzimmer mitgeholfen habe. Ab Ende der 1970er Jahre kam ich also mit meinem späteren Thema erstmals und leibhaftig in Hautkontakt, und dies umso mehr, als dass das Bad der Philippine Welser nur ein paar Treppenstufen von unserem Arbeitsplatz entfernt gelegen war.

Doch auch hier verschwand der Stoff, und er tauchte erst viele Jahre später wieder auf, als ich als Internetredakteur den Bereich der Kulinarik für die Tirolwerbung betreute. Fast zwangsläufig stößt man dabei öfters auf das wiederum berühmte Kochbuch der Philippine Welser und auf den erstaunlichen Umstand, dass es – und bis zum jetzigen Zeitpunkt – noch keine Übertragung desselben ins Hochdeutsche gibt. Als ich meinen verdienten Verleger darauf aufmerksam machte, war er zunächst auch Feuer und Flamme von dem neuen gemeinsamen Projekt, aber letztendlich gab er diesem doch eine andere Richtung: Er träume, so sagte er versunken, er träume schon seit über zwanzig Jahren von einem Buch nicht von, sondern über Philippine Welser – der wunderschönen Schlossherrin aus Augsburg. Nun, sehr geehrter Herr Hatzer, lieber Markus, ich hoffe, ich habe dir mit dem vorliegenden Buch deinen Traum erfüllen können. Danke jedenfalls, dass ich’s auf so opulente Weise versuchen durfte …

Dank für Unterstützung aller Art auch an den Obmann des Innsbrucker Tourismusverbandes Herrn Dr. Karl Gostner, dem (rara avis in seiner Branche) Kulturprodukte und -leistungen stets freudig genossene Lebens-Mittel sind. Und Danke auch an das Team auf Schloss Ambras für die seit vielen Jahrzehnten geleistete Arbeit, die Ausstellungen und vor allem die prächtigen Kataloge, mit denen es auf seine eigene Weise das Andenken an das große Liebespaar und sein herrschaftliches Ambiente am Leben erhält.

Genug nun aber der Schmeichelreden: Jetzt geht’s los.

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Kolorierter Kupferstich aus Georg Braun, Civitatis orbis terrarum, Köln 1572–1617, II.

Augsburg im 16. Jahrhundert – Philippines Background

   

Fuggerstadt

Das ist so ziemlich das Erste, was einem zu Augsburg landläufig einfällt. Märchenhafter Reichtum. Prunk. Ausschweifende Geselligkeit und in jedem Fall Geld, Geld, Geld. Und mittendrin und obendrauf eben die Fugger.

Nun, diese Vorstellung ist ziemlich korrekt, sie schrammt aber dennoch knapp an der Wirklichkeit vorbei. Denn die Familie Fugger zählte nicht unbedingt zur alteingesessenen Oberklasse der Stadt, da gab es ganz andere Kaliber: die Rehlinger, Höwart, Langenmantel, die Vöhlin und selbstverständlich unter manch anderen noch die Familie Welser – regelmäßig stellte diese den Bürgermeister und andere hohe Ratspersonen. Die Fugger dagegen kamen von außen, von außerhalb der Stadt, wo die ländlichen Textilarbeiter ihren Platz hatten. Wo allerdings auch der Reichtum Augsburgs und anderer schwäbischer Städte seinen Ausgang nahm.

Der finanzielle Erfolg stammte zunächst und wesentlich von der Herstellung eines Gewebes, das als Barchent bekannt geworden ist. Dabei handelt es sich um eine Textilsorte, bei der die Kette aus Leinen und der Durchschuss aus Baumwolle besteht: ein Mischgewebe also. Dieser moderne Stoff war nicht so steif wie das übliche Leinen, fiel falten- und variantenreicher, war anschmiegsam, aber dennoch haltbar – und bedeutete in Summe eine regelrechte Revolution für die schwäbische Textilindustrie. Zwar war man schon seit langer Zeit in der Herstellung von Tuchen beschäftigt und exportierte sie auch recht erfolgreich – aber der Barchent begann sich binnen weniger Jahrzehnte europaweit durchzusetzen und war um 1400 fast schon ohne Konkurrenz. Und das nun bedeutete jede Menge Geld.

Aber natürlich: Wer sich damit begnügen muss, die benötigten Fasern landwirtschaftlich anzubauen, zu spinnen, oder wer auf geleasten Webstühlen die Schiffchen hin und her sausen lässt und die gegen Vorschuss erzeugten Stoffe billig abgibt – wer also auf der untersten Stufe der Produktion festgenagelt ist, der wird es zu nichts bringen. Reich wird dagegen der Verleger. Derjenige, der das Geld vorschießt oder in Vorlage tritt.

Solchermaßen werden also der Händler und der Kaufmann geboren. Und die reichen Augsburger Familien, die ihr Vermögen damit machten.

Dennoch waren freilich nicht alle und nicht ausschließlich in der Leinen- und Barchentbranche tätig, da wäre der Platz auf die Dauer doch zu eng geworden. Man investierte das gewonnene Kapital durchaus auch in andere Produkte und verlegte sich beispielsweise auf den Import und Handel von Gewürzen, Farbstoffen, Seiden, Teppichen; man beteiligte sich an Finanz- und Bergwerksgeschäften und bastelte so erfolgreich an Unternehmen, welche man heute als Mischkonzerne bezeichnen würde. Die Welser waren solch ein Mischkonzern. Und zwar ein so erfolgreicher, dass man eben schon lange zum Patriziat der Stadt Augsburg zählte – und eigentlich ein wenig herabschaute auf die Fugger, die erst vor vergleichsweise Kurzem ihren Aufstieg begonnen haben und so als Neureiche, als Parvenüs betrachtet wurden.1

Es war aber nun mal diese Familie, welche den Ruf der Stadt als goldenes Augsburg begründet hat. Sie war es, die am meisten Geld von allen scheffelte und sie war es, die vielleicht den größten Einfluss auf den politischen Weg des Abendlandes gehabt hat. Dabei ist ihr Ahnherr, Hans Fugger, noch als bescheidener Landweber in die Stadt gekommen. Damals, anno 1367, wurde ins Steuerbuch lapidar, aber doch irgendwie schon ahnungs- und bedeutungsvoll eingetragen: „Fucker advenit“. Fugger ist angekommen.

Doch Hans ist fleißig, heiratet geschickt zweimal in die Weberzunft hinein, bringt einen kleinen Textilhandel in Schwung und zeugt zwei Söhne, von denen der eine, Jakob, zu Jakob dem Älteren wird, welcher wiederum zum Vater jenes Jakobs wird, welcher mit dem Beinamen der Reiche endlich die Spitze des Geldberges, die Spitze der Phantastillionen erklimmt.

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Die Silhouette der berühmten Fuggerstadt am Ende des 15. Jahrhunderts. Holzschnitt aus Hartmann Schedel, Liber chronicarum, Nürnberg 1493

Geschafft hat es die Dynastie vor allem dadurch, dass sie besser als andere das Wesen des Kapitals begriffen hat. Das heißt, dass zwar auch sie einen Mischkonzern auf die Beine stellte und in den traditionellen Warenhandel und den Betrieb von Bergwerken investierte, aber viel mehr noch auf das Geld an sich als reines, beinahe ätherisches Wesen setzte: Welches etwa als unverschämter Kredit so manch großen Traum oder manch blutigen Krieg finanzieren konnte.

Solcherart waren die Fugger. Gewiefte Finanzhaie.

Als frühes Beispiel sei der Einzug von Kaiser Friedrich III. in Augsburg im Jahre 1473 erzählt. Er war mit seinem Tross unterwegs nach Trier, um dort die Heirat seines Sohnes Max (dem späteren Kaiser Maximilian I.) mit der reich alimentierten Maria von Burgund voranzutreiben. Auf diese Weise sollte etwas Geld und sonstiges Vermögen in die permanent klamme Kasse der Habsburger kommen.

Und wie klamm die war, zeigt sich an dem Umstand, dass der Kaiser mitsamt seinem Gefolge in äußerste Bedrängnis geriet, als er Augsburg wieder verlassen wollte. Denn da bauten sich Wirte, Bäcker, Metzger, Schneider etc. buchstäblich vor ihnen auf und verlangten die Bezahlung der Schulden, die der wandernde Hof inzwischen aufgehäuft hatte. Die Sage weiß sogar von einem Hufschmied, der Ihrer Majestät Pferde handgreiflich in die Zügel gefallen ist, um die Wagen am Auszug aus der Stadt zu hindern. Mit einem Wort: Peinlicher konnte die Situation für einen Kaiser eigentlich nicht mehr sein.

Da griffen die Fugger ein. Sie waren bereit, Kredit zu gewähren und den Kaiser sogar noch prächtig weiter auszustatten. Die Erleichterung war dementsprechend riesengroß und niemals sollte der Kaiser seine Retter aus der Blamage wieder vergessen. Ja, dieses vergleichsweise kleine Investment markierte den Beginn einer langen und fruchtbaren Freundschaft – fruchtbar vor allem für die Fugger. Denn mit einem Schlage sind sie zu den Haus- und Hoffinanciers der Habsburger aufgestiegen. Und haben nebenbei die enge Verbindung von Augsburg zum kaiserlichen Hof begründet. „Bürgermeister von Augsburg“ – so wird Kaiser Maximilian I. später einmal von seinem französischen Gegenspieler Ludwig XII. abfällig genannt werden.

Und die Welser? Und die anderen Patrizierfamilien?

Nun, auch sie haben mitgenascht. Auch sie haben in die Habsburger und in habsburgische Unternehmen investiert. Auch sie sind beispielsweise in Tirol groß aufgetreten und haben sich am Silber- und Kupferbergwerk in Schwaz beteiligt, haben gewuchert und geplündert. Aber sie haben nicht ganz so hartnäckig auf das Haus Habsburg gesetzt und dessen Interessen vertreten wie die Fugger. Reich und einflussreich waren sie aber alle miteinander.

So ist es also kein kleines Nest, in dem Philippine Welser im Jahre 1527 zur Welt gekommen und aufgewachsen ist. Kein Kaff irgendwo am Rande der Geschichte. Es war schon so etwas wie eine Zentrale, eine Schaltstelle und ein Ort der Macht. Mit etwa 35.000 Einwohnern zählte Augsburg übrigens auch zu den größten Städten in deutschen Landen. Innsbruck hatte, nebenbei bemerkt, zur gleichen Zeit erst mickrige 5.000 – und das wird bis zum Ende unserer Geschichte auch so bleiben.

Die zahlreichen Reisenden, die seinerzeit nach Augsburg gekommen sind, rechneten es natürlich durchwegs auch zu einer der schönsten und raffiniertesten Städte Deutschlands.

Doch bevor man sie betrat, musste man auch hier erst einmal durch den üblichen Versorgungsgürtel hindurch, der sich kilometerbreit um die größeren Städte, also auch um Augsburg zog: Kraut und Rüben wurde hier angebaut, Kohl, Getreide; Äpfel, Birnen, Pflaumen in weitläufigen Streuobstwiesen; wo es ging, bedeckten Weingärten die Hügel; Vieh wurde gezüchtet: Schafe, Rinder, Gänse, Hühner und natürlich auch die so ungemein beliebten Schweine. Es grunzte, muhte, meckerte, es suhlte, graste und besprang sich rund um die Stadt. Dazu kamen natürlich die Menschen, die hier außerhalb der Mauern wohnten, in meist ganz einfachen Holzhäusern, und die zuständig waren, dass den Leuten drinnen nicht mangelte an Speis und Trank, dass die Märkte täglich neu und täglich frisch beschickt werden konnten. Mit einem Wort also: ein rustikaler Ring der Landwirtschaft. Speckgürtel.

Doch Augsburg hatte für den herankommenden Wanderer auch da noch etwas Besonderes zu bieten – nicht nur bäuerliches Ambiente. Man kann dieses gar nicht so kleine Extra erkennen, wenn man sich über die Land- bzw. Stadtkarte von Jörg Seld aus dem Jahr 1521 beugt. Der Plan ist schon deshalb erwähnenswert, weil er den Blickpunkt eines Vogels einnimmt, der über die Gegend fliegt – die Vogelperspektive. Vielleicht ist er damit sogar der älteste Plan in deutschen Landen, der sich das traut.

Beugt man sich jedenfalls über das unglaublich detaillierte Bild, dann wird man außerhalb der Stadtmauern zunächst die üblichen Felder und die Äcker sehen, die mit langen Strichen als Furchen gekennzeichnet sind. Dann aber gibt es noch riesige, vollständig weiße Flächen. Zunächst mag man dabei an einen Druckfehler denken, an eine Beschädigung des hölzernen Druckstocks vielleicht. Doch dann wird einem klar, was es wirklich ist: Es sind riesige Stoffbahnen! Tuche um Tuche um Tuche, die hier zum Bleichen in der Sonne ausgelegt sind – und sogar noch von der Karte fast in den Augen blenden. (Der moderne Betrachter fühlt sich ein bisschen an den Landeanflug über die endlos gleißenden Plastikfolien im spanischen Almería erinnert.) Das also sind die Flächen, welche der Wanderer auch noch zu durchschreiten hatte – die textilen Ausgangsstoffe zu Augsburgs Träumen.

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Die neuen Herren der Welt waten nicht mehr in Blut, sondern in Geld. Jakob Fugger der Reiche und sein Buchhalter Matthäus Schwarz befinden in ihrem Kontor in Augsburg über den Stand der Ausbeutung. Jnspruck hat als Landeshauptstadt des silber- und kupferreichen Tirols eine eigene Ablage dafür bekommen. Kolorierte Federzeichnung aus dem Schwarz’schen Trachtenbuch, Augsburg ab 1520

So hatte Philippines Augsburg also ausgesehen, wenn man auf es zu wanderte. Um nun aber eine genauere Vorstellung vom Leben innerhalb der Stadtmauern zu bekommen, wechseln wir rasch auf den zentralen Perlachplatz.

Dazu durchquert man allerdings zunächst die Gewerbeviertel, in denen sich die kleinen Handwerker und Angestellten, Budenbesitzer und Tagelöhner eng auf eng drängten, und zwar umso näher an der Stadtmauer, je sozial weiter unten sie waren. Im feuchten Schatten der Mauer, im buchstäblichen Mauerschatten, wohnten die Deklassierten und die mit der wenigsten Aussicht nach oben an die Spitze der Gesellschaftspyramide. Demgegenüber: Je weiter innen man war, je näher am pulsierenden Herz, desto greifbarer war auch der Erfolg.

Es folgen jetzt also Schlag auf Schlag die Weber, Färber, Schneider, die Kerzenmacher und Lampenerzeuger, die Metzger, Schinder (Fellabzieher), Gerber, Huter und Seifensieder, die Schuh- und Bürstenmacher, die Fasser, Drechsler und Schnürer … – die Liste ist endlos und das Geschwurble in den verwinkelten Gassen atemberaubend, auch wegen des Geruchs. Die Abfälle, die Gülle, die abgenagten Reste rinnen in offenen Ritschen dahin, von den zahlreichen Brunnen gespeist … Sauber, sicher. Aber dennoch penetrant.

Dann aber endlich die Weite und der offene Himmel am Perlachplatz.

Wir schreiben das Jahr 1531. Philippine Welser ist gerade vier Jahre alt geworden und wohnt gar nicht weit von hier entfernt.

Der Perlachplatz

Im Deutschen Historischen Museum in Berlin hängen vier Gemälde, die als Augsburger Monatsbilder2 bekannt sind. Tritt man ihnen gegenüber, dann schrumpft man. So riesig sind sie. Das Bild der zusammengefassten Monate Oktober–November–Dezember, das den winterlichen Perlachplatz zeigt, misst 227,5 mal 353 Zentimeter – oder acht Quadratmeter. Zusammen haben alle Bilder eine Fläche von über dreißig Quadratmetern. Die schiere Größe allein verblüfft und macht fassungslos.

Der Begriff Schinken kommt einem wieder in den Sinn – aber jetzt in völlig neuer Bedeutung: gewaltiger, tiefer, umfassender und von ganz anderer Qualität als eben noch im Tiroler Ferdinandeum bei dem süßen Stelldichein.

Wer konnte so etwas malen, wer hat so etwas Gewaltiges in Auftrag gegeben?

Nun, man weiß es nicht. Alle Forschung hat bislang nur Vermutungen diesbezüglich ergeben. Vermutlich war es also ein reicher Mann aus einer der bekannten Patrizierfamilien, der rund um das Jahr 1531 unglaublich viel Geld für die lebensprallen Darstellungen ausgegeben hat. Wahrscheinlich schmückten die Bilder den Saal eines der Stadthäuser oder vielleicht eines der Landschlösser in Augsburgs näherer Umgebung. Wenn der unbekannte Mäzenas sich und seinen Bekannten mit diesen Werken eine exquisite Freude gemacht hat, so hat er uns kulturellen Spätlingen dagegen einen Blick in die Vergangenheit geschenkt.

Einen verträumten allerdings, das muss man leider gleich einräumen. Denn nichts kommt hier zur Sprache, was die städtische Idylle stören könnte. Nichts, was damals zu großen Aufregungen und Spannungen Anlass gegeben hat: soziale Unruhen zum Beispiel, die zu den blutigen Bauernkriegen rund um 1525 geführt haben – kein Wort, keine Szene, kein Bild davon. Religiöse Auseinandersetzungen, welche den Reformator Martin Luther 1518 hierher in die Stadt gezwungen haben zum Widerruf seiner ketzerischen Thesen: Martin Luther, der als eloquenter und bibelfester Angeklagter allerdings nicht in die Knie gegangen ist, sondern letztendlich und mit langem Atem so erfolgreich war, dass viele, ja sogar die meisten Augsburger ihm in protestantische Zukunft folgten. Was man daher auf den Monatsbildern zu sehen bekommt, das sind in der Mehrzahl wohl schon Lutherische. Abtrünnige, Häretiker letztendlich.

Doch von all den Schwierigkeiten und all den problematischen Zeitläufen wollten weder der Auftraggeber noch sein Maler etwas wissen – sie hatten ausschließlich das goldene Augsburg im Blick, sein Strahlen und Leuchten. Folgen wir daher vorerst und unter Vorbehalt ihrer Perspektive und schauen einmal, was es auf dem Perlachplatz so zu sehen gibt.

Zunächst zur Orientierung: Der Betrachter schaut frontal auf den Perlachturm in Richtung Osten. Hinter ihm sieht man das weißlich angefrostete Hügelland, das in sanften Wellen hin nach Bayern fließt. Ganz links vorne wird das Bild von der Metzg, dem Gebäude der ersten Fleischhauerei am Platz, eingerahmt. Das dreigeschoßige Gebäude des Rathauses schließt das Bild nach rechts hin ab. Dazwischen das Gewimmel.

Es ist Markt. Zahllos sind die Landleute hereingeströmt in die Stadt, um hier geschäftig ihre Waren anzubieten. Vorne in der Mitte sitzt eine Frau auf dem Boden im Schnee, ganz in ihre Haube als großes Schulter-Kopftuch gewickelt, und ist dabei, ihre Gänse zu verkaufen. Erfolgreich offenbar, denn ein Mann in langem, gelbem Mantel greift gerade zu. Da wir uns im Novemberabschnitt des Gemäldes befinden, könnte es sich dabei durchaus um die bekannten Martini-Gänse handeln, die bis heute brauchgemäß ins Backrohr wandern.

Links neben der Gänseliese steht ein Jäger. Zwei saftige Hinterläufe von irgendeinem Wild hat er auf eine Holzbank gewuchtet. Auch er hat schon einen Kunden, mit dem er aber noch verhandeln muss. Etwas weiter fortgeschritten ist da schon die Bäuerin daneben, die eine große, flache Korbschüssel auf dem Kopf trägt: Man erkennt Früchte (rote und grüne) und zwei kleine Laib Käse. Beim Hereingehen in die Stadt hat sie gleich auch noch ein Bündel Stroh mitgenommen. So was kann man immer verkaufen, denn Stroh wird auch von der feinsten Bürgerin benötigt, um die Säcke zu füllen, die als Matratzen für die Bettstatt dienen. Eine gesetzte Dame hat sich offensichtlich zu einer Neu- oder zumindest Nachfüllung derselben entschieden, sie greift nach dem Bündel und zieht es der Bäuerin unter dem Arm heraus. In der anschließenden Metzg geht ein Federviehhandel über die Bühne.

Wieder draußen im Freien, sieht man über den Köpfen von Jäger und Strohverkäuferin einen Leiterwagen voll mit Holzstangen. Sie werden abgeladen und ordentlich aufgestapelt. Holz war wertvoll, nicht nur im Winter, sondern generell. Man benötigte es zum Heizen, zum Kochen, zum Bauen. Darüber hinaus wurden Unmengen davon verschlungen in den diversen Gewerbebetrieben wie Färbereien, Schmieden, Gussbetrieben … Gerade rund um die größeren Städte war deshalb oft alles schon abgeholzt und die dunklen Wälder hinter den Horizont verschwunden. In Augsburg stand es um das Holz gelegentlich so arg, dass man es nur noch innerhalb der Stadtmauern verkaufen durfte. Nein, verkaufen musste, damit der Bedarf gedeckt werden konnte. Was hier also gerade an der Mauer der Metzg abladen wird, ist wertvollster Rohstoff. Holz in einer weitgehend abgeholzten Gegend.

Darüber dann die Schweine. Eine kleine Herde von ihnen wurde auf den Markt getrieben. Für den modernen Betrachter wirken sie ein wenig ungewöhnlich, weil man sie noch nicht zu den Mastkolossen hinaufgezüchtet hat, die wir heute gewohnt sind. Das gezeigte Renaissanceschwein ist hochbeinig, fast sportlich, es ist stark behaart und trägt eher ein Fell als Borsten. Es ist verhältnismäßig klein und schlank. Diese Schlankheit ist aber auch damals keine besonders erwünschte Charaktereigenschaft gewesen, natürlich nicht: Deshalb beugt sich auch einer der Sauhändler zweifelnd über eines der Tiere und kneift es kräftig in die Seite: Speckprobe.

Diese Probe erfolgreich bestanden hat aber jedenfalls die Sau, welche nacktgebrüht und nacktrasiert kopfüber am Schlachtgerüst hängt. Der Fleischer hat die Eingeweide schon entfernt (sie werden sich hinter ihm in dem Holztrog befinden) und schneidet ordentliche Fleischstücke aus dem Leib: Die Magd im roten Kleid hat ihre Schüssel schon fast voll. – Nur ein kleines Stück noch, bitte …

Es folgt dahinter eine ältere Verkäuferin in einem sehr seltsamen Stand, der wegen der perspektivischen Verzerrung fast wie ein Thron wirkt. Sie verkauft Fische, einige davon bietet sie auch geräuchert an. Und dann, man muss auch beim Original in Berlin ein wenig näher herantreten, dann hat der berüchtigte Zahnbrecher seine Ordination aufgebaut. Tief fährt er gerade seinem Patienten mit einem brachialen Werkzeug ins Maul, kneift, dreht, reißt – da bleibt wahrlich kein Auge trocken und Alpträume werden wahr.

Dann die rot überdachte Ladenzeile direkt am Perlachturm. Hier werden in fixen Buden allerlei Handwerkserzeugnisse angepriesen: Geschirrteile und Kochutensilien, Schmuck und Dekostücke, Spielzeug, Taschen, Spiegel und Bänder, Gedrehtes und Gedrechseltes, Gezogenes und Geschnitztes … – die Läden ziehen sich um den Turm herum und gehen dahinter nach rechts in die Verlängerung: Kleiderstücke, Stoffballen und -bahnen, wieder Bänder, Borten und so weiter. Dann, als Abschluss der Zeile: ein vergittertes Fenster. Hier befand sich (und um das Eck herum) das städtische Schaugefängnis. Geschmort haben darin all jene, die man ein bisserl der Schande preisgeben wollte: nächtliche Ruhestörer zum Beispiel oder Trunken- und sonstige Bolde. Auch der eine oder andere Bankrotteur ist hier eingesessen.

Und wo wir gerade dabei sind: Der Platz, der sich hier in dem Zwickel mit dem Brunnen in der Mitte auftut, dieser Platz wurde insgesamt und ganz allgemein für die diversen Strafgerichte genützt. Hier wurde erwürgt, gehängt, gerädert und in vier Stücke gerissen. Hier spritzte Blut. Wir werden noch davon hören. Doch heute ist diesbezüglich nichts los, und der Platz wird als das genützt, als was er auch bezeichnet wird: als Fischmarkt, auf dem zahlreiche Händler ihre Ware frischer als frisch! zum Verkauf anbieten.

Ein Stück darunter, schon an der Mauer des Rathauses, sieht man prallvolle Säcke stehen. Hier wird Getreide verkauft. Der Handel scheint gut zu laufen, Damen und Herren greifen zu, lassen sich das Korn scheffelweise zumessen, aber es herrscht kein Gedrängel, kein Geschubse – es ist genug für alle da.

Und das ist nun ein Punkt, an dem das Bild wirklich und tatsächlich lügt. Denn gerade zu der Entstehungszeit des Bildes, Anfang der 1530er Jahre, kam es zu wetterbedingten Versorgungsengpässen: Korn, Mehl, Brot – alles war knapp und dementsprechend teuer. Ja, es war sogar so knapp, dass sich die Stadt Augsburg dazu entschlossen hat, vorerst keine neuen Bürger aufzunehmen – nicht, weil sie deren Hände und Köpfe nicht brauchte, sondern weil deren Mäuler eine Gefahr dargestellt haben für den sozialen Frieden. Insofern also haben der vornehme Auftraggeber und sein Maler ein bisschen an der Realität herumgepfuscht: Hungerleider hatten im Welt-Bild des goldenen Augsburgs einfach nichts verloren. Und so wie der Stadtrat die Neubewerber um die Bürgerrechte (in übertragenem Sinne) draußen vor der Mauer hat stehen lassen, so hat der Maler seinerseits die Hungerleider außerhalb des Bilderrahmens angesiedelt. Außerhalb des Blickfelds der Idylle …

Kehren wir aber in die ein wenig geschönte Wirklichkeit des Perlachplatzes zurück und betrachten jene Herren, die am rechten unteren Bildrand dahermarschieren. Dabei handelt es sich um die ersten Bürger von Augsburg, also den Stadtrat. Aus dem Gewerbe oder dem Handel stammend, war es vor allem ihr Wohlstand und ihre Zugehörigkeit zum Patriziat, was die Herren zu ihrem politischen Geschäft befähigt hat.

Dass man es hier mit dem Geldadel zu tun hat, sieht man auf den ersten Blick. Ihre gemessene Haltung und ihre Gewandung in lange, pelzverbrämte, weite Mäntel (Schauben) lassen gar keinen anderen Schluss zu. Weil die Herren im Dezember-Abschnitt des Gemäldes einherschreiten, könnten sie vielleicht gerade die letzte formelle Feierlichkeit des Jahres, das opulente Spätmahl am 31. Dezember bestritten haben. Jedenfalls sehen sie sehr satt, sehr zufrieden und sehr würdevoll aus. Sie sind die Chefs, und das ist ihnen auch bewusst. Weit und breit kein adeliger Ritter oder irgendein versprengter Günstling vom Hof, der ihnen in ihr politisches oder wirtschaftliches Tagesgeschäft hineinpfuscht wie anno dazumal in der guten, alten Zeit des tiefsten Mittelalters … Es sind neuerdings und ganz offensichtlich die Bürger, die den Ton angeben. Ihr Einfluss, ihr Kapital. Ihre Welt.

Die auf den Perlachplatz ziehenden Augsburger Ratsherren haben also in Summe guten Grund, zufrieden mit sich und ihrer gefestigten Stellung vor Gott zu sein. Einige von ihnen debattieren über uns unbekannte Dinge (die Organisation der bevorstehenden Fastnacht?). Andere sind in sich versunken. Angeführt wird der würdevolle Auszug von zwei bewaffneten Lakaien in den Stadtfarben Grün, Weiß, Rot, dicht gefolgt von einem Paar, auf das wir uns kurz konzentrieren sollten.3

Der ältere Herr mit dem silbernen Bart hält sich wegen der Kälte die Schaube über der Brust zusammen. Er gestikuliert mit der Rechten, weist nach unten und ist also ganz offensichtlich dabei, seinem aufmerksamen Begleiter irgendetwas zu erzählen oder mit Nachdruck zu erklären. Die Forschung hat in diesem Mann Ulrich Rehlinger ausgemacht, den momentanen Bürgermeister der Stadt Augsburg.

Für uns interessanter ist aber der Mann neben ihm. Es handelt sich dabei um Konrad Peutinger, einen Onkel von Philippine Welser. Dieser Onkel war Doktor der Rechte und hier in Augsburg als Stadtschreiber tätig. Er war umfassend humanistisch gebildet, kannte sich in Geschichte und Kulturgeschichte aus – und war deshalb auch schon für Kaiser Maximilian I. tätig. Als dieser Kaiser sich nämlich daranmachte, sein spektakuläres Grabmal zu planen und jene überlebensgroßen Bronzestatuen in Auftrag zu geben, die wir heute in der Innsbrucker Hof- vulgo Schwarzmanderkirche bewundern, da war es Peutinger, der die entscheidenden genealogischen Ratschläge für Maximilians wirkliche und mythologische Vorfahren gegeben hat.

Der Onkel von Philippine war Peutinger aber deshalb, weil er ihre Tante Margarethe Welser geheiratet hatte (ihres Vaters ältere Schwester). Auch sie ist mit auf dem Bild. Sie ist jene Dame, welche direkt oberhalb ihres Mannes Konrad über den Marktplatz schlendert. Sie trägt eine gelbe Schaube mit weiten, schwarzen Ärmeln. Da sie ihre Hände wegen der Kälte wechselseitig in den jeweils anderen Ärmelbausch gesteckt hat, sieht es humorigerweise beinahe so aus, als trüge sie einen schwarzen Latz. Was irrig ist. Die Schaube ist mit einem weißen Pelzkragen schulterbedeckend und schulterwärmend besetzt. Dazwischen baumelt eine schwere, großgliedrige Goldkette, die sie dreifach um den Hals gewickelt trägt. Als Kopfbedeckung hat sie die weiße altdeutsche Haube mit dem Kinnschal gewählt. Dieses Bündlin war zwar nicht mehr der letzte Schrei, aber es war warm.

Außerdem muss Margarethe auf diesem Bild schon so um die fünfzig Jahre alt sein. Die Zeit war also vorbei für exaltierte erotische Modetorheiten – so wie sie etwa die beiden jungen blonden Damen noch direkt vor ihr praktizieren. Mit schulterfreien, tief ausgeschnittenen Dekolletés und den roten Barettes (wenigstens mit heruntergeklappten Ohrwärmern!) können sie wohl nur dank ihres inneren Feuers der Winterkälte trotzen. Die beiden sind vermutlich Margarethes Töchter. Ihre Töchter und, wie wir aus einem ihrer Briefe nebenbei wissen, auch selbst von ihr gestillt. Entgegen dem allgemeinen Trend und unter Berufung auf antike Autoren hat Margarethe nämlich auf eine Amme als angemietete Nahrungsquelle verzichtet. Muttermilch aus fremden Brüsten galt ihr als Verbrechen. Auch Margarethe war, wie ihr Mann, Humanistin bis in die Knochen. Ihre Kinder daher schön, stark und schlau: kommt vom Stillen.

Nun haben wir den Rundgang über den Markt beinahe schon beendet. Einer allerletzten Figur müssen wir uns aber doch noch zuwenden, ein letzter Schwung, ehe wir den Perlachplatz endgültig Richtung Weinmarkt und damit in Richtung Philippine verlassen können.

Es handelt sich um den Herrn am unteren Bildrand, denjenigen, der zwischen der im Schnee hockenden Gänseliese und dem Jäger steht. Er trägt einen gelben, ärmellosen Umhängemantel, schwungvoll über die Schulter drapiert. Darunter einen knapp die Knie bedeckenden schwarzen Rock und darunter wiederum schwarze, enge Trikothosen. Ein modisch gestutzter Vollbart, ein breites braunes Barett – fertig ist Anton Fugger, der momentane Herr der Welt.

Der Herr der Welt. Anton war der Neffe des schon bekannten Phantastillionärs, des Jakob Fuggers des Reichen. Nur der Neffe, muss man gleich sagen. Denn Jakob hatte es trotz all seines Geldes, trotzdem er es sicher immer und immer wieder mit seiner Frau Sybilla probiert hat, trotzdem er vermutlich Wundermittelchen aus der ganzen weiten Welt, Kräuter, Pilze, Organisches und Anorganisches, Magisches und Religiöses etc. zur Steigerung der ehelichen Fruchtbarkeit herangezogen hat, dennoch hat er es nicht zu einem Sohn oder zumindest zu einer Tochter gebracht. Wohin also mit dem Vermögen?

Fünf Neffen boten sich an. Anton erschien vermutlich als der geeignetste Nachfolger.

Und so steht dieser nun also hier auf dem Markt, ein eleganter Mann im besten Alter, vollzieht eine einladende, vielleicht eine deutende Geste und will uns etwas mitteilen – und wieder wissen wir nicht, was. Nehmen wir es daher schlicht als eine Einladung zu sich nach Hause an. Diese Deutung liegt umso näher, als dass die steinreichen Fugger tatsächlich gerne ihre Häuser herzeigten und Besucher durch die Säle, Hallen und Gemächer führten und mit ihrem Wohlstand protzten.

Zusammen mit Anton Fugger überqueren wir also ein letztes Mal den Marktplatz, der uns das bunte öffentliche Treiben in einer Großstadt wie Augsburg in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts nähergebracht hat: die reiche Prominenz auf ihren Einkaufs- und Vergnügungstouren, in ihrer amtlichen Würde und Pracht, und daneben die einfachen Namenlosen aus den urbanen Gewerbevierteln und dem bäuerlichen Speckgürtel rund um die Stadt. Das ganze großstädtische Geschwurble eben.

Aber hier muss man kurz innehalten und fast das ganze Geschwurble hinschreiben. Denn was man unübersehbar nicht sieht, das sind Kinder. Als ob sie alle in der Schule oder als ob sie alle krank wären und mit Masern, Pocken oder der Pest zu Hause liegen würden. Einen einzigen Buben kann man auf dem Perlachplatz ausmachen, ganz klein oben auf dem Fischmarkt begleitet er seine Mutter beim Einkaufen. Sonst gähnende Leere. Kein Kindergeschrei, erholsame Ruhe.

Geschuldet ist das natürlich dem Desinteresse des Auftraggebers und der Erwachsenen insgesamt an dieser frühen Lebensstufe: Noch handelt es sich bei den schrulligen Wesen ja um hungrige Mäuler, denen erst Verstand eingebläut und nützliche Fertigkeiten eingehämmert werden müssen, noch verdienen sie nicht die volle Aufmerksamkeit von Erwachsenen. Kindheit ist ein pädagogisches Konzept erst für die allmählich heraufdämmernde Zukunft. Deshalb: Kinder? Pfffff …

So kommt es also, dass sich auf den riesenhaften Monatsbildern mit den vielen hundert Statisten gerade einmal fünf, sechs lächerliche Kinder ins Blickfeld verirren, mehr sind es nicht. Weil dem aber so ist, weil hier akuter Kindermangel zu attestieren ist, können wir natürlich auch die Hoffnung fahren lassen, die kleine Philippine Welser irgendwo zu entdecken. Zwar ist sie da, zwar wohnt sie hier ums Eck. Aber sie ist erst um die vier Jahre alt. Das ist viel zu jung, als dass sich irgendeiner, und sei es der Maler, nach ihr umgedreht oder ihr sonstwie Aufmerksamkeit geschenkt hätte.

Die kleine Philippine mit den langen blonden Zöpfen müssen wir uns deswegen irgendwo hineinphantasieren in das Getümmel. Vielleicht stellen wir sie oben hinauf zu der Ladenzeile beim Perlachturm. Bei dem ausgestellten bunten Krimskrams, bei den Spielsachen ist sie sicher gut aufgehoben. Auf diesem Markt hier ist sie jedenfalls auch in Wirklichkeit gewesen, das steht untrüglich fest: Philippine war hier.

Des Herrn Fuggers Palazzo

Um aber Anton Fuggers Einladung endlich Folge zu leisten, muss man über den Platz Richtung Perlachturm gehen und dann rechts abbiegen. Nach ein paar Metern erreicht man den Weinmarkt, dort steht Antons Haus.

Aber was heißt Haus? Es ist riesig. Ein Palazzo, ein Palais, ein Palast.

Wie es ist, ihn zu betreten, lesen wir in einem Brief. Geschrieben wurde er in jenem Jahr, um das herum auch die Augsburger Monatsbilder gemalt worden sind, 1531. Wir bleiben also exakt in der Zeit.

„Welch eine Pracht“, schrieb der Verfasser an einen Freund, „welch eine Pracht ist nicht Anton Fuggers Haus. Es ist an den meisten Orten gewölbt, und mit marmornen Säulen unterstützt. Was soll ich von den weitläufftigen und zierlichen Zimmern, den Stuben, Sälen und dem Cabinete des Herrn selbst sagen, welches sowohl wegen des vergoldeten Gebälkes, als der übrigen Zierrathen, und der nicht gemeinen Zierlichkeit seines Bettes das allerschönste ist? Es stößt daran eine dem heiligen Sebastian geweihte Kapelle, mit Stühlen, die aus dem kostbarsten Holze sehr künstlich gemacht sind. Alles aber zieren vortreffliche Malereien von aussen und innen.“

Nach den Beschreibungen des Interieurs geht der Briefschreiber in einem einzigen stilistischen Atemzug über zum Haus von Antons Bruder Raymund, man möge ihm folgen: „Raymund Fuggers Haus ist gleichfalls köstlich und hat auf allen Seiten die angenehmste Aussicht in Gärten. Was erzeuget Italien für Pflanzen, die nicht darin anzutreffen wären, was findet man darin für Lusthäuser, Blumenbete, Bäume, Springbrunnen, die mit Erzbildern der Götter geziert sind? Was für ein prächtiges Bad ist in diesem Theil des Hauses. Mir gefielen die königlich französischen Gärten zu Blois und Tours nicht so gut.

Nachdem wir ins Haus hinaufgegangen, beobachteten wir sehr breite Stuben, weitläuftige Säle und Zimmer, die mit Caminen, aber auf sehr zierliche Weise, zusammengefügt waren. Alle Thüren gehen aufeinander bis in die Mitte des Hauses, so dass man immer von einem Zimmer ins andere kommt. Hier sahen wir die trefflichsten Gemälde.“4

Diesen knappen Beschreibungen kann man nun einige interessante Informationen entnehmen. Erstens: Anton Fugger war katholisch. Das legt jedenfalls die Sebastianikapelle nahe, die sich direkt neben seinem Schlafzimmer und von dort aus begehbar befindet. Die konkurrierenden Protestanten lehnen als einen Kernpunkt ihres Glaubens jegliche Heiligenverehrung strikt ab – und zwar so vehement, dass in ihrem Einflussgebiet die katholischen Kultfiguren aus den Kirchen entfernt wurden und gelegentlich auf den Misthaufen, manchmal auf den Scheiterhaufen geflogen sind. Auch die Muttergottes Maria und selbstverständlich auch so ein subalterner Heiliger wie der Sebastian; Kirchen und Kapellen wurden ihnen überhaupt nicht mehr geweiht. Und schon gar nicht zu Hause direkt neben dem Schlafzimmer.

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Eine ins Haus integrierte Badestube gehörte für das gehobene Bürgertum zum Wohlbefinden vielfach dazu. Schwitzbäder wurden dabei den aufwendigeren Wannenbädern meist vorgezogen. Badehüte, Badeschwämme, Wasserzuber, gemauerte Öfen waren Standard. Holzschnitt von H. S. Beham, 1541

Anton Fugger war also erstens Katholik (in einem mehrheitlich schon evangelischen Umfeld). Und zweitens hatte er die allergrößte Angst vor der Pest – was allerdings wegen der immer wieder verheerend übers Land schwappenden Epidemien auch kein Wunder war. Schlussfolgern kann man diese Angst ganz einfach aus dem Patrozinium der Kapelle: Sebastian war nämlich der Pestheilige schlechthin.

Rechnen wir nun den kalten Kerzenrauch und den abgestanden Weihrauchduft während der Besichtigungstour hinzu, dann kann man sich gut vorstellen, wie sich ein moderner Humanist wie der gegenständliche Briefautor von so viel abergläubischem heydenthum wortlos abgewandt und das Weite gesucht hat.

Aber Moment, kunstvolle Stühle aus kostbarem Holz erwähnt er in der Kapelle noch. Dass er darauf aber andächtig gesessen wäre, das ist nicht anzunehmen. Und beinahe hätten wir auch noch auf das Schlafzimmer vergessen! Ist es nicht bemerkenswert, dass die Besucher auch hier hereingeführt worden sind? Zur Bettstatt? Nun, das war in noblen Häusern seinerzeit aber durchaus üblich – und diente natürlich nichts anderem als der nackten Angabe. Denn im Prinzip ist das Bett ein ziemlich primitiver Gegenstand und dient nur dazu, irgendwie und halbwegs weich die Nacht zu überstehen: ein Strohsack oder eine Strohmatte täte es auch, und jeder vernünftige Mensch hat sich damit auch begnügt. Nicht so der Angeber. Gerade weil das Bett ein primitiver Gebrauchsgegenstand ist, gerade weil man hier die unproduktivsten Stunden des Tages verbringt, gerade deshalb ist es zum Ausgangspunkt des überbordendsten Luxus’ geworden. Ganz nach dem Motto: Seht her, ich habe Geld genug für so einen Schmarren!

Um so etwas in großer Geste auch sagen zu können, hat man die Besucher aber eben hinführen müssen zu dem zierlich und höchst aufwendig geschnitzten Holzgestell, zu den Einlegearbeiten und dem profilierten Leistenwerk, zu dem Betthimmel und natürlich hin zu den kostbarsten Seiden, Damasten, Brokaten, Carmesinatlassen, Goldfäden etc. Alles für die Katz, und deshalb erstaunlich.