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Gabriele Starck über Raimund Margreiter: Die Freiheit zu etwas, nicht von etwas

Die Freiheit zu etwas, nicht von etwas

Von Gabriele Starck

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Univ.-Prof. Raimund Margreiter beim Zeitzeugen-Gespräch mit Elmar Oberhauser im Innsbrucker Casino.

Die Freiheit zu etwas, nicht von etwas

„Zielstrebig, nicht faul, nicht gerade ungeschickt, belastbar und entscheidungsfreudig.“

Mit diesen Worten beschrieb sich Raimund Margreiter einmal selbst.1 Superlative zu seiner Person entlocken ihm immer nur so etwas wie „Na, wollen wir’s mal nicht übertreiben“. Raimund Margreiter mit nur einem Attribut gerecht zu werden, funktioniert aber nicht. Den Begriff „Starchirurg“, der so oft mit seinem Namen verbunden wird, mochte er noch nie. Zu sehr hört sich das nach Promi-Arzt an, was ihm alles andere als gerecht wird – im Gegenteil. Ihm ging es nicht um Rang und Namen seiner Patienten, sondern um den Menschen selbst. Ihm ordnete er sein Forschen und seine Arbeit im OP unter. Ein Pionier der Chirurgie ist er gewiss, so viele Premieren, wie er vollbrachte. Und doch hörte sein Streben, neue Wege zu gehen, nie auf. Er ist Vorreiter geblieben.

Grenzgänger – das passt schon eher. Nach vorne schauen und dann eben einen Schritt weiter gehen als die anderen – egal, ob bei der Arbeit oder in der Freizeit, ob als Arzt oder Privatmensch. Für ihn bedeutet es, frei zu sein, in seinem Verständnis von Freiheit – der Freiheit zu etwas.

Raimund Margreiter ist Arbeiter, Kämpfer, Wegbereiter und Abenteurer. Und bei allem, was er tut, ist er mit höchster Konzentration und vollem Einsatz dabei. Er weiß, dass Schluderei und Nachlässigkeit Leben kosten können, sei es in der Medizin oder beim Sport. Kompromisse sind seine Sache nicht.

Der Weg in den Chirurgie-Olymp

„Mitgefühl, die Fähigkeit zuzuhören und Kompetenz, die man sich mit größtem Fleiß aneignet.“2

Das sind für Margreiter die drei Eckpfeiler, die einen guten Arzt ausmachen. Und da macht es für ihn keinen Unterschied, ob einer Universitätsprofessor oder Landarzt ist. Dem gebürtigen Fügener (16. Mai 1941) war die Medizin von den Vorfahren in die Wiege gelegt worden. Denn sowohl sein Großvater als auch sein Urgroßvater waren Ärzte im Tal. Und so habe es schon früh geheißen, er werde der neue Doktor. „Das war praktisch fremdbestimmt“, erzählt er mit Augenzwinkern. In der Maturaklasse habe er sich dann erstmals ernsthaft Gedanken darüber gemacht, ob er den Medizinberuf überhaupt ergreifen möchte. Alternativen wären für ihn die Rechtswissenschaften gewesen oder Architektur. Entschieden hat er sich dann aber doch für die Medizin.

Bereut hat er es nie. „Ich hatte meinen Traumberuf, trotz aller Probleme, die zunehmend aufgetreten sind. Die Ökonomisierung, die Administration – das sind doch Dinge, die einem den Beruf zwar nicht vermiesen, aber ihn doch beeinträchtigen.“3

Dass es nicht die Landpraxis wurde, wie im Zillertal vorhergesagt worden war, sondern der Operationssaal in der Landeshauptstadt, lag an der Faszination, jemanden mit „seiner Hände Arbeit unmittelbar“ helfen zu können. Knochen zusammenzuflicken war ihm aber bald zu wenig. Eine schöne Arbeit zwar, „aber die intellektuelle Herausforderung ist nicht sonderlich groß.“4 Wenn man sich nicht beim Nägel-Einschlagen in die Wand jedes Mal einen blauen Nagel hole, könne man die Chirurgie schon erlernen, meint er. Margreiter reizten umfassendere Behandlungsansätze. Denn nicht aus dem Operieren an sich zog er seine Energie, sondern daraus, einen Weg aus einem komplexen Problem zu suchen und ihn auch zu gehen. Und um ans Ziel zu kommen, diente ihm die Chirurgie als Handwerk – in seinem Fall allerdings ein ausgesprochenes Kunsthandwerk. Wenn er selbst das auch gern herunterspielt: „Ein Organ zu verpflanzen, ist keine Kunst, dafür zu sorgen, dass es vom Körper nicht abgestoßen wird, aber sehr wohl.“5

Die Transplantationschirurgie wie auch die Tumorchirurgie wurden seinem Anspruch gerecht, das Handwerk mit komplexen Lösungsansätzen zu verknüpfen. Und das, obwohl er zur Transplantation wie „eine Jungfrau zum Kind“ gekommen ist.6