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Ferdinand Schmatz

Durchleuchtung

Ein wilder Roman aus
Danja und Franz

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© 2007
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

DAS FOTO

Ein Satz

Schau: Liese geht auf die Wiese und pflückt sich ein Blümchen.

Die Sonnenstrahlen erwecken sie, das Blümchen ein Gänschen, das passt sich ihr an, schmiegt, schnattert nicht, es wiegt. Sie – und ihn auch. Das ruhende Drängen des Pflänzchens allein facht an, aber macht nicht satt, nein, es sattelt die Lust.

Seine auch? Die von – Franz. Er hielt ein Foto in der Hand, auf dem er abgebildet lieb im Gras sitzt, und beschrieb es: Die Grashalme reichen mir fast bis zur Stirn, eine Dotterblume verdeckt die rechte Wange, ein Baum verdunkelt den hinter mir ansteigenden Boden, der sanfte Wind streicht über mich vom Hügel herunter, die Gräser zittern leicht, ich lächle, da ist kein Weg, kein Gehen, kein Fahren, Verführen ist es, da, da, und da Unschuld – berührt.

Es wirkte was, das spürte Franz damals wie jetzt, aber was: alles. Was war das? Das war das: Liese, ich, das Blümchen, die Luft um mich herum, lau der Wind in mir, aus mir, ich sehe in seinem Wogen auf mich herab und in mein Lächeln zurück. Dieses hielt durch und durch an, noch immer, ja, es dauerte und dauert mich, durch mich geht es und ging es und zeigt sich am Bild durchgehend possierlich. Das Mädchen, am Foto nicht sichtbar, am Gegenhang der Wiese vielleicht, schwebt in meinen Blick ein, ich schaue, nicht durch, aber in Sichtnähe, nicht weit – ihr Haar, berührt es mich, kurz, lang?

Er erinnerte sich nicht weiter.

Die Klarheit der Idee, jener ungreifbare, doch zu schauende Kristall im Nebel des Bewusstseins, stand im greifbaren Widerspruch zum Bildnis, das Franz von sich selbst, nämlich etwas verwischt und gar nicht so eindeutig hatte. Es gibt so Tage, sagte er zu sich, wo du weißt, dass alles für dich von Bedeutung ist, aber alles, was du anfasst, die Bestimmtheit hat, alles, nämlich nichts Bestimmtes zu sein. Und? Findest du einen Weg, die Idee, die der Sache zugrunde liegt, freizulegen, geschweige denn zu vermitteln, was sie ist, wenn sie was ist, und das klar zu sagen, zu zeigen:

Gesattelter Franz, nun gut, woher stammt das Pferd, wessen Mähne fliegt im Wind?

Woher es kommt, sie, die Idee, das Gefühl dafür, die Empfindung, fragst du, gar nicht so einfach in den Tagdunst hinein, und antwortest, als würdest du so etwas wie einen Horizont an Einsicht oder gar an Gewissheit sehen, ganz bestimmt: Pferd oder Mähne, Prärie oder Wüste, Lichtung oder Rodung, Halm oder Wurzel, Alm oder Grund – sie entstehen alle, weißt du, hörte Franz sich sagen und verzog leicht säuerlich den Mund, aus dem Bild von der Erfahrung, die in uns schlummert, ihr Kern findet sich im sich darum herum bildenden Kristall ganz allgemein und ganz besonders, als Bildfrucht drinnen und als Fruchtbild draußen, wo es, das bleibt fraglos offen, zu sehen und zu greifen ist, das liegt an dir – und wie! Aber wie wirklich?

Aufnahme

War da einer. Machte einer da was. Warum. Nämlich, warum meldete er sich zu Wort. Warum machte er das überhaupt, das, ja was. Er sagte was. Er sagte: Franz, ich heiße Franz – wie mein Vater, das sagte er aber nicht. Franz Soundso, ergänzte er, als er das Anmeldeformular im Spital ausfüllte. Die junge Frau hinter dem Schalter wartete weder geduldig noch ungeduldig. Sie blickte Franz an, fixierte ihn nicht, fragte ihn nichts und fragte sich nichts. Zunächst nichts. Er vermutete aber, sie dachte sich – etwa das: Wieder einer! Wie lange der wohl dableiben wird? Ob er überhaupt wieder rauskommt? Ob er überhaupt etwas hat, so wie der aussieht? Aber das glaubte nur Franz, dass sie glaubte, und wenn, dann an das vielleicht: an die Freiheit, vielleicht an die Unterdrückung, die hinter dem Glas eine unbemerkt sich einschleichende sein musste und es auch war, und so schlich ihr Blick auf ihn zu und wurde zu dem von Franz. Er, Blindschleiche Franz, kroch zurück, in ihren Blick hinein, und er fragte sich aus ihm heraus, ob der da vor dem Schalter, also er selbst, vielleicht Schiller las, und begann ein Bild über die Figur des Rebellen zu entwickeln. Als Franz vom Schalter wegtrat, dachte er sich – oder sie –, der da ist kein Rebell, aber vielleicht könnte er einer werden: Karl, Ferdinand, Posa. Franz Soundso.

– Ohne dass wir behaupten wollen, es übertrüge sich der Name der Schiller’schen Helden von der Aufnahmefrau auf ihn. Weder er, der ja aus ihr sprach, noch sie hatte den Namen auch nur gehaucht oder lautlos die Lippen bewegt. –

Aber in Pose gehen, das konnte Franz Soundso gut. Von Posa zu Pose ist der Weg der Bedeutung weit, aber der des Buchstabens kurz. A oder E, das den Unterschied macht. Name A, der sich findet, Name E, der ihn bindet. A oder E, im Öffnen und Schließen draußen und drinnen im Mund findet sich der Grund.

Seine Posen hatten ihren Grund, sie hatten einen Zweck. Er war süchtig, und sein Begehren, ungestillt, konnte er durch sie erfüllen, durch sie, die Posen: der Tonfall seiner Stimme, sanft und bestimmt, nicht zu tief, nicht zu hoch – horchte sie auf? Sein Schritt, regelmäßiges Vorschieben und sachtes, aber festes Aufsetzen des Fußes, links rechts – blickte sie auf? Der aufrechte Oberkörper, die lockere, aber kompakt federnde Schulter – sah sie hin? Das Innehalten, kein verkrampftes Verweilen, nie plump und tölpelhaft, immer eine Sohle gehoben, das eine Bein angewinkelt – stellte sie sich dazu? Der durchdringende Blick, suchend und erfassend zugleich, nicht kalt, nicht scharf, hinschweifend, verweilend – verfing sie sich darin?

Ein Pupillenverlangen stieg hoch, in ihr und in ihm, und das war es, seines, sich im anderen Auge zu sehen und daraus auf sich selbst zurückzublicken. Dieses Entrücktsein, das von innen auszuschweben schien, war das erzeugt oder gegeben? Das Einsickern in die Haut der ihn Beobachtenden, in ihren Armen, in ihren Händen saß er dann, zurückgeholt und empfangen. Diese Verlorenheit, die seinen Mund und seine Augen umrandete, aufflatterte, um sich niederlassen zu können als atmender Hauch, der ihren Körper umfing, war das alles in die Wiege gelegt oder gesteuert? Anziehend roch das, einnehmend kam es daher, in Wellen schlank wie – er, also durchgehend elegant kam es daher, sein Posieren, das ihn, sein Verlangen in eine Form stanzte und zähmte. Damit diese abgelesen und eingelesen werden konnte und sich Franz selbst betrachten und sich selbst verlangen über das Verlangen der anderen, das nichts als das seine war: Gefühlkalkül?

Jenes Begehren, das heute durch sie, die hinter dem Glas Sitzende, so wie vorher durch die Taxilenkerin und gestern durch die Serviererin und morgen durch die Ärztin und vorgestern durch die Schwester der Liese, wenn sie eine hätte, ausgelöst wurde und das für die Begehrten Folgen hatte, die folgenlos blieben – für den Begehrenden. Was er begehrte? Das, was sie an ihm begehrten, was er den Frauen zutrug und glaubte, in ihre geheimsten Plätze der sündigen Fantasie und ihrer überquellenden Wünsche, die nichts als die seinen waren, zu verpflanzen: sein Wollen also. Das war nicht kompliziert, es war einfach ein Liegenwollen, Streichelnwollen, Kusswollen, zart, gierig, hart, scheu, verrucht, heilig, ein sündiges und offenbarendes Rauschwollen. Diesen Sinnentaumel sprach er für jede Einzelne aus, so als hätte er nur den ihren allein in sich gespiegelt und erfasst. Das ging in Sekundenschnelle oder dauerte einige Gespräche hin, aber er vermittelte Nähe, ein sich darin Erkanntfühlen, ein Vertrautsein, das ihn und die Erwählte einzigartig erscheinen ließ, vom ersten Moment an. Und das auch erfüllt bekommen sollte, was im Trieb es aufblühen ließ, nicht immer sofort, aber immer irgendwann jetzt.

Ja, so wie jene hier für ihn – für ihn – aufblühte, für die er Schiller las, was sie nicht wissen konnte, und die für ihn also eine unter vielen war, was sie noch weniger wissen sollte und durfte. Eine der vielen, die stets um ihn herumschwirrten, weil er sie selber um sich herumschwirren ließ. Um sich zu berauschen im Rhythmus ihres Flügelschlags, der nichts anderes als das Aufsetzen des ganzen Körpers ankündigte. Wo war dieser, wer trug ihn dann, erweitert, gebrochen, zerbrochen, nicht nur die Äderchen?

Seine Lippen spürten jene der Frau hinter dem Glas auf. Es drängte ihn hin zu ihr, zu diesem Mund, prall. Ein klein wenig ermüdet, verbittert süß, kam er ihm nicht aus Erlebtem entgegen, sondern schien auf Kommendes zu warten. Das Kommende hieß Franz. Für ihn, das genügte. Ihr Mund auf seinem Mund, das wurde zum Grund, zum Stoff seiner Venen und Adern, seinen Muskeln und Fasern eingeimpft. Dieses Verlangen reichte vom Zehenballen, wo es gründlich saß, bis in die Haarspitzen, sekündlich aufgeladenes Gras, und das ließ in ihn toben: Aufruhr in ihm, dem Franz außer sich. Schon stürzte er, Franz, ins Verlangen, vergangenes, zukünftiges. Da war sie wieder, die Lust. Taumelnd mit festem Schritt, ein klarer Nebel. Franz musste da eindringen, um sich greifen, und er fand.

Was fand er? Gegenüberlust, die seine war und wieder wurde. Bis zur nächsten und so fort – zum Schnittpunkt des Parallelenverlangens der sich biegenden Geraden aus Empfindung und Gedanke, endlich unendlich. Mathematisch unklar, bildlich verdreht, gefiel ihm das Bild. Er verjüngte sich mit ihm in der Entfernung, wo Sinne und Sinn sich ineinanderdrehten. Er spürte die Wörter dafür – Vereinigung, Ficken, Verschmelzung – leibhaftig.

Im Kinsey-Report hatte ein Mädchen zugegeben, an ihre Katze zu denken, nein, hatte sie sich verbessert: „Eigentlich denke ich ununterbrochen an meine Katze.“

Diese Aussage war ihm – wir wagen die Formulierung – aus dem Mund genommen, nicht dass er ständig an seinen Kater dachte, nein, er dachte nicht, er fühlte ihn, an den Hosenrand gerückt, leicht durchblutet, da war sie – die gekrümmte Gerade, und das war er, Franz? Er war es auch, aber nicht nur.

– Wir wollen ihn nicht als absolut abhängig darstellen. –

Er war süchtig, aber die Art, die er für sich gewann, sein, ja sein entschlossener Zug, nicht nur um den Mund, wenn auch manchmal zusammengepresst und verkniffen, half ihm, die Sucht zu beherrschen und ihr dennoch Lauf zu lassen, ob der frei war, sei dahingestellt. Er erfand sich dafür seinen Charme und eine dahinter sitzende Sicherheit im Umgang mit anderen. Der wirkte und die sprang über – auf jede, die glaubte, es läge an ihr, dass es nur sie war, was er da schaute, aber er es dabei selber war.

Das war der Moment. Donnerschlag und heiliger Bimbam. Sein Moment. Aufregung, Erregung, Eifer, Feuer, Fluss, Hitze, Leidenschaft. Darum ging es.

Das durfte nicht aufhören, das Eifern, Fiebern, Glühen, Pludern, Schwärmen, Toben, Tosen, Vergehen vor Gier – sonst wäre die Jetzt-Blase geplatzt, entleert, also Leben aus, Tod ein. Oder sogar: Tod aus, auch das noch, das Ende. Also war Wenden die Regel – hin und weg. Die Versuchung musste zur Verführung werden und die Verführung wieder zur Versuchung, es musste weitergehen, also immer wieder beginnen.

Er konnte nicht anders, war nicht besessen, aber bereit: So in etwa stets.

Er ahnte, wie sie reagieren würde bei der Berührung am Arm, am Herz, am Pelz, oder nur beim Augenkontakt, im Blick, ja, ja, er sah sie nachgeben, anschmiegen, sich zugreifen, entbrennen und packen, die Lust – ihre Lust? Es war die seine, aufgestaut, aufgebaut, gespeist vom Reiz-Verlangen der Sinne, wenn eingelöst, dann nur erfüllt bis zum nächsten Spiel.

Franz konnte keine von denen, auf die er traf, übersehen, weil er sich sonst selbst übersehen hätte, das musste aus Überlebensgründen verhindert werden, also Gegenüber-Spiegel an. Aber es ging knapp her zwischen Glas, Bild und Widerschein: Abglanz oder Selbst, gegeben oder beobachtet, eigen oder fremd, also was und wo war er, vor, hinter oder in der Scheibe, führte sie zur Achtung der anderen und zu jener seiner selbst, ja, aber es ging am Glaskantenschliff entlang, ein kleines Hämmerchen irgendwo bereitgelegt und schon zerbrach die Scheibe, der Grat, der Weltkamm, Franz mit Wirbel statt Welle, zerfranst.

Sie schob ihm das Anmeldeformular durch den Glasschlitz und blickte ihn ein Sekündchen länger als üblich an. Das genügte. Er beugte sich zur Sprechöffnung, dem Loch im Glas auf der Höhe ihres Mundes, hin und fragte ganz ruhig nach dem Weg zur Station. Aber sein Herz arbeitete in den anschwellenden Adern, die ihm seine Gier durch den Körper trieben – durch Pumpen, Pulsen, Dröhnen – als querschlagender Hammer. Doch in seinem Kopf hielt ihn etwas zurück, der Jäger lag plötzlich auf Eis, es wurde kalt hinter der Stirn, nicht nur heiß durch die Frau hinter Glas, etwas anderes in ihm pochte an, ruhig, dann heftiger, etwas Erinnertes, das sich vor ihm und in ihm ausbreitete.

Als er unterschrieb, fiel ihm seine ungelenke Handschrift auf, aber das Wort „ungelenk“ erwies sich als Gelenk, das seine dunkel verneinende Vorsilbe abstreifte und zum Scharnier wurde, das Vergangenes aufschließen half und erhellte, das gespeicherte Bild einer zurückliegenden Erfahrung über die gegenwärtige legte und da war: in sich um sich an sich und also bei Franz, dieses sich mit diesem Moment entfaltende, auch aus den Wörtern – ums, ins, ans – entfaltende Ich, ein Sog aus sich in Franz hinein:

Ein S bahnte sich seinen Pfad durch das verzweigte Gehölz aus Zeichen, durch den Haufen aus Wörtern und Bildern – so eine Schlange, sagte er sich, wie weich die daherkommt, und ziert sich, und mich auch, bewegt sich am Blatt unten, raschelt, zischt – ssss – ich halte den Bogen, das Papier und das gespannte Holz, die Sehne, die Feder, das Sehnen, das Federn des Pfeils, des Speers, wo hat er das Blatt berührt, wo hat das getroffene Holz geknirscht – oder die Zähne im Mund, das S, es schlängelt sich durch und heraus, es ist Rauch zwischen den Zähnen, sie sind gelb – möglicherweise gelb, möglicherweise Zähne, oh ich weiß es nicht mehr, aber das S, von dem weiß ich, dass es weiß war, weiß ist, Schnee auf den Lippen, den dünnen, blassen, den dicken, blutigen, einholend schmalgezogenen, ein Familienzug, eine Eigenschaft, die sich nicht ergeben hat, sondern da zu sein schien von Anfang an, immer nur kurz, geschlossen, verkniffen, aber zierlich das Mündchen, sein Zug – und so sticht er ins Auge, sticht dir ins Auge und du erkennst, du weißt, dass du das einmal erkennen wirst, nicht sofort, es liegt ja vorne zurück, das da – die Zigarette, Tabak, Papier, Weiß, Schwarz, die Schrift –, siehst du den Bogen, den irgendwer schon einmal gespannt und an ihm gezogen hat, so wie an der Zigarette ziehen, gespannt und nicht entspannt – Franzl, hol eine Packung Smart, so wie du früher die Dreier geholt hast, das war ein Lauf, ein Hupf Zupf Lupf Gehopse, so einfach drauflos, und die braunen Finger wickelten die Zigaretten oder was da sonst da war in ein Zeitungspapier, Nemec ist der Vater des Sieges, hätte darauf stehen können, aber nein, da fand sich noch kein Vater des Sieges – wir werden von ihm noch erfahren –, der übliche Vater fand sich, der natürliche also, der ist es und er unterschreibt mir die Entschuldigung für das Fernbleiben von der Schule wegen Mumpsähnlichem, dabei war ich nur blaugehauen am Hals von den Fäusten des Bäckersohns, der es mir unangekündigt, unvorbereitet gab, weil ich immer der war, der angab, bestimmte im Park, im Fußballerkäfig, und der mich abklopfte, zuschlug, Zug um Zug, Faust ein, Auge aus, dass mir was aufging, in den Drüsen, umfassend was aufging, nämlich nicht mehr der Unangetastete zu sein, und ich mich beleidigt und geschockt ins Bett legte, und nun lege ich meine Entschuldigung der Lehrerin auf den Tisch und sie sagt, na, du bist aber schnell wieder gesund geworden, hast du überhaupt was gehabt, so wie du aussiehst, Franzl, was sie sonst nie sagte, aber zu Hause, da sagten sie das schon – und Franzl, Franzl, höre ich den Vater, hol noch eine Flasche Bier und nimm gleich die Smart dazu, den Befehl höre ich, und ich sage, Puppe, du holst sie, du bist dran, und die Schwester sagt, du holst sie, du bist dran, und er sagt, na, dann seid ihr beide dran, und so laufen wir wieder mal, Puppe und ich, los, schneller bin ich als sie, auch wenn ich es mir nur ausdenke, es verrenkt mir dabei alle Glieder im Rückwärtsgang der Gedanken, dieser Zug der Bilder aus Windungen, diese Gesichtszüge, die schwarzen Haare der Schwester, nie wieder gesehen, heute gebleicht, erblondet, etwas anderes, das ihr dazukam, also weggenommen wurde, doch damals, da hinauf ins Gasthaus, da lief eine andere und ein anderer auch, auch jetzt im Zurechtrücken im Kopf, schnell geht das in hurtigen Zügen, Flügen an Gedanken, aber die Bilder bremsen sie ein, Knistern hinter dem Auge, und so zeigt sich die Packung noch einmal, in der Hand die glatte Hülle, das sich aufladende und einringelnde Stanniol, und dann stellten sich die Haare auf, Franzl, keine Angst, die Puppe geht eh mit, na ja, und wie ich das später der Psychologin nicht erzählen kann, weil ja alle Bilder irgendwie da sind und eins über dem andern liegt, so wie hinter einem Gedanken immer ein anderer steht, da fällt es mir aber plötzlich doch wie mit Puppen von den Augen, wie ich die Entschuldigung auf den Tisch lege, da bemerke ich, sehe ich, erkenne ich, dass mein Vater sich mit dem Smart-Schriftzug unterschreibt, das ist er, mein Vater, der Smart-Unterzeichner, zitterfrei hingesetzt wie gedruckt holt sein S aus wie der Zeichner mit seinem Stift am Reißbrett, wie der Lassowerfer mit seinem Arm in der Koppel, und drückt jeder Schreibe sein Brandzeichen drauf, ich liebte ihn dafür, denn es hatte nichts von nachgestellt, übernommen, fremd, so eigen, so intim wie in diesem uneigentlichen S habe ich ihn nie wieder gefunden, trommelte es in Franz, vor dem Glas mit dem Loch und immer noch, als er bereits den Weg, nach dem er so ruhig gefragt hatte, zu seiner Abteilung, der Durchleuchtungsstation hinaufging.

Er blickte auf die Uhr. Früh genug, stellte er fest. Keiner holte ihn, führte ihn auf seine Station, in sein Zimmer, zu seinem Bett. Die junge Frau gab ihm, automatisch, alle Daten, die Nummer des Pavillons, den Stock, das Zimmer und die Richtung, in die er zu gehen hatte: Gleich draußen nach links und geradeaus und dann rechts, das große Haus. Franz spürte einen Anflug von Bitterkeit, nichts tatsächlich Gesagtes und dennoch eine Art gefällter Spruch, nämlich der über die nicht mehr frei verfügbare Zeit. Danke, sagte er trotzdem und trat hinaus. Er gefiel ihr, irgendwie hat der was, dachte sie. Oder dachte das Franz.

Franz war also wieder mal in Pose gegangen, selbstgefällig wie es so seine Art war, aber fühlte er sich gut dabei? Heute, wo er eintreffen sollte und auch eingetroffen war, um durchleuchtet zu werden. Rein in die Zauberhöhle, denn Berg ist hier keiner, sagte sie. Jene, mit der er angekommen war.

– Sie, das ist an dieser Stelle des Romans, der hofft, ein wilder zu werden, nicht mehr die Frau aus der Aufnahme, auch nicht Liese auf der Wiese, wir haben noch nicht von ihr gehört, ihr Name ist Danja. –

Er und Danja fuhren mit dem Taxi. Das Radio lief und das forsche Wort Selbstverwirklichungsmist fiel. Seine Selbstverliebtheit, schoss es ihm da ein, hatte die nicht etwas von jenem Selbstverwirklichungsmist, von dem er soeben bei der Hinfahrt zum Spital im Auto hörte. Es war kurz nach sieben Uhr und es mussten wohl die Kulturmeldungen sein.

Natürlich waren es die Kulturmeldungen, im Morgenjournal waren sie es, und die begannen acht vor halb acht. Franz, der Registrator, erkannte Regelmäßigkeiten und Ordnungen sofort. Sein Auge, seine Nase, sein Ohr – die Aufzeichnungsinstrumente seines semiotischen Instinkts lasen die Zeichen augenblicklich. Hielten sie fest. Hielten sie ihn fest? Vielleicht. Acht vor halb acht. Das stand fest.

Und er. Und sie. Gaben sie acht? Hatten sie festen Boden unter sich? Samen selbst gestreut oder eigenen Mist darauf, Pferdeäpfel vielleicht, wenigstens die. Schlug das Pferd auf mit den Hufen, stampfte auf oder sauste nur die Mähne über den Grund hinweg. Schwere Lust oder freie Last.

Wenn Danja auftrat, hopste sie, war ein Bein hoch und gewinkelt, das andere gestreckt, mal am Boden, mal in der Luft – stand sie und so auf ihre Art fest und frei – ein geerdetes S im Oben, im Unten, ein Taillentanz der Kunstreiterin, auf ihre Weise wild, Blau-Grün-Blau, aber gewappnet am Schild unter dem Zelt, Apfelschimmel wie Himmel, flog sie als Mähne und schwirrte als Leib, aus ihm sprach es, sie. Klar. Wendig. Küsse nicht werfend, Zeigefinger und Ringfinger an den Lippen, sacht, aufgesetzt.

Franz gab sich Mühe, mitgetragen zu werden, über die Selbst-Einkreisung hinauszuschweben, sich mit dem Kreisel hinauf ins Blau zu drehen und unten Halt zu finden bei den Knödeln oder auf der mit weichen, biegsamen Holzscharten ausgelegten Bahn, um von der Kreiselspitze hinab unten am Kreiselfuß wieder anzukommen, Fuß zu fassen, zu verstehen, zu greifen, was ist, das ist, nämlich sich ein Herz zu nehmen, dass er es werden wird. Was werden wird? Er sah nichts Eindeutiges, wenn er versuchte, in sich zu sehen und zu sagen, das bin ich, ganz eigen, hier bist du, sind wir zu Hause, draußen das und drinnen dies, und hier im Angesicht des Herzens das Gemeinsame: Schlag ein mit Ich ins Du.

Er sah zwar eine Fläche, wenn er die Augen schloss und zu erkennen suchte, sich oder Teile davon, auf die er Worte, Bilder, Zeichen projizieren konnte oder auf der diese Zeichen als Gestalten und Figuren aufleuchteten, ob er wollte oder nicht. Hinkratzen und Wegschaben, das ging, wenn er den Wachsblock in Händen hielt, wo kurz das Gekritzel des Franzlbuben erschien, das er durch Runterschieben eines Löschhölzchens wieder verschwinden ließ. Tauchte ein S auf, dann war es schon wieder weg, verschluckt im Milchgrau der Tafel – das S, das vom Vater, das im Namen, in beiden, im Namen der Familie – auch im Namen von Liese auf der Wiese?

Und auf der Zunge schmeckte er das, bitter und süß zugleich, und schon wieder schleckte er, also las er von dieser Innenwand ab, was er vor Kurzem gekostet, also gelesen hatte und sich nun auf dieser Wand von ihm eingehauen – oder eingeritzt – zeigte: Bitteres sei förderlich für das Herz wie Scharfes für die Lunge und Süßes für die Milz wie Saures für die Leber und Salziges für die Niere.

– Aber ob diese Feststellung, wie sie hier steht, einer Einsicht entsprach, war ihm nicht klar. –

Er griff sich an den Bauch, suchte die Milz, suchte die Leber, suchte die Niere. Er griff sich an die Brust, suchte die Lunge, suchte das Herz. Und er fand die Organe auf der Zunge, sie lagen ihm auf der Zunge, aber aussprechen, ausspucken konnte er sie nicht. Orten. Wo lagen sie denn tatsächlich, Franz? Er zeigte nicht mit dem Finger, er bewegte die Handfläche, keine Antwort.

Auch Antworten auf Fragen nach ihn kennzeichnenden Eigenschaften, Süchten, Vorlieben, Bevorzugungen, Abneigungen, Verwerfungen und dergleichen waren Franz lange nicht klar: Was trinkst du am liebsten? Eine Frage wie diese brachte ihn zum Verstummen. Abwägungen, Vergleiche aus der Erinnerung rotierten und hinderten ihn, sich zu äußern, nicht weil er sich nicht bekennen wollte, sondern weil er sich nicht entscheiden konnte, vielleicht nicht entscheiden wollte: Sinalco oder grüner Veltliner, Cola oder Blaufränkischer, alles gleich gut, alles gleich schlecht. Er hatte keine Eigenheiten, die sich von selbst nach außen kehrten. Er wollte sie aber kehren, also musste er sie finden, also erfinden und nicht nur bereits eingeschriebene von der Wand kratzen.

Denn: Wie er sich nach außen hin gab, wie er seine Art vermittelte, das bestimmte ihn, lenkte ihn lange. Wie würde er eingeschätzt werden. Wie stünde er da. Was für ein Bild gäbe er ab. Er suchte zunächst in sich und fand – nichts, da war nichts, nicht einmal ein Nichts, gegen das er mit den Nervenspitzen hätte anstürmen können, auch nicht gegen seine innere Wand. Die war zwar da, aber nur erfassbar, nicht angreifbar. So konnte sie ihm schon heiß wie kalt, arm wie reich, hart wie weich daherkommen, die Welt und ihre Dinge, ihre Wörter wie Bilder, und nirgendwo war dieser Ort der Selbstverständlichkeit, den so viele einfach mir nichts dir nichts bezogen hatten. Verwirklicht. Er verabscheute das Wort. Mist. Aber: Er selbst konnte da gar nichts vorweisen. Auch Mist. Dennoch: Er wollte es auch nicht. Er blieb nach außen hin ruhig.

Als ihm die Frau am Empfang nachblickte und an nichts mehr dachte, sah er sich mit ihr, nachdem er das Spital verlassen hatte, auf dem Weg nach Hause. Das nahm er in seiner Vorstellung einfach so an und als gegeben. Sie stießen schon beim Ausgang aufeinander, er erblickte sie eine Spur früher als sie ihn. Seine Spur. Was sie voneinander unterschied, war es wirklich nur die Differenz in der Bezeichnung von Ausgang oder Eingang, hinein oder hinaus, hatte das keine Bedeutung außer jener der Namensgebung? Sie telefonierten beide mit dem Mobiltelefon. Nach dem Hinaustreten ging sie hinter ihm, schnell, er hörte ihren raschen Schritt, verlangsamte den seinen, drehte sich um und sagte etwas über den dichten Schneefall, die Flocken blieben nicht liegen und unter den Sohlen bildete sich Gatsch, kein Knistern. Ihr Mantel und ihre Mütze flogen mit ihrem Augenblitzen auf ihn zu, dass er sich einredete, sie wolle nicht nur reden. Stumm, aber sich immer wieder anblickend, gingen sie weiter. Die Straßenbahn kam, sie standen an der Kreuzung und weder er noch sie liefen los. Sie warteten – sich ab. So einfach war das, beide blieben stehen, warteten und liefen nicht beim letzten Aufleuchten von Grün los. Ihm entfuhr ein Lachen, etwas Nervöses, etwas vom Tod. Es war gelaufen, bevor es begann. Er wie sie hörten es auflachen, dieses Auslachen, und folgten seiner Wegweisung, das Echo aus Ha wurde Ah, aber das änderte nichts, es überschallte die Straße und donnerte in die im Kopf gespannten Räume aus Wünschen mit den Ausmalungen des Herzens wie den Kratzverlockungen der Katze und machten sie platzen.

Franz dachte später zwar, sie hätte mein sein können, sie wäre dann mein gewesen, und er behauptete: sie war mein, Besitzergreifen war schon immer seine Stärke. Und er verfiel in Erinnerung, die in der Vorstellung lag, in der Zukunft gleichsam, aber war sie im Jetzt? Diese Vereinigung hatte stattgefunden als Entwurf, sie war inneres Ereignis, aber ob sie ihn an die Frau oder an sich selbst erinnerte, das blieb offen. Und war das Verwirklichung? So ein Mist, protestierte die Jetzt-Stimme in ihm, ja, das Gedächtnis ist auch Bewahrung des Vergessens, und was es mich vergessen lässt, war da, vorhanden, verwirklicht, im Gespräch, im Hervorbringen während des Sprechens passiert, also schwarze Schrift der Vergangenheit aus, weiße Rede der Gegenwart ein, diese lese ich ab und jene rede ich mir aus. So nämlich: Aus mir raus, das bin ich dann, in diesem Akt, der erste Mensch, vereinigt in Schriftrede und Munddenken:

Eins in beiden, so wollte er es sehen, und das Zusammensein mit ihr, konnte das dann das Seine allein sein? Diese Frage, sollte er sie überhaupt gestellt haben, rührte ihn nicht, aber es rührte in ihm was anderes – um, es raste in ihm wieder mal in allen Organen, dass es ihm wegriss alle Widerstände und Grenzen aus Knochen, Haut und Poren:

Öffnet sich da was, fließt da was, regt sich da was, ja, es schlägt – poch, poch –, bewegt, ein Übergehen im Hinübertreiben, mein Arm dein Bein, meine Lippe dein Nagel, meine Wade deine Läppchen, mein Nabel deine Iris, mein Haar dein Haar, wir umarmen uns außer uns und in sich, deine Brust nicht getrennt von meiner durchschaudert uns das – Hertz im Herz ohne Harz, Weiß ist das Schwarz, Lust wie Schmerz, Bewusstsein setzt ein, das Wahrnehmen setzt aus, aber das setzt uns ein, nicht dann, nun, wir sind jetzt da, dann, wenn die zweite Erfahrung sich zur ersten verwandelt, ineinandergeführt, -geschüttet, -gegossen, aufgehend entrückt – Umarmung von Schwester Eros und Bruder Tod: Der Moment geht an, in einem Ja Nein, in einem Ich Du – wo Licht Bergung des Dunkels ist, die Erinnerung sich wandelt zur Entzückung und Erschütterung im Auftauchen des Erinnerten.

Franz lachte sich diebisch ins Fäustchen über diesen unbändigen Sinn, den seine Sinne anstachelten und ihn verleiteten zu diesem Überschwang des Bezeichnens. Und zweifeln ließen:

Von Sinnen sein: das ja! Aber mein Körper, nur einer der Sinne: nein! Die Vorstellung, meine von ihm, die ist er auch, und die kommt auch von außerhalb von mir, sodass ich nicht nur er bin. Wer bin ich noch? Von woher kommt er, komme ich? Kommt sie, die Vorstellung von ihr, von uns, dort der Körper, da der Geist, hämmerte es weiter in ihm und das Hämmern war zart wie die Aufschläge des Hammers am Spiegel, die er so oft als Künstler durchführte. Sie kamen entschlossen und locker aus dem Handgelenk und die Sprünge, die durch die Schläge entstanden, waren nichts anderes als – rein.

So stand es um die Bruderschwesterliebe, ein Körper ohne Organe, so stand es um die Eigenuneigenheit, die Lust, wo sich der Körper unterschied vom Fleisch, so wie der Affekt vom Gefühl oder das Ereignis vom Ding, so stand es um Franz.

Pokisa

Zwei Tage später, der Schnee fiel, aber nicht zu viel, Franz fand sich wieder im Spital, ob die Aufnahme geschlossen war oder nicht, ob er sich das erste oder das zweite Mal in diesem Zimmer befand, ob dieses sein ehemaliges und nun wieder bezogenes, also dasselbe war, bedachte er nicht, und stellte fest, aha, da bin ich ja, in meinem Zimmer. Er blickte aus dem Fenster. Der Schnee fiel weiter, aber für ihn, aus seiner Sicht, war da kein Boden, kein Grund, auf den er stieß. Er nahm sich vor, Danja zu fragen, ob sie schon Schnee gesehen hat, bevor er auffällt und schmutzig wird. Oder den Klang des Windes gehört, bevor er sich an der Krone bricht. Oder den Klang des Regens, der auf das Dach oder die Baumkrone fällt, bevor er die Rinne füllt und diese damit die Wurzel tränkt. Er sah sich aber das Foto an, auf dem er abgebildet im Gras saß, und vergaß, Danja zu fragen. Lieb, murmelte er, und wusste, er würde nie wieder die liebe Frau von der Aufnahme treffen, denn nach diesem Aufenthalt würde es kein erstes Mal mehr geben.

Wieso ein erstes Mal, war er hier nun zum zweiten Mal, hat es das dritte schon gegeben, war Kommendes vorbei, stand Vergangenes bevor? War er im Bild oder das Bild in ihm, er Kopie oder Original, wachend oder schlafend – träumend? Lachend oder weinend, bejahend oder – ja: Das ist ein Traum, stellte er fest. Klar. Das wird ein Traum gewesen sein. Ich werde mich aber nicht davonträumen lassen, und zurück schon gar nicht.

Er hob den Kopf und blickte in die Augen eines Mannes, den er vorher noch nie gesehen hatte. Den kenne ich doch, dachte er. Das schien ihm klar vor Augen zu stehen.

Woher stammte, so gesehen, das ungesehene Mädchen, und von woher stammen Sie, von woher kommen Sie mir gerade ins Bild, nicht nur gleichsam, fragte Franz und blickte vom Foto weg und auf Professor Pokisa, der an seinem Bettrand stand.

Es schien Franz, als wollte dieser zu fragen ansetzen, was er, Franz, denn da in den Händen hielt. Pokisa wollte ihm jedoch keine Frage stellen, aber vielleicht wollte Franz eine zweite Antwort geben, für die er eine erste Antwort benötigt hätte: Ich weiß es, aber was geht Sie das an, das von damals, das hätte ihm zu forsch geklungen, und so antwortete Franz, wie es seiner Art entsprach – sich selbst: Sie ist Liese, das Mädchen da, vor mir, unterhalb von mir, das sehe ich doch, noch, aber sah sie es auch so? Wer Sie sind, spielt angesichts dieser Fragen keine Rolle. Pokisa war keineswegs über das Schweigen von Franz erstaunt, sodass Franz nichts übrig blieb, als weiterhin mit sich selbst zu reden: ein Mädchen, Liese, Elisabeth, Lieschen? Nein, so hat sie nicht geheißen, sie war etwas, das ich nicht benennen kann, nicht benennen will, das genügt. Was sie war, nun, sicher war sie – da, und ist, jetzt, innen in mir und darüber hinaus nicht im Nebel, im Licht ist sie, Leben derart, ja, unscheinbar augenscheinlich, also: bildbar traumwahr da, genügt das?

Mein Name ist Pokisa, ich bin Ihr behandelnder Arzt, Professor Pokisa. Gut, wollte Franz sagen, aber Pokisa kam ihm zuvor. Gut, sagte er. Was meinte er damit. Liese oder Franz oder sich selbst, als der er seine Handlungen setzte: Er – über dem Bett der Armen. Im Beet der Blumen darunter – Franz. Oben der Sattel, unten die Mähne.

Leuchten wir also in die Gegenwart hinein, stellte Pokisa in Aussicht, griff in ein riesiges Kuvert und reichte Franz ein kleineres mit den Aufnahmen über den Bettrand hinweg: In diesem Schatten, den seine Hände als Hundekopfkonturen an die Wand warfen, hielt er das Kuvert mit dem Befund und den Aufnahmen hoch: die Röntgenbilder, die durch die Bestrahlung seines Leibes hergestellt worden waren. So hergestellt: Was nicht zum Durchleuchten war, wurde mit Bleiwesten abgeschirmt, das hatte Franz erwartet. Die Strahlung brach sich an der freigelassenen Bauchdecke oder am Knochengerüst, eins nach dem anderen. Was sie hinterließ, war kein starres Bild, es war ein Vorgang, der starr wurde. Der Prozess Franz verkümmerte zur Struktur Knochengerüst. Aber: Eine Aktivierung ging der Erstarrung voraus, die eine Veränderung im ins Stocken geratenen Selbstbildnis bewirkte. Da tat sich was, das: Es hoben sich Teilchen von ihrer Bahn und gaben Licht ab, das strahlte dann auf seine Art, das Lächeln der Elektronen, und das, was zurückblieb, das war der wieder widerstrahlende Rest – an Körper, Leib, Gewebe, und das war Franz auch.

Und nun blickten sie alle still auf das Resultat der Brechung, auf das grünmatte Zeichenfeld.

– Sie – wir wollen das endlich klarstellen –, das waren Franz, der Künstler, Professor Pokisa, der Arzt, und Danja, die – ja was, wer war sie –, sagen wir, die Frau an Franz’ Seite. Aber vielleicht war sie das Buch und er nur eine ihrer Seiten. Nun, wir werden das noch in Erfahrung bringen. –

Dieses Zeichenfeld betrachten hieß es lesen.

Da sich die Zuordnungen im Sichtbaren wie von selbst ergaben, erübrigte sich jedes Schauen. Sie lasen das Bild, freies Schauen war da nicht mehr angesagt. Was anderes hatte das Sagen: eine einzige Bedeutung, die hatte es, und die war sie als ganzes Zeichen. Missbildungen waren nicht auszunehmen, alles schien korrekt, musterhaft, das Gewebe nicht irritiert.

Aber Wucherungen brechen unangemeldet auf, das hatte Franz gelesen, sie haben keine Botschaft im Voraus, sie schließen sich mit dem, was sie bedeuten, in dem Moment, wo sie als Ausdruck aufleuchten, kurz. Das ist das: Jetzt. Oder – das ist der: Tod. Anfang. Ende. Von A bis O, von Alpha bis Omega.

Danja hielt das Foto von Franz in den Gänseblümchen mit dem Daumen und Mittelfinger als Blatt, das ihr zugeschwebt war. Franz spürte den Hauch eines zarten Luftstromes. Es war Danjas Atem, der ihre Gegenwart spürbar machte: sie, Danja, die Teilnehmende ohne Anzeichen einer Einmischung in das Gesehene. Ihr Gesicht war entspannt, aber jeder der Züge ein Konzentrat ihres Blicks, ja sie blickte im Rhythmus des schwingenden Blattes auf dieses und auf Franz, sein Abbild ihr Bild, ruhig, ohne Hast schaute sie nur, bohrte nicht nach, aber sprach ihn an.

Du wirkst vergnügt, aber war es lustig auf der Wiese, du, und heute? Trifft dich was, geht dir was nah, empfindest du, dich, jetzt? Franz sah, ohne geblendet zu werden, in das Strahlen ihrer Augen, das sich zu einer grünblauen Fläche ausbreitete. Wo fand er sich da wieder, zurecht oder nur so – bestrahlt und gespiegelt, oho. Danja schweifte ab, nicht nur mit den Augen, schaute aber aus dem Fenster und murmelte vor sich hin: Das Kind weint. Aber kann es zwei aufeinander stehende gleiche Diagonalen geben?

Franz erschrak, wer ist sie? Was will sie, fragte er sich, was sagt sie da mit diesen Worten und überhaupt? Erfährt sie beide Aussagen in einem Satz der Erfahrung: das Wort des Erlebten, die Träne des Mädchens, die sie wie dieses verspürt, und das Wort der Abstraktion, das widersprüchliche Bild, das sie sich an- und so begreifbar macht wie den Wetterbericht, den sie am Nachmittag auf der Himmeltorwiese versinnlicht. Und ich?

Pokisa, der zur gleichen Zeit, während Danja und Franz die Fotos betrachteten, die Röntgenbilder von Franz begutachtete, ging völlig anders vor als Danja. Nicht nur dass er die Beobachtungen ohne Anteilnahme von Gefühlen versuchte, für ihn waren sie Fakten mit einer Bedeutung und einer Zahl. Die rechnete er hoch zum ganzen Verhalten. Dieses setzte er mit dem der Rechendynamik, die Sinne des Körpers mit dem Sinn der diesen Körper vermessenden Apparaturen gleich. Er nahm nicht einmal an, dass aus dem Verhalten des Einzelnen ein persönlich Inneres sprechen könne, ob das Seele, ob das Unbewusstes heißen sollte, egal, das kam für ihn sowieso nicht in Betracht.

Auch Franz war da skeptisch. Aber er suchte wenigstens nach dem Verhältnis von Gesteuert- und Ungesteuertsein, von Vorgabe und Eingabe, von Findung und Erfindung, von Ablauf und Freilauf. Er suchte nicht nur den Grund, den, von dem das Verhalten herrührte, die Herkunft, die nicht auf der Schulter lastete oder von dieser getragen wurde, sondern auch die Wirkung, die zum Verhalten führte, und die, welche sie dann auslöste, ob die Schulter ihre körperliche Haltung selber war oder aus dem Schulterschluss mit anderen herrührte, ob das Herz, das da schlug, sich bewegte und auch anderes bewegte, sich und ihn und beide rührte in einem.

Haben Sie Ihr Herz an Liese verloren, wie Sie so da auf der Wiese sitzen, und sehen Sie, dass sie nur durch dieses Abbild Bild sind? Dass sich Ihr Wesen aus dem Anblick dieses Lieschens speist, während wir, die wir das Foto sehen, überhaupt nichts von Liese wissen, die Sie zu scheinen sind? Das ist sehr eigenartig, sehr merkwürdig. Hätte Pokisa so gefragt?

Franz war sich nicht sicher, er wusste nicht nur in diesem Zu-Fall nicht, was er wollte, denn er wollte meistens wirklich nicht, was er wusste, wie sollte er also wissen, ob er durch sie war oder durch etwas anderes in ihm, in sich. Sie könnte meine Geburtsspenderin, die abwesende Schöpferin meiner Anwesenheit sein, wollte er sagen, aber es hatte ihn ja niemand wirklich gefragt.

Ihm wurde übel, überreizt stach es im Magen. Grund genug, sich in Selbstvorwürfen zu ergehen – Lieschenbübchen, wie immer nur der Abglanz des anderen, der Abklatsch, das bist du, lächerlich. Das Selbst, ein Witz, das Ich für nichts anderes als es zu beschimpfen da, ein kleines unbedeutendes Schandkerlchen.

Danja ahnte von seinen Nagereien, las es aus seinem säuerlich verzogenen Mienenspiel ab. Ihnen gemeinsam blieb aber nicht nur das Ahnen des Unbehagens, das bei Franz die Gestalt abstrakter Sätze annahm. Sätze wie dieser: von dem weinenden Mädchen mit den Diagonalen, die sie ihm vorgelesen hatte. Danja aber ging dem Inhalt nach. Grub sich in seine Oberfläche, und das Enthobene wurde heruntergeholt, geerdet. Sie war eine dem Franz Gesandte, das wurde ihm dann mit einem Schlag klar, der Satz von ihr zum Aufspringen in ihm. Und somit konnte sie die Vorbotin dessen sein, was am Ende der Selbstauslöschung oder Selbstfindung steht, die Vorbotin der Strafe oder die der Belohnung.

Das Foto hatte einen kleinen Riss, der ein Zeichen des Alters und des Alterns gleichzeitig war, mit leicht vergilbten Fortsätzchen, die im Schwarz-Weiß verschwanden, sodass der Glanz des Bildes nicht brach, aber eine Bruchlinie sichtbar wurde, die eben eine Glanzbrechungsspur in das Vergangene darstellte.

Liese ging darin auf die Wiese und weinte. Der Bub am Hang tat zunächst sehr vergnügt, aber plötzlich überkam ihn diese unerklärliche Traurigkeit, die seinen „Wunsch Indianer zu werden ohne Pferdehals und Pferdekopf“ vorwegnahm, bevor er diesen Satz noch gelesen hatte.

Danja schmunzelte. Das, was er da von sich gab, diese Flecken aus dem Erinnerungsaquarell, das war ihr aber keineswegs zu blass, Glanz und Bruch, Foto und Gedächtnis, Kammer und Korn, war es gar Kunst?

Im Röntgen – sie wandte sich an Professor Pokisa im Zimmer von Franz, das sein Zimmer war, das von Pokisa, in der Klinik, seiner Klinik, der er vorstand – im Röntgen, zeigt sich da auch ein Riss im Knochen etwa, wie eine Naht, sagen wir am Brustbein, das über dem Herzen liegt? Oder bleibt die Nahtstelle unsichtbar?

Über wessen Herz, dem des Kindes, des Quadrates, des Bildes? Sind da Herzen oder sind es nur – Übertragungen, fiel ihr Franz ein, seine Lieschen-Übersetzungen. Seine Wiesenstücke. Wer tritt darin auf? Ist sie weg oder war sie gar nie da? Es ging ihm nicht um Verlust oder Gewinn. Aber im Verlust, im Wort „Verlust“, darin steckt etwas, um das es gehen sollte, die Lust. Also berief sich Franz auf beides in einem.

Aber dann sind dir beide abhandengekommen, du und sie sind vergessen, schnauzte ihn Danja brüsk an. Franz nickte, überrascht über ihren scharfen Ton, und das Stechen im Magen hörte auf.

Du kannst nicht trauern über etwas, von dem du nicht weißt, ob du es vergessen hast oder nicht. Ich habe es nicht vergessen, alles liegt klar vor, aus mir heraus spricht es, das meinte zumindest Pokisa, als die Röntgenaufnahmen nichts zeigten: Ihr Magen ist in Ordnung, sagte er, die Tomografien stehen noch aus, vielleicht finden wir hier mehr, fügte er hinzu und zischte dabei wie gewohnt. Ein Geräusch, das Franz zu lieben begann, obwohl er es anfänglich für unerträglich hielt. Dann aber wurde es die Geräuschfanfare des Alltäglichen und er wusste sich in Obhut, wenn sie ertönte.

Aber diese Obhut ist krank, sagte ihm da ein Stimme was vor und ein, und Franz fürchtete, dass damit das Wort gefallen war – das Wort „krank“, und mit ihm die Krankheit.

Ist Liese vielleicht an einer Krankheit gestorben, fragte er sich, habe ich sie nur deswegen wiedergesehen, um nun den Verlust zu betrauern, oder ist das alles nur Mittel zur Herausbildung von Lust? Wohin führt diese Art der Übersetzung? Es war taghell, die Sonne blendete ihn in seinem Bett, umso besser aber sah er die dunkle Spur, die Liese hieß, aus dem äußeren Glanz, der Wiese hieß, nach innen driften, und dort fühlte er sich wohl. Dort ist niemand außer mir, und ich bin es auch – lachte er sich ins Fäustchen –, außer ihm, und wo sonst könnte er das noch behaupten?

Der Professor nahm das Lexikon, das neben dem Spitalsbett auf dem Tischchen mit dem Obst, den Zeitungen und der leeren Glasvase lag, zur Hand, sagte aber nicht, darf ich, er blätterte ungefragt darin, und in Danja, die leise das Zimmer betreten hatte und im Hintergrund die beiden betrachtete, löste sich ein kleiner Sturm von Verlangen, von Sehnsucht nach etwas an Einsicht, von der sie glaubte, sie zu haben, vergraben in sich zu – wissen. Ja, zu fühlen war es jedenfalls, ist es, und umso gefährlicher, umso für sie gefährdender erschien ihr der Moment dieses Empfindens aus Klarheit und Verwirrung, aus Gedachtem und Gespürtem, die wie eine Erinnerung durch sie glitten und, was noch schlimmer war, auf sie einwirkten, Abhängigkeit und Lust. Was machte der Kerl da mit Franz? Und mit mir?

Die Lust ist exzessiv, aber Ekstase blamiert unser Können, ist das die Freiheit, die Blamage, fragte sie still in das Buch hinein, das Pokisa in ihrer Erinnerung aufschlug. Hatte sie geseufzt? Gestöhnt? Franz klickte sich ein und blickte auf sie und winkte ihr zu. Pokisa legte das Buch weg, sagte, wir besprechen das später, und verließ das Zimmer.

Franz las in ihrem Gesicht, in ihren Augen, ihrem Blick mit und bemerkte wieder einmal, dass er nichts anderes tat, als zu lesen und zu lesen, aber so wesentlich das war, ob es sein Wesen, gar als Bildermacher oder Gegenständemacher, ausmachte, ob er gar nur eine Aufnahmemaschine war, ein Subordnerbübchen, das nur registrierte und Fakten verschob, jene, die es aufgriff, sammelte, deformierte und neu zusammensetzte – wie konnte er das absolut wissen, aber, immerhin, sagte er es: Nein. Klar sagte er das, da war der Kristall, der Nebel zwar auch, aber der war der Weg. Die Arbeit am Stück aber, das als Stückwerk Werkstück wurde, die führte er aus, nach Vorstellungen, Mustern, die sich in ihm aufbauten und entwickelten, aber die er in der Hand der Gestaltung wusste und fühlte. Es war wie Liebe zu den Dingen. Hass, übrigens, auch. Nicht das Erkennen der Gegenstände war ihm Voraussetzung, um sie zu lieben, sondern die Liebe oder der Hass war diese, die zu ihrem Erkennen führte. Als Entscheidung für diese Form in diesem Moment unter diesen Bedingungen, von denen er mehr wissen wollte. Weil er es wissen wollte.

Und nun, hier im Zimmer, da hinter den Abbildungen, was war da wissenswert: Versteck oder Lichtung? Sieh doch hin, forderte er sich auf, oder war es Danja, die sprach: Die Röntgenbilder, die Röntgenstrahlen, die gehen doch eins zu eins unter die Haut, und was sich an Durchsicht zeigt, ist jedem Einzelnen klar gegeben, da kannst du nichts herausgreifen und weitervermischen, das ist Original, das sich vom anderen abhebt, jedem das seine, da kannst du machen was du willst.

Aber um etwas hervorzuheben, muss das andere abgedunkelt werden, und hier hilft nur Blei.

Abschirmen mit Blei oder abschirmen an sich, fragte Danja weiter, hatten sie das vor, dich abzuschirmen, oder du dich selbst, du dich mit den eigenen Bildern der anderen? Sie betrachtete sein Foto, das Franz auf die Bettdecke entglitten war, von Liese auf der Wiese sagte sie nichts. Franz verneinte, keineswegs, ich strahlte einfach so raus in die Welt, so wie ich als Bub immer strahlte, so offen halt, im Haus wie auf der Wiese, oder auf der Straße, am Ring in Wien, wo ich am Tag der Fahne stand und den vorbeimarschierenden Soldaten zuwinkte, damals in den sechziger Jahren, unserem Heer zuwinkte, oho, ich in der Lederhose und mit dem Foto-Lächeln, das mir so eigen schien, ein Kind der Nation, ein Volksvorzeigeknäbchen, dennoch deswegen ein irgendwie verlorener Gegenwärtiger, Stiller. Und dort, im Stillen, fühlte ich auch einen Schatten auf meiner Herzeigeseele, von der ich nicht wusste, dass sie eine solche war oder ein solches Bild des Was-auch-immer-Getreuen, des Braven abgab. Ein Bild von mir, das von außen kam und das festgehalten wurde, in einem Film, den ich vor Kurzem zufällig im Fernsehen sah. Ich bin also eine Art Dokument – geworden oder war es von Anfang an.

Aber das Röntgen, das Röntgen, der Herr Professor Pokisa würde sagen, das ist das Dokument Ihrer Faktizität, aber da er ja das Krankenzimmer vorher verlassen hat, ersparen wir uns das, rief Danja noch einmal: Franz, das Röntgen, das gibt dir die Sicht nach innen doch nicht wirklich frei, es sagt nicht, was es zeigt, sondern lässt andere sagen, was sie sehen – wollen. Und das wahrlich nicht nur mit der Absicht zu helfen.

Will das der Pokisa, helfen, und wenn, dann wozu helfen überhaupt? Brauchst du Hilfe? Seine. Meine. Deine brauchst du, nicht unsere. Pokisa dient nicht der Wissenschaft, der verkörpert sie, ist sie, er, das Wesen Pokisa, alles im Lot, alles unter Kontrolle, alles hoch und gerechnet.

Das rief nicht nur Skepsis hervor, in Franz, es war Danjas Wissen von Pokisa, das ihn erstaunte, und nicht so sehr ihre Warnung, auf das Fremdbildnis – das von drinnen, das von draußen kam – zu vertrauen.

Am Meer. Franz, der Hund