Titel

Ferdinand Schmatz

Portierisch

Nachrichten aus dem Berge in Courier New

1
Drinnen in Fustritztal 
oder der Tod, plötzlich

– Ich habe mich entschlossen, keinen Roman zu schreiben, sagt der Amerikaner,

– dennoch trifft er mich sicher ins Herz, der Schriftschütze, male ich mir aus, während wir miteinander kräftig Schritt holen auf der Landstrasse, die zunächst in engen Kehren den Sattel hinaufsteigt und sich nach der Passhöhe sanft nach unten schlängelt,

– so sanft, wie ich mit den Tasten ansetze auf dem Vorstellungsklavier, denke ich, er heisst Courier und ist auf der Suche nach Spuren jenes Philosophen, der sich in dem Ort weiter unten, vor dem Pass, aufgehalten haben soll,

– halt!, schreit da jemand, sie betreten privates Forstgebiet,

– stop!, rufe ich dem Amerikaner zu, der Förster des Grafen Zup versperrt uns den Weg,

– aber wir sinds doch, gebe ich mich dem Förster Rasinger zu erkennen,

es war zum Lachen, dieser plötzliche und unerwartete Widerstand des Herrn Rasinger, doch Beruf ist Beruf, sagt er, was ich dem Courier übersetze, dieser zischelt mir zu, aber Gastwirt ist er auch, und wir beide verstehen

– habt ihr vielleicht Löwen hier, brüllt er den Rasinger an und schüttelt sich seine Mähne vor Lachen, der Amerikaner hat langes gewelltes Haar, mir fällt da­zu die Föhnwelle ein, als hinter uns dreien der Gutsherr Zup hupt, der zu seinem Herren­haus rauffährt und irgend etwas Englisches in Richtung Courier nuschelt,

ich blicke nachdenklich zu Boden, aber sofort wieder hoch, mich hat der Föhn angeweht, mein Blick bleibt am kahlgerodeten Gegenhang kleben, auf frischem Grund zwischen den Baumstümpfen wiegt das Gras im Wind seine grüne Mähne,

– Philosophie und Prärie, das reimt sich, aber Welle und Föhn, rätselt Courier,

– das kann man zusammensetzen, weil es aus dem richtigen Leben kommt, sage ich zu Courier, aus dem Berufsleben nämlich, und der schüttelt den Kopf,

der Förster fährt inzwischen in Schlangenlinien dem Grafen Zup nach, sie halten, treten beide auf die neu aufgeschüttete, baumlose Terrasse vor dem Haus und zeigen auf den dichten Baumbestand darunter,

– hier wird bald Holz gefällt, dann hat der Föhn keine Widerstände mehr, prophezeit der Amerikaner in das Säuseln des Windes hinein, der in Richtung Fustritz­wald bläst, das in einer kleinen Senke unter dem Herren­haus liegt,

– hui, hui, der Wind das liebliche Kind, summe ich, und Courier drängt zu den Rasingers auf ein Bier in die einzige Wirtsstube von Fustritzwald hinab, verballhornt dabei den Markennamen und fragt mich dann ohne jede Scheu über den Tisch hinweg, ob wir hier im Grünmärkischen nur Güsser trinken, sodass ich zurück- und ihn ansprudle, ö, ö, Mister Courier, und überhaupt so nebenbei, Biere habe ich schon bessere getrunken –

das war der letzte Satz vom Vater meiner Frau Belinda auf der Intensivstation, nach gut überstandener Aorta-­Operation mit einem rosigen Gesicht und einem Brustkorb, der sich hob und senkte durch die künstliche Beatmung wie noch nie in seinem Leben zuvor, sein Körper frisch aufgepumpt, die Backen voll und die Wangenhaut gespannt, gab er eine Fülle von Leben ab

– so richtig ungesund gesund, dachte ich mir noch, ein echtes Wellental ist dieses Leben, während sie ihm Blut abnahmen und ihm die ganze Brust aufstachen, da sie auf den Armen keine Abzapfstelle mehr fanden, wodurch unzählige blutige Papierfetzchen auf seinem Bett herumlagen, nachdem die künstliche Beatmung vorbei und er auf dem Weg der Besserung war und deshalb auch auf der Inter-care-Station lag, aber mit einem Schlag, und schon war es schnell aus –

das Spiel neigt sich dem Ende zu, der Sieger steht noch nicht fest, wen wird es wohl treffen, höre ich eine Stimme aus dem laufenden Radio über der alten Holzschank im Gasthaus krächzen, und mein Freund fällt mir ein, der andere Dichter, der während seiner Schreibepausen zu­hört, aufschaut, nachdenkt und sich dabei sehr oft den Kopf halten muss vor lauter Weh –

ist er ein wahrlich ganzer Dichter, sportresultathör­besessen und ein eleganter Fusswanderer zugleich, das heisst, er simuliert Gehen und Wandern durch das mehr oder minder heftige Kreisen seines Unterwadenfusses sowie durch Anziehen und Loslassen des Ristbeines, mit dem er gekonnt Kilometer für Kilometer durch sein Gebirg geht, diese Wege dabei immer konsequenter geht in der Vorstellung seiner Muskeln, die tanzen und zittern,

ich sehe sie, wenn er sich schnell und verlegen vor mir umkleidet, und ich bin, ich weiss nicht, beeindruckt oder angewidert von dem, was da so abgeht

– wir gehen eben, wie es uns halt geht, rede ich mir ein, aber Courier will solche Erklärungen nicht hören, er sieht das Leben nicht so, er blickt vom Talpanorama zurück auf die Einzelheiten und geht nicht vom Detail der Wellen aus, sondern vom ganzen Wellental eben, das für ihn im Gespräch immer das Auge, der Mund, die Stirn des Gegen­übers ist, die Föhnwelle registriert er kaum,

– fragen Sie mich nie, was einer antrug, stellt er dazu fest, und ich verbessere ihn, was einer anzog, meinen Sie, was er trägt, welche Kleider und so, tragen, trug, getragen, wandelt er ab, eifrig wie immer, und ich ziehe ihn am Är­mel, um ihn zurechtzustutzen,

– Grüss Gott, sagt da die Frau Rasinger, oder war es die Tante ihres Mannes, die den Hund des Försters be­hütet, der übrigens einen Hut trägt, sage ich mit vorgehaltener Hand zu dem Philosophiesucher und greife mir automatisch an die Stirn, weil sich der Rasinger, der Hundeherr, den Hut vom Kopf reisst, als er den beeindruckenden Courier sieht,

den Philosophen, der aus der künstlichen Intelligenz kommt und sich aus dieser zurückgezogen hat, ihr und somit sein eigener Kritiker wurde, eine amerikanische Eiche, ein mächtiger Baum im Wald der Widerständler, die sich mit grauer werdenden Haarwellen gegen die von ihnen ins Leben gerufene Austauschbarkeit des Einzigartigen stemmen,

mich interessiert das für mein Schreiben, aber der Dichterfreund lächelt nur – Philosophie und Literatur unter einem Hut, tut nicht gut, ist fraglich pur, ergänzt Courier, und bestätigt die Meinung des Dichterfreundes, dass Courier ein begnadeter Gesprächspartner hier in den Bergen sei, wo

– wie uns die Tante erzählt, nicht nur der Hund zu blöd ist, um sich Menschen zu merken und stets eine Beiss- und Schnappgefahr darstellt, weshalb ich nicht mehr beleidigt bin, von ihm nicht wiedererkannt zu werden, anders bei Courier, der sagt ihm was, und so zieht das Viecherl den Schwanz ein, als Frau Rasinger zwei Gösser-Helle auf den Nachbartisch stellt, Holzfäller, junge Burschen, schütten sie sofort hinunter, Weizen­baum kommt mir da in den Sinn, aber so bekannt wie dieser ist Courier nicht, ausserdem trinkt er kein Weissbier,

da ruft überraschend der Gutsherr in der Gaststube an und lädt uns zu einem Schnitzelessen ein, kommt ihr Freund auch, fragt mich Courier und ich bin sicher, dass er kommt, es bleibt nämlich stets bei derselben Gesellschaft im Gutshaus, zu dem die Einheimischen Schloss sagen und sich so die alte Ehrfurcht bewahrt haben und ein klein wenig Untertanen geblieben sind, leben sie doch vom Gutsherrn, dem Grafen Zup, aber eine der beiden Seiten versteht sich als kleinerer, die andere als grösserer Ausbeuter, und so funktioniert die Partnerschaft hier sehr sozial –

Zup jedoch reflektiert die sozialen Abhängigkeiten und Verstrickungen weder von oben noch von unten, die Gebäude des Lebens, die An- und Abwesen jener, die in diesen ihr Dasein auszutragen haben, wie Courier sagt, nimmt er als gegeben hin, kühl und selbstverständlich, wie er mit Belesenheit und feinstsinnigem Kunstverstand seine Urteile fällt, über das in den Gräben Gebaute hinwegsehend, ob­wohl er Architektur studiert hat und einen Skulpturenpark und Bauerngarten anlegen will vor seinem in Weiss und Braun gebauten Haus, das ihn als das ausweist, was er ist hier, der Herr Graf Zup

– sein Kosename, der ist für jede Maschine ein Problem, platzt es aus Courier heraus, als der Grafenname fällt, es donnert, und schon platzt ein Gewitterregen herab, da trinke ich lieber mein Güsser, sagt er unverdrossen, und Rasingers Hasso verzieht sich unter die Tische im kleinen Nebenzimmer, der Förster und Wirt Rasinger lacht, aber er und wir wissen nicht, wem er, als es ans Zahlen geht, wirklich dankt,

– und keiner sagte was zum wirklichen Tod, die Tatsache der Endlichkeit schien irgendwo ins Unend­liche verschoben, raisoniere ich, in leichter Bierstimmung, vorweinschwer, selbst die Schwätzer hielten sich damit zurück, nur mein Vater erzählte beim Leichen­schmaus des Belindavaters eine Geschichte, als es ums Verbrennen oder Beerdigen ging, die zeichne ich nicht auf, sperrt sich Courier mürrisch und dreht sein Diktier- und Tonbandgerät, das er immer dabei hat, ab – jeder Tscheche wird vergast, soll mein Vater so zum Spass zum Arbeitskollegen in den fünfziger Jahren gesagt haben, aber ich nicht, antwortete sein Hafnerkollege in der Firma Malenkuvich, in meinem Geburtsort Kornenburg, doch du auch, – ja, das war ein ziem­licher Spass, erzählte mein Vater, als sie den einen dann hineingestopft haben in den Ofen, und die Hitze darin für das Tongeschirr- und Kachelbrennen soll extrem stark gewesen sein, aber

– ich hörte nicht richtig hin, und zum Tod fällt sowieso keinem was Gescheites ein, schon gar nicht, wenn es so schwül ist wie an diesem Vormittag, will ich noch hinzufügen, aber Courier hat den Raum verlassen und rennt einem Mann entgegen, der kurzhemdärmelig und patschnass die Strasse zum Gasthof heraufeilt, fängt ihn auf der Höhe der ehemaligen Eisenbahnhalle ab und redet wie wild auf ihn ein,

– allein das Geräusch des Windes kühlt, sage ich an einem anderen Tag zu Belinda, wir wandern den Ohrwaschlgraben hinauf, und ich denke mir, wozu tu ich mir das an, bei dieser Hitze mit vollem Magen, und denke mir, alles läuft wie von selbst, immer wieder, und schon kommt uns der Herr Winder mit seinem Traktor entgegen, eine Fuhre Erde und Betonreste auf dem Anhänger, er schwitzt in seinem blauen Arbeitsanzug und winkt uns verlegen zu –

ich aber mache in diesem Moment den rechten Winkel mit dem gestreckten Arm zur Brust hin, denn ich stehe in der Hauptstadt und somit in der Waagerechten, nämlich meinen täglichen Turnus turnend, der mich am Kreislaufleben hält, der meine Säfte zirkulieren lässt, dass mir das Gleichgewicht erhalten bleibt und ich das alles zu tragen und ertragen verstehe, was ich unter anderem hier von Courier und dem Fustritzwald schildere, während ich meine Übungen zur Ertüchtigung des Körpers durchziehe, regelmässig, wie es mir so eigen ist, so wie ich regelmässig einiges andere wie etwa den Ab­wasch oder die Staublurchfegeaktion mit dem Stielwedel oder das Durchlüften der Räume abwickle, um mir ja keinen Wickel aus Fett, Staub oder Mief einzuhandeln, so halte ich auch hier meine mir selbst auferlegte Passion durch, atme ein, beuge mein Knie, kreise meinen Rumpf, frage mich, was das so ist – mein Körper, vor allem das, was er denn so will von mir, atme aus, wie es sich gehört, und höre, was mir mein Gedächtnis und meine inneren Bilder in das Gegenwärtige diktieren, dass ich es aufzeichne und umforme gemeinsam mit Courier, dem Schrifthelfer, ganz frei von der so unfreien Leber weg,

auf jene ebenso nicht ganz freien, sich nicht mehr von selbst regenerierenden Geister, etwa auf den Herrn Winder hin, von dem der Zup einmal sagte, ihn behalte ich, damals, als er die letzte grosse Kündigungswelle im Dorf startete, der Herr Winder kann bleiben, und so fährt dieser jeden Tag abgehetzt durch die Gegend, einmal den Forstweg mit dem Traktor rauf, dann die Hauptstrasse mit dem Rover hinunter, einmal biegt er im eigenen Kleinjeep zum Feuerwehrhaus ab, dann wieder bremst er sich vor dem ehemaligen Forsthaus gegenüber dem Schloss mit dem Bagger ein, wo jetzt der Herr Zorn mit seiner migränegebeutelten Frau lebt und alle, auch unseren Rasen rund­herum mäht, je nachdem, wie es die Arbeit, die vom Fen­­s­ter­öffnen bis zum Leitungslegen reicht, verlangt, oder er biegt zur Garage ab, die von den Fenstern des Dichterfreundes aus zu sehen ist, auf die auch der Herr Zorn mit seinem Aufpasserexjagdhund Hirschmann sein stets wachsames Auge werfen kann,

jene Ablade- und Dingverhortungsstelle, in die ich jetzt, langsam, aber unsicher in den Handstand übergehend, blicke, in meinen Abstellplatz der gespeicherten Räume, und festhalte, während ich fast keinen Halt mehr am Bo­den finde, dass die Garage, einst die Schneidehalle des Sägewerks, unterhalb vom ehemaligen Forsthaus liegt und mehrgeschossig angelegt ist, eine perfekte Maschine des frühen Jahrhunderts, unterkellert, dort mit Räumen versehen, die miteinander verbunden und nach oben und unten hin durch Luken und grosse Falltüren geöffnet wa­ren, wo ein Arbeitsvorgang den anderen ablöste, hier die Stämme zugeführt, dort entrindet, dann in die Sägehalle hinein, und die Schnittreste plumpsten bereits in das Kellerbecken durch die geöffnete Falltür und wurden dort zerhackt, und die Stämme weitergeschoben durch die ihnen angepassten Löcher die Mauer hindurch bis zum Verladeplatz, wo der Holzgeruch die ganze Talsenke erfasste

– ah!, riecht das stark, entfährt es mir auf dem Hügel darüber, als ich auf ein Stück Baumrinde trete im Ohrwaschlgraben, wie gut doch geschnittenes Holz schmeckt, es tanzt mir auf der Zunge und treibt meine Empfindungen aus, dass sie weiterblühen – vom gut riechenden Holz zum knus­­prigen Braten und zum überschäumenden Bier, zu den sich zuprostenden Holzfällern, Jägern und Förstern an den sich biegenden, aus handwarmem Holz zusammengenagelten Tischen, in ihren Händen die übervollen Biergläser, vor denen die gar nicht so schamhaften Frauen aus dem ganzen Tal warteten, warteten auf das, was zu erwarten war, die hatten noch was zu tragen,

– aber zu ertragen auch, wirft Courier ein, als ich ein wenig zu euphorisch das Hohelied der guten alten Zeit anstimme, in mein Innenohr, dennoch, noch einmal bitte, fordert er die Mutter der Friseuse von Rotten auf, im grösseren Einkaufsdorf einige Kilometer weiter unten im Tal Richtung Süden, wie war das früher, als es die Waldbahn noch gab,

– ja, da war was los, viele Feste gab es damals bei denen im Graben drinnen, jede Woche wurde getanzt und getrunken, wir sind immer wieder hineingefahren mit der Waldbahn oder zu Fuss hingewandert, Kirtag für Kirtag, Lohntag für Lohntag, aufgeregt waren wir, schön hergemacht und so überhaupt

– und ich kratze mich am Kopf, unter den kurzen Haaren löst die darauf brennende Sonne Schweissperlen aus – oder sind es die Kniebeugen – und ich spüre die Schere der meine Haare schneidenden Frisiersalontochter, als mich Belinda beim Grabenanstieg an­spricht, setz dir doch die Kappe auf bei dieser Hitze, und ich im Nacken schon ganz leicht das brennende Frösteln hochsteigen spüre, das mich beim Nachspüren hier in Fustritz­wald und in der Hauptstadt begleiten wird, das Bild des Spürhundes Courier ständig vor Augen, wie er alle ausfragt und interessiert tut, obwohl er sicher nicht alles versteht, was ihm da alles so erzählt wird über Haus, Herr und Hund aus der besseren Vergangenheit,

– der Hund, der Hund, riefen die Kinder, aber schon hatte der Gutsherr seinen Guggug am Schädel erwischt und angefahren, als er seine drei Kinder auf dem Rollschlitten mit dem Range Rover über den Parkplatz vor der ehemaligen Schneidehalle zog, ein schneller, glücklicher Tod, stellen wir dann alle übereinstimmend nach dem Abendessen im grossen Gästeraum fest, ich aus dem Schatten des Kerzenlichts vor den überziselierten Ständern heraus, füge noch hinzu, dass der Hund kein Glück gehabt hat, der Guggug, widerspreche mir also und denke an diesen leibhaftig tierischen Widerspruch, das Riesenbaby Hund, der sich immer bellend vor die wegfahrenden Autos warf, aber bis auf dieses eine letzte Mal es verstand, den Kopf oder den Körper rechtzeitig wegzudrehen vor dem letzten, allerletzten Stoss, oder der es in diesem letzten Fall verstand, den allerletzten Stoss kommen zu lassen, den Erlösungsstoss, den Hinüberstoss aus diesem eigenartigen Unterwerfungsleben, das er so gerne als geliebter Schlossherrhund geführt hätte, aber wenig Chancen bekam, zeigen zu können, wie schön er seine Hundeunterwerfung angelegt hätte von der schnöden Zurechtweisung bis zum liebevollen Umfassen der stets triefenden Schnauze durch das Herrl Zup, Guggug aber galt bloss als Stinker, der ständig puhte und sein entzündetes Fell zeigte, seelisch krank, das war mit seiner mächtigen Erscheinung einfach nicht vereinbar, das war einmal krank zu viel, aber sein Tod hatte Format, da hat er es uns gezeigt und das Vorbewusste in das so gemütliche Kamin-Sprechen im Herrenhaus über die Ursache seines Todes ins Spiel gebracht, das Spekulieren verlangte nach einer Begründung, einer Erklärung,

– also her mit dem Sinn oder her mit dem Bier, hatte auch der Belindavater gesagt, mit seinen glühenden, rosigen Feuerwangen, und dann hochgestossen, mit seinem Rülpser aus tiefster deutscher Soldatenseele angestossen, die auch im tiefsten Österreich den schwäbischen Slang nicht abstreifen konnte und wollte, um schliesslich den Schädel hinzuhalten oder nicht mehr hochhalten zu müssen, ermüdet von den lauwarmen Bieren des Lebens, immer wieder, bis es dann doch anders kam, plötzlich, und mit einem Schlag vorbei war mit seinem noch einmal versuchten Aufbäumungs­leben, seinem letzten Anlauf, das Knie zu strecken und nicht die Patschen, wies so schön heisst –

und diese Patschen schiebe ich mit den Zehenspitzen weg und rede mir ein, dass dieses Erinnern dazu da sei, etwas mit mir auszutragen, was sich halt so zu- und vor allem eingetragen hat in das Buch der Leben und ihrer Zeichen, denen zu entgehen auch mir nicht mehr so recht gelingen will, wenn ich mich gegen ihre überaufdringliche Gegenwart wehre, auf der unlängst gekauften Mütze genauso wie auf den Aufschriften in Fustritztal, die seit neuestem die Strassen, Wege und Gräben hier schmücken, damit alles seinen richtigen Namen hat und ist, was es sagt, oder so halt

– denn wir reden immer so, wenn wir unter uns sind, sagt Herr Gunster aus dem Dorf und zieht verlegen die Achsel hoch, lacht dabei und meint den Herrn Zorn und den auf Krücken um sein tägliches Bier stelzenden Herrn Hornsteher, den Nachbarn unter ihm, und meint die anderen im einzigen grösseren Wohnhaus von Frauenwald gegenüber seiner Wohnung in dem von den Rasingers umgebauten ehemaligen einzigen Geschäft im Ort, Nachbarn, die zum Teil in Pension sind, zum Teil auswärts arbeiten wie der fette mächtige Protz, dieser Kerl von Mann nebenan, der bei seiner Mutter im Erdgeschoss wohnt, gleich hinter dem städtisch gepflegten Garten, den ein Gartenzwerg schmückt, in etwa auf der Höhe des Grases und seiner Zeit und ihrem Formwillen stehend wie sein leibmächtiger Aufsteller, zu dem Belinda Feuerwehrhauptmann sagt, weil er bei den Sammlungen zu Weihnachten und zum Sommerfest in tadellos sitzender Uniform auftaucht und auch am Sonntag im weissen Hemd seine vier, fünf Krügel zum Frühschoppen hinunterstösst, ein Saison-Maurer, der wochentags am frühen Morgen mit dem Moped loskracht, das er unförmlich zu erdrücken scheint, und am Abend grau, weiss und verstaubt von der Baustelle zurückkommt mit Motorradbrille, Helm und Rucksack, stets warm verpackt auch in den wenigen heissen Sommertagen hier auf über tausend Meter Höhe, von denen der Dichterfreund überzeugt ist, dass es die schönsten im ganzen Land sind, so wie überhaupt das Wetter hier heroben das schlechthin ideale ist für alle Jahreszeiten,

– die Höhe der Methode, greift Courier das Wort auf, die Dinge aus dem methodischen Raster heraus zu erfassen und an die Oberfläche zu heben, das interessiert mich schlechthin, fügt er hinzu, fragend, denn er meint ja positiv, was er sagt, und schlechthin hat den negativen Beigeschmack, ich aber meine, wir sind über tausend Meter hoch, das erklärt die himmlische Klarheit in der Sommerschwüle und im Herbst- und Winternebel und sonst nichts, stelle ich noch einmal klar, und er meint, klar, aber ich habe nur das Wort Höhe als Ausgangspunkt genommen, um sozusagen, wie ihr hier sagt, die andere Bedeutung, die es auch haben kann, ins Spiel zu bringen, schlechthin wie man so sagt,

– nicht nur, wenn die unter sich sind, denke ich mir schmunzelnd, aber Herr Gunster versteht nicht, ihm ist Courier nicht so vertraut, dass er bereit wäre, ihm richtig zuzuhören, ausserdem spricht Courier aus Un­sicherheit zu schnell, und die hier brauchen etwas länger, um zu erfassen, was – eigentlich – gemeint war, und Gunster gilt als der eigentliche, also der geheime Rote im schwarzen Ort, als jener, der jahrelang den Kommunisten die einzige Stimme bei den Wahlen gab, ein Einzelkämpfer, der früher als Holzknecht arbeitete und im Krieg die Leute, wie er sagt, über die grüne Grenze und die braunen Waldsteige entlang führte,

– er kennt jeden Weg, fällt mir ein, als Belinda und ich auf die Futterkrippe stossen in diesem Gründickicht an Niederpflanzen von Gräsern, Blättern, Blumen und dem schwar­

– ach, wäre jetzt ein Schluck gut, seufze ich vor der abtrudelnden Quelle, und Reh haben wir auch noch keines zu Gesicht bekommen, sagt Belinda, während ich in den Augenwinkeln Couriers Gestalt unten auf der Landstrasse wahrnehme, der auf den durch Kinderlähmung armverkümmerten Gunster einredet, immer wieder, und ich mir nicht erklären kann, was er denn von Leuten wie Gunster auf offener Strasse will, Gunster war vom Sessel gerutscht mit fünf, aber ins Spital gebracht hat ihn keiner, und mit dem Springen und Zupacken und Wegtragen war es vorbei, dennoch hat er es bis zum Holzfäller gebracht und zum berüchtigten Raufhansel, und Fensterln lag ihm im Blut, auch wenn er hie und da sein eigenes fliessen lassen muss­te, weil er auch dort abgestürzt war, wie er Courier nicht ohne Stolz erzählt und von sich überhaupt nichts preisgibt,

dass ich lieber den Kopf, so weit es geht, von links nach rechts drehe, auch wenn mir ein wenig schwindelt bei meinen Schwindelverhinderungsübungen, aber Hauptsache, ich habe den Überblick, auch wenn das der letzte sein soll, hinüber auf den Leopoldsberg etwa, wie ihn der Belinda­vater hatte, aber da war die Schönheit der Aussicht auch nicht gerade tröstend, also schau, sprach ich ihm und mir deshalb Mut zu, dort fahre ich mit der Maschine vorbei und winke dir rüber, scherzte ich auf ihn hin, bevor sie ihn unters Messer nahmen, unter die Lasersäge, die Schnitterin, und simulierte die alte Soldatenfreundschaftsspruchpackelei, jetzt hast du den Panzerabschuss durch die Russen überlebt und bist aus dem Kobel rausgekommen, also wirst du auch das hier überstehen, denn das damals war gefährlicher, und er lachte, und ich lächelte auch, aber – eigentlich, wollten Sie wohl sagen, fügte Courier hinzu – schluckte ich die Vorahnung und so einen kleinen Schmerz, der nur aus dieser sprachlichen Banalität aufstechen und in Zuneigung umschlagen konnte, hinunter, und schon waren Belinda und ich aus dem Krankenzimmer draussen, und dann hörten wir nichts mehr bis auf das tiefe unverständliche Brummen unter der Atemschutzmaske nach der zehnstündigen Musteroperation, die so gut verlaufen war, dass sie ins Lehrbuch hätte kommen können, und dann eben diesen Satz vom besseren Bier, den hörten wir noch,

und an dieses Bier herankommen will Courier auch, auf seine Weise, verband ich meine Denkschleifen während des Stehens in der Hauptstadt, der Stillstandhaltung, und während des Gehens und Ausschauhaltens nach der besten Blickstelle hinunter ins Tal von einem der Kämme aus, die den so genannten Frauenwald um Fustritzwald umschliessen, oder zutreffender, die ihn aufschliessen und die Enge aufreissen, so derartig auf­reissen, dass die Luft und die Sonne oder der Wind und die Wolken den Blick öffnen und damit das Gehirn durchwehen und locker machen, als wäre man gereinigt, purgiert oben im Gehirnschädel und frei für das nächste Wort,

– das Wort ist der Ort, hörte ich von einem anderen Dichter, und ich schüttelte innerlich den Kopf, als ich das hörte, und noch einmal, als ich es weitererzählte, aber Courier meint, dass dies ein Ausgangspunkt für meinen Roman sein könnte, denn er habe ja in diese Richtung nichts vor, und ich sage, das W allein genügt, vielleicht sollte er es weglassen und einen Roman ohne W versuchen, wenn es schon anders nicht möglich sei, aber er ging auf diese Unterstellung nicht ein und sofort auf den Inhalt los und erwiderte, ohne Weh, das geht nicht, Stimmung, Stimmung mein Freund, mit dem Rückenmark lesen, sonst ist das alles wie ein Löwe ohne Mähne, der sprechen kann – und wir verstehen ihn, biss ich zurück,

aber da erkenne ich, dass Courier gar nicht hier oben bei uns steht, sondern sich in meine Gedankenstollen eingegraben hat, und strecke nun endlich den linken Arm im rechten Winkel zum Brustkorb aus, verharre in dieser Haltung, dass mir der Wind von den Kämmen plötzlich durch die Zellen streicht und mich klar und wach macht, auch für die nächsten Bilder und Wörter und eben deren Orte, und ich verlasse daher die inneren Schüttelgräben – und sehe auf das Künstlersymposion hinunter, das der Graf für seine Frau, eine steinmetzende Freizeitkünstlerin, organisiert hat und das in schöner Eintracht von hier oben zumindest dort unten abläuft, leicht eingenebelt vom Rauch des Keramik­ofens, in dem die Künstler und solche, die es werden wollen, ihre Tonkunstwaren brennen, also fest machen wollen, binden und zusammenhalten.