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Jürg Amann

Pornographische

Novelle

HAYMON

Originalausgabe: Tisch 7 Verlagsgesellschaft Köln mbH, Köln, 2005

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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ISBN 978-3-7099-7320-2

Umschlag: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Inhalt

Pornographische Novelle

Liebe Frau Mermet

Pornographische
Novelle

„So weit das Herz reicht geht es.“

Friedrich Hölderlin

I

Einmal diese Vorstellung gehabt, schrieb er, mit dem Nachtzug von Paris wegfahrend, einer mir unbekannten Mitreisenden gegenüber, mit der ich zufällig das Abteil teilte: mein Gesicht so über ihr schlafendes Gesicht zu legen, daß meine Züge ihre Züge nachbildeten, von außen, und meine Haut dabei ihre Haut würde, nur von der anderen Seite, und daß das die größtmögliche Zärtlichkeit wäre. Diese Vorstellung gehabt und nicht mehr losgeworden. Ein für allemal. Bis auf den heutigen Tag, oder doch beinahe.

II

Umgeben, hatte ich im Tagebuch einer mir bis dahin unbekannten Autorin gelesen, habe ihr Geliebter das Spiel genannt, das er im Bett für sie erfunden hatte. Und tatsächlich sei es manchmal so gewesen, als hätte seine Haut sich auf dem Rücken geöffnet und über die Flanken nach vorne gelegt und sie umschlossen wie ein eng anliegendes Kleid. Und wenn er dabei ganz von Sinnen gekommen sei, habe er ihre Haut auftun wollen und sich an ihre Adern legen. Auch hätte er gern ihr Hirn gesehen, schrieb sie. Sie wünschte sich, daß er sie austrinke, bevor er ginge. Sie selbst wollte von Stund an nur noch aus seinem Mund trinken. Als er gegangen war, verwünschte sie sich, daß sie sich nicht in ihn gestürzt hatte wie ein rasendes kleines Tier. Als Abschiedsgeschenk hätte sie gerne Haare von ihm behalten, um sie sich an die Wange zu legen, und einen spitzen weißen Zahn für ihren Hals. Sie beklagte sich darüber, daß sie jetzt von Bierflaschen träumen mußte, weil sich nicht so leicht wieder eines jener schlanken Dinge fand, die so geeignete Mittelpunkte ihrer kreisenden Träume waren. Von Gurken, Bananen, Brunnenschwengeln, eisernen Laternenpfählen. Wenn sie allein auf dem Montmartre saß und der Mond sie an eine grüne oder gelbe Melone erinnerte. Sie bedauerte es, schrieb er, hatte er bei ihr gelesen, daß nach diesem keiner mehr kam, der ihr Blut in alten Büchern pressen wollte. Und daß er sie nicht ausgetrunken hatte.

III

Einmal hatte ich einen Traum gehabt, sagte er, in dem ich in einen offenen Schoß hineingezogen worden war. Hineingesaugt, mit den Füßen voran. Mit Haut und Haar, wie man sagt. Nur der Kopf war noch draußen.

IV

Und plötzlich hatte er an nichts anderes mehr denken können als an alle diese von ihren Besitzerinnen vor sich her getragenen Spalten, von denen aus man sie also auftun konnte, mit deren Wandungen sie einen umschließen konnten, mit denen sie einen einsaugen konnten. Die natürlich alle nicht für ihn da waren, nicht gerade auf ihn gewartet hatten, das wußte er, das war ihm klar, die aber alle, samt und sonders, auch von ihm, zu öffnen gewesen wären, auch das wußte er, so gut kannte er die Frauen inzwischen, auch wenn das alles bei ihm vielleicht ein wenig länger gedauert hatte als bei den andern. Auch die kälteste unter ihnen war heiß zu machen, man mußte nur auf den richtigen Knopf drücken, sozusagen, so drückte er sich aus, so trivial war das, und wo dieser Knopf saß, konnte man lernen, das hatte er in der Zwischenzeit an einigen Übungsstücken gelernt.

V

Als ich sie sah, wußte ich natürlich nicht, daß sie es war oder sein würde. Wer oder was hätte sie sein oder werden sollen? Da wußte ich überhaupt noch nichts über sie und mich. Und doch hatte ich sie sofort erkannt, nicht gerade im alten, im biblischen Sinn, aber doch auf dem Weg dahin. Sie hatte mir in die Augen geschaut, ich hatte zurückgeschaut, alles andere hatte sich daraus ergeben. „Warum gabst du uns die tiefen Blicke ...?” Wir konnten nichts dafür, wir konnten nichts dagegen. Der ganze Abgrund hatte sich wieder einmal aufgetan.

VI