image

HAYMON verlag
Innsbruck-Wien 2013
www.haymonverlag.at

Diese E-Book-Ausgabe basiert auf der gekürzten Taschenbuchausgabe (HAYMONtb 2013) der 2010 im Studienverlag erschienenen Originalausgabe.

© 2010 Studienverlag Ges.m.b.H.,
Erlerstraße 10, A-6020 Innsbruck

Alle Rechte an der deutschsprachigen Ausgabe des Werkes vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7642-5

Umschlag- und Buchgestaltung nach Entwürfen von hoeretzeder grafische gestaltung,
Scheffau/Tirol
Satz und Umschlag: Judith Eberharter, Eine Augenweide, www.eine-augenweide.com
Umschlagabbildung: Mignon Langnas, 1941 (George Langnas)
Transkriptionen, Recherche, Texte und Gesamtgestaltung: Elisabeth Fraller
Historische Beratung: Evelyn Adunka, Jonny Moser
Lektorat und Korrektorat: Gertie Aichhorn
Vorwort Robert Schindel © Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag Berlin 2011

Alle Fotos, so nicht anders angegeben, stammen aus dem Archiv von George Langnas. Alle Rechte für die Materialien inklusive Bilder, Dokumente, Briefe und Tagebucheintragungen liegen, so nicht anders angegeben, bei George Langnas. Die kontextualisierenden Texte (grau gedruckt) hat Elisabeth Fraller verfasst. Keine Transkriptionen, Kommentare oder Fotos dieser Materialien dürfen in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung reproduziert, verarbeitet oder verbreitet werden.

Dieses Buch erhalten Sie auch in gedruckter Form mit hochwertiger Ausstattung in Ihrer Buchhandlung oder direkt unter www.haymonverlag.at.

Mignon Langnas

Tagebücher und Briefe
1938–1949

Herausgegeben von
Elisabeth Fraller und
George Langnas

„Aber wenn ich es erleben sollte, meinen Mann und meine Kinder zu sehen, wird es schon ganz gut sein, zuweilen diese Zeilen zu lesen, die ganz mit Blut durchtränkt sind.
Gerade im höchsten Glück soll man sich der Tränen erinnern.“

(Wien, 18. August 1943)

Mignon Langnas

Tagebücher und Briefe 1938–1949

Inhalt

Robert Schindel: Was wird aus Robert Soël? A Dank

George Langnas: Wie alles begann

Von Galizien nach Wien: Mignons Familiengeschichte

I. Vertreibung 1938/39

II. Gescheiterte Flucht 1940/41

III. Schwester Mignon 1942–1944

IV. Krieg und Befreiung 1945

V. Displaced Persons 1945/46

Epilog: Sieben Jahre

Editorische Notiz

Danksagung

Anmerkungen

Biographien

Glossar

Verwendete Quellen und Literatur

Was wird aus Robert Soël?
A Dank

Ich sehe durch ein kleines, halbhoch angebrachtes Fenster. Draußen kullert ein Ziegelstein, kullert, kullert und bleibt schließlich liegen.

Immer wieder stellt sich in den Träumen meiner Jugend der Alb ein: Feuerdrachen erscheinen auf einem senkrecht aufgestellten und ins Erdreich gerammten Himmel und kreisen, schlingern, blaue und hellrote Flammen züngeln zwischen den riesigen Zähnen der Drachen aus deren Maul. Dazu hebt ein Tosen an, welches von einem andauernd auf- und abschwellenden Ton abgelöst wird.

Irgendwann im Oktober 1944 wurde der dunkelhaarige, großbenaste Säugling Robert Soël von der jüdischen Fürsorgerin Franziska Löw im jüdischen Kinderspital abgegeben. Das Spital bekam einen Bombentreffer, übersiedelte in weiterer Folge mit uns Kindern von der Ferdinandstraße in die Mohapelgasse. An diesen beiden Plätzen lagen wir zuhauf und wurden immer weniger, denn Krankheiten grassierten, es fehlte immer mehr am Nötigsten, um zu überleben. In diesem Jammertal arbeitete Mignon Langnas als Krankenschwester, sie brachte ihre Tage damit zu, immer wieder zu verhindern, dass Esther stirbt, dass Ruth stirbt, dass der kleine Robert weder an der einen noch an einer folgenden Kinderkrankheit zugrunde geht.

Ihre eigenen Kinder hatte Mignon noch rechtzeitig vor der Gewalt der Nazis außer Land bringen können. Da ist sie nun, verzehrt sich täglich nach ihnen, Manuela und Georg, harrt aus und hebt täglich die Judenbälger im jüdischen Kinderspital von der Großen Schaufel herunter, die diese in den Tod kippen will.

Schließlich sterben Esther und Ruth doch im bomben- und frostrasenden Spätwinter 1944, aber der kleine Robert Soël, von seiner schmächtigen Mutter mit einer an Zauberei grenzenden Robustheit ausgestattet, überlebt Krankheiten, Hungerödeme, Rachitis, und Franziska Löw sowie Mignon Langnas verhindern auch den Transport des Kleinen nach Theresienstadt.

Meine Mutter Gerti Schindel, die den illegalen Namen Suzanne Soël benutzte, um in Linz mit meinem Vater und anderen Widerstandskämpfern deutsche Soldaten in höchstgefährlichen Aktionen zur Desertion zu bewegen, ward nach ihrer Verhaftung und Enttarnung nach Auschwitz deportiert.

Mignon überlebte den Naziterror, und es blieben ihr auch einige Schützlinge, die sie durchbringen konnte. Als meine Mutter im August 1945 aus Auschwitz und Ravensbrück nach Wien zurückkehrte, fand sie mich bei Pflegeeltern und nahm mich zu sich. Sie wusste nichts von Mignons aufopfernder Tätigkeit.

1946 verließ Mignon Europa, um in New York ihre geliebten Kinder endlich in die Arme schließen zu können. All diese Jahre hatten sie aber so erschöpft, dass sie ihre Befreiung nur um vier Jahre überlebte.

Ich wusste lange nichts von meinen beiden Retterinnen und freue mich sehr, dass dieses Buch entstanden ist. Es zeugt von Menschenwürde in der Barbarei. An mir ist es, den Kindern der wunderbaren Mignon, Manuela und George, stellvertretend zu danken.

Schalom, Mignon. Schalom uns allen.

Robert Schindel

Wie alles begann

1982 rief mich meine Cousine Susi Hauser an. Ihre Tante Hala sei gestorben, und sie habe ihr Briefe hinterlassen, die meine Mutter Mignon zwischen 1940 und 1945 an Hala geschrieben hätte. Mignon verbrachte die gesamte Kriegszeit in Wien, von Mann und Kindern getrennt. Mein Vater Leo war Anfang 1939 aus Wien geflüchtet, da er fürchtete, verhaftet zu werden. Gegen Ende desselben Jahres wurden meine Schwester Manuela und ich – damals noch kleine Kinder – nach New York geschickt. Hala war in die neutrale Schweiz entkommen, von wo aus sie mit Mignon die ganze Kriegszeit hindurch korrespondieren konnte. Susi übergab mir die Briefe, und wir ließen sie ins Englische übersetzen.

Einige Jahre später rief mich meine Tante Nelly, Mignons jüngere Schwester, an und sagte, ich könne Mignons Tagebuch abholen. „Was denn für ein Tagebuch?“, fragte ich mich. Offensichtlich hatte meine Mutter während des Kriegs ein solches geführt. Mit einem schmerzerfüllten Gesichtsausdruck händigte mir Nelly das Tagebuch aus, mitsamt einer englischen Übersetzung, die ihr Mann Ernest gemacht hatte. Ich nahm die Schriften entgegen, ohne eine einzige Frage zu stellen.

Die Tagebücher umfassten die Jahre 1939 und 1940 sowie 1945 bis 1949. Die dazwischenliegenden Aufzeichnungen waren während eines alliierten Bombenangriffs auf Wien, bei dem Mignons Wohnung zerstört wurde, verloren gegangen. Die Briefe in die Schweiz und Mignons Tagebuch erzählen die einzigartige Geschichte einer jüdischen Frau, die während des Kriegs in Wien als Krankenschwester für die von den Nationalsozialisten kontrollierte jüdische Gemeinde arbeitete. Mignon hat Entscheidungen zugunsten ihrer Familie getroffen, die ihr selbst viel Leid verursacht und sie in Lebensgefahr gebracht haben: Sie entschied sich dafür, in Wien zu bleiben, um für ihre kränklichen, gebrechlichen Eltern zu sorgen; sie veranlasste, dass ihre Kinder in Sicherheit gebracht wurden; sie arbeitete unermüdlich unter den widrigsten Umständen und großer Gefahr als Krankenschwester für die ihr anvertrauten alten Menschen und Kinder.

Doch viele Details aus der Familiengeschichte fehlten. Gab es noch weitere Briefe im Besitz von Tante Nelly und Onkel Ernest? Ich fragte die beiden nie danach.

Nachdem Nelly 1991 und Ernest 2005 gestorben waren, entdeckte meine Frau Mary Lou bei der Räumung ihres Hauses einen mit Klebeband verschlossenen Plastiksack, der alte Briefe von Familienmitgliedern aus der Zeit zwischen 1928 und 1983 enthielt. Die Briefe von 1938 bis 1941 beschreiben die Schwierigkeiten, die mit der Emigration der Familienmitglieder verbunden waren, sowie die durch die Trennung entstandenen Spannungen.

Die Recherchen für dieses Buch haben Licht auf viele Details und Zusammenhänge geworfen, von denen ich bis dahin nichts gewusst hatte, bzw. bestätigten Vermutungen, die ich seit langem hatte, aber nicht in Worte fassen konnte, geschweige denn, dass ich ihnen nachgegangen wäre. Als Kind stellte ich keine Fragen. Das verursachte ein Gefühl des Unbehagens, das mich mein Leben lang begleitete. Alle Verwandten, mit denen ich aufgewachsen bin, mussten in Wien Familienmitglieder zurücklassen: Mein Vater musste sich von seiner Frau, seinen Eltern und seiner Schwester trennen, meine Tante Nelly von ihrer Schwester und ihren Eltern und Onkel Ernest von seiner Mutter. Sie wussten nichts vom Schicksal ihrer Liebsten (und nur meine Mutter sollte überleben). Fragen verursachten Schmerz. Das Schweigen sollte meine Schwester und mich vor Ängsten und Sorgen bewahren. Das Schweigen war überwältigend.

George Langnas

(Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch: Elisabeth Fraller)

image

Von Galizien nach Wien: Mignons Familiengeschichte

Mignon wurde am 1. Oktober 1903 in Boryslaw (polnisch: Borysław), einer Kleinstadt in Ostgalizien, geboren. Sie entstammt einer frommen jüdischen Familie und wuchs im Spannungsfeld zwischen lokaler jüdischer Tradition und säkularer, moderner Lebensweise auf. Mignons Vater Moses Rottenberg war als Kaufmann in Boryslaw zu Ansehen und bescheidenem Wohlstand gekommen. Von tiefer Religiosität geprägt, hielt er die jüdischen Gebote und studierte Thora und Talmud. Wie der Großteil der Juden Galiziens sprach er Jiddisch, aber auch Polnisch und Deutsch. Aus erster Ehe mit Mina Schiff entstammten die drei Kinder Jakob Salomon (geb. 1890), Sender (geb. 1892) und Hinda (geb. 1896). Rottenbergs Frau starb jedoch früh, und so heiratete der junge Witwer bald danach Scheindel Schleifer. Scheindel, die neben ihrem rituellen jüdischen Namen den bürgerlichen Namen Charlotte hatte1, galt als so genannte „moderne“ Frau. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor, die alle in Boryslaw geboren wurden: Golda/Gusti (geb. 1898), Mamcze/Mignon (geb. 1903) und Nechume/Nelly (geb. 1908).

Im Oktober 1914, kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs, übersiedelte die Familie nach Wien.

Auswanderung aus Galizien

Galizien, eines der rückständigsten Kronländer der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, erlebte im 19. Jahrhundert einen Industrialisierungsschub, der auf der Erdölindustrie basierte. Doch die jüdische Bevölkerung, die einer immer stärker werdenden Ausgrenzung ausgesetzt war, konnte nicht davon profitieren. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten daher Teile der jüdischen Bevölkerung aus Galizien nach Übersee und Palästina aus. Als nach der bürgerlichen Revolution von 1848 sämtliche Wohn- und Arbeitsbeschränkungen für Juden fielen2 und sie mit dem Staatsgrundgesetz von 1867 die volle bürgerliche Gleichstellung erhielten, wurden die Donaumetropolen Wien und Budapest wichtige Anziehungspunkte der ostjüdischen Migration. Wien entwickelte sich nach Budapest und Warschau zur Stadt mit dem drittgrößten jüdischen Bevölkerungsanteil in Europa. Nach der Volkszählung von 1910 lebten hier 175.318 Juden.3

Ende Juli 1914 begann der Erste Weltkrieg, und im August nahm die russische Armee das galizische Lemberg ein. Eine Welle von antijüdischen Pogromen war die Folge. Ab dem Herbst 1914 flüchteten zehntausende Juden aus den umkämpften Gebieten in Galizien, viele wurden von der österreichischen Armee evakuiert und nach Wien gebracht.

Zahlreiche jüdische Zuwanderer ließen sich in der Leopoldstadt, dem 2. Wiener Gemeindebezirk, nieder. Um 1923 lebten in diesem größten jüdischen Wohnviertel Wiens knapp 60.000 Jüdinnen und Juden, das entsprach fast 40 Prozent der Leopoldstädter Bevölkerung.4 Der zwischen Donau und Donauarm gelegene 2. Bezirk hatte als jüdisches Viertel Tradition. Bereits 1625 wurde die jüdische Bevölkerung Wiens unter Kaiser Leopold I. gezwungen, sich hier, in einem Ghetto außerhalb der Stadtmauern, anzusiedeln, aber bereits 1669/70 von demselben Monarchen wieder aus Wien vertrieben und ihre Spuren vernichtet. Die Synagoge wurde zerstört und an ihrer Stelle eine dem heiligen Leopold geweihte Kirche errichtet (heute Leopoldskirche in der Großen Pfarrgasse). Das Viertel, das bis dahin als Unterer Werd bezeichnet wurde, erhielt den Namen Leopoldstadt.5

Die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung und der aufkommende Liberalismus führten zur allmählichen Emanzipation der österreichischen Juden. Viele jüdische Zuwanderer siedelten sich nun wieder in der Leopoldstadt an. Auch Gustav Mahler, Sigmund Freud und Theodor Herzl lebten zeitweise dort. Industrialisierung und Wirtschaftsliberalismus verschafften manchen Juden den sozialen Aufstieg in das Besitz- und Bildungsbürgertum, obgleich damit häufig eine Aufgabe der religiösen und kulturellen Traditionen verbunden war.6 Das jüdische Bürgertum zog in die Prachtbauten und Palais der Praterstraße, rund um den Augarten und nahe dem Donaukanal.

Die Industrialisierung Wiens zeigte aber auch ihre Kehrseiten: Durch die enorme Zuwanderung aus den Kronländern war die Reichshauptstadt – nach heutigem Gebietsstand – 1910 auf zwei Millionen Einwohner angewachsen.7 In der Leopoldstadt und der angrenzenden Brigittenau, dem 20. Wiener Gemeindebezirk, wo bereits verarmte ostjüdische Flüchtlinge in Massen ankamen, entstanden in den Seitengassen, abseits der gründerzeitlichen Bürgerhäuser, düstere Wohnbaracken und Massenquartiere, die maximal aus Zimmer-Küche-Kabinett bestanden, mit Wasserstelle (Bassena) am Gang. Hier lebten die verarmten jüdischen und nichtjüdischen Arbeiter-, Händler- und Handwerkerfamilien. Die verfehlte Wohnbaupolitik der christlichsozialen Wiener Stadtverwaltung und der gänzliche Ausfall der Wohnbautätigkeit während der Kriegsjahre hatten zu einer furchtbaren Wohnungsnot geführt.8 Obdachlosigkeit bzw. überfüllte Wohnungen und miserable Wohnbedingungen, „halbverhungerte Elendshöhlenbewohner“, Lumpenproletarier, „berufslose Luftmenschen“ und „Wanderschnorrer“9 prägten das Bild der Leopoldstadt, die zu einem Bezirk der Armen geworden war. Viele dort lebende Juden waren auf Unterstützung durch die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) oder jüdische Wohltätigkeitsvereine und Hilfsorganisationen angewiesen, die in diesem Bezirk zahlreich vertreten waren.

Zunehmender Antisemitismus

Was einerseits die Emanzipation des Judentums gefördert hatte, nämlich Industrialisierung und Wirtschaftsliberalismus, das bedrohte und verunsicherte andererseits das kleine und mittlere Bürgertum. Nicht zuletzt durch die Wanderungsbewegungen gerieten traditionelle Ordnungen immer mehr ins Wanken, und soziale Ungleichheiten verschärften sich. Diese Stimmung benutzten deutschnationale oder christlichsoziale Politiker wie Georg von Schönerer oder Wiens Bürgermeister Karl Lueger gegen Ende des 19. Jahrhunderts gezielt, um die nichtjüdische Bevölkerung gegen ihre jüdischen Mitbürger aufzuhetzen. Dabei wurde die aus dem Mittelalter stammende traditionelle katholische Judenfeindlichkeit gegen das „Gottesmördervolk“ und die „Hostienschänder“ mit antiliberalen und antikapitalistischen sowie rassistischen Elementen kombiniert und die weit verbreiteten Vorurteile gegenüber „Geld- und Börsenjuden“ oder intellektuelle „Tintenjuden“10 geschürt. So hatte man den Antisemitismus in Österreichs öffentlichem Leben salonfähig gemacht und ideologisch in manche politische Bewegung integriert.

Während des Weltkriegs entflammte eine beispiellose antisemitische Kampagne gegen die verarmten ostjüdischen Kriegsflüchtlinge. Für die notleidende Bevölkerung wurden die Juden zu Sündenböcken für alle Missstände gemacht: für Armut, Krieg, Wohnungsnot, Lebensmittelknappheit und soziale Ungerechtigkeit. „Brotneid“ und das als bedrohlich empfundene „Fremde“ und „Anderssein“ der ostjüdischen Flüchtlinge spielten hier eine wesentliche Rolle. Christlichsoziale und deutschnationale Politiker agitierten gegen die jüdischen „Schmarotzer“ und forderten ihre Internierung und Abschiebung. Unter diesem Druck waren sich Politiker aller Parteien, selbst aus den Reihen der Sozialdemokraten, und sogar assimilierte Juden darüber einig, dass es den jüdischen Flüchtlingen, vor allem den aus Galizien oder der Bukowina stammenden, unmöglich gemacht werden sollte, in Wien ein Heimatrecht zu erlangen. Die in den Nachfolgestaaten als habsburgtreu stigmatisierten verarmten Juden wurden damit zu Ausländern, ihre Integration in die Gesellschaft verhindert.11

Neue Heimat Leopoldstadt

In dieser Atmosphäre kam die elfjährige Mignon im Oktober 1914 mit ihrer Familie nach Wien. Sie wuchs in ärmlichen, aber geordneten mittelständischen Verhältnissen auf, inmitten des Elends der Leopoldstadt. Mignons ältester Bruder Salomon („Salo“) war in Galizien zurückgeblieben und wanderte Anfang der 1920er Jahre mit seiner neu gegründeten Familie nach Kanada aus.

Die siebenköpfige Familie lebte in einer typischen „Bassena-Wohnung“ in der Blumauergasse 20: Zimmer, Küche, Kabinett, Wasser und Toilette am Gang. Sie war gut in ihre Nachbarschaft und einen erweiterten Familienverband integriert. Gusti, Mignon und Nelly besuchten die Schule, während sich die Halbschwester Hinda, die sehr fromm war, selbstständig mit dem Studium von Thora und Talmud beschäftigte. Mignons Halbbruder Sender war als Gefreiter der k. u. k. Armee in den Krieg eingerückt.

image

Mignon und ihre Geschwister um 1916 in Wien (v. l. n. r.): Hinda, Gusti, Nelly, Mignon und Sender in der Felduniform eines Gefreiten der k. u. k. Armee

Nach dem Krieg kehrten die Halbgeschwister Sender und Hinda wieder nach Boryslaw, das inzwischen an Polen gefallen war, zurück und gründeten dort Familien.

1922 heiratete Mignons ältere Schwester Gusti den Gymnasiallehrer Markus („Motio“) Teichmann. 1923 wurde ihr Sohn Theodor („Teddy“) geboren, der später bei Albert Einstein in Princeton studieren sollte. Die Familie wanderte aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in Europa 1930 nach Südafrika aus und ließ sich in Kapstadt nieder.

Mignon heiratete am 29. Juli 1928 Leon Hermann („Leo“) Langnas, der wie sie aus Galizien stammte und den sie vermutlich aus der gemeinsamen Synagoge, dem „Polnischen Tempel“, kannte. Hier, in der Vereinssynagoge der polnischen Juden in der Leopoldsgasse, fand auch die Trauung statt. Auch Leo stammte aus einer frommen Familie, die einen koscheren Haushalt führte und den Sabbat einhielt. Seine Eltern, Nachmann Morgenstern und Nechume/Emma Langnas, waren Kaufleute in Lemberg, wo Leo 1895 geboren wurde.12 Während des Ersten Weltkriegs kämpfte Leo als Soldat der k. u. k. Armee an der italienischen Front und geriet dort in Kriegsgefangenschaft. Als er 1919 in den Polnisch-Ukrainischen Krieg (1918/19) einberufen werden sollte, übersiedelte Leo mit seinen Eltern und Geschwistern Rosa (geb. 1893) und Ignaz (geb. 1899) nach Wien, wo sie sich in der Leopoldstadt niederließen. Bis zu seiner Heirat lebte Leo mit seinen Eltern in der Novaragasse, nur wenige Schritte von Mignons Haus in der Blumauergasse entfernt, und führte gemeinsam mit seinem Bruder einen Holzhandel im 10. Bezirk.

image

Mignon und Leo an ihrem Hochzeitstag am 29. Juli 1928

image

Mignon mit Erika, Mai 1931

Nach ihrer Heirat zogen Mignon und Leo in eine Wohnung in der Lassallestraße 20. In diesem relativ jungen Teil der Leopoldstadt entstanden wie in vielen anderen neuen Stadtteilen mit der Übernahme der Wiener Stadtverwaltung durch die Sozialdemokratische Arbeiterpartei im Jahr 1919 kommunale Wohnbauten, welche die große Wohnungsnot lindern sollten. Dadurch konnten auch Arbeiter und Kleinbürger, die in den überfüllten „Bassena-Wohnungen“ oft zu überhöhten Preisen wohnten, in den Genuss von modernen und erschwinglichen Wohnungen gelangen.

1929 kam Tochter Erika auf die Welt. Das Kind war kränklich und litt an frühkindlichem Diabetes. Erika verstarb bereits dreijährig im Juli 1932 und wurde in der Israelitischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs begraben. Dieser Schicksalsschlag sollte die Ehe zwischen Mignon und Leo nachhaltig belasten.

image

Manuela und Georg beim gemeinsamen Spiel im Hinterhof, ca. 1938

1933 wurde eine zweite Tochter geboren. Nach dem tragischen Tod der Erstgeborenen wurde sie als Geschenk Gottes empfunden und erhielt daher den Namen Manuela (hebräisch: „Gott ist mit uns“). „Mollychen“, wie sie liebevoll gerufen wurde, hatte blonde Haare und blaue Augen und sah ihrer Großmutter mütterlicherseits, Charlotte, sehr ähnlich.

1935 erblickte Sohn Georg das Licht der Welt. „Georgerl“ war ein aufgeweckter und lebhafter Bub, der mit seiner älteren Schwester innig verbunden war. Die Geschwister verbrachten viel Zeit in der Wohnung der Großeltern in der Blumauergasse. Vor allem der Sabbatabend war ein zentrales Ereignis im Leben der Familie, das man gemeinsam feierte.

Mignon war stets in Sorge um die Gesundheit der „Kinderchen“. Der frühe Tod der Erstgeborenen hatte zu Selbstvorwürfen geführt und zu der Befürchtung, eine Erbkrankheit hätte Erikas Tod verursacht.

Mignons jüngere Schwester Nelly, die bereits den größten Teil ihrer Kindheit in Wien verbracht hatte, war die „modernste“ der drei Schwestern. Sie arbeitete als Ordinationshilfe in der Heilanstalt für Physikalische Therapie ihres Cousins Dr. Emanuel Hauser. Sie war modebewusst und betrieb aktiv Sport. Im März 1936 fand ihre Heirat mit dem in Wien geborenen Handelsangestellten Ernst Eckstein im berühmten Leopoldstädter Tempel in der Tempelgasse statt, in dem auch schon ihre älteste Schwester Gusti getraut worden war. Ernst, dessen Familie aus dem Gebiet der späteren Tschechoslowakei stammte, besaß die österreichische Staatsbürgerschaft. Durch die Eheschließung wurde auch Nelly automatisch österreichische Staatsbürgerin, was ihre Emigration nach dem „Anschluss“ 1938 erleichtern sollte. Das junge Paar zog in eine Wohnung am Franz-Josefs-Kai, am Donaukanalufer im 1. Bezirk gegenüber der Leopoldstadt.

Die Geschichte der Familie zeigt, wie sich in ihr zwei unterschiedliche Kulturen vereinen: auf der einen Seite die aus Galizien stammende, noch orthodox geprägte jüdische Frömmigkeit, auf der anderen Seite eine säkulare, moderne Lebensweise und die Identifikation mit der österreichischen Kultur. In der Elterngeneration ist das jüdisch-orthodoxe Erbe noch am stärksten ausgeprägt: Die Sprache ist vom Jiddischen durchzogen, sowohl was einzelne Ausdrücke als auch die Syntax betrifft. Häufig werden hebräische oder biblische Segenssprüche gebraucht, und viele Briefe drücken trotz großer Probleme eine Gelassenheit aus, die starkes Gottvertrauen und jüdischen Optimismus erkennen lässt. Der Übergang zur modernen Welt wird an den Töchtern gut sichtbar: Gusti, die Älteste, verwendet noch oft traditionelle Segenssprüche und hebräische Buchstaben. Aber ihr Interesse an zeitgenössischer Literatur und Wissenschaft beweist auch ihre intellektuelle Aufgeschlossenheit. Bei Mignon verlieren sich antiquiert anmutende Segenssprüche; in ihren Tagebüchern und Briefen schildert sie ihre Erlebnisse realistisch, drückt aber dabei gleichzeitig auch tiefe religiöse Gefühle aus. Jiddische und polnische Ausdrücke erinnern an ihre galizische Herkunft. Ihre Liebe zur österreichischen und deutschen Literatur und Musik sowie ihre österreichisch gefärbte Sprache zeugen von ihrer großen Verbundenheit mit Wien.

image

Besuch bei der Familie in Wien (v. l. n. r.): Mignons Halbschwester Hinda Eisenstein (aus Polen), Mutter Charlotte, Claire Schiff, die Frau von Mignons Halbbruder Salo (aus Kanada), Mignon, Vater Moses, Nelly, 1934

Bei Nelly ist die Entfernung zur jüdischen Kultur Galiziens am größten: Sie scheint nur mehr wenig Bindung zu den ursprünglichen religiösen Traditionen zu haben. Hebräische Segenssprüche finden sich einzig in Briefen an die Eltern. Nelly heiratet einen assimilierten Wiener Juden und entspricht ganz dem Bild einer modernen Frau, die auch als erste der Töchter einen selbstständigen Beruf ausübt.

Mignons Briefe und Tagebücher zeichnen das Bild einer Familie mit starken emotionalen Bindungen zueinander, die trotz ihrer bescheidenen Lebensverhältnisse zufrieden ist und große Kraft aus dem Zusammengehörigkeitsgefühl schöpft. Die Familie fühlt sich dem Erbe der Monarchie verbunden und in Wien zuhause.

Viele Jahre später wird Mignon in ihrem Tagebuch das Leben vor dem „Anschluss“ als „die ganze arglose Zeit von damals“ bezeichnen. Denn trotz des zunehmenden Antisemitismus in Österreich, der von Seiten der Nationalsozialisten ab 1930 gewalttätige Formen angenommen hatte, und der Machtergreifung Hitlers in Deutschland 1933 erkannten nur wenige die drohende Gefahr und das bevorstehende Unheil.

I.

Vertreibung
1938/39

„So verroht ist die Welt, in der wir leben!
Wann hilft uns Gott von hier hinaus?“

image

Wien-Erdberg: Juden werden nach dem „Anschluss“ vom Nazi-Mob gezwungen, mit Reib- und Zahnbürsten Kruckenkreuze und Schuschnigg- Wahlparolen für die abgesagte Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs von Straßen und Gehsteigen zu waschen, März 1938

Am 12. März 1938 überschreiten deutsche Truppen ohne Widerstand die Grenze zu Österreich und werden von der Bevölkerung mit Jubel empfangen. Am Abend davor hatte sich Bundeskanzler Kurt Schuschnigg dem Druck Hitlers gebeugt, eine für den 13. März geplante Volksbefragung über die Unabhängigkeit Österreichs abgesagt und seinen Rücktritt bekannt gegeben. Der „Anschluss“ an das Deutsche Reich findet bei den Österreicherinnen und Österreichern breite Zustimmung. Mit dem Gesetz über die „Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich“ vom 13. März 1938 hört Österreich als Staat zu existieren auf und wird von nun an als „Ostmark“ bezeichnet, von 1942 bis 1945 als „Donau- und Alpenreichsgaue“.

Pogromartige antisemitische Ausschreitungen prägen in den darauffolgenden Wochen das Straßenbild Wiens. Ein über Jahrzehnte geschürter und salonfähig gemachter Antisemitismus bricht, unter Duldung der neuen Machthaber, in Form von sadistischer Gewalt aus. Jüdinnen und Juden werden gedemütigt, terrorisiert, gequält und verhaftet.

Ein britischer Journalist wird Zeuge der Ereignisse:

„Von meinem Büro am Petersplatz konnte ich auch Wochen hindurch den Lieblingssport des Nazimobs beobachten: jüdische Männer und Frauen wurden gezwungen, auf allen vieren kriechend, den Gehsteig mit einer scharfen Lauge zu reiben, die ihnen die Haut verbrannte, so daß sie sich sofort in Spitalsbehandlung begeben mußten.“13

Durch die in Wien besonders brutalen Ausschreitungen soll die jüdische Bevölkerung einerseits eingeschüchtert werden und sich nicht mehr sicher fühlen können: Eine Welle von Selbstmorden unter Juden ist die Folge. Ständig neue diskriminierende Vorschriften und Gesetze verunsichern die Verfolgten und erhöhen den psychischen Druck. Andererseits werden sie durch systematische Beraubungen in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht: Die meisten Juden verlieren sofort nach dem „Anschluss“ ihren Arbeitsplatz, jüdische Geschäfte werden verwüstet und geplündert, deren Besitzer schikaniert und „arische“ Kunden von Einkäufen abgehalten. Um der „Arisierung“, der Beraubung der Juden, den Anschein von „Rechtmäßigkeit“ zu verleihen und der Bereicherung durch Privatpersonen Einhalt zu gebieten, tritt am 26. April 1938 die „Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden“ in Kraft, und im Mai wird im Ministerium für Wirtschaft und Arbeit eine „Vermögensverkehrsstelle“ geschaffen. Damit werden nun planmäßige „Arisierungen“ durchgeführt und die rechtmäßigen jüdischen Besitzer gezwungen, ihren Betrieb oder ihr Geschäft dem „Ariseur“ deutlich unter dem Realwert zu verkaufen. Durch den Verlust der wirtschaftlichen Existenzgrundlage verarmt die jüdische Bevölkerung zusehends. Nachdem ihre Ersparnisse aufgebraucht sind, verkaufen viele ihr letztes Hab und Gut und bedürfen schließlich der Fürsorgeeinrichtungen der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), die den mittellos Gewordenen einmal täglich eine warme Mahlzeit ausgibt.

Am 20. Mai 1938 werden auch in Österreich die „Nürnberger Gesetze“ eingeführt, mit denen Jüdinnen und Juden von der „Reichsbürgerschaft“ ausgeschlossen werden, was einen wesentlichen Schritt zur systematischen Ausgrenzung, Verfolgung, Vertreibung und späteren Vernichtung der jüdischen Bevölkerung darstellt. In Österreich sind rund 206.000 Menschen von den Nürnberger Gesetzen betroffen – so genannte „Glaubensjuden“, die der jüdischen Religionsgemeinschaft angehören, ebenso wie konvertierte und konfessionslose Menschen, die erst durch diese neue Rechtslage zu „Juden“ geworden sind – 191.481 sind Mitglieder der österreichischen Kultusgemeinden, davon 176.034 in Wien.14

Juden, die keinen Vornamen führen, der [...] als jüdischer Vorname angeführt ist, haben vom 1.1.39 ab als weiteren Vornamen den Namen „Israel“ (für männliche Personen) oder „Sara“ (für weibliche Personen) anzunehmen.

Zweite Verordnung zur Durchführung des Gesetzes über die Änderung von Familiennamen und Vornamen vom 17.8.1938

Die NS-Machthaber haben zu diesem Zeitpunkt noch das Ziel, die jüdische Bevölkerung durch gewalttätige Übergriffe, Verhaftungen, Entzug der Bürgerrechte, wirtschaftlichen Boykott und Verlust des Arbeitsplatzes in Angst und Schrecken zu versetzen, um sie so zur Auswanderung zu zwingen. Zu diesem Zweck werden jüdische Organisationen und Institutionen instrumentalisiert.15 Bereits unmittelbar nach dem „Anschluss“ wird die IKG Wien zwangsweise aufgelöst und ihr Vermögen eingezogen. Führende Vertreter des österreichischen Judentums werden verhaftet, um die jüdische Bevölkerung noch mehr einzuschüchtern. Im Mai 1938 wird die IKG unter der Oberaufsicht von Adolf Eichmann vom Judenreferat des Sicherheitsdienstes (SD) der SS wieder eingesetzt und der ehemalige Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, mit deren Leitung betraut. Die IKG steht von nun an vollständig unter der Kontrolle durch NS-Stellen und wird zwangsweise in eine Institution umgewandelt, die fast ausschließlich auf die administrative und organisatorische Vorbereitung der forcierten Auswanderung sowie die Obsorge der Zurückbleibenden ausgerichtet ist.16

image

Razzia in den Amtsräumen der Israelitischen Kultusgemeinde am 18. März 1938: links im Bild Amtsdirektor Dr. Josef Löwenherz

Im August 1938 wird im symbolträchtigen Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ unter Eichmann errichtet, mit der die forcierte Massenvertreibung in einen organisatorischen Rahmen gestellt wird. An sie müssen sich Jüdinnen und Juden nun wenden, um eine Ausreisegenehmigung zu erhalten, und hier werden Fragen der Staatsbürgerschaft, des Ausländerrechts, der Devisen und der Vermögensbesteuerung abgehandelt.

Von März bis November 1938 gelingt 50.000 österreichischen Jüdinnen und Juden die Flucht, und innerhalb eines Jahres nach dem „Anschluss“ sollte über die Hälfte der österreichischen jüdischen Bevölkerung ihre Heimat verlassen haben. Vor allem nach dem besonders in Wien mit zahlreichen Gewaltakten verbundenen Novemberpogrom 1938 („Reichskristallnacht“) nimmt deren Zahl rapide zu.

Doch die Emigration ist mit unendlichen Schwierigkeiten und Schikanen verbunden und stellt die jüdische Administration vor immense organisatorische und finanzielle Probleme. In dieser schwierigen Situation müssen Josef Löwenherz und seine Mitarbeiter einerseits mit der Zentralstelle und der Gestapo interagieren, die eine rasche Auswanderung fordern und durch ständig neue Drohungen den Druck auf die leidgeprüfte jüdische Bevölkerung erhöhen. Andererseits muss der Ansturm an verunsicherten und verzweifelten Menschen bewältigt werden, müssen Auswanderungsmöglichkeiten und die dazu nötigen finanziellen Mittel gefunden werden.

Die verarmte jüdische Gemeinde ist auf ausländische Unterstützung angewiesen. Zu diesem Zweck steht Löwenherz mit den amerikanisch-jüdischen Hilfsorganisationen Joint (American Joint Distribution Committee) und Hias (Hebrew Immigrant Aid Society) in engem Kontakt, ohne deren finanzielle und organisatorische Unterstützung eine kontinuierliche Betreuung der Gemeinde und die Auswanderung Zehntausender nicht möglich wären.

Das Gelingen oder Scheitern einer Ausreise hängt aber oft von Zufällen, Beziehungen und schnell zu treffenden Entscheidungen ab. Zuerst muss man ein Land finden, das bereit ist, Juden aufzunehmen. Die Visum- und Einwanderungsbestimmungen einzelner Staaten sind jedoch voller Widersprüche und hängen in vielen Fällen von den jeweiligen Machthabern und Konsuln ab.

Auch Mignons Familie ist in großer Bedrängnis. Familienmitglieder verlieren ihre Arbeit, werden von NS-Schergen schikaniert, und man bemüht sich verzweifelt um Auswanderungsmöglichkeiten. Im April 1938 erreicht ein besorgter Brief von Mignons älterer Schwester Gusti Teichmann die Familie. Es ist das erste erhaltene Schreiben, das direkt auf die nationalsozialistische Machtübernahme Bezug nimmt.

Gusti an Familie, 15. April 1938 (Kapstadt)

Meine Einzigen!17image

Es ist Freitag vorm[ittag]. Ich habe noch viel zu tun, da wir den ersten Seder18 zu Hause feiern und wir einige Leute eingeladen haben [...]. – Aber ich habe keine Ruhe, meine Gedanken sind bei Euch, meine Einzigen, und meine Nachdenklichkeit ist grenzenlos! [...] Um Gottes Willen schreibt mir ausführlicher, wie Euere Lage ist! Wir wissen hier, was mit den Grossen geschieht, wir wissen von den Arresten von unseren Reichen u. Berühmten, wir wissen von den Strassenreinigungen von unseren Rabbinern19 u.s.w. – Aber was ist mit Euch?! Ich verschliesse mein Herz gegen alle anderen, ich kann so viel nicht leiden! Ich will wissen, was mit Euch, meine Einzigen, ist! Und mit unseren nächsten Verwandten und Freunden! Die deutschen Emigranten erzählen hier, dass dem kleinen Mann sein Geschäft verhältnismässig in Ruhe gelassen wird in Deutschland. Wie ist es in Wien? [...] Was ist mit den arischen Kunden, die Geld schuldig sind? Was ist mit Ernstls Arbeit? Und Nelluś20? Was ist mit der Staatsbürgerschaft? [...] Meine Geliebten, Meine Gedanken und meine innigsten Wünsche für Glück und Freude und Gesundheit sind bei Euch! Möge unser Ewiger Helfer unser armes Volk erlösen!21!image

Viele, viele innige Küsse, auf frohes Wiedersehen, fröhlicher22!image

Euere Gusti

Auf der Suche nach einer Ausreisemöglichkeit wendet sich Leo Langnas an das Woiwodschaftsamt23 Lemberg in Polen, wo er heimatberechtigt ist. Der traditionelle und wirtschaftliche Antisemitismus in Polen steht ab 1937 unter nationalsozialistischem Einfluss: Neben Boykottmaßnahmen steigt nun auch in Polen der Druck zur Auswanderung, eine Aufnahme von Juden aus Deutschland ist daher unerwünscht. Leo erhält folgende Antwort auf seine Anfrage:

Woiwodschaftsamt Lemberg, 26. April 1938

[...] Da Sie sich ständig ausserhalb der Grenzen des Polnischen Staates aufhalten und vom Tage der Kundmachung der allgemeinen Aufforderung zur Militärdienstpflicht zum Zwecke der Erfüllung dieser Verpflichtung im Konsulat oder bei der zuständigen Militärbehörde im Inlande sich nicht gemeldet haben, erklärt Sie das Woiwodschaftsamt [...] für verlustig der polnischen Staatsbürgerschaft. [...] Der Verlust der Polnischen Staatsbürgerschaft erstreckt sich [...] auch auf die Frau sowie Ihre Kinder im Alter bis 18 Jahre.

Leo und seine Familie gelten nun als „staatenlos“. Der gescheiterte Versuch, nach Polen auszuwandern, sollte sich aber nachträglich – angesichts des deutschen Überfalls auf Polen im September 1939 – als großes Glück erweisen. Doch wohin soll man flüchten?

Das „Jüdische Nachrichtenblatt“24 informiert über verbliebene Auswanderungsmöglichkeiten, Reisebüros inserieren den Verkauf von Schiffspassagen nach Übersee, auch erfährt man vom Hörensagen über vermeintliche Fluchtwege.

Viele verzweifelte österreichische Juden suchen Kontakte zu entfernten Verwandten in den Vereinigten Staaten. Glücklicherweise hat Mignons Familie verwandtschaftliche Beziehungen nach New York: John („Jack“) Reiner und seine Schwester Frances Weinstein sind die Kinder von Moses Rottenbergs Schwester, die Ende des 19. Jahrhunderts in die USA ausgewandert ist. Jack ist ein gut situierter Geschäftsmann, Frances und ihr Mann Philip gehören dem Mittelstand an: Gemeinsam haben sie die finanziellen Mittel, um ihren Verwandten in Wien zu helfen und Bürgschaftserklärungen („Affidavits“) für sie auszustellen.

Doch für die Einwanderung in die USA gilt seit 1921 bzw. 1924 ein striktes und diskriminierendes Quotensystem, das „unerwünschte“ Einwanderer – besonders aus Osteuropa und den Balkanländern – fernhalten soll. Für viele Jüdinnen und Juden aus den ehemaligen Kronländern wirkt sich die Vergabe der Quotennummern nach dem Geburtsland erschwerend aus. Sie können sich nicht für die deutsche Quote anmelden – auch wenn sie bereits seit Jahrzehnten in Wien leben –, sondern fallen etwa in die polnische, die bedeutend niedriger ist.

Auswanderung! Schwierig erscheinende Probleme sind zu bewältigen. Eine fremde unbekannte Welt soll uns aufnehmen; wird es gelingen, sich einzuordnen? Wird man sich diesen neuen Verhältnissen anpassen können?

Dabei ist der Auswanderer oft noch von einer anderen großen Sorge erfüllt. Er lässt alte Eltern, liebe Familienangehörige zurück, in vielen Fällen ohne Existenzmittel, bitterer Not preisgegeben.

Jüdisches Nachrichtenblatt Wien, Jahrgang 1938, Nr. 2, 16. Dezember 1938

Leos jüngerer Bruder Ignaz Langnas kann rechtzeitig mit seiner Familie aus Wien entkommen: Im Juni 1938 reist er legal mit seiner Frau und den beiden Kindern nach Italien aus, noch bevor dort im September 1938 antisemitische Gesetze eingeführt werden.25 Nach Aufenthalten in italienischen Internierungslagern kann die Familie, in Klöstern versteckt, bis Kriegsende in Italien überleben.

Auch Mignons jüngere Schwester Nelly und ihr Mann Ernst Eckstein haben Glück: Da Ernst in Wien geboren ist, fallen sie in die deutsche Quote. Jack und seine Schwester Frances stellen in New York die notwendigen Affidavits für die beiden aus, und sie erhalten ihre Visa für die USA bereits im Juli 1938. Nelly und Ernst können daher Ende September 1938 Wien in Richtung Antwerpen verlassen. Von dort gelangen sie mit einem Schiff am 7. Oktober nach New York. Sie finden eine Wohnung im Stadtteil Brooklyn und müssen sich zunächst mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Neben ihrem Überlebenskampf in einem fremden Land versuchen sie, auch den zurückgebliebenen Familienmitgliedern bei der Ausreise zu helfen. Der folgende Brief zeigt, mit wie vielen Schwierigkeiten der Erhalt eines Visums verbunden war.

image

Nelly und Ernst im New Yorker Stadtteil Brooklyn, ihrer neuen Heimat, 1940

Nelly an Eltern und Mignon, 27. Dezember 1938 (New York)

Meine teuersten innig geliebten Elterchen und Schwesterchen!26image

[...] Habt Ihr irgendeinen Bescheid wegen Eurer polnischen Staatsbürgerschaft? Bemüht sich irgendjemand in Polen darum? Ich weiss, dass Ihr nicht nach Polen wollt, aber es wäre trotzdem gut, wenn Ihr irgendeine Staatsbürgerschaft habt und wenn es auch nur die polnische ist. [...]

Mignonchen, mein liebstes bestes Schwesterchen – ich vermisse so sehr Deine langen ausführlichen Briefe – manchmal glaube ich, dass Du mich nicht mehr lieb hast und auf mich böse bist. Doch dann nehme ich Dich sofort in Schutz und sage mir, dass Du Dich in einer solchen Situation befindest, wo man müde des Sprechens und erst recht des Schreibens ist. Aber bitte nimm Dich zusammen und schreib’ mir einen langen ausführlichen Brief über Leo, Dich und die süssen Kinderchen. [...]

29.III. Meine Liebsten! image Die vergangenen zwei Tage haben wir auf den diversen Konsulaten verbracht. Die einzige klare Antwort haben wir am englischen Konsulat bekommen, und zwar hat mir der Beamte gesagt, dass Ihr vom amerikanischen Konsul Eure Quoten-Nummer verlangen sollt mit der Bemerkung, dass Ihr im Ausland Eure Einwanderung in die United States abwarten wollt. Mit dieser Quoten-Nummer geht Ihr aufs englische Konsulat und verlangt eine Aufenthaltsbewilligung für ein respektive zwei Jahre. Der Beamte sagte mir, dass der Konsul ohne weiteres auf Grund der Quoten-Nummer, Landungsgeld und Briefe, dass die Verwandten im Ausland für diese Zeit (1 oder 2 Jahre) den Unterhalt für die Einwanderer bestreiten werden, dass der Einwanderer keine Arbeit annehmen wird, Visas erteilen wird. Für welches Land englischer Oberherrschaft das Visum erteilt wird, hängt ganz vom Konsul in Wien ab. [...]

Morgen sind es schon 12 Wochen, dass wir hier sind – wie rasch die Zeit vergeht, wenn man zurückschaut und wie furchtbar langsam, wenn man wartet. – [...]

Hoffentlich kommt morgen ein langer Brief von Euch – der mir gute Nachrichten bringen wird. [...]

Ich küsse Euch alle sehr herzlich und auf frohes baldiges Wiedersehen!

Nelly

Am 7. November 1938 schießt Herschel Grynszpan in Paris aus Protest gegen die Verfolgung der polnischen und staatenlosen Jüdinnen und Juden auf den deutschen Diplomaten Ernst vom Rath, der in der Folge seinen Verletzungen erliegt. Daraufhin initiiert Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 einen angeblich spontanen reichsweiten Pogrom („Reichskristallnacht“). In Wien werden 42 Synagogen und Bethäuser in Brand gesteckt und verwüstet – einzig der Stadttempel in der Seitenstettengasse bleibt verschont, da er sich mitten im dicht verbauten Wohngebiet befindet – sowie jüdische Geschäfte und Wohnungen geplündert. Weder die Polizei noch die Feuerwehr schreiten ein. 6.547 Wiener Juden werden verhaftet, knapp 4.000 davon in das KZ Dachau deportiert. Kurz danach verordnen die NS-Machthaber die völlige Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Der jüdischen Bevölkerung wird darüber hinaus die Zahlung einer „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark für das Pariser Attentat auferlegt sowie die Verpflichtung, für alle während des Pogroms entstandenen Schäden aufzukommen.27

image

Das letzte gemeinsame Foto in Wien: Leo, Mignon, Mignons Eltern, die Kinder Georg und Manuela, 1939

Am Abend des 9. November 1938 ist Mignon zu Besuch bei Nachbarn, als SS-Männer an der Tür klopfen und Leo verhaften wollen. Dieser versucht mit der SS zu verhandeln: Er könne doch nicht die beiden Kleinkinder Manuela und Georg allein in der Wohnung lassen, er müsse zuerst die Mutter holen. Als Leo aus dem Haustor tritt, das von zwei SS-Männern flankiert wird, fährt gerade die Straßenbahn vorbei. Er nützt die Gelegenheit zur Flucht und springt auf die Bahn auf.

Für Leo gibt es also keine Zeit zu verlieren. Da er sich aufgrund seines Geburtsortes nur für die polnische Quote registrieren lassen konnte, sind die Chancen, rasch ein Visum für die USA zu erhalten, gering. Da findet sich eine scheinbar gute Möglichkeit zur Ausreise: Die kubanische Regierung lässt rund 500 Visa pro Monat verkaufen. Im Frühjahr 1939 gelingt es Leo, in einem Wiener Reisebüro eines zu erwerben. Er hofft, über Kuba in die USA einreisen zu können und Mignon und die Kinder bald nachkommen zu lassen. Im Mai 1939 verlässt Leo die Familie und nimmt den Zug nach Hamburg. Sein Schiff, die MS St. Louis der HAPAG-Reederei Hamburg, läuft am 13. Mai 1939 von Hamburg in Richtung Kuba mit 936 Passagieren, darunter 930 Juden, aus. Doch die Visa der Passagiere werden am 5. Mai vom kubanischen Präsidenten für ungültig erklärt. Als das Schiff am 27. Mai Havanna erreicht, wird ihm die Landung verweigert. Die amerikanisch-jüdische Hilfsorganisation Joint schickt vergeblich einen Vermittler nach Havanna. Anfragen an die US-Behörden und Telegramme an Franklin D. Roosevelt und seine Frau Eleanor bleiben ungehört. Washington ist nicht bereit, den Flüchtlingen temporäres Asyl zu gewähren, obwohl die Kosten vom Joint übernommen worden wären.28

Leo an Mignon, 30. Mai bis 6. Juni 1939 (MS St. Louis)

den 30/V. 939

Meine süße Minusch!

Was wir hier seit 4 Tagen mitmachen, ist sehr traurig, wir sind bis jetzt noch nicht gelandet. [...] Das Schiff ist Samstag 4h