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Tirol hautnah
erlebt

Zeitzeugen im Gespräch

Herausgegeben von Tiroler Tageszeitung,
ORF Tirol und Casinos Austria

Inhalt

Titel

Karl Stoss: Ein einmaliges Privileg

Hermann Petz: Ein wertvoller Schatz an Erinnerungen

Helmut Krieghofer: Bewegende Lebensgeschichten

Fred Steinacher: Gedanken, Erinnerungen und Erlebnisse

Peter Nindler über Ludwig Steiner: Ludwig Steiner – vom Widerstand zur Versöhnung

Peter Plaikner über Alois Durnwalder: Luis der Letzte

Michael Sprenger über Reinhold Stecher: „Mach beim Weihrauch keinen tiefen Brustzug, der verdirbt den Charakter“

Alexandra Plank-Holzknecht über Julia Gschnitzer: „Nur ein Leben wäre mir viel zu langweilig“

Alois Vahrner über Heinrich Klier: Die sieben Leben des Heinrich Klier

Ursula Strohal über Felix Mitterer: „Ich schreibe Menschenstücke“

Bildnachweis

Impressum

Ein einmaliges Privileg

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Dr. Karl Stoss, Generaldirektor der Casinos Austria AG

Ich möchte zuerst allen, die zu dieser großartigen Veranstaltungsreihe beigetragen haben, ganz herzlich danken.

Dies sind in erster Linie große Persönlichkeiten, die durch ihre Auftritte und Beiträge nicht nur den unzähligen Gästen im Casino Innsbruck, sondern auch Ihnen, Ihren Kindern und Kindeskindern einmalige und wertvolle Informationen und Botschaften hinterlassen haben.

Sie alle waren, in den unterschiedlichen Gebieten und Professionen, Zeugen ihrer Zeit und haben nun viele der erlebten Ereignisse – die bisher nirgends dokumentiert sind – an uns weitergegeben. Betrachten wir dies als ein einmaliges Privileg, für welches ich den Zeitzeugen nochmals aufrichtig danke.

Weiters danken möchte ich Elmar Oberhauser, einem der profiliertesten und besten Journalisten unserer Zeit. Er hat es aufgrund seiner großen journalistischen Erfahrung verstanden, den Zeitzeugen Antworten und Statements zu entlocken, die für uns alle von so großer Bedeutung sind.

Mein aufrichtiger Dank geht auch an die Kooperationspartner, die Moser Holding und das ORF Landesstudio Tirol. Sie haben durch die begleitende, umfangreiche Berichterstattung zum erfolgreichen Gelingen dieser Veranstaltungen beigetragen.

Ein Dankeschön gebührt auch dem zahlreich erschienenen Publikum, das nicht nur durch seine Teilnahme, sondern auch durch eine Reihe von Fragestellungen diese besonderen Abende bereichert hat.

Last but not least ein herzliches Danke auch an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Verantwortlichen des Casino Innsbruck. Sie haben durch ihre großartige Unterstützung wesentlich dazu beigetragen, dass die Casinos in Österreich mehr als nur Orte der gehobenen Unterhaltung und des Vergnügens sind. Casinos sind mit Veranstaltungsreihen wie den Zeitzeugen-Gesprächen besondere Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Lebens.

Dr. Karl Stoss

Generaldirektor
Casinos Austria AG

Ein wertvoller Schatz
an Erinnerungen

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Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding

Wir treffen täglich Menschen, die maßgeblichen Anteil an den politischen, wirtschaftlichen, kulturellen oder gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte hatten und haben. Die Idee, deren Geschichten niederzuschreiben, in einem Buch zu veröffentlichen, haben wir auch deshalb sehr schnell verwirklicht, weil wir als Tiroler Tageszeitung es für wichtig und als eine dankbare Aufgabe erachten, Erinnerungen bedeutender Menschen an die Vergangenheit auch für die folgenden Generationen festzuhalten.

Persönlichkeiten wie Julia Gschnitzer, Dr. Ludwig Steiner, Altbischof Reinhold Stecher, Dr. Heinrich Klier, Felix Mitterer und Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder sind veritable Zeitzeugen auf der Reise durch die Geschichte unseres Landes.

Elmar Oberhauser ist es in seinen Interviews meisterhaft gelungen, unseren Zeitzeugen einen wahren Schatz an Erfahrungen und persönlichen Eindrücken zu entlocken, und es freut mich außerordentlich, dass mit der Auflage dieses Buches ein faszinierender Teil der Vielfalt und Besonderheit Tirols und der angeführten Persönlichkeiten präsentiert werden kann.

Redakteure und Mitarbeiter der Tiroler Tageszeitung vermitteln nicht nur einfühlsame Porträts der Zeitzeugen, sondern verarbeiteten deren Erinnerungen und Erlebnisse aus der Vergangenheit mit viel Kompetenz zu einem höchst interessanten Lesestoff.

Ich sehe dieses Buch durch die publizistische Aufbereitung beeindruckender Lebensgeschichten zunächst als einen wichtigen Meilenstein in den Bemühungen, mehr über unser Tirol zu erfahren, aber auch als ein Nachschlagewerk, dessen Lektüre als Bereicherung der Geschichtsschreibung dienen und zur Stärkung des Geschichtsbewusstseins anregen sollte – zur Rückbesinnung an Zeiten, die nicht immer konfliktfrei waren.

Ein herzliches Danke an unsere Zeitzeugen, ein Danke an unsere Partner Casinos Austria und ORF Tirol, an Elmar Oberhauser und den Haymon Verlag, und Ihnen, verehrte Leser, höchstes Vergnügen bei der Lektüre von „Tirol hautnah erlebt“.

Hermann Petz

Vorstandsvorsitzender
der Moser Holding

Bewegende Lebensgeschichten

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Helmut Krieghofer, Landesdirektor des ORF Tirol

Die Gesprächsreihe „Zeitzeugen“ in Zusammenarbeit von Casinos Austria, Tiroler Tageszeitung und ORF Tirol ist bereits nach sechs Folgen zu einer Erfolgsgeschichte geworden. An jedem der Abende im Casineum Innsbruck haben hunderte interessierte Tirolerinnen und Tiroler ebenso bedeutende wie faszinierende Persönlichkeiten als Zeitzeugen kennengelernt. Diese Persönlichkeiten haben im Gespräch mit Elmar Oberhauser stets menschliche Einblicke in ihre bewegenden Lebensgeschichten zugelassen. Der Doyen der heimischen Politik und frühere Diplomat Dr. Ludwig Steiner erzählte, wie der Zweite Weltkrieg in Tirol zu Ende ging und Österreich später den Staatsvertrag bekam. Der populäre Altbischof von Innsbruck, Dr. Reinhold Stecher, erinnerte sich daran, wie er Jahrzehnte später jenem früheren Gestapo-Mann begegnete, der ihn seinerzeit im Gefängnis verhört hatte. Südtirols Langzeit-Landeshauptmann, Dr. Luis Durnwalder, hatte die Lacher auf seiner Seite, als er über die ungewöhnlichen Umstände berichtete, unter denen in der Kommunalpolitik seine politische Karriere begonnen hatte. Dr. Heinrich Klier, Tourismuspionier und Unternehmer mit Weitblick, schilderte den Kampf um Südtirol genauso spannend wie den Weg Tirols zum Wintersportland Nummer eins in Österreich. Julia Gschnitzer, die Grande Dame des heimischen Theaters, gewährte ungewöhnliche Einblicke hinter Bühnen und Kameras. Sie wusste von klein auf, dass sie Schauspielerin werden wollte. Auch Erfolgsautor Felix Mitterer wollte schon als Kind Schriftsteller werden und schwänzte mitunter die Schule, um in einem Heustadel tagelang Bücher lesen zu können. Durch die Zusammenfassungen der Gespräche in der Radio-Tirol-Sendung Trommelfell sind diese Geschichten auch einem breiten Publikum zugänglich geworden.

Mehrere der „Zeitzeugen“ sind über Jahrzehnte hinweg eng mit dem ORF Landesstudio Tirol verbunden, das 2012 sein 40-jähriges Bestehen feiert. So ist etwa die Versteigerung der Bilder von Altbischof Reinhold Stecher Jahr für Jahr fixer Teil der ORF-Hilfsaktion Licht ins Dunkel. Heinrich Klier war vor Jahrzehnten Freier Mitarbeiter des ORF Tirol und hat legendäre Radio-Sendungen, wie Die Sendung für den Bergsteiger und Heimat an Etsch und Eisack, gestaltet. Julia Gschnitzers Stimme war schon zu Beginn ihrer Karriere am Tiroler Landestheater in Radio Tirol zu hören. In den letzten Jahren hat sie in teils preisgekrönten Hörspiel-Produktionen des ORF Tirol mitgewirkt. Felix Mitterer ist vom Start seiner Laufbahn an stets mit dem ORF Landesstudio Tirol verbunden. So war etwa sein erfolgreiches und aufsehenerregendes Theater-Erstlingswerk Kein Platz für Idioten ursprünglich als Hörspiel konzipiert. Die Hörspiel-Produktion des ORF Tirol von Felix Mitterers Die Beichte, unter der Regie von Martin Sailer, siegte 2004 beim renommierten internationalen „Prix Italia“ in der Kategorie Originalhörspiel. Dank der „Zeitzeugen“-Gespräche haben wir – wie recht der Buchtitel doch hat! – „Tirol hautnah erlebt“. Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre der hier nachempfundenen Lebensgeschichten von Persönlichkeiten, die Tirol maßgeblich mitgeprägt haben.

Helmut Krieghofer

Landesdirektor
ORF Tirol

Gedanken, Erinnerungen
und Erlebnisse

Da liegt es also: ein Buch über sechs großartige Tiroler Persönlichkeiten, der erste „Zeitzeugen“-Band. Noch bevor man sich auf die Reise durch einen Teil der Geschichte Tirols und Österreichs begibt, drängt sich die Frage auf: Gibt es etwas Faszinierenderes, als mit Menschen der Gegenwart in die Vergangenheit einzutauchen? Klare Antwort: Nein!

Die Jahrzehnte umfassenden Gedanken, Erinnerungen und Erlebnisse dieser Menschen zu erfragen, zu dokumentieren und als Zeitzeugnis aufzuzeichnen, schien zunächst eine Herausforderung der besonderen Art, mutierte aber letztlich zu einer reizvollen Beschäftigung – nicht zuletzt, weil es die Hauptdarsteller dieses Werks meisterhaft verstanden haben, Geschichte lebendig werden zu lassen. Im Bewusstsein, dass alles, was gesagt, erzählt und demonstriert wird, subjektiv ist, äußerst persönlich, doch aus der Sicht des Befragten natürlich in höchstem Maße authentisch. Es mag schon sein, dass das eine oder andere den Gralshütern der Objektivität nicht in den Kram passt. Aber hat nicht jeder, der Interessantes erlebt, mit- und durchgemacht oder auch nur beobachtet hat, das Recht, seine ganz persönliche Sicht der betreffenden Ereignisse darzulegen? Diese Frage stellt auch Elmar Oberhauser.

Ob Julia Gschnitzer oder Heinrich Klier, Felix Mitterer, Luis Durnwalder, Reinhold Stecher oder Ludwig Steiner – sie alle erzählten Elmar Oberhauser im Gespräch ihre Lebensgeschichten und gestatteten dabei, nicht zuletzt dank der meisterhaften wie einfühlsamen Gesprächsführung ihres Interviewers, einer faszinierten Zuhörerschaft Einblicke in ihre persönliche „Zeitreise“.

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Projektkoordinator Fred Steinacher

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Diskussionsleiter und Moderator Elmar Oberhauser mit Zeitzeugin Julia Gschnitzer und Helmut Krieghofer, Landesdirektor des ORF Tirol (v.l.n.r.)

Die Idee der „Zeitzeugen“ wurde gegen Ende der 90er-Jahre in Bregenz geboren. Väter dieses Projekts waren gemeinsam mit Elmar Oberhauser der damalige Kulturchef des ORF-Landesstudios Vorarlberg, Dr. Walter Fink, sowie der damals stellvertretende Direktor des Casinos Bregenz, Aldo Amann. Walter Fink schrieb in dem 1999 im Russ-Verlag erschienenen Buch „Zeitzeugen“: „Wenn mehrere Menschen die gleiche Geschichte erzählen, dann ist es jedes Mal eine andere Geschichte. Das gilt nicht nur für Geschichten, das gilt auch für die Geschichte, für die Historie.“

„Ich denke nicht daran, mich mit den Vertretern der Geschichtswissenschaften anzulegen“, sagt Elmar Oberhauser, „aber die Frage muss gestattet sein: Gibt es eine Garantie dafür, dass in der Vergangenheit – vor allem in der älteren – alles so war, wie uns das die Historiker erzählen? Oder müsste man nicht sehr oft die Möglichkeitsform verwenden, ein Fragezeichen setzen oder ganz einfach zugeben, dass man nicht alles so ganz genau weiß?“

Mit der Gesprächsreihe „Zeitzeugen“, von Casino-Generaldirektor Dr. Karl Stoss im vergangenen Jahr nach einer Diskussion in der TT-Lounge in Wien mit Dr. Steiner und Hermann Petz wiederbelebt und nach Tirol transferiert, wurde – dank Unterstützung der Tiroler Tageszeitung und des ORF-Landesstudios Tirol – eine eigene Form der Geschichtsschreibung entwickelt, mit einer ganz hohen Subjektivität, wie Oberhauser untermauert, die aber dennoch ihren eigenen Stellenwert hat und das Bemühen um Objektivität nicht in Frage stellt.

Ein Buch, sechs Autoren, sechs Persönlichkeiten: Auf- bzw. Vorgabe an Redakteure und Mitarbeiter der Tiroler Tageszeitung war es, jene Menschen zu porträtieren, die in den unterschiedlichsten Bereichen Großes und Nachhaltiges geleistet und damit ihrer Zeit sowie dem Land Tirol einen Stempel für die Ewigkeit aufgedrückt haben. Dabei sind Persönlichkeitsbilder entstanden, die – als roter Faden sozusagen – zwar auf verschiedenste Art und Weise durch die Jahrzehnte führen und dennoch ein Gesamtbild schaffen, das seinesgleichen sucht. Schon deshalb ist und war es eine besondere Ehre, an diesem Buch, das Geschichten über Menschen beinhaltet, die selbst einen Teil der Tiroler Geschichte geprägt haben, mitarbeiten zu dürfen.

Wie sagte Elmar nach der letzten Talk-Runde im Casino? „Ich freue mich schon auf den im Dezember startenden zweiten Durchgang, in dem erneut höchst interessante Tirolerinnen und Tiroler bereit sind, über die „Spuren“, die sie hinterlassen, und die Erfahrungen, die sie gesammelt haben, zu berichten.“

Fred Steinacher

Projektkoordinator
Moser Holding

Ludwig Steiner –
vom Widerstand zur Versöhnung

Von Peter Nindler

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Elmar Oberhauser im Zeitzeugengespräch mit Ludwig Steiner: Wenn Steiner erzählt, moralisiert er nicht.

Die Gesinnung

Es war in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, als der damals 23-jährige Widerstandskämpfer Ludwig Steiner im Innsbrucker Stadtteil Mariahilf einen Mann erkannte. Plötzlich lief alles wie in einem Film ab, handelte es sich bei dieser Person doch um den ehemaligen Nazi-Blockleiter von Mariahilf. „Er hatte sich immer wieder in unserem Haus umgehört, zuerst meinen Vater und dann mich angezeigt. Vier Mal musste ich mich vor der Geheimen Staatspolizei verantworten“, blickt Steiner zurück.1 Sein Vater, der Bäckermeister Ludwig Steiner sen., saß bis 1934 im Innsbrucker Gemeinderat und machte auch nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland aus seiner christlich-sozialen Überzeugung keinen Hehl. Von der Gestapo verhaftet, wurde er 1939 ins Konzentrationslager Dachau gebracht, zwei Wochen nach seiner Rückkehr aus dem KZ starb der überzeugte Demokrat im August 1941 an den Folgen der Haft. Der im April desselben Jahres zum Reichsarbeitsdienst nach Frankreich eingezogene Ludwig Steiner konnte seinen Vater nicht mehr sehen und nicht einmal bei der Trauerfeier zu Hause in Innsbruck sein. Er hatte zwar einen Marschbefehl für die Beerdigung, aber nach Interventionen der Gauleitung in Tirol wurde die Genehmigung zurückgenommen. Die Gesinnung seines Vaters hat Steiner zeit seines Lebens geprägt. „Als er schon todkrank war, sagte unser Pfarrer zu ihm, er hätte vielleicht doch nicht so laut seine Meinung sagen sollen. Darauf meinte mein Vater: ‚Ja, ist schon recht. Ich war bei der leidenden Kirche, Du warst bei der Tarock spielenden.‘ “2

Jetzt stand der Blockwart vor dem jungen Ludwig Steiner. Nach einer schweren Verwundung, die ihn felduntauglich gemacht hatte, schloss er sich 1943 der Widerstandsgruppe „05“ an. „Der Blockleiter war letztlich für den Tod meines Vaters verantwortlich. Mit der Maschinenpistole in der Hand habe ich eine Sekunde daran gedacht, ich sollte schießen: Aber ich habe es nicht getan, das hat mich lange gereut. Aber mein ganzes Leben bin ich froh gewesen, dass ich es damals nicht getan habe. Das waren zutiefst menschliche Momente.“3

Die Wurzeln des Widerstands entfalteten jedoch eine Gestaltungskraft und Überzeugung bei Ludwig Steiner, die ihn zu einer der ganz großen Persönlichkeiten der Zweiten Republik gemacht haben: Mitbegründer der Tiroler Volkspartei 1945, Sekretär von Außenminister Karl Gruber (1952/53) und Bundeskanzler Julius Raab (1953 bis 1958), Staatssekretär im Außenamt (1961 bis 1964), Botschafter in Griechenland und in Zypern (1964 bis 1972), Abgeordneter der Tiroler ÖVP im Nationalrat (1978 bis 1990), Vorsitzender von drei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen (Draken, Lucona, Noricum), stellvertretender Parteiobmann der Tiroler ÖVP (1991 bis 1996), außenpolitischer Sprecher der Volkspartei, Ehrenmitglied der Südtiroler Volkspartei, Präsident der politischen Akademie der Volkspartei (1989 bis 1996), Vizepräsident des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands (2011) und Vorsitzender des Komitees des Österreichischen Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit (2000 bis 2005). Gerne wird Steiner als Doyen und Grandseigneur der österreichischen Diplomatie bezeichnet, er selbst zieht sich aber auch mit seinen 90 Jahren noch nicht auf diese Rolle zurück. Vielmehr sieht er sich in der Rolle eines Erzählers und politischen Pendlers zwischen der österreichischen Außen- und der Innenpolitik, der seine Standpunkte klar und deutlich umrissen einfügt. Politik und Diplomatie hatte er in seinem beruflichen Handgepäck, wenngleich er in seinen Erinnerungen4 offen zugibt, dass sein Herz eigentlich für die Innenpolitik geschlagen hat. „Im Rückblick ist es unverkennbar, dass für mich die innerösterreichischen Vorgänge viel berührender waren, als es die Tätigkeiten im Ausland je sein konnten. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass ich bereits im politischen Erleben meiner Jugend auch emotionell vollen inneren Anteil am Geschick meines Vaterlandes genommen habe.“5

Steiners Lebenslinien verlaufen nicht nach einem Muster, doch Widerstand, Staatsvertrag, Südtirol und Aussöhnung formten sein Leben nachhaltig. Sein Engagement wurde zur Berufung, aus dem Widerstand entwickelte sich die Versöhnung.

Der Weg in den Widerstand

Zwei Jahre nach dem Tod seines Vaters wird Ludwig Steiner im Krieg schwer verwundet und zum Gebirgsjäger-Ersatzbataillon 136 nach Innsbruck versetzt. Dort bekleidet er die Funktion eines Adjutanten. Steiner lotet Möglichkeiten aus, um aktiv zu werden. „Widerstand hat geheißen, dass man in erster Linie versucht, denjenigen Menschen zu helfen, die unter die Räder des NS-Regimes gekommen sind.“6 Steiner verklärt den Widerstand nicht, sondern erzählt vom Selbstbewusstsein, mit der die Widerstandsgruppe in Innsbruck aufgetreten ist, und von seinen Erfahrungen in jener Zeit. Das nationalsozialistische Regime hatte das Spitzel- und Denunziantentum gefördert. „Im Widerstand mussten wir uns deshalb vor allem darüber immer genau informieren, auf wen man sich noch verlassen kann. Ich muss ehrlich sagen, dass ich in dieser Hinsicht keine Enttäuschungen erlebt habe. Das waren für mich die großen Erlebnisse in dieser Zeit“, will Steiner die vereinzelten Lichtblicke in einer dunklen Epoche nicht missen.7 Bis zu den Tagen der Befreiung im Mai 1945 dauerte es aber noch mehr als eineinhalb Jahre. Doch das Netz des Innsbrucker Widerstands wurde immer engmaschiger. Steiner knüpfte Kontakte zu Otto und Fritz Molden von der Widerstandsorganisation 05, im Februar 1945 traf er sich erstmals mit Karl Gruber, der die einzelnen Widerstandsbewegungen in Tirol koordinierte. Das Kriegsende rückte näher, und damit drängte sich die Frage auf, wie denn die Tiroler Landeshauptstadt aus den Händen der Nazis übernommen werden konnte. „In der letzten Phase waren wir bereit, die Stadt Innsbruck zu übernehmen, und haben das dann auch getan. Aber die Frage war: Wie halten wir mit einer kleinen, zusammengewürfelten Gruppe die Stadt, und wann kommen die Amerikaner? Ich wurde dann vom Exekutivausschuss damit beauftragt, Kontakt mit den aus Seefeld heranrückenden Amerikanern aufzunehmen.“8

Die Befreiung Innsbrucks gelang nahezu ohne Zerstörung. Steiner schlug sich in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai zur amerikanischen Cactus-Division durch, am 3. Mai 1945 marschierten die US-Truppen in Innsbruck ein. Im Hintergrund hatte Steiner die Fäden gezogen, sein diplomatisches Geschick trug wesentlich dazu bei, dass die Übernahme kampflos erfolgte. In Zirl verhandelte der Widerstandskämpfer mit den Amerikanern. „Ihre erste Frage war: Wer kapituliert vor uns? Die Cactus-Division war kämpfend durch halb Europa gezogen und wollte jetzt, dass jemand vor ihr kapituliert. Ich habe gesagt, in Innsbruck ist nichts zu kapitulieren, aber ich weiß, wo der Gauleiter ist.“9

Von Zirl ging es dann nach Tulfes zur Villa von Gauleiter Franz Hofer. Steiner trug eine Wehrmachtsuniform mit rotweißroter Armbinde. „Hofer hat dann gesagt: Wer ist der? Wenn der da ist, rede ich nicht. Der US-Offizier erklärte ihm aber eindringlich, dass er mit mir reden muss.“10 Hofer wollte noch die Administration im Namen des Exekutivkomitees weiterführen, doch Steiner sagte: „Wir brauchen Sie nicht, wir haben alles übernommen. Es ist Schluss, alles ist von uns besetzt.“11 Zur Überraschung aller Anwesenden trat dann bei Hofer ein gefangener Amerikaner auf. Dieser meinte, man solle doch bedenken, Gauleiter Franz Hofer kommandiere schließlich das Südkommando der Wehrmacht, die Operationszone Alpenvorland. „Doch letztlich haben die Amerikaner Hofer verhaftet und nach Bayern gebracht. Später hat sich seine Spur verloren. Offenbar konnte er ihnen Informationen über die deutsche Südarmee übergeben.“12

Hofer gelang 1948 die Flucht aus dem Internierungslager im bayerischen Dachau. Der Gedanke, Rache an dem verhassten Gauleiter zu nehmen, lag der Tiroler Widerstandsgruppe fern. Der Blick zurück und die Stimme des 90-Jährigen sind fest: „In der Widerstandsgruppe waren Rechtsanwälte und Uniprofessoren vertreten. Für uns stand fest: Es gibt keine persönliche Rache, und es findet keine Nacht der langen Messer statt. Die Verbrechen sollen nach der Rechtsordnung gesühnt werden. Daran haben wir uns gehalten. Dass die republikanische Gerechtigkeit gar so gerecht war, dieses Empfinden hatte ich danach nicht mehr so sehr. Aber es war besser so, wie wir es gemacht haben, als dass es eine Nacht der langen Messer gegeben hätte.“13

Wege des Erinnerns

Das Lebenswerk des am 14. April 1922 in Innsbruck geborenen Steiner, der 1948 zum Doktor der Wirtschaftswissenschaften promovierte und in Götzens sowie in Wien lebt, eröffnet allerdings noch eine viel größere Dimension, die der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz anlässlich der 2005 erfolgten Auszeichnung Steiners mit dem „Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien“ treffend beschrieb: „Nach dem Krieg wurde Ludwig Steiner zum Anwalt des sozialen und politischen Ausgleichs.“ Dazu gehört, dass der Tiroler mit seinem ganzen Lebensweg die „Haltung des Erinnerns“ verkörpert. Letzteres stammt aus dem Munde von Wiens Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Aus der Selbstreflektion Steiners lässt sich seine Sensibilität für das Vergangene erklären. 55 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur in Österreich wusste er sofort, wie in der Frage der Zwangsarbeiterentschädigungen im Dritten Reich zu handeln ist. Als die Diskussion Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland geführt wurde, ahnte Steiner, der damals bereits auf eine lange diplomatische und politische Karriere in der ÖVP mit (fast) allen Weihen zurückblicken konnte, dass die Debatte auch auf Österreich überschwappen würde. „Deshalb habe ich öfters mit Persönlichkeiten innerhalb der ÖVP Gespräche geführt und dabei darauf hingewiesen, dass meiner Überzeugung nach diese Thematik nicht durch Negieren aus der Welt zu schaffen sei, sondern dass Österreich von sich aus Lösungen anbieten müsse.“14 Als der „Fonds für Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit“ im Jahr 2000 eingerichtet wurde, schlug der damalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel Ludwig Steiner als Vorsitzenden vor. Es war ein kluger Schachzug Schüssels, denn Botschafter Ludwig Steiner symbolisierte jene Gesinnung, mit der Österreich seine Verantwortung gegenüber den unterdrückten und ausgebeuteten Sklavenarbeitern glaubwürdig wahrnehmen musste. Umso mehr, als der Wirbel um mögliche EU-Sanktionen gegen die im Februar gebildete schwarz-blaue Regierung von Wolfgang Schüssel in diese Zeit fiel.

Auch Steiner hatte ob der Koalition mit der FPÖ unter dem später, im Jahr 2008, verunglückten Jörg Haider Bedenken. „Für meine Haltung gegenüber der neuen Regierung Schüssel war bestimmend, wie sie mit dem dunklen Teil unserer Vergangenheit umgehen würde, vor allem, ob diese ÖVP-FPÖ-Regierung in ihr Regierungsprogramm auch eine Regelung des Problems der ehemaligen Zwangsarbeiter unter dem NS-Regime aufnehmen würde.“15 Der Testfall endete für Steiner positiv, alle vier Parlamentsparteien ÖVP, FPÖ, SPÖ und Grüne stimmten im Juli 2000 für das Versöhnungsfonds-Gesetz, das dann im November in Kraft trat. Doch die Herausforderung stand noch bevor, 436 Millionen Euro lagen im Versöhnungsfonds. Ludwig Steiner ging sofort ans Werk. „Es war uns allen klar: Versöhnung kann nicht von jenen Menschen eingefordert werden, die das Los der Zwangsarbeit zu ertragen hatten. Wir konnten und mussten mit unserer Arbeit versuchen, eine Atmosphäre zu schaffen, in der den Betroffenen Versöhnung angeboten und allenfalls erlebbar gemacht wird.“16 Die Arbeit für den Fonds bis 2005 hat Steiner tief bewegt, schließlich stand die Auszahlung unter Zeitdruck, und man musste davon ausgehen, dass die ehemaligen Zwangsarbeiter gesundheitlich angeschlagen und schon im fortgeschrittenen Alter waren. Insgesamt erhielten 132.395 Personen aus 70 Staaten, die einen Antrag an den Versöhnungsfonds gestellt hatten, eine Entschädigung. Rund 352,6 Millionen Euro wurden ausbezahlt. Für Steiner war das eine wichtige und bedeutende Vorgehensweise. „Österreich konnte aus eigenem Entschluss den Überlebenden der Zwangsarbeit lediglich eine Geste des tiefen Mitgefühls, des Verständnisses und damit ihre Anerkennung als Opfer des NS-Regimes bieten.“17

Der Versöhnungsfonds beendete beinahe symbolisch im Jahr der Jubiläumsfeierlichkeiten zum Staatsvertrag seine Tätigkeit: 60 Jahre nach Kriegsende und ein halbes Jahrhundert nach Abschluss des Staatsvertrags. Steiner konnte mit seiner besonnenen und überlegten Art dazu beitragen, dass „Österreich das Leiden der Zwangsarbeiter als Lehre begriffen hat“ (Maria Schaumayer, ehemalige Präsidentin der Österreichischen Nationalbank). Der Staatsvertrag bildet für Steiner so etwas wie seinen persönlichen, aber auch politischen Lebensauftrag. Als letzter lebender Zeitzeuge der Staatsvertragsverhandlungen gilt er heute noch als Notar für jenes Vertragswerk, mit dem Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg seine Freiheit wiedererlangt hat.

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Nach der Heimkehr von den Staatsvertragsverhandlungen am 15. April 1955 in Moskau mit Bundeskanzler Julius Raab.

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Widerstandskämpfer Ludwig Steiner verhandelt mit den Amerikanern in Zirl über die Befreiung Innsbrucks.

Der diplomatische Weg

Nach der Befreiung Tirols erfolgte Steiners erster politischer Brückenschlag. Er war Mitbegründer der Tiroler Volkspartei und interimistisches Mitglied des Tiroler Landtags. Karl Gruber, der Kopf der Widerstandsbewegung, wurde provisorischer Landeshauptmann von Tirol und im Herbst 1945 Außenminister im Kabinett von Bundeskanzler Leopold Figl. Steiner blieb als Sekretär des Innsbrucker Bürgermeisters Anton Melzer in Tirol und absolvierte sein Wirtschaftsstudium. Doch nach Erlangung des Doktorats verschlug es ihn 1948 nach Wien, sein Weggefährte im Widerstand Karl Gruber war dafür verantwortlich. „Zuerst hatte Bürgermeister Melzer mir ein Angebot gemacht. Er hat gesagt, bleib doch da, es gäbe da eine Möglichkeit, dass ich mich vielleicht bei den Innsbrucker Stadtwerken einarbeiten könnte. Zufällig hatte ich aber eine Promotionsanzeige an Außenminister Karl Gruber geschrieben. Seine Antwort nach drei Wochen lautete: Sie haben sich unverzüglich in den nächsten 14 Tagen beim Außenministerium beim Dienst zu melden.“18

Ludwig Steiner übersiedelte ins Außenministerium und trat in den diplomatischen Dienst ein. In Wien hatte der Krieg überall seine Spuren hinterlassen. Steiner erinnert sich: „Ich habe Wien in einer sehr schwierigen Zeit erlebt, da gab es zum einen die vier Besatzungsmächte, andererseits waren wir tagtäglich mit der Lebensmittelknappheit konfrontiert. Und Brennmaterialien hat es ebenfalls kaum gegeben. Jedes Büro im Außenministerium bekam lediglich ein Brikett pro Tag, mit Zeitungspapier haben wir uns dann ausgeholfen und die Öfen geheizt.“19 Es war eine andere Welt, auf die der junge Ludwig Steiner in Wien traf. Auch im Außenministerium. Früh erkannte der junge Tiroler, dass er sich selbst zurechtfinden musste. „Das Außenministerium war an sich noch eine zusätzliche Besonderheit. Zwei oder drei Tage nachdem ich meinen Dienst angetreten hatte, traf ich in einem dunklen Gang einen älteren Herrn und habe mich pflichtgemäß und höflich vorgestellt: Steiner, und ich komme von Innsbruck.“20 Die Antwort, die er bekam, lässt Steiner noch heute schmunzeln, sie gab aber auch tiefe Einblicke in die Welt der Wiener Politik wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: „ ‚Na, gut, dass einer von unseren Leuten wiederkommt.‘ Er hat offenbar lediglich ‚von‘ verstanden. Danach hat er gesagt: ‚Weißt du, heutzutage sollen sie sogar schon Tiroler aufnehmen.‘ Das hat mich eher amüsiert, gleichzeitig habe ich mir gedacht: Du musst schauen, dass Du da gut durchkommst.“21

Was Steiner nicht wusste: Er wurde beobachtet. Von ganz oben. Das hat er erst später erfahren. Außenminister Karl Gruber förderte seinen ehemaligen Weggefährten. „Im Außenministerium gab es einen Generalsekretär. Er war ein alter und gescheiter Beamter – und sehr genau. Ich hatte nicht gewusst, dass der Bundesminister zu ihm gesagt hatte, er möge darauf achten, dass aus dem Steiner etwas wird. Und er soll mich nur einsetzen. Das hatte jedoch furchtbare Folgen für mich. Während andere Kollegen erst um halb zehn ins Büro gekommen sind, war der Generalsekretär schon an seinem Arbeitsplatz, als ich um 7.30 Uhr meinen Dienst angetreten habe. Aber das hat nicht geschadet, das war eine gute Lehre.“22

Es folgten sehr bewegte Zeiten für Steiner, und es waren stete Phasen der Veränderung. Der diplomatische Weg führte ihn bereits 1949 nach Paris, wo er Legationssekretär an der Österreichischen Gesandtschaft wurde. 1951 kehrte er nach Innsbruck als Leiter der Außenstelle des Bundeskanzleramtes und des Außenministeriums für Südtirol-Angelegenheiten zurück, um 1952 endgültig an die Seite von Außenminister Karl Gruber als dessen Sekretär zu wechseln. Als Gruber 1953 das Außenministerium nach einem ÖVP-internen Konflikt verließ, avancierte der 31-jährige Tiroler Ludwig Steiner zum Kabinettschef von Bundeskanzler Julius Raab. Plötzlich gelangte Steiner ins Zentrum der österreichischen Politik, die damals vom Tauziehen um den Staatsvertrag inmitten des Ost-West-Konflikts geprägt wurde. „Bis zum berühmten ‚Österreich ist frei‘ am 15. Mai 1955 war es allerdings ein überaus mühseliger Weg. Für die österreichischen Patrioten hat dieser Weg allerdings nicht erst mit Ende des Krieges begonnen, sondern bereits im März 1938. Ich möchte aber auch eines sagen: Es wird häufig übersehen, dass Österreich von 1933 an einen erbitterten Kampf gegen den Nationalsozialismus und für die Freiheit Österreichs gekämpft hat, und es sind viele Opfer in dieser Zeit zu Tode gekommen. Leider hat man bisher versäumt, auch dieser Opfer zu gedenken.“23

Der Weg in die Freiheit

Am 5. März 1953 starb in der Sowjetunion der Generalsekretär der KPDSU Josef Stalin, eine Zeitenwende kündigte sich an. „Nun, nach Stalins Tod, hat sich die Hoffnung ergeben, dass durch die Veränderungen in der Sowjetunion doch eine Gesprächsbereitschaft der Sowjets gegeben sein könnte. Es hat dann bei uns auch eine Änderung gegeben. Bundeskanzler Figl ist zurückgetreten, und Julius Raab hat das Amt des Bundeskanzlers übernommen.“24 Seine erste Begegnung mit Raab Mitte 1953 war für Steiner bemerkenswert, denn der neue Bundeskanzler hat ihm nicht nur seine Arbeitsweise verraten, sondern auch die Strategie für die Staatsvertragsverhandlungen. „Wie ich zu ihm als Sekretär gekommen bin, ich war zuvor ja Sekretär von Außenminister Gruber, der als sehr strenger Chef bekannt war, da hat mir Raab im Gespräch zwei Dinge gesagt: Also erstens, wenn du es beim Gruber ausgehalten hast, dann wird es dir bei mir nicht schlecht gehen. Und zweitens, was ich will ist, die Neutralität, so wie sie die Schweiz hat, bei uns einführen und erreichen.“25

Für Steiner ist der Staatsvertrag der Endpunkt einer langen Geschichte. Von Mythen hält er wenig. Schließlich gab es nach 1945 nicht weniger als 380 verschiedene internationale Konferenzen zum Staatsvertrag, den Steiner als Schicksalsthema für Österreich bezeichnet. Allein dies zeigt laut Steiner, wie schwierig die Monate bis zum endgültigen Abschluss des Staatsvertrages waren. Bis zu Stalins Tod zeichneten sich die Verhandlungen durch eine starke Anlehnung Österreichs an die Westmächte aus. „In der österreichischen Politik herrschte die Meinung vor, man müsse sich mit dem Westen gut stellen, damit dieser Druck auf die Sowjetunion ausübt, einen Vertrag mit Österreich abzuschließen. Eines der Nachkriegsziele der Alliierten war ja die Wiedererrichtung Österreichs in seiner Unabhängigkeit. Für uns war es deshalb nicht fassbar, welches administrative und juristische Drumherum da gemacht wurde.“26 Für Steiner war das eine Fehleinschätzung, die Möglichkeiten der Westmächte seien überschätzt worden.

Die Ursachen für diesen Irrglauben ortet er aus heutiger Sicht jedoch in der damals vermeintlich unverrückbaren Position der Sowjetunion. „Es war klar, dass Österreich einen eigenen Vertrag besonderer Art bekommen muss. Wir waren ja kein kriegsführendes Land gewesen. Österreich setzte aber auf die Westmächte, weil in der Sowjetunion damals die Politik des ‚Njet‘ vorgeherrscht hatte.“27 Neben dem konsequenten Neinsagen Moskaus spürte Steiner auch das gegenseitige Misstrauen. Dadurch gab es eine Blockade in den Gesprächen, die nicht vorankommen wollten.

Die Erfahrungen der Österreicher mit der Besatzungspolitik der Sowjetunion und mit der politischen Situation in den Nachbarstaaten Ungarn und Tschechoslowakei, die von Moskau in kommunistische Regime umgewandelt wurden, schürten darüber hinaus das große Unbehagen gegenüber Moskau. Die Sowjetunion richtete ihren Blick ebenfalls auf die geopolitische Situation in Europa. Für Steiner zeichnete sich damals eine entscheidende Frage ab: „Was wird in Österreich, das in der Mitte der europäischen Spannungsverhältnisse liegt, politisch geschehen?“28

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