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HAYMON verlag

Tirol lebendig
erinnert

Zeitzeugen im Gespräch

Herausgegeben von Tiroler Tageszeitung,
ORF Tirol und Casinos Austria

© 2013
HAYMON verlag
Innsbruck-Wien
www.haymonverlag.at

Inhalt

Karl Stoss: Dokumente von unschätzbarem Wert

Hermann Petz: Unverzichtbares Nachschlagewerk

Helmut Krieghofer: Faszinierende Persönlichkeiten

Fred Steinacher: Eine Frage der Gene

Irene Rapp über Peter Habeler: Der Berg als Ort der Selbsterfahrung

Mario Zenhäusern über Peter Schröcksnadel: Peter Schröcksnadel – vom Studienabbrecher zum Paradeunternehmer

Gabriele Starck über Raimund Margreiter: Die Freiheit zu etwas, nicht von etwas

Wolfgang Sablatnig über Monika Lindner: Die Flugrichtung des Heiligen Geistes

Claudia Paganini und Manfred Mitterwachauer über Midi Seyrling: „… wie ein Wunder“

Katharina Zierl über Klaus Reisch: „Der Reisch“ – die stille Macht in Kitzbühel

Nina Werlberger über Hans Peter Haselsteiner: „Danke vielmals, ich hab’s gut erwischt.“

Dokumente von unschätzbarem Wert

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Dr. Karl Stoss, Generaldirektor der Casinos Austria AG.

Nach dem großen Erfolg der ersten Runden haben wir uns entschieden, die Zeitzeugen-Gespräche fortzusetzen. Und ich bin wirklich froh und glücklich darüber: Einmal mehr haben große Persönlichkeiten durch ihre Auftritte und Beiträge den unzähligen Gästen im Casino Innsbruck einen beeindruckenden Abend beschert. Dank dieses Buches haben sie aber auch Ihnen, Ihren Kindern und Kindeskindern einmalige und wertvolle Informationen und Botschaften hinterlassen. Persönliche Sichtweisen von Menschen, die besonders herausfordernde Zeiten miterlebt und -gestaltet haben. Dokumente von unschätzbarem Wert, die nun für die Nachwelt erhalten bleiben. Betrachten wir dies als ein einmaliges Privileg, für welches ich den ZeitzeugInnen nochmals aufrichtig danke.

Ich möchte die Gelegenheit aber auch nützen, um all jenen herzlich zu danken, die zu dieser großartigen Veranstaltungsreihe beigetragen haben.

Allen voran Elmar Oberhauser, einem der profiliertesten und besten Journalisten unserer Zeit. Er hat aufgrund seiner großen journalistischen Erfahrung verstanden, den ZeitzeugInnen Antworten und Statements zu entlocken, die für uns alle von so großer Bedeutung sind.

Dann natürlich unseren Kooperationspartnern, der Moser Holding und dem ORF-Landesstudio Tirol. Sie haben durch die begleitende, umfangreiche Berichterstattung zum erfolgreichen Gelingen dieser Veranstaltungen beigetragen.

Ein Dankeschön gebührt auch den zahlreich erschienenen ZuhörerInnen, die nicht nur durch ihre Teilnahme, sondern auch durch eine Reihe von Fragestellungen einen wichtigen Beitrag geleistet haben.

Ein weiteres Dankeschön an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und die Verantwortlichen des Innsbrucker Casinos. Sie haben durch ihre großartige Unterstützung einmal mehr gezeigt, dass unsere Casinos deutlich mehr sind als Orte der gehobenen Unterhaltung und des Vergnügens. Casinos sind mit Veranstaltungsreihen wie den Zeitzeugen-Gesprächen besondere Orte der Begegnung und des gesellschaftlichen Lebens.

Dr. Karl Stoss

Generaldirektor
Casinos Austria AG

Unverzichtbares Nachschlagewerk

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Hermann Petz, Vorstandsvorsitzender der Moser Holding.

Die Kombination von historischen Fakten und persönlichen Erinnerungen unserer prominenten Gäste ist für mich ein ganz besonderer Aspekt dieses Folgebandes, mit dem wir sozusagen den zweiten Band unserer „Zeitzeugen“-Serie präsentieren. Ein Werk, in dem sieben Persönlichkeiten unseres Landes Tirol ihre Vergangenheit, ihre Geschichte – getreu dem Buchtitel – lebendig werden ließen. Dafür ein herzliches Dankeschön!

Ein geradezu perfekter Beweis für die Behauptung, dass Geschichte erst richtig durch Geschichten lebt, sind die Zahlen, die uns der Verlag präsentierte. Weit über 2.000 Stück des Buches Tirol hautnah erlebt wurden verkauft. Die von Elmar Oberhauser meisterhaft moderierte Serie „Tiroler Zeitzeugen im Gespräch“ ist damit eine Erfolgsstory, die vor allem bestätigt, dass kaum etwas den Menschen von heute neugieriger stimmt als das Ergebnis aus Gesprächen mit Menschen, die historische Ereignisse und Zeiten selbst erlebt haben und damit ihre ganz persönlichen Erinnerungen mitteilen können.

Zeitzeugen beleben den Blick zurück, Schicksale werden greifbar, teilweise konträre Sachverhalte werden personalisiert, wenngleich schon auch festgehalten werden muss, dass persönliche Geschichten natürlich nicht die Geschichte an sich widerspiegeln.

Dieses Buch ist in der Tat – nicht zuletzt dank der publizistischen Aufarbeitung durch RedakteurInnen der Tiroler Tageszeitung – ein wichtiger Meilenstein in den vielseitigen Bemühungen, Interessantes über unser Tirol zu erfahren. Es gilt darüber hinaus für mich jetzt schon als unverzichtbares Nachschlagewerk, das sowohl als Bereicherung der Geschichtsschreibung dient als auch eine wichtige Anregung bietet, wenn es um die Erinnerung an Zeiten geht, in denen Selbstverständlichkeiten von heute noch als Pionierleistungen gewürdigt wurden.

Mein Dank gebührt unseren Partnern, Dr. Karl Stoss von den Casinos Austria, Direktor Helmut Krieghofer vom ORF Tirol, Elmar Oberhauser und allen, die mitgeholfen haben, dass dieses Buch für Sie, verehrte LeserInnen, eine Zeitreise in die Vergangenheit ermöglicht.

Viel Spaß bei der Lektüre von Tirol lebendig erinnert!

Hermann Petz

Vorstandsvorsitzender
der Moser Holding

Faszinierende Persönlichkeiten

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Helmut Krieghofer, Landesdirektor des ORF Tirol.

Auch in der zweiten Staffel der Gesprächsreihe „Zeitzeugen“ in Zusammenarbeit von Casinos Austria, Tiroler Tageszeitung und ORF-Landesstudio Tirol ist die jüngere Zeitgeschichte Tirols lebendig geworden. An sieben spannenden Abenden haben wieder Hunderte interessierte Tirolerinnen und Tiroler faszinierende Persönlichkeiten als Zeitzeugen kennengelernt. Diese haben im Gespräch mit Elmar Oberhauser Einblicke in ihre Lebensgeschichten zugelassen.

Weltbekannt für seine alpinistischen Leistungen ist der Zillertaler Extrembergsteiger Peter Habeler. Er bezwang 1978 gemeinsam mit Reinhold Messner den legendären Mount Everest erstmals ohne künstlichen Sauerstoff. Die Berge hat Habeler immer als seine Freunde betrachtet. Er hat aber auch auf dramatische Weise erlebt, wie sprichwörtlich schmal der Grat zwischen alpinen Triumphen und drohender Todesgefahr auf dem Berg sein kann.

Ein medizinischer Pionier, der beruflich, aber auch sportlich Außergewöhnliches geleistet hat, ist Raimund Margreiter. Auch er stammt aus dem Zillertal. Mit der ersten Herzverpflanzung Österreichs 1983 wurde der Transplantationschirurg zu einem weit über Tirol hinaus bekannten Arzt. Beteiligt war er später auch an der medizinischen Meisterleistung, durch die Bombenopfer Theo Kelz neue Hände verpflanzt bekam. Sportlich hat Margreiter als Alpinist höchste Berge bezwungen, als Kajakfahrer den Amazonas.

Weltweit bekannt ist der mächtige Chef des Österreichischen Skiverbandes, Peter Schröcksnadel. Als Unternehmer ist er international erfolgreich. Schröcksnadel vermarktete als persönlicher Manager Ski-Superstar Hermann Maier. Er kam auch auf die Idee, Wetterbilder live im Fernsehen zu übertragen und eröffnete damit dem Tourismus völlig neue Wege.

Gäste in der Reihe „Zeitzeugen“ waren weiters zwei bemerkenswerte Frauen. Monika Lindner, die in Innsbruck aufgewachsen ist, stand zwischen 2002 und 2006 als bisher erste Frau an der Spitze des ORF, des größten österreichischen Medienkonzerns. Sie gab Einblicke in die bis dahin seltenen Karrieren von Frauen, die es in großen heimischen Unternehmen bis ganz an die Spitze schaffen. Und Midi Seyrling, Klosterbräu-Seniorchefin und Grande Dame des Tiroler Tourismus, erzählte über den ehrgeizigen Aufbau des Tiroler Tourismus und des heutigen Parade-Fünf-Sterne-Hotels in Seefeld. Dort waren über Jahrzehnte bekannte Persönlichkeiten, vom deutschen Kanzler Willy Brandt bis zu König Gustav von Schweden, zu Gast.

Als „Herr des Hahnenkamms“ wird der Kitzbüheler Jurist und Unternehmer Klaus Reisch bezeichnet. Seiner Familie gehören wesentliche Teile jener Grundstücke, auf denen das legendäre Hahnenkammrennen ausgetragen wird. Die besondere Atmosphäre dieses weltberühmten Rennens hat er mitgestaltet, begeistern kann sich Hobby-Historiker Reisch insbesondere aber auch für die Weite des Meeres und die Geschichte der Seefahrt.

Einer der reichsten Österreicher war illustrer letzter Gast in der zweiten Staffel der Zeitzeugen-Gespräche: Hans Peter Haselsteiner. Der gebürtige Wörgler hat aus einer mittelständischen Baufirma die STRABAG, eines der größten Bauunternehmen Europas, geformt. Der Industrielle lebt in Südtirol und ist auch bekannt als Kunst mäzen bei den Tiroler Festspielen in Erl sowie als großzügiger Förderer sozialer Projekte.

In den Zeitzeugen-Gesprächen haben uns all diese außergewöhnlichen Persönlichkeiten an ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Damit haben sie auch wesentliche Veränderungen der letzten Jahrzehnte auf spannende und häufig auch humorvolle Weise unmittelbar erlebbar gemacht.

Im „Trommelfell“ von ORF-Radio Tirol waren die Höhepunkte aus den einzelnen Interviews bereits zu hören. Ich wünsche Ihnen eine gleichermaßen informative wie unterhaltsame Lektüre mit den ausführlichen Geschichten, die das Leben ganz besonderer Tiroler Frauen und Männer geschrieben hat.

Helmut Krieghofer

Landesdirektor
ORF Tirol

Eine Frage der Gene

Wenn wir uns nunmehr, ein Jahr nach der Erstauflage, über fast 2.300 verkaufte Exemplare von Tirol hautnah erlebt freuen dürfen, dann ist es höchste Zeit, danke zu sagen.

Das erste Dankeschön gilt unseren ZeitzeugInnen, jenen sieben Tiroler Persönlichkeiten – Monika Lindner, Midi Seyerling, Raimund Margreiter, Klaus Reisch, Hans Peter Haselsteiner, Peter Schröcksnadel und Peter Habeler – deren Geschichten und persönliche Eindrücke von wichtigen Ereignissen dieses Buch zu einem echten Lesevergnügen machten.

Ein herzliches Danke gebührt auch den KollegInnen aus der TT-Redaktion, die diese Geschichten aufgeschrieben und damit einzigartige Einblicke in das Innenleben Tirols vermittelt haben.

Und ein spezieller Dank geht natürlich an die Adresse jenes Mannes, der es geradezu meisterhaft verstanden hat, seinen GesprächspartnerInnen all die kleinen Geschichten und Erinnerungen zu entlocken, die im Publikum Atemlosigkeit erzeugten – Elmar Oberhauser!

Faszinierend, wie sich Elmo, der Vorarlberger, in die Welt der TirolerInnen hineinversetzt, um in den Interviews das letzte Geheimnis herauszuholen. Eine Kunst, die ihm schon zu seiner Fernsehzeit als Moderator der ZiB 2, zahlreicher Polit-Talkshows wie „Im Zentrum“, „Zur Sache“ oder in den „Sommergesprächen“ Kultstatus bescherte. Es gab schon damals einfach kein „Entkommen“ wenn Elmar mit seinem mittlerweile legendären „Das war nicht meine Frage …“ das Gespräch genau in jene Richtung lenkte, die er wollte. Daran hat sich nichts geändert.

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Projektkoordinator Fred Steinacher.

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Zeitzeugen-Moderator Elmar Oberhauser.

Mit Recht wird unser Zeitzeugen-Moderator als Erfinder der heutzutage üblichen beinharten Interviewtechnik im TV bezeichnet, und es macht unglaublichen Spaß, an der Seite dieses Mannes zu sitzen, wenn er sich mit seinem GesprächspartnerInnen auf ein Interview vorbereitet. Erstens, um nur ja alles Wissenswerte aufzubereiten, zweitens, um Grenzen abzustecken. Und um damit jenes Vertrauen aufzubauen, das für so eine Talkrunde unabdingbar ist. Keine von Oberhausers Fragen blieb bisher unbeantwortet, wie auch in diesem Buch, dem zweiten Teil der Serie nachzulesen ist.

Es wäre wohl eine interessante und – zugegeben – auch reizvolle Aufgabe, in einigen Jahren den Elmar höchstpersönlich als Zeitzeugen zum Gespräch zu bitten. Themen gäbe es mehr als genug. Michl Kuhn, ein gemeinsamer Freund, zeichnet ein klares Bild unseres Moderators und geht vor allem in einem Punkt mit ORF-Legende Gerd Bacher konform: „Mutig bis zur Selbstverleugnung!“ In einem Interview zum Disput mit der ORF-Spitze präzisierte Bacher: „Ich halte die Unabhängigkeit Oberhausers nicht nur für eine Frage der Tugend, sondern für eine Frage der Gene – er ist Vorarlberger, und einem Vorarlberger darf man nichts dreinreden.“ Eine Beschreibung, die Elmar O. punktgenau trifft. Tatsächlich gibt es für den Genussmenschen Oberhauser in vielen Bereichen nur Schwarz oder Weiß, sprich treuer Freund oder unerbittlicher Feind. Es spricht für ihn, dass der Kreis der Freunde stets größer wird.

Dank seiner Fähigkeit, blitzschnell auf neue Situationen zu reagieren, hat Elmar so manches Problem locker gelöst; dass er den Kontakt zu den Mächtigen liebt (genauso wie seinen Do&Co-Stammplatz hoch über den Dächern Wiens), ist unbestreitbar, und dennoch hat er – siehe Bacher-Zitat – seine Eigenständigkeit nie aufs Spiel gesetzt. Gespielt wird höchstens mit Karten, im Freundeskreis und meist dort, wo die geliebten Zigarren nicht verboten sind. Was wiederum nicht viel besagt, denn seine „Havanna“ hat Elmar eigentlich überall gezündet; nach einem Herzinfarkt von der Stückzahl zwar reduziert, aber nicht weniger genussvoll. Das wirkt sich natürlich auf seine Gemütslage aus, hat den Interviewer Elmar O. bei seinen Fragen jedoch nicht milder gestimmt. Und das soll auch zukünftig – das haben sich ZuhörerInnen im Casino und LeserInnen des Buches verdient – so bleiben.

Herzlichen Dank, Elmar, und den verehrten LeserInnen viel Spaß mit Tirol lebendig erinnert!

Fred Steinacher

Projektkoordinator
Moser Holding

Der Berg als Ort der Selbsterfahrung

Peter Habeler über die vielen Gipfel der Gefühle

Von Irene Rapp

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Jänner 2013: Im Innsbrucker Casino unterhielten sich Elmar Oberhauser und „Berg-Professor“ Peter Habeler über die Faszination Berge.

Vorwort

Das Internet ist in Zeiten wie diesen das Nonplusultra der Bereitstellung von Information jeglicher Art. Gibt man etwa das Stichwort „Peter Habeler“ ein, werden innerhalb von 0,13 Sekunden 180.000 Ergebnisse angezeigt. Und sucht man auf Wikipedia nach dem Zillertaler, finden sich folgende – überraschend wenige – Fakten: Peter Habeler (* 22. Juli 1942 in Mayrhofen, Zillertal) ist ein österreichischer Extrembergsteiger, der durch die Erstbesteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff 1978 berühmt wurde. Dem Zillertaler gelangen spektakuläre Erstbegehungen in den amerikanischen Rocky Mountains, er war der erste Europäer an den Big Walls im Yosemite-Nationalpark in Kalifornien (USA) und kletterte in kürzester Zeit durch die El-Capitan-Südwestwand, die damals als die schwierigste bekannte Klettertour der Welt gab. Im Jahr 1969 schloss er sich mit Reinhold Messner zu einer erfolgreichen Seilschaft zusammen.

Laufbahn: Habeler gelangen u. a. die Begehung der Yerupaja-Ostwand in den peruanischen Anden und die Durchsteigung der Eiger-Nordwand in knapp neun Stunden. Die Nordwand des Matterhorns bezwang er in vier Stunden. In einer Zweierseilschaft mit Reinhold Messner gelang ihm 1975 die Besteigung des Hidden Peak (8.080 m) ohne künstlichen Sauerstoff. Das war die erste Besteigung eines Achttausenders im Alpinstil. Sein größter Erfolg war 1978 die Erstbesteigung des Mount Everest, des höchsten Berges der Welt, ohne künstlichen Sauerstoff, ebenfalls wieder zusammen mit Reinhold Messner. Außerdem bestieg er weitere Achttausender, wie den Cho Oyu (8.188 m), den Nanga Parbat (8.125 m) und den Kangchendzönga (8.598 m).

Gesellschaftliche Aktivitäten: Peter Habeler ist Ehrenmitglied im Kuratorium des Arbeitskreises Christlicher Publizisten.

Auszeichnungen: 1999 Berufstitel Professor.

Soweit zum Wikipedia-Eintrag: Doch wie nüchtern ist diese Information, wie wenig sagt sie eigentlich über den Menschen Peter Habeler aus! Wer einmal das Glück hatte, den Zillertaler kennenzulernen – sei es als Vortragenden, als Bergführer oder überraschend auf einer Hütte – der erlebt anderes.

Wie humorvoll etwa der Mensch hinter den Fakten ist.

Welch unvorstellbare Geschichten er erzählen kann, in einer Dramatik, die die Geschehnisse von einst wieder lebendig werden lassen und mit welch leuchtenden Augen er Gäste in seine geliebten Berge führt.

Wie wohl er sich auf den Hütten fühlt, wie sehr er sich mit den Menschen dort identifiziert. Und wie lange er dort mit alten und neuen Bergkameraden zusammen sitzen, Witze erzählen und ein Schnapsl oder Glasl Rotwein trinken kann – doch am nächsten Morgen wieder taufrisch zu neuen Bergabenteuern aufbricht – so, als hätte er zwölf Stunden Schlaf und kein einziges Stamperl Schnaps oder Glas Rotwein genossen.

Die Infos aus dem Internet können nur die Suppe sein. Das Salz darin ist der direkte, unmittelbare Kontakt mit dem Menschen – wie es etwa beim Zeitzeugen-Gespräch im Jänner 2013 im Innsbrucker Casino möglich war.

Peter, der Glückliche

Peter Habeler. Mit welchen Beinamen könnte man den Finkenberger versehen? Mit Peter, der Himmelsstürmer, wie er in den einleitenden Begrüßungsworten zum Zeitzeugen-Gespräch am 15. Jänner 2013 im Innsbrucker Casino bezeichnet worden ist?

Mit Peter, der Jungbrunnen, weil man ihm die über 70 Jahre in keinster Art und Weise ansieht?

Oder mit Peter, der Glückliche? Denn dass er im Großen und Ganzen glücklich sein muss, das zeigt vor allem sein Gesicht, in welchem weder Verbitterung noch Kummer, noch Schmerz ihre Spuren hinterlassen haben.

Und so kann auch der bekannte ORF-Mann Elmar Oberhauser zu Beginn des Zeitzeugen-Gesprächs als Moderator seine Überraschung nicht verbergen. „Wie bei der Vorbereitung zum Gespräch mit dem inzwischen verstorbenen Innsbrucker Alt-Bischof Reinhold Stecher bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es kaum Menschen gibt – oder eigentlich habe ich gar keinen gefunden – der negativ oder schlecht über Sie spricht. Sie sind sehr beliebt, haben ein hohes Ansehen, wie schafft man das?“, fragt er seinen Gesprächspartner.

Nur einen kurzen Moment lang ist Peter Habeler sprachlos. „Ja, das ist eine gute Frage“, wagt er dann den Versuch einer Erklärung. „Vielleicht, weil ich positiv denke. Weil ich tolle Wegbegleiter hatte. Und weil ich in meinem ganzen Leben von jedem immer gut behandelt worden bin. Die Bitterkeit hat es nie gegeben“, sagt der Bergsteiger und blickt ins Publikum. Dort sitzen unter den zahlreichen interessierten Gästen auch viele seiner Wegbegleiter aus früheren Tagen. Von Horst Fankhauser, Jugendfreund und Kletterpartner sowie langjährigem Pächter der Franz-Senn-Hütte in den Stubaier Alpen, über den weltbekannten Chirurgen Raimund Margreiter bis hin zu Wolfgang Nairz, der 1978 als erster Österreicher auf dem Gipfel des Mount Everest stand.

„Und was gibt es Schöneres, als Freunde zu haben?“, schließt Peter, der „Glückliche“.

Der Gipfel der Gefühle

Raimund Margreiter, weltbekannter Innsbrucker Chirurg. Oswald Oelz, gebürtiger Vorarlberger und ebenfalls Mediziner. Robert Schauer, steirischer Bergsteiger und Filmemacher. Horst Bergmann, Autospenglermeister in Innsbruck mit Bergleidenschaft.

Nicht zu vergessen den Innsbrucker Wolfgang Nairz. Letzterer war Leiter einer Expedition des Oesterreichischen Alpenvereins – u.a. mit den zuvor genannten Alpinisten als Teilnehmer –, die sich 1978 vorgenommen hatte, den Mount Everest zu besteigen.

Zuvor waren noch keine Österreicher auf dem Gipfel des höchsten Berges der Welt gestanden, 35 Jahre später hatten dies 39 österreichische Staatsangehörige geschafft (Anm.: Stand inklusive Sommer 2012; Angaben aus dem Buch „Austria 8000“ von Jochen Hemmleb, erschienen im Tyrolia-Verlag).

„Das waren alles super Leute. Alle haben sich gekannt. Und mit Raimund Margreiter und Oswald Oelz war eine medizinisch höchstklassige Betreuung geboten. Wir fügten uns zu einem starken Team zusammen“, erzählt Peter Habeler.

Wir – das waren er und der Südtiroler Reinhold Messner, die sich der österreichischen Expedition angeschlossen hatten. Doch die beiden hatten vor, einen eigenen Weg zu gehen – einen bis dato unbekannten, unsicheren und gefährlichen.

Vor dem 8. Mai 1978 waren sämtliche erfolgreiche Besteigungen des höchsten Berges der Welt mit einer Höhe von 8.850 Metern nur mit Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff geglückt. Eine scheinbare Notwendigkeit, waren sich die Experten damals angesichts der Fakten einig: In der sogenannten Todeszone von über 8.000 Metern Höhe beträgt der Sauerstoffgehalt der Luft nur etwa ein Drittel der Menge auf Seehöhe. Je „dünner“ die Luft, desto weniger wird der menschliche Körper mit dem notwendigen Sauerstoff versorgt – jede Bewegung wird erschwert, Höhenkrankheiten wie Höhenlungenödeme oder Höhenhirnödeme – drohen.

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Unterwegs zum Rastkogel: Peter Habeler ist begeisterter Skitourengeher, auf diesem Bild ist er auf dem Weg zum Rastkogel in den Tuxer Alpen zu sehen.

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Die Liebe zum Fels. Klettern ist nach wie vor eine Leidenschaft von Peter Habeler. Die Nordostwand des Olperers in den Tuxer Alpen bietet sich dafür an, liegt der Berg doch nahezu vor seiner Haustür.

Und trotzdem wollten Habeler und Messner ohne künstlichen Sauerstoff auf den Gipfel gelangen. „Wir wussten, dass viele Sherpas schon sehr weit oben waren. In den 1950er-Jahren gab es eine Schweizer Expedition, die hatte es ohne Sauerstoff ebenfalls weit hinauf geschafft. Und auch Hermann Buhl stand 1953 als erster Mensch auf dem 8.125 Meter hohen Nanga Parbat – ohne künstlichen Sauerstoff“, erzählt Habeler.

Davon abgesehen war es nicht der erste Achttausender des Teams Habeler/Messner und auch nicht der erste Achttausender, den die zwei ohne künstlichen Sauerstoff begehen wollten. 1975 standen die beiden auf dem Gipfel des Hidden Peak (8.080 m). „Da haben wir uns als Zweierseilschaft ohne großen Expeditions-Aufwand und mit wenig Ausrüstung bereits getraut, diesen niedrigen Achttausender ohne künstlichen Sauerstoff zu machen. Das war etwa Neues – dieser sogenannte Westalpenstil. Der Wastl Mariner (bekannter Alpinist aus Inzing, Anm.) hat damals gemeint, dass sich die Buben einen rostigen Nagel eintreten würden. Doch das hat uns nur noch mehr angespornt. Und wenn ich heutzutage in den Vereinigten Staaten oder etwa Tschechien bin, dann zählt diese Leistung am Hidden Peak viel mehr als jene am Everest“, erzählt Habeler von seinem ersten Achttausender.

Das Vorhaben am Mount Everest zu realisieren sei möglich, waren sich die zwei daher sicher, vor allem Messner, der sich im Vorfeld eingehend mit diesem Thema beschäftigt hatte. Unter einer Voraussetzung: „Wir wussten, dass wir schnell sein mussten.“ Auch die Route war klar: Khumbu-Eisbruch, Tal des Schweigens, Lhotseflanke, Südsattel, Südgipfel, Hauptgipfel.

35 Jahre ist das große Abenteuer jetzt her, doch viele Bilder von damals sind noch sehr präsent: die Strapazen des Spurens im tiefen Schnee in der Todeszone, die umherziehenden Nebelfetzen und das Geräusch des Windes. „Wir befanden uns im Basislager des Everest, als auf einmal ein dermaßen lautes Geräusch aufkam, dass ich geglaubt habe, ein Zug rauscht heran. Aber es war der Wind, der von der tibetischen Seite gekommen ist. Dieses Geräusch hat mir furchtbare Angst gemacht“, erinnert sich Habeler.

Dazu kamen andere, existenziellere Ängste: nicht hundertprozentig genau zu wissen, ob der niedrigere Sauerstoffdruck in derartigen Höhen nicht doch Auswirkungen auf den Körper haben würde. Immer noch die Aussagen jener Wissenschafter im Kopf, die gewarnt hatten, dass dieses Abenteuer unweigerlich zu Hirnschäden führen werde. Belastend auch die Ungewissheit, ob man es wirklich auf den angestrebten Gipfel und wieder gesund zurück schaffen würde. Im Zillertal warteten ja auf Habeler u. a. Ehefrau Regina und Christian Peter, der sieben Monate alte Sohn des Ehepaares.

Im Nachhinein betrachtet, so sagt der Zillertaler, sei der Everest jener von insgesamt fünf bestiegenen Achttausendern gewesen, der ihm am meisten Angst bereitet hätte. Doch zum Glück gab es die Mitglieder der österreichischen Expedition: Wolfgang Nairz, Robert Schauer und Horst Bergmann standen am 3. Mai 1978 selbst auf dem Everest – als erste Österreicher. „Sie waren sicher, dass wir es schaffen konnten und sprachen uns immer wieder Mut zu“, so Habeler. Auch Bergkamerad Messner war vom Erfolg des ungewissen Vorhabens überzeugt. „Er hat mir immer wieder gut zugeredet. Denn so viel ist sicher, ich war nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte. Ich wollte einfach nur heim“, sagt Habeler. Und dann werden die Bilder der Besteigung von damals wieder lebendig: Als er und Messner um halb sechs Uhr an besagtem 8. Mai 1978 aus dem Zelt krochen und sich auf den Weg machten. Sich Stück für Stück, Meter um Meter auf den von den Nepalesen Sagarmatha und von den Tibetern Chomolungma bezeichneten Berg hinaufquälten. Denn alle paar Minuten erforderte es die dünner werdende Luft, stehenzubleiben, bis man wieder genügend Sauerstoff in den Muskeln hatte und somit Kraft, um die nächsten Schritte zu setzen. Dazu kam, dass man immer wieder in den Schnee einbrach, was zur Folge hatte, dass Habeler und Messner zum Teil auf beiden Knien und Unterschenkeln dahin-robbten, um nicht zu versinken und so ihre Kraft zu sparen.

Qualen, die man – sagt Habeler – im Nachhinein zum Glück nicht mehr so in Erinnerung hat, auch wenn man sie nicht vergisst. Filmaufnahmen – aufgenommen von Messner und vom Briten Eric Jones, der die zwei bis zum Südsattel begleitete – würden allerdings heute noch daran erinnern, wie langsam man wirklich unterwegs gewesen sei, da man immer wieder das Gefühl hatte, aufgrund der knappen Luft am Ersticken zu sein. „Da kommt mir heut noch das Grausen, vor allem, wenn man sich vor Augen führt, wie stereotyp unsere Bewegungen waren. Real denken tut man in so einer Situation nämlich nicht mehr“, sagt Habeler.

Und da gab es noch jene scharfkantige Wechte, an deren Rand sich Habeler und Messner nach oben bewegten. „Wäre da ein Wechtenbruch gewesen, wären wir 3.000 Meter hinuntergestürzt in die Ostwand des Everest, die Kangshung-Wand. An das denke ich immer noch.“

Trotzdem ließ man erfolgreich Meter um Meter hinter sich, und das in einer unvorstellbaren Zeit. In fünf Stunden schafften es die zwei vom Südsattel auf den Gipfel, für die rund 850 Höhenmeter benötigte man laut Habeler weniger Zeit als jene Bergsteiger, die zuvor mit künstlichem Sauerstoff unterwegs gewesen waren.

Ein möglicher Grund? Die zu dieser Zeit gebräuchlichen Sauerstoffgeräte waren kein Leichtgewicht, wogen rund zehn Kilogramm – ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn man in solchen Höhen mit so viel Gewicht belastet ist. Habeler hingegen trug zunächst einen 1,5 Kilogramm „leichten“ Rucksack, „weil ich ein schlechter Rucksackträger bin. Am liebsten wäre mir Bergsteigen ohne irgendetwas am Rücken“, merkt er lachend an. Und selbst diesen kleinen Rucksack ließ er irgendwann einmal auf dem Weg zum 8.850-Meter-Gipfel zurück.

Kein Sauerstoffgerät also mit dabei – zum Glück, wie Habeler heute angesichts der damaligen Angst, der damaligen Strapazen gesteht. „Ich bin mir zu 100 Prozent sicher, wir hätten ein Sauerstoffgerät in Anspruch genommen, hätten wir eines dabei gehabt.“

Doch die historischen Filmaufnahmen und Fotos beweisen: Messner und Habeler konnten nicht in Versuchung geführt werden. Und trotzdem gab es nach der erfolgreichen Unternehmung Vorwürfe, man hätte Sauerstoffgeräte mitgehabt und diese auch verwendet. „Da gab es u. a. den Deutschen Karl Maria Herrligkoffer. Der war mit Reinhold 1970 auf dem Nanga Parbat, wo Reinholds Bruder Günther verstarb. Die ganzen Geschehnisse auf dem Nanga Parbat führten zu Zerwürfnissen zwischen Herrligkoffer und Messner. Dazu kam, dass Herrligkoffer im Herbst 1978 als Expeditionsleiter mit einem Team zum Everest aufbrach und den Gipfel ebenfalls ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff besteigen wollte.“

Alte, offene Rechnungen und neue, gewagte Vorhaben: Letztendlich waren jedoch Messner und Habeler bei dem spektakulären Vorhaben, als Erste ohne Sauerstoffgerät den höchsten Punkt der Welt zu besteigen, schneller gewesen.

Und Herrligkoffers Vorwürfe blieben zwar nicht ungehört, erwiesen sich aber als Schall und Rauch.

Damit schrieben Habeler, damals 35 Jahre alt, und Messner, damals 33 Jahre, am 8. Mai 1978 um 13.15 Uhr Alpingeschichte: „Ein unglaublich bewegender Moment. Man fängt zu weinen und zu schreien an“, erzählt Habeler. Als Beweis, wirklich auf dem Gipfel gewesen zu sein, schnitt er einen Meter von seinem Seil ab und befestigte dieses an jenem Aluminiumgestänge, das die Chinesen 1975 als Vermessungszeichen auf dem Gipfel errichtet hatten. Auch Kamerabatterien wurden zurückgelassen. Drei Tage später brachte übrigens eine andere Expedition den Österreichern die Gegenstände wieder mit zurück.

Doch lange hielt es den Zillertaler nicht auf dem Gipfel. Immer noch spukte in seinem Kopf die Unsicherheit ob der Auswirkungen der „dünnen“ Luft auf den menschlichen Organismus herum. „Ich bin zwar nicht damisch geworden, habe mich aber dort oben nicht sehr wohl gefühlt“, erzählt er lachend. Dazu kam die eisige Kälte, die trotz der für damalige Zeiten hervorragenden Ausrüstung zu schaffen machte. So trugen die beiden am Everest etwa die leichtesten Schuhe, die damals erhältlich waren. Im Zeitzeugen-Gespräch erzählt Habeler lachend davon, bei früheren alpinen Unternehmungen oft gestrickte Unterhosen getragen zu haben. „Am Everest war es aber eine richtige“, verrät er.

Doch auch diese konnte die niedrigen Temperaturen nicht abwehren. Zwanzig oder dreißig Minuten später verabschiedete sich der Nordtiroler daher von dem Südtiroler und machte sich auf den Rückweg. „Ich habe gewusst, dass Reinhold stark ist, dass er alleine hinunterkommt. Und dass wir uns aufeinander verlassen können. Denn es ist ja so, wenn der Partner gut ist, dann ist man selbst noch besser.“

Zunächst ging es mit dem Gesicht zur Wand über den Hillary Step hinunter – eine ca. zwölf Meter hohe und sehr steile Felsstufe. Dann kroch er den Südgipfel auf Ellbogen und Knien hinauf. „Da gibt es einen Gegenanstieg. Der macht sicher nur an die fünf Meter aus. Aber ich war furchtbar müde und ausgepowert, dass es nicht mehr anders ging. Und in dieser Höhe ist so ein Gegenanstieg ein Graus.“ Nebelfetzen zogen hin und her, immer wieder konnte Habeler hinab auf den Südsattel sehen, wo er zwei Punkte ausmachte. „Ich habe gewusst, ich muss da möglichst schnell runter zu den zwei Zelten.“ Und dann wählte der Zillertaler eine Art der Fortbewegung, die in ihrer Selbstverständlichkeit immer noch ein Schmunzeln hervorruft – auch wenn man sie auf dem höchsten Berg der Welt niemals vermuten würde. „Ich habe mich wie als Kind auf den Hosenboden gesetzt, die Beine gespreizt und bin dann hinuntergerutscht. Schon kontrolliert, weil ich genau gewusst habe, dass sich Schnee zwischen den Beinen aufstaut, der die Geschwindigkeit bremst.“

Äußerst achtsam sei er bei dieser Art des „Abstiegs“ gewesen und vorsichtig, nicht zu weit auf die Ostseite zu geraten und Gefahr zu laufen, tausende Meter abzustürzen.

Doch alles ging gut, fast alles zumindest. In rund einer Stunde schaffte es Habeler zum Südsattel, wo Eric Jones auf ihn wartete. Und Letzterem wird wohl in den letzten Sekunden noch der Atem gestockt sein. „Denn dann bin ich mit einem kleinen Schneebrett abgefahren, habe dabei Pickel und Sonnenbrille verloren und mir das Außenband am Knöchel gezerrt, was mir beim späteren Abstieg noch enorme Probleme bereitete“.

In diesem Moment allerdings waren andere Sachen von größerer Bedeutung: Eine Stunde später erreichte auch Messner den Südsattel, „der wird sich beim Abstieg gedacht haben, der Peter hat einen Klopfer, weil er ja meinen Hosenbodenrutscher gesehen hat.“ Aber auch Messner kam nicht unbeschadet an. Weil er immer wieder die Brille zum Filmen abgenommen hatte, quälten ihn starke Augenschmerzen. Im Lager bekam er daher vom Expeditionsarzt Oswald Oelz eine Salbe ins Auge geschmiert, auch Habeler wurde medizinisch versorgt.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich dann die Nachricht von der erfolgreichen Besteigung. „Das ging durch die ganze Welt. Schon nach wenigen Stunden reisten zahlreiche Journalisten von überall her an“, erzählt Habeler.

Angereist war auch eine berühmte Persönlichkeit. Der Neuseeländer Edmund Hillary, der am 29. Mai 1953 den Everest mit dem Nepalesen Tenzing Norgay erstbestiegen hatte, wartete auf die beiden Tiroler. „Der Hillary hat immer schon die Meinung vertreten, dass eine Besteigung des Everest ohne die Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff möglich ist. Ich habe sein ‚It’s possible‘ noch in den Ohren. Und er hat sich dann natürlich gefreut, dass uns das gelungen ist.“

In Hillarys kleiner Wohnung musste der ungewöhnliche Gipfelsieg darum entsprechend gefeiert werden. „Er hat fleißig Tee mit Rum serviert. Das war schön. Der nächste Tag aber nicht mehr, weil das Ganze mit einem ordentlichen Rausch geendet hat.“ Doch zum Glück waren auch hier die benebelten Sinne – so wie Tage zuvor am Gipfel des Everest – nur von kurzer Dauer.

Fünfunddreißig Jahre später, im Jahr 2013. Habeler ist immer noch „von der tollen Nachhaltigkeit der damaligen Besteigung“ fasziniert. Denn es hätte auch andere gegeben, die dieses Vorhaben hätten umsetzen können.

„Wir waren einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort und haben das Richtige gemacht. Daher gab es keinen Grund, stolz zu sein“, erzählt er im Zeitzeugen-Gespräch Elmar Oberhauser. Nur dass man trotz aller Skepsis zu Beginn der Unternehmung gesund geblieben sei, keine bleibenden Gehirnschäden davongetragen hätte, sei eine gewisse Genugtuung gewesen. „Nein, damisch sind wir nicht geworden. Ich bin sogar der Meinung, dass man – wenn es einen noch höheren Berg als den Everest geben würde – auch den ohne künstlichen Sauerstoff machen könnte. Doch der Everest wächst ja ohnehin noch laufend“, lacht Habeler.

Und die Angst? Die war bald kein bestimmendes Thema mehr. So sehr hatte sie allerdings den Zillertaler auf der Everest-Expedition beeinflusst, dass er unvergessene Worte für das Erlebnis fand und diese auf seiner Homepage festgehalten hat. „Der Everest ist nicht besiegt, nicht bezwungen worden. Er hat mich lediglich geduldet. Und wenn sich überhaupt von einem Sieg sprechen lässt, dann höchstens von einem Sieg über den eigenen Körper, über die Angst.“

Bei seiner Rückkehr nach Mayrhofen gab es übrigens einen großen Empfang für Habeler. Tausende Menschen erlebten noch einmal das Mount-Everest-Erlebnis mit. „Ein Straßenzug – benannt als Peter-Habeler-Straße – wird der dauernde Zeuge der alpinistischen Großtat sein“, hieß es dazu am 26. Mai in der Tiroler Tageszeitung. Im gleichen Artikel erzählte Habeler von seinem spektakulären Abstieg, verständlich sein Kommentar dazu – „ich hatte das Gefühl, dass der Schutzengel mit mir geht.“

Schutzengel hatte er auch auf seinen weiteren Achttausendern: Nach dem Hidden Peak und dem Mount Everest sollte Habeler noch den Kangchendzönga (1988), den Nanga Parbat (1985) und den Cho Oyu (1986) besteigen. Anders als Reinhold Messner zog es ihn jedoch nicht auf alle 14 Achttausender.

„Nein, Gipfel gesammelt habe ich nie. Aber ich verstehe den Reinhold sehr gut, das war damals ein hehres Ziel – alle Achttausender zu besteigen, und das ohne die Verwendung von künstlichem Sauerstoff.“

Der Gipfel der Begierde

2013: Das Jahr der Jubiläen, was den 8.850 Meter hohen Mount Everest betrifft. Vor 60 Jahren, am 29. Mai 1953 standen mit Sir Edmund Hillary und dem nepalesischen Sherpa Tenzing Norgay die ersten Menschen auf dem höchsten Berg der Welt. Und vor 35 Jahren gelang am 8. Mai 1978 Peter Habeler und Reinhold Messner die erste Besteigung des Everest ohne die Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff.

2013 ist aber nicht nur das Jahr der Jubiläen, sondern auch das Jahr mit einem traurigen Novum, was den höchsten Berg der Welt betrifft. Ende April kommt es auf 7.200 Metern zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Sherpas und drei Bergsteigern aus Europa – und zwar den bekannten Alpinisten Simone Moro aus Italien und dem Schweizer Ueli Steck sowie dem Briten Jonathan Griffith, der für die fotografische Dokumentation der Unternehmung sorgen sollte. Die Europäer hatten eine Besteigung des Everest abseits der Normalroute geplant, sollen jedoch die Sherpas bei der Anlegung von Fixseilen behindert haben. Über den weiteren Hergang der Geschehnisse gibt es unterschiedliche Aussagen. Tatsache ist jedoch, dass Schimpfworte gefallen sind, zum Schluss sogar Steine geworfen wurden. „Die Sherpas drohten, dass in der Nacht einer von uns sterben würde“, hat der Schweizer Steck später in einer Aussendung mitgeteilt. Am Ende flüchteten die drei von jenem Berg, den sie eigentlich vorhatten zu besteigen. Ueli Steck wird bei dem Zwischenfall von einem Stein am Kopf getroffen und verletzt und muss mit dem Hubschrauber nach Kathmandu gebracht werden.

„Eine traurige Entwicklung“, kommentiert Habeler diese Ereignisse, doch sie hätte sich abgezeichnet. Denn schon lange vorbei sind die Zeiten, als Messner und Habeler am 8. Mai 1978 allein auf dem Gipfel des Everest standen. 35 Jahre später wird „der Everest überrannt, doch derartige Menschenmassen erträgt er nicht“, kritisiert der Zillertaler.